Guter Ärger

Cover

Impressum

«Good Trouble» Copyright © 2018 by Pantheon Books, New York

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

 

«Good Trouble» Copyright © 2018 by Joseph O’Neill

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Richard Bailey/Getty Images

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-00222-7

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-00222-7

Der Dichter Mark McCain bekam eine an zahlreiche amerikanische Dichter verschickte E-Mail, die ihn aufforderte, eine «Poetition» zu unterschreiben, mit der Präsident Barack Obama gebeten wurde, Edward Snowden zu begnadigen. Die Bitte erfolgte in Form eines Gedichts, das Merrill Jensen verfasst hatte, ein Autor, der, wie Mark wusste, achtundzwanzig Jahre alt war, also ganze neun Jahre jünger als er selbst. In der poetisierten Petition reimte sich «Snowden» auf «am Boden». Und «am Boden» auf «Methoden». Und «Methoden» auf «verboten». Und «verboten» auf «Despoten». Außerdem bestand ein Reim – oder, wie Mark es eher formuliert hätte, ein Widerhall – zwischen «Putin» und «gut schien» sowie «Clinton» und «überwinden». «Russland» fand zumindest einen inhaltlichen Widerhall in «USA», «USA» in «Thoreau» und «Thoreau» einen lautlichen in «Heroe».

Mark leitete die E-Mail an die Dichterin E.W. West weiter. Er schrieb dazu:

Spinne ich, weil mich das wütend macht?

Liz schrieb binnen Sekunden zurück:

Nein.

Sie verabredeten sich für den Nachmittag auf einen Kaffee.

 

Er verspürte ein vertrautes dialektisches Schwindelgefühl. Er machte sich auf den Weg zu seiner Bekannten, obwohl das bedeutete, dass er zwanzig Minuten zu früh da sein würde.

Liz wartete schon auf ihn, als er ankam.

Sie umarmten sich. Sobald sie sich gesetzt hatten, fragte Liz: «Und, wirst du unterschreiben?»

Mark sagte: «Ich weiß nicht. Und du?»

Liz sagte: «Nicht mein Problem. Niemand hat mich dazu aufgefordert.»

Mark hielt inne. Das war eine Komplikation, die er hätte voraussehen müssen. Mit übertriebener Bitterkeit sagte er: «Sie werden dich schon noch einspannen.»

Mark war bei dem Ereignis dabei gewesen, wie Liz sehr wohl wusste. «Er hat mir leidgetan», sagte er zu ihr. «Du hast ihn wirklich vorgeführt. Natürlich ohne es zu wollen.» Er fuhr fort: «Schau, meiner Meinung nach ist die ganze Sache chaotisch. Im Grunde ballern sie aufs Geratewohl E-Mails raus. Und ich glaube nicht, dass Merrill ein rachsüchtiger Kleingeist ist. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Mehr oder weniger. Aber weißt du was? Ich könnte mich auch irren. Offenbar liegt ihm ja an einer bestimmten Art von Erfolg.» An dieser Stelle ließ Mark es gut sein, und er war froh darum, obwohl er Merrill Jensen nicht leiden konnte. Wenn er über einen Kollegen herzog, und sei es aus noch so berechtigten Gründen, bereute er es jedes Mal. (Seltsam, welch erschöpfender Aufwand an Taktgefühl erforderlich war, um durch den Tag zu kommen, ohne über einen anderen Dichter herzuziehen.) In diesem Fall, fand er, hatte er Merrill Jensen nicht den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Er hatte ihn nur niedergemacht, um Solidarität mit Liz zu bekunden, nicht mehr als das.

Liz bezweifelte, dass Merrill sie übergangen hatte, weil er bei der gemeinsamen Lesung von ihr vorgeführt worden war; höchstwahrscheinlich hatte er seiner Erinnerung nach sie vorgeführt. Nein, sie war übergangen worden, weil sie eine Frau war. Jedes Mal, wenn es darum ging, Stellung zu beziehen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu ertragen, gockelten und quäkten sich die Pfauen en masse in den Vordergrund und sonnten sich in ihrem idiotischen Glanz.

Sie entschloss sich zu sagen: «Wir brauchen Leute wie Merrill. Irgendwem muss daran liegen, prominent zu sein. Sonst würden wir alle verschwinden.»

Mark sagte: «Dylan ist bestimmt angesprochen worden.»

«Sieht so aus, als nähme er die Auszeichnung nun doch an», stellte sie jetzt fest.

«Natürlich nimmt er sie an», sagte Mark. «Ein Kerl, der so eitel ist? Er hat die ganze Zeit vorgehabt, sie anzunehmen.»

Insgeheim, aber das verriet er Liz nicht, hatte er in den paar Wochen, in denen Dylan auf die Nachricht von der Zuerkennung des Preises nicht reagiert hatte, gehofft, der Sänger würde den schwedischen Clowns sagen, wohin sie sich die Auszeichnung stecken könnten; Bob wäre so redlich, anzuerkennen, dass ein hochgefeierter Multimillionär, der in Konzerten und außerliterarischem Kultstatus macht, nicht das gleiche Spiel spielt wie ein Autor, der sich in einer kleinen Universitätsstadt hinsetzt und ohne Aussicht auf bedeutenden

Die siderische Metaphorik bereitete Mark Unbehagen – Sterne waren fast immer kitschig, im Zusammenhang mit einem «Popstar» sogar doppelt kitschig –, aber er hatte nichts anderes. Sprache war ein schwieriges Geschäft. Und die Lyrik, hatte er immer gefunden, war Sprache in ihrer schwierigsten Form.

Diesen Standpunkt hatte er kürzlich seinem Freund Jarvis gegenüber geäußert, der mit kürzeren Prosaformen arbeitete. «Wirklich?», hatte Jarvis gesagt. «Lyrik ist schwierig, klar. Aber gute Prosa ist genauso schwierig, Mann.»

«Was Prosaautoren können, können Dichter im Allgemeinen auch», hatte Mark, leicht beschwipst, erklärt. «Aber der umgekehrte Fall? Nicht so häufig.»

Einen Tag später bekam er eine E-Mail von Jarvis mit einem angehängten Gedicht:

PILLEPALLE

 

Dass das, was ist,

So bleibt, wie’s ist, das Ganze, liegt, scheint’s, an Physik, was immer

Das ist. Mal sehen: fix fließender Fluss, Lethe, l’été vielleicht,

Viel laicht.

Jeder Frisson, alles, was

Er leitete es an Liz weiter:

Was meinst du?

Sie schrieb zurück:

Toll, dass du wieder schreibst! Das ist gut – das Beste, was du seit einer ganzen Weile gemacht hast. So mühelos. «Physik» und «fix» ist eine Freude. Und glaub ja nicht, ich hätte das darin versteckte «ich» nicht bemerkt. In einem Gedicht, das in Materialismus ertrinkt, ist das einfach eine kluge, spielerische Art, die Frage der Subjektivität aufzuwerfen.

Mark meldete sich nicht bei Liz. So wenig wie bei Jarvis.

Was den Nobelpreis für Dylan anging, sagte Liz: «Es ist deprimierend. Ich kann es nicht getrennt vom Phänomen Trump sehen.»

Es war eine Woche vor den Wahlen.

«Ja», sagte Mark. «Und auch nicht vom Hyperkapitalismus. Der Leser als Konsument. Eine interessante Frage.»

 

Dass er bereits über diese Frage geschrieben hatte, hielt er sogar vor Liz geheim. Es war ein Geheimnis, weil das, was er geschrieben hatte, kein Gedicht war. Seit einigen Monaten arbeitete er heimlich und ausschließlich an einer Reihe von Prosaüberlegungen, die er «pensées» nannte.

Wie leicht pensées von der Hand gingen! Das Schwierigste am Verfassen eines Gedichts war Marks Auffassung nach, sich über die Beziehung des Textes zu dessen eigenem Wissen klarzuwerden, darüber, «welchen Anspruch das Gedicht darauf hat, etwas zu sagen», um aus Liz’ einzigem in eine Anthologie

Eine auf Klassenzugehörigkeit beruhende Unterwürfigkeit verflüchtigt sich zu Recht, doch angemessene Hochachtung – vor Sachverstand, Rationalität und sogar Fakten – verschwindet ebenfalls.

Das ist die Folge eines Zustandes, in dem die eigene Autonomie vorwiegend in der Freiheit, zu konsumieren, besteht. Die objektiven Realitäten werden in Augenschein genommen wie Äpfel im Supermarkt und nur dann akzeptiert, wenn man Gefallen daran findet. Wenn nicht, reicht es nicht aus, den Apfel lediglich zurückzuweisen. Der Apfelbaum selbst muss gefällt werden. Und dann der Obstgarten. Die Hölle selbst kann nicht so wüten wie ein in seiner Bequemlichkeit gestörter Konsument.

Auf diese Weise wird Einkaufen mit Widerstand verwechselt; es herrscht ein unechter Egalitarismus; eine bösartige Mittelmäßigkeit setzt sich durch. Wir erleben die Rückkehr der tricoteuses, die nicht mit Nadeln, sondern mit Touchpads klappern. Muss man noch hinzufügen, dass das Gedicht zu den Ersten gehört, die man zur Guillotine schleifen wird?

Wer hätte geahnt, dass es solchen Spaß machte, dieses Zeug zu schreiben? Am meisten Spaß machte die Stimme – zugleich pedantisch und eindringlich, dazu merkwürdig alt und verzärtelt. Es war die Stimme des leicht erregbaren mitteleuropäischen

Mark hatte seit sechs Jahren keine Ehefrau und kein Arbeitszimmer mehr. Liz und er waren sich im Zuge seiner chaotischen Scheidung nähergekommen, als er Hörner aufgesetzt bekam und aus seinem Haus flog. Wie er zu seinem gelinden Entsetzen feststellte, waren seine männlichen Bekannten untaugliche, indiskrete und grotesk erbarmungslose Vertraute. Liz hörte ihm verständnisvoll – und auch ehrlich – zu. Als er zu ihr sagte: Ich bin auf dem falschen Fuß erwischt worden, sagte sie: Ja, vielleicht, und er sagte: Was soll das heißen, vielleicht?, und sie sagte: Footballspieler werden auf dem falschen Fuß erwischt. Du bist nicht auf dem falschen Fuß erwischt worden. Du warst kurzsichtig.

Liz’ Kritik an Marks Lyrik war ebenso einfühlsam und geradeheraus, und dafür war er sehr dankbar und revanchierte sich gern. Ihre Arbeit war nicht so ganz sein Fall – sie war ein bisschen zu akademisch und sexuell –, aber ihre Intelligenz und Sorgfalt standen außer Frage. Jedenfalls misstraute Mark seiner eigenen Arbeit; er befürchtete, damit in einer Sackgasse gelandet zu sein, in der es, wie er einmal Liz gegenüber bemerkt hatte, von den Ratten des Ressentiments wimmelte. Und von den Katzen der Konfusion, meinte Liz. Ganz zu schweigen von den Hunden der Hoffnungslosigkeit.

Wenn Mark sie überhaupt beneidete, dann wegen des wachsenden Ansehens, das E.W. West als Autorin genoss, die das Gefüge von Geschlechterrollen und Sexualität erschütterte. Aber es war nicht Liz’ Schuld, dass ihre biologisch und kulturell bedingten homoerotischen Neigungen gerade en vogue waren, und man konnte ihr auch schlecht zum Vorwurf machen, dass sie in großbürgerlichem Luxus auf der Upper West Side von New York aufgewachsen war. (Mark gegenüber beklagte sie

Jedes Wort ist ein Vorurteil, wie Nietzsche bekanntlich betont. Man könnte hinzufügen: Jedes Wort schafft ein Vorurteil. Das gilt nirgendwo so sehr wie im Reich der Namen. Der Name eines Menschen ist von seinem guten Namen nicht zu trennen.

Ihm lag sehr viel an Liz, und er war ihr größter Fan und Cheerleader. Dass man wegen der Snowden-Poetition nicht an sie herangetreten war, tat ihm leid.

 

«Also, was soll ich machen?», fragte er sie. «Unterzeichnen? Das Ding umschreiben?»

«Ah», sagte Liz. «Das Dilemma des Patriarchen.»

Mark bemühte sich um ein mitfühlendes Lächeln. Er sah, dass Liz sauer und gekränkt war, und das aus gutem Grund. Die problematische Lage der Frauen war nicht zu unterschätzen – nicht, dass Liz Gefahr lief, diesen Irrtum zu begehen. In ihrem jüngsten Sonett war das Wort «Mandat» durch den Neologismus «Fraudat» verdrängt worden. Jetzt war Liz, wie sie gern sagte, ladygepisst. Mark hatte dafür volles Verständnis.

Doch einstweilen hatte er sein eigenes Problem, und es

Die beiden Freunde traten vor die Tür. Es war ein schöner Novembernachmittag. Sie umarmten einander und gingen ihrer getrennten Wege.

Sobald er in seine Wohnung zurückgekehrt war, schrieb er:

Wir schreiben Bertrand Russell die Vorstellung zu, dass es für Bürger einer Demokratie von äußerster Wichtigkeit sei, Immunität gegen Beredsamkeit zu erlangen. Wir sind neugierig auf diese Vorstellung, weil Stevens es war. Und dank Denis Donoghue verbinden wir Russells Aussage mit der folgenden von Locke: «Doch möchte ich erwähnen, dass für die Bewachung und Vermehrung der Wahrheit und Wissenschaft wenig gesorgt wird, seitdem die Künste der Falschheit gepflegt und geehrt werden.»

Wenn wir Russells Worten einen lediglich vorläufigen Wert zubilligen, so können wir fragen: Was ist eine in Verse gefasste Petition anderes als falsche Beredsamkeit? Was ist die Lyrik, wenn nicht eine Entgegnung auf die Kräfte der Falschheit? Was sind diese Kräfte anderes als die Sprache der Macht?

Mark überlegte, ob er erklären sollte, dass Locke mit «Falschheit» «Täuschung» meinte. Er entschied sich dagegen. Der Leser würde von selbst darauf kommen.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Mark, wer dieser gedachte Leser war. Er war noch nie, noch kein einziges Mal, einer neutralen Person begegnet, die auch nur von seinen Gedichten gehört, geschweige denn irgendeines davon gelesen hatte. Vielleicht würden seine pensées ihm einen Leser gewinnen, den er physisch berühren könnte.

Er verspürte eine kleine Welle von Übelkeit. Das Gefühl

Mark schrieb:

Wie wenig ich das Schreiben, richtig aufgefasst, mit der Erzeugung von Geschriebenem assoziiere. Je mehr jemand schreibt, desto mehr misstraue ich seiner Qualifikation – als hätte dieser Mensch seine eigentliche Berufung zugunsten des trügerischen Unterfangens, Worte auf die Seite zu setzen, vernachlässigt.

Dann:

Manchmal setze ich mich hin, um zu schreiben, und spüre das innere Vorhandensein von … bösem Glauben. Deshalb sehe ich vom Schreiben ab. Was, andererseits, hieße es, in gutem Glauben zu schreiben? Das klingt noch suspekter.

Er aß ein Käsesandwich mit Senf und Olivenöl. Das war sein Abendessen. Er ging zu seinem Lehnstuhl. Er schrieb:

Es wird allgemein angenommen, dass der Schriftsteller zuvörderst der Sprache verpflichtet sei. Das stimmt nicht. Der Schriftsteller ist zuvörderst dem Schweigen verpflichtet.

Inzwischen war es draußen dunkel. Normalerweise würde der Dichter ein Buch lesen, doch heute Abend fehlte es ihm dazu am Nötigsten. Er machte eine Dose Bier auf und ging online. Eine Zeitlang hüpfte er von Seite zu Seite. Alles drehte sich entweder um die Wahlen oder nicht um die Wahlen. Er checkte seine E-Mails. Nichts Neues. Dann ging er auf Facebook, dann hüpfte er wieder durchs Internet. Er ertappte sich

 

Eigentlich hatte Merrill sich selbst geschrieben – Mark war in BCC gesetzt worden. Die E-Mail lieferte «spannende Neuigkeiten»: Es seien Gelder bereitgestellt worden (von wem, sagte Merrill nicht), mit denen für die Poetition eine halbe Seite in der Times finanziert werden könne. Das wird etwas bewegen, stellte Merrill fest.

Marks Reaktion umfasste drei Gedanken. Erstens: «Etwas bewegen?» Zweitens: Was für ein Gauner Merrill Jensen war. Was für ein Maestro der Falschheit. Mark wusste mit Sicherheit, dass Merrill nicht nur Bob Dylans Texte nicht mochte, sondern auch dessen Songs, die er Mark gegenüber – der sie mochte – einmal spöttisch als «Musik für alte Säcke» bezeichnet hatte. Doch kaum wurde der Nobelpreisträger bekanntgegeben, stand der Scheißkerl auch schon an der Spitze der Gratulanten und Befürworter und behauptete, Bob Dylan sei ein nicht anerkannter Gesetzgeber der Welt; ergo sei er ein Dichter. Mark hätte kotzen können: die in ihrer Unehrlichkeit so rechtspopulistische Pseudologik; und die große Lüge, dass es Dylan irgendwie an Anerkennung fehle. Die große Wahrheit – nicht, dass irgendwer sie auszusprechen wagte – war, dass Shelleys Diktum umformuliert werden musste. Dichter waren die nicht anerkannten Dichter der Welt.

Hätte Mark – was nicht der Fall war – zu den unzähligen Schriftstellern gehört, die von den Medien um eine Stellungnahme zu der Preisverleihung gebeten wurden, so wäre er für seine Versgenossen in die Bresche gesprungen. Er wäre den zornigen Online-Barbaren entgegengetreten, die jeden vermeintlichen Dylan-Gegner niedermachten. (Ihre

Den Status des Dichters trägt man nicht wie eines jener schönen Festgewänder, das die Empfänger von Ehrentiteln einen einzigen sonnigen, glorreichen Nachmittag lang zur Schau stellen. Nicht einmal Bob Dylan. Wenn es überhaupt so etwas wie ein Dichterkleid gibt, dann ist es ein Plastikponcho zu 4 Dollar 99: zu Modezwecken nicht zu gebrauchen, aber nützlich bei Regen und Kälte. Und in einem Notfall.

Sein dritter Gedanke zur E-Mail von Merrill war, dass sein Name noch nie in der Times erschienen war und dass er das würde, wenn er die Poetition unterschriebe.

Seine Wohnung lag im zweiten Stock eines Hauses im viktorianischen Stil, das der Besitzer nur minimal instand hielt. Es gab ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Küche, ausgestattet mit einem Lehnstuhl, einem Schreibtisch, einer Schreibtischlampe, einem kleinen Sofa und Bücherregalen, die zwei Wände komplett bedeckten. Kein Fernseher. Es gab zwei Fenster. Wenn Mark durch seine Wohnung tigern wollte, bestand seine einzige Möglichkeit darin, zu diesen Fenstern und wieder zurück zu gehen. Das tat er jetzt.

Es war ein Gang, den er schon Tausende von Malen gemacht hatte, und Tausende von Malen hatte er die mit Schindeln gedeckten Dächer der Häuser auf der anderen Straßenseite und hinter ihnen, im Gewerbegebiet der Stadt, zwei braune Glastürme betrachtet. Nachts konnte man jenseits des grellen Lichts der Straßenlaterne direkt vor dem Fenster nicht viel sehen. Und dennoch gab es offenbar ein unauslöschliches Bedürfnis, an eine Öffnung zu treten, die zwecks Licht- und Lufteinlass in eine Wand eingebaut worden war, und durch sie hinauszuschauen.

Er schaute weiter hinaus, was ebenfalls ein Gedicht war – ein Gedicht über die eigenartige Wahrnehmung dessen, der zum Fenster hinausstarrt. Das Gedicht würde für das Fenster leisten, was Theoretiker für die Schwelle geleistet hatten: Es würde der Vorstellung der Schwellenerfahrung die Vorstellung der Fenstererfahrung beigesellen. Er würde es nicht schreiben. Die automatische metaphorische Assoziativität von «Fenster» wäre einfach zu viel. Er könnte natürlich mit den Assoziationen spielen. Aber es gab doch bestimmt Besseres zu tun, als mit den Assoziationen von «Fenster» zu spielen.

Er kehrte zu seinem Stuhl zurück und schrieb in weniger als einer halben Stunde ein Gedicht, das von seiner vorherigen Arbeit abwich. Das Gedicht maskierte sich als Anmerkungen zu einem möglichen Gedicht. Es trug den Titel «Meditation darüber, was es heißt zu schreiben?» Es lautete wie folgt:

Problem: «Meditation darüber» ist ein Klischee.

«Was es heißt» ist ein Klischee.

Die bloße Vorstellung eines Problems, Doppelpunkt, ist ein Klischee.

«Die bloße Vorstellung» ist ein Klischee.

«Klischee» empfindet man als Klischee.

Genau wie «empfindet man».

Und «genau wie».

Dito Anführungszeichen.

Dito «dito».

Sobald er das alles nicht getan hatte, stand er vom Stuhl auf. Er ging nicht ans Fenster, sondern in den Bereich zwischen Stuhl und Sofa. Dort stand er, die Hände zu zitternden Fäusten geballt. Stumm und frohlockend brüllte er: Nie aufgeben. Nie aufhören, Widerstand zu leisten.

Seit fast zehn Jahren bekommen Chris und ich einmal im Jahr Besuch von einem meiner ehemaligen Schüler, Jack Bail. Dieses Jahr ist es anders. Als er wie üblich eine E-Mail schickt, um sich selbst einzuladen, antworte ich, dass «unser traditionelles Essen» «leider» nicht mehr stattfinden kann: Christine und ich sind vor sechs Monaten nach Nova Scotia gezogen.

Jack Bail schreibt zurück:

Nova Scotia? Kanadas Meeresspielplatz? Ich bin da, Doc. Sie brauchen bloß zu sagen, wann und wo.

«O nein», sagt Chris. «Es tut mir so leid, Liebes.»