
[1]
Ianina Ilitcheva: @blutundkaffee (2012-2016); herausgegeben von Christiane Frohmann und Rick Reuther, Frohmann Verlag, Berlin 2017.
[2]
J. W. Stalin: Über Selbstkritik; SALZ Veröffentlichung, München 1970/71.
[3]
Joseph Brodsky: Gedichte; Fischer Taschenbuchverlag GmbH, Frankfurt a. M. 1987.
[4]
Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe; Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen; Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1984.
[5]
Aus: Alligatoah: Willst Du; Album: Triebwerke; Trailerpark 2013.
[6]
Aus: Yung Hurn: Ok cool; Album: 1220, Live from Earth 2018.
[7]
Werner Schwab: Die Präsidentinnen; In: Fäkaliendramen. Werke, Band 6; herausgegeben von Ingeborg Orthofer und Lizzi Kramberger; Droschl 2013.
[8]
Na, ich brauch nichts mehr zum Aufhängen, maximal häng ich mich selber auf ist einem Instagram-Post von Wiener Alltagspoeten (@wieneralltagspoeten) entnommen.
[9]
Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit; Hrsg.: Burkhardt Lindner, Reclam 2011.
[10]
Guillotine me harder ist der Bildunterschrift eines Instagram-Posts von Marc Henry (@marc__henry) entnommen.
[11]
Aus: Lana del Rey: Norman Fucking Rockwell; Album: Norman Fucking Rockwell; Polydor Records 2019.
[12]
Aus: M. A. Numminen: Mit meiner Braut im Parlamentspark; Album: Dägä Dägä – Finnwelten; Trikont 2005.
[13]
Aus: Kanye West: I am a God; Album: Yeezus; Def Jam (Universal Music) 2013.
Ich bin kein Superheld.
Ich bin nicht einmal Kate Moss.[1]
Ianina Ilitcheva, @blutundkaffee
Ich tauchte mit Marx in dem Café auf. Ich hielt ihn auf dem Arm und er war ganz still.
Jo schaute von seinem Bier auf und fragte: Was soll das bitte sein?
Ich setzte mich ihm gegenüber und sagte: Eine Trotzreaktion.
Ich sagte, dass Frau Bundespräsidentin sich gestern den neunten Windhund angeschafft habe und dass ich mir daher sofort diesen Mops zugelegt hätte, weil er überhaupt kein Windhund sei, und: Ich habe ihn Marx getauft, weil Frau Bundespräsidentin den Kommunismus hasst.
Jo setzte das Bier ab und schaute skeptisch auf das Baby in meinen Armen.
Ich würde ja fast sagen, er schaut philosophisch, aber weil ich es besser weiß: traurig.
Ich legte Marx eine Hand auf die Stirn und strich ihm sanft über die samtigen Falten. Marx war ein schwarzes Mopsbaby. Und ich fand, er passte gut zu der Einrichtung des Cafés. Ich sagte: Marx komplettiert das Bild des Kaffeehauses.
Jo und ich saßen einander gegenüber in einer Nische auf Bänken mit blauer Sitzfläche, als wären wir in einem Zug, und wir aßen hier pikante Crêpes.
Immer dieses provokante Verhalten, meinte Jo und schüttelte den Kopf.
Ich schaute Jo an und ich erinnerte mich an das eine Mal, als ich vom Büchertisch ein Buch genommen hatte, hellrosa Umschlag, darauf in Schwarz (.)(.) und der Titel: Brüste. Ich hatte damals mit ihm über das minimalistische und direkte Cover reden wollen, aber es war ihm urunangenehm gewesen.
Auf dem Regal hinter der Theke standen nur die ersten vier Buchstaben des klassischen Konditorei-Schriftzuges, KOND, weiß mit Goldrand, und eine Überwachungskamera.
Ich sagte zu Jo: Weißt du noch, wie ich dich einmal fotografiert habe, als du in der Revolte, dieser anarchistischen Zeitung, den Artikel über den Voyeurismus der Wiener Linien gelesen hast?
Ach ja, sagte Jo.
Beim Frühstück hast du den gelesen, sagte ich.
Jo nickte.
Man muss sich halt gleich schon beim Aufstehen mit der Härte der Welt konfrontieren, sagte ich.
Und Jo lachte auf und fragte: Schläfst du heute bei mir?
Als wir bei ihm in der Wohnung waren, war Jo noch immer merklich überfordert von dem Baby. Ich sagte: Es ist ein absolutes Wunschkind.
Jo fragte: Kann ein Mops high werden?
Darüber wusste ich nichts. Ich fand es dann auch o.k., Marx in Jos Zimmer zu lassen, während wir im Wohnzimmer kifften. Jo legte ihm erst ein Kopfkissen hin, suchte schließlich aber nach einem T-Shirt in der Kommode, sagte: Falls er draufscheißt.
Ich sagte: Bitte nimm das T-Shirt mit Mao drauf.
Aber Jo zog ein weißes hervor. Ich legte Marx darauf ab und er lag dann so mit seinem Kopf auf den Pfoten und schaute uns mit riesigen Augen an.
Als würde er einfach mit dieser Welt noch nicht klarkommen, sagte ich.
Verständlich, sagte Jo.
Im Wohnzimmer machten wir es uns auf der Sofalandschaft gemütlich, und während Jo den Joint baute, fragte er mich, wie ich es hier fände. Ob sich etwas verändert hätte in der Zwischenzeit.
Und ich schaute mich um und sagte, dass sich nichts verändert habe. Als wäre ich zwischendurch nie weg gewesen.
Wir lümmelten herum, der kalte Joint lag im Aschenbecher aus Marokko, den ich sehr schön fand, was ich gerne betonte. Dann fragte Jo, ob ich nicht meine Pfeife aus Marokko dabeihätte, aber ich hatte sie nicht dabei. Wir schauten auf dem Laptop eine österreichische Serie, die mich zutiefst langweilte. Jo zündete den Joint wieder an. Ich stand auf, hockte mich zwischen den Couchtisch und Jo, er blies Rauch aus und sah mich an, ich griff ihm an die Hose.
Jo fragte, ob er die Serie pausieren solle.
Ich sagte, dass es mir egal sei, dass ich sowieso nicht aufpassen würde.
Und nachdem ich geschluckt hatte, fragte ich, wie es eigentlich sei, mit dem Kind von Nazis zu schlafen.
Und Jo atmete schwer und lachte und hustete und fragte: Wie ist es denn überhaupt, das Kind von Nazis zu sein?
Ich stand auf, um nach Marx zu sehen, der schlief ganz friedlich auf dem T-Shirt. Ich lächelte Jo an, als ich zurückkam und die Tür hinter mir schloss. Zufällig sah ich: Auf dem gelben Stuhl, der beim Esstisch stand, lag ein rotes Heft. Ich lachte. Ich las laut: Stalin, Über Selbstkritik.
Jo sagte, dass ich das lesen solle, nach dem, was ich ihm erzählt hätte über meine Depression und Unzufriedenheit im letzten Winter, als Präventivmaßnahme quasi.
Ich sagte: Ich denke noch lange nicht an den Winter, obwohl ich schon seit Ende August demonstrativ Lebkuchen kaufe.
Ich setzte mich wieder auf das Sofa. Ich sagte: Das Heft liegt doch mit voller Absicht da. Und dass diese Wohnung eine einzige Installation sei. Dass diese Wohnung das Hippiehafte dermaßen zelebrieren würde. Man könne sich auch nur derart inszenieren, wenn man aus einer gutbürgerlichen Familie komme.
Sheesh, sagte Jo.
Wir hingen über Stunden herum, wie früher. Ich schaute lange auf den nepalesischen Wandteppich und war doch froh, hier nicht eingezogen zu sein.
Lili hatte mir geschrieben: Ja, eh süß. Aber sind wir nicht zu alt dafür, unschuldige Lebewesen als Mittel der Kompensation für unerwiderte Liebe jeder Art zu benutzen?
Sie schrieb: …
Sie schrieb: Kannst du überhaupt Verantwortung übernehmen?
Ich schrieb: Ich kann mich in der Früh selbst anziehen.
Ich kann mich in der Früh sel
Ich kann mi
Ic…
Ich schrieb dreihundert rechtfertigende Antworten und schickte keine ab.
Jo erklärte, er habe heute im Kunstunterricht mit seinen Erstklässlern Elfchen gestaltet, Bild zu Text.
Weil ich mich nicht mit Lilis Vorwürfen auseinandersetzen wollte und die Serie nicht spannender geworden war, holte ich eine alte Ausgabe vom Standard, die ich auf der Toilette gefunden hatte, eine leere Klopapierrolle und eine Schere. Ich schnitt aus der Zeitung 1–2–3–4–1 Wörter aus und klebte sie mit Klebestreifen auf die Rolle, das Elfchen lautete:
Küsschen
Kriminelle Energie
Aber auch Kondome
Ist gegen die Nazis
Dilemma
Da ich über Nacht bleiben würde, wollte ich duschen gehen, Jo begleitete mich ins Bad.
Ich sagte, dass ich heute bereits einen Finger in der Vagina gehabt hätte im Juridicum. Ich sprach vom Einführen eines Tampons während der Menstruation.
Jo fragte, ob mich das angemacht hätte.
Nein.
Ich hatte mich in die Badewanne gesetzt, den Duschvorhang nicht vorgezogen. Jo stand an den Heizkörper gelehnt da und sah mir zu. Jo fragte mich, ob er mir ein Handtuch reichen solle, aber ich sagte, dass mir nicht kalt sei. Mir tropfte das Wasser von den Haaren. Blut lief zwischen meine Zehen. Ich sagte, dass ich eine Idee hätte für eine Kunstinstallation: in der Öffentlichkeit in einer Badewanne im Blut sitzen, so lange, wie die Menstruation dauert. Vielleicht die Milliliter zählen.
Jo sagte, dass er jetzt an Marina Abramović denken müsse, die tage-, wochen-, monatelang im MOMA in New York bloß auf einem Stuhl gesessen und die Besucher angeschaut habe.
Jo sagte, dass er, wenn er künstlerisch aktiv werden würde, eh auch Performancekunst machen würde. Dadaistische Performancekunst vielleicht.
Ich sagte, dass Walter Benjamin in Das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit schreibe, dass das dadaistische Kunstwerk vor allem den Zweck verfolge, öffentliches Ärgernis zu erregen.
Willst du das?
Jo sagte, er könne auch jetzt Fotos von mir machen. Für Instagram.
Ich sagte, er müsse aber die kollektive Angst vor Nippeln bedenken.
Jo schlug vor, Marx aus dem Zimmer zu holen. Ich könnte ihn vor meinen nackten Körper halten. Der Titel des Fotos wäre dann Möpse & Menstruation.
Ich stieg aus der Badewanne, Jo reichte mir das Handtuch, ich wickelte es um mich, er half mir, meinen Körper trocken zu reiben, er stand hinter mir, und ich schaute in den Spiegel und erzählte, dass mich meine Mutter verkuppeln wolle mit einem jungen Mann namens Ferdinand.
Jo legte sein Kinn auf meine Schulter und schaute auch in den Spiegel und fragte, ob ich diesen Mann denn gernhätte.
Und ich sagte, ja, so gern, er hat mir seinen Schmiss über der Augenbraue gezeigt und ich habe gesagt: Mensur ist Menstruationsneid.
Ich sagte: Das musst du jedem Burschi immer sagen.
Später im Bett las ich noch in Stalins Rede über Selbstkritik. Dann sagte ich: Der Hauptunterschied ist wohl, dass Stalin Selbstkritik wegen herrschender Überheblichkeit fordert, während ich selbstkritisch bin ganz ohne Überheblichkeit. Was man aus der Schrift Verwertbares extrahieren kann, ist Folgendes: Wir brauchen die Kritik zur Festigung der Sowjetmacht, nicht aber zu ihrer Schwächung.[2] Ich bin die Sowjetmacht. Selbstkritik also nur in einem wohldosierten Ausmaß.
Jo neben mir legte sein Handy beiseite und sagte: Jaja, dass Selbstkritik ein wichtiges Element des Kommunismus sei, aber dass er das in seiner pubertären Kommunismusphase schon nicht gelesen habe und jetzt auch sicher nicht mehr lesen werde. Finde ich stark von dir, dass du jetzt die Reden eines Massenmörders liest.
Und ich sagte, dass schließlich jemand wissen müsse, worum es gehe.
Jo fragte, aha, worum es denn gehen würde, und ich spürte seine Hand in meiner Unterhose.
Jo sagte: Der Mops kommt nicht ins Bett!
Am nächsten Morgen schliefen wir noch einmal miteinander, ich lag auf dem Rücken, und als wir fertig waren, schaute ich nach oben und auf der Unterseite des Brettes, das über dem Bett an der Wand hing, klebte ein Post-it, auf dem stand: Danke, ich liebe dich. Und es war nichts, was ich geschrieben hatte. Und ich konnte mich nicht erinnern, dass Jo jemals ein Post-it von mir aufgehängt hatte an einer Stelle, die er sofort sah, wenn er morgens die Augen öffnete. Ich stand auf und fragte mich, ob das was mit mir mache. Dann schnitt ich meinen Lieblingssatz aus dem Standard aus und klebte ihn auf den Spülkasten der Toilette: Als Individuen können wir die Welt nicht retten, nahm Marx und ging. Draußen blendete mich die Sonne und das war gut so.
Im Café Kino zeigten sie diese Woche Gangsterfilme, heute Reservoir Dogs, sie bauten den Projektor auf, ich bestellte einen Rosenspritzer, der Rosenspritzer kam mit einem Strohhalm aus Glas und ich zog sofort am Strohhalm, und Marx schlabberte Wasser aus einem Napf neben mir.
Lili kam zu spät.
Na, er lebt ja noch!, sagte sie mit einem Blick auf Marx, dann hielt sie mir ihr Handy unter die Nase. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der Frauen in Miniröcken Schilder mit der Aufschrift Miniskirts Forever und Dior unfair to Miniskirts hochhielten. Ich zog weiter an dem Strohhalm.
Lili sagte: 1966 haben Frauen in London gegen das Fehlen von Miniröcken in Dior-Kollektionen protestiert. Ich habe heute eine Doku gesehen. Ich habe auf YouTube einen Kanal gefunden, auf dem Videos zur Emanzipationsgeschichte der Frau veröffentlicht werden.
Ich fragte, ob sie das Gangster-Motto des heutigen Tages so interpretiert habe: Das Leben ist kurz, der Rock ist kürzer.
Ich trank weiter und schaute zu, wie sich Lili mir gegenüber in den Ledersessel setzte, und ich sah noch, dass auf ihrer Unterhose AMORE stand, dann schlug sie die Beine übereinander.
Dass sie deshalb zu spät sei, erklärte sie, weil sie nach der Doku noch ein Video angeschaut habe, in dem eine YouTuberin den Porno analysiert habe, mit dem Kim K. berühmt geworden sei, und dass sie sich das noch habe anschauen müssen.
Ich fixierte Lili und zog währenddessen geräuschvoll das letzte bisschen Flüssigkeit aus dem Glas. Lili nahm mir das Glas weg.
Ich sagte: Ich glaube dir kein Wort, und ist nicht Kim der faschistoide Herrscher eines asiatischen Landes?
Ich sagte: Deine Ausreden, warum du zu spät kommst, werden auch immer schlechter!
Lili fragte: Und was hast du so gemacht, als du mir gestern nicht geantwortet hast?
Ob ich bei Jo gewesen sei, fragte sie mich.
Ich bückte mich unter den Tisch. Marx schloss die Augen, als ich ihn im Nacken kraulte. Er war so süß.
Ich sagte leise: Ja.
Lili sagte laut: Nein.
Ich sagte lauter Ja und dass ich am Wochenende auf Jagd fahren und anschließend einen Porno drehen würde, der mich berühmt machen werde.