ISBN: 978-3-96861-083-2
1. eBook-Auflage 2020
© Aquamarin Verlag GmbH, Voglherd 1, 85567 Grafing, www.aquamarin-verlag.de
Umschlaggestaltung: Annette Wagner
Illustrationen: Sascha Wuillemet

Die Frühlingsstürme waren im Berner Oberland in diesem Jahr heftiger ausgefallen als gewöhnlich. Auf dem kleinen Wanderweg, der am Ortsrand von Mürren steil bergauf zum Mittelberg führte, lagen selbst im Juni noch abgebrochene oder umgestürzte Bäume. An einer Stelle war der Weg von einem Erdrutsch vollständig mit in die Tiefe gerissen worden. Zur Überbrückung hatte man drei lange Holzplanken in den Waldboden gepresst und notdürftig befestigt. Nach einem Regenschauer war es angeraten, bei ihrer Überquerung Achtsamkeit walten zu lassen.
Wer den halbstündigen Aufstieg von Mürren aus nicht scheute, wurde belohnt mit einem der grandiosesten Ausblicke des gesamten Alpenraumes. Auf der gegenüberliegenden Bergseite reihte sich ein Viertausender an den nächsten, mit dem majestätischen Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau in der Mitte. Ich war gefesselt von der Schönheit der Natur und ahnte nicht, dass die nächsten Tage mein Leben vollständig verändern sollten.
Jedes Mal, wenn ich von Zürich hier herauf kam, um der umtriebigen Geschäftigkeit meiner Kanzlei zu entkommen, war es wie das Betreten einer sakralen Landschaft.
An diesem Junitag roch der Wald nach feuchtem Holz, was bei den vielen auf dem Boden liegenden Fichten nicht verwundern konnte. Dazwischen leuchteten zahllose Blumen, die den Bergfrühling mit ihrer wunderbaren Farbenpracht verzierten. Auf dem Mittelberg selbst kamen dann noch die saphirblauen Enziankelche dazu, die sich den noch spärlichen Sonnenstrahlen zu öffnen begannen.
Wenn man auf das Hochplateau des Mittelbergs hinaustritt, erblickt man zwei kleine Holzhütten, die offensichtlich für die Almwirtschaft genutzt werden. Vor der vorderen stehen zwei einfache Holzbänke, die zum Verweilen einladen, um den atemberaubenden Ausblick mit allen Seelenfasern aufzunehmen.
An diesem Vormittag zogen immer wieder Wolkenfelder an den schneebedeckten Gipfeln vorbei, die sich manchmal bis zum Mittelberg herabsenkten. Die Wiesen glänzten taufeucht und verströmten Lebenskraft in vollkommenem Grün. Ein Kuckuck rief in der Ferne, ansonsten lag heilsame Stille über der Landschaft. Niemand war zu sehen.
Umso heftiger schreckte ich aus meiner vermeintlichen Einsamkeit auf, als plötzlich eine sanfte Stimme mich mit einem vertrauten »Grüß dich, Peter« begrüßte, sich neben mich setzte und eine Hand auf meinen Arm legte. Die Frau musste, ohne dass ich sie bemerkt hatte, aus der Tür getreten sein und die drei Schritte um die Hausecke hin zu meiner Bank gemacht haben. Sie mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, doch ließ ihr fast klassisch schön zu nennendes Gesicht keine genaue Schätzung zu. Dunkelbraunes Haar fiel ihr auf die Schultern, die von einem grauen Schal bedeckt waren. Sie trug ein einfaches weißes Kleid, das fast bis zu den Füßen herabfiel.
Nachdem ich mich von meinem Schreck erholt hatte, wollte ich mich für mein Eindringen in ihren Wohnbereich entschuldigen und von der Bank aufstehen. Doch sie verstärkte den Druck auf meinen Arm und begann zu mir zu sprechen.
»Du wunderst dich, Peter Allmend, hier jemanden anzutreffen, der dich noch dazu zu kennen scheint. Das ist natürlich vollkommen verständlich, doch solltest du mit deinem geistigen Wissen nicht völlig überrascht sein. Du weißt von den älteren Brüdern und Schwestern und ihrer Aufgabe, die geistige Entwicklung der Erdengeschwister zu fördern.
Wir beobachten seit langem deine Arbeit und wissen, dass du in die Berge gefahren bist, um an einem Buch zu schreiben. Nun ist mir die Aufgabe zugefallen, dich dabei zu unterstützen. Der Grund dafür liegt darin, dass uns ein altes Band aus fernen Tagen verbindet.«
Die fremde Frau war offensichtlich mit meinem Leben gut vertraut. In der Tat befasste ich mich neben meiner Arbeit für die Industrie seit vielen Jahren mit spirituellen Themen, und die Vorstellung von »Meistern« oder »Erleuchteten« war mir durchaus bekannt. Nur hatte es, was ich ehrlich zugeben musste, außerhalb meines Vorstellungsvermögens gelegen, einem solchen Wesen einmal selbst zu begegnen. Und nun sollte diese wie aus dem Nichts aufgetauchte Dame mir bei der Arbeit an meinem Buch helfen? Mir schoss eine Reihe von Fragen durch den Kopf, die Antwort erhalten sollten, bevor ich sie nur aussprechen konnte.
»Wie du weißt, können wir in unserer Welt eure Gedanken, Ziele und Absichten mit gleicher Klarheit erkennen, wie du mich hier vor dir siehst. Eure Zeit- und Raum-Vorstellungen sind in einer höheren Welt aufgehoben.
Deine Absichten sind lauter, und du verfolgst keine kommerziellen Interessen, indem du das verzweifelte Suchen der Menschen nach Wahrheit und LICHT missbrauchst und ihnen Steine statt Brot reichst. Es geht dir nicht um deinen Erfolg, sondern du möchtest das, was du in vielen Jahren des Studierens und Prüfens als wahr erkannt hast, mit deinen Erdengeschwistern teilen. Dieses Trachten ist in unserer Welt nicht unerkannt geblieben. Daher durfte ich zu dir kommen, um dein Erkennen zu vertiefen und zu erweitern, zum Segen für jene, die deine Worte lesen werden.«
Ich blickte diese außergewöhnliche Frau, die ich erst wenige Minuten kannte, mit größtem Erstaunen an und musste nun unbedingt die naheliegendste Frage stellen: »Aber wer sind Sie?«
Das ganz leichte Lächeln, welches ihre so schönen Gesichtszüge zu umspielen schien, glich wohl jenem einer Mutter, deren Kind gerade die klassische Frage nach dem Woher und Warum gestellt hatte.
»Wir kennen uns schon sehr lange, nur deine jetzige Erdenpersönlichkeit hat mich noch nie gesehen. Du kannst mich Elision nennen. Wenngleich dies nicht mein wahrer geistiger Name ist, so bringt seine Schwingung dich dennoch sofort in Verbindung mit mir, sobald du ihn denkst oder aussprichst. Doch ist diese Form oder dieser Name nicht von besonderer Bedeutung. Unser Zusammentreffen dient allein jener Aufgabe, die gemeinsam zu erfüllen wir uns verpflichtet haben – und dies schon in längst verflossenen Zeitaltern.
Halte das Bild von der Frau, die jetzt neben dir sitzt, nicht fest, es ist nur eine Hülle.«
Mit diesen Worten begann die Hand auf meinem rechten Arm zu funkeln und verwandelte sich in goldenes Licht. Die rechte Seite Elisions schien sich in dieses Licht aufzulösen, während die andere Hälfte noch immer wie ein normaler Erdenmensch aussah. Nach einigen Augenblicken führte sie anscheinend wieder eine dichtere Energie in ihren Körper und nahm erneut ihre vollständige irdische Form an.
»Mehr ist nicht nötig zu wissen, Peter. Wir sollten mit der Arbeit beginnen.«

Die Wolken hatten sich in höhere Gefilde zurückgezogen. Die Nordwand des Eigers tauchte in ihrer erschreckenden Schroffheit aus dem weißen Dunst auf, nur Mönch und Jungfrau setzten ihr Versteckspiel noch eine Weile fort. Zwischen Eis und Schnee, zwischen Felsen und Wiesen, begann Elision über die großen Fragen des Lebens zu sprechen.
»Du blickst auf die majestätische Landschaft, die sich in ihrer einzigartigen Schönheit vor unseren Augen offenbart. Und du empfindest Ehrfurcht, Dankbarkeit und Demut. Keines Menschen Hand vermöchte zu erschaffen, was die Natur hier vollbrachte. Allein dieses ehrfürchtige, demütige Staunen versetzt dich in die Lage, die Herrlichkeit der Schöpfung mit den Augen des Geistes zu erschauen. Blicktest du nur mit den Augen des Körpers, du sähest nur Gestein und Gras.
Wer das LEBEN verstehen will, wird nur dann zu einem wahren Erkennen gelangen, wenn er die äußeren Augen verschließt und alle Teleskope und Mikroskope zur Seite stellt.
Die Menschen suchen nach dem Anfang des Universums. Sie forschen, schauen ins Weltall, berechnen und lauschen auf ferne Töne. Sie stellen Theorien auf, legen Zahlen fest – und verändern diese nach einigen Jahren wieder. Wem sollen diese Zahlen und Theorien dienen? Haben sie jemals eine Menschenseele zur Erkenntnis des EINEN gebracht? Spürten diese Forscher jemals den Hauch des BAUMEISTERS ALLER WELTEN bei ihren Rechenaufgaben?
Die Weisesten in unseren Reichen vermögen mit den Augen des Geistes in Reiche zu schauen, von denen kein Erdenwesen je gehört und die kein irdisches Auge je erblicken wird. Welten von unsagbarer Schönheit und Herrlichkeit. Erschaffen von Wesen, die zu beschreiben ich keine Worte und Begriffe in der Sprache der Menschen habe.