Dein Baby
zeigt Dir den Weg

Magda Gerber

Dein Baby
zeigt Dir den Weg

Übersetzung aus dem Amerikanischen von
Peter Brandenburg

Inhalt

Vorwort

Zum Geleit

Vorbemerkung der Autorin

Einleitung

 1. Educaring: die Bedürfnisse von Kleinkindern und Eltern erfüllen

Unser Ansatz

 2. Zeiten der Pflege: mit Aufmerksamkeit beisammen sein

 3. Über Lehren und Lernen

 4. Für sich sein: ein Raum für Ihr Baby

 5. Kinder das tun lassen, was sie tun können

 6. Die Verantwortung des Elternseins

Die ersten Wochen und Monate

 7. Zu Hause mit einem Neugeborenen

 8. Mit Ihrem Baby sprechen

 9. Auf dem Rücken liegen und sich frei bewegen

10. Weinen und Kolik

11. Tragen

12. Daumen oder Schnuller

Educaring im Alltag

13. Im eigenen Tempo und auf eigene Weise

14. Zuverlässigkeit: Ihrem Kind helfen, sich sicher zu fühlen

15. Zuschauen lernen

16. … und abwarten!

17. Authentisches Kleinkind, kompetentes Kind

18. Zeit von besonderer Qualität

19. Wickeln

20. Füttern

21. Schlafen

22. Spielsachen aussuchen

23. Draußen sein

Der RIE-Ansatz zu Disziplin

24. Disziplin: das Ziel klären

25. Hausordnung

26. Lob oder Anerkennung

27. Verschiedene Bedürfnisse, verschiedene Standpunkte

Vom Baby zum Kleinkind

28. An neue Entwicklungen anpassen

29. Trennungs- und Fremdenangst

30. Teilen und Konflikte

31. Beißen

32. Kleinkinder, die laufen lernen

33. Sauberkeitserziehung

Kindererziehung und andere Berufe

34. Eltern-Gruppen

35. Entscheidungen, Entscheidungen

36. Alternativen der Kinderversorgung

Antworten auf grundsätzliche Fragen

37. Moden und Trends in der Kindererziehung

38. Absolut sicher!

39. Ausstattung: was ist wirklich notwendig?

40. Wünsche für die Zukunft

41. Liebe

Berichte von RIE-Eltern

42. Was ist am RIE anders?

43. Eine Familie, ein Samstag

44. RIE wertschätzen

Anhang

45. Educaring – ein paar Beispiele

46. Reflexionen über meine Arbeit mit Dr. Pikler

47. About RIE

48. Magda Gerber

Vorwort

Wer soll bestimmen? Die Eltern oder das Kind? Es gibt Eltern, die fühlen sich für ihr Kind so verantwortlich, dass sie glauben, sie müssten zu seinem Wohl immer und über alles bestimmen. Sie möchten dem Kind alles beibringen, und versuchen, seine körperlichen Bedürfnisse nach ihrem eigenen Dafürhalten zu befriedigen. Sie sehen das Kind als ein ausschliessliches Produkt ihrer Erziehung, das sich ohne sie weder entwickeln noch gedeihen würde.

Die andere extreme Erziehungshaltung besteht darin, dem Kind alle Freiheiten zu geben. Diese Eltern möchten das Kind in seiner Entwicklung möglichst nicht einschränken. Das Kind wird durch diese Haltung überfordert, fühlt sich unwohl und kann für die Eltern sehr schwierig werden.

Eine kindgerechte Erziehungshaltung liegt zwischen diesen beiden Extrempositionen: Wenn das Kind kompetent ist, soll es bestimmen, und wenn es nicht kompetent ist, müssen die Eltern die Verantwortung übernehmen. Eine solche Einstellung zum Kind setzt voraus, dass die Eltern das Kind zu „lesen“ verstehen. Aufmerksamkeit für und Achtung vor dem Kind sind dazu notwendig. Zwei erzieherische Grundhaltungen, denen Magda Gerber in ihrem Buch grosse Beachtung schenkt. Dazu gehört auch die Gewissheit, dass sich das Kind aus sich heraus entwickeln will. Das Kind ist so angelegt, dass es eigenständig Erfahrungen machen und verinnerlichen möchte. Damit verbunden sind immer auch Fehlschläge und Umwege, welche die Eltern ihrem Kind weder ersparen können noch sollen, gehören diese doch zu jedem normalen Lernprozess. Die Eltern fördern also das Kind nicht, indem sie über das Kind bestimmen und in seine Aktivitäten eingreifen, oder aber es sich selbst überlassen. Sie beobachten vielmehr das Kind, um herauszufinden, welche Erfahrungen das Kind machen möchte, und ermöglichen ihm diejenigen Erfahrungen, die für seine Entwicklung sinnvoll sind.

Dem Kind Sicherheit geben, es echte Zuwendung und wahrhaftiges Interesse an seiner Person spüren lassen: Diese Erziehungshaltung beschreibt Magda Gerber in ihrem Buch auf wunderbare Weise. Ihre Anschauung beruht auf Prinzipien, die sie als langjährige Mitarbeiterin von Emmi Pikler in Budapest übernommen und danach in den USA während vielen Jahren weiterentwickelt hat. Ihre Ausführungen sind für Eltern sehr gut verständlich und damit auch im Alltag umsetzbar.

Zürich, im Juli 2000

Remo H. Largo

Zum Geleit

Immer mehr Eltern entdecken, welch große Hilfe Emmi Piklers Vorschlag für sie und ihre Kinder bedeutet, Säuglingen und Kleinkindern die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Initiative bei ihrer Bewegung im freien Spiel auf immer neue Abenteuer einzulassen, dabei zu lernen und ihre Fähigkeiten zu erweitern.

Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbarer, einfacher Vorschlag, doch er verändert und bereichert das Bild, das Erwachsene im Allgemeinen von Säuglingen haben und er vertieft die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Neben der Liebe erscheint und verstärkt sich die Beachtung des Kindes im Alltag, der Respekt ihm gegenüber und das daraus sich entwickelnde Miteinander, die Fähigkeit zur Kooperation.

Der Erfahrung nach sind die in diesem Sinne aufwachsenden Kinder der Welt offen zugewandt, interessiert, kooperativ und ausgeglichen. Das Zusammensein mit dem Kind ist friedlicher. Die Eltern erleben diese Lebenserleichterung wie eine befreiende Freude.

Während ein Kind heranwächst, ergeben sich jedoch für Eltern immer neue Fragen, sie stehen immer wieder vor schwierigen Situationen, in denen sie entscheiden müssen, Konflikte möchten sie so gut wie möglich lösen… Eltern, die auf diese Weise mit ihren Kindern zusammen leben, suchen auf ihre Fragen auch ähnlich gesinnte Antworten.

Magda Gerber gibt in ihrem Buch solche Antworten. Sie hat in Ungarn bei Emmi Pikler gelernt. Seit Jahrzehnten setzt sie sich in Los Angeles für eine Kleinkindpädagogik ein, die sich an den Erkenntnissen Emmi Piklers orientiert. Generationen von Eltern in ihrem Umkreis haben inzwischen ihre Kinder von diesen Ideen geleitet aufwachsen lassen. Auch Erzieherinnen (von ihr Educarers genannt, weil sie im Sinne Emmi Piklers besonderen Wert auf die Pflege legt) hat sie ausgebildet, die dieses Wissen an Eltern mit Kleinkindern weitergeben. Dies geschieht überwiegend in Kleingruppen von Eltern mit Säuglingen oder Kindern im zweiten Lebensjahr; Eltern, die mit ihren kleinen Kindern oft etliche Stunden fahren, um an den RIE-Gruppen teilnehmen zu können, in denen Magda Gerber sie auf dem Weg begleitet, ihr Kind zu „entdecken“. Sie hilft ihnen zu erkennen, welchen Wert das ruhige Beobachten des Säuglings – während er sich in einer geeigneten Umgebung selbstständig bewegt und spielt – für das Kind wie für die Eltern hat.

Wie ich bei einem Besuch erlebt habe, ist das am Anfang nicht leicht für die Eltern, sie müssen dazu die Angewohnheit, ihr Baby und Kleinkind ständig zu stimulieren und zu beschäftigen, die in den USA schon zur Tradition geworden ist, aufgeben.

Nach der Beobachtung der Kinder in den Gruppen antwortet Magda Gerber auf zahlreiche Fragen der Eltern.

Dieses Buch veröffentlicht den Gehalt der mündlichen wie der schriftlichen Beratung von mehreren Jahrzehnten. Magda Gerbers Antworten sind einfach, unmittelbar und treffend formuliert. Die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit ist auch aus dem Buch zu spüren; sie wird von ihren Schülern und Schülerinnen, deren Anzahl mit den Jahren immer größer wurde, sehr geliebt.

Ich wünsche dem Buch, daß es auch im deutschsprachigen Raum einem großen Interesse begegnen wird.

Budapest, im August 2000

Anna Tardos

Vorbemerkung der Autorin

Ich erinnere mich immer noch an meine erste Reaktion nach der Geburt meiner Tochter. Ich war erstaunt, wie schwer es war, Mutter zu sein. Ich war wütend. Warum hatte mich niemand hierauf vorbereitet? Ich hatte das Gefühl, die einzige zu sein, die nicht weiss, wie sie mit einem Baby umgehen soll, und irgendwie hatte man bei meiner Erziehung vergessen, es mir zu sagen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Elternsein ist eine äußerst schwierige Aufgabe, auf die man sich nicht wirklich vorbereiten kann. Können wir sie leichter machen? Meine Antwort lautet Ja.

Wie? – indem wir nicht versuchen, das Unmögliche zu tun, und dabei das versäumen, was auf der Hand liegt.

Erfreuen Sie sich mehr an Ihrem Baby, arbeiten Sie weniger

Beim RIE (Abkürzung des Institutsnamens: Resources for Infant Educarers) fordern wir Eltern dazu auf, sich in Ruhe und gelassen ihrem Baby zuzuwenden, ihm zuzuschauen und sich an dem zu freuen, was das Baby gerade tut, und dabei neue Fähigkeiten wahrzunehmen und sich daran zu freuen, wie es sich auf natürliche Weise entwickelt.

Die Aufgabe der Eltern besteht darin, für eine sichere und zuverlässige Umgebung zu sorgen. Sie müssen ein Gespür für die sich verändernden Bedürfnisse ihres Kindes entwickeln; das Kind muss ihre fürsorgliche Präsenz spüren. Aber sie müssen ihm nichts beibringen. Sie brauchen nicht mehr Dinge zu kaufen. Die Eltern und ihr Kind können einfach da sein und sich aneinander freuen, während sich ihre Beziehung entwickelt.

Das Irreführende daran ist, dass es so leicht klingt. Aber das ist es nicht, und zwar weil wir in unserer Gesellschaft mit Botschaften bombardiert werden, die uns dazu auffordern, dieses zu kaufen und den Kindern jenes beizubringen.

Wie beeindruckend eine Philosophie der Kleinkinderziehung klingen mag, sie in Situationen des Alltags anzuwenden ist etwas völlig anderes. Es fällt schwer zu glauben, dass man zu besseren Eltern werden kann, indem man einfach nur dasitzt und schaut. Unser Motto ist jedoch: „Beobachte mehr, tue weniger.“ Wenn wir Eltern dazu auffordern, diese andere Art Eltern zu sein anzunehmen, verlangen wir eine Menge.

Wenn ich Eltern berate, dann beziehe ich Prinzipien ein, die von Frau Dr. Emmi Pikler angewendet wurden, neben solchen, die ich selbst entwickelt habe. Ich gebe Information und Eltern nehmen sie an, wenn sie dazu bereit sind. Ich gebe mein Wissen und meine Erfahrungen in der Hoffnung weiter, dass Sie vielleicht versuchen werden, ein paar dieser Ideen umzusetzen, und dass Sie es auch dann weiter versuchen werden, wenn der neue Ansatz nicht sofort zu wunderbaren Ergebnissen führt (obwohl es das manchmal gibt).

Verstehen, Einsicht, Langzeitlernen

Beim RIE sähen wir gerne Samen. Wir möchten eine Orientierung anbieten, wie Sie durch die vielen sich widersprechenden und verwirrenden Ratschläge, die auf Sie als Eltern zukommen, durchfinden können; wie es ist, mit einem Neugeborenen zu leben; wie Sie ihre räumliche Umgebung vorbereiten können, was Sie kaufen sollten und was Sie nicht unbedingt kaufen sollten. Wir sprechen darüber, was man von einem Neugeborenen und einem Säugling erwarten kann und wie das Unmögliche möglich werden kann: auf die Bedürfnisse eines Neugeborenen einzugehen, ohne dass Sie sich selbst dabei vollkommen verausgaben. Wir schauen darauf, wie man einen Dialog entwickeln kann; wie man auf ein schreiendes Baby eingehen kann, auf Ihre Rolle, die Rolle des Babys usw. Wir helfen Eltern zu verstehen, wie ein Baby lernt zu vertrauen, wie es Fertigkeiten und Kompetenzen entwickelt und wie man die Eigenschaften kennen lernt, die bei jedem Baby einzigartig sind. Wir sprechen darüber, wie Sie Ihrem Baby Ihre Erwartungen mitteilen können, und auch darüber, worin diese Erwartungen, offene und verdeckte, bestehen. Zusammenfassend gesagt, pflanzen wir „Samen dafür, dass Eltern Vertrauen haben“.

Mein Ziel ist, dass Sie wirklich verstehen, was ich meine. Dann können Sie annehmen, was Ihnen gefällt, und ablehnen, was Ihnen nicht gefällt. Aber das ist genau das, was so schwierig ist, das Verstehen.

Es ist leicht, Rat zu geben, aber wenn guter Rat funktionieren würde, dann wären wir alle vollkommen. Ich erwarte nicht, dass Sie oder andere Eltern übermenschlich sind. Ich hoffe einfach, dass die Prinzipien des RIE langsam zu einem Teil Ihres Bewusstseins, Ihres Denkens und Ihres Handelns werden und dass sie Ihnen schließlich, wenn Sie sie sich wirklich zu Eigen gemacht haben, als Ihre eigenen inneren Maßstäbe dienen werden. Diese inneren Maßstäbe können Sie immer dann, wenn Sie in ungeeignete oder alte Verhaltensweisen geraten, sanft daran erinnern, es „noch einmal zu versuchen“, was bedeutet, das nächste Mal mit ein wenig mehr Geduld, Einfühlung und Empfindsamkeit anwesend zu sein.

Was wir zu vermitteln versuchen, ist die Qualität der Erfahrung – eine Art, in Beziehung zu treten, die in allen Altersstufen von Nutzen sein kann. Auf lange Sicht ist es unser Ziel, Eltern dabei zu unterstützen, dass sie lernen, mit ihren Säuglingen und später mit ihren älteren Kindern zu leben und sie leben zu lassen. Eine solche Einsicht kann nicht „gelehrt“ werden. Langzeitlernen ist ein langsamer Prozess. Er muss sich auf eine organische Weise einstellen – es braucht Zeit, in der die Samen unseres Verstehens sprießen, wachsen, blühen und Früchte tragen können.

Und besonders für Eltern, die ein Kind erwarten, möchte ich hinzufügen: Ich bin mir bewusst, dass Sie jetzt mit der Geburt Ihres Babys beschäftigt sind, und alles, was danach kommt, Ihnen vielleicht fern und unerreichbar erscheint. Dies ist jedoch die ideale Zeit, um sich mit einigen grundlegenden Ideen des RIE vertraut zu machen. Wenn Sie Eltern fragen würden, die erst später von dem Ansatz des RIE erfahren haben, dann würden sie Ihnen sagen, wie viel leichter es ist, gute Gewohnheiten von Anfang an zu entwickeln, als später „ungeeignete“ Gewohnheiten aufzulösen und zu verändern.

Kleinkinder mit neuen Augen sehen

Obwohl es viele Organisationen, Kurse und Veröffentlichungen gibt, die die Erziehung von Kleinkindern verbessern wollen, glauben wir, dass sich die Art und Weise, wie wir am RIE das Kind sehen, von ihnen unterscheidet.

Ich hoffe, dass Eltern, die dieses Buch lesen, diese Unterschiede wertschätzen, wenn sie sehen, wie Kinder sich entwickeln und lernen, wenn sie sich ihrem eigenen Rhythmus entsprechend und auf ihre eigene Weise bewegen dürfen. Ich hoffe, dass Eltern den Glauben aufgeben, dass ihre Kinder motorische Fertigkeiten nicht früh genug oder nicht gut genug entwickeln, wenn sie ihnen nicht helfen oder sie sie ihnen nicht beibringen. Ich hoffe, Eltern werden lernen, sich in Ruhe ihrem Baby zuzuwenden und ihm zuzuschauen, und sich daran freuen, wenn sie sehen, wie dauernd neue Wunder geschehen. Ich hoffe Kinder werden mit weniger Angst, mit mehr Selbstvertrauen und in größerer Sicherheit aufwachsen.

Wenn etwas von dieser Angst, der Wut und der Frustration vermieden werden könnte, könnte sich das vielleicht auf unsere von Angst und Aggressivität geprägte Gesellschaft auswirken? Hoffen wir das!

Einleitung

Educaring:
die Bedürfnisse von Kleinkindern und Eltern erfüllen

1

Was brauchen Kleinkinder wirklich, und wie können Eltern diese Bedürfnisse erkennen und erfüllen? Und was brauchen Eltern und wie können sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und erfüllen?

Wenn Sie mit einigen grundlegenden Gedanken und Prinzipien des RIE vertraut werden, kann das Ihre schwierige Aufgabe als Eltern um einiges leichter und angenehmer machen. Der Ansatz des RIE ist überraschend einfach und entspricht dem gesunden Menschenverstand. (RIE wird „rai“ ausgesprochen.)

Die Art und Weise, wie wir einen Säugling pflegen, ist von größter Bedeutung für seine Entwicklung und prägt sein ganzes weiteres Leben.

Um dies zu betonen habe ich die Worte „Educarer“ und „Educaring“ geprägt, die unsere Philosophie beschreiben.*

Die Grundlage des Ansatzes von RIE: Respekt

Wir respektieren Babys nicht nur, wir zeigen ihnen unseren Respekt jedesmal, wenn wir mit ihnen zu tun haben. Ein Kind respektieren bedeutet auch den kleinsten Säugling als einen einzigartigen Menschen zu behandeln und nicht als ein Objekt.

Beim RIE zeigen wir zum Beispiel Respekt, indem wir ein Kind nicht hochnehmen, ohne es ihm vorher zu sagen, indem wir direkt zu ihm sprechen und nicht über es hinweg und auf die Antwort oder Reaktion des Kindes warten. Solch eine respektvolle Haltung trägt dazu bei, dass sich ein Kind zu einem authentischen Menschen entwickeln kann.

Unser Ziel: ein authentisches Kind

Ein authentisches Kind ist ein Kind, das sich sicher, autonom und kompetent fühlt.

Wenn wir einem Kind helfen, sich sicher und wertgeschätzt zu fühlen, und ihm das Gefühl geben, „jemand ist tief und wahrhaft an mir interessiert“, durch die Art und Weise, wie wir einfach zuschauen und zuhören, dann beeinflussen wir die ganze Persönlichkeit des Kindes und die Weise, wie es das Leben sieht.

Vertrauen in die Kompetenz des Kindes

Wir haben das Grundvertrauen in das Kind, dass es ein Initiator ist, dass es ein Forscher ist, den es dazu drängt, das zu lernen, wofür er bereit ist.

Aufgrund dieses Vertrauens geben wir dem Kind nur so viel Hilfe, wie nötig ist, dass es sich daran freuen kann, seine eigenen Handlungen zu meistern.

Sensible Beobachtung

Unsere Methode ist die Beobachtung, die von Respekt für die Kompetenz des Kindes geleitet ist. Wir beobachten sorgfältig, um die Kommunikation des Kindes und seine Bedürfnisse zu verstehen.

Je mehr wir beobachten, umso mehr verstehen und schätzen wir die enorme Menge und Geschwindigkeit des Lernens, das während der ersten zwei oder drei Lebensjahre geschieht. Wir werden bescheidener, bringen den Kindern weniger bei und stellen stattdessen eine Umgebung, die Lernen ermöglicht, zur Verfügung.

Bei der Pflege: das Kind einbeziehen

Während der Pflege (Wickeln, Stillen oder Füttern, Baden, Anziehen usw.) ermutigen wir auch das kleinste Kind dazu, ein aktiver Teilnehmer zu werden statt eines passiven Empfängers dieser Aktivitäten. Wenn Eltern während der Zeit, die sie mit dem Kind verbringen, mit ganzem Herzen mit ihm zusammen sind, schaffen sie so Gelegenheiten für Interaktion, Kooperation, Intimität und Freude aneinander.

Durch solche angenehmen Erfahrungen bei ihrer Pflege, die nicht in Eile geschieht, sind die Kinder „gesättigt“ und mit nur einem Minimum an Interventionen durch Erwachsene bereit, ihre Umgebung zu erforschen.

Eine sichere, anregende, zuverlässige Umgebung

Unsere Aufgabe besteht darin, eine Umgebung zu schaffen, in der ein Kind all die Dinge am besten tun kann, die es von Natur aus tun möchte. Je zuverlässiger eine Umgebung ist, umso leichter ist es für Babys zu lernen.

Wenn Kinder ihren Bewegungsradius erweitern, dann brauchen sie sicheren, angemessenen Raum, in dem sie sich bewegen können. Ihre natürliche, angeborene Lust sich zu bewegen sollte von der Umgebung nicht behindert werden.

Zeit für nicht unterbrochenes Spielen und Freiheit zu erforschen

Wir geben dem Kind eine Menge Zeit für ein Spielen, das nicht unterbrochen wird. Statt zu versuchen, Babys neue Fertigkeiten beizubringen, wertschätzen und bewundern wir das, was sie gerade tun.

Verlässlichkeit

Wir setzen klar definierte Grenzen und vermitteln dem Kind unsere Erwartung, um so einen verlässlichen Rahmen zu schaffen, der dem Kind hilft, sich zu orientieren.

Educaring: ein sicherer Anfang

Beim RIE lernen Eltern, wie Rhythmen von Kind und Familie sich zu zuverlässigen Gewohnheiten entwickeln und wie man sich an der gemeinsamen Zeit und der Zeit, in der man für sich ist, freuen kann.

Wenn Sie sich mit unseren Grundprinzipien identifizieren und ihnen zustimmen, können Sie sie nutzen, um innere Maßstäbe dafür zu entwickeln, wie Sie den vielen irritierenden Themen des Elternseins begegnen können.

Educaring ist eine Verbindung der Worte „education“ (Erziehung) und „care“ (Pflege).

Unser Ansatz

Zeiten der Pflege: mit voller Aufmerksamkeit beisammen sein

2

Was ein Kleinkind braucht – was jeder Mensch möchte – ist die Erfahrung der vollen ungeteilten Aufmerksamkeit von Vater oder Mutter oder einem anderen Menschen, der für das Kind von Bedeutung ist. Aber niemand kann immer ganz aufmerksam sein.

Die natürliche Gelegenheit, mit ganzem Herzen mit ihrem Kind zusammen zu sein, ist die Zeit, die sie ohnehin zusammen verbringen – wenn sie Ihr Baby versorgen. Nehmen Sie diese Zeiten der „Pflege“ als etwas ganz Besonderes, als die Zeit des „Auftankens“ für Sie beide – Zeit für intimes Zusammensein.

Stellen Sie das Telefon ab, wenn Sie vorhaben, Ihr Baby zu stillen, zu füttern, zu baden oder zu wickeln, und sagen Sie Ihrem Kind: „Ich werde das Telefon abstellen, damit uns niemand stört, denn ich möchte jetzt wirklich nur mit dir zusammen sein.“ (Wenn Sie das sagen, bestärken Sie auch sich selbst.)

„Kommen Sie zur Ruhe“ in Ihrem Kopf und „kommen Sie zur Ruhe“ in Ihrem Körper – seien Sie ganz da und für diese bestimmte Zeit nur an Ihrem Kind interessiert. Ich glaube, dass es für jedes Kind heilsam ist, wenn es dieses echte Interesse spürt.

Wenn die Zeit der Pflege für Sie eine besondere Qualität bekommt, werden Sie dadurch auch mehr Zeit haben, die Sie zusammen genießen können, und es wird Ihrem Kind das Gefühl vermitteln, dass Sie ihre gemeinsame Zeit wertschätzen, womit Sie Ihr Kind in seinem Wert als Person bestätigen. Nach solch intimen Momenten wird Ihr Kind eher Freude daran haben, allein auf Forschungsreise zu gehen, wenn Sie eine entsprechende Umgebung dafür vorbereitet haben.

Die folgenden Richtlinien sind mit der Absicht formuliert, alle Aktivitäten der Pflege angenehm, zu einer Zeit mit besonderer Qualität und reich an unschätzbaren Lernerfahrungen zu machen:

• Bereiten Sie alles vor. Schauen Sie, dass alle Dinge, die Sie brauchen, bereit sind, bevor Sie auf das Kind zugehen, damit Sie nicht nach einer Windel, einem Löffel, einem Handtuch oder einem Kleidungsstück suchen müssen, was dann die Kontinuität Ihres Zusammenseins unterbrechen würde.

• Beobachten Sie, was das Kind tut. Wenn es in einer Aktivität versunken ist, unterbrechen Sie es nicht, sondern warten Sie auf den passenden Moment, um auf es zuzugehen.

• Erklären Sie Ihrem Kind, was Sie tun werden. Damit kann man in der frühen Säuglingszeit bei allen Interaktionen beginnen. Obwohl das Kind Ihre Worte zuerst nicht versteht, wird es anfangen, Ihre Laute und den Klang Ihrer Stimme mit Ihren Gesten und Handlungen zu assoziieren, und seine Vorfreude auf eine angenehme Zeit, die es gemeinsam mit seinen Eltern verbringen wird, wird wachsen.

• Sprechen Sie mit dem Kind. Wenn Sie einmal die Aufmerksamkeit des Kindes geweckt haben, dann sagen Sie ihm, dass Sie etwas zusammen machen wollen. Nehmen Sie ihm Spielzeug oder andere Dinge sanft aus der Hand, erklären Sie, was Sie tun, und sagen Sie ihm, dass Sie es jetzt aufnehmen möchten. Strecken Sie Ihre Arme aus und warten Sie auf eine Reaktion. Nehmen Sie Ihr Kind nicht unerwartet oder von hinten hoch. Beginnen Sie damit auch schon bei sehr kleinen Kindern, die zuerst vielleicht noch keine sichtbare Reaktion zeigen. Es hilft, einen Stil wechselseitiger Kommunikation zu fördern, der das Kind respektvoll mit einbezieht.

• Erklären und zeigen Sie Ihrem Kind Schritt für Schritt, was Sie tun. Erlauben Sie Ihrem Kind, dem Prozess zu folgen und sich an ihm zu beteiligen: Blickkontakt aufzunehmen, Ihr Gesicht zu studieren, sich zu artikulieren, Spiele anzuregen, Ihren Handlungen zu folgen und auf Sie zu reagieren, und erlauben Sie sich, auf das Kind zu reagieren.

• Werden Sie langsam. Damit Ihr Baby Zeit hat, wirklich teilzunehmen, sollte alles, was Sie tun, „verlangsamt werden“.

• Versuchen Sie, ganz aufmerksam dabei zu sein. Immer wenn Sie mit der Pflege beschäftigt sind, tun Sie es absolut mit voller Aufmerksamkeit. Wenn Sie die ganze Zeit nur mit halber Aufmerksamkeit dabei sind, dann ist das nie die volle Aufmerksamkeit. Babys sind dann immer halb hungrig nach Aufmerksamkeit. Aber wenn Sie einen Teil der Zeit ganz aufmerksam sind, dann ist das schon sehr viel. Folgendes würde ich empfehlen: Verbringen Sie eine intensive Zeit mit Ihrem Kind zusammen und schauen Sie, ob es dann bereit ist, eine Weile für sich zu sein.

Diese Richtlinien sind allgemein, aber wenn Ihr Kind heranreift, werden sie sehen, dass Sie sich immer wieder an das Alter und die Entwicklungsstufe Ihres Kindes anpassen müssen. Es wird notwendig werden, dass Sie ein Gefühl für Ihren eigenen Interaktionsstil bekommen und sensibel für Ihre jeweils unterschiedlichen Persönlichkeiten werden. Die sozialen Interaktionen von Kind und Eltern sind voll von Unerwartetem, voller neuer Freuden und neuer Herausforderungen.

Von Anfang an haben wir versucht, Julia vorher wissen zu lassen, was wir mit ihr tun wollten, bevor wir es dann taten. Obwohl wir an die Bedeutsamkeit einer respektvollen Beziehung mit Julia glaubten, hatten wir die Kraft dieser Art Kommunikation nicht erwartet. Wir lernten schnell, dass Worte nicht unser einziges Mittel waren, Julia mitzuteilen, was als Nächstes kam. Ein Klopfen an ihre Tür, eine Berührung ihrer Hand oder ihres Fußes, Augenkontakt oder die Bewegung unserer Hände vermittelten Julia eine Botschaft. Wenn die Botschaft langsam ankam und einer Handlung unmittelbar vorherging, dann fing sie an, unsere nächste Bewegung oder Handlung vorwegzunehmen.

Julias Empfänglichkeit für unsere Mitteilungen wäre nicht möglich gewesen, wenn wir ihr nicht Zeit gegeben hätten zu reagieren. Wir waren beide entschlossen, Magdas Rat zu befolgen und mit Julia langsamer zu werden, aber zuerst war uns nicht klar, wie langsam „langsam“ sein würde. Auch wenn wir dachten, wir wären langsam, sah Julia manchmal ein bisschen durcheinander aus. Wenn wir unser „langsames Tempo“dann langsamer machten, beruhigte sie sich und war wieder ganz bei der Sache.

Die Wirkung respektvoller Kommunikation wurde bei gewohnten Handlungen am spürbarsten. Wenn wir Julia zum Beispiel umziehen wollten, machten wir das ganz bewusst und ließen sie jeden einzelnen Schritt wissen. Bevor wir ihren Arm durch einen Ärmel schoben, berührten wir sie und sagten ihr in einfachen Worten, was nun geschehen würde. Während der ersten Wochen schaute sie zur Seite, wenn sie umgezogen wurde, aber trotzdem war sie anscheinend aufmerksam. Dann fing sie an, uns während des Umziehens anzuschauen, und beobachtete jede unserer Handlungen.

Bald fing sie an, mit kleinen Bewegungen teilzunehmen. Sie hob einen Arm, wenn es Zeit war, ihn aus einem Ärmel zu ziehen. Julias wachsendes Interesse und ihre Beteiligung beim Umziehen machte dies zu einem der schönsten Momente mit ihr. Auch wenn sie zerstreut war, beruhigte sie sich und wurde aufmerksam, wenn einer von uns sie zu dem Tisch brachte, wo sie umgezogen wurde. Ihre Großmutter, die Julia zum ersten Mal sah, als sie neun Wochen alt war, bemerkte, dass sie noch nie ein Baby gesehen habe, das so viel Freude zeigte, wenn es umgezogen wurde. Einmal, als Julia ziemlich aufgeregt war, schlug ihre Großmutter im Spass vor, sie umzuziehen, um ihr zu helfen, sich zu beruhigen. Und tatsächlich, sobald einer von uns Julia hatte wissen lassen, dass wir sie zum Tisch zum Umziehen bringen wollten, wurde sie ruhig und aufmerksam.

Respektvolle Kommunikation hat auch zur Freude ihrer Mutter Mimi am Stillen beigetragen. Wenn es Zeit wurde, die Seiten zu wechseln, sagte Mimi izu Julia, dass sie ihr Saugen an der Brust unterbrechen würde, wartete ein paar Momente und berührte dann leicht mit ihrem Finger Julias Lippen. Nach ein paar Wochen fing Julia an, sich von allein von der Brust zu lösen, wenn Mimi ihr sagte, es sei Zeit, die Seiten zu wechseln.

Der Rahmen, den ich vorgestellt habe, ist offen genug, in seiner Struktur Raum zu lassen, damit Sie mit Ihrem Kind wachsen, improvisieren, spontan auf unerwartetes Verhalten reagieren und auf Ihr Kind als Individuum eingestellt und seiner bewusst bleiben können. Dieser „personalisierte“ Ansatz der Pflege unterstützt die Entwicklung von Selbstvertrauen, von Körperbewusstheit und von sozialer Aufmerksamkeit und die Fähigkeit eines Kindes zu antworten. Er ermutigt ein Kind auch bei dem schwierigen, aber entscheidenden und aufregenden Ringen um Autonomie.

Ein Kind, dem erlaubt wird, aktiv am Prozess seiner Pflege teilzunehmen, wird ermutigt, ein selbstständiges Kind zu sein, das sich seiner Bedürfnisse bewusst ist und sich für deren Befriedigung einsetzt, wenn es älter wird.