ISBN: 978-3-86191-191-3
1. Auflage 2020
© der deutschen Ausgabe 2017 Crotona Verlag GmbH und Co. KG, Kammer 11, D-83123 Amerang
Aus dem Englischen von Astrid Ogbeiwi
Titel der amerikanischen Originalausgaben:
Ayin: The Concept of Nothingness in Jewish Mysticism
und
Varieties of Mystical Nothingness: Jewish, Christian and Buddhist
© Daniel C. Matt 2017
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Umschlaggestaltung: Annette Wagner
www.crotona.de
Naturwissenschaftlern bereitet das Paradoxe Unbehagen, Mystiker und Dichter hingegen lieben es. Für sie wird das Paradoxon zu einem Prüfstein der Wahrheit. Solange etwas Gegensätze nicht einschließt, ist es unvollständig und suspekt.
Eines der höchsten Paradoxa ist es, Gott als „Nichts“ zu bezeichnen. Diesem grotesken Namen begegnen wir bei verschiedenen Mystikern. In der Kabbala, der jüdisch-mystischen Tradition, lautet die hebräische Bezeichnung ayin. Der christliche Mystiker Johannes Scotus Eriugena, der auf Latein schreibt, nennt Gott nihil. Meister Eckhart spricht in seinen deutschen Schriften von Gott als nihts (Nichts), Johannes vom Kreuz, der auf Spanisch schreibt, nennt Gott nada.
Der erschreckende Name Nichts impliziert nicht, dass Gott nicht existiert. Vielmehr vermittelt er die Vorstellung, dass Gott „nicht dinghaft“ ist. Gott beseelt alles und ist doch durch nichts zu fassen. Gott ist die Einheit, die kein bestimmtes Etwas ist – nicht etwas, nichts.
Dieses mystische Nichts ist weder leer noch öde; es ist fruchtbar und überfließend, es bringt die zahllosen Lebensformen hervor. Die Mystiker lehren, dass das Universum aus dem göttlichen Nichts hervorging. Ähnlich sprechen heutige Kosmologen vom Quantenvakuum, das vor Potenzial nur so wimmelt und den kosmischen Samen hervorbringt. Dieses Vakuum ist alles andere als leer – ein aufwallender Schaum virtueller Teilchen, die ständig erscheinen und wieder verschwinden.1
Der vorliegende schmale Band beginnt mit einer Erörterung der kabbalistischen Idee vom Ayin, spürt ihren Wurzeln im Neuplatonismus und bei Maimonides nach, folgt ihrer Entwicklung in der spanischen Kabbala und beschreibt ihre Blüte im Chassidismus. In dieser späteren Phase der jüdischen Mystik rückt der psychologische Aspekt von Ayin ins Zentrum, und das Ego des Mystikers löst sich im Meer des Göttlichen auf.
Das zweite, kürzere Kapitel vergleicht die westliche mystische Vorstellung vom göttlichen Nichts (vertreten durch die Kabbala und Meister Eckhart) mit der buddhistischen Idee der Shunyata (Leerheit). Die beiden Vorstellungen ähneln einander zwar, sind jedoch nicht gleichzusetzen, und ich versuche, die Unterschiede herauszuarbeiten. Jede bietet aus ihrer ureigenen Sicht tiefe Erkenntnisse über das Wesen der Wirklichkeit. Heute erleben wir den Luxus und die existenzielle Notwendigkeit, von beiden zu lernen – vom Osten und vom Westen.
Sie sind reizvoll und erschreckend zugleich, die mystischen Darstellungen des Nichts: Meister Eckharts Niht, Johannes vom Kreuz‘ Nada, das taoistische Wu, die buddhistische Shunyata. Entgegen dem ersten Anschein sind diese Begriffe nicht Ausdruck einer identischen Bedeutung, da jeder Mystiker das Unnennbare aus einer diskursiven Gedankenwelt heraus benennt, die durch seine je eigene Ausbildung, Weltsicht und Sprache geformt wurde.1 An dieser Stelle möchte ich die Entwicklung der Idee des Ayin („Nichts“) in der jüdischen Mystik nachzeichnen. In der mittelalterlichen Kabbala fungiert Ayin als theosophisches Symbol, als Anfang des ausgefeilten Systems der Sefirot, der Stufen der göttlichen Manifestation. Alles geht aus den Tiefen von Ayin hervor und kehrt schließlich dorthin zurück. Mit dem Übergang von der Kabbala zum Chassidismus ändert sich der Fokus. Jetzt dominiert die psychologische Bedeutung von Ayin; es wird zum Instrument der Selbsttransformation. Der Mystiker erfährt Ayin unmittelbar und geht erneuert daraus hervor.
Gewiss hat das Wort Nichts einen Beiklang von Negativität und Nichtsein, der Mystiker meint mit göttlichem Nichts jedoch, dass Gott größer ist als jedes nur irgend vorstellbare Etwas und in diesem Sinne eben nicht-etwas, nichts. Da Gottes Wesen unbegreiflich und unaussprechlich ist, ist die am wenigsten beleidigende und zugleich zutreffendste Beschreibung, die man geben kann, paradoxerweise das Nichts. David ben Abraham ha-Laban, ein Kabbalist des 14. Jahrhunderts, korrigiert jegliche Missverständnisse: „Das Nichts [Ayin] ist existenter als alles Sein der Welt. Aber da es einfach ist und alle einfachen Dinge im Vergleich zu seiner Einfachheit komplex sind, wird es Ayin genannt.“ Davids christlich-mystische Zeitgenossen pflichten ihm bei. So schreibt der byzantinische Theologe Gregorios Palamas: „Er ist nicht Sein, wenn das, was nicht Gott ist, Sein ist.“ Eckhart sagt: „Gott ist ein solcher, dessen Nichts die ganze Welt erfüllt, sein Etwas aber ist nirgends.“2