Markus Söder - Der Schattenkanzler

Roman Deininger / Uwe Ritzer

Markus Söder -
Der Schattenkanzler

Biographie

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Inhaltsübersicht

Über Roman Deininger / Uwe Ritzer

Roman Deininger ist politischer Reporter bei der Süddeutschen Zeitung (SZ). Sein großes Söder-Porträt in der SZ wurde für den Theodor-Wolff-Preis nominiert. Er ist in Ingolstadt aufgewachsen und hat in München, Wien und New Orleans Politik und Theater studiert. Mit einer Arbeit über Politik und Religion in den USA wurde er promoviert. Für die SZ war Deininger auch schon Korrespondent in Nürnberg, der Heimatstadt Markus Söders.

Uwe Ritzer hat sich vor allem mit vielen investigativen Recherchen für die SZ einen Namen gemacht. Dazu gehörten krumme Geschäfte in der Energiewirtschaft ebenso wie der Fall Gustl Mollath oder die Enthüllung des ADAC-Manipulationsskandals. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wächterpreis. Als gebürtiger Franke und Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in Nürnberg erlebte er den Aufstieg Söders hautnah mit.

Impressum

© 2020 Droemer eBook

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Der vorliegende Band ist die umfassend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe
des 2018 erschienenen Buches »Markus Söder - Politik und Provokation«.

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: © picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo/Metodi Popow

ISBN 978-3-426-46190-7

Prolog

Der Märchenkönig

Hat Markus Söder das Zeug zum Kanzler? Diese Frage hat ein Journalist gerade gestellt, und Angela Merkel weiß, dass nun jedes Wort von ihr Schnappatmung auslösen kann im politischen Deutschland. Am zweiten Rednerpult, rechts von dem der Kanzlerin, steht grinsend der Mann, um den es geht: ihr Gastgeber, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Hinter den beiden, am Ende eines majestätischen Spaliers aus Buchen, glitzert der Chiemsee in der Sonne. Merkel macht sich eine Notiz, als wolle sie Zeit zum Nachdenken gewinnen. Dann sagt sie: »Ja.«

Sofort schiebt sie hinterher, dass dieses »Ja« natürlich die Antwort auf eine zweite offene Frage sei, die der Journalist bei dieser Pressekonferenz gestellt hat – nämlich die, ob Europa eine eigene digitale Infrastruktur brauche. Ja, unbedingt, findet Merkel. Aber für digitale Infrastruktur haben die Journalisten gerade keinen Kopf. Söder, Kanzler, kann der das? Wieder setzt Merkel an.

Es ist der Moment, auf den dieser ganze strahlende Julitag zustrebt. Der See und die Berge, der Dampfer und die Kutsche, der Schlosspark und der Spiegelsaal: alles Kulisse, die weiß-blau-goldene Bühne für – wenn schon nicht eine Märchenhochzeit, dann doch wenigstens ein Jawort. Aber wie das halt oft so ist mit dieser Art Theaterdonner: Es grollt und tost und kracht, aber am Ende schlägt der Blitz nicht ein.

Sie bitte um Verständnis, sagt Merkel, dass sie sich bei der Frage nach ihrem Nachfolger »eine besondere Zurückhaltung auferlege«. Sie könne nur sagen: »Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten.« Mehr werde man von ihr dazu nicht hören.

Es ist der 14. Juli 2020, und man sollte, auch wenn es schwerfällt auf der herrlichen Schlosswiese von Herrenchiemsee, kurz die Augen schließen und sich zurückversetzen in den Sommer 2018. Es ist nur zwei klitzekleine Jahre her, dass Söders CSU das Land im erbitterten Asylstreit mit Merkels CDU an den Rand einer Staatskrise rückte. Gleich nach Horst Seehofer galt Söder als Schurke der Nation. Als einer, dem man nicht traut.

Wie komplett grotesk wäre damals die Vorstellung gewesen, dass dieser Söder im Sommer 2020 in sämtlichen Umfragen als aussichtsreichster Anwärter auf Merkels Job gelten könnte. Und dass dieser Zustand auch nur ansatzweise Merkels Billigung finden könnte. Sie sagt zwar nicht »ja« zu einem Unions-Kanzlerkandidaten Söder, aber sie sagt auch nicht »nein«. Und sie adelt ihn mit geradezu royalen Bildern zu zweit.

Ein Dampfschiff hat die beiden zur Herreninsel gebracht, wobei man sich angesichts von Söders aktueller Form fast fragte, warum er nicht einfach übers Wasser läuft. Zum Schloss wurden Merkel und Söder allen Ernstes mit einer Kutsche gefahren, ganz das Königspaar, wobei Söders Leuten der Hinweis wichtig ist, dass die Kutsche nun mal das bevorzugte Verkehrsmittel auf der Insel sei und im Übrigen auch kaum mehr als ein besserer Leiterwagen. Söders Ministern tritt man hoffentlich nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass sie vor und nach der Kabinettssitzung, die der formale Anlass für Merkels Besuch war, wie Statisten durch die prächtige Szenerie laufen.

Herrenchiemsee ist ein Ort, an dem Wirklichkeit, Traum und Wahn aufs Trefflichste verschwimmen. König Ludwig II., der Bauherr des Schlosses, wünschte sich ein Klein-Versailles, sein Vorbild war Ludwig XIV., Frankreichs Sonnenkönig. Irgendwann ist dem »Kini« freilich das Geld ausgegangen – all der Marmor, all das Gold, imposant, aber nicht immer echt. Ludwig II. ist hier nie eingezogen, der Ort erzählt von Ehrgeiz und Sehnsucht, aber auch von grandiosem Scheitern.

Sein und Schein, das ist auch in Söders Karriere ein zentrales Thema. Symbolpolitisch ist Söder auf Herrenchiemsee ein Wiederholungstäter. Als bayerischer Finanzminister war er auch »Schlösser-Minister«, es war, als hätte ihm sein damaliger Chef Seehofer einen gigantischen Spielzeugkoffer in die Hand gedrückt. Einmal gab der Minister Söder hier auf der Insel der »Bunten« ein Interview, in dem er erklärte, Seehofer sei selbstverständlich die Nummer eins und bleibe es auch. Für das Foto dazu posierte er im Spiegelsaal, der eine Kopie des Spiegelsaals von Versailles ist, nur noch länger: Markus Söder, gerahmt in Gold. Wenn es nicht der König war, der sich hier dem Volk zeigte, war es auf jeden Fall der Kronprinz.

Und genau das ist ja der Gedanke, an dem selbst der phantasieloseste Zeitgenosse nicht vorbeikommt an diesem möglicherweise denkwürdigen 14. Juli 2020: dass da die Bundeskanzlerin von ihrem Nachfolger empfangen wird. Im Schloss des Märchenkönigs, an der Wiege des Grundgesetzes, das hier 1948 vorformuliert wurde. Markus Söder war nie ein Freund subtiler Botschaften, und wer gedacht hatte, das würde sich mit den Jahren geben, muss jede Hoffnung fahren lassen. Söders Inszenierungen sind jedoch nicht nur plump. Sie sind auch meistens erfolgreich.

Markus Söder ist schamlos, und er ist clever, er ist schamlos clever. Diese furchterregende Kombination hat ihn weit gebracht. Man kennt Söder in Herne und in Husum, auch wenn man ihn lange, sehr lange nicht unbedingt mochte. Er war schon als kleiner Landesminister eine große Provokation, er hat Feinde fast mit Lust gesammelt. Und trotzdem hat er sich nach oben gekämpft, zum Ministerpräsidenten und CSU-Chef. Heute hat Söder auf einmal Freunde, immer mehr Freunde sogar. Er ist endgültig ein Hauptdarsteller im bayerischen Welttheater, das in ganz Deutschland die Zuschauer fesselt. Bloß, welche Rolle er tatsächlich spielen möchte, das ist noch offen.

Politiker wachsen in Ausnahmesituationen oder sie schrumpfen. 1962 wurde der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt zum »Herrn der Flut«, der Ruhm trug ihn bis ins Kanzleramt. 2002 spülte das Elbe-Hochwasser den Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Wiederwahl. Schmidt im Helikopter, Schröder in Gummistiefeln, Söder mit Schutzmaske: Söder ist in der Corona-Krise gewachsen. Aber macht das Virus Söder auch zum Kanzler? Zum bejubelten Krisenmanager hat es ihn in jedem Fall gemacht und zur nationalen Figur. Daran wird auch die peinliche Panne bei den bayerischen Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer nichts ändern, für die Söder im August nicht zu Unrecht viel Häme einstecken muss. Den vormaligen Hallodri und Provokateur nehmen laut Umfragen immer mehr Menschen als Staatsmann wahr – nur Merkel ist noch beliebter. Natürlich hat Söder die Pandemie nicht herbeigebetet. Aber wenn das Virus sein Timing mit irgendwem genauer abgestimmt haben sollte, dann mit Markus Söder.

Schon am Morgen hatte sich am Hafen in Prien eine wohlwollende Menschenmenge zu seiner und Merkels Begrüßung versammelt. Söder entdeckte einen Mann mit einem Pappschild. »Ich kann’s schlecht lesen«, behauptete Söder. Er ging rüber, die Fotografen und Kameraleute natürlich im Schlepptau. Der Mann sagte: »Herr Dr. Söder, Sie waren sehr beeindruckend.« Auf seinem Schild rief er Söder zum Kanzlerkandidaten aus. Eine Sekunde lang wirkte es so, als würde Söder den Filzstift nehmen, den ihm der Mann darbot. Aber wie hätte das ausgesehen? Eine Unterschrift unter der Kanzlerkandidatur, schwarz auf weiß? »Das gibt nur Ärger, wenn ich das jetzt mache«, sagte Söder.

So geht das seit Monaten. Söder sagt ständig: »Mein Platz ist in Bayern.« Er sagt mal dazu, dass er das sehr ernst meint. Aber was er nie sagt: Ich stehe als Kanzlerkandidat nicht zur Verfügung. Stattdessen übt er sich in eindeutiger Uneindeutigkeit: »Nur wer Krisen meistert, hat einen moralischen Führungsanspruch.« Oder: »Ich kann mir gut vorstellen, auch mal in den Norden zu fahren.« Er fängt seine Sätze erst ein, wenn jemand fragt. Führungsanspruch? Er habe die Kanzlerin gemeint, wen sonst. In den Norden? Nur im Urlaub. Söder, 53 Jahre alt, wirkt in diesen Monaten wie ein kleiner Bub, der mit dem brennenden Feuerzeug in der Hand beteuert, er wolle ganz gewiss nichts anzünden.

Es gibt da diesen Satz, den Ludwig II. vor beinahe 150 Jahren seiner Erzieherin schrieb: »Ein ewig’ Rätsel will ich bleiben.« Der Märchenkönig war ein Herrscher, bei dem man nie wusste, ob er wirklich regieren wollte – oder einfach nur glänzen. Bei Söder ist das nun ein klein wenig auch so: Will er wirklich Kanzler sein? Oder will er nur, dass ganz Deutschland in ihm den Mann sieht, der eigentlich Kanzler sein müsste? Wenn Söder und der »Kini« noch etwas gemeinsam haben, dann, dass sich nun auch Söder mit Lust den Schleier der Rätselhaftigkeit überwirft.

Wahrscheinlich weiß Söder in diesem Sommer selbst noch nicht so genau, was er wollen soll. Auch die Parteiahnen Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber haben elendig lange gezaudert, bevor sie als Kanzlerkandidat der Union antraten. »Ein ewig’ Rätsel will ich bleiben«, der Satz geht noch weiter: »mir und anderen«.

Vor Corona waren sie in der CSU überzeugt: Markus Söder muss nichts mehr werden. Er ist schon alles, was er jemals werden wollte: Ministerpräsident. Kanzler, das war in seiner Karriereplanung erst mal nicht vorgesehen. Ob das noch gilt? Ein ewiges Rätsel wird Söder nicht bleiben können. In seinem Umfeld geben sie inzwischen zu, dass die Versuchung größer und größer wird. Soll er springen? Die einen sagen, er würde damit alles aufs Spiel setzen, was er in Bayern erreicht hat. Die anderen sagen: Wenn man Kanzler werden kann, muss man Kanzler werden.

Der Schattenkanzler ist er in jedem Fall, der starke Mann der Union. Egal, ob er im Kanzleramt sitzt oder nicht.

Einleitung

Im Fieber

Deutschland wird im Jahr 2020 eigentlich von zwei Pandemien erfasst, eine davon ist das Corona-Virus. Die andere könnte man die »Fränkische Grippe« nennen oder auch das »Söder-Fieber«. In kurzer Zeit infizieren sich viele Millionen Bundesbürger mit dem Söder-Fieber, das bei den Betroffenen zu völlig unerwarteten Ausbrüchen von Begeisterung für die Arbeit des bayerischen Ministerpräsidenten führt. Im ZDF-Politbarometer sagen im Sommer 64 Prozent aller Befragten und 78 Prozent der Unionsanhänger, dass Söder das Zeug zum Bundeskanzler habe. Man wartet fast darauf, dass sich von Garmisch bis Flensburg Selbsthilfegruppen gründen – mit Menschen, die diesen Mann bisher ziemlich uneingeschränkt furchtbar fanden und jetzt entgeistert feststellen, dass sie sich von keinem anderen als ihm durchs Corona-Tal führen lassen wollen. Der »Spiegel« widmet ihm eine achtseitige Titelgeschichte: »Der Erbschleicher«. Unterzeile: »Warum Markus Söder beste Chancen auf die Merkel-Nachfolge hat.«

Bundeskanzler Markus Söder: Das wäre noch vor zwei Jahren höchstens Kabarettisten eingefallen, und auch das nur mit Grausen und einigen geistigen Verrenkungen. Corona, heißt es immer, würde die Welt verändern. In Söders Fall trifft das ohne Zweifel zu. In seiner Karriere hat er schon viele unschöne Etiketten getragen, alle mehr oder minder zurecht: Spaßpolitiker und Ellbogentyp, Ehrgeizling und Egoist, Machtmensch und Scharfmacher.

Von 2003 bis 2007 war er ein selbst für die Verhältnisse seiner Partei rustikaler CSU-Generalsekretär. So machte er sich bekannt, wenngleich nicht beliebt. Danach wurde er bayerischer Europaminister (»bayerischer Außenminister«, wie er das nannte), dann Umweltminister und schließlich Finanzminister. Er nutzte diese Ämter, um auf Staatsmann umzuschulen, doch es war ein quälend langer Prozess ohne befriedigendes Ergebnis. Als er im März 2018 Ministerpräsident wurde, nach einem erbitterten Machtkampf mit Horst Seehofer, sagten selbst in der CSU noch einige, dem Polarisierer Söder hätte man das Land nie anvertrauen dürfen. Nur weniger Monate später, in den dunkelsten Stunden des Asylstreits, schienen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Bei seiner rhetorischen Anbiederung an die rechtspopulistische AfD erkundete Söder moralische Grenzregionen.

Dann geschah etwas, was der begabte Erzähler Markus Söder als Geschichte von Einsicht und Umkehr beschreibt. Er schwor der verbalen Zündelei ab, attackierte die AfD mit großer Härte und rettete so bei der dramatischen Landtagswahl 2018 seine Karriere. Eine »politische Nahtoderfahrung« nennt er jenen Wahlkampf im Rückblick. Danach erfand er sich neu: als milder Landesvater und seriöser Bundespolitiker, als Öko-Aktivist und Frauenförderer. Schon das funktionierte ziemlich gut, und man fragte sich: Kann das alles wahr sein? Ist das noch der Mann, der seine politische Lebensreise als einen einzigen Kampf verstand? Dann kam Corona über Deutschland.

Gerade einmal gut zwei Jahre sind seit der Erstausgabe unseres Buches »Markus Söder – Politik und Provokation«, erschienen im April 2018, vergangen. Aber im Leben des Markus Söder ist – genau wie in der bayerischen und deutschen Politik – so viel geschehen, dass eine umfassend aktualisierte und erweiterte Neuausgabe angemessen ist. Markus Söder hat diese Biographie nicht autorisiert und vor ihrem Erscheinen auch nicht gelesen. Er stand uns aber für mehrere lange Gespräche zur Verfügung, bei denen er seine Sicht der Dinge darstellen und zu etwaigen Vorwürfen Stellung nehmen konnte. Für den Bildteil dieses Buches hat er zudem einige Privatfotos zur Verfügung gestellt.

Wenn man 2018 als Journalist Freunden oder Kollegen erzählte, man gehe jetzt zu einem Termin, bei dem Söder – nur so als Beispiel – die Patenschaft für einen Bernhardiner übernehmen wird, schauten einen alle an, als hätte man gesagt, man gehe zur Wurzelbehandlung zum Zahnarzt. Wenn man heute von einem Söder-Termin erzählt (wobei kaum noch patenlose Bernhardiner übrig sind), gucken die meisten aufgeschlossen und sagen, dass der Mann sich ja enorm gewandelt habe und bestimmt auch ein ordentlicher Kanzler wäre.

Was die Wandlung betrifft, haben die Leute natürlich recht, doch gewandelt hat sich nicht nur Söder selbst, sondern auch der Blick auf ihn. Söder war schon immer ein herausragender politischer Handwerker, ein guter Redner und ein witziger Mensch, was viele bloß lange nicht wahrgenommen haben, weil sie sich mit Empörung und Spott über seine Schrecklichkeit begnügten. Söder ist mehr als drei Jahrzehnte in der Politik, aber für viele Deutsche ist er jetzt eine Entdeckung. Manche Neugierige fragen Journalisten nach Söder, wie sie Tierpfleger im Zoo nach einem Panda fragen würden: Wie weich ist das Fell? Braucht er viel Schlaf? Isst er auch gut? Ja, er isst gut, da kann man den Bundesbürgern alle Sorge nehmen. Der Mann vertilgt einen Cheeseburger schneller, als Armin Laschet »Fleischfabrik Tönnies« sagen kann. Selbst Kritiker geben zu, dass Söder als Ministerpräsident deutlich an Statur gewonnen hat.

Wenn man sich zurückversetzt ins Jahr 1994, als der junge Söder mit dem Fahrrad durch seinen ersten Nürnberger Landtagswahlkampf fuhr, ist die Vorstellung, dass er einmal als Kanzler gehandelt werden könnte, gleichermaßen grotesk wie einleuchtend. Grotesk, weil sogar Parteifreunde bei Journalisten Schlange standen, um Söder die charakterliche Eignung für jedwede politische Betätigung abzusprechen. Einleuchtend, weil er alles mitbrachte für eine steile Laufbahn: das Talent, den Fleiß, die Ambition und nicht zuletzt die Härte.

Mit 16 Jahren trat Markus Söder in die CSU ein, über seinem Bett hing ein Plakat von Franz Josef Strauß. Schon damals betrieb er an 365 Tagen im Jahr Politik, fast wie heute von morgens halb sechs bis Mitternacht. Den »Immer-da-Söder« nannten sie ihn bei der Jungen Union, er war immer da, selbst bei der kleinsten Veranstaltung – wenn sie seinem Fortkommen diente. In Nürnberg erzählen sie diese Geschichte: Der junge Wahlkämpfer Söder rief bei einem Kleingartenverein an, er habe da von einem Grillfest gehört. Ob er da nicht das Fass anstechen könne? Die Kleingärtner meinten, das sei ein nettes Angebot, aber man habe beim Grillfest kein Fass. Söder sagte, er werde das Fass mitbringen.

»Blöd, blöder, Söder«, das war vor langer Zeit ein Spruch von Roten und Grünen. Schon da begann das Missverständnis: Söder mag unsympathisch gewesen sein. Aber blöd war er nicht. Er hat immer und überall seine Netzwerke geknüpft, Alliierte für sich gewonnen und Abhängigkeiten geschaffen. Er hat sich in alle seine Ämter schnell eingearbeitet und sich in der Sachpolitik kaum eine Blöße gegeben. Er hat stets auf den eigenen Nutzen geschaut, aber schon auch auf einen Kollateralnutzen fürs ganze Land. Er hat nie aufgehört, an sich zu arbeiten, er hat sich etwa einen Charme angeeignet, der ihm nicht in die Wiege gelegt war.

Als ausgebildeter Fernsehjournalist hat Söder verstanden, dass man mit Bildern Politik machen kann. Söder mit großem Hund, Söder mit kleinem Hund: Er ist ganz alte Schule, aber bei Instagram. Er hat die Gabe, seine Standpunkte in einprägsamen Formeln zu verdichten. Bei ihm haben sogar Faschingskostüme stets eine politische Botschaft. Er ist schmerzfrei, wenn es um billige PR geht und um krasse inhaltliche Vereinfachung, was gewiss keine Tugend ist, aber in der politischen Debatte oft ein Vorteil. Er weiß, dass man absurde Dinge nur oft genug wiederholen muss, bis die Leute sie glauben.

Er erkennt und bedient die Bedürfnisse der Wähler oft früher als andere – Bedürfnisse, aber früher auch Ressentiments. Bevor er sich als Bienen- und Menschenfreund neu erfand, differenzierte er selbst da kaum, wo Differenzierung dringend nötig gewesen wäre, etwa in der Flüchtlingspolitik. Söder ist hochintelligent, aber kein Intellektueller. Bis seine wundersamen Wandlungen einsetzten, sprach er konsequent die sogenannten kleinen Leute an und scherte sich um die großen einfach nicht. Er machte Politik für jene und nur für jene, die ihn wählten. Er machte Beute für Bayern und für niemanden sonst.

Der alte Söder, daran muss man jetzt schon fast erinnern, ließ niemanden kalt, er provozierte Abscheu oder Bewunderung. Für die einen war er ein eiskalter Opportunist, für die anderen ein heißblütiger Konservativer, der aufweckt, statt einzuschläfern. Auf jeden Fall verkörperte Söder wie kaum ein anderer die CSU, deren Faszination sich von jeher auf aufreizende Selbstgewissheit und unverhohlene Rauflust gründet. Er ist Kind und Produkt dieser Partei, er hat ihre Geschichte eingesogen und angenommen. In gewisser Weise rückte der alte Söder die CSU sogar ins Extreme, er merkelte nicht lange umeinander. Er bemühte sich gar nicht erst um rote oder grüne Wähler, er wollte schlicht: die bürgerliche Mehrheit. Er stand für die CSU, die ihre Fans von Herzen lieben, und er stand für die CSU, die ihre Gegner von Herzen hassen.

Söder hat zwar nie – wie der Sozialdemokrat Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramtes – am Tor der Bayerischen Staatskanzlei gerüttelt und gebrüllt: »Ich will da rein.« Aber im Grunde war seine ganze Karriere ein einziges Rütteln und Brüllen. Er ist meistens gegen das Establishment der CSU aufgestiegen, schon als junger Schlaks in Nürnberg gab er den Rebellen in Cowboystiefeln. Er suchte immer den Konflikt, er suchte Gegner. Und er besaß die Robustheit und die Disziplin, sich am Ende durchzusetzen. »Narben sind die Orden der Politik«, das war sein Credo. Ein CSU-Mann hat vor ein paar Jahren gesagt: »Er hat den Schuss Brutalität, der es leichter macht.« Man wird eines Tages dem Politikrentner Söder kaum nachsagen können, dass er an dieser oder jener Wegscheide zu weich gewesen war.

So ist er der Unverhinderbare geworden in der CSU. Mit 27 Jahren zog er als damals jüngster Abgeordneter in den Bayerischen Landtag ein. Mit 36 wurde er Generalsekretär, mit vierzig Minister und mit 51 Ministerpräsident, der jüngste in der bayerischen Nachkriegsgeschichte. Nicht einmal der vergleichbar wehrhafte Horst Seehofer hat ihn aufhalten können, obwohl er es jahrelang fieberhaft versuchte. Markus Söder hat die Macht bekommen, weil er sie mehr wollte als jeder seiner Konkurrenten. Er hat sich seiner Partei und dem Land regelrecht aufgezwungen, bis er am Ziel war: Ministerpräsident, davon hatte er geträumt im Bett unter dem Strauß-Plakat. Aber Ziele ändern sich mit den Möglichkeiten: Wenn ein Ministerpräsident es zum gefühlten Spitzen-Krisenmanager der Nation bringt, dann hat er zumindest auch die Möglichkeit, Bundeskanzler zu werden. Die Möglichkeit: nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jetzt, in der Corona-Krise, bekommt Markus Söder gerade viel Licht ab, aber der Schatten der Vergangenheit ist lang. Der neue Söder bemüht sich redlich, dass der alte Söder in ihm nur noch in ganz feinen Partikeln nachweisbar ist. Über Söders persönliche Abgründe wurde früher viel geraunt, in der CSU und in der bayerischen Verwaltung, etwa über seinen Jähzorn, seine Derbheit und die unangemessene Art, mit der er bisweilen Mitarbeiter und speziell Mitarbeiterinnen behandelt haben soll. Söder, der Rüpel – lange her, sagen seine Unterstützer, der Mann sei heute ein Muster der Selbstbeherrschung. Haben die hässlichen Bilder von einst noch Bedeutung? Sollten sie Bedeutung haben, jetzt, wo Söder das Kanzleramt im Blick hat?

Es bleiben Fragen. Warum hat er das Wort »Asyltourismus« überhaupt in den Mund genommen, bevor er sich korrigierte? Warum hat er seine Liebe zu Bäumen und Bienen erst kürzlich entdeckt? Warum haben ihn »Stil, Anstand und Respekt« nicht schon immer geleitet? Wie viel Relevanz das Gestern besitzt, dieser Grundfrage entrinnt niemand, der sich mit Söder heute beschäftigt. Söder, sagt ein erfahrener CSU-Mann, habe sich für jedes Amt »einen neuen Anzug schneidern lassen«, manchmal sogar für jede politische Großwetterlage. Stets passgenau und ohne Rücksicht darauf, welchen Anzug er vorher getragen hat. Vielleicht hat sich Söder damit ja selbst verwirrt. Vielleicht weiß er gar nicht mehr, was er unter den wechselnden Anzügen getragen hat.

Wenn man auf Söders Laufbahn blickt und seine Positionen zu einem Weltbild zusammennagelt, hat man am Ende ein schiefes Bild. Erst war er ein Cheerleader der Kernkraft, dann ließ er 2011 als Umweltminister praktisch über Nacht den Atommeiler Isar 1 abschalten. Er war hier mal konservativ und dort mal liberal, er warnte hier vor der Scharia und forderte dort sexuelle Toleranz. Im Zweifel hatte, wie immer bei Söder, der Gottvater Strauß das Wort: »Man muss die Grundsätze so hoch hängen, dass man bequem unten durchkann.« Mit Visionen ist Söder jedenfalls noch nie aufgefallen, er macht auch gar keinen Hehl aus seiner Anpassungsfähigkeit, er sieht darin eine Tugend: »Den Wind können wir nicht ändern«, sagt er gern. »Aber wir können das Segel richtig setzen.«

Der Zeitgeist hat es, so wendig er ist, noch selten geschafft, Söders festem Griff zu entkommen. Bayern habe sich verändert, sagt er, sei bunter geworden, also müsse sich auch die CSU verändern. Seit Anfang 2019 ist er ihr Vorsitzender und begreift es als seinen Auftrag, sie unter widrigen Bedingungen als Volkspartei zu erhalten. Dafür will er die CSU nun weiblicher, digitaler, grüner, überhaupt moderner machen. Er sucht seine Mehrheit jetzt so sehr in der Mitte, in der Merkel-Mitte, dass sich auf einmal auch weite Teile der CDU von ihm repräsentiert fühlen. Und angezogen von seiner Stärke. Die Corona-Krise hat ganz akut die Frage aufgeworfen, ob Markus Söder nicht der richtige Typ sein könnte für diese Zeiten. Das heißt nicht unbedingt, dass die große CDU der kleinen CSU die Kanzlerkandidatur überlassen müsste. Aber es heißt, dass Söder in der Bundespolitik zu einem Faktor geworden ist, den niemand mehr ignorieren kann.

Die Union denkt nach über einen Mann mit großen Stärken in der Kommunikation und im Management, einen Mann von fulminantem politischem Instinkt, aber auch von verstörender Flexibilität. Einen Mann mit Hang zur Großsprecherei, an dessen Glaubwürdigkeit es weiterhin Zweifel gibt. Söder hat immer davon geträumt, eines Tages in einer Reihe zu stehen mit seinem Idol Franz Josef Strauß und seinem Mentor Edmund Stoiber. Eines freilich wird er den verehrten CSU-Ahnen eher nicht nachmachen wollen: eine Kanzlerwahl zu verlieren.

Aber um ermessen zu können, wie weit Markus Söder noch kommen kann, muss man erst einmal verstehen, wie er überhaupt so weit kommen konnte.

Teil I

Lehrjahre eines politisch Halbstarken

1. Strauß überm Bett

Eine Aufstiegserzählung

Nach und nach trudeln sie ein, die meisten huschen erst im letzten Moment in den Bernhardsaal. Muggenhof gehört zu den ungemütlichen Ecken von Nürnberg, manche sagen, es sei ein Viertel zum Durchfahren. Der Bernhardsaal liegt in einem Hinterhof, in dem sich der Lärm der vierspurigen Fürther Straße fängt. An ihr entlang reihten sich einst große Namen des deutschen Wirtschaftswunders wie Perlen an einer Schnur: AEG, Quelle, Triumph-Adler, die Mopedwerke von Zündapp und Hercules. Zwischen all die Fabriken setzten Zisterzienser-Mönche in den Fünfzigerjahren den Bernhardsaal, einen schmucklosen, eingeschossigen Zweckbau mit Flachdach, für die katholische Jugendarbeit in der Pfarrei Zum Heiligen Schutzengel. Mit einer großen Fensterfront seitlich und einem mächtigen Kruzifix vorne an der Wand. Das ist der Ort, an dem eine streitbare, aber unbestreitbar große politische Karriere beginnt.

Es ist der 12. Oktober 1993, ein Dienstag. Die 77 Männer und Frauen, die sich an jenem Abend im Bernhardsaal versammeln, ahnen nicht, dass man sich einmal ihrer Zusammenkunft erinnern wird. Als Delegierte ihrer CSU-Ortsverbände sollen sie den Direktkandidaten der Partei für die Landtagswahl 1994 im Stimmkreis Nürnberg-West nominieren. Der bisherige Amtsinhaber Heinz Leschanowsky ist im Alter von 59 Jahren gestorben. Um seine Nachfolge kandidieren CSU-intern drei Bewerber: Karin Goller, fünfzig Jahre alt und aktiv in der Frauen-Union. Ihr wird nicht der Hauch einer Chance eingeräumt. Ganz im Gegensatz zu Franz Gebhardt, ebenfalls fünfzig Jahre alt, seit 15 Jahren Mitglied des Nürnberger Stadtrates und ein profilierter Kommunalpolitiker. Gebhardt ist der klare Favorit, er weiß das ganze Nürnberger CSU-Establishment hinter sich. Und dann ist da noch ein weiterer Außenseiter: Markus Söder, 27 Jahre alt, Fernsehjournalist. Er hat in der Jungen Union, der CSU-Nachwuchsorganisation, schon für einigen Wirbel gesorgt. Er gilt als ehrgeizig und fleißig, aber auch als etwas unangenehm.

Ein forscher Typ, dieser Söder. Ein paar Jahre zuvor, im Frühjahr 1986, hatte die Nürnberger »Abendzeitung« Abiturienten gefragt, was sie denn anfangen wollen mit ihrem Leben. Fünf von sechs jungen Leuten sagten, was man von Menschen um die zwanzig erwartet. Dass sie erst einmal reisen oder jobben wollen, dass sie hoffen, einen Studienplatz oder eine Lehrstelle zu bekommen. Nur einer redet gleich vom großen Ganzen, als fühle er sich irgendwie dafür zuständig. Für den Abiturienten Markus Söder, 19, gehört beides untrennbar zusammen – der eigene Lebenslauf und der Lauf der Welt. Also diktiert er der Reporterin in den Block: »Zuerst einmal ruft die Bundeswehr. Anschließend werde ich Jura und Geschichte studieren. Mein Berufswunsch ist es, Staatsanwalt oder Angestellter der NATO zu werden. Ich bin der Meinung, dass aufgrund unseres Gesellschaftssystems das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen ist. Man muss nur genügend Engagement für seinen Beruf mitbringen.«

Da spricht einer, der es gar nicht erwarten kann, hineinzuwachsen ins System. 1986 ist das Jahr des Reaktorunglücks in Tschernobyl, europaweit fürchten die Menschen die nukleare Katastrophe. Bei Wackersdorf, nur hundert Kilometer von Nürnberg entfernt, protestieren mehr als 100000 Menschen gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage. Zeitweise kommt es an fast jedem Wochenende zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen meist jungen Kernkraftgegnern und der Polizei. Ökologie und Frieden sind die großen Themen der Zeit, Friedensdemos sind Massenevents.

All das markiert den Mainstream unter Jugendlichen Mitte der Achtzigerjahre. Wer sich politisch engagiert, tut das eher links. Jedenfalls definitiv links von der NATO und der bayerischen Justiz, wo Markus Söder seine Zukunft sieht, der Abiturient vom Albrecht-Dürer-Gymnasium in Nürnberg. Acht Jahre später wird der Journalist Jan Engelhardt im linksalternativen Nürnberger Stadtmagazin »Plärrer« im ersten nennenswerten Söder-Porträt bei dem Jungpolitiker »einen Hang zur Biederkeit« feststellen und von ihm Argumente hören »wie von einem Siebzigjährigen, dem nach einem entbehrungsreichen Leben die Welt gedanklich mehr und mehr aus dem Ruder läuft«.

»SPD bedeutet Ärger«

Markus Thomas Theodor Söder wird am 5. Januar 1967 in Nürnberg geboren. Als Sohn von Max, Jahrgang 1930, und seiner acht Jahre jüngeren Frau Renate Söder. Die Familie lebt im Stadtteil Sündersbühl unweit der Stadtgrenze zu Fürth in einer Doppelhaushälfte, die sie gekauft und ausgebaut hat. Für Max Söder kein Problem, schließlich ist er vom Fach. Dem Maurermeister gehört eine kleine Baufirma. Fünf bis zehn Arbeiter beschäftigt er, je nach Auftragslage, und ist spezialisiert auf Abbruch- und Renovierungsarbeiten. Nach Sündersbühl war die Familie aus der Nürnberger Südstadt gezogen, nachdem Heike geboren und die vorherige Wohnung zu klein geworden war. Heike Söder, das ist Markus’ jüngere Schwester.

Das Wohngebiet, in dem die Söders nun leben, ist damals ein Kleineleuteviertel. Kleine Leute allerdings, die es schon zu etwas gebracht haben und stolz darauf sind. Sie müssen nicht mehr zur Miete wohnen, sie haben ihr eigenes Häuschen, für das die meisten von ihnen hart geschuftet haben. Das ist das Milieu, das den Politiker Markus Söder sein Leben lang prägen wird. Das er auch dann weder vergisst noch abschüttelt, als er längst in Dienstlimousinen chauffiert und von Leibwächtern begleitet wird und mit einer reichen Frau aus bestem Nürnberger Industrieadel in einem großen, schönen Haus lebt, im Osten der Stadt.

Der Politiker Markus Söder macht nicht viel Aufhebens um seinen sozialen Aufstieg, er protzt nicht, nicht mit Kleidung, nicht mit teuren Hobbys, nicht mit fetten Autos. Es heißt, er gehe akribisch mit Abrechnungsbelegen um, trenne selbst bei kleinsten Beträgen penibel zwischen Ausgaben für Privates, Ministeramt und Partei. Er zahle im Zweifel lieber etwas aus eigener Tasche, als sich angreifbar zu machen. Nichts würde er sich weniger verzeihen, als über so einen Fehler zu stolpern. Und er leidet auch nicht erkennbar daran, dass die feine Gesellschaft der vormaligen Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg lange mit ihm fremdelt. Die Arrivierten sehen in ihm den Emporkömmling und Straßenkämpfer. Aber um materiellen und sozialen Aufstieg geht es Markus Söder nicht, das ist für ihn nur ein angenehmer Nebeneffekt. Es geht ihm immer um Macht.

Dazu gehört auch die Macht über seine eigene Geschichte. Die Geschichte, die der Politiker Söder mit viel erzählerischer Freiheit Stück für Stück zusammenpuzzelt, ist die vom wundersamen Aufstieg eines Maurersohns aus Nürnberg-West. Wenn man ein wenig Zeit mit ihm verbringt, hört man von ihm vermutlich den Satz: »Der kleine Markus aus der Westvorstadt, und jetzt sitze ich hier als Ministerpräsident.« – »Dafür bin ich dankbar«, sagt Söder. »Das war nicht vorgesehen.« Seinen Weg in die Münchner Staatskanzlei will er besonders gewürdigt sehen, weil er im biederen Sündersbühl begann: »Hier kriegt man nichts geschenkt. Hier gibt es keinen billigen Schnaps.«

Söder tut in Wahlkämpfen alles, um seine Version seiner Geschichte unter die Leute zu bringen. Er will sein Image als Machtmensch korrigieren, deshalb erlaubt er mehr private Einblicke als die meisten anderen deutschen Politiker. Seine Kinder hält er zwar strikt vor der Öffentlichkeit verborgen, aber er spricht über seine Eltern und seine Frau, seinen Glauben und seinen Hund.

Mit Politik hat man im Hause Söder in der Manteuffelstraße wenig am Hut. Sich einmischen bringe nur Ärger, predigt der Großvater mütterlicherseits, ein Autohändler. Geradezu demonstrativ unpolitisch ist die Familie. Es wird nicht groß debattiert, dennoch ist vollkommen klar, dass ein Söder niemals Sozialdemokrat oder – Gott bewahre – Kommunist sein könnte. Markus Söder erzählt die Geschichte, wie er als Bub vom Spielen einmal einen roten Aufkleber heimbrachte, »Willy wählen« stand darauf, es lief der Bundestagswahlkampf 1972. Sein Vater, sagt Söder, habe ihn so richtig ins Gebet genommen: »Seitdem weiß ich: SPD bedeutet Ärger.« Max Söder ist überzeugter CSU-Wähler, Ehefrau Renate ist sogar Mitglied der Partei, wenn auch passiv. Sie wird den Aufstieg ihres Sohnes bis zu ihrem frühen Tod mit mehr Euphorie und Stolz begleiten als der Vater.

Wenn Markus Söder seine Kindheit und Jugend schildert, dann überzieht er die kleinbürgerliche Welt mit weichen Farben. »Ich wuchs sehr behütet auf«, sagt er. Seine Mutter sei eine fürsorgliche und liebevolle Frau gewesen. Seinen Vater habe er »eigentlich immer arbeitend erlebt«. Aber immerhin habe der ihm seine ersten »Fix und Foxi«-Comics geschenkt und ihn die ersten beiden Male ins Fußballstadion »zum Club« mitgenommen, zum 1. FC Nürnberg. Beides, Fan von Comics und vom 1. FC Nürnberg, ist Söder bis heute. Beim »Club« saß er sogar einige Jahre im Aufsichtsrat.

Wer Söders Erzählungen mit den Erinnerungen alter Bekannter, Freunde und Nachbarn abgleicht, erhält ein vielschichtiges, härteres Bild vom Leben im Hause Söder. Dort sind demnach die Rollen klar verteilt, gesellschaftliche Umwälzungen machen vor der Haustür halt. Studentenbewegung und Hippies, überhaupt die neue gesellschaftliche Liberalität, sind auch gedanklich weit, weit weg von Nürnberg-Sündersbühl. Renate Söder, eine gelernte Bankkauffrau, kümmert sich um Familie und Haushalt. Max Söder verlässt frühmorgens nach Kaffee und der Lektüre der Lokalzeitung das Heim in Richtung Betrieb oder Baustelle. Abends kommt er selten vor 19 Uhr nach Hause.

Der Vater ist der Patriarch. »Chef« soll ihn die Mutter genannt haben, wenn sie vor den Kindern über ihn sprach. Es heißt, Max Söder wäre am liebsten Lateinlehrer geworden. Er war selbst Schüler am Dürer-Gymnasium wie später sein Sohn, doch auf ihn warteten – wie auf viele junge Menschen seiner Zeit – unmittelbar nach dem Krieg andere Aufgaben. Nürnberg war zerbombt, was reichlich Aufbauarbeit für den elterlichen Maurerbetrieb bedeutete. Also stieg Max Söder nach der Schule in das Geschäft ein.

»Markus stammt nicht aus so kleinen Verhältnissen, wie er immer behauptet«, sagt einer, der ihn lange kennt. Der Familienbetrieb sei während des Wirtschaftswunders ziemlich gut gelaufen. Nürnbergern sagt man nach, ihre Pelzkragen in protestantischer Bescheidenheit nach innen zu tragen, um nur ja nicht zu zeigen, wie gut es ihnen geht. Auch die Söders führen ihren Wohlstand nicht vor. Unter der Woche wird gearbeitet, am Sonntag geht es hinaus ins Umland. Zu Verwandten, zum Spazierengehen in die Wälder bei Heroldsberg und zum Abendessen im Gasthof »Rotes Ross«, bevorzugt zu fränkischem Sauerbraten oder Stadtwurst. Einmal im Jahr steht Familienurlaub an, in Aschau im Chiemgau und selbstverständlich immer im selben Hotel.

Markus Söder erzählt viel und gerne davon, wie es so mit 16, 17 Jahren bei ihm daheim zuging – über seine Kindheit erzählt er fast nichts. Auch Jugendfreunde und Bekannte geben sich verschlossen. Manche sagen, der kleine Markus sei ein Einzelgänger gewesen, ein Außenseiter gar, pummelig, unsicher, verhätschelt von der gütigen Mutter und streng angefasst vom rauen Vater. Viele Jahre später wird »Die Zeit« frühere Nachbarn zitieren: Der kleine Markus sei auffallend zappelig gewesen, habe sich nie dreckig gemacht, selten mit anderen Kindern gespielt und sich überhaupt um Spielkameraden bemühen müssen.

Ein Rätsel ist bis heute das Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Heike. Lange schon ist sie aus Nürnberg fortgezogen und lebt heute mehrere Hundert Kilometer entfernt. Selbst bei gründlicher Recherche findet man kein Foto der Geschwister, nicht einmal einen Schnappschuss. Nichts deutet darauf hin, dass Heike Anteil nahm oder nimmt an der Karriere des Bruders. Umgekehrt wird Markus Söder – der gern redet und am liebsten über sich selbst – einsilbig, wenn er auf seine Schwester angesprochen wird. Sie habe mit seiner politischen Arbeit nichts zu tun, wolle Privatperson bleiben, und das solle man respektieren. Jede Nachfrage blockt er kategorisch ab. Es gibt alte politische Freunde, die sich nicht daran erinnern, Heike Söder jemals gesprochen zu haben. Andere versichern, sie wüssten nicht, was aus ihr geworden sei. »Er tut manchmal so, als gäbe es Heike gar nicht«, sagt einer.

Weit komplizierter noch als das Verhältnis unter Geschwistern ist bekanntlich jenes zwischen Vätern und Söhnen. Psychologen kennen unzählige Beispiele bedeutender Männer, die als Kinder unter ihren dominanten Vätern litten oder ehrfurchtsvoll zu ihnen aufblickten. Für sie waren die Väter Hassobjekte oder Helden, gegen die sie aufbegehrten oder denen sie es einfach beweisen wollten. Oft mussten diese Söhne hart um die Anerkennung der Alten ringen und litten darunter, dass genug in ihrem Fall nicht genug war, und gut nie gut genug. Es geht da auch um verletzten Stolz, um wechselseitig unerfüllte Erwartungen. Auch bei Markus Söder ist in seinem Verhältnis zum Vater ein Schlüsselthema seines Lebens zu sehen, das naturgemäß in die politische Karriere abstrahlt. Und das zum Teil seinen unbändigen Ehrgeiz und Fleiß, seine Ungeduld und Umtriebigkeit erklären könnte, die ihm keine Ruhe gelassen haben, bis er zum Ministerpräsidenten aufstieg. Söder hat das Bild seines Vaters immer wieder auf Facebook oder Instagram gepostet, er hat ihn in Reden und Interviews erwähnt, ungewöhnlich oft für die Sitten der deutschen Politik, die das Private weitgehend aus dem öffentlichen Raum verbannen.

Für eine besondere Rolle des Vaters spricht auch, dass ein einziger, alter Zeitungsartikel Markus Söder bis heute empört. Zwar kann er sich über negative Medienberichte kolossal aufregen, aber als einer, der gern austeilt, ist er schon auch hart im Nehmen. Bevor er 2020 zum liebsten Krisenmanager der Deutschen aufstieg, musste er ja praktisch pausenlos Unfreundliches über sich lesen, sehen und hören. Söder beteuert, er wandle Angriffe in positive Energie um. Er wolle sich mediale Kritik wirklich nicht auf den Buckel laden, denn dann würde er irgendwann ja gebeugt durchs Leben gehen, sagt er oft. Mit einer Ausnahme: Das »SZ-Magazin« karikierte im Januar 2005 in einem scharfen Beitrag am Beispiel des damaligen Stoiber-Adlaten Söder, »wie man in der bayerischen Staatspartei ganz nach oben kommt«. Die entsprechende »Anleitung in zehn Schritten« war satirisch und ernst zugleich, und sie enthielt eine Passage, die Söder nicht abhaken kann. Es geht ihm da nicht um den boshaften Hinweis auf seine karrierefördernde Heirat mit einer Frau aus bestem Hause – geschenkt. Es geht ihm um einen Halbsatz, sechs Worte, die ihn bis heute auf die Palme treiben: »Ihr Vater nannte Sie einen Taugenichts«, stand da, auf Söder gemünzt. Bodenlos, eine Unverschämtheit, unter Gürtellinie und Geschmacksgrenze, überhaupt das Übelste, was jemals über ihn verbreitet wurde, wütet Söder, wenn das Gespräch darauf kommt. Niemals habe ihn sein Vater für einen Taugenichts gehalten.

Nun gibt es aber Menschen in Nürnberg, die behaupten, der Vater habe im handwerklich unbegabten Sohn zumindest ein Weichei gesehen. Weshalb der Sohn dem dominanten Vater sein Leben lang das Gegenteil beweisen wolle, sogar posthum noch. Max Söder starb 2002, ein Jahr, bevor sein Sohn CSU-Generalsekretär wurde und damit zum Spitzenpolitiker aufstieg. War der Vater womöglich der Grund dafür, dass der Junge irgendwann in der Pubertät den Ehrgeizturbo anwarf und seither Unmengen an Kraft für etwas freisetzt, das dem Vater suspekt war?

Ob sich der Patriarch insgeheim tatsächlich wünschte, dass der Sohn ins Baugeschäft einsteigt und die Firma übernimmt, trotz dessen fehlender handwerklicher Begabung? Der Junior selbst erinnert sich nur daran, dass das Baugeschäft vom möglicherweise erstrebenswerten Ziel sogar zum Druckmittel degradiert wird, als die Schulnoten in der achten, neunten Klasse pubertätsbedingt schwanken. »Entweder du schaffst die Schule, oder du gehst auf den Bau«, soll der Vater gesagt haben.

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Abseits der Familie stolziert der junge Söder in Jeans, Cowboystiefeln und weiten Hemden durch die Nürnberger Weststadt. Fotos seines damaligen Styles hat der Politiker Söder später gewohnt freigiebig bei Instagram geteilt – zur Begeisterung und zum Entsetzen des Publikums gleichermaßen. Die Cowboystiefel, sagt ein alter Bekannter, habe Söder noch lange getragen, was nicht zwingend nur modische Gründe gehabt haben muss: »Er hat bei der Jungen Union sicher auch Stimmen gekriegt, weil er cooler rüberkam als die anderen.«

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Markus Söder wird später selbst zu Protokoll geben, eine Kundgebung von Franz Josef Strauß am Nürnberger Hauptmarkt sei sein persönlicher politischer Urknall gewesen. Ein Urknall, der ihn direkt in die Politik katapultiert, aus seinem Schülerleben heraus, in dem er es nie zum Klassensprecher bringt und erst recht nicht zu einem der Schülersprecher des Dürer-Gymnasiums. Dafür ist er einfach zu unbeliebt und zu sehr Außenseiter.

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In den letzten Schuljahren bis zum Abitur 1986 findet er sich in einem dauernden ideologischen Wettstreit mit dem linken Mainstream wieder, obwohl »das Dürer« in Nürnberg sicher kein radikalisierter Ort ist. Den Noten nach ist Söder ein Musterschüler. Der »Zeit«-Journalist Henning Sußebach wird drei Jahrzehnte später für ein ausführliches Söder-Porträt einen seiner alten Lehrer besuchen, der dessen »hohes intellektuelles Potenzial« und seine exzellenten schulischen Leistungen über den grünen Klee lobt. Der Söder aber auch »einen Mangel an Empathie« bescheinigt. Am meisten habe sich der Schüler Söder gefreut, wenn zwischen seinem Einser und den Noten der anderen ein möglichst großer Abstand gewesen sei. Die Mitschüler hätten ihn auch nie um Hilfe gebeten, womöglich, weil sie gar nicht erwarteten, dass er ihnen hilft. Von Sußebach darauf angesprochen, sagt Söder, die Darstellung des Lehrers sei Quatsch.