Stephane Rambicourt
ZU HASS ERZOGEN - rebelliert - IN LIEBE AUFGENOMMEN
Eine Jugend in den 1968ern
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Impressum neobooks
ZU HASS ERZOGEN
rebelliert
IN LIEBE AUFGENOMMEN
Eine Jugend in den 1968er
Roman
Neuauflage des Buches Braun vergeht hoffentlich!
von
Stéphane Rambicourt
Alle Personen, Namen und Handlungen sind frei erfunden und stehen nicht im Zusammenhang mit lebenden oder verstorbenen Personen. Übereinstimmungen sind rein zufällig und nicht gewollt.
Ich bedanke mich bei M. Gutfreund für die zur Verfügungstellung des Coverbildes (Acryl auf Leinwand).
Ich kann garnicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte!
Max Liebermann (1847 - 1935),
deutscher Maler und Grafiker
- Beim Betrachten eines Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtergreifung.
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„Vielmehr ist die menschenverachtende Entwicklung des Dritten Reichs die natürliche Folge der systematischen Entindividualisierung einer ganzen Gesellschaft. Auch wenn es weder Gestapo noch Konzentrationslager mehr gibt, besteht das Spannungsfeld zwischen Massenstaat und Individuum unverändert fort.“
Bruno Bettelheim (1903 bis 1990) mahnte eindringlich in der Aufarbeitung der Naziherrschaft die Entwicklung nicht mit der Überwindung des Bösen zu erklären.
Wunderschöne Landschaften, idyllische Dörfer und schöne Städte, egal ob in Frankreich, Deutschland oder Österreich, sind für viele Menschen leider nicht mehr genug. Sie jagen Idolen und Ideologien nach, die nur eines im Sinn haben, das Streben nach Reichtum und Immer mehr Reichtum, oder nach Macht und Zerstörung einer funktionierenden Gesellschaft und Natur. Ob diese Menschen wissen, wie zerbrechlich diese Schönheit ist? Um an ihr Ziel zu kommen schrecken sie vor nichts zurück.
Eine, so hoffe ich ehrlich sehr, kleine Minderheit arbeitet in unserem Jahrhundert daran, diese Schönheiten zu zerstören. Populismus, linker und rechter Radikalismus sind die neuen Zerstörer.
Sie zerstören die Natur, eine gut funktionierende Gesellschaft, versprühen ihr Gift gegen Minderheiten, Menschen die anders aussehen, einen anderen Glauben haben oder Andersdenkende und hoffen auf die Rückkehr des schlimmsten Verbrechers, den die Welt jemals gesehen hat.
Diese Personen versprühen ihr Gift wie in der Zeit des so genannten Dritten Reichs oder auch des so genannten realexistierenden Kommunismus. Und ein Grossteil der leicht beeinflussbaren Menschen folgt diesen „Rattenfängern“ wie 1933 bis 1945 und ab 1945 in den Staaten des früheren Ostblocks.
Diese Menschen merken nicht, wie gewiefte Rhetoriker sie wieder langsam aber sicher ins Chaos und ins Verderben führen werden. Diese leichtgläubigen Menschen nehmen ein einfaches, aber wohl platziertes Schlagwort auf, das gerade für sie passend erscheint. Nur durch dieses eine Schlagwort wird ein neuer Messias aufgebaut, der dann natürlich immer und immer wieder dieses Schlagwort in die Köpfe seiner Anhänger einhämmert.
Gut, man könnte meinen, dass Menschen die als so genannte „Winkelemente“ benutzt wurden (Rechts wie Links), lassen sich nicht mehr so schnell von Populisten und Radikalen benutzen. Weit gefehlt, denn diese Menschen wollen eigentlich nur dass es ihnen besser geht, nur der Weg über Arbeit und vor allem gesellschaftliche Veränderung geht ihnen zu langsam – sie wollen einen neuen Führer.
Ein psychologischer Analyst führte das Aufkommen des Populismus und des Radikalismus auf eine Neidkultur bei den „normalen“ Menschen und auf die Machtgier der Populisten und der Radikalen zurück. Damit dürfte er nicht weit weg von der Realität sein.
Durch Populismus wird Hass gesät, so dass das goldene Licht der Wahrheit immer weiter in den Hintergrund gedrängt wird.
In diesem Umfeld der politischen Radikalisierung, spielt die folgende Geschichte um einen jungen Mann dessen Eltern noch in den Wunschträumen von 1933 leben und Populisten sich massiv durch Radikale „Dumpfbacken“ ihre Macht sichern zu versuchen. Das Buch zeigt, wie durch den Weg der Liebe einer „neuen“ Großmutter die Rebellion gegen Erzeugereltern und radikale Populisten, die Überlegenheit der Wahrheit in Form eines zeitgenössischen Romans, natürlich ohne autobiografische Bezüge, dargestellt wird.
Stéphane Rambicourt
Es ist wieder ein wunderschöner Frühlingstag mit strahlendem Sonneschein. Deutschlandsberg, die kleine Stadt in der südlichen Steiermark, erwacht langsam aus dem winterlichen Tiefschlaf. Der lange und harte Winter hat der Natur ordentlich zugesetzt, aber endlich jetzt im Mai hat die Sonne mit viel Kraft die Oberhand gewonnen und Kirschbäume, die in großer Anzahl ihre weißen und rosafarbenen Blüten gen Himmel recken, aus dem Winterschlaf erweckt. Die ganze Natur ist aus dem Tiefschlaf erwacht.
Der Betrachter, der das Erwachen der Natur verfolgt, fühlt und spürt die Schwingungen der Frühlingsmusik Vivaldi’s aus den vier Jahreszeiten. Kurz gesagt alles blüht und die Natur will, auf Teufel komm raus, den langen Winter vergessen machen.
Auch die Menschen der kleinen steirischen Stadt sind aufgetaut. Aus dem mürrischen Steirer wurde mit den ersten Sonnenstrahlen wieder der weltoffene „Südländer“.
Deutschlandsberg, unweit der Grenze zu Slowenien gelegen, hat knapp 11.000 Einwohner, eine außerordentlich schöne Landschaft mit Bergen, Burgen, Schlössern, Weinbergen, großen Obstplantagen und natürlich fehlen auch die großen für die Steiermark typischen Kürbisfelder und die riesigen Maisfelder nicht.
Eben an diesen Maisfeldern musste Alexandre Meijer mit seinen beiden Cousinen Ilse und Resi vorbeiradeln um zum nächsten Freibad in Gams zu kommen.
Hoppla, ein kleiner Fauxpas meinerseits, fast hätte ich vergessen mich ihnen vorzustellen.
Mein Name ist Alexandre Meijer und ich bin heute, im April 1971, siebzehn Jahre alt. Ich lebe seit einigen Jahren in einem kleinen elsässischen Dorf, in der Nähe der Hauptstadt Europas, Strasbourg, bei meiner Oma Else. Eigentlich stimmt das nicht so wirklich. Meine „Oma Else“ ist, ich muss sagen leider, nicht meine leibliche Oma. Oma Else heißt mit vollem Namen Else Meijer. Sie ist für mich eine richtige Bilderbuchoma geworden und ich liebe sie mehr als meine, sagen wir mal gesetzliche, Familie.
Ich bin im deutschen, genauer im badischen, Karlsruhe geboren worden. Zu meinen gesetzlichen Eltern, also meinen Erzeugern, hatte ich eine ganz extrem schlechte Beziehung und bin deshalb vor ein paar Jahren von dort abgehauen.
Meine Kindheit habe ich bei meinen Erzeugereltern verbracht. In der Zeit meiner Kindheit hatte ich die Auffassungen des Vaters und der Mutters als normal empfunden. Erst mit der Zeit fiel mir immer mehr auf, dass ich eigentlich dressiert oder gar abgerichtet werde. Widerspruch wurde nicht geduldet und endete grundsätzlich mit dem Ledergürtel in der Hand des Vaters oder dem Rohrstock der Mutter, die damit jeden Körperteil meines noch sehr jungen Körpers trafen. Sogar das reden mit ausländisch aussehenden Menschen oder mit Personen, die eine andere politische Meinung vertraten als meine Eltern, hatten heftige Schläge zur Folge.
Fatal wurde es jedoch, als der stellvertretende Rektor meiner Schule, in den Stadtrat gewählt wurde. Erst später stellte ich fest, dass der als Kommunist bezeichnete Mann, nur als Mitglied der Sozialdemokraten gewählt wurde. Die Folge war ein zunächst verbaler Kleinkrieg zwischen Vater und Lehrer. Als der Lehrer aber plötzlich nicht mehr in die Schule kam, weil er auf das Übelste zusammengeschlagen wurde, begann langsam mein Gehirn an zu arbeiten.
Einen weiteren beispielhaften Zwischenfall gab es, als ich vor dem Haus von einem sehr freundlichen jungen, aber farbigen Mann nach der Uhrzeit gefragt wurde. Meine Mutter erschien mit einem dicken Holzknüppel und schlug auf den Mann ein.
Gott sei Dank bekam ich in der Schule einen Deutsch-Lehrer, Herrn Groß, dem ich noch heute dankbar bin, dass er mir Werte wie Respekt und Toleranz vermittelt hat. Er war es dann auch, der mir die mir eigentlich verbotenen Bücher von Hermann Hesse (wie z.B. Steppenwolf oder das Glasperlenspiel), Thomas Mann oder Siegfried Lenz zum lesen gab. Besonders die Bücher von Hermann Hesse haben mich im Alter von elf Jahren sehr inspiriert und nachdenklich gemacht; ich konnte sie ja leider nur nachts unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe lesen.
Besonders eine Stelle in Hermann Hesses „Steppenwolf“ ist mir immer im Gedächtnis geblieben:
„...Ein Mensch, der fähig ist, Buddha zu begreifen, ein Mensch der eine Ahnung hat von den Himmeln und den Abgründen des Menschentums, sollte nicht in einer Welt leben, in welcher common sense, Demokratie und bürgerliche Bildung herrschen. Nur aus Feigheit lebt er in ihr, und wenn seine Dimensionen ihn bedrängen, wenn die enge Bürgerstube ihm zu eng wird, dann schiebt er es dem –Wolf- in die Schuhe und will nicht wissen, dass der Wolf zuzeiten sein bestes Teil ist. ...“
War es der Reiz des Verbotenen, oder war dies der erste Aufstand gegen meine biologischen Erzeuger? Ich weiß es nicht, vielleicht war es auch mein innerer „Wolf“.
Eines weiß ich sicher, dass Hermann Hesses Bücher in unserer Familie strengstens und massiv verboten waren. In den Augen meiner Eltern war das entartete Kunst. Mit dem Begriff konnte ich damals allerdings noch nicht besonders viel anfangen. Erst später ging mir ein Licht auf. Nein eigentlich war es ein ganzer Kronleuchter, der mir aufging.
Ab dieser Zeit ließ ich mich nicht mehr von meinen Eltern dressieren und abrichten. Und dank meines Deutschlehrers ging ich auf Konfrontation, zeigte den „Wolf“ in mir. Dabei war es mir egal, dass ich körperlich immer den Kürzeren zog und grün und blau geschlagen zur Schule gehen musste. Intellektuell sah ich mich aber vollkommen im Recht und wusste, dass meine Stunde kommen wird.
Ich kann mich auch an die vielen Besucher in unserem Haus sehr gut erinnern, weil diese aus aller Welt kamen und mit denen mein Erzeuger oft über meine Aufmüpfigkeit sprach. Tenor war immer “Du musst ihn auf Kurs bringen“, oder auch „schick ihn mir mal nach Argentinien. Ich bekomme den schon auf Kurs.“
Auch zu meinen Geschwistern, Hedwig und Marius, habe ich gar keinen Kontakt, aber das ist mir ganz recht so. Für die bin ich bestimmt ein Spinner und linker Quertreiber. Meine Eltern hatten das zumindest von mir immer behauptet.
Die schlechte Beziehung zu meinen Eltern, ganz besonders zu meinem Vater, rührt nicht aus seiner Brutalität mir gegenüber, sondern aus dessen Vergangenheit aus der Zeit des Nationalsozialismus und seiner Rolle, die er in dieser Zeit einnahm und sogar heute noch in gewissen Kreisen einnimmt. Ich konnte diese Vergangenheit durch Fotografien, Briefe und natürlich auch Lauschaktionen in einer jugendlichen Detektivarbeit für mich aufdecken. Dass diese Rolle sein und auch mein Leben bis heute beeinflusst und prägt oder geprägt hat ist mir vorher nie aufgefallen, aber eine Realität.
Mag wohl daran liegen, dass ich mich dank meines Deutschlehrers zu einem kritischen Menschen entwickelt habe, gegen den erklärten und schlagkräftig bekundeten Willen meines Vaters und meiner Mutter. Ich möchte hier an dieser Stelle nicht weiter auf seine Rolle in der Zeit zwischen 1940 und 1945 eingehen, die auch die NS-Vergangenheit meiner Mutter betraf. Der geneigte Leser kann sich aber sicherlich denken welche Rolle er wohl eingenommen haben könnte.
Mein endgültiger Widerstand gegen meine Familie und Bruch der Beziehungen begann eigentlich damit, dass mir zufällig aufgefallen ist, dass mein „Erzeuger“ einen anderen Nachnamen hatte, als sein Bruder in Deutschlandsberg, der Brunner heißt. Nachfragen nach dem Grund blieben, mit schlagkräftigen Argumenten – ist Schlagen ein Argument? Nein, ist es nicht - unbeantwortet.
Ein sehr weiser Mann sagte einmal zu mir, als ich ihm erzählte, dass ich die Vergangenheit meiner Eltern erforschen und für mich aufarbeiten möchte: „Bua, lass den Geist ruhen. Es hilft heute niemandem mehr, wenn du was heraus bekommst. Und vielleicht wird dir das nicht sehr gefallen, was du da heraus bekommst“.
Nun, als sehr wissensdurstiger junger Mensch habe ich den Geist ruhen lassen, aber erst als ich herausgefunden hatte, was ich wissen wollte. Und ehrlich, es hat mir nicht wirklich gefallen, was da zum Vorschein gekommen ist.
Die Folge, als ich zwölf sehr aufmüpfige Jahre alt war, trat der „Wolf“ in mir, um in der Sprache von Hermann Hesse zu bleiben, hervor. Ergo, war der sofortige Abbruch sämtlicher Verbindungen zu meiner gesetzlichen Familie für mich der einzige Ausweg.
Mein heimlicher „Auszug“ aus dem elterlichen Haus, richtig ausgedrückt, bin ich abgehauen, geflohen und nach tagelangem umherstreunen, in einem alten Heuschober im Elsass gelandet, der meiner heutigen, von mir adoptierten, „Großmutter“ gehörte. Sie hat mich gefunden, aufgepäppelt (klar nach einigen Tagen ohne Essen oder Trinken) und nachdem sie meine Geschichte kannte, bei sich behalten und zu einem aufgeschlossenen, toleranten jungen Menschen erzogen.
Seit diesem Tag ist sie meine geliebte Oma Else.
Oma Else war damals bereits sechzig Jahre alt und bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof mit einer kleinen Milchwirtschaft und Tabak- und Maisfeldern, von denen sie gut leben konnte. Ich half ihr und helfe ihr noch heute natürlich sehr gerne tatkräftig bei der Arbeit. Sie hat zwei Töchter die knapp zehn Jahre älter waren als ich.
Ihr Ehemann Francois verstarb an einer Krebserkrankung.
Während des 2. Weltkrieges war ihr Ehemann mit General de Gaulle im Exil in England und sie in der elsässischen Ressistance sehr aktiv. Seit dieser Zeit hatte sie die allerbesten Verbindungen zu den Behörden des kleinen Dorfes in dem sie wohnte, aber auch zur Präfektur des Departements Bas-Rhin im Elsass. Sie organisierte für mich „echte“ französische Papiere, sogar mit amtlicher Geburtsurkunde aus meinem Geburtsjahr, auf den Namen Alexandre Meijer.
Der eigentliche Besitzer der Papiere ist als Kind von marodierenden SS-Truppen auf der Flucht erschossen worden, ebenso wie Oma Else’s Tochter Salomé und deren Ehemann Charles.
Ihre Tochter Marie überlebte die Kriegswirren unbeschadet und lebt mit ihrem Ehemann Joseph im gleichen Dorf wie Oma Else, nur drei Häuser weiter und betreibt ebenfalls eine kleine Landwirtschaft.
Oma Else ist eine groß gewachsene schlanke Frau mit grau-blonden Haaren und ein herzensguter Mensch. Sie trägt in der Regel, wie es in der Zeit üblich war ihre Kittelschürze und hat die Haare zu einem kleinen Dutt zusammen gebunden. Diese wundervolle Frau war das Beste das mir hatte passieren können.
Heute im Jahr 1971, mit noch nicht ganz 17 Jahren, habe ich vorzeitig mein Abitur am Gymnasium in Strassbourg machen können, weil ich mehrere Klassenstufen überspringen konnte. Ich habe sogar eine Auszeichnung für mein Abitur bekommen.
Oma Else wünscht sich sehnlichst, dass ich Jura studieren würde, um Menschen in Not helfen zu können. Allerdings sagte sie auch sofort dazu:
„Deinen Vater und deine Mutter lässt du aber in Ruhe. Und halte dich zurück, sollte etwas über deine Eltern bekannt werden. Es würden sonst Dinge geschehen die dir und mir nicht gefallen werden. Versprochen?“
„Ja Oma, ich verspreche es dir. Die können mir total gestohlen bleiben und außerdem sind die für mich alle gestorben, außer meinem Onkel Wendel in Deutschlandsberg, in der Steiermark“, erklärte ich mit sehr ernster Miene.
Oma Else fragte mich anfangs total über meinen Onkel Wendel aus, und schrieb dann mit ihm mehrere Briefe, bevor sie mich erstmals zu ihm fahren ließ und sie sich sicher war, dass ich in Deutschlandsberg auch wirklich absolut sicher war.
Seither darf ich meine Urlaube bei meinem Onkel Wendel verbringen. Er hatte Oma Else versprochen, mich von seinem Bruder, meinem Erzeuger, in Deutschland fernzuhalten und auch nichts über meinen Aufenthaltsort verlauten zu lassen. Dieses Versprechen abzugeben, war für Onkel Wendel und seine Familie, ein leichtes, da auch sie große Probleme mit der aktuellen politischen Haltung und Vergangenheit meiner Eltern hatten und der Kontakt sich nur auf schriftliche Geburtstagsgrüße oder Kurzbesuche begrenzte. Für die Nachbarschaft war ich der französische Brieffreund von seiner Tochter Ilse. Nur eine Nachbarin, die Juristin und Politikerin Bulthaupt wusste Bescheid, da sie auch meinen Onkel unterstützte und beriet.
Onkel Wendel war ein drahtiger Endvierziger und hatte so gar nichts gemein mit meinem Erzeuger. Er war sehr lustig und auch immer für einen Spass zu haben. Von Beruf war er Polier auf dem Bau und Kranführer. Trotz meiner erst 17 Jahre war ich einen Kopf größer als er, aber er hatte eine wahnsinns Kraft in seinen Armen.
Mit meinen Cousinen Resi und Ilse, beide in meinem Alter, hatte ich immer eine riesen „Hetz“, wie sie in der Steiermark sagen und bin auch ständig mit ihnen und den Nachbarmädchen Anita und Bärbel unterwegs gewesen. Sei es mit dem Fahrrad zum Schwimmbad nach Gams, der aufmerksame Leser erinnert sich bestimmt noch an die eingangs erwähnten Maisfelder, oder heimlich mit dem blauen Motorroller meines Onkels in die Stadt oder zum Schloss Hollenegg. Wenn uns Onkel Wendel dabei erwischte, bekam in der Regel Ilse ein kleine Abreibung und Hausarrest oder so ähnlich. Resi, sie war immer die brave unter uns, und ich kamen in der Regel ohne Bestrafung davon. Das machte mir oft ein schlechtes Gewissen, aber Ilse meinte es sei schon okay so. Alles in allem hatte ich in Deutschlandsberg immer eine wunderschöne Zeit.
Heute, im Rückblick, wundere ich mich, warum ich immer noch so schlank geblieben bin, denn meine Tante Maria bekochte und bebackte mich mit den herrlichsten Leckereien. Und sie konnte kochen und backen, Wahnsinn. Hier nur einige kleine Beispiele, der Leckereien, deren Aroma ich sogar heute noch an meinem Gaumen spüre. Der gesundheitsbewusste Leser möge jetzt kurz weg schauen, aber Powidldatschkerln, Käsestrudel, Apfelstrudel, Mohnstrudel, Zwetschgenknödel oder Palatschinken sind nur einige wenige Beispiele, die mir schmeckten und die ich regelrecht in mich hinein schaufelte. Nicht, dass meine Oma nicht gut kochen würde, nein, sie kochte außergewöhnlich gut, aber anders. Bei meiner Tante standen vor allem Mehlspeisen im Vordergrund, während es bei meiner Oma die typische elsässische Küche, mal deftiges, mal mediterranes Essen gab. Oma Else ist bis heute für mich die beste Köchin der Welt.
Aber das soll nicht die Geschichte sein, die ich erzählen möchte.
Eine unbeschwerte Jugend- und Teenagerzeit hatte ich nur im Elsass bei meiner „Oma“ und meiner geliebten „neuen“ Patentante Marie, der Tochter von Oma Else, oder eben in der Steiermark bei meinem Onkel Wendel mit Familie. Aber egal, meine Oma, Tante Marie und die Familie meines Onkel Wendel sind für mich die wichtigsten Menschen meiner Jugendzeit.
Dass ich selbst vielleicht eine schwierige Natur sein könnte, ist bestimmt eine unzutreffende Annahme (grins)- ein Schelm der etwas Gegenteiliges behaupten würde.
Ich bin eben ich, ein Kind seiner Zeit, den wilden Sechziger und siebziger Jahren.
Ende April 1971. Endlich die Schulzeit ist abgeschlossen, die Ferien bis zum Studienbeginn hatten begonnen und der Studienplatz an der juristischen Fakultät ist bestätigt und sicher. Die Zugfahrkarte ab Strasbourg über Karlsruhe, Stuttgart, München und Graz nach Deutschlandsberg war gekauft. Am frühen Morgen sollte es nun endlich losgehen.
„Alexandre, sei bitte vorsichtig im Zug. Du fährst mindestens 12 Stunden, bis du angekommen bist“, sagte Oma Else besorgt, „und bitte, steig erst in Graz aus dem Zug aus und um in den Zug zu deinem Onkel.“
„Klar Oma, warum sollte ich vorher aussteigen? Gibt doch keinen Grund. Außerdem freue ich mich auf Onkel Wendel, die Tante Maria und Ilse und Resi“, lachte der 17jährige Alexandre Meijer.
„Ich weiß warum ich das sagen muss. Erinnere dich bitte, du musstest vor ein paar Wochen unbedingt mit den Studenten in Strasbourg demonstrieren, Parolen gegen den Faschismus an Häuser sprühen und ich musste dich mit deiner Tante von der Polizei abholen“, erklärte Oma Else nachdenklich und lächelte plötzlich verschmitzt, „andererseits hat meine Freundin in der Mairie gute Arbeit geleistet und unsere Flics haben deinen französisch Personalausweis akzeptiert. Dann werden es die Deutschen und Österreicher bestimmt auch. Du weißt warum ich das sage.“
„Oma, stimmt schon was du sagst. Und zu dem Naziverbrecher werde ich nie mehr freiwillig zurückgehen“, erklärte Alexandre Meijer bestimmt und sehr ernst.
In Oma Elses Kopf liefen wieder die Bilder ab, als Alexandre vor einigen Jahren aus seinem Elternhaus abgehauen war und von ihr im alten Heuschober gefunden wurde.
Aus Sicht von Oma Else:
Oma Else brachte es nicht über ihr Herz den Jungen wieder zurück zu seinen verhassten Eltern zu schicken, besonders, als sie seine Beweggründe hörte. Diese Beweggründe waren nicht die üblichen Gründe, weshalb ein Kind von zu Hause ausreißt. Alexandre hatte herausgefunden, dass sich sein Vater und seine Mutter während des Nationalsozialismuses in Deutschland schlimmer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten und zu allem Überfluss Alexandre auch zu einem Nazi erziehen wollten.
Für Else, die im Krieg selbst in der Resistance aktiv war, Grund genug alle Hebel in Bewegung zu setzen, dass der Junge bei ihr bleiben konnte und eine neue legale französische Identität bekommen hat. Sie besorgte über ihre Freundin im Rathaus, der „Mairie“ „echte“ französische Papiere für den Jungen und nahm ihn bei sich auf. Sie hatte sogar für eine echte Patentante, Geddel Marie, ihre zweite Tochter, gesorgt.
Alexandre ging in Frankreich zur Schule, konnte wegen seines hellen Geistes vorzeitig das Abitur machen und hatte jetzt Ferien bis zum Beginn seines Studiums, die er bei seinem Onkel in Deutschlandsberg verbringen wollte.
Dank seines hervorragenden Abiturzeugnisses, hatte er keinerlei Probleme einen Studienplatz zu finden. Und auf ihren Wunsch hin wird Alexandre Jura und Betriebswirtschaft an einer der Besten Universitäten in Frankreich studieren.
Aus Sicht von Onkel Wendel:
Onkel Wendel, wusste genau was sein Bruder in Deutschland alles auf dem Kerbholz hatte, der dort unter dem falschen Namen Weber mit seiner Familie unbehelligt lebte.
Er hat sich mit Oma Else deshalb darauf verständigt, dass Alexandre Meijer weiterhin in Frankreich bleiben sollte, weil dies das Beste für den Jungen war, der ihm sehr am Herzen lag. Mit seiner Nachbarin, der Landeshauptfrau Bulthaupt, einer promovierten Rechtswissenschaftlerin und führenden Landespolitikerin der Steiermark, hatte sich Onkel Wendel von Beginn an intensiv beraten und abgestimmt, so dass auch sie über Alexander informiert war und in Österreich schützend die Hand über ihn halten konnte. Sie unterstützte Wendel wo und wie sie nur konnte. Sie wusste von Alexandre’s neuer französischen Identität und auch von seinem unbändigen Gerechtigkeitswillen.
Wendel verschwieg deshalb auch seinem Bruder, dass er wusste wo Alexandre sich aufhält. Andererseits wunderte er sich, dass sein Bruder sich nicht sonderlich bemühte seinen Sohn zu finden, aber das war Wendel auch ganz recht so.
Mit Else hatte er Alexandres Urlaub per Brief abgestimmt und jetzt freute sich die ganze Familie auf den Besuch von Alexandre im steirischen Deutschlandsberg.
Oma Else hatte auch Onkel Wendel darüber informiert, dass Alexandre wenige Wochen zuvor mitten in einer Studentenrevolte in Strasbourg gelandet war und dort „ordentlich“ auf Seiten der Studenten mitgemischt hatte, so dass er von der Polizei, bis zur Abholung durch Oma Else und Geddel Marie, eingesperrt werden musste.
Als Onkel Wendel dies im Brief las, musste er lauthals lachen.
„Wenn das mein Bruder wüsste, der würde durchdrehen“, lachte er, „und genauso wie auch die französische Polizei. Denn wenn die wüssten, wen sie da kurz eingesperrt hatten und vor allem wer der Vater ist, das hätte bestimmt einen ordentlich Wirbel gegeben.“
„Sei nicht so gehässig, Wendel“, beschwichtigte Tante Maria ihren Mann, „ich freu mich wenn der Junge da ist. Ilse und Resi freuen sich auch schon. Und Bärbel und Anita fragen auch schon die ganze Zeit nach ihm.“
„Ja, ja. Mich würdet ihr nicht vermissen, aber Alexandre“, lästerte Wendel lachend.
„Du bist ja auch immer da, er nicht“, grinste Maria.
„Na gut. Also er kommt in 2 Tagen an, das kannst du ja den Mädchen sagen, und denk bitte dran die Mädchen nochmals darauf hinzuweisen, dass Alex der Brieffreund von Ilse ist. Er wird einige Wochen bei uns bleiben. Er hat gerade seine Matura vorzeitig gemacht und mit Auszeichnung bestanden. Ein schlauer junger Mann mit einem sehr hellen Kopf. Else will ihn in Strasbourg Jura studieren lassen. Ich finde die Idee gut“, sagte Onkel Wendel mit ein wenig Stolz in der Stimme.
„Er könnte aber auch mit Anita, die hat auch die Matura gerade erst bestanden, für ein Jahr nach Iowa in die USA gehen. Dann wäre er noch weiter von deinem Bruder weg“, überlegte Maria laut.
„Ich glaube nicht, dass Else damit einverstanden wäre. Und jetzt freuen wir uns auf den Jungen. Mal sehen, was er diesmal mit den Mädels so alles anstellt“, lächelte Onkel Wendel süffisant.
„Versprich mir aber bitte, dass Ilse nicht wieder alles abbekommt. Alexandre muss auch für seine Fehler einstehen“, bat Tante Maria ihren Ehemann, der nur versonnen nickte.
„Ich glaub ich nehme ihn auch mal auf meine Baustelle in Gams mit. Da kann er bestimmt noch etwas für sein Leben lernen“, erwiderte Wendel.
„Mach das, aber lass ihn nicht auf einem Kran herumturnen, sonst bricht er sich noch alle Knochen“, warnte Maria.
„Nein. Aber er kann lernen wie man Beton anmischt, mauert oder auch die Vermesser unterstützen. Wer weiß, vielleicht macht es ihm ja auch Spaß?“ antwortete Wendel.
„Klar, aber denk dran. Auf deiner Baustelle ist auch der Mucki und der hat noch immer einen guten Draht zu deinem Bruder“, wandte Maria ein.
„Oh ja, stimmt. Hätte ich fast vergessen. Ich glaub dann lassen wir es besser“, erwiderte Wendel nachdenklich, „aber ich frag den mal, ob es was Neues von meinem Bruderherz gibt.“
„Sei aber vorsichtig, nicht dass der Mucki misstrauisch wird“, sagte Maria vorsichtig.
Wendel nickte mit dem Kopf.
Am folgenden Tag setzte Oma Else ihren Alexandre in Strasbourg in den Orientexpress, der eine direkte Verbindung über München bis nach Graz hatte und dann weiter bis Belgrad fuhr.
„Warum kommst du nicht einfach mit?“ fragte Alexandre leise und traurig.
„Du weißt doch. Das geht nicht. Wer kümmert sich sonst um unsere Tiere und die Felder?“ lächelte Oma Else.
„Kann das nicht Geddel machen, wenn du ein paar Tage nicht da bist?“ wandte Alexandre ein.
„Nein, mein Großer. Das geht nicht. Aber danke, dass du mich gerne mit dabei haben möchtest“, sagte Else leise und gab ihm einen großen Korb mit seinen Lieblingsleckereien und selbst gemachte Limonade mit. Sie umarmte ihn, dann verabschiedete sie sich schnell mit einer kleinen Träne in den Augen von ihrem „Sohn“.
Auch Alexandre hatte ein sehr flaues Gefühl im Magen und kleine Tränen in den Augen.
Während er seinen Platz im Zug aufsuchte sah er, wie seine Oma die Zugschaffnerin herzlich begrüßte und sich mit ihr unterhielt.
„Woher Oma die Schaffnerin denn schon wieder kennt?“ dachte Alexandre während er seinen Platz einnahm und das Fenster öffnete um seiner Oma zum Abschied zu winken.