AfrikAffekt

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Inhalt

Fußnoten

1.1 Hendrik Witboois Bibel

Textverweise zu Timms Morenga werden in der vorliegenden Studie stets mit doppelter Paginierung angegeben, bezugnehmend zunächst auf die sehr verbreitete und noch als Standard geltende dtv-Ausgabe von 2000, anschließend auf die zum Zeitpunkt der Verfassung aktuellste dtv-Ausgabe von 2020.

10. Schlusswort

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bei Roberto Castro Uribe und Sonja Linke für die Möglichkeit bedanken, sowohl das Kunstwerk als auch das Foto davon zu verwenden.

Danksagung

Hiermit möchte ich meinen Dank an folgende Personen zum Ausdruck bringen:

Stephan Mühr und Maxi Schoeman (Pretoria) sowie Andrew Webber (Cambridge) für ihre Unterstützung der Entstehung dieser Studie in Form einer Arbeit an der Universität Pretoria, deren Spuren in intensiv überarbeiteter Form in den Kapiteln eins bis fünf teilweise noch zu finden sind;

Matthias N. Lorenz (Hannover) für seine langjährige Freundschaft und viele Gespräche (nicht nur) zur postkolonialen Germanistik;

vier anonyme externe Gutachter für eine Fülle an wertvollen Anregungen zur Argumentation der Studie;

Joi Garbe (Leverkusen), Matthias Schmerold und Anya Heise-von der Lippe (Tübingen) sowie Margret Westerwinter (Düsseldorf) für ihre Unterstützung und Sorgfalt bei der Herstellung des endgültigen Texts;

allen afrikanischen Kolleg*innen aus dem Süden und Norden, Osten und Westen, mit denen ich im Laufe der Jahre produktive Gespräche geführt habe: Amadou Bâ (Dakar), Adams Bodomo (Wien), Chris Broodryk, Molly Brown (Pretoria), Amina El Halawani (Alexandria), Irma Eloff, Rebecca Fasselt (Pretoria), Gail Fincham (Kapstadt), Antony Goedhals, Tharina Guse (Pretoria), Ashleigh Harris (Uppsala), Harry Garuba (†2020), Pamila Gupta (Johannesburg), Farah Ismail (Pretoria), Sandra Klopper (Kapstadt), Kulukazi Kahimbaara-Soldati (†2019), Patrick Lenahan (Pretoria), Dina Ligaga (Johannesburg), Justus Makokha (Nairobi), Felix Maringe, Elizabeth Mavhunga, Achille Mbembe, Dilip Menon (Johannesburg), Stephan Mühr (Pretoria), Danai Mupotsa (Johannesburg), Addamms Mututa (Nairobi), Louis Nana (Tübingen), Idette Noomé (Pretoria), Sarah Nuttall, Josiah Nyanda (Johannesburg), Anthony Obtute (Tübingen), Dan Ojwang, Ruksana Osman, Bhekizizwe Peterson (Johannesburg), Vasu Reddy (Pretoria), Meg Samuelson (Adelaide), Mark Sanders (New York), Corinne Sandwith, Maxi Schoeman (Pretoria), Tina Steiner (Stellenbosch), Amir Taha (Johannesburg), Véronique Tadjo (London / Abidjan), Andries Visagie (Stellenbosch), Ivan Vladislavić (Johannesburg), Andries Wessels (Pretoria), Merle Williams, Eric Worby (Johannesburg);

meiner Familie, wie immer: Tatjana, mit der so viel von den hier untersuchten Themen gemeinsam besprochen und erlebt wurde; und Joshua, Iva und Niklas, die auch sehr viel vom AfrikAffekt verstehen.

 

Außerdem vielen Dank an Roberto Uribe Castro (Berlin), der es mir gestattete, sein Public Art-Kunstwerk „Ornament and Crime“ (Ecke Potsdamer Straße / Kurfürstenstraße, Berlin ©Roberto Uribe Castro, 2019) als Umschlagmotiv zu verwenden; danke ferner an Sonja Linke (Berlin), die das Foto des Kunstwerks zur Verfügung stellte.

 

Danken möchte ich schließlich dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für die freundliche Unterstützung des Drucks im Rahmen der Projektförderungen Thematisches Netzwerk „Literary Cultures of the Global South“ (20152018) (Projekt-ID: 57373684) und „Futures under Construction in the Global South“ (20192020) (Projekt-ID: 57419920).

1. Einleitung

Am 28. Februar 2019 wurde die Bibel Hendrik Witboois zusammen mit seiner Peitsche aus dem Besitz des Stuttgarter Linden-Museums von der Landesregierung Baden-Württembergs, vertreten durch die Kultusministerin Theresia Bauer, an die Familie Witboois in Anwesenheit des namibischen Präsidenten Hage Geingob in Gibeon/Namibia zurückgegeben (ARD 2019a). Die Bibel des zum Christentum konvertierten Nama-Anführers – dessen Bild den Umschlag dieses Buches schmückt – wurde 1893 bei einem Überfall deutscher Truppen entwendet und lag seit 1902 im Besitz des Linden-Museums. Die Rückgabe jener Bibel steht als exemplarisches Ereignis in der deutsch-namibischen Kulturpolitik der Gegenwart und als Auftakt zur vorliegenden Studie.

1.1 Hendrik Witboois Bibel

Die namasprachige Bibel trägt die handschriftlichen Randnotizen Witboois und stellt daher einen hybriden Text dar. Die namasprachige Übersetzung des Neuen Testaments ist Zeugnis der Missionsarbeit im Rahmen der „Zivilisierung“ des afrikanischen Kontinents durch Europäer; die handschriftlichen Vermerke dagegen machen den Text zu einem afrikanischen literarischen Artefakt, das die europäisch-christliche Vorlage zu eigenen Zwecken verwendet. Dabei werden die körperlichen Spuren der geschichtlichen Erfahrung der Kolonisierung und des antikolonialen Widerstands auf dem gedruckten Papier festgehalten. Trotz des klaren Unterschieds zwischen gedruckten Buchstaben und mit Bleistift aufgetragener Handschrift, bietet das Papier eine geteilte Plattform für verschiedene Schriftkulturen und eine gemeinsame Anschlussstelle für die jeweiligen kulturellen Entstehungsräume. Und das Papier reist: Der Text kehrt durch die Rückgabe nicht nur an seinen Heimatort zurück, so dass eine räumliche Zuordnung im geografischen Sinne erfolgt, sondern es eröffnet sich dadurch auch ein Netzwerk zwischen den Kontinenten (Afrika – Europa – Afrika), welches durch die Aus- und Heimreise des Texts entsteht. Zudem bildete die höchst emotionale Übergabezeremonie in Gibeon einen gemeinsamen Rahmen, in welchem die Vertreter*innen der Familie und des Stammes, des namibischen Staates und der baden-württembergischen Landesregierung sowie des Stuttgarter Museums durch eine stark ritualisierte Rückgabe zusammenkamen. Von der Ebene des textsemiotischen Artefakts über die der zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen bzw. Verhandlungen bis hin zur Versöhnung und der etwaigen Wiedergutmachung sind verschiedene Aspekte der Hybridität, der Interaktion und der gegenseitigen geschichtlichen Verflochtenheit untrennbar ineinander und miteinander verschränkt. Die Rückgabe der Witbooi-Bibel und -Peitsche bringt mannigfaltige Aspekte einer geteilten Geschichte zum Ausdruck:

Die namibisch-deutsche Geschichte, die aus gegebenem Anlass im Jahre 2004 in den Blickpunkt rückt, ist eine afrikanisch-europäische „Verflechtungsgeschichte“ jenseits euro- aber auch jenseits afrozentrischer Sichtweisen. Kolonialgeschichte, vorkoloniale und auch nachkoloniale Geschichte verbinden namibische und deutsche Geschichte in prägnanter, vielschichtiger Weise – und trennen sie zugleich. Namibier, Deutsche oder Namibia-Deutsche, ehemalige Opfer und Täter, ehemalige Kolonisierte und Kolonisatoren, Befreiungskämpfer und Siedler teilen historische Erfahrungen im Sinne einer shared history, einer verbindenden Geschichte, andererseits im Sinne einer trennenden Erfahrung. […] Koloniale Verflechtungen implizierten höchst ambivalente Interaktionen, Spannungen und Abgrenzungen, schufen gemeinsam Konstitutives wie konstitutiv Trennendes. (Förster / Hendrichsen / Bollig 2004: 19)

Annahme der vorliegenden Studie ist, dass die Rückgabe des Kulturraubguts im Jahr 2019 nicht nur eine Verflechtungsgeschichte wieder sichtbar werden lässt, sondern dass dadurch grundlegende und unausradierbare kulturelle Verbindungen zu Tage treten, die zwar lange Zeit vergessen worden sind, jedoch keineswegs aufgehört haben sich in den beiden Gesellschaften auszuwirken. Daher stellt allein die Tatsache, Verlorenes wieder zurückzubringen und Vergessenes wieder in Erinnerung zu rufen, einen entscheidenden Schritt in Richtung Versöhnung und Reparieren einer nach wie vor bestehenden, jedoch schwierigen, gar fragilen Beziehung dar. Solche Verbindungen sowie die Gesten, Symboliken und Rituale, die sie aufrechterhalten und sogar heilen können, sind grundsätzlich kreativer Natur, sie bedürfen aber stets einer kritischen Überprüfung und ideologieentlarvender Kontrollinstanzen. Das Wirken dieser Verbindungen, die sowohl historisch wie gegenwärtig und auf vielen verschiedenen Ebenen zu verstehen sind, ist Hauptgegenstand der hier durchgeführten literaturwissenschaftlichen Untersuchungen. Die Rückgabe der Witbooi-Bibel und -Peitsche stellt ein wichtiges interkulturell-politisches Zeichen dar, denn Baden-Württemberg machte hier einen Anfang mit der Restitution geraubter Kulturgüter aus Namibia: „Baden-Württemberg hat die ersten Schritte gemacht. Es ist Zeit, dass wir in Deutschland für unser koloniales Erbe gemeinsam die Verantwortung übernehmen und auch handeln“, so Landesministerin Bauer (MWK-BW 2019). Eine Rückgabe des Steinkreuzes vom Kreuzkap wurde einige Monate später vereinbart (ARD 2019b). Menschliche Gebeine wurden bereits 2011 an Namibia zurückgegeben. Die Rückgabe stellt auch einen wichtigen Schritt in Richtung Versöhnung dar: „Die Rückgabe ist ein Signal, dass wir es ernst meinen. Die Anerkennung des Unrechts ermöglicht die Eröffnung des gemeinsamen Dialogs und bringt uns im Versöhnungsprozess voran“, meinte Bauer (MWK-BW 2019). Innerhalb des Bundestags wurde eine breite Debatte über den Umgang mit kolonialen Kulturraubgütern angestoßen, die in mehrere parlamentarische Anfragen sowie eine Expertenanhörung mündete (Deutscher Bundestag 2019a). Eine offizielle Entschuldigung und im gegebenen Fall daraus entstehende Wiedergutmachungen, in welcher Form auch immer, wie sie von verschiedenen Seiten gefordert werden, stehen noch aus.

Diese kulturpolitischen Rahmenbedingungen liefern die konzeptuelle Umrahmung der vorliegenden Studie: Sie bietet in erster Linie eine Interpretation der deutschsprachigen Belletristik der Gegenwart zum kolonialen Deutsch-Südwestafrika und vor allem zum Deutsch-Namibischen Krieg und anschließenden Genozid an den Herero- bzw. Nama-Völkern 1904 bis 1908. Letzteres bedarf zunächst eines kurzen zusammenfassenden Überblicks.

Am 11. Januar 1904 begannen die in der jüngsten geschichtswissenschaftlichen Literatur als Deutsch-Namibischer Krieg bezeichneten Kampfhandlungen mit der Auflehnung der Herero im zentralen Deutsch-Südwestafrika. Im Zuge des rapide zunehmenden Landerwerbs seitens deutscher Siedler bei Verlust der traditionellen auf Rinderbesitz basierenden Wirtschaftsgrundlage der Herero, des rabiaten Eintreibens von Schulden von deutschen Händlern und der weitverbreiteten und ungestraften sexuellen Übergriffe seitens der Weißen entschlossen sich die Herero zum bewaffneten Kampf. Eine erhebliche Zahl deutscher Farmer wurde ermordet, deren Frauen und Kinder blieben jedoch verschont. Die deutschen Schutztruppen waren im Süden durch einen Aufstand der Bondelwarts gebunden und konnten nur langsam reagieren. Bald wurde Gouverneur Leutwein durch General Lothar von Trotha abgelöst, der eine Vernichtungsstrategie verfolgte: „Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld“ (zitiert nach Drechsler 1984 [1966]: 156). Nach erheblichen deutschen Truppenverstärkungen wurden die Hereroverbände am 11. August 1904 beim Waterberg geschlagen und in die Omaheke-Wüste getrieben. Die Abriegelung möglicher Fluchtwege durch Postenketten und die Vergiftung der Wasserquellen wurden als absichtlich geplante Vernichtungsmaßnahme durchgeführt:

Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserquelle zu Wasserquelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur des eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes. (Bericht der Kriegsgeschichtlichen Abteilung 1906, zitiert nach Kößler / Melber 2017: 234)

Am 2. Oktober 1904 erließ von Trotha den bekannten Schießbefehl:

Die Hereros sind nicht mehr deutschen [sic] Untertanen. […] Das Volk der Herero muß […] das Land verlassen. […] Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. (Zitiert nach Zimmerer 2003: 51)

Der Schießbefehl setzte die „Ausbürgerung“ der Herero und somit deren Vertreibung in die totale Rechtlosigkeit innerhalb der Kolonialgrenzen fort, d.h. sie konnten sowohl einzeln als auch als Gruppe straffrei getötet bzw. vernichtet werden. Schätzungsweise kamen insgesamt 80 bis 90 Prozent der Herero ums Leben (vgl. Bridgman 1981: 1645).

Provoziert durch die Niederlage und Unterdrückung der Herero entschieden sich viele Nama im Süden des Landen zum bewaffneten Widerstand, vermieden jedoch herkömmliche Kriegsmethoden und verfolgten einen Guerillakrieg, der 14.000 deutsche Soldaten auf sehr effektive Weise band – bis zum Tod Hendrik Witboois am 29. Oktober 1905. Danach kapitulierten viele der Nama-Kämpfer und erlitten ein ähnliches Schicksal wie die Herero. Schätzungsweise kamen 50 Prozent der Nama ums Leben (Speitkamp 2005: 133). Die Kampfhandlungen dauerten noch bis 1907 an. Einer der erfolgreichsten Nama-Kämpfer war Jakob Morenga, bis er 1906 in britische Gefangenschaft geriet und 1907 nach der Flucht ins benachbarte Bechuanaland starb (Bürger 2017: 12732). Der Krieg wurde am 31. März 1907 für beendet erklärt.

Bald nach der Schlacht am Waterberg wurden Gefangenenlager, ausdrücklich als „Konzentrationslager“ bezeichnet, errichtet. In den berüchtigten Lagern in Swakopmund sowie der Lüderitzbucht mit der Haifischinsel kamen zwischen 50 und 90 Prozent der Insassen um. Die Kriegsgefangenschaft für die Herero wurde am 28. Mai 1908 aufgehoben (Zimmer 2003: 58), da die Sterberaten für die Siedler einen ernstzunehmenden Engpass in der Versorgung mit afrikanischen Arbeitskräften bedeuteten. Nama-Gefangene wurden jedoch erst 1914 offiziell aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Die absolute Enteignung der Viehbestände bzw. des Landes der Kolonisierten wurde 1905 vom Reichstag beschlossen und vom kolonialen Gouvernement 1907 bekräftigt. Dadurch wurden riesige Gebiete im Zentrum und im Süden des Landes für weiße Siedler freigegeben, die über ein Reservoir völlig entrechteter und wirtschaftlich abhängiger Arbeitskräfte verfügten (Werner 2004). 1908 wurden der Arbeitszwang und die Passpflicht eingeführt. Zwangsumsiedlungen wurden durchgeführt und die Rassentrennung, auch einschließlich eines Verbots von Mischehen, wurde ab 1908 beschlossen (Hartmann 2004), so dass die Lineamente eines Vorläufers des Apartheidsystems entstanden, die unverändert von der Südafrikanischen Union während der Besatzung ab 1915, im Übergang zum Mandatsstatus 1919 und schließlich bei der Etablierung der Apartheid 1948 übernommen wurden.

Erst 1990 nach der Unabhängigkeit Namibias, der ein Vierteljahrhundert Befreiungskämpfe vorangegangen waren, wurde eine Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit möglich, die bald in die umstrittene Frage der Reparationen mündete.

Die vorliegende Studie untersucht acht zwischen 1978 und 2015 veröffentlichte deutschsprachige Romane zum Deutsch-Namibischen Krieg und zum Genozid an den Herero- und Nama-Völkern. Die Romane setzen an verschiedenen geschichtlichen Zeitpunkten an bzw. behandeln die Ereignisse aus sehr weit auseinandergehenden geschichtlichen Perspektiven. Der zentrale Ansatz hier ist jedoch weder die Bewertung der Aufarbeitung historischen Geschehens noch die diskursanalytische Kritik der jeweiligen Ideologien des Kolonialismus bzw. der Aufarbeitung des Kolonialismus, sondern die in den Romanen exponierte Gestaltung der affektiven Verbindungsmodi zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie zwischen Deutschen und den ehemaligen Kolonisierten bzw. den heutigen Namibiern.

Stellvertretend für diese literarische Strömung bzw. Untergattung (gegenwärtige literarische Darstellungen des Deutsch-Namibischen Kriegs) wird der bahnbrechende Montage-Roman von Uwe Timm, Morenga (2000 [1978] / 2020 [1978]) als paradigmatisches Beispiel für die Untersuchungsmethodik behandelt.1 Im Gegensatz zu vielen literaturgeschichtlichen Studien auf diesem Gebiet wird der Roman im Rahmen des allgemein noch relativ kontroversen und umstrittenen – im deutschen Kontext noch wenig bekannten – Ansatzes der Affekttheorie interpretiert. Es wird gezeigt, dass die Montage-Technik Timms nicht nur die kritische „Brechung“ der vermeintlich kohärenten Realität und deren ideologische Konstruktion unterstützt, sondern dass das Nebeneinanderfügen von Fragmenten genauso gut die gegenseitige Interaktion und sogar Anziehungskraft von verschiedenen aneinander geratenen Kulturen suggerieren kann. Genau wie im Falle der Restitution von geraubten Kulturgütern geht es darum, nicht nur einen unabdingbaren kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihre noch in die Gegenwart hineinreichenden Diskurse zu werfen, sondern darüber hinaus zu schauen, welche verbindenden Gesten, Rituale und Symboliken dringend notwendige interkulturelle Brücken bauen können und zur längst überfälligen Versöhnung beitragen können.

Neben Uwe Timms Morenga werden eine Reihe anderer Romane untersucht, um über den historisierenden diskursanalytischen Ansatz hinaus eine neue affekttheoretische Methodik zu erproben: angefangen mit Dietmar Beetz’ Flucht vom Waterberg (1989) über Giselher W. Hoffmanns Die schweigenden Feuer (1994), Gerhard Seyfrieds Herero (2003), Stephan Wackwitz’ Ein unsichtbares Land (2003), Andrea Paluchs und Robert Habecks Der Schrei der Hyänen (2004) bis hin zu Hellmut Lemmers Der Sand der Namib (2014) und Bernhard Jaumanns Der lange Schatten (2015).

Sowohl der kritische, distanzierende, ideologieentlarvende als auch der konstruktive, zusammenbringende Ansatz gehören zur Ausstattung der progressiven Literaturkritik. Nicht zuletzt, weil beide Aspekte immer bereits von der Belletristik selbst mobilisiert werden. Einerseits entfremdet der Text die Realität und dementsprechend das Selbstverständliche an der Realität, um soziopolitische Transformationen zu ermöglichen und voranzutreiben. Andererseits kommuniziert die Literatur gleichwohl mit der Leserschaft anhand emotioneller Identifikation, Empathie und Teilhabe sowie anderer nicht-kognitiver ästhetischer Reaktionen zwecks Transformation der Wahrnehmung, Subjektivität und Handlungsfähigkeiten der Leserschaft. Eine solche Doppelausstattung der Literaturkritik kann wiederum als Teil einer kritisch-konstruktiven Kulturpolitik verstanden werden, die ferner im Rahmen der allgemeinen Verständigung zwischen den Kulturen eingebettet werden und diese tatkräftig unterstützen soll.

1.2 Thesen der Studie

Die Witbooi-Bibel veranschaulicht im Kontext der kulturpolitischen Bestrebungen und Transformationen, die zur Rückgabe führten, die drei Hauptthesen der vorliegenden Studie zur Rolle des „Affekts“ im deutschsprachigen Roman der Gegenwart zum Thema Herero- bzw. Nama-Genozid 1904 bis 1908:

Metahistorische Romane sind Texte, die gezwungenermaßen die Spannung zwischen Fakt und Fiktion besetzen. Und zwar nicht unbedingt ausschließlich mit dem Ziel, eine historische Wahrheit zu Tage zu fördern oder aufzuarbeiten, sondern eher, um die Verbindung zwischen einem bzw. einer Leser*in einer fiktiven Geschichte und einer „wahren“ Geschichte zu überprüfen. D. h. letztendlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu forschen. In den hier untersuchten Textbeispielen geht es darum, in welchem Verhältnis der bzw. die Leser*in mittels des Texts zum Deutsch-Namibischen Krieg und zum Genozid der Herero- bzw. Nama-Völker in Deutsch-Südwestafrika vor über hundert Jahren steht.

Metahistorische Romane arbeiten auf den kognitiven Ebenen der Repräsentation, d.h. wie ein historischer Inhalt textuell dargestellt wird, und der Hermeneutik, d.h. wie der Rezipient der Darstellung diese Darstellung entschlüsselt bzw. interpretiert. Diese Ebenen entsprechen den Disziplinen der Diskursanalyse (Zima 1989) und der Rezeptionsästhetik (Jauß 1970). Allerdings arbeiten solche metahistorischen Romane nicht nur auf diesen zwei Ebenen. Sie wirken gleichzeitig auch auf der „affektiven“ Ebene, d.h. mit der Art und Weise, wie die Verbindung zwischen Text und Leser, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Romanfigur und interpretierendem Subjekt inszeniert und transformiert wird. Die Verbindung gilt dabei nicht als eine vorgegebene Größe, sondern stellt ein dynamisches Wirkungsfeld dar und bleibt als solches stets beweglich und unstabil. Der „Affekt“ meint hier, laut Spinoza (1972: 157), „die Erregungen des Körpers, durch welche das Tätigkeitsvermögen des Körpers vergrößert oder verringert, gefördert oder gehemmt wird; zugleich auch die Ideen dieser Erregungen“; solche Änderungen des Tätigkeitsvermögens des Körpers werden durch die Tätigkeiten eines anderen Körpers erregt, so dass der „Affekt“ zwangsläufig die transformative Beziehung zwischen mindestens zwei Körpern bezeichnet. Im Rahmen dieser Studie wird ein erweiterter Affektbegriff vorausgesetzt und verwendet. Der „Affekt“ bezeichnet nicht nur Emotionen („Gefühle“) zwischen Menschen, sondern auch anderes „Gefühltes“: Solches, das nicht bewusst wahrgenommen wird, und ebenfalls solches, das zwischen nicht-menschlichen Körpern, auch nicht-lebendigen Körpern verkehrt, so dass jenes „Gefühltes“ nur anhand seiner Konsequenzen abgelesen werden kann. Der „Affekt“ ist überall wirksam als grundlegender Baustein der materiellen Realität in ihrer Dynamik (West-Pavlov 2019); er wirkt dank der räumlichen Nähe bzw. der materiellen Kausalität und bewirkt die Komplexität der „Emergenz“ der natürlichen Welt (Prigogine / Stengers 1980). Er ist wirksam auch im, um und durch den literarischen Text. Der literarische Text kann Affekte im engeren Sinne erwecken und daher im breiteren Sinne, im Rahmen anderer „Affektnetzwerke“, Effekte bewirken. Im Kontext der vorliegenden Studie geht es zum einen um eine radikal erneuerte Beziehung zur Kolonialvergangenheit. Einerseits zu Deutsch-Südwestafrika, der Kolonie, in der der Genozid stattgefunden hat, aber auch ganz konkret zum heutigen Namibia im Sinne einer Bewusstmachung der bestehenden Verhältnisse und Annäherung zwischen den Ländern im Zuge des aufkommenden Globalen Südens.

In dieser Hinsicht bezeichnet der literarische „Affekt“ nicht nur die „Gefühle“, die anhand literarischer Figuren registriert oder beschrieben werden, oder die Gefühle, die vom Leser bzw. der Leserin bei der Lektüre empfunden werden, sondern primär die wirkungsgeschichtlichen Verbindungen sowie die daraus entstehenden Transformationen eines jeglichen Verhältnisses zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dementsprechend beschreibt der literarische „Affekt“ ferner die wirkungsgeschichtlichen Verbindungen zwischen Subjekten in der Vergangenheit und Subjekten in der Gegenwart und schließlich die unergründlichen Innovationen, die in der Zukunft dadurch hervorgebracht werden können. Der „Affekt“ birgt daher das Potenzial für eine Veränderung der durch geschichtliche Ereignisse scheinbar vorbestimmten Verhältnisse. Der „Affekt“ beantwortet letztlich die Frage Bhabhas (1994: 212), „wie das Neue in die Welt kommt“. Er bildet eine Basis für einen textanalytischen und kulturpolitischen Ansatz, der die Geisteswissenschaften aus der Sackgasse der trotzdem nach wie vor unabdingbaren Diskursanalyse und der damit einhergehenden Ideologiekritik (vgl. z.B. Felski 2015; McDonald 2018) bringen kann, und welcher sich mit einem positiven Ausgangspunkt der grundsätzlichen Vernetzung und deren transformativer Wirkung verbindet.

1.3 Struktur der Studie

Der erste Teil der Studie besteht aus einer theoretischen Einleitung (Kapitel 2) und einer gegenwärtigen diskurspolitischen Kontextualisierung (Kapitel 3), die die Grundlagen für die anschließenden Textanalysen bilden.

Im zweiten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen gelegt. Hier dient zunächst Gerhard Seyfrieds Roman Herero (2003) als Folie für die theoretische Erörterung der Studie. Eingangs wird der allgemeine Kontext der heutigen Literaturwissenschaft skizziert, vor allem die gegenwärtige Multikrise, einschließlich der deutsch-afrikanischen Beziehungen, die zunehmend in das Blickfeld der Geisteswissenschaften gerät. Vor allem im Bereich der heute gängigen literaturwissenschaftlichen Ansätze, die meist historisch-kontextualisierend arbeiten, werden Desiderata aufgezeichnet, so dass der Bezug zum heutigen Moment oft verloren geht. Im Gegensatz dazu entwirft und erprobt die vorliegende Studie einen affektorientierten Ansatz, in dessen Zentrum ein erweiterter Affektbegriff steht.

Im dritten Kapitel wird, nach einem einführenden Exkurs zum Familienroman Hellmut Lemmers, Der Sand der Namib (2014), eine ausführliche Analyse der Bundestagsdebatten zu den Beziehungen zu Namibia unternommen, um so das Fundament für die im zweiten und dritten Teil der Studie folgenden Analysen sechs weiterer belletristischer Fallstudien zu legen und sie in den heutigen Kontext einbetten zu können. Ausschlaggebend für diese Untersuchung ist weniger die sehr vorsichtige und ausschließlich „privat“ gemeinte Entschuldigung, die von der damaligen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul in Namibia 2004 ausgesprochen wurde, als vielmehr die Nähe zu den fast gleichzeitig stattfindenden Debatten im Bundestag über den Armenienvölkermord (Jelpke et al. 2015). Es zeigt sich, dass in vielen der herrschenden Diskursmuster Distanz, Gleichgültigkeit und Überheblichkeit, wie gegenüber den heutigen namibischen Verhandlungspartnern, spürbar sind, die in etlichen Hinsichten koloniale Züge aufzeigen.

Der zweite Teil der Studie ist dem für diese Untersuchung als paradigmatisch geltenden Roman Uwe Timms aus dem Jahre 1978, Morenga (2000 [1978] / 2020 [1978]), gewidmet. Die Kapitel vier und fünf bauen auf die gegenwartsbezogene (geo-)politische Diskursanalyse der Bundestagsdebatte auf, um eine affektorientierte Textanalyse des Romans zu unternehmen. Es wird gezeigt, dass die Montage-Methode Timms nicht nur einen epistemisch-historischen „Verfremdungseffekt“ erzeugt, sondern dass das Nebeneinander von Textfragmenten verschiedener Gattungen ein Modell liefert, welches das In-Bezug-Setzen von disparaten geschichtlichen Epochen und anscheinend auseinanderliegenden Völkern, Dingen und Lebensweisen konkret werden lässt. So entwirft Timms Roman auf dem Hintergrund des Deutsch-Namibischen Kriegs und des Herero- bzw. Nama-Völkermords ein Konzept für einen auf dem komplexen, dynamischen Gewebe des Lebens beruhenden erweiterten Affektbegriff.

Im Anschluss an die Analyse von Morenga werden im dritten Teil der Studie fünf andere Romane aus drei Jahrzehnten untersucht, ausgehend von Dietmar Beetz’ Flucht vom Waterberg (1989) und Giselher W. Hoffmanns Die schweigenden Feuer (1994) (Kapitel 6), über Stephan Wackwitz’ Ein unsichtbares Land (2003) (Kapitel 7) sowie Andrea Paluchs und Robert Habecks Der Schrei der Hyänen (2004) (Kapitel 8) bis hin zu Bernhard Jaumanns Der lange Schatten (2015) (Kapitel 9), um die verschiedenen Gestaltungsformen der affektiven Verbindungsmodi zur afrikanischen Vergangenheit bzw. Gegenwart darzulegen. Die affekttheoretischen Ergebnisse fallen insgesamt bei aller Komplexität der Texte ernüchternd aus, zeigen jedoch auf, inwiefern die Verwobenheit der zwei Kulturen trotz der Entfernung voneinander über ein Jahrhundert weiterbesteht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Morenga seiner Zeit weit voraus war und bis heute ist. Timm „hat […] den Roman nicht als Parabel auf seine Zeit angelegt, und so konnte und kann der Roman weit über seine Gegenwart hinausweisen“, so Habeck (2020: 474) in seinem Nachwort zur jüngsten dtv-Ausgabe des Romans. Timms Hauptfigur Gottschalk entwickelt eine starke affektive Verbindung zum Land Südwestafrika und zu seinen Bewohnern, kann dies jedoch nicht in eine grundsätzliche persönliche Haltung bzw. Lebenspraxis umsetzen – was zugegebenermaßen zu der Zeit, in der der Roman spielt, sowieso fast unmöglich gewesen wäre. Da wo Gottschalk als Figur scheitert, gelingt es aber Timms Text, ein Bündel affektbasierter Schreibstrategien darzubieten, die das kompensieren, was die Figur selbst nicht kann. Diese textuellen Strategien deuten – wohlgemerkt – bereits Mitte der 1970er-Jahre das an, was spätestens heutzutage aufgrund der zunehmenden Verflechtung der beiden Kontinente miteinander an positiven politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Strategien notwendig wäre, um die bestehende Distanz in eine genuine, gleichberechtigte Zusammenarbeit umzuwandeln. Der zukunftsträchtige Charakter der Timm’schen Strategien tritt umso stärker in den Vordergrund, je affektarmer die textuellen Strategien der nachfolgenden Fiktionen des Deutsch-Namibischen Kriegs ausfallen.

Mit teilweiser Ausnahme von Jaumanns Krimi Der lange Schatten (2015) wird in den Texten eine große Distanz zu den dargestellten afrikanischen Bevölkerungen stillschweigend vorausgesetzt und durch die textuellen Strategien der Fiktionen aufrechterhalten. Beetz’ Flucht vom Waterberg (1989) verwendet einen Protagonisten, dessen hybride Identität eine affektive Anschlussstelle für den erzählerischen Einblick in die Welt der nicht-weißen Beteiligten am Deutsch-Namibischen Krieg bietet, solche Einfühlungsperspektiven jedoch in abstrakten Verbündnisträumen verpuffen lässt. Hoffmanns Die schweigenden Feuer (1994) ist von einem Deutsch-Namibier verfasst, so dass man von einer gewissen affektiven Nähe zu den afrikanischen Protagonisten ausgehen könnte. Diese Annahme ruht auf der empathischen Darstellung des Herero-Lebens, teilweise untermauert durch eine pseudo-autobiografische Stimme. Es bleibt aber bis zum Ende unklar, inwiefern das hier wortwörtlich verflochtene deutsch-namibische Schicksal ein residuales koloniales Wissen in Erscheinung treten lässt, das in eine unterschwellige Bejahung des Untergangs des Herero-Volkes mündet und auf diese Weise nicht dessen Ferne, sondern vielmehr dessen Abwesenheit postuliert. Wackwitz’ Ein unsichtbares Land (2003), Paluchs / Habecks Der Schrei der Hyänen (2004) und Lemmers Der Sand der Namib (2014) sind deutsche Familienromane, welche durch die generisch bedingte Selbstfokussierung auf die deutsche Seite jener „Verflechtungsgeschichte“ zwangsweise die afrikanische Seite mehr oder weniger ausblenden. In diesen Romanen bleibt Afrika weitgehend fernab der deutschen Realitäten von heute.

Fazit: Morenga ist nicht grundlos nach wie vor bei der deutschen Leserschaft beliebt, wie die seit vier Jahrzehnten konstant bleibenden Verkaufszahlen und regelmäßigen Neuauflagen (zuletzt Anfang 2020 mit einem Nachwort von Robert Habeck) zeigen. Diese Beliebtheit beruht darauf, dass der Roman ein Publikum anspricht, das einer affektiven Beziehung zur Vergangenheit und Gegenwart Afrikas offen gegenübersteht, auch wenn er durch seine Montage-Technik keine leichte Kost ist. Bleibt Morenga vielleicht deshalb so erfolgreich, weil die affektive Arbeit, die der Roman leistet, nach wie vor ein Desiderat sowohl in der deutschsprachigen Belletristik als auch in der deutschen Außen- bzw. Kulturpolitik darstellt?

1. Teil: Theorie, Methode und Kontext

2. Theoretischer und methodologischer Rahmen der Studie

Im Jahr 2003, kurz bevor sich der Beginn des Deutsch-Namibischen Kriegs zum hundertsten Mal jährte, wurde Gerhard Seyfrieds knapp betitelter Roman Herero mit großer medialer Wirkung veröffentlicht. Auf die gebundene Ausgabe im Frankfurter Eichborn Verlag folgte 2004 eine Taschenbuchausgabe im Berliner Aufbau Verlag, was darauf hindeutet, dass der Roman ein Verkaufserfolg war. Der Roman präsentiert sich als penibel recherchierte und historisch genaue Wiedergabe des damaligen Geschehens (Seyfried 2003: 4; Thomma 2003) und evoziert somit zwangsläufig die ewige Frage des Verhältnisses von Fakt und Fiktion (vgl. Koschorke 2012; Roesch 2013). Herero löst jedoch seine Versprechungen in einem wichtigen Bereich nicht ein: Die titelgebenden Herero zeichnen sich durch Abwesenheit in weiten Teilen der Handlung aus. Diese auffällige Diskrepanz bietet einen fruchtbaren Einstieg in die Materie der theoretischen und methodologischen Fundierung der vorliegenden Studie.

2.1 Seyfrieds Herero und die Unsichtbarkeit der Herero

Seyfrieds Herero beeindruckt durch den Umfang von 600 Seiten und die Fülle an Material, die es erlaubt, den Deutsch-Namibischen Krieg in seiner Anfangsphase als quasi-welthistorisches Ereignis zu präsentieren. Der versprochene historische Wahrheitsgehalt wird durch verschiedene narrative Methoden unterstützt: Der Roman ist mit Landkarten (Seyfried 2003: Buchdeckel innen), Fotografien (ebd.: 119, 269, 334, 360, 361, 406, 431, 432, 468; allerdings nicht in der Taschenbuchausgabe von 2004), Skizzen (ebd.: 50, 154, 156, 198, 233, 330, 336, 350, 380, 382, 455, 494, 506, die ebenfalls in der Taschenbuchausgabe fehlen), Glossaren (ebd.: 594601) und Quellenverzeichnissen (ebd.: 6025) ausgestattet; der Text ist voll von Bezügen zu wahren Begebenheiten, geschichtlich belegbaren Orts- und Personennamen sowie technischen Beschreibungen: „Fast nichts an meinen Schilderungen ist fiktiv“, so Seyfried in einem Interview. „Es stimmt alles so weit wie möglich. Ich habe all die Jahre recherchiert und gut 250 Bücher durchgeackert. Die Figuren sind nahezu alle historisch“ (Thomma 2003).

Angesichts des Anspruchs auf Historientreue und insbesondere des programmatisch anmutenden Titels ist es umso bemerkenswerter, dass die vermeintlich im Vordergrund stehenden Herero selten vorkommen. Ein Abschnitt des Romans Seyfrieds (2003: 2001) mit dem Titel „Brandungsneger“ steht in außerordentlich scharfem Kontrast zum Beginn von Uwe Timms Morenga (2000 [1978]: 9 / 2020 [1978]: 9), in dem Gottschalk auf dem Rücken eines Eingeborenen durch die Brandung zum Strand getragen wird, und zu einer analogen Textstelle in Paluchs / Habecks Der Schrei der Hyänen (2004: 18). Da, wo Timm und Paluch / Habeck die affektive Reaktion Gottschalks bzw. Arabellas auf den intimen Kontakt zwischen den Körpern schildern (ausführlicher wird hierauf in den Unterkapiteln 5.3, 5.5.2 und 8.3 eingegangen), fällt bei Seyfried die völlige Abwesenheit der afrikanischen Träger ins Auge. Ausführlich geschildert wird jedoch die Neugier des Protagonisten Seelig, ob die „Brandungsneger“, die an Bord des Schiffs kommen sollen, tatsächlich sehr schwarzhäutig seien („Bloß braun wäre enttäuschend, aber so richtig schwarz, das muss seltsam aussehen“; ebd.: 201). Die afrikanischen Arbeiter erscheinen allerdings gar nicht. Sie kommen nicht einmal in Sichtnähe, geschweige denn in intimen körperlichen Kontakt mit den Deutschen. Gottschalks erste Auseinandersetzung mit einem solchen Körperkontakt („Er ekelte sich“; Timm 2000 [1978]: 9 / 2020 [1978]: 9) bahnt den Weg für eine Entwicklung hin zur Vertrautheit mit dem „Geruch nach Erde, Sonne und Wind“ seiner Nama-Geliebten Katharina (ebd.: 254 / 265); ähnlich funktioniert Arabellas Entdeckung, „daß sich die Haut anfühlte, als wäre sie weiß“ (Paluch / Habeck 2004: 18), als leise Andeutung auf die spätere Beziehung zum aufständischen Assa. Im Gegensatz dazu steht Seyfrieds imaginäre Beschreibung der nicht vorhandenen Eingeborenen als geradezu paradigmatisch für die weitgehende Unsichtbarkeit der Afrikaner in einem Roman, der dennoch ihren kollektiven Namen trägt. Da wo Timm und Paluch / Habeck einen viszeralen Affekt beschreiben, der Teil eines Transformationsprozesses ist, der nicht nur andere Menschen, sondern auch das Land und die Umwelt miteinschließt, „schaut“ die Seyfried’sche Figur „gierig hinüber“ (2003: 201) zu einer entfernten, menschenleeren Küste, die somit lediglich als „durchaus paradiesisch[er]“ Gegenstand der kolonialen Raffgier erscheint (ebd.: 201).

Gerade in diesem Widerspruch zwischen der Verwendung des Kollektivnamens und der Abwesenheit der Herero spiegelt sich die grundlegende Ambivalenz in Seyfrieds Roman in Bezug auf die Darstellung der Afrikaner. Einerseits wird durch die häufige Verwendung der erlebten Rede ein unmittelbarer Zugang zum Bewusstsein der wenigen beschriebenen Herero-Figuren suggeriert. Ein solcher Zugang wird sehr früh im Roman anhand der Perspektive der Fokalisierungsfigur Petrus gezeigt, die stellvertretend für einen bestimmten Blickwinkel steht:

Petrus […] läuft auf dem heißen Sand durch den lichten Busch, vermeidet, ohne recht achtzugeben, die scharfkantigen Steine und die nadelspitzen Dornen und denkt dabei an Osona und das große Palaver. Wichtig ist die Häuptlingsnachfolge, das hat man auch überall den Deutschmännern erzählt, aber beim Palaver in der Oganda Osona wird es um etwas viel, viel Wichtigeres gehen. Um was es da geht, das hat den Deutji keiner gesagt, das sollen sie nicht wissen. Nur die schwarzen Menschen wissen, daß es um die große Angst und um die große Wut geht und um die gelben Dinger [d.h. um die Weißen]. Es geht um die Otjirumbu [d.h. um die gelben Dinger, die Weißen]. (Seyfried 2003: 21)

Die erlebte Rede, die eine auktoriale narrative Perspektive mit einer Figurenperspektive verschmelzen lässt (Fludernik 1993), erzeugt ein Gefühl der unvermittelten Nähe zur Erlebniswelt der Figuren. In dieser Textstelle bietet die erlebte Rede einen Zugang zur Welt der Herero, den die zeitgenössischen Deutschen nicht besitzen. Dementsprechend sagt der Autor in einem Interview, „Es geht mir um die Nähe zu dieser Zeit, auch in der Sprache und im Stil“ (Thomma 2003). Und somit liegt Loimeier (2004: 40) zum Teil falsch, wenn er behauptet, dass „die Leser […] nur durch die deutsche Brille vom Krieg in Namibia [erfahren]. Die andere Seite der Medaille – also die Perspektive der Nama und Herero – bleibt vollkommen ausgeblendet.“ Wird doch immer wieder eine, wenn auch künstliche afrikanische Sicht der Dinge in die Erzählung eingebaut.

Loimeiers Einschätzung ist aber zum Teil auch richtig. Denn andererseits wird durch die erlebte Rede bzw. die eigenen Aussagen der Herero-Figuren eine unüberwindbare Fremdheit generiert. Wie durch die soeben zitierte Stelle ersichtlich wird, stört der Einschub von nicht unmittelbar verständlichen Begriffen aus der Herero-Sprache oder die Verwendung ungewöhnlicher semantischer und syntaktischer Strukturen (z.B. „Deutji“, kindisch klingende Verdopplungen usw.) die angeblich mehr oder weniger direkte Vermittlung der Figurengedanken. Somit bleiben sie dem bzw. der Leser*in in dem Moment, in welchem er oder sie der afrikanischen Subjektivität am nächsten kommt.

Diesbezüglich merkt Habeck (2004) an:

[D]ie Schilderung erfolgt nicht mit dem Blick des Weißen (was wohl so sein muss), sondern bestätigt exakt die Erwartungshaltung, mit der man auf Safari geht, um eine seltene Spezies zu besichtigen. Seyfrieds Versuch, den schwarzen Blick zu kopieren, reproduziert das Klischee des Naturmenschen, also den einfachen Gegensatz von Zivilisation und Wildnis.

Vor allem mit Bezug nicht nur auf die Geschichtlichkeit der Ereignisse, sondern vielmehr auf das Geschichtsbewusstsein der fiktiven Herero wird eine unmessbare Ferne herbeigeführt. Seit der Niederlage am Waterberg ist laut einer der Figuren „der Mond einmal rund geworden und wieder ganz mager und noch einmal rund, und bald wird er wieder mager sein“ (Seyfried 2003: 574). Das Zeitbewusstsein der Herero-Figuren bleibt, so der Text, in einer zyklischen, d.h. nicht-linearen und daher vermeintlich primitiven Logik der natürlichen Welt verhaftet (vgl. Fabian 1983: 30; Ricoeur, Hg. 1975). Nur mit großer Mühe kann die Zeit bemessen werden: Die Figur Petrus „zählt so an die vierzig Sommer“ (Seyfried 2003: 21). Seyfrieds Herero-Figuren verharren in einem nicht ganz zeitlosen, doch nur partiell geschichtlich strukturierten Raum (vgl. Hermes 2009: 2323). Daher die Ambivalenz der Darstellung: Der Roman gibt vor, den Herero-„Aufstand“ bis in die kleinsten geschichtstreuen Details dazustellen und lässt eine Art experientielle Nähe zu den Gegnern zu, schließt sie aber zugleich aus der Geschichtlichkeit der Geschichte aus. Das „afrikanische“ Afrika ist, wie bei Hegel (1961: 163), „kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung oder Entwicklung aufzuweisen.“ Die Geschichte Südwestafrikas wird „hier bloß an der Schwelle der Weltgeschichte vorgeführt“ (ebd.: 163) und bleibt letztendlich eine europäische Geschichte. Dem Afrikaner dagegen wird eine Teilhabe an jener Geschichte nicht gewährt; sein Wesen ist das eines „Geschichtslose[n] und Unaufgeschlossene[n], das noch ganz im natürlichen Geiste befangen ist“ (ebd.: 163). Die Herero werden somit in eine unüberbrückbare geschichtsphilosophische Ferne verbannt, die die Illusion der Erfahrungsnähe untergräbt. Die Erfahrungsnähe dient schließlich nur der epistemologischen Autorität der Erzählung, die es erlaubt, die Herero als historische Objekte (etwa nach dem Muster der „Geschichte und Gebräuche“, denen das Interesse Ettmanns gilt [Seyfried 2003: 37]) aus unmittelbarer Nähe zu kennen. Sie selbst treten nicht als historisch bewusste Subjekte auf und bleiben dem deutschen Publikum mentalitätstechnisch und geschichtsbegrifflich anhaltend fern. Es ist kein Zufall, dass es am Ende der Erzählung heißt: „Petrus blieb verschollen“ (ebd.: 592).

Somit kann Seyfried schließlich den Völkermord an den Herero bzw. Nama relativieren und als geschichtliches Faktum weitgehend verdrängen (Hermes 2009: 23740). Das eventuell aufkommende Gefühl der historischen Schuld bzw. der damit einhergehenden Verantwortung in Anbetracht einer zwangsläufig gemeinsamen Geschichte kann dabei vollständig ausgeblendet werden. Die strukturierende Ambivalenz von Seyfrieds Romans, die ein künstliches Gefühl der Nähe erzeugt, um es dann in ein Gefühl der Distanz umzukehren, kann als Symptom der heute allseits herrschenden Ambivalenz Deutschlands gegenüber Afrika im Allgemeinen und Namibia im Besonderen gedeutet werden: Afrika und Europa rücken im Zuge der wachsenden Migrationsströme immer näher zusammen, Deutschland wird sichtbar „afrikanischer“, der gefühlte Abstand bleibt jedoch erhalten und wird in rechtsradikalen Diskursen zusätzlich betont. Die „Politik der Annäherung“ an Afrika seitens der Bundesregierung entpuppt sich lediglich als Strategie der „Fluchtursachenbekämpfung“ oder ganz einfach als „Fluchtbekämpfung“ (Dünnwald et al. 2017). Im Folgenden fungieren diese strukturierenden Ambivalenzen und Spannungen zwischen Geschichtstreue und erlebter Stimmung, zwischen narratologisch generierter Nähe und geschichtsphilosophischer Distanz als konzeptuelle Einfassung des theoretischen und methodologischen Rahmens der vorliegenden Untersuchung.

Die Studie widmet sich gegenwärtigen literarischen Diskursen zum Deutsch-Namibischen Krieg und anschließenden Genozid im damaligen Deutsch-Südwestafrika 1904 bis 1908 anhand mehrerer zwischen 1978 und 2016 veröffentlichten Romane. Im Gegensatz zum herrschenden Forschungsansatz, der sich vornimmt, die Beziehungen zwischen der historischen Vorlage und der literarischen Fiktion nachzuzeichnen, um die öffentliche Meinung bezüglich der „Aufarbeitung“ des damaligen Völkermords – vor allem im Hinblick auf ein In-Bezug-Setzen des Herero-Genozids zum späteren Holocaust – widerzuspiegeln bzw. zu beeinflussen, werden hier die affektiven Dimensionen des schriftstellerischen Unternehmens, den Deutsch-Namibischen Krieg und den Völkermord an den Herero bzw. Nama mit literarischen Mitteln darzustellen, analysiert. Da Seyfrieds Roman Herero beide Aspekte der historischen Belletristik aufweist und versucht, wenn auch nur bedingt erfolgreich, sowohl historischer Treue wie auch nacherzählter Subjektivitätserfahrung gerecht zu werden, bietet der Text, wie bereits angeführt, einen passenden Einstieg in die Skizzierung des methodologischen und theoretischen Rahmens der Studie.

2.2 Kontext der Studie

Seyfrieds Herero erscheint kurz nach dem Ende eines Jahrzehnts des (vermeintlichen) Friedens in der westlichen Welt, das sich an das Ende des Kalten Kriegs nach dem Mauerfall 1989 und die Wiedervereinigung 1990 anschloss. Der Fall der Berliner Mauer bedeutete zugleich, aus der Sicht des amerikanischen Historikers Fukuyama (198919941995199819992005