
Stephan Mathys
Unfroh
edition 8
Stephan Mathys
Unfroh
Roman


Für R. M. K.
Die edition 8 wird im Rahmen des Förderkonzepts zur Verlagsförderung in der Schweiz vom Bundesamt für Kultur mit einem Förderbeitrag für die Jahre 2019–2020 unterstützt.
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September 2020, 1. Auflage, © dieser Ausgabe bei edition 8. Alle Rechte, einschliesslich der Rechte der öffentlichen Lesung, vorbehalten. Lektorat & Korrektorat: Geri Balsiger; Typografie, Umschlag: Heinz Scheidegger. Umschlagbild: Raoul Ris ›Schwimmsack‹ (2011). e-Book: mbassador GmbH, Basel.
Verlagsadresse: edition 8, Quellenstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41/(0)44 271 80 22, info@edition8.ch
ISBN 978-3-85990-404-0
PROLOG
1
Als die Menschen den Mond eroberten, begann ich Schubladen leerzuräumen, und ich schmierte mich von oben bis unten mit Sonnencreme voll, nagte an der Faust meines Vaters, krabbelte auf Mutters Schoss, zupfte an den Haaren meiner grossen Schwester.
Ich mische die Zeiten durcheinander, erinnere mich, glaube mich zu erinnern, suche nach Geschichten in den Gesichtern und Dingen und Landschaften vor mir. Ich sehe mich als Kleinkind in den Armen meiner Mutter, auf einem Dreirad, mit der Schwester oben auf der Rutschbahn, beim Füttern der Ziegen im Tierpark, auf dem Schlitten irgendwo in den Bergen.
Ich lebte als Kind in einem eigenen kleinen Zimmer mit fleckiger Tapete, blauweiss gesprenkeltem Spannteppich und orangem Lampenschirm. Als ich grösser wurde, kam ein Pult aus dunklem Holzimitat dazu. Unser Einfamilienhaus stammte aus den Fünfzigerjahren, es lag am Rande eines Dorfes im schweizerischen Mittelland, von den umliegenden Hügeln aus liessen sich bei klarer Sicht die Berge erspähen. Die nächste Kleinstadt war fast eine halbe Auto-stunde von uns entfernt. Man grüsste sich im Quartier, blieb einen Moment stehen, redete über das Wetter, über neue Nachbarn, über Schicksalsschläge von Bekannten, über die Leute im Fernsehen. Unser kleiner Garten war zur Strasse hin mit einem Zaun geschützt, der von Vater jeden Frühling mit dunkelbrauner Farbe frisch gestrichen wurde. In einer Ecke wuchs ein Rosenstrauch, daneben pflanzte Mutter in einem winzigen Beet Lauch, Salat und Karotten. Auf dem Rasenstreifen übten meine Schwester Ruth und ich den Kopfstand und das Jonglieren mit Zeitungsknäueln, die wir mit Schur und Klebstreifen umwickelt hatten. Mittwochnachmittags radelte ich zur Wiese hinter dem Schulhaus, wo sich immer eine Schar Kinder zum Fussballspielen traf.
Im Dorf gab es fast alles, was wir brauchten: Das Brot kauften wir in der Bäckerei an der Hauptstrasse, das Fleisch beim Metzger nebenan, die Kleider im Modegeschäft oder an den Börsen des Frauenvereins und das Gemüse, den Reis und die Teigwaren bei Herrn Morgenthaler im Laden am anderen Ende des Dorfes, über dessen Eingangstür ein altes Schild hing, das in Schnörkelschrift mit ›Kolonialwaren‹ angeschrieben war, ein Wort, das ich damals noch nicht kannte und mich deshalb faszinierte.
Einmal zeigte uns Mutter eine Kiwi, die sie beim Einkaufen geschenkt bekommen hatte. Sie streckte uns die fremde Frucht entgegen und sagte: »Genauso sähen Haseneier aus, wenn Hasen überhaupt Eier legen würden.« Wir lachten, und Mutter erklärte, Herr Morgenthaler habe ihr gesagt, Kiwis seien eigentlich Vögel, die nicht fliegen könnten, dafür hätten sie ganz lange Schnäbel, und sie lebten in Neuseeland, auf einer Insel, die auf der anderen Seite der Erde liege. Ich zappelte mit den Beinen, wir bissen vorsichtig in eine Scheibe dieser Kiwi und verzogen unsere Gesichter.
Als ich einmal meinen Primarschullehrer fragte, was das Wort Kolonialwaren bedeute, sagte er, es erinnere an ein dunkles Kapitel der Geschichte, und er habe schon lange darum gebeten, diese Tafel zu entfernen. Dann redete er von Herrenmenschen, von Ausbeutung und Unterdrückung, aber ich verstand nicht so recht, was er mir sagen wollte, und in meine Faszination über das fremde Wort mischte sich ein stechendes Unbehagen. Dabei war Herr Morgenthaler nett, er drückte Ruth und mir immer ein Bonbon in die Hand, zwinkerte uns zu, plauderte mit meiner Mutter, die mit ihm viel öfter lachte und mit klarerer Stimme redete als mit Vater. Ich liebte es, sie so zu erleben, und ich betrachtete beim Warten die farbigen Packungen neben der Registrierkasse, zerbiss die Süssigkeit in meinem Mund und klebte die Rabattmarken, die mir Herr Morgenthaler feierlich überreicht hatte, ins Heft. Bis heute erinnere ich mich an den Geschmack des Leims auf der Zunge.
Mein Vater war Buchhalter, Pfeifenraucher und Posaunenspieler. Auf einigen der alten Fotos glich er mit seiner gepflegten Wellenfrisur und dem schmalen Oberlippenbart dem Schauspieler Errol Flynn. Mit den Jahren bekam er einen runden Bauch, wodurch seine Beine noch dünner wirkten. Vater versuchte alles richtig zu machen, keinen Anstoss zu erregen, fleissig zu sein und die Kinder auf den geraden Weg zu bringen. »Vorbei ist vorbei, gegessen und verdaut, es gilt, stets den Blick nach vorn zu richten.« »Ein Dankeschön hat noch keinen umgebracht.« »Wenn alle für sich selber sorgen, ist für alle gesorgt.« »Ohne Fleiss kein Preis. Und denkt daran: Der frühe Vogel fängt den Wurm!«
Ich habe seine Sprüche noch im Ohr wie Zeilen aus alten Schlagern, die sich nicht abschütteln lassen.
Sonntags kochte meistens Vater das Mittagessen, Schweinebraten mit Kartoffelstock oder Cordon Bleu mit Kroketten, dazu Salat und eine klare Suppe, die Ruth und mich jedes Mal zum Husten brachte, was wir aber zu unterdrücken hatten, wollten wir uns keine tadelnde Blicke einhandeln. Es kam mir jeweils vor, als müsste mein Kopf wie ein Ei von innen her aufbrechen, wenn ich die Luft anhielt, um einen nächsten Anfall zu vermeiden. Ich hasste diese Sonntagsmahlzeiten, nicht nur wegen der Suppe, auch weil die Stimmung seltsam feierlich war, was bedeutete, dass wir Kinder vor allem still zu sein hatten. An allen anderen Tagen stand Mutter alleine in der Küche, und im Gegensatz zu Vater mussten wir unseren Teller immer selber abräumen.
Als die Frauen 1971 in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht erhielten, war ich drei Jahre alt, und ich glaube Vater sagen zu hören, das sei prima, nun könne er mit doppelter Kraft an die Urne gehen. Ich sehe, wie meine Mutter dabei lächelt und sich die Hände an der Schürze trockenwischt.
Wenn Vater gut gelaunt war, nahm er mich auf seine Knie, liess mich darauf schaukeln wie auf einem Pferd: »Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er …« Oder er legte den Kopf in den Nacken und blies Rauch aus wie eine Dampflokomotive, und dann rief er: »Nun fahren wir zusammen in die Wüste nach Timbuktu und von da gleich wieder zurück nach Hause.«
Bei Sonntagsausflügen sass er am Steuer und spielte mit uns ›Ich sehe, was du nicht siehst‹, oder er behauptete Dinge, von denen wir erraten mussten, ob sie stimmten oder nicht. »Am Nordpol werden die Menschen dreihundert Jahre alt, weil es so kalt ist. Sie bleiben ewig frisch wie die Erbsen im Tiefkühlfach. Habt ihr das gewusst?«
Am Abend waren Ruth und ich meistens schon im Bett, wenn Vater von der Arbeit nach Hause kam. Während des Mittagessens durften wir nicht reden, solange die Radionachrichten liefen. Wenn wir es trotzdem wagten, schnauzte er uns an oder schickte uns mit einer Handbewegung vom Tisch. Er benutzte dabei auch Kraftausdrücke, aber uns war das Fluchen verboten, und es gab weitere Wörter, die nicht laut ausgesprochen werden durften, weil sie Unglück brachten oder unanständig waren. Fast alle hatten mit schwierigen Themen wie Tod oder Politik oder dann mit gewissen Körperteilen zu tun, die während der ganzen Kindheit namenlos blieben. Wenn wir zu laut lachten oder zu übermütig spielten, streckte uns Vater seine Handflächen entgegen und zog die Augenbrauen hoch. Das genügte. Wir hielten inne, verstummten, verzogen uns ins Zimmer oder nach draussen.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich Vater und Mutter jemals vor unseren Augen einen Kuss gegeben oder sich bei einem Spaziergang bei den Händen gehalten hätten. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie bei ihren Vornamen anzusprechen, auch später nicht, als ich längst erwachsen geworden war. Ich habe nie erfahren, wie sich die beiden kennengelernt hatten. Sie wuchsen zwar im selben Tal, aber in rund sieben Kilometer voneinander entfernten Dörfern auf. Vielleicht trafen sie sich beim jährlichen Maitanz im Bärensaal, oder sie sassen bei einem Turnfest am selben Tisch, oder sie begegneten sich zufällig zwischen ihren Dörfern bei einem Sonntagsspaziergang und redeten über das Wetter und über die Pracht des jungen Frühlings. Ich fragte mich als Kind, wie sie gelebt hatten, bevor meine Schwester und ich zur Welt gekommen waren, ob sie sich überhaupt liebten und ihr eigenes Glück und das Glück der anderen für sie wichtig waren, oder ob sie vielleicht gar nicht über solche Dinge nachdachten.
Das alles waren keine Geschichten, über die sie mit uns geredet hätten. Es blieben Lücken zurück, die ich selber zu füllen versuchte, und die Erinnerungen an das plötzliche Schweigen meiner Eltern, wenn ich unversehens in die Küche trat und in ein Gespräch hereinplatzte, oder wenn wir eine unpassende Frage gestellt hatten, lassen mich bis heute selber verstummen.
Mutter weckte morgens meine Schwester und mich, indem sie singend in unsere Zimmer kam – »Ein neu-eher Morge-hen oh-ho-ho-ne Sorgen, folget der düsteren Nacht …« –, bis Ruth sie bat, dies nicht mehr zu tun, was Mutter zu meinem Bedauern sofort akzeptierte. Danach hörte ich sie nur noch an Weihnachten singen, oder wenn sie glaubte, alleine im Haus zu sein. Mutter war für die pünktlichen Mahlzeiten zuständig, für staubfreie Zimmer und gewaschene Kleider, für die Mithilfe bei den Hausaufgaben, für Ermahnungen und das Gebet am Bett, für ein Lächeln im richtigen Moment, ein freundliches Kneifen in die Wangen, und zusammen mit Vater für die Planung der Ausflüge und Ferien.
Für die Festtage und Familienfeiern toupierte Mutter ihre Haare hoch. Es roch jeweils im Badezimmer noch lange nach diesem Spray aus der weiss-violetten Dose. Ein Geruch, den ich nicht besonders mochte, ihn aber trotzdem gerne aufsog, weil er mir einen leichten Schwindel bereitete. Im Laufe meiner Kindheit waren Mutters Frisuren immer kürzer geworden, bis der Nacken frei lag und die Stirnfransen knapp über die Augenbrauen reichten.
Einmal trat ich ins Bad und sah, wie sie sich mit einer Art Hobel die Hornhaut von den Fusssohlen entfernte. Ich glaubte, es sei das gleiche Küchengerät, mit dem Vater jeweils Rondellen vom Hartkäse schnitt, und ich weigerte mich von da weg, diese Röllchen noch zu essen, obwohl ich sie immer gemocht hatte.
In der Gegenwart von Vater hörten wir Mutter weniger und leiser als sonst reden. Wenn sie mir etwas einschärfen wollte, hielt sie mich mit beiden Händen an den Schultern fest und drückte mir nach den letzten Worten einen Kuss auf die Stirn. »Geh jetzt in dein Zimmer, Dominik, und halte dich ein Weilchen still.«
Krieg, Hunger, Leiden und Tod kannte ich nur aus dem Radio und dem Fernseher, der sich in der dunkelbraunen Wohnwand auf einem Brett mit Rollen zwischen den Schränken ein- und ausfahren liess. Es waren Paul Spahn, Léon Huber und die gesichts- und namenlosen Stimmen der Mittagsnachrichten, die uns das Böse ins Haus brachten. Vater sagte oft, wir müssten dankbar sein, hier und nicht irgendwo im Ausland zu leben, eine Aussage, mit der ich als Kind nicht viel anzufangen vermochte. Weshalb sollte ich woanders als in unserem Dorf im Haus meiner Eltern wohnen?
Vom Essen durften wir niemals auch nur ein winziges Restchen übriglassen, weil wir froh sein sollten, nicht hungern zu müssen wie die Kinder in Afrika. Einmal brummte Vater mitten in die Mittagsnachrichten hinein: »Wenn der Russe kommt, gehen bei uns die Lichter aus.« Danach fürchtete ich mich lange davor, Soldaten könnten in unser Haus eindringen und unser Leben mit einem Schlag auslöschen.
An den Wochenenden fuhren wir im grauen VW Käfer zu den Grosseltern, zu Onkeln und Tanten, wo wir reglos am Stubentisch sitzend Kuchen assen. Ab und zu reisten wir an den nahen See zum Baden oder in die Berge für eine kleine Rundwanderung. Einmal im Jahr besuchten wir in der Stadt eine Vorstellung des Nationalzirkus. Ich erinnere mich vor allem an den Geruch der Tiere und des Sägemehls. Die Pferdenummern langweilten mich, aber die Clowns fand ich lustig. Ruth liebte die Raubtierdressur, Mutter hielt sich bei den Artisten am Trapez verängstigt die Hände vors Gesicht, und Vater sagte am Schluss zuverlässig, früher habe ihm der Zirkus noch besser gefallen. Die Tage danach waren Ruth und ich Löwen, Musiker und Artisten, wir sprangen im Garten durch einen Reifen und probten den Überschlag.
Ich mochte meine zwei Jahre ältere Schwester, sie war mir Vorbild und Wegbereiterin, aber meine Bewunderung begann mit der Zeit zu schwinden, irgendwann spielten wir kaum noch miteinander und stritten uns oft. Zu gerne hätte ich sie gegen einen älteren oder notfalls auch gegen einen jüngeren Bruder eingetauscht.
Wir bekamen selten Besuch. Ich glaube nicht, dass Vater oder Mutter so etwas wie einen besten Freund oder eine beste Freundin hatten. Vater war Mitglied im Turnverein, er spielte Posaune in der Dorfmusik und sah in der dunkel-blauen Uniform mit den goldenen Knöpfen ziemlich adrett aus. Mutter ging jeden Dienstagabend in die Damenriege, sie half bei der Kleiderbörse des Frauenvereins mit und arbeitete stundenweise als Verkäuferin im kleinen Modegeschäft im Dorf. Einmal fragte sie mich und Ruth beim Abendessen, was für einen Beruf wir dereinst lernen wollten. Meine Schwester sagte sofort und mit glühender Begeisterung, sie möchte Lehrerin werden und Hefte korrigieren. Ruth wurde für diese Aussicht gelobt, eine tüchtige Lehrerin sei wertvoll für die Gesellschaft. Dann richteten sich alle Blicke auf mich. Ich stotterte, ich wüsste es nicht so recht, vielleicht Fussballer oder Pilot, oder Schauspieler wie Errol Flynn, da ich gerne ein Seeräuber oder noch lieber Robin Hood sein würde. Mutter lächelte, ich hätte ja noch viel Zeit zum Nachdenken, und Vater brummte, ich solle schon mal damit beginnen, meine Träume zu begraben, weil erstens sei Robin Hood eine Märchenfigur, und zweitens sei Errol Flynn wegen seines ausschweifenden Lebens früh gestorben.
Ich nehme ein weiteres Foto zur Hand, mein erster Schultag, ein scheues Zahnlückenlächeln und gerötete Wangen. Ich lege es weg, probiere zu ordnen, zu verstehen, reibe mir die Müdigkeit aus den Augen, suche in den Bildern nach dem Faden, woran all diese Ereignisse hängen, die mich hierher geführt haben, erinnere mich an Leichtigkeit, an Lachen, an ein schwebendes Miteinander, und werde im nächsten Moment erdrückt von der Gewöhnlichkeit meiner Kindheit, vom stummen Leiden, dem lähmenden Mittelmass.
Ich bin mir nicht sicher, wie zuverlässig meine Erinnerungen sind, was die Fotos ausserhalb der Ränder zu erzählen haben, ob ich Geschichten miteinander verbinde, die nicht zusammengehören.
Ich blicke zurück und nach vorn, fühle den Schmerz im Arm, denke an meinen Sohn, den ich zu mir zurückholen und nie mehr weggeben werde.
Wie ein Schatten meiner selbst ziehe ich durch die vergangenen Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre, lasse mir die Begegnungen im Spital erneut durch den Kopf gehen, und auf einmal sehe ich ganz deutlich den Jungen mit den roten Haaren vor mir, der bei der Wandtafel von einem Fuss auf den anderen hüpft, beim Lächeln ungeniert die Zahnspange entblösst und aus einer gänzlich anderen Welt zu kommen scheint.
TEIL EINS
2
Er trug eine Jeanslatzhose mit Flicken auf den Knien, sein rotes Haar loderte in alle Richtungen, das blasse Gesicht war von Sommersprossen überzogen, die Nase breit wie die eines Boxers, die Augen klein und hinter dicken Brillengläsern versteckt, die Lippen kaum zu sehen. Ich musste an einen Kaktus in der Wüste denken und biss die Zähne zusammen, um einen Lachanfall zu unterdrücken. Unser Lehrer sagte: »So, das ist Theodor, unser neuer Schüler. Bitte begrüsst ihn mit mir!« Wir riefen mit einer Stimme, wie wir es am Tag zuvor eingeübt hatten: »Willkommen bei uns, Theodor!«
Der Lehrer bat ihn, seinen Namen an die Wandtafel zu schreiben. Theodor drehte sich schwungvoll um und präsentierte uns seine Kehrseite, was sofort ein kollektives Summen auslöste, als flösse plötzlich zu viel Strom durch ein Kabel: An Theodors Schultern hing nicht der bei uns übliche braune Schulthek mit geflecktem Kuhfell, sondern ein Jeansrucksack, der wie seine Hose an einigen Stellen mit bunten Aufnähern geflickt war. Er schrieb in krakeligen Buchstaben seinen Namen an die Tafel. Die Kreide quietschte, der Lehrer lächelte, und wir fragten uns, was wir davon halten sollten, während sich Theodor wieder umdrehte und artig die Kreide zurückgab.
Das eingeübte Begrüssungsritual war noch nicht vorbei. Wir sangen ›Hejo, spann den Wagen an!… als dreistimmigen Kanon. Der Lehrer gab uns die Einsätze, und Theodor geriet in Bewegung, als wäre er mit einem Schlüssel auf dem Rücken aufgezogen worden: Er schwankte hin und her wie der Schaukelschneider, den mein Vater sonntags zum Zerkleinern von Zwiebeln und Kräutern benutzte. Ich fiel aus dem Takt, das Lachen im Hals wollte sich endlich den Weg in die Freiheit bahnen. Theodors Gesicht lief rot und röter an, seine Sommersprossen schienen zu glühen wie Leuchtkäfer, seine Augen schwammen in den Brillengläsern umher wie die Fettaugen in der Gemüsesuppe.
Jetzt erkannte ich, dass auf dem Flicken seines rechten Hosenknies ein Clown mit bunten Bällen jonglierte – ich konnte nicht mehr, ich lachte los, hielt mir die Hand vor den Mund, lachte hinter der Hand weiter. Theodor sah zu mir hin, grinste und entblösste dabei eine Zahnspange, die mir einen Schrecken einjagte, sein Gebiss war vor lauter Silberdrähten kaum zu erkennen. Mein Lachanfall war schlagartig vorbei, ich riss mich zusammen und stieg wieder in das Lied ein: »… holt die goldnen Garben … holt die goldnen Ga-ha-harben … hejo, spann den Wagen an …«
Ich schaute nicht mehr nach vorn, um mich vor weiteren Reizen abzuschirmen, was dazu führte, dass ich das Abwinken des Lehrers verpasste und als einziger nochmals beim Anfang des Kanons einsetzte: »Hejo, spann …« Ich hielt die Luft an und rutschte in Zeitlupe unter das Pult, die Klasse kicherte, nur einer lachte laut und schallend: Theodor. Lehrer Gassmann schaute mich tadelnd an, legte die Hand auf die Schulter des neuen Schülers und führte ihn zu seinem Platz in der hintersten Bankreihe.
Kann die Röte von einem Gesicht auf ein anderes überspringen? Theodor war wieder bleich, dafür brannte mein Kopf, als würde sich die Schädeldecke in der nächsten Sekunde kraterförmig öffnen und meine Beschämung wie Lava ausspucken.
In der grossen Pause rempelten wir Theodor in die Sträucher am Rande des grossen Kiesplatzes und bewarfen ihn mit Hagebutten, die so früh im Herbst noch fest und hart waren. Wir johlten bei jedem Treffer und liessen auch dann nicht von unserem Angriff ab, als Theodor zu schluchzen anfing und sich mit dem Ärmel seines Pullovers den Rotz unter der Nase wegwischte. Als die Glocke schrillte, schubste einer meiner Freunde Theodor nochmals. Dieser fiel rückwärts um, rollte sich langsam seitlich wieder auf und wischte bedächtig den Dreck von seiner Latzhose. Ich rief ihm zu, er solle mit den Hagebutten jonglieren wie der Clown auf seiner Hose, da habe seine Mama etwas Schönes für ihn ausgewählt. Theodor rief trotzig zurück, den Flicken habe sein Papa aufgenäht, nicht seine Mama. Wir lachten noch lauter als zuvor und rannten davon, zurück ins Schulzimmer, wo unser Lehrer mit einem aufgeschlagenen Buch vor der Wandtafel stand, mit dem Zeigefin-ger über die Linien fuhr und dazu stumm die Lippen bewegte.
In meiner Erinnerung trug Lehrer Gassmann in der einen Woche eine dunkelbraune, in der nächsten Woche eine hellbraune Manchesterhose, dazu ein blaues Hemd mit Streifen, Karomustern oder grossen Punkten. Er musste damals um die Dreissig gewesen sein, seine Haare bedeckten den Nacken und fielen in die Stirn, sein Gesicht war breit und offen. Wir mochten ihn, er war nett und etwas verschroben. Er schaffte es, uns mit Sprüchen und seiner Gesichtsgymnastik zum Lachen zu bringen: Wenn jemand eine falsche Antwort gab, drückte er ein Auge zu, und wenn der zweite Versuch auch nicht stimmte, liess er das offene Auge rollen. Nach einer dritten oder vierten falschen Antwort runzelte er die Stirn – immer noch mit einem Auge geschlossen, dem anderen rotierend –, er verzog zuckend den Mund, begann dazu mit den Ohren zu wackeln. Manchmal gaben wir absichtlich eine Reihe dummer Antworten, um das Schauspiel seiner Gesichtsverrenkungen erleben zu dürfen. Sobald jemand die korrekte Lösung wusste, entspannte sich Gassmann wie nach einem epileptischen Anfall, er deutete eine Verbeugung an oder hüpfte auf und klatschte in der Luft in die Hände, drehte sich auf einem Schuh um die eigene Achse oder steuerte auf den betreffenden Schüler zu, schüttelte ihm die Hand und rief: »Gratuliere, du hast die Klassenehre gerettet!«
Er war ein Meister darin, unser Interesse für den jeweiligen Stoff zu wecken: In der ersten Stunde zum Heimatkundethema Wasser begrüsste er uns wie ein Pilot auf dem Flug nach New York, er bat uns, die Gurten umzulegen und das Rauchen bleiben zu lassen, und falls die Maschine etwas ruckeln würde, sollten wir uns nicht beunruhigen, gewisse Turbulenzen gehörten beim Lernen dazu. Dann liess er uns die Augen schliessen, und er erzählte vom Atlantik, den wir gerade überfliegen würden, von der schieren Unendlichkeit des Ozeans und den unvorstellbaren Geheimnissen, die darin verborgen seien. Wir durchstiessen die Wolkendecke, gerieten in Nebelbänke, es begann zu regnen, und weit unten sahen wir durch die Schilderungen des Lehrers das ewige Eis des Nordpols. Nach einer Weile forderte er uns auf, die Augen wieder zu öffnen – wir staunten darüber, noch immer im Schulzimmer zu sitzen –, und er bat uns, jetzt zu beschreiben, was Wasser für uns sei. Fast alle Hände flogen gleichzeitig in die Höhe, und die vielen Wortmeldungen führten bei ihm zu allerlei Verrenkungen und Verbeugungen, was uns zum Lachen brachte und zu weiteren Antworten anspornte.
Ich erzählte einmal zuhause nach dem Ende der Mittagsnachrichten vom Hüpfen und Grimassenschneiden unseres Lehrers. »Er ist lustig, wirklich, ich glaube nicht, dass es einen netteren und lustigeren Lehrer gibt.« Ich versuchte mit den Augen zu rollen und mit den Ohren zu wackeln, was mir aber nicht gelingen mochte. Mutter hielt den Kopf schief, und Vater sagte, Herr Gassmann sei schon recht, ich solle mich anständig benehmen und gefälligst gute Noten heimbringen. Ich wollte noch etwas anfügen, Vater hiess mich schweigen, ich beugte den Kopf tiefer über meinen Teller und spiesste eine Indianerbohne auf.
Wenig später belauschte ich ein Gespräch zwischen meinen Eltern. Ich hatte nicht einschlafen können und wollte in der Küche ein Glas Wasser trinken. Die Tür stand offen, ich sah die beiden durch den Spalt am Tisch sitzen, und ich hörte Vater sagen, dieser Gassmann sei ein schlimmer Hippie, man könne nur hoffen und beten, dass Dominik bei ihm überhaupt etwas lerne und keine weiteren Flausen in den Kopf gesetzt kriege. Mutter sprach so leise, dass ich ihre Worte nicht zu hören vermochte, aber ich hoffte, sie würde meinen Lehrer und mich selber verteidigen. Ich ging in mein Zimmer zurück, bang und durstig und mit dem Gefühl, völlig auf mich allein gestellt zu sein. Unter der Decke liess ich meine Füsse zappeln, als wollten sie davonrennen, und ich fragte mich, weshalb kein anderer an meiner Stelle zur Welt gekommen war.
Der Kaktus kehrte mit viel Verspätung aus der grossen Pause in die Klasse zurück. Statt ihn zu tadeln, zwinkerte ihm Gassmann freundlich zu. Wir hörten, wie sich Theodor den Rotz hochzog, wie er an seinen Platz schlurfte und sich mit einem lauten Seufzer auf den Stuhl fallen liess. Der Lehrer fragte, wer freiwillig nach vorne kommen wolle, um das auswendig gelernte Gedicht aufzusagen. Einige Hände schossen in die Höhe, schliesslich stellte sich Melanie vor die Klasse. »Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.« Sie redete leise, aber mit klarer Stimme, und sie richtete ihren Blick weit über uns hinweg, wie es Gassmann beim Üben vorgeführt hatte. »Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.«
Nach diesen Worten wurde Melanie durch ein Prusten unterbrochen, es klang wie das Ausstossen der Luft aus einem riesigen, prall gefüllten Ballon. Wir schauten alle nach hinten, wo Theodor sein Kinn auf den Händen aufgestützt hielt und nochmals Luft entweichen liess, seine Backen vibrierten dabei wie Pudding. Der Lehrer räusperte sich laut, Theodor liess sein Geräusch bleiben, Melanie setzte sichtlich irritiert nochmals an. »Befiehl den letzten Früchten voll zu sein …«
Am Schluss legte Gassmann seine Hand auf Melanies Schulter und sagte, sie habe das Gedicht ganz wunderbar rezitiert. Er wiederholte das letzte Wort nochmals Silbe für Silbe, damit wir es uns merken konnten: »Re-zi-tie-ren … so nennen wir jetzt das Aufsagen eines Gedichtes.« Dann nahm er den Neuling ins Visier. »Theodor, du scheinst Freude an der Sprache zu haben. Kennst du auch ein Gedicht auswendig?«
Er musste genickt haben, der Lehrer bat ihn, nach vorne zu kommen. Theodor stellte sich zum zweiten Mal an diesem Morgen vor die Wandtafel. Der Lehrer sagte, wir seien alle bereit und gespannt, er dürfe mit der Rezitation seines Gedichtes beginnen. Theodor holte Luft und blies seine Backen auf wie Vater, wenn er Posaune spielte, und er schrie beinahe: »Sieben Schneeschaufler schaufeln sieben Schaufeln Schnee!« Er sprach zuerst langsam, dann etwas schneller, noch schneller und nochmals – es hätte mich nicht gewundert, wenn seine Zahnspange Funken geschlagen hätte. Während des Redens trat er im Takt von einem Fuss auf den anderen, als wollte er losmarschieren. Es schien, als müsste er kein einziges Mal zwischen den vielen Wiederholungen Luft holen. Der Lehrer lächelte und deutete eine Verbeugung an, dies sei zwar kein Gedicht, aber dafür ein sehr schöner Zungenbrecher gewesen, den wir jetzt als Klasse wiederholen wollten. Wir stöhnten leise auf, Theodor grinste wie der Frosch im Märchenbuch, Gassmann sagte, wir sollten genauso sprechen wie gehört, zuerst langsam, dann immer schneller. Er hob die Hand, liess sie in einem Bogen aufwärts steigen, und wir legten los: »Sieben Schneeschaufler …«
In den darauf folgenden Tagen riefen wir Theodor immer wieder neue Verdrehungen seines Zungenbrechers hinterher: »Sieben Schneemänner schaufeln sieben Meter tief!« Er jammerte wie ein kleines Kind, was uns anstachelte, noch lauter zu brüllen oder ihm hinterherzurennen, ihn zu packen und direkt in sein verängstigtes Gesicht zu schreien: »Sieben Katzen kacken!« Er zappelte, schlug mit den Armen aus, entblösste die Zahnspange, liess den Rotz in seinen Mund laufen und rief: »Lasst mich los! Bitte! Ich habe euch doch nichts getan!«
Wir liessen uns nicht beirren. »Was kannst du sonst noch Schönes re-zi-tie-ren, Kaktus?« »Hat dir dein Papi wieder die Hose re-pa-rie-ren müssen?« »Oh, pass auf, der Blitz schlägt sonst in deine Spange ein!«
Wir liessen in den folgenden Wochen nichts aus, blockierten die Klinke seiner Toilettentür mit einem Besenstiel, schubsten ihn in eine Gruppe plaudernder Mädchen oder begruben ihn unter einem Blätterberg, den der Hauswart am Rand des Pausenplatzes zusammengewischt hatte. Ab und zu liessen wir ihn beim Fussball mitspielen, nur um ihn in der nächsten Pause umso schroffer zurückzuweisen. Mehrmals spritzten wir seine Kleider mit Tinte voll – »Entschuldige, Kaktus, war keine Absicht!« –, oder wir füllten seinen Jeansrucksack mit Kieselsteinen, zerdrückten Hagebutten auf seinem Rücken und liessen Schneebeeren neben seinen Ohren zerplatzen.
Von einem Tag auf den anderen reagierte Theodor nicht mehr auf unsere Angriffe, weder schluchzte und weinte er, noch versuchte er sich auf irgendeine unbeholfene Weise zu wehren. Er rannte nicht einmal mehr davon, wenn wir wie Bösewichte in einem Gangsterfilm langsam auf ihn zuschritten. Er benahm sich wie ein Hund, der genau wusste, dass er seine Strafe verdient hatte und sich bereitwillig vor seinem Herrchen duckte. Manchmal schien es fast, als würde er unsere Gemeinheiten geniessen, er grinste und lachte, wenn wir ihn bedrängten oder mit Baumnüssen bewarfen, was uns etwas verwirrte und unserem Spiel bald die Freude nahm.
3
Lehrer Gassmann wollte von uns wissen, weshalb tonnen-schwere Schiffe aus Stahl zu schwimmen vermögen. Er drückte ein Auge zu und umfasste mit den Händen ein imaginäres Fernrohr, mit welchem er uns anblickte. Ich sah in ihm Errol Flynn als Piratenkapitän Peter Blood, ich versank in einen Tagtraum und hörte den Lehrer irgendwo weit weg sagen: »Na, denkt nach, wie ist das möglich?«
Nach ein paar Sekunden Stille reckte der Kaktus die Hand in die Höhe und sagte, sein Vater habe ihm erzählt, dass zwei Familien über die Mauer geflüchtet seien, aber in Heissluftballons, nicht im Schiff. Wir hatten keine Ahnung, wovon er sprach. Nach einem lauten Schmatzer sagte Gassmann: »Ganz recht, Theodor, die beiden Familien sind aus der DDR geflüchtet.« Er liess seinen Blick über die Klasse schweifen. »Wer weiss, was die De-De-eRrr ist?«
Sebastian hob die Hand. »Die Schweiz hat gegen die DDR verloren, fünf zu zwei!«
Gassmann lächelte säuerlich und rief Philipp auf, der fast immer eine brauchbare Antwort parat hielt.
»Die DDR ist ein Teil Deutschlands, der eingemauert ist, damit es keinen Krieg mehr gibt.«
Unser Lehrer tänzelte von einem Fuss auf den anderen, die Antwort des Klassenstrebers konnte also weder ganz falsch noch ganz richtig sein.
»Wer noch? Wer hat etwas anzubieten?«
Der Kaktus rief: »Die Deutsche Demokratische Republik gehört zum Ostblock. Das weiss ich, weil meine Mutter aus Dresden kommt, wo der beste Christstollen auf der ganzen Welt gebacken wird.«
Fast alle drehten wir uns nach hinten, wo Theodor sass und sich am Kopf kratzte. Wir schauten ihn an, als hätte er gerade mitgeteilt, er sei gar kein Mensch, sondern er stamme von einem fernen Planeten und ernähre sich von Blattläusen und Affenmilch. Gassmann sagte, wir würden uns die Länder Europas bald auf der Karte genauer anschauen, das sei schon deshalb interessant, weil sich ein eiserner Vorhang durch unseren Kontinent ziehe. Aber nun wolle er endlich wissen, weshalb Schiffe nicht sinken, sofern der Kapitän nicht blind oder betrunken sei und gegen einen Eisberg steuere.
Die Bilder mit eingemauerten Ländern und eisernen Vorhängen, mit Müttern aus Dresden und Christstollen verwirrten mich. Der Lehrer schien es zu bemerken, er fragte, ob ich noch auf Sendung sei und eine Antwort wisse. »Na, Dominik, streng dich ein wenig an.«
»Hm … weil sie einen Motor haben?«
Nach weiteren falschen Versuchen aus der Klasse sagte Max, es müsse einfach genug Luft im Schiffsbauch sein, wie bei einem Schwimmring, der könne schliesslich auch nicht sinken. Gassmann klatschte in die Hände und erteilte uns als Hausaufgabe, ein Schiff aus Materialien unserer Wahl zubauen, es müsse schwimmen und sich fortbewegen können. »Alles klar, ihr Seebären? Gut. Dann ab in eure Werft!«
Als die Glocke schrillte, stürmten wir nach draussen, und ich präsentierte meinen Freunden einen Plan, der mir während des Unterrichts in den Sinn gekommen war: Der Kaktus sollte zwischen unseren Jacken an einem Garderobenhaken hängen.
Wir umkreisten Theodor und schubsten ihn wie eine Puppe hin und her. Er trug an diesem Tag eine Jeans, die noch lädierter war als seine Latzhose, sein Oberkörper steckte in einem schlabberigen Pullover mit breiten roten und blauen Streifen. Ich fragte: »Na, was hat dir Mutti heute Feines eingepackt, Kaktus? Einen Christstollen?«
Theodor hatte meistens einen Apfel, eine Banane oder eine Birne dabei, niemals wie wir anderen ein Brötchen mit Salami oder Käse, schon gar keine Schokolade, die auf dem Pausenplatz nicht erlaubt war und uns deshalb besonders gut schmeckte.
»Na? Sag schon!«
Er erwiderte nichts, öffnete nur seinen Mund, um uns die Reste irgendeiner Frucht zu zeigen, die in den Drähten seiner Spange hängengeblieben waren. Wir verzogen unsere Gesichter vor Ekel, machten »Bäh« und ahmten das Geräusch des Ausspuckens nach, schubsten ihn weiter, zerzausten seine Haare, erschreckten ihn mit unseren Grimassen.
Der Späher meldete, Gassmann sei im Klassenzimmer verschwunden. Wir drängten Theodor durch den Flur, zählten im Chor auf drei, packten ihn an Armen und Beinen und trugen ihn zur Garderobe, stemmten ihn dort in die Höhe und hängten ihn an den Haken. Er hatte sich die ganze Zeit nicht gewehrt, nur zwei oder drei Mal am ganzen Körper gezuckt wie ein sterbendes Tier. Kaum hing er da oben am Gürtel seiner Hose, begann er mit Armen und Beinen zu zappeln wie ein Hampelmann, sein Mund öffnete und schloss sich wie das Maul eines sterbenden Fisches – er schien etwas zu sagen, aber seine Worte gingen im lauten Schrillen der Glocke unter.
Im Schulzimmer taten wir so, als sei nichts Besonderes passiert. Nach einem Blick in die Klasse fragte der Lehrer, wo Theodor geblieben sei. Wir zuckten alle mit den Schultern, nur Melanie hob die Hand. »Ich glaube, er hängt draussen an der Garderobe.« Ich sagte, ohne vom Lehrer aufgerufen zu sein: »Ja, der Kaktus will nämlich fliegen lernen!« Gassmann kniff die Augen zusammen. »Wer von euch würde es schätzen, wenn er Kaktus genannt würde?« Er blickte direkt in mein Gesicht. Ich schluckte leer und schüttelte den Kopf. Hinter mir wurde verhalten gekichert. Ich stellte mir vor, wie Theodor draussen noch immer den Hampelmann mimte, während Gassmann die Lage noch nicht ganz begriffen zu haben schien. Er fragte Sebastian, ob es ihm recht wäre, wenn er von ihm Nashorn gerufen würde. Er spielte auf die lange und spitze Nase meines Banknachbars an. »Oder wäre dir Pinocchio lieber?« Sebastian senkte den Kopf. Der Lehrer ging durch die Reihen und suchte sich eine neue Zielscheibe aus. »Claudio, du weisst bestimmt, was ein Tschingg ist, oder?« Noch in der dritten Klasse hatte sich niemand freiwillig neben Claudio setzen wollen, weil es hiess, er stinke nach Fisch und Knob-lauch. Er sagte brav, Tschingg sei ein blödes Wort und Italien spiele viel besser Fussball als die Schweiz. Er streckte die Faust in die Höhe. »Zwei zu null! Graziani! Tardel-li!«
Wir Jungs machten »Puhh«, der Lehrer brummte »Aha, so ist das« und schritt weiter durch die Reihen, die Mädchen verdrehten die Augen. Plötzlich hob Andrea die Hand und sagte: »Ich glaube, ich habe ihn rufen gehört!«, und im nächsten Moment vernahmen wir einen heiseren Schrei und dann einen dumpfen Aufprall, als wäre ein grosser Sack Kartoffeln umgekippt. Der Lehrer eilte aus dem Zimmer, wir streckten unsere Hälse, mir war bang zumute. Leise hörten wir Gassmanns Stimme im Flur, unterbrochen von Theodors Schluchzern und einzelnen unverständlichen Wörtern.
Wir warteten still.
Nach einer Ewigkeit wurde Theodor wie ein Blinder vom Lehrer ins Zimmer geführt.
»Sebastian, du wechselst den Platz. Sofort! Theodor muss hier vorne sitzen, damit er an die Wandtafel sieht. Und wer ihm fortan noch ein Haar krümmt, bekommt es mit mir persönlich zu tun!« Der Kaktus hielt seine kaputte Brille wie ein verletztes Vögelchen auf der Handfläche und blinzelte mit nun erstaunlich grossen Augen ins Leere. Sebastian räumte seinen Teil des Pultes, und der Lehrer half Theodor dabei, seine Sachen nach vorn zu bringen. Ich spürte die Blicke der ganzen Klasse auf mir. Unter meinen Füssen rottete sich eine Armee aus zehntausend Ameisen zusammen, deren Stosstruppe nun mit winzigen Speeren durch die Sohlen in meinen Körper eindrang. Dann marschierte das gesamte Heer im Gleichschritt in mir hoch, ich spürte es in den Waden, in den Knien und Oberschenkeln. Der Kaktus setzte sich neben mich. Im Bauch hielten die Ameisen ein Manöver ab, die Artillerie feuerte, die Mineure sprengten, bis sie schliesslich geordnet weitermarschierten, sich durch meinen Hals zwängten und anfingen, in meinem Schädel die Zelte für die Nacht aufzuschlagen. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, starrte geradeaus zu den Putzschwämmen bei der Tafel, zu den Postern mit den verschiedenen Schiffbauarten, zum Gestänge der eingerollten Schulwandkarten. Theodor neben mir schniefte, zog sich die Nase hoch, und mir schien, er klapperte mit den Zähnen. Hinter mir wurde gekichert und getuschelt.
»So, und jetzt will ich wissen, wer alles an dieser Aktion beteiligt war!«
Ich hob sofort die Hand.
»Aha, unser Dominik, wer hätte das gedacht!«
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich meine vier Mitstreiter ebenfalls einer nach dem anderen meldeten. Gassmann forderte mich auf, nach vorn zu kommen. Er verlangte von mir, weitere Übeltäter zu nennen, falls nicht alle die Hand gehoben hätten. Ich wollte sagen, es sei sonst niemand mehr dabei gewesen, aber die Ameisen marschierten gerade über meine Stimmbänder, also schüttelte ich bloss den Kopf.
»Dominik! Entschuldige dich bei Theodor! Und versprich ihm, ein guter Kamerad zu sein!«
Ich wusste genau, welche Worte von mir erwartet wurden. Die Ameisen entzündeten ein Lagerfeuer in meinem Kopf und summten dazu ein Soldatenlied. Ich holte tief Luft. »Es tut mir leid. Kommt nicht wieder vor … Kaktus.« Einige blickten mich mit grossen Augen an, irgendwer warf mir ein Papierkügelchen an den Kopf, keiner lachte. Der Lehrer drehte mich wie eine Schaufensterpuppe zu sich hin. »Du wirst am Mittwochnachmittag Herrn Messerli beim Arbeiten helfen, Dominik. Und jetzt versuchst du es noch einmal.«
Ich atmete wieder tief ein, mit guten Absichten jetzt, aber eine Leitung im Kopf musste im letzten Moment anders geschaltet worden sein. »Es tut mir leid, dass deine Hose gerissen ist … sonst würdest du noch immer am Haken hängen.«
»Das macht dann zwei Nachmittage mit Herrn Messerli. Geh an deinen Platz zurück.«
Meine Freunde sagten danach brav, was von ihnen verlangt wurde, keiner solidarisierte sich mit mir, damit ich nicht alleine bleiben würde mit dem Abwart, der immer schlecht gelaunt war und nach Rauch stank, hinter seinem Bart unablässig Schimpfworte murmelte und sich nicht scheute, uns an den Haaren zu ziehen, wenn wir mit ein bisschen Dreck oder Schnee an den Schuhen das Schulhaus betreten wollten.
Zuhause verpasste mir Vater zwei Ohrfeigen und sagte, ich solle aufhören, Schande über seine Familie zu bringen.
»Du machst deine Mutter noch ganz krank damit, hörst du!«
»Es tut mir leid.«
»Das sagst du immer.«
»Es stimmt auch immer.«
»Werde nicht frech!«
»Papa, ich …«
»Du bringst deine Mutter noch ins Grab, Dominik!«
Ich versprach mit unterdrückten Schluchzern, mich zu bessern. Dann erst fragte er mich, was ich angestellt hätte, es sei ihm verleidet, sich immer die Klagen meines Lehrers anhören zu müssen. Ich log, Theodor störe uns mit seinen Faxen beim Lernen, weshalb wir beschlossen hätten, ihn an einem Haken der Garderobe aufzuhängen. Mir schien, ein Grinsen fliege über Vaters Gesicht, vielleicht war es auch bloss ein nervöses Zucken gewesen. Er trug mir Gartenarbeiten auf, die ich am Samstagnachmittag erledigen musste, womit ich beim Fussballspiel meiner Mannschaft fehlen würde.
»Nein, bitte, ich möchte nicht …«
Vater knurrte, er dulde keine Widerrede, aber ich dürfe gerne eine weitere Ohrfeige haben, falls ich ihn noch nicht verstanden hätte. »Und jetzt will ich kein Wort mehr von dir hören! Kapiert?«
Ich nickte.
Ruth streckte mir die Zunge heraus. Am liebsten wäre ich ihr an die Gurgel gesprungen. Ich musste mich zusammenreissen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen. Mutter rief uns zu Tisch. Sie war während der ganzen Strafaktion in der Küche gestanden. Sie mied meinen suchenden Blick und tat so, als würde ich gar nicht existieren. Ich setzte mich und verbarg mein Gesicht in den Händen. Mutter stellte die dampfenden Platten vor uns hin. Vater befahl, ich solle sofort die Ellenbogen vom Tisch nehmen, wir seien hier nicht bei den Schweinen am Futtertrog. Ich gehorchte. Ruth machte ein abschätziges Geräusch. Ich verknotete meine Finger und drückte so fest zu, dass es schmerzte. Es gab Sauerkraut mit heissen Rauchwürstchen, dazu Ofenkartoffeln, die mit Kümmel bestreut waren, den ich mit dem Messer wegschabte. Ich erinnere mich an den säuerlichen Geschmack im Mund, an mein Schweigen, an die Blicke der Schwester, an Vaters Befehl, den Rücken gerade zu halten, mit der Gabel zum Mund zu gehen und nicht umgekehrt, und jetzt auch noch den weggeschabten Kümmel restlos zu verspeisen. Ich weiss noch, wie ich mir wünschte, tot zu sein, wie ich mir überlegte, was mein Lehrer denken würde, wenn er mich hier sitzen sähe. Und ich erinnere mich, wie mir Mutter aufmunternd zublinzelte, als Vater gerade mit einer Kartoffel beschäftigt gewesen war und es nicht mitbekommen konnte. Ich lächelte sie an, sie lächelte kurz, ganz kurz zurück. Ich war gerettet. Nun konnten mir weder Messerlis fauliger Atem noch die Schmach des Unkrautjätens etwas anhaben. Ich legte die Gabel aus der Hand und sagte, mir würde leider schlecht vom Kümmel, und er bleibe mir zwischen den Zähnen stecken, was mir wehtue. Vater zeigte mit dem Messer auf meinen Teller. »Los! Iss!«
»Nein, geht nicht. Mir wird wirklich …«
Er liess mich nicht ausreden und verpasste mir über den Tisch hinweg eine weitere Ohrfeige. Ich liess die Gabel auf den Teller fallen, es schepperte laut, und Vater schickte mich brüllend ins Zimmer. »Ich kann gar nicht glauben, dass du mein Sohn bist! Verschwinde!«
Ich verbot mir das Heulen, bis die Tür hinter mir geschlossen war, ich kroch unter die Bettdecke und biss in meine Hände, bis ich Blut schmeckte und mich langsam zu beruhigen begann.
In den folgenden Tagen schlich Theodor halb blind durch die Gänge des Schulhauses. Wir liessen ihn fortan in Ruhe, zogen davon, sobald er irgendwo auftauchte, oder taten so, als würden wir ihn nicht sehen. Die Hänseleien von Philipps Bande – »Hat dich der Kaktus schon gestochen?« – liess ich scheinbar ungerührt an mir abprallen, und ich zählte darauf, dass Theodors Brille bald repariert sein würde und er wieder auf den angestammten Platz zurückkehrte.
In der Musikstunde trug uns Gassmann auf, bankweise der Klasse ein Lied vorzutragen. Ich war stark im Rechnen, in Sprache und im Sport, aber Singen war noch schlimmer als Zeichnen. Theodor blätterte durch unser Gesangbuch, tippte mal da, mal dort auf ein Lied und sagte: »Das kenne ich. Und du?« Ich schüttelte lustlos den Kopf, und schliesslich sagte ich, wir könnten es mit ›Froh zu sein‹ versuchen. Theodor war sofort einverstanden, er kenne das Lied auch und er glaube, wir würden das schaffen. Gassmann schickte uns nach draussen auf den Pausenplatz. Ich trottete zu den Kletterstangen am Rand der grossen Wiese, von wo aus der Blick auf den Pavillon des Kindergartens, auf unser langgezogenes Schulhaus und auf das alte Gebäude der Oberstufe frei wurde. Jedes Mal, wenn Theodor mich eingeholt hatte, beschleunigte ich meine Schritte, um den Abstand wieder herzustellen. Ich machte mich auf die grösste Blamage meines Lebens gefasst, scharrte ein Loch in den Sand und schaute einem Milan zu, der seine Kreise am Himmel zog. Theodor sagte, er habe eine Idee: Ich solle an einer der Stangen nach oben klettern, er selber würde unten bleiben, und je weiter wir voneinander entfernt seien, desto lauter müssten wir singen. Mir gefiel der Plan, weil es für die anderen so aussehen mochte, als würde ich mich verweigern und statt der doofen Singerei einfach die Stange rauf und runter klettern. Wir probierten es aus, und ich konnte nicht verbergen, wie viel Spass es mir bereitete, mit jedem Zug nach oben lauter zu singen, mich langsam wieder hinabgleiten zu lassen und mit immer leiserer Stimme auf dem Boden zu landen. Ich kam mir vor wie die muskelbepackten Männer in einem Piratenfilm, die unter dem Kommando des Kapitäns den Kahn mit ihren Ruderschlägen antrieben und dazu aus Leibeskräften sangen.
Theodor schwankte hin und her wie der ›Teleboy‹ im Samstagabendprogramm, eine der wenigen Sendungen, bei der wir als Familie vor dem Fernseher sassen. Es gefiel mir, wie wir zusammen über die Streiche mit der versteckten Kamera lachten, wie Mutter Kommentare abgab: »Nein aber auch, was denen alles in den Sinn kommt!«, wie Vater seltsam kicherte und schliesslich brummte, so blöd könne ja keiner sein, und wie Mutter behauptete, der Kurt Felix sei ein so freundlicher Mann, da komme niemand drauf, dass er sich solche Spässe mit den Leuten erlaube. Ruth warf sich manchmal zu Boden vor Lachen, ich hielt mir ungläubig die Hand vor den Mund, und Mutter fragte, ob sie uns zur Feier des Wochenendes ein Eis servieren solle.
Ich hielt mich ganz zuoberst an den Stangen fest und schaute nach unten, Theodors Frisur erinnerte mich an ein Vogelnest. Ich rief: »Das sieht irgendwie lustig aus!« Er konnte nicht wissen, wovon ich sprach, und er hüpfte vor Freude wie ein Gummiball auf und ab. Ich stellte mir vor, wie der Milan in Theodors Haarnest landete und seine Eier darin legte. Ich bekam einen Lachanfall und musste mich beherrschen, weil mich sonst die Kräfte zu verlassen drohten. Ich rutschte nach unten und sagte, das Problem sei nur, im Klassenzimmer gebe es keine Kletterstangen. Theodor hob grinsend die Arme und schlug vor, uns nebeneinander im Takt hin und her zu bewegen wie zwei Tannen im Sturm. »… und wer froh ist, ist ein König …« Unser Kanon klappte sofort, und Theodor sagte, der Text sei ein bisschen langweilig, er kenne noch zwei weitere Strophen. Er sang laut und etwas schief: »Frösche, die im Nassen sitzen, mit Vergnügen sich bespritzen. Eulen, die auf Tannen hocken, stricken grüne Ringelsocken.«
Er schaute mich fragend an und liess seine Spange in der Sonne aufblitzen. Ich zog meine Mundwinkel nach unten und sagte: »Los, probieren wir’s.«
Wir sangen, schwankten und lachten, bis uns die Tränen kamen. In meinem Kopf vermischte sich alles zu einem bunten Bild, der Samstagabend vor dem Fernseher, das Lachen meiner Eltern, die Wärme der Sonne im Gesicht, der Klang unserer Stimmen, der Geruch der frischen Luft, die Leichtigkeit dieser Momente, und aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Milan nach unten schoss, sich eine Feldmaus krallte und diese mit in die Lüfte hob. Dann öffnete Gassmann das Fenster und blies in seine Trompete. Die schrägen Töne waren das vereinbarte Zeichen, dass wir wieder ins Schulzimmer zurückkehren sollten.
Die Klasse johlte über unseren Wackeltanz, der Lehrer verbeugte sich und klatschte in die Hände. Er sagte, die Wörter ›froh‹ und ›Frosch‹ seien miteinander verwandt und hätten beide mit Hüpfen zu tun. »Wenn ihr unglücklich seid, müsst ihr also ein paar Mal auf und ab hüpfen wie ein Frosch, und schon sieht die Welt anders aus. Und ihr zwei bekommt für eure Darbietung die Bestnote mit Sternchen!«
Ich versuchte meinen Stolz hinter einer kühlen Fassade zu verbergen, aber das Lächeln drängte sich vor, und als ich in Theodors breites Grinsen blickte, platzte ich mit einem Lachen heraus, das mich beinahe zu zerreissen drohte. Zurück in unserer Bank flüsterte mir Theodor zu, das habe ihm richtig Spass gemacht, und es störe ihn nicht mehr, so weit vorne zu sitzen. Ich grinste böse, es sei schwach von ihm, dass er nicht mal die Stange hochklettern könne. Er wollte etwas erwidern, aber ich winkte ab, vorne sangen Andrea und Claudia ›Alle Vögel sind schon da‹. Ich zog meine Zehen in den Schuhen wie Krallen ein. Theodor schaute ins Leere und liess seinen Kopf in die Hände sinken.
Als er wenige Tage später wieder mit seiner Brille auf der Nase zur Schule kam, bat er Lehrer Gassmann, in die hinterste Reihe zurückkehren zu dürfen. In den Pausen schloss er sich den Freaks der Klasse an: Max und Benjamin, Andreas, Edgar und wie sie alle hiessen. Gegen Ende des Winters war Theodor einer von uns geworden, keiner der allgemein beliebten Schüler, aber einer, den wir notfalls gegen Angriffe aus anderen Klassen verteidigt hätten.
4
Es begann das Jahr, in dem die Menschen in den USA einen Schauspieler zum Präsidenten wählten, der englische Prinz eine ehemalige Kindergärtnerin heiratete, die Angst vor einem neuen grossen Krieg auf Hauswände gesprayt wurde und alle Jugendlichen mit einem Zauberwürfel in den Händen herumsassen, alleine oder in Grüppchen, und an diesem Ding herumdrehten und schier verzweifelten, weil das vermeintlich Einfache sich so kompliziert gestaltete.
Und es war das Jahr, in dem ich meinen dreizehnten Geburtstag feierte und meine Mutter für immer aus unseren Leben verschwand.
Sie war plötzlich öfters müde geworden, musste sich tagsüber hinlegen, ging früh zu Bett, stand später als üblich auf, hatte bald nicht mehr die Geduld, uns zuzuhören oder die Hausaufgaben zu korrigieren, und sie schaffte es immer seltener, das Essen rechtzeitig auf den Tisch zu stellen.