Cover

Inhalt

Komm mit!

Arktis – Andreas Hüging und Angelika Niestrath
Eine Insel für alle

NordamerikaTHiLO
Auf leisen Pfoten

Südamerika – Bettina Obrecht
Papageien für Gabriel

Pazifik – Sven Gerhardt
Das Versprechen der Wale

Ozeanien – Susanne Weber
Als Opa noch klein war und die Insel groß

Australien – Anke Girod
Schnuppsi und Knurpsi – einfach fisch-tastische Freunde!

Asien – Usch Luhn
Lillja rettet die Rentiere

Afrika – Gesa Schwartz
Der König der Wüste

Europa – Nina Blazon
Drei Kätzchen für Gattarina

Deutschland – Katja Ludwig
Wolfsland

Weltklima und Klimawandel
Brennpunkt Meer
Brennpunkt Polarregion
Brennpunkt Wald
Brennpunkt Wüste

Die Autorinnen und Autoren

No one is too small to make a difference.
Niemand ist zu jung, um etwas zu bewegen.
Greta Thunberg

Komm mit!

Wir wollen dich mitnehmen auf eine Reise um die ganze Welt. Es kann sofort losgehen. Du musst keinen Koffer packen, du brauchst nicht einmal deine Zahnbürste! Für unsere Reise musst du nur dieses Buch aufschlagen – und das hast du ja schon gemacht. Ein guter Start, denn jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Wir wollen mit dir zehn verschiedene Orte auf unserem schönen Planeten Erde besuchen. Nicht mit dem Flugzeug, sondern in Geschichten! Du wirst Menschen und Tieren begegnen. Sie erleben alle Abenteuer – und zeigen dir dabei, wie sie leben. Manche wohnen mitten in Eis und Schnee. Einige in der Wüste oder in einem Wald. Andere leben am Meer – und sogar darin. Und wieder andere sind, wie du vielleicht auch, in einer Stadt zu Hause.

Alle diese Orte, die wir dir auf unserer Reise zeigen wollen, haben eines gemeinsam: Sie sind wunderschön! Noch … Noch? Ja, noch. Sie könnten sich aber bald komplett verändern oder sogar von unserem Planeten verschwinden. Manche Veränderungen sind jetzt schon sichtbar. Anderswo gehen sie so schleichend vor sich, dass man sie kaum wahrnimmt. Trotzdem passiert etwas. Wie alles zusammenhängt, erfährst du hier.

Wenn aber alle gemeinsam etwas tun, lassen sich viele Entwicklungen noch aufhalten. Dann können die Lebensräume zahlreicher Menschen und Tiere, ihr Zuhause, erhalten werden. Jeder kann mithelfen, auch du! Siehe hier. Du musst nicht erwachsen oder Politikerin oder Politiker sein, um etwas zu bewirken. Niemand ist zu jung, um etwas zu bewegen.

Also, komm mit! Reise mit uns über Meere und Kontinente! Entdecke die Welt! Erlebe, wie schön sie ist … und dass wir alles nur Mögliche tun müssen, damit sie so schön bleibt! Los geht’s!

Andreas Hüging und Angelika Niestrath

Eine Insel für alle

Eine Geschichte aus der Arktis

Mitten im Polarmeer ragt eine kleine runde Felseninsel aus dem Wasser. Hier gibt es keine Sträucher oder Gras, nur Steine. An den Rändern stürzen steile Klippen hinab ins Eis, das die Insel wie ein dicker weißer Kragen umgibt. Niemand kann auf dem kahlen Felsen wohnen. Doch manchmal kommen Jäger oder Fischer vorbei, um Rast zu machen. Heute sind es Hitty und ihr Vater Pana.

In ihrem Kajak liegt ein Sack voller Fische. Der Fang war gut, morgen können sie nach Hause fahren. Hitty freut sich über die Rast, sie findet die einsame kleine Insel wunderschön. Von den hohen Klippen kann sie rundum auf das Meer schauen. Im Frühjahr erfüllen riesige Vogelschwärme die Luft mit Rufen und Flügelrauschen. Dann kommt es Hitty vor, als könnte sie selber fliegen! Im Winter ist es so still, dass man den Schnee fallen hört. Wenn nach einem Schneesturm die Sonne wieder scheint, glitzert die ganze Insel wie eine Puderzuckertorte.

„Sieh mal, Hitty!“ Pana zeigt hinunter zum Fuß der Klippen.

„Ein Eisbär!“ Hitty erschrickt. Doch zum Glück interessiert sich der Bär gar nicht für sie. Eifrig schwimmt er zwischen den Eisschollen herum, die vor der Insel im Meer treiben. Immer wieder schubst er sie mit der Nase zusammen.

„Das habe ich ja noch nie gesehen“, staunt Pana. „Was macht er da bloß?“

Hitty hat eine Idee. „Der Bär spielt ein Spiel!“ Sie lacht: „Eispuzzle!“

„Eispuzzle?“ Ihr Vater schaut verblüfft, dann muss er auch lachen.

„Genau so sieht es aus.“ Pana grinst. „Hilfst du mir jetzt, ein Lager zu puzzeln? Gleich wird es dunkel.“

An einem windgeschützten Fleck hat Pana ein wärmendes Feuer gemacht. Nun breitet er sorgfältig die Felldecken für das Nachtlager aus. Hitty füllt Wasser in den Teekessel und steckt Fische auf zwei Spieße. Doch kaum haben sie sich zum Essen hingesetzt, da leuchtet in der Nähe ein zweites Lagerfeuer auf!

„Wer kann das sein?“, wundert sich Hitty. Bis jetzt waren sie immer alleine hier.

„Wir werden es gleich wissen“, brummt ihr Vater. „Sie kommen, um Hallo zu sagen.“ Pana ist hungrig und müde. So später Besuch gefällt ihm gar nicht.

Hitty späht neugierig in die Dunkelheit. Schritte knirschen auf den Steinen, dann stehen ein Mann und ein Junge im Licht des Feuers. Fremde Jäger!

„Ich bin Panuk, und dies ist mein Sohn Marlu“, sagt der Mann ohne Begrüßung. „Wisst ihr nicht, dass die Insel unserem Stamm gehört? Niemand sonst hat ein Recht, hier zu sein!“

„So ein Unsinn“, grummelt Pana zurück. „Unsere Vorfahren haben diesen Platz schon seit Anbeginn der Zeit genutzt. Das ist so überliefert. Daran gibt es nichts zu rütteln.“

„Willst du mit mir streiten?“ Der fremde Jäger macht einen Schritt auf Pana zu, aber sein Sohn hält ihn am Ärmel zurück.

„Bitte, Papa“, sagt er mit rotem Kopf, „die nehmen uns doch nichts weg!“

„Stimmt genau.“ Hitty nickt mutig. „Außerdem ist hier Platz genug für alle.“

„Pfff! Das werden wir ja sehen!“ Ärgerlich dreht Panuk sich um und zerrt Marlu hinter sich her.

Nach dem Essen liegt Hitty noch lange wach und schaut in den klaren Polarhimmel – bis endlich eine Sternschnuppe herabsaust! Da wünscht sie sich ganz fest, dass es am Morgen auf der kleinen Insel friedlich bleibt.

Als Hitty die Augen aufschlägt, schläft ihr Vater Pana noch tief und fest. Aber der fremde Junge ist schon wach. Er steht nur ein paar Meter von ihrem Lager entfernt und winkt ihr aufgeregt zu: „Komm her, ich muss dir was zeigen!“

Neugierig krabbelt Hitty aus dem Schlaffell und schlüpft in ihre Stiefel.

„Guck dir das an!“ Marlu zieht sie hinter ein paar große Steine. Dann legt er beschwörend den Finger auf die Lippen: „Pssst!“

Hitty schaut vorsichtig über die Felsspitze. Da sitzt ein Polarfuchs in der Morgensonne und putzt sein Fell! Vorne glänzt es flauschig weiß, aber hinten und an den Beinen ist es viel kürzer, dunkelbraun und struppig.

„Der sieht ja lustig aus!“ Hitty kichert leise. „Wie zwei Tiere in einem!“

„Er bekommt gerade sein Sommerfell“, sagt Marlu. „Aber eigentlich sollte er gar nicht hier sein.“

Hitty nickt. „Polarfüchse leben auf dem Festland. Wie ist er bloß hergekommen?“

„Wahrscheinlich über das schwimmende Eis.“

Plötzlich steht Pana neben ihnen. „Wenn die Füchse an Land nicht genug Futter finden, folgen sie manchmal den Eisbären“, erklärt er. „Dann fressen sie, was die Bären übrig lassen.“

„Aber da ist fast kein Eis mehr.“ Marlu zeigt aufs Meer hinaus. „Wie kommt unser Fuchs jetzt zurück?“

„Das Eispuzzle!“, ruft Hitty.

Schnell erzählt sie Marlu, was sie gestern beobachtet hat.

„Meint ihr, der Bär wollte eine Brücke zum Festland bauen?“

Pana hebt zweifelnd die Schultern. Doch bevor er antworten kann, ertönt ein erschrockener Ruf von Marlus Vater. Immer noch in seine Schlafdecke gewickelt, starrt er mit großen Augen auf eine Herde riesiger Walrosse. Mindestens zwanzig Tiere umringen Panuks Lager. Drei mutige Anführer haben sich direkt vor ihm aufgebaut und blöken laut, um ihn zu vertreiben. Als wollten sie ihm sagen: „Das ist unsere Insel!“

Eilig rafft Marlus Vater seine Sachen zusammen und rennt zu den anderen hinüber.

„Tut mir leid wegen gestern“, entschuldigt er sich bei Pana. „Marlu und ich hatten eine schlechte Jagd, deshalb war ich mies gelaunt. Aber ihr habt recht, die Insel gehört allen – natürlich auch den Tieren!“

Kaum hat er das gesagt, da reckt ein Eisbär seinen mächtigen Kopf über den Rand der Klippen. Aber diesmal ist es eine Bärin! Zwei tapsige Bärenkinder folgen ihr auf dem Fuß.

Nie zuvor hat Hitty so viele Tiere zugleich auf der kleinen Insel gesehen. Normalerweise würden die einen großen Bogen umeinander machen!

„Was wollen die alle hier?“, fragt sie ihren Vater.

Pana seufzt. „Es wird immer wärmer auf der Erde, weil die Menschen die Luft verschmutzen“, sagt er. „Überall in der Arktis schmelzen deswegen Eis und Schnee. Die Tiere verlieren ihren Lebensraum und suchen nach einem neuen Zuhause, um zu überleben.“

„Und wir können gar nichts dagegen tun?“, fragt Hitty empört.

„Doch“, sagt Panuk. „Viele Menschen auf der ganzen Welt tun etwas dagegen.“

„Wir auch!“, ruft Marlu entschlossen. „Wir wissen jetzt Bescheid!“

„Gut so“, bestätigt Panuk. „Und jetzt sollten wir schleunigst von hier verschwinden, bevor die Tiere uns Beine machen.“

Doch der Weg zu Panuks Kajak ist versperrt: Auf der Felsklippe kümmert sich die Eisbärin um ihre Jungen. Da darf man nicht stören!

„Unser Boot liegt dort drüben“, sagt Hittys Vater ruhig und deutet in die andere Richtung. „Ich fahre um die Insel herum und bringe eures her.“

„Dann bleibe ich bei Hitty und Marlu“, entscheidet Panuk. „Danke, Pana.“

Als Pana mit dem zweiten Kajak im Schlepptau zurückkehrt, erwarten ihn Panuk und die Kinder schon am Ufer. Inzwischen ist auch noch eine große Gänseschar auf der Insel gelandet! Erleichtert steigen alle in die Boote, aber Hitty macht sich Gedanken um den Polarfuchs.

„Der kann nicht so weit schwimmen wie Eisbären und Walrosse“, sagt sie besorgt. „Und fliegen kann er auch nicht.“

„Schau mal da drüben“, tröstet Pana seine Tochter. Er zeigt auf einige große Eisschollen. Dicht nebeneinander treiben sie auf die Insel zu wie ein schwimmender Teppich. Schon ist die Bärin mit ihren Jungen auf das Eisfloß geklettert. Der Fuchs folgt ihnen vorsichtig, doch die Bärin lässt ihn großzügig in Ruhe.

„Gut gemacht!“, ruft Marlu. „Gute Reise, kleiner Fuchs!“

Hitty winkt noch, da beginnt plötzlich rundherum das Wasser zu schäumen und zu spritzen. Der Rücken eines Buckelwals taucht neben den Kajaks auf. Erst einer, dann zwei, dann immer mehr. Eine ganze Gruppe! Die Boote wirken winzig zwischen den riesigen Tieren, doch die Wale bewegen sich ganz vorsichtig.

„Die haben Besseres zu tun, als sich mit uns um den Platz zu streiten.“ Marlus Vater zwinkert Hitty zu. „Mit einem Flossenschlag könnten sie unsere Boote zerschmettern, aber sie tun es nicht. Wir dürfen ihre Welt auch nicht zerstören.“

In diesem Moment schwimmt einer der Wale so nah heran, dass Hitty die Luft anhält. Ein gewaltiges Auge hebt sich aus dem Wasser und – zwinkert ihr zu! Oder bildet sie sich das nur ein?

Vielleicht. Doch Hitty ist sich ganz sicher, dass der Wal ihr etwas sagen will: Gemeinsam können wir unsere wunderschöne Welt beschützen.