Peter Schwindt
Das Buch des Wisperns (Die Gilead-Saga 1)
Roman
FISCHER E-Books

Peter Schwindt hat nach seinem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften zunächst als Lektor, Redakteur und Game Designer gearbeitet, bevor er freiberuflich als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen schrieb. Er ist erfolgreicher Autor von Thrillern für Erwachsene und Fantasy-Büchern für Kinder und Jugendliche.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden Sie unter www.fischerverlage.de
Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2021 Peter Schwindt
© 2021 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Karte: Fiete Koch Illustration, Hamburg
Vignetten: © Kerstin Schürmann, formlabor, Hamburg
Die Geschichte von Schaddad stammt aus Gustav Weil: Tausend und eine Nacht (Bd. 2)
Covergestaltung und Abbildung: Kerstin Schürmann, formlabor, Hamburg
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0276-5

Hakim 
Die Nacht, so sagt man, ist kurz vor der Dämmerung am dunkelsten. Dann sind die Gedanken wie ein einsamer Hund, der kurz vor einer unbehausten Stadt bellt, weil er nicht weiß, wie er sonst seinem Leiden Ausdruck verleihen kann. Schlechte Gedanken brauchen die Angst wie einen nährenden Boden, um im verzagten Herz Wurzeln zu schlagen und schwarze Blüten zu treiben.
Hakim tastete in der Dunkelheit nach einem Becher Wasser, stieß ihn aber mit seiner zittrigen Hand um. Stöhnend sank er zurück auf sein hartes Lager. Sein Mund war ausgetrocknet, der Kopf dröhnte pulsierend. Er kannte die Symptome der Austrocknung, Hakim war in der Wüste aufgewachsen. Er wusste, wie es war, kurz vor der Erschöpfung zu sein, die Orientierung zu verlieren und Ziegelsteine zu scheißen. Wenn man überhaupt noch scheißen konnte.
Dieses verdammte Miraa!
Hakim hatte gedacht, dass das Kraut ihm helfen würde, auf den Beinen zu bleiben. Zwölf Tage war er jetzt in Sanaa gewesen. Er hatte den Bazar aufgesucht. Hatte Tage in der Bibliothek verbracht. Hatte mit Schriftgelehrten gesprochen. Man hatte ihn freundlich aufgenommen, den ehrbaren Kaufmannssohn aus Damaskus, der sich trotz seiner jungen Jahre alleine auf den beschwerlichen Weg gemacht hatte, die Wunder der Welt zu erkunden und ihre Geheimnisse zu erforschen. Sie alle hatten ihm bereitwillig Auskunft gegeben. Wie diese Stadt von Noahs Sohn Sem gegründet worden war. Von den Kämpfen zwischen Abessinien und Persien berichtet, die die größte Stadt des Universums – neben Damaskus natürlich, verzeiht, Sayyid – stets erobern wollten. Vergebens, der Jemen blieb unter den Zaiditen frei. Das Land war reich, in jeder Hinsicht. Die Turmhäuser von Shibam und Sanaa, Ihr müsst sie gesehen haben! Hoch in den Himmel gebaut, stets zur Ehre Allahs!
Doch wenn die Sprache auf die geheimnisvolle Stadt der Säulen gekommen war, verstummten sie. Alle. Und es machte in Sanaa die Runde, dass hier ein Fremder aus dem gottlosen Damaskus gekommen war und ungebührliche Fragen stellte. Türen, die sich Hakim geöffnet hatten, wurden nun wieder ängstlich geschlossen.
Iram. Untergegangen im Sand der Wüste, weil sich ihre Bewohner von Gott abgewandt hatten.
Viele haben diese Stadt in der Wüste namens Rub al-Chali gesucht. Die Schätze, die mit ihr untergingen, waren legendär. Die Aussicht auf Gold und Silber und Edelsteine lockte seit Jahrhunderten immer wieder unvorsichtige Seelen ins sichere Verderben. Denn Rub al-Chali war kein Ort, an dem das Leben willkommen war.
Nun, so hatte Hakim gedacht, wenn ihm schon die Gelehrten und Kaufleute, die angesehenen Stützen dieser ehrenwerten Gesellschaft, keine Hilfe waren, dann die Miraa-Kauer und Haschisch-Esser.
Es dauerte nicht lange, bis er die Orte gefunden hatte, an denen sich die Ausgestoßenen trafen. Die Gestrandeten.
Hakim fand sie in den engen Gassen der Altstadt. Und er war mittlerweile selbst so heruntergekommen, dass sie ihn als ihresgleichen aufnahmen.
»Komm her«, hatten sie gesagt. »Setz dich zu uns. Wir teilen unsere Träume, denn sie sind das Einzige, was uns geblieben ist.«
Und Hakim setzte sich zu ihnen. Aß mit ihnen, trank mit ihnen. Träumte mit ihnen. Die Tage wurden zu Nächten, die wieder zu Tagen wurden. Nichts war mehr von Wichtigkeit und alles hatte eine Bedeutung.
Iram.
In seinen Visionen näherte er sich dieser Stadt, die mit ihren hängenden Gärten und goldenen Säulen das irdische Eden war. Er trat durch das himmelhohe Tor, wurde mit Blumen umkränzt und willkommen geheißen. Wie, so fragte sich Hakim, konnte dieser Ort der Hölle näher sein als dem Paradies? Er durchstreifte die Gassen und Arkaden, trank aus Brunnen das erfrischendste Wasser, aß von Bäumen die süßesten Früchte. Die Menschen lachten und tanzten und sangen. Doch etwas fehlte. Hakim konnte es nicht benennen. Es war wie ein Wort, das auf seiner Zungenspitze tanzte, sich aber nicht enthüllte.
Die Sonne stieg hinauf in den Himmel und als sie ihren Zenit überschritten hatte, sank sie wieder herab. Die Schatten wurden länger, bis sie mit der Nacht verschmolzen. Lampen und Fackeln wurden auf den Plätzen entzündet, die Menschen luden ihn ein, das Brot mit ihnen zu brechen und den Wein mit ihnen zu trinken. Musik spielte auf, dumpfe Klänge zu treibenden Rhythmen. Die Luft war immer noch warm. Weihrauch und Sandelholz legten sich drückend auf den Atem, und die Stimmung wandelte sich. Und die Männer und Frauen taten das, was Männer und Frauen miteinander taten, wenn sie beieinanderlagen.
Kinder, fiel es Hakim auf. Es waren keine Kinder an diesem Ort. Man mochte alles hier finden, die Freuden des Fleisches und des Verlangens.
Aber keine Unschuld.
Hakim entzog sich den Händen, die erst zaghaft, dann immer wollüstiger nach ihm griffen. Er sprang erschrocken auf, dann rannte er um sein Leben hinaus in die Wüste.
In der Nacht war er nackt im Schmutz einer dunklen Hausecke erwacht. Seine neugefundenen Freunde, die noch am Abend ihre Träume mit ihm geteilt hatten, hatten ihn ausgeraubt und betäubt liegen lassen. Zu seinem Glück hatte er das Gold, das er für seine Reise benötigte, in seiner Herberge versteckt. Zusammen mit genügend Kleidung zum Wechseln.
Hakim wusste jetzt, wo Iram lag. Doch bevor er zu diesem unheiligen Ort aufbrechen konnte, musste er sich erholen und das Gift aus seinem Körper zwingen.
Er hatte vergessen, welchen Weg er durch das Gewirr dunkler Gassen nehmen musste, um zu seiner Herberge zu gelangen. Der zunehmende Mond stand hoch am Himmel und tauchte die Häuserschluchten in ein fahles, kaltes Licht. Es war still wie auf einem Friedhof. War Sanaa am Tag eine enge Stadt, in der sich die staubige Hitze zwischen den hochaufragenden Häusern staute, ließ ihn nun die Kälte der Nacht empfindlich frieren. Er hatte seit Tagen nichts gegessen, wenn er einmal von diesen unheilvollen grünen Blättern und dem Haschisch absah, die ihm eine Kraft vorgegaukelt hatten, die schon lange nicht mehr seinen ausgemergelten Körper beseelte.
Hakim taumelte frierend von einer Hauswand zur nächsten, blieb immer wieder keuchend stehen, weil er ruhen musste, bevor er den nächsten Schritt machen konnte. Er hatte sich hoffnungslos verlaufen. In seiner Verzweiflung wollte er an eine der Türen klopfen und um Hilfe bitten. Hakim hatte sich auch schon eine Geschichte zurechtgelegt: dass er unter Diebe und Haschisch-Esser gefallen sei (was ja auch stimmte, nur dass er freiwillig deren Gesellschaft gesucht hatte), die ihn ausgeraubt und nackt in den Straßengraben geworfen hatten.
Doch dann stand dieser Hund vor ihm.
Man hatte Hakim gewarnt. Am Tage, wenn das Leben durch die Straßen der Stadt pulsierte, hielten sich die Rudel herrenloser Tiere in dunklen Winkeln und Höhlen versteckt. Sie wussten, dass man Jagd auf sie machte. Als Wachhunde mochten sie Verwendung finden. Oder zum Hüten von Schafen oder Ziegen auf den Feldern leben. Aber sie waren unrein. Kein Engel des Herrn würde ein Haus betreten, das einen Hund beherbergte.
Doch in der Nacht gehörte die Stadt ihnen.
Es war ein gewaltiges Tier, das Hakim den Weg versperrte. Seine Augen glühten heiß und rot. Rauch stieg von ihnen auf. Wie bei einer erloschenen Kerze, deren Docht nur noch leise glomm.
Hakim sank auf die Knie. Er hatte keine Kraft mehr sich zu wehren. Mochte ihm das Tier in diesem Moment die Kehle zerfetzen und Fleisch aus seiner Seite reißen, es war Hakim einerlei.
Der Hund fletschte nicht die Zähne. Er legte auch nicht die Ohren an oder sträubte das Fell. Stattdessen gab das Tier nur ein verhaltenes Knurren von sich, das beinahe ein wenig mürrisch, gar ungeduldig klang. Es wandte sich zum Gehen ab und drehte sich noch einmal zu Hakim um, als wollte es ihn dazu auffordern, ihm zu folgen.
Hakim richtete sich auf und taumelte weiter. Und tatsächlich, der Höllenhund trottete zielstrebig vor ihm her, ging bald links, bald rechts durch die engen Straßen und Gassen, wartete geduldig, wenn Hakim keuchend nach Atem rang, und schlug am Ende den Weg in eine Straße ein, die Hakim kannte. Wenn er an ihrem Ende durch eine schmale Passage ging, stünde er vor seiner Herberge.
Als der Hund sah, dass Hakim wusste, wo er sich befand, verschwand er in der Schwärze der Nacht.
Jetzt spürte Hakim den brennenden Durst, den peinigenden Hunger. Er wankte zu der kleinen Zisterne, die im Hof der Herberge vergraben war, trank gierig, übergab sich, trank erneut und wusch sich. Zitternd brach er zusammen und lehnte sich erschöpft an die Umfriedung des Wasserbehälters.
»Junger Herr?«, flüsterte eine Stimme. Es war Dirar, der Eigentümer der Herberge, ein gedrungener Mann unbestimmbaren Alters. Und er hielt eine Laterne geradewegs in Hakims Gesicht, so dass er mürrisch die Augen schloss.
»Junger Herr, ist alles in Ordnung mit Euch?«
Hakim machte eine abwehrende Bewegung, und Dirar stellte die Laterne auf den Boden, um zurück ins Haus zu eilen. Einen kurzen Moment später kehrte er wieder und reichte Hakim ein Gewand. Nicht unbedingt frisch gewaschen, aber es bedeckte immerhin Hakims Blöße.
»Ihr jungen Leute«, sagte Dirar und schüttelte den Kopf wie ein Mann, der mit den Dummheiten des Lebens schon längst abgeschlossen hatte. Wahrscheinlich, weil er verheiratet war und seine Frau ihm sonst die Hölle heißgemacht hätte.
»Geht weg.« Hakims Stimme war so trocken wie der Staub des Straßengrabens, in dem er in dieser Nacht erwacht war.
Dirar ließ sich von den Worten nicht beeindrucken. »Ihr seht aus, als hätte Euch der Teufel ausgeschissen, Herr. Ihr solltet etwas essen. Der Morgen dämmert, und Mima backt schon das Brot für den Tag.«
Hakim ergriff nach langem Zögern die dargebotene Hand und ließ sich hochziehen, nur um sich erneut zu übergeben. Er fragte sich, was außer Galle überhaupt noch in seinem Magen sein konnte.
»Lasst es raus, junger Herr«, sagte Dirar väterlich und wartete ab, bis Hakim wieder zu Atem gekommen. Dann schob er ihn durch die niedrige Tür in die Küche der Herberge.
Mima blickte von ihrem Brotteig auf und gab ein missbilligendes Schnalzen von sich, knetete aber ungerührt weiter. Ihre Hände und Arme waren mit Mehndi-Ornamenten überzogen, die langsam verblassten. Die schwarzen Augen funkelten finster in einem Gesicht, das so runzelig wie eine vertrocknete Dattel war.
Dirar bugsierte Hakim auf einen Schemel und setzte sich ihm gegenüber. Mima brachte starken süßen Tee und Brot mit Ful, einer braunen Bohnenpaste, die Hakim schon kannte und die ihm langsam zu den Ohren herauskam. Er trank den Tee, und Mima schenkte nach.
»Esst«, sagte Dirar und zeigte auf das Brot. »Euer Magen muss sich beruhigen. Ihr werdet sehen, danach geht es Euch besser.«
Hakim war sich dessen nicht so sicher. Sein Bauch war noch immer ein finsteres Loch, und in den Eingeweiden gurgelte es, als würde ein wütendes Tier nicht wissen, wo der Ausgang war. Aber Dirar hatte recht. Der Brei tat gut, und Hakim stellte fest, dass er hungriger war, als er dachte. Dirar nickte zufrieden und wies seine Frau an, dem Gast einen Nachschlag zu geben.
Hakim trank einen Schluck Wasser. Diesmal aber vorsichtiger. »Ich brauche ein Kamel. Ich will mich einer Karawane Richtung Norden anschließen. Könnt Ihr jemanden empfehlen?« Er nickte Mima einen Dank zu, als sie ihm ein frisches, noch dampfendes Brot brachte.
Dirar strich sich mit der Hand über den grauen Bart und zuckte mit den Schultern. »Mein Bruder könnte Euch da weiterhelfen. Ihm gehört ein Funduq, eine Karawanserei. Ich vertraue ihm, denn er ist …«
»Familie«, vollendete Hakim den Satz. Es war ihm egal, ob man ihm seine mangelnde Begeisterung anhörte oder nicht.
Dirar lächelte, als wollte er um Vergebung bitten. »Ihr wisst doch, wie das ist. Da ist der Bruder, der Schwager, der Onkel, der Cousin. Ja, Familie! Man kann nicht ohne sie. Aber mit ihr ist es auch nicht einfacher. Habe ich recht?«
»Ja«, gab Hakim zu. »Gut. Also sei es Euer Bruder.«
»Er macht Euch bestimmt einen guten Preis.«
»Davon gehe ich aus«, sagte Hakim.
Mima nahm ihm den leeren Teller ab und schaute ihn fragend an.
Hakim schüttelte den Kopf. Er hatte genug.
Dirar beugte sich vor, als müsste er darauf achten, dass niemand seine nächste Frage hörte. »Also habt Ihr gefunden, wonach Ihr sucht?«, flüsterte er.
Mima verdrehte stumm die Augen und begann, das Geschirr zu spülen.
»Wovon redet Ihr?«, fragte Hakim.
»Ich bitte Euch! Ihr seid Stadtgespräch! Viele haben nach Iram gesucht, aber keiner ist dabei so hartnäckig vorgegangen wie Ihr.«
»Es gibt zwei Möglichkeiten«, sagte Hakim. »Entweder lüge ich Euch an oder ich sage die Wahrheit. In beiden Fällen ist meine Antwort die gleiche: Ich weiß nicht, wo Iram liegt.« Und wenn er ehrlich war, stimmte das auch. Wenn man ihm eine Karte vorgelegt hätte, hier und jetzt, hätte er es nicht sagen oder gar die Stelle zeigen können. Er wusste aber, dass er sich auf den Weg nach Norden durch die Wüste begeben musste. Seit diesem Traum sandte Iram ein Signal aus. Wie ein unsichtbares Leuchtfeuer. Hakim musste sich nur in dessen Richtung bewegen, und er würde finden, wonach seine Familie schon so lange suchte.
»Wann möchtet Ihr aufbrechen?«
»Heute«, sagte Hakim.
Dirar lachte. Doch dieses Lachen erstarb, als Hakim nicht mit einstimmte. »Heute?«, fragte er unsicher. »Ist das Euer Ernst?«
»Ich habe keine Zeit zu verlieren«, sagte Hakim bestimmt.
»Aha«, machte Dirar nur und warf seiner Frau, die die letzten Brote aus dem Ofen holte, einen Seitenblick zu. »Ihr werdet frühestens in vier Tagen aufbrechen können.«
»Das ist inakzeptabel«, sagte Hakim.
»Es wird nicht anders gehen«, sagte Dirar. »Vor drei Tagen ist eine große Reisegesellschaft nach Hajar aufgebrochen. In vier Tagen zieht die nächste Karawane nach Diriyya. So lange werdet Ihr Euch gedulden müssen.«
Hakim stöhnte auf.
»Nutzt die Zeit. Ruht Euch aus. Kommt zu Kräften. Solch eine Reise will gut vorbereitet sein. In Eurem Zustand werdet Ihr keinen Tag in der Hitze überleben.«
»Vier Tage?«, fragte Hakim erneut.
Dirar hob die Schultern. Inschallah. So Gott will.
Hakim erhob sich. »Dann werde ich jetzt schlafen.«
Und das tat er.
Zwei Tage und zwei Nächte.
Traumlos, wie ein Toter.
Als er am dritten Tag erwachte, war seine Kleidung gewaschen worden. Außerdem hatte Dirar zwei Säcke mit Proviant gefüllt, der für einen Monat reichen würde. Man konnte sich natürlich auch in eine Karawanserei einkaufen, aber das war unverhältnismäßig teuer und lohnte sich für Hakim nicht. Und auch wenn er aus einer reichen Familie stammte, würde sein Vater es begrüßen, wenn sein ältester Sohn achtsam mit dem ihm anvertrauten Geld umging. Deshalb tat Hakim, was die meisten Reisenden taten: Er übergab seine Vorräte dem Karwan-Baschi, der alles sammelte und verwaltete. Abends wurde gemeinsam gekocht. Man erzählte sich Geschichten, trank Tee und ging dann schlafen. Für viele war es die einzig erstrebenswerte Art zu reisen. Hakim konnte ihr nicht viel abgewinnen. Er war ein Einzelgänger. Deswegen sah er den kommenden Tagen mit einer gewissen Beklemmung entgegen.
Mima hatte ihm – wie immer stumm und mit wenig Herzlichkeit – das Frühstück zubereitet. Doch als er aufstehen und ihr danken wollte, sah sie ihn mit ihren schwarzen Käferaugen an.
»Bleibt sitzen«, sagte sie mit einer Stimme, die so warm und wohlklingend war, dass Hakim überrascht und ohne Widerworte innehielt.
»Legt Eure rechte Hand auf den Tisch«, sagte sie leise. Eine junge Seele, die in einem alten Körper gefangen war.
Hakim tat, was sie ihm sagte. Er legte die Hand auf den Tisch.
Doch Mima schüttelte den Kopf. »Umdrehen«, befahl sie. »Die Innenseite nach oben.«
Mima holte eine Schüssel mit Henna, und Hakim zog die Hand weg. »Was habt Ihr vor?«, fragte er.
»Ich will Euch schützen. Vor dem, was Euch auf Eurer Reise erwartet.«
»Ein Mehndi ist nur für Frauen«, sagte Hakim.
»Eine Hamsa aber nicht«, sagte Mima. Diese Stimme! So süß und tief und wohlklingend. Als sei die alte Frau ein Mal-Ak, ein Engel.
»Nein«, gab Hakim zu. »Das stimmt.«
Mima lächelte betrübt. »Ihr begebt Euch ohne Schutz in eine tödliche Gefahr. Eure jugendliche Eitelkeit wird Euch noch das Leben kosten.«
»Ihr habt keine Ahnung vom Tod. Und in welcher Gestalt er einem am Ende begegnet«, antwortete Hakim schroff. Er stand auf und wollte sich an Mima vorbeischieben, als sie ihn am Handgelenk festhielt. Sie gab ihm ein kleines Kästchen, das an einer langen Schnur baumelte. »Der achte Tag des Dhul Qa’idah im Jahr 253.«
»Was?« Hakim spürte, wie das Blut aus seinem Magen sackte. »Was sagt Ihr da?«
»Ihr begebt Euch auf eine Reise in das Herz der Finsternis, damit Ihr nicht an diesem Tag sterbt. Ihr braucht ein Licht, einen Schutz. Hier, tragt dies!«, sagte Mima, verknotete die Enden des Lederbandes miteinander und legte es Hakim um den Hals.
Hakim wollte etwas fragen. Woher Mima dieses Datum kannte. Was in der versiegelten schwarzen Kapsel war, die jetzt so schwer um seinen Hals über seinem Herzen hing. Und wer sie war. Er öffnete den Mund, aber dann wurde die Tür aufgestoßen. Dirar stand auf der Schwelle.
»Es ist alles vorbereitet«, sagte er zu Hakim, schaute dabei aber seine Frau an, die sich von dem misstrauischen Blick ihres Mannes nicht beeindrucken ließ.
»Ich komme«, sagte Hakim, umfasste die Kapsel und versteckte sie unter seinem Gewand.
Mima wandte sich wieder ihrem Tagwerk zu, stumm und verschlossen wie immer.
Hakim und Dira traten hinaus in den Hof, wo ein Eselskarren mit mehreren Bündeln und Säcken beladen war.
»Ihr müsst meiner Frau verzeihen«, sagte Dira unvermittelt. »Mima ist ein wenig sonderlich.« Er zog eine schwarze Kapsel unter seinem Qamis hervor. »Mir hat sie auch eines gegeben. Es sind die vier Suren gegen den bösen Blick. Sie sollen mich vor Dschinn beschützen.« Dirar setzte sich auf den Karren und zog Hakim zu sich hoch.
»Und? Hilft es?«, fragte Hakim.
»Offensichtlich. Ich bin jedenfalls noch nie von einem Feuerdämon belästigt worden.« Er gab dem Esel den Stock zu spüren, und das einachsige Gefährt setzte sich rumpelnd in Bewegung.
Die Karawanserei am nördlichen Rand der Stadt unterschied sich in jeder Hinsicht von den aus Lehm gebauten Häusern Sanaas. Bait Hanthal war eine Befestigungsanlage, die vor Zeiten einmal dem Schutz einer Armeeeinheit gedient haben musste. Das Mauerwerk bestand aus glatt behauenen Steinen. Alles stand in einem mathematisch genau berechneten rechten Winkel zueinander. Die Grundfläche Bait Hanthals war quadratisch, an der Nordseite gab es ein großes Tor. Der Innenhof, der dreißig mal dreißig Schritt umfasste, war von Arkaden gesäumt, hinter denen sich die Lagerräume befanden. Der umlaufende zweite Stock beherbergte die Räumlichkeiten für begüterte Reisende. Die Tiere – Kamele, Pferde und einige Esel – waren an der zentralen Tränke angebunden.
Dirar stieg ab und wurde von einem Mann begrüßt, der Adnan hieß und seinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten war. Die beiden flüsterten miteinander, wobei Adnan Hakim immer wieder musterte. Erst nachdenklich, dann immer neugieriger. Und am Ende war er so überrascht, dass er Hakim unverhohlen anstarrte.
Hakim stieg vom Karren und schaute sich um. Kamele wurden beladen und gesattelt. Die Esel und Pferde blieben, wo sie waren, was bedeutete, dass die nächste Reisegesellschaft eine Route gewählt hatte, die nur die Kamele überleben würden.
»Junger Herr?«
Hakim drehte sich um.
»Ich begrüße Euch in Bait Hanthal«, sagte Adnan.
»Ich danke Euch«, erwiderte Hakim. »Euer Bruder lobt Euren Geschäftssinn in den höchsten Tönen.«
»Er ist der erfolgreichere Sohn in der Familie«, sagte Dirar. »Obwohl er vier Jahre jünger ist als ich.«
»Ihr wollt Euch der Karawane nach Diriyya anschließen und habt kein Reittier«, sagte Adnan.
»Ihr könnt mir helfen?«
Adnan nickte. »Folgt mir«, sagte er und ging voran zum Brunnen, wo drei Kamele mit Fußfesseln am Boden kauerten. Dirar machte sich unterdessen daran, den Karren zu entladen. »Normalerweise bin ich kein Kamelhändler. Aber ab und zu kommt es vor, dass ein Reisender seine Rechnungen nicht begleichen kann. Und dann muss ich leider seine Reittiere pfänden.«
Hakim begann, die Tiere zu untersuchen. Er wusste, woran man ein krankes Kamel erkannte, ob es fehlernährt oder zu alt war. Pocken waren weit verbreitet und konnten zu Blindheit und Ertaubung führen, auch wenn das Tier die Krankheit überlebte. Zecken waren eine echte Plage. Hakim war in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren worden. Das Erste, was man lernte, war der Umgang mit Tieren. Und wenn man lange unterwegs war, musste man sich selbst zu helfen wissen. Egal, ob das Kamel Würmer oder eine Darmverschlingung hatte. Nachdem Hakim die Zähne, das Fell und alle Körperöffnungen sehr gründlich in Augenschein genommen hatte, zeigte er auf das linke Tier.
»Wie viel?«, fragte er.
Adnan nannte eine Summe, und Hakim musste lachen.
Dirars Bruder zuckte mit den Schultern. »Wie Ihr meint. Aber ich weiß, dass Eure Zeit drängt. Ihr könnt versuchen, woanders ein Reittier zu bekommen. Ihr werdet keinen Erfolg haben. Warum? Weil Ihr ein Mann des Teufels seid. Weil Ihr Iram sucht.«
Hakims Miene verfinsterte sich. Er wusste, dass Adnan recht hatte. Der Verhandlungsspielraum war klein, eigentlich war er gar nicht vorhanden. So gesehen war der Preis, den ihm Dirars Bruder gemacht hatte, sogar noch akzeptabel.
»Gut«, sagte Adnan und seufzte. »Mir ist es egal, was die Leute sagen. Ihr bekommt das Tier zu dem Preis, den ich Euch genannt habe. Außerdem gebe ich Euch noch einen Sattel und das nötige Zaumzeug dazu.«
Hakim streckte seine Hand aus, und Adnan schlug ein, obwohl er sich nicht über das Geschäft zu freuen schien. Sein Gesicht blieb verschlossen.
»Siehst du dort hinten den großgewachsenen Mann in dem blauen Gewand?«, fragte Adnan. »Das ist Gafar Shadi, der Karwan-Baschi. Er ist dafür verantwortlich, dass alle Reisenden wohlbehalten in Diriyya ankommen.«
Gafar Shadi war ein Mann in seinen frühen Fünfzigern. Die Wüste hatte ihre Spuren im Gesicht dieses Mannes hinterlassen und ihn vor seiner Zeit alt werden lassen. Daran konnte auch der akkurat gestutzte Kinnbart nichts ändern, der so grau wie das kurzgeschnittene Haar war, das sich am Hinterkopf bedenklich lichtete. Gafar beaufsichtigte das Beladen der Kamele, als sich sein Blick mit dem von Hakim kreuzte. Der Karwan-Baschi gab einige letzte Anweisungen und kam dann zu ihnen herüber. Er begrüßte Adnan mit einem knappen Nicken und musterte dann Hakim eingehend.
»Sechzehn Jahre sollst du alt sein«, sagte er. »Du siehst älter aus.«
Hakim kannte Männer wie Gafar. Sein Vater hatte sie zu Dutzenden eingestellt. Sie strotzten vor Selbstbewusstsein, waren aber loyal und zuverlässig, wenn man ihnen die nötige Entscheidungsfreiheit ließ.
»Dirar hat meinen Anteil am Proviant bereits abgeladen«, sagte Hakim.
Gafar betrachtete Hakim, als hätte er ein verzogenes Kind vor sich, das mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden war, während er selbst um alles hatte kämpfen müssen.
»Ich würde Euch gerne schon jetzt bezahlen«, fuhr Hakim fort. »Sagt mir, was ich Euch schuldig bin.«
»Adnan kümmert sich um solche Dinge, wenn ich auf Reisen bin.« Der Karwan-Baschi wartete Hakims Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und ging.
»Mein Bruder kann ihn auch nicht leiden«, sagte Dirar, der seinen Esel am Zügel führte und sich auf den Heimweg machen wollte. »Gafar ist ein aufgeblasener Wichtigtuer. Aber er hat bis jetzt noch keinen Reisenden verloren. Es gibt kaum einen zuverlässigeren Karawanenführer als ihn. So viel kann ich Euch sagen.« Dirar setzte sich auf den Karren. »Ihr seid also gut aufgehoben.«
Hakim zögerte einen Moment, schließlich streckte er Dirar die Hand entgegen, die dieser mit einem warmen Lächeln ergriff.
»Habt Dank für alles.«
»Ich wünsche Euch eine gute Reise«, erwiderte Dirar. »Möget Ihr finden, wonach Euer Herz sucht.«
Dirar schnalzte mit der Zunge und gab dem Esel den Stecken zu spüren, dann rumpelte der kleine Karren davon.
Ein Ritt durch die Wüste lässt sich mit keiner anderen Erfahrung vergleichen. Noch nicht einmal mit einer Fahrt über das Weiße Meer hinüber nach Cordoba oder Byzanz, wo Stürme und Piraten das Leben der Passagiere bedrohen.
Auch wenn man zusammen reist, bleibt der Ritt durch die Wüste ein einsames Unternehmen. Man reitet hintereinander weg, nicht nebeneinander her, so dass keine Gespräche möglich sind. Hakim hatte für die Wüste ein schwarzes Qamis erworben, das den ganzen Körper bedeckte, damit er nicht zu viel Schweiß verlor. Auf dem Kopf trug er eine tiefblaue Kofia, mit der er bei einem Sturm auch das Gesicht schützen konnte. Die dunkle Farbe verminderte die Gefahr eines Sonnenbrandes.
In einem Punkt konnte man eine Karawane dann doch mit einer Schiffsreise vergleichen: Es gab den Horizont, sonst nichts. Und manchmal noch nicht einmal die Linie, die den Beginn des Himmels markierte. Nämlich dann, wenn ein Samum von Westen heraufzog, die feinen Sandpartikel emporhob und jedes Leben erstickte, das nicht auf diesen Giftwind vorbereitet war. Man bewegte sich in einem Nichts. Die Kunst bestand darin, dieses Nichts mit seinen Gedanken zu füllen. Und zwar so, dass man nicht wahnsinnig wurde.
Es gab einige Regeln, die man befolgen musste, wollte man in der Wüste überleben. Hakim kannte sie, sein Vater hatte sie ihm regelrecht eingebläut. Die wichtigste war: Schätze deine Kräfte und die deiner Kamele richtig ein. Brechen sie zusammen, sterben sie innerhalb kürzester Zeit – und somit auch der Mensch, der auf sie angewiesen ist. Deswegen durfte man sie nicht zu schwer beladen. Mehr als das doppelte Gewicht eines Mannes brachte sie um. Unerfahrene Reisende konnten durch die Hitze bis zu zehn Liter Wasser am Tag verlieren. Gafar mochte zwar ein hochmütiger Mann sein, aber er verstand sein Geschäft. Die Wasservorräte, die von den Lastkamelen transportiert wurden, waren auf mehrere Dutzend Schläuche verteilt worden. Sie mussten lange, sehr lange reichen, denn die Brunnen, die wie Wegpunkte angesteuert wurden, waren mitunter bis zu zehn Sonnenaufgänge voneinander entfernt.
Deswegen war es wichtig, immer in Bewegung zu bleiben. Jeder Tag, den man unnötig in der Wüste verweilte, erhöhte das Risiko, die Reise nicht zu überleben.
Eine Aufgabe war die schwerste von allen: Man durfte der Wüste nicht geben, was sie einem nehmen konnte. Man trank also nicht in der Hitze des Tages, keinen Tropfen. Auch wenn der Durst mörderisch war. Die Kehle schwoll an, die Lippen, die Zunge. Das Atmen tat weh.
Zudem war der Weg durch die Wüste nie ein gerader Weg. Die Strecke musste für die Kamele so flach wie möglich bleiben, selbst wenn es bedeutete, dass sich dadurch die Entfernung mitunter verdreifachte. Aber das war egal. Das direkte Überwinden eines Dünenkammes kostete viel zu viel Kraft. Erst am Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont versank, rastete man – und erschaffte sich eine Insel des Lebens.
Doch das hieß nicht, dass der Durst sofort gelöscht werden konnte. Das streng rationierte Wasser in den Schläuchen war so heiß, dass man sich daran verbrühte. Es musste erst abkühlen, bevor man es trinken konnte.
Zelte wurden bei dieser Karawane, die durch das Herz Arabiens und der unwirtlichsten aller Wüsten führte, nicht mitgenommen. Man schlief unter freiem Himmel, behütet von den Sternen und von Gott, dem Al-Muhaimin, dem allmächtigen Bewahrer und Beschützer.
Hakim lag noch lange wach und schaute hinauf in den Himmel, die Hände hinter seinem Kopf verschränkt. Den ganzen Tag hatte er darauf gewartet, dass Iram, die Stadt der Säulen, erneut zu ihm sprach und ihm den Weg wies. Aber seit dieser Nacht in den Gassen von Sanaa war die Verbindung schwächer geworden, so dass er sich fragte, ob alles nur ein Traum gewesen war, hervorgerufen durch das Miraa, dem Haschisch und die Erschöpfung, die seinen Körper in den letzten Monaten ausgemergelt hatten.
Er kaute auf einem zähen Stück Dörrfleisch herum, trank einen Schluck Wasser, das noch immer viel zu warm war, als dass es wirklich erfrischte und dachte an seine Familie in Damaskus. An seine Schwester Aischa. An seine Mutter, zu deren Füßen schon immer das Paradies gelegen hatte und die sich seit Hakims Geburt, die seinen vorherbestimmten frühen Tod bedeutete, Nacht für Nacht in den Schlaf weinte. Und an seinen Vater, dessen ältester Bruder natürlich auch am siebzehnten Geburtstag gestorben war. Er vermisste sie, alle.
Seine Mitreisenden hatten sich wie Schatten um ein flackerndes Feuer versammelt und erzählten sich murmelnd jene Geschichten, die man sich immer erzählte, wenn man auf Reisen war. Ab und zu drehten sie sich zu ihm, dem Sonderling und Eigenbrötler, um. Dann steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten über ihn. Gafar war bestimmt eitel genug, dass er ihnen berichtet hatte, dass dieser sechzehnjährige Grünschnabel aus Damaskus auf der Suche nach der Stadt der Sünde war, die von Allah – Friede sei mit ihm – zu Recht vom Angesicht der Erde getilgt worden war.
Und so trank Hakim einen letzten Schluck Wasser, wickelte sich in seine Decke ein und wartete darauf, dass ihn der Schlaf zu sich holte.
»Du hast deinen Weg verloren, ein weiteres Mal«, sprach leise eine tief grollende Stimme, die so klang, als müsste sie sich unbedingt räuspern.
Hakim blinzelte und schaute in ein Paar rotleuchtende Augen, die zu einem gewaltigen Hund gehörten, von dem eine große Hitze ausging. Hakim richtete sich auf und das Tier wich ein Stück zurück.
»Wer bist du?«
»Ein Freund«, antwortete der Hund, und Hakim erkannte augenblicklich die Lüge in diesen zwei Worten.
Hakim stützte sich auf und drehte sich um. Das Feuer war erloschen. Die Reisenden schliefen. Selbst die von Gafar eingeteilten Wachen saßen mit verschränkten Beinen auf dem Boden und hatten den Kopf auf die Brust gesenkt.
»Du solltest gehen«, sagte der Hund.
»Wohin?«, fragte Hakim. Wieder wich das Tier ein Stück zurück.
»In die Wüste. Iram wartet auf dich.«
»Wer bist du?«, fragte Hakim aufgebracht. Es war ihm egal, ob er Gafar oder die anderen Mitreisenden weckte.
»Meine Art kennt keinen Namen«, sagte der Hund mit gespieltem Bedauern. »Aber du darfst mich Schabbar nennen.«
Eine Woge der Übelkeit ließ Hakim wieder auf sein Lager zurücksinken. Er stöhnte, als sich sein Magen zusammenzog und er bittere Galle hochwürgte. Hakim umklammerte die Kapsel, die ihm Mima gegeben hatte. Die vier Sprüche gegen den bösen Blick. Deswegen wich Schabbar vor Hakim zurück, natürlich! Er war ein Ifrit. Plötzlich schämte Hakim sich dafür, dass er die alte Frau so verlacht und nicht ernst genommen hatte. Er war der Narr gewesen, nicht sie. Kibr, Hochmut. Wenn es dereinst einen Grund gab, weshalb er nicht ins Paradies gelangte, dann deswegen.
»Warum willst du mir helfen?«, keuchte Hakim.
»Sagen wir mal so«, sagte Schabbar. »Wir beide verfolgen dasselbe Ziel.«
»Du möchtest mein Leben retten?«
Schabbar lachte. »Wir haben ein Interesse daran, dass der Fluch von deiner Familie genommen wird. Dein Leben ist uns eigentlich egal. Wenn du Iram finden willst, musst du dich der Wüste überantworten. Du musst loslassen.«
»Dann werde ich keinen Tag überleben«, sagte Hakim.
»Dein Todestag ist dir fest bestimmt«, fuhr Schabbar fort. »Der achte Tag des Dhul Qa’idah im Jahr 253. Nichts wird dich vorher töten können.«
»Woher weißt du das?«
Schabbar gab ein Geräusch von sich, als wüsste er viel mehr, als er zugeben wollte. »Es steht in dem Buch geschrieben, das du suchst. Es steht im Kitab al-Azif.«
Hakim riss die Augen auf. »Du kennst Das Buch des Wisperns?«
»Abdul al-Hazred hat es mit meiner Hilfe verfasst«, antwortete der Ifrit. »Es war mein Flüstern, das er niedergeschrieben hat.« Schabbar hielt inne, dachte einen Moment nach, dann korrigierte er sich. »Na ja, nicht nur. Aber zu einem großen Teil.«
Hakim brauchte einen Moment, bis er verstand, was Schabbar ihm da offenbarte.
»Warum?«, fragte er schließlich fassungslos. »Warum hast du das getan?«
»Damals hielten wir es für eine gute Idee«, seufzte der Ifrit. »Wir haben uns getäuscht. Es war ein Fehler, den wir korrigieren müssen. Das Dumme ist nur: Wir können den Ort nicht aufsuchen, an dem es verborgen ist. Iram, die Stadt der Säulen, befindet sich an der Grenze von Leben und Tod. Dieses Reich ist uns verschlossen. Wir leben nicht, nicht wie ihr Menschen. Und können deswegen auch nicht sterben.« Die Augen des Ifrit glühten plötzlich auf. »Du bist der einzige Mensch, der diese Stadt betreten kann! Und es ist dir schon einmal gelungen.«
»In den Straßen von Sanaa«, flüsterte Hakim. »Der Traum.«
Schabbar knurrte ungeduldig. »Es war kein Traum. Du warst mehr tot als lebendig. Aber du konntest nicht sterben. Und auch wenn du jetzt hinaus in die Wüste gehst, wird der Tod dich nicht finden.«
Hakim dachte nach. Er traute dem Ifrit nicht. Bei Allah, niemand, der auch nur einen Funken Verstand hatte, traute einem Ifrit! Und dennoch ergab das, was Schabbar sagte, Sinn! Hakims Lebensende war vorherbestimmt. Jeder Erstgeborene, der ein Nachkomme von Abdul al-Hazred war, starb an seinem siebzehnten Geburtstag. Das war eine Wahrheit, die sich seit zwei Generationen in aller Grausamkeit gezeigt hatte. Aber vielleicht bedeutete das umgekehrt auch, dass er, Hakim, tatsächlich an keinem anderen Tag sterben konnte!
Er stand auf.
Der Hund wich einen weiteren Schritt zurück, als ob von Hakim eine ansteckende und tödliche Krankheit ausging.
»Wirst du mich begleiten?«, fragte er Schabbar.
»Das ist dein Weg«, sagte der Ifrit. »Du musst ihn allein gehen.«
Hakim bückte sich nach seiner Wasserflasche, hielt dann aber inne. Er durfte nichts trinken. Und er würde auch sein Kamel nicht mitnehmen. Sein Weg in die Wüste war der eines Propheten, der in der Einsamkeit der Einödnis eine tiefere Wahrheit zu erkennen hoffte. Oder eine Erlösung.
»Wie wirst du mich dann erkennen?«, fragte Hakim. Doch die Antwort blieb aus. Hakim drehte sich um, der Ifrit war fort.
Es war egal, in welche Richtung Hakim ging. Sand gab es überall. Und die Hitze des Tages würde ihm sehr schnell jede Kraft rauben. Wenn alles gut ging, würde er am Abend in Iram sein. Wenn nicht … Nun ja, dann hatte er die letzten Monate seines Lebens einem Ifrit vor die Füße geworfen.
Obwohl er wusste, dass es eine Wanderung ohne Wiederkehr sein mochte, schritt Hakim erstaunlich leicht voran. Er spürte den Wind und den Sand auf seiner Haut. Die Stille beruhigte seinen aufgewühlten Geist, und er fühlte eine Lebendigkeit, die ihn mit einer tiefen Zufriedenheit erfüllte.
Die Sonne war nun über den Horizont gestiegen und kletterte den Himmel empor. Die angenehmen Temperaturen des Morgens wichen der Gluthitze des heraufziehenden Tages. Hakim öffnete sein Gewand. Der Schweiß lief ihm jetzt in Strömen hinab. Sein Atem ging schneller, und er schritt nicht mehr ganz so beherzt aus. Der Sand rutschte unter seinen Füßen weg, und jede Düne erschien ihm größer als die vorangegangene. Hakims Gedanken wanderten ziellos in seinem Kopf herum. Bilder tauchten wie Traumgebilde auf, zerstoben wie Staub im Wind, nur um sich neu zu manifestieren.
Und dann hielt Hakim inne, stockte stolpernd. Blieb stehen. Etwas hatte ihn aus diesem sanften Hinabgleiten ins Nichtbewusstsein gerissen. Eine Kleinigkeit, mehr nicht. Es war nur ein einziges Wort.
Wen hatte Schabbar mit diesem ›Wir‹ gemeint?
Hakims erste Idee war, dass Schabbar für die Ifrit gesprochen hatte. Das lag auf der Hand, aber nur auf den ersten Blick, denn die Dschinn waren eine in sich tief zerstrittene Gemeinschaft, die nur ihre Herkunft einte. Manche hielten sich von den Menschen fern, verfolgten und töteten sie sogar. Andere hatten den entgegengesetzten Weg eingeschlagen, verliebten sich und heirateten menschliche Frauen. Es gab tragische Geschichten, die man sich erzählte. Hakim wusste nicht, welche Schabbar erzählen konnte.
Es war ein gefährliches Unterfangen, nach diesem Buch zu suchen. Oder vielmehr: es zu finden. Das Kitab al-Azif war sehr machtvoll. Zu machtvoll für einen Menschen. Bei Allah, zu machtvoll für jedes Wesen, ob es nun im landläufigen Sinne lebte oder nicht.
Abdul al-Hazred, Hakims Großvater, hatte sich den wenig schmeichelhaften Beinamen Der Wahnsinnige erworben. Er hatte Gedichte geschrieben. Hakim hatte einige von ihnen gelesen, und er hatte lange gebraucht, um sich von dieser Lektüre zu erholen. Sie waren in Worte gegossenes Seelengift. Wer sie las, sah die Welt danach mit den Augen eines Mannes, der glaubte, dass die Welt ein vergessenswertes Staubkorn in einem Universum war, dessen Größe und Trostlosigkeit kein Mensch je erfassen würde. Das Leben war für Abdul al-Hazred ein sinnloses Leiden gewesen, aus dem Nichts geboren und ins Nichts vergehend. Ein Albtraum zwischen zwei leeren Ewigkeiten. Aber er hatte sich dieser dunklen Erkenntnis nicht einfach nur hingegeben und war an ihr verzweifelt. Hakims Großvater hatte eine geradezu kranke Freude daran entwickelt, die Geheimnisse dieses Albtraums zu enthüllen. Er war viel gereist, hatte alte, längst verfallene Kulturen erforscht und war dabei auf die Geschichten von Wesen gestoßen, die vor Jahrmillionen die Erde heimsuchten und wohl noch immer irgendwo versteckt ihr Dasein fristeten. Er hatte sogar ihre Namen erfahren, doch waren sie so schwierig auszusprechen, dass Hakim sie vergessen hatte.
Das Kitab al-Azif war nicht nur ein Buch über verborgenes Wissen. Sondern es öffnete auch Türen zu einem Reich, das der Menschheit verschlossen bleiben musste, sollte sie nicht dem Verderben anheimfallen.
Abdul al-Hazred hatte eine Macht angehäuft, die keinem Menschen zugestanden werden konnte. Und dafür hatte er einen hohen Preis bezahlt. Iblis hatte ihn geholt, in Damaskus, auf offener Straße. Ihn emporgehoben und verschlungen. Es muss ein denkwürdiger Anblick gewesen sein, denn man erzählte sich heute noch davon – natürlich mit der einen oder anderen Ausschmückung, die nicht der Wahrheit entsprach. Aber wen kümmerte das schon? Viel wichtiger war dieser verdammte Fluch, den Iblis aussprach. Jeder erstgeborene Nachkomme Abduls würde an seinem siebzehnten Geburtstag sterben, bis das Kitab al-Azif zerstört und damit auch all das unheilvolle Wissen dieser verborgenen, dunklen Welt den Lebenden entzogen wäre.
Abdul al-Hazred hatte natürlich gewusst, dass er sich mächtige Feinde gemacht hatte. Anstatt das Buch zu zerstören und so seiner Nachkommenschaft viel Leid zu ersparen, hatte er es versteckt. Mit seinem Tod schien das Kitab al-Azif endgültig verschollen. Es hatte Blut, Schweiß, Tränen und viel Geld, sehr viel Geld gekostet, um die Spur dieses Buchs wiederzufinden. Und jetzt war Hakim in der Wüste, wartete auf den Tod und hoffte, dass er nicht starb.
Es gab diese Geschichte aus der Alf Layla, die ein zentrales Werk in der Bibliothek seines Vaters war. Sie handelte von Schaddad und der Stadt Iram, die er in seinem Hochmut errichten ließ.
Der König Schaddad beherrschte die ganze Welt, und sein Volk, die älteren Aaditen, waren von Gott mit sehr großen und starken Körpern beschenkt worden, so dass sie sagten: »Wer ist stärker als wir?«
Drum heißt es auch im Koran: »Sahen sie denn nicht ein, dass Gott, der sie geschaffen, stärker war als sie?«
Gott schickte ihnen dann den Propheten Hud, der sie zum Gehorsam und zur Verehrung Gottes aufrief.
Schaddad sagte aber zu Hud: »Wenn ich an deinen Gott glaube, was werde ich davon haben?«
Hud (Der Friede Gottes sei mit ihm!) antwortete: »Er wird dir in der zukünftigen Welt ein Paradies schenken mit Schlössern von Gold, Hyazinthen, Perlen und allerlei Edelsteinen.«
Da sagte Schaddad: »Ich kann mir in dieser Welt schon ein solches Paradies schaffen und bedarf deiner Versprechungen nicht.«
Der Priester Kaab berichtet, Gott habe Moses in der Thora diese Geschichte erzählt und ihm über den Garten Iram, mit den Pfeilern, Folgendes mitgeteilt: Schaddad gab hundert seiner stärksten Emire den Befehl, ein weites, ebenes Land aufzusuchen, mit viel Wasser und gesunder Luft, um dort eine goldene Stadt zu bauen. Die Emire reisten weg, jeder von tausend Mann begleitet, und suchten im Lande Jemen, bis sie an den Berg Aden kamen; da fanden sie ein quellenreiches Land, wie es der König wünschte, in einer sehr gesunden Lage.
Sobald sie ihm Kunde davon gaben, schickte er Baumeister dahin, ließ eine viereckige Stadt bauen, die vierzig Parasangen im Umfange hatte; man legte sehr tiefe Grundpfeiler, auf denen die Stadt sich bis zum Himmel erheben konnte, man nahm Steine von Jenem bis zur Oberfläche der Erde, dann gebrauchte man rote Backsteine für die Mauern, die fünfhundert Ellen hoch und zwanzig Ellen breit waren.
Schaddad schickte dann aus nach allen Fundgruben und baute in der Stadt dreihunderttausend Schlösser, jedes ruhte auf tausend Pfeilern von verschiedenem Smaragd und Rubinen, mit Gold belegt, und die Pfeiler, auf denen die Schlösser mit ihren reichgeschmückten Gemächern ruhten, waren hundert Ellen hoch.
Er ließ dann Kanäle graben und die Ufer mit Datteln und anderen Bäumen bepflanzen; hernach wurden vier Tore an die Stadt gesetzt, jedes hundert Ellen hoch und zwanzig breit, alles aufs feinste ausgeschmückt, denn der Bau dauerte fünfhundert Jahre.
Als die Stadt vollendet dastand, ließ Schaddad von Osten und Westen allerlei Teppiche, Vorhänge und seidene Betten in die Schlösser bringen. Auch allerlei Speisen und Getränke, Früchte und Süßigkeiten, Wachslichter, Weihrauch, Aloe, Ambra und Kampfer. Dann ließ er zehntausend schöne und reichgeschmückte Mädchen in die Stadt ziehen, mit zahlreichem Gefolge und Dienerschaft.
Schaddad besah nun die Stadt, und sie gefiel ihm so gut, dass er sagte: »Nun habe ich schon, was mir Hud erst nach dem Tode verhieß.«
Aber als er sein Schloss beziehen wollte, da befahl Gott einem seiner Engel, sie zu vertilgen. Der Engel schrie sie grimmig an, und in einem Augenblick war ihr Leben ein Raub des Todesengels, wie es im Koran heißt: »Und Gott vernichtete das alte Volk Aads.«
Gott verbarg auch die Stadt vor den Augen aller Menschen; doch sieht man in jener Wüste bei Nacht noch Spuren davon. Einst ging einer der Gefährten des Propheten, sein Name war Abdallah, in jene Gegend, um ein verirrtes Kamel zu suchen, und er sah die Mauern der Stadt Iram mit den goldenen Schlössern und Pfeilern; er gab Moawiah Kunde davon, dieser ließ Nachsuchungen anstellen, aber man konnte nie etwas finden.
Hakim kannte die Geschichte auswendig. Sein Vater hatte schon lange vermutet, dass Abdul al-Hazred vor seinem unrühmlichen Tod Das Buch des Wisperns an diesem Ort versteckt hatte. Und die Geschichte war auch der Grund, weshalb Hakim sich auf eine so beschwerliche Reise gemacht hatte, die ihn irgendwo ins Nirgendwo führte.
Die Hitze brachte ihn jetzt um, im wahrsten Sinne des Wortes. Hakims Blick verschwamm, und er hatte Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
»Du hast keine andere Wahl«, sagte seine Mutter, die neben ihm einherging. Im Geist oder in der Realität, das konnte Hakim nicht mehr unterscheiden. Aber sie war in diesem Moment so wirklich wie die Sonne, die ihn zu verbrennen drohte. Und zu seiner Verwunderung sprach sie, war nicht stumm. »Glaubst du, ich habe dir das Leben geschenkt, nur um die Gewissheit zu haben, dass du, mein Erstgeborener, niemals zu einem Mann heranwachsen wirst?«
»Du verfluchst mich ein zweites Mal«, wisperte Hakim mit ausgetrockneten Lippen. Sein Verstand war noch klar genug, dass er die Ungeheuerlichkeit dessen, was er gerade gesagt hatte, tief in seinem Herzen spürte.
»Ich habe nie darum gebeten, dieses Leben zu leben. Es so zu leben.«
»Du hast eine Verantwortung«, sagte sein Vater, der rechts neben Hakim ging. Großgewachsen und mit einer unbeugsamen Haltung, die man auch für einen Ausdruck unerbittlicher Härte halten konnte. »Nicht nur dir gegenüber. Auch deiner Familie. Den Generationen, die nach dir kommen.«
»Dies ist der dritte Fluch«, flüsterte Hakim und schloss die Augen. Der Boden unter seinen Füßen verschwand, und er fiel. Hakim hoffte, dem Tode entgegen. Doch der Ifrit hatte recht behalten.
Als Hakim aufblickte, sah er das Tor von Iram. Ein offener Bogen ineinander verflochtener Ornamente, der jeden willkommen zu heißen schien, der etwas suchte, das sich nur am Rande des Lebens finden ließ.
Etwas war seit Hakims letztem Besuch geschehen. Es musste eine andere Zeit sein, denn Iram war verlassen, die Häuser eingestürzte Ruinen. Die Stille war ohrenbetäubend. Nicht einmal ein Wind umwehte die Säulen, die wie ein verwirrender Wald die unzähligen dunklen Arkaden stützten. Die Brunnen waren ausgetrocknet, der Marmor rissig und spröde. Die Plätze, auf denen sich die Menschen dereinst zum Feiern versammelt hatten, glichen öden Flächen, ohne Leben und ohne Zukunft.
Hakim durchstreifte mit vorsichtigen Schritten die Gassen und Straßen und blickte in dunkle Fensterhöhlen, stieß morsche Türen auf. Doch seine Schritte verhallten ungehört in diesem Irrgarten aus Stein und Staub.
Und dann stand er im Zentrum der Stadt vor dem, was einmal Schaddads Palast gewesen sein musste. Im Gegensatz zu den rechtwinklig errichteten profanen Gebäuden der Stadt war er rund und von einer Kuppel gekrönt, die im Zwielicht golden glänzte. Hakim stieg die Stufen zum umlaufenden Kolonnadengang hinauf. Die Säulen, die Iram ihren Beinamen gaben, waren hier anders gestaltet als in den Ruinen der Stadt. Basis, Schaft und Kapitell stellten nicht das übliche Prinzip eines Baumes dar, sondern waren ein Abbild der Welt, wie Schaddad sie gesehen hatte.
Die Basis war unstrukturiert, obwohl Hakim in Stein gemeißelte gequälte Körper zu sehen glaubte. Ob Mensch oder Fabelwesen war nicht auszumachen. Alles war ineinander verwachsen, miteinander verwoben und untrennbar verbunden. Wo hörte ein Mensch auf, wo begann eine Chimäre? Hakim vermochte es nicht zu erkennen oder zu deuten. Nur weit aufgerissene Augen waren wie dunkle Perlen oder Trauben zu erkennen. Augen, in denen sich Angst, Wahnsinn und unendliches Leid spiegelte.
Alle Schäfte waren über und über mit Symbolen versehen. Hieroglyphen, fremdartige Schriftzeichen, Buchstaben in Arabisch, Hebräisch und Latein. Hakim konnte nur einen Bruchteil von ihnen entziffern. Und wo es ihm gelang, erschloss sich ihm der Sinn des Geschriebenen nicht.
Die Kapitelle hingegen bestanden aus in Stein gemeißelten orchideengleichen Blüten, symmetrisch und endlose Kreise bildend, die ineinandergriffen. Ohne Anfang, ohne Ende. Das Große spiegelte sich im Kleinen, und das Kleine im Großen.