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Buch

In der Trattoria des alten Angelo Panda gibt es nur noch ein Gesprächsthema: Die Schauspielerin Stella Aurora gibt ein Gastspiel in Volterra. Damit kehrt die Diva in jene Stadt zurück, in der sie vor vierzig Jahren ihren erfolgreichsten Film gedreht hat. Die Gäste spekulieren noch, ob Stella sich wohl an Angelo Panda erinnert, mit dem sie damals eine kurze Affäre hatte, da betritt die Schauspielerin höchstpersönlich die Trattoria. Stella und Angelo verbringen den Abend miteinander – und am nächsten Morgen wird die Diva ermordet aufgefunden. Angelos Sohn Sergio, Agente bei der örtlichen Polizei, setzt alles daran, die Unschuld seines Vaters zu beweisen …

Autor

Luca Fontanella ist das Pseudonym eines deutschen Autorenduos. Während einer Reise durch die Toskana entdeckten die Journalisten Jutta Wieloch und Dirk Husemann vor zwanzig Jahren das Städtchen Volterra und verliebten sich in Land und Leute. Seither kehren sie immer wieder dorthin zurück. Wenn sie nicht gerade die Toskana erkunden, schreiben sie Reportagen. Dirk Husemann veröffentlicht außerdem historische Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt werden.

Luca Fontanella

Trattoria Mortale

Die tote Diva

Ein Toskana-Krimi

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Originalausgabe August 2021

Copyright © 2021 by Dirk Husemann und Jutta Wieloch

Copyright © dieser Ausgabe 2021

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: Viewpoint/Alamy Stock Photo (Olivenzweig);

Fesus Robert/Alamy Stock Photo (Stadt/Straße);

4k-Clips/Alamy Stock Photo (Schild);

FinePic®, München (Himmel/Blumen)

Redaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze

LS · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-26173-3
V001

www.goldmann-verlag.de

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Prolog

An diesem Abend gab es in der Trattoria des alten Angelo Panda nur ein Gesprächsthema: Stella Aurora war nach Volterra zurückgekehrt. Der Filmstar aus Rom wollte ein Theatergastspiel in der kleinen toskanischen Stadt geben. Würde die Diva auch Angelo Panda besuchen? Und was würde dann geschehen?

»Du hast sie als Zwanzigjähriger rumgekriegt, und das schaffst du auch mit fünfundsechzig«, rief Kugelblitz von seinem Tisch aus durch das kleine Lokal. Er war Stammgast und hieß eigentlich Enzo. Aber sobald er durch die Tür des Il Gusto trat, hörte er nur noch auf seinen sozialistischen Kampfnamen.

»Unsinn, Kugelblitz«, mischte sich der Koch Matteo ein. Wie immer, wenn es unter den Gästen etwas zu schwatzen gab, lehnte er in der Durchreiche von der Küche zum Schankraum und servierte seine Meinung. »Angelo ist viel zu schüchtern, um sich an eine Filmdiva ranzumachen. Stimmt doch, Harpune, oder?«

Um ein Haar hätte Angelo gelächelt. Er mochte es, wenn man ihn mit diesem Namen ansprach. Um sich keine Blöße zu geben, klopfte er mit grimmiger Miene dreimal das Espressosieb aus. Dann nahm er die dampfende kleine Tasse und den großen Zuckerstreuer und brachte beides zu Kugelblitz an den Tisch.

»Das sind alte Geschichten«, sagte Angelo mit seiner heiseren Stimme. »Stella hat das Leben eines Stars geführt. Die hat so viele Liebhaber hinter sich, die wird sich gar nicht an mich erinnern.«

»Die Schlappschwänze in Rom nennst du Liebhaber?«, rief Trommelfeuer. Der kahlköpfige Gärtner saß unter einem der ausgestopften Wildschweinschädel und machte sich über einen Teller Pasta her. »Keine Frau vergisst ein Abenteuer mit einem Toskaner. Keine! Was glaubst du wohl, warum La Stella noch mal hergekommen ist?«

»Weil sie mit einer Theatertruppe unterwegs ist«, erwiderte Angelo. »Zum Vergnügen kehrt die bestimmt nicht nach Volterra zurück.«

»Du glaubst also, es wäre ein Vergnügen für eine Frau, sich mit dir einzulassen?«, fragte Matteo. Hinter ihm in der Küche zischte etwas, und er verschwand aus der Durchreiche.

»La Stella wird sich mit dir treffen. Darauf verwette ich ein Abendessen im Il Mulino«, sagte Kugelblitz und rührte in seinem Espresso.

»Die Wette verliere ich freiwillig«, krächzte Angelo. »Glaubst du, ich lasse mich vergiften?«

Alle lachten.

Als sich die Tür öffnete, klingelte das Glöckchen, das jeden Gast begrüßte. An jedem anderen Abend wären die Besucher so sehr in den Genuss von Essen, Trinken und Plaudern vertieft gewesen, dass niemand den Laut wahrgenommen hätte. Heute wandten sich alle Köpfe erwartungsvoll dem Eingang zu.

Angelos Sohn Sergio trat ein und blieb neben der Theke stehen. Er trug noch die Dienstkleidung der Polizia di Stato und hatte seine Uniformjacke über die Schulter geworfen. »Was schaut ihr denn so?«, fragte er. »Ist was passiert?«

»Dein Vater will seine Verführungskünste noch mal ausprobieren«, erklärte Kugelblitz. »An dieser Schauspielerin.«

»Dann muss er sich aber noch ein bisschen herausputzen«, sagte Sergio. »La Stella ist eine Erscheinung. Direkt von der Decke der Sixtinischen Kapelle herabgeschwebt.«

»Woher willst du das wissen?«, blaffte Angelo. »Du weißt ja nicht mal, wo bei einer Frau vorne und hinten ist.«

Sergio nahm sich eine Olive von einem Teller mit Antipasti. »Im Gegensatz zu euch habe ich Stella Aurora schon gesehen. Die Theatertruppe ist heute Nachmittag mit dem Bus angekommen«, berichtete er. »Ich habe für ihre Sicherheit gesorgt.«

Er steckte sich die Olive in den Mund und verschwand in der kleinen Kammer hinter der Theke. Dort tauschte er die graublaue Hose gegen eine schwarze, behielt das weiße Hemd aber an – die Uniform des Polizisten verwandelte sich in die des Kellners.

»Und wie ist diese Stella nun?«, rief Matteo aus der Küche herüber.

Sergio fuhr sich durch die dunklen, grau melierten Haare. Unter der Polizeimütze hatte die Hitze des Tages seinen Schopf welken lassen. »Ich habe sie ja nur von Weitem gesehen«, rief er laut, damit es alle hören konnten. Die Türglocke klingelte erneut. »Aber sie ist immer noch La bella Stella. Sie sieht toll aus! Jedenfalls für eine Dreiundsechzigjährige.«

Niemand antwortete. Sergio runzelte die Stirn. Er kehrte in den Schankraum zurück, bereit, seinem Vater bei der Bedienung der Gäste zu helfen.

In der geöffneten Tür stand eine Frau mit schulterlangen silbergrauen Haaren in einem geblümten Sommerkleid. In ihrer Armbeuge hing eine große weiße Handtasche. Ein hauchdünner gelber Seidenschal umwehte den Hals der Dame, die nun eine Sonnenbrille von ihrer Nase pflückte.

»Danke für das Kompliment«, sagte sie in Sergios Richtung. »Gibt es hier jemanden namens Angelo?«

Kapitel 1

Volterra schlug die Augen auf. Die toskanische Stadt blickte von ihrem Hügel über das Land. Nacht und Tau hatten einen üppigen Erdgeruch geweckt. Bald würde der Ort wieder in der Sommerhitze brüten.

Freitagmorgen, vier Uhr dreißig. Zu dieser frühen Stunde gehörte Volterra Sergio allein. Das Il Gusto grüßte ihn wie immer zum Abschied. Die rot karierte Gardine winkte, als er das Schild im Türfenster von Geöffnet auf Geschlossen drehte. Die Türglocke lachte leise, und die Laterne an der Hauswand zwinkerte ihm zu, als er sie löschte. Er schloss die Trattoria ab.

Das Lokal lag im Viertel San Giusto, am westlichen Rand der Stadt. »Gusto in Giusto«, pflegte Sergios Vater stolz zu sagen. Während sich Sergio die Uniformjacke zuknöpfte, überquerte er den schmalen Borgo San Giusto. Die Gasse durchschnitt das Viertel und führte bis in die Oberstadt hinauf. Sein Blick wanderte über das feuchte Pflaster ins düstere Grau des Morgens. Die Plakate am Haus gegenüber der Trattoria waren jetzt, in der Unentschlossenheit zwischen Mondlicht und Sonnenaufgang, nur undeutlich zu erkennen. Todesanzeigen waren hier ausgehängt. Sergio kannte die schwarz umrahmten Bekanntmachungen, seit er denken konnte. Wenn jemand im Viertel starb, tauchte sein Name dort auf, blieb eine Weile haften und verging dann mit der Zeit. Oder er verschwand unter der nächsten Todesnachricht. Die Bewohner des Viertels nutzten die Fassade wie eine Zeitung – die allerdings zum Glück nur alle paar Wochen erschien. »Umzugsmeldungen« wurden die Anzeigen genannt, und dem benachbarten Il Gusto hatte man, sehr zum Ärger von Sergios Vater, den Spitznamen Trattoria Mortale verliehen.

Sergio stieg die schiefen Stufen hinab, unter dem mittelalterlichen Steinbogen hindurch. Hier hatte früher die Stadtmauer die Bewohner bei Belagerungen beschützt. Längst war das ehemalige Bollwerk in Wohnhäusern verbaut – die Vergangenheit aufgegangen in der Gegenwart. Niemand rannte mehr gegen Volterras Mauern an. Nur der Wind versuchte stets, die Stadt zu erobern. Seinen Namen hatte er ihr bereits eingeflüstert: Volterra – die Stadt im Land der tosenden Winde.

Zum Schutz gegen den Luftzug setzte Sergio die Dienstmütze auf. Er streckte sich. Seine Gliedmaßen klagten über eine lange Nacht in der Trattoria. Er war einundvierzig Jahre alt, und er war es gewohnt, im Il Gusto auch mal durchzuarbeiten und anschließend den Dienst in der Polizeiwache anzutreten.

Gestern Abend hatte er seinen Vater trotz dessen gekrächzten Protests aus dem Lokal befördert, damit Angelo mit Stella Aurora in aller Ruhe in Erinnerungen schwelgen konnte. Zunächst hatte der alte Gastwirt die Schauspielerin einfach an einen Tisch der Trattoria einladen wollen. Doch als Sergio damit gedroht hatte, der Besucherin zu erzählen, wie Angelo zu seinem Spitznamen Harpune gekommen war, hatte dieser sein Jackett vom Kleiderhaken gerupft und war mit dem eleganten Gast in der Dämmerung verschwunden.

Anschließend hatte Sergio, unterstützt einzig von Koch Matteo, die Besucher bedient, bis zum Rand gefüllte Teller auf den Unterarmen balanciert, Rechnungen geschrieben und Trinkgeld gezählt. Er hatte mit den Gästen aus der Nachbarschaft auf Italienisch und mit den Touristen auf Englisch geplaudert. Und als der letzte Besucher gegangen war, wäre Sergio über dem Bestellzettel fürs Wochenende beinahe eingeschlafen.

Bald würde die Sonne aufgehen, aber von Angelo war noch immer nichts zu sehen.

Sergio schaute auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis Dienstbeginn in der Polizeiwache. Die würde er auf die bestmögliche Art verbringen. Also nicht im Bett. Zwar lag seine kleine Wohnung nur ein paar Schritte entfernt, doch würde er dort jetzt nicht mehr zur Ruhe kommen. Einen Stopp in seinem Badezimmer musste er später noch einplanen, mehr nicht.

Am Fuß der Treppe traf er auf die kleine Via della Frana. Die ehemalige Stadtmauer verlief nun zu seiner Rechten, und der Abgrund des Stadthügels lag zur Linken. Der Ausblick über das toskanische Umland bis zum Tyrrhenischen Meer, an dessen Küste müde Lichter flackerten, war selbst im Morgengrauen wonnevoll.

Sergio ging ein kleines Stück bergan. Das frühe Licht holte die Wölbungen der geschwungenen Landschaft aus der Dunkelheit. Manchmal glaubte er, riesengroße Frauen hätten sich vor ihm zur Ruhe niedergelegt. Er erkannte den Schwung einer Hüfte, die Rundung einer Brust, ein Knie, eine Schulter, einen Ellenbogen. Noch nie war es ihm gelungen, die Einzelteile zu einer vollständigen Figur zusammenzusetzen, aber das war auch gar nicht nötig. Wirkliche Schönheit zeigt niemals alles, sondern lässt der Fantasie Raum.

Sergio öffnete die Fototasche, die er über der Schulter trug, und holte seine alte Contax-Spiegelreflexkamera heraus. Das Leder des Gehäuses war abgeschabt und fleckig. Dellen erzählten von mehr als einem Sturz. Aber der Apparat funktionierte einwandfrei. Das Zählwerk auf der Rückseite zeigte noch vier Aufnahmen an, dann würde er den Film wechseln müssen. Vier Fotos. Jeder Augenblick zählte.

Sergio stellte Blende und Belichtungszeit ein. Die Grauwerte würden ein wunderbares Bild ergeben. Er liebte die Schwarz-Weiß-Fotografie. Mit ihr hielt er die einzigartigen Linien und Formen der Umgebung fest, die diesen Teil der Toskana ausmachten. Farbe war etwas für Weichzeichner. Sergio mochte besonders jenen Moment, wenn sich das Foto langsam im Entwicklerbad zeigte. Es war, als wiederhole sich der Augenblick, in dem die Sonne langsam über dem Land aufging – so wie jetzt.

Er schaute durch den Sucher auf die Landschaft. Obwohl seine Augen bereits Konturen erkannten, war es für die Technik noch zu dunkel. Der Belichtungsmesser warnte mit einem Blinken. Um die Aufnahme nicht zu verwackeln, stellte sich Sergio breitbeinig auf und atmete dreimal tief durch. Alle Luft ließ er aus seiner Lunge entweichen, dann hatte er den Ruhepunkt erreicht. Er drückte auf den Auslöser.

Als der Spiegel im Gehäuse der Kamera wieder herunterklappte, sah Sergio im Sucher die Scheinwerfer eines Wagens herankriechen. So früh war doch sonst niemand auf der Landstraße unterwegs! Bestimmt hatte das Licht des Autos die Aufnahme ruiniert.

Der Wagen schlängelte sich durch die Hügel und tauchte immer wieder zwischen ihnen auf. Die Sonne war höher gestiegen und ließ das Land jetzt flacher wirken. Für heute war das Motiv verloren.

Dann würde er es eben mit einer Gegenlichtaufnahme probieren. Er transportierte den Film weiter. Am Zaun eines Gemüsegartens fand Sergio das Netz einer einfallsreichen Spinne. Auf den Fäden hatten sich Tautropfen gesammelt, die im Wind zitterten. Die Spinne war nicht zu sehen, wohl aber ihr jüngstes Opfer, eine eingesponnene Fliege, deren mumifizierter Leib im Netz schaukelte.

Sergio tauschte das Achtundzwanziger-Weitwinkel- gegen das Makro-Objektiv und hockte sich vor das Netz. Im Sucher war eine unscharfe Masse zu erkennen. Fokus, Blende. Jetzt war er bereit.

Sein Telefonino klingelte. Sergio zuckte zusammen und drückte auf den Auslöser der Kamera. Er zerbiss einen toskanischen Fluch. Was trieb denn alle Welt um fünf Uhr morgens? Gab es keine ruhige Stunde mehr in diesem Land?

Er hängte sich den Kameragurt über die Schulter und holte sein Mobiltelefon hervor. Die Nummer auf dem Display erkannte er sofort. Die Wachstube. Um diese Zeit? Die Nachtschicht war noch nicht zu Ende. Hoffentlich hatte es keinen Ärger gegeben. Aber Ärger war in Volterra so selten wie ein Goldzahn im Mund eines toskanischen Bauern.

»Sergio hier«, sagte er.

»Ich bin’s, Alessandro. Du musst sofort zum Römischen Theater kommen. Wir … es gibt …« Alessandro hustete.

»Was ist los?« Sergio hatte den Kollegen zuletzt so fahrig erlebt, als dieser zum ersten Mal Vater geworden war.

»Wir haben einen Todesfall«, brachte Alessandro schließlich hervor. »Beim Teatro Romano.«

»Sind die Kollegen von der Misericordia nicht im Dienst?«

»Natürlich sind die Sanitäter im Dienst. Sie sind ja auch schon dort.« Alessandros Stimme wurde lauter. »Es geht um diese Schauspielerin aus Rom.«

Sergio spürte Hitze in sich aufsteigen. Das Display des Mobiltelefons klebte an seiner Wange. »Stella Aurora?«

»Sie ist tot. Sergio, wo steckt dein Vater?«

Kapitel 2

Sergio rannte. Im Laufen stopfte er die Kamera in die Tasche und klickte den Verschluss zu. Wie sollte er jetzt ins Stadtzentrum gelangen? Der Dienstwagen stand an der Wache. Sergio benutzte ihn nie. Er ging zu Fuß oder fuhr mit dem Bus. Doch zu Fuß dauerte es eine Ewigkeit bis zum Römischen Theater, und der Bus fuhr um diese Uhrzeit noch nicht.

Er lief auf den Campingplatz zu, der am äußeren Ende von San Giusto lag. Das Tor war verschlossen. Sergio rüttelte daran. An der Hütte mit der Rezeption waren die Vorhänge zugezogen, um halb sechs Uhr morgens war natürlich noch niemand da, der ihm hätte helfen können. Aus Richtung der Landstraße SP15 hörte er ein Motorengeräusch. Das musste der Wagen sein, den er vorhin zwischen den Hügeln gesehen hatte. Sergio lief den Abhang hinab und stellte sich auf die Fahrbahn. Er rückte die Dienstmütze zurecht, zog die Uniformjacke gerade und postierte sich mit erhobener linker Hand auf dem Mittelstreifen. Hoffentlich schoss nicht einer der jungen Burschen um die Kurve, denen er sonst Strafzettel verpasste.

Das Auto näherte sich mit normaler Geschwindigkeit. Ein grüner Fiat 500. Keines der neuen, geräumigen Modelle, sondern ein Relikt aus den Tagen, als Autofahrer nicht größer als einen Meter vierzig sein durften. Die Erbse rollte an den Straßenrand. Unterhalb des Masso di Mandringa blieb der Wagen stehen. Der gewaltige Tuffsteinfelsen ließ ihn noch winziger erscheinen. Eine Frau saß am Steuer. Sie schaltete den Warnblinker an, kurbelte das Fenster herunter und sah zu Sergio herüber.

Er kniff die Augen zusammen. Das war niemand aus Volterra. Niemand, den er kannte. Er zückte seinen Dienstausweis und ging auf den Wagen zu.

»Signora, ich bin Polizist der Dienststelle Volterra und muss wegen eines Einsatzes dringend in die Stadt. Bringen Sie mich bitte zum Römischen Theater.« Er hoffte, eine gute Mischung aus Freundlichkeit und Autorität in seine Stimme gelegt zu haben.

»Sergio? Bist du das?«, fragte die Unbekannte. »Pandolino?«

Ein vages Unwohlsein befiel Sergio. So hatte ihn seit seiner Schulzeit niemand mehr genannt.

»Agente Sergio Panda, Signora.« Er hatte jetzt keine Zeit für Geplänkel am Straßenrand. Sonst liebte er solche Augenblicke – eine einsame Landstraße, eine Autofahrerin ohne Begleitung. Statt über Strafzettel zu streiten, tauschte man Telefonnummern aus. Aber nicht jetzt. Pandolino hatte sie gesagt!

»Ich werde einsteigen, damit Sie mich zum Einsatzort fahren können«, erklärte er umständlich. Noch umständlicher war es, sich auf den Beifahrersitz zu zwängen. Das Handschuhfach drückte gegen seine Knie, und die Rückenlehne des Sitzes stand schräg nach vorn. Sie ließ sich nicht bewegen.

»Die muss ich mal reparieren lassen«, sagte die Fahrerin.

Hoffentlich sah ihn Alessandro so nicht. Oder ein Tourist, der dann ein Foto ins Internet stellte.

Der Wagen fuhr langsam an. Sergio presste sich gegen den Sitz. Etwas krachte, die Lehne landete auf der Rückbank. Immerhin konnte er nun aufrecht sitzen.

Das Morgenlicht veränderte die Aussicht so schnell, als würde jemand an einem Regler drehen. Im Gegensatz dazu mühte sich das kleine Auto mit Schrittgeschwindigkeit die steile Straße zum Stadtzentrum hinauf. Sergio blickte durch den Spalt zwischen Wagendach und Sonnenblende. Die Gärten am Stadthang zogen vorbei, dann die große gelbe Blume mit dem roten Schriftzug des Conad-Supermarktes.

Er musterte die Fahrerin. Sie schien klein zu sein. Ihr dunkles Haar berührte den Himmel des Wagens kaum. Ihr Kinn war so ausgeprägt wie ihre Nase.

»Woher kennen Sie mich?«, fragte er über das Brummen des Fiats hinweg.

»Pandolino!«, rief sie und lachte aus vollem Hals. »Du erinnerst dich nicht an mich?«

In Sergios Kopf schienen alle Erinnerungen ausgelöscht. Er musste wissen, wo sein Vater steckte, und nicht, welche Spitznamen er einmal getragen hatte.

»Die Grundschule in San Giusto. Wir sind in dieselbe Klasse gegangen.« Sie sah ihn an.

»Giulia!«, entfuhr es Sergio. »Giulia Fonte.« Er hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie elf oder zwölf Jahre alt gewesen war. Sie war ein verschwommenes Gesicht auf einem Klassenfoto, das man irgendwann hervorkramte und sich Fragen stellte, auf die es keine Antworten gab.

»Jawohl, Signor Agente. Die Giulia, der du als kleiner Junge hinterhergelaufen bist, nur weil ich dich einmal geküsst habe. Auf die Wange.« Ihr Gesichtsausdruck war ernst, als sie das sagte.

Der grüne Cinquecento bog nach links in die Viale Franco Porretti ein. Lachsfarbene Wolken schwebten über der Stadt.

Sergio kramte in seiner Erinnerung. »Du hast Volterra nach der Grundschule verlassen«, sagte er. »Deine Familie ist ans Meer gezogen, nicht wahr?«

»Du hast ein gutes Gedächtnis«, erwiderte Giulia.

»Tägliches Futter vom Geschwätzmenü der Trattoria.«

»Das Il Gusto gibt es also noch?«, fragte Giulia.

»Mein Vater hält durch. Ich helfe nach Dienstschluss aus.« Der Gedanke an seinen Vater ließ ihn verstummen. Zum Glück war das Ziel bald erreicht.

Der Wagen legte sich nach rechts in die Kurve und näherte sich der Porta Fiorentina. Über dem Eingang des uralten Stadttors wölbte sich ein verwittertes Wappen aus dem Mauerwerk heraus. Das steinerne Oval sah von Weitem aus wie ein Gesicht mit strenger Miene. Schon zu dieser frühen Stunde waren etliche Touristen unterwegs. Im Juli erreichte der Besucherstrom in Volterra seinen jährlichen Höhepunkt.

Giulia hieb die flache Hand auf die Hupe und hielt sich vor dem Tor rechts, um den kleinen Parkplatz am Eingang zum Römischen Theater zu erreichen. Doch bis dorthin kam sie nicht. Die Einsatzwagen der Misericordia versperrten den Weg. Zwischen den hohen Bäumen dahinter war ein rot-weißes Band gespannt. Giulia trat auf die Bremse, und Sergio musste sich abstützen, um nicht mit der Stirn gegen die Windschutzscheibe zu prallen.

»Grazie«, bedankte er sich hastig und sprang aus dem Wagen. Sie rief ihm noch etwas hinterher.

Sergio bückte sich unter dem Flatterband hindurch. Als er sich wieder aufrichtete, stand Alessandro vor ihm.

»Schneller ging’s nicht«, sagte Sergio.

»Du solltest dich wirklich mal an einen Dienstwagen gewöhnen«, maulte Alessandro und bat einen Mann mit weißer Schürze, hinter der Absperrung zu bleiben. »Immer dasselbe«, sagte Alessandro. »Es sind die Einheimischen, nicht die Touristen, die vor Neugier platzen und uns bei der Arbeit stören. Signori!«, rief er. »Bitte bleiben Sie zurück!«

Sergio nahm den Kollegen beiseite. »Was ist denn passiert?«

»Morelli hat mich rausgeklingelt«, berichtete Alessandro. »Er hatte Nachtschicht. Die Besitzerin des Lebensmittelgeschäfts an der Via Guarnacci saß bei ihm in der Wachstube. Sie wohnt an der Via dei Lecci, nahe dem Römischen Theater, und hat die Tote entdeckt, als sie ihren Hund ausführte. Als ich herkam, waren die Rettungssanitäter schon da und sagten mir, dass es sich um Stella Aurora handelt. Und weil ich gestern Abend beim Boccia gehört habe, dein Vater sei mit der Diva in die Stadt hinaufspaziert …« Alessandro sprach nicht weiter und wandte sich wieder der Absperrung zu. »Bitte bleiben Sie zurück!«

Sergio seufzte. Der Tratsch im Viertel war der schnellste Informationskanal der Welt. Vor allem die Trattoria Mortale und die Bocciabahn von San Giusto galten als Zentren der Nachrichtenübermittlung.

Er ging zu den vier Helfern der Misericordia. Die in blau-gelbe Overalls gekleideten Männer lehnten an einer Mauer am Eingang zur Theaterruine und unterhielten sich angeregt. Erste-Hilfe-Ausrüstung lag auf dem Boden, schien aber nicht zum Einsatz gekommen zu sein. Die Notfallgeräte waren noch in Plastik verpackt.

»Giorno«, grüßte Sergio. »Wie sieht’s aus bei euch? Wo ist Stella Aurora?«

»Da hinten.« Silvano Arpini, einer der Rettungssanitäter und Sergios ärgster Rivale beim Boccia, deutete auf das Gelände des Teatro Romano. Zwischen den Säulen des antiken Bühnengebäudes waren weitere blau-gelbe Overalls zu sehen. »Sprich mit Clara.«

Sergio kannte die Notärztin Clara Manfredi von gemeinsamen Einsätzen bei den Verkehrsunfällen auf Volterras kurvigen Steilstraßen. Er nickte Silvano zu und gab Alessandro ein Zeichen. Weitere Schaulustige versammelten sich an der Absperrung. Der Tag trieb die Menschen aus den Häusern, direkt dorthin, wo es etwas Neues zu erfahren gab.

»Du gehst da allein rüber!«, rief Alessandro im Befehlston. Dabei hob er verschwörerisch die Augenbrauen.

Natürlich! Für einen Moment hatte Sergio vergessen, dass Alessandro kein Blut sehen konnte. Wie er es trotzdem geschafft hatte, Polizist zu werden – sogar kommissarischer Leiter der Wache von Volterra –, war ein Rätsel, das Sergios Kollege hinter beharrlichem Schweigen und freundlicher Miene unter Verschluss hielt. Gab es einen Unfall oder eine Schlägerei, war deshalb stets Sergio zur Stelle. Im Gegenzug für diese Gefälligkeit lotste Alessandro Touristen, die ihn nach dem Weg fragten, zum Il Gusto.

»Schon gut. Ich übernehme das«, sagte Sergio und ging an dem kleinen Kassenhäuschen vorbei zum Ausgrabungsgelände des Teatro Romano. Die antike Bühne gehörte zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Morgensonne leuchtete das weite Areal bereits aus. Sergio knöpfte seine Uniformjacke auf, während er sich auf die riesige Zuschauertribüne zubewegte, auf deren Stufen schon vor zweitausend Jahren Theaterbesucher gesessen hatten. Ein Schauspiel wie heute wird sich ihnen damals wohl kaum geboten haben, dachte er.

Stella Aurora lag mitten in der Ruine des Theaters, im Halbrund zwischen Bühne und Zuschauerreihen, der Orchestra. Ihr Körper war auf dem sonnenverbrannten Gras ausgestreckt. Das Kleid und den gelben Schal hatte sie bereits am Abend zuvor getragen, als sie in die Trattoria gekommen war. Ihr volles silbergraues Haar war wie ein Fächer um ihren Kopf ausgebreitet.

Ein Schauder kroch Sergios Rücken hinauf wie eine kalte Schlange.

»Clara, Umberto, Andrea.« Sergio grüßte die Notärztin und die Sanitäter knapp. Die beiden Männer waren mit der Installation eines Sichtschirms beschäftigt, um den Leichnam vor den Blicken Neugieriger zu schützen. Clara hockte neben der Toten.

»Was ist passiert?«, fragte Sergio und ging neben Clara in die Knie. Stellas Gesicht war leichenblass. Nein, dachte Sergio und beugte sich vor. Leichenblässe sieht anders aus. Stella war regelrecht weiß. Von der Stirn bis zum Kinn war sie mit schneeweißem Staub bedeckt. Auch ihr Kleid war weiß überpudert, ebenso ihre Füße. An ihrem linken Schuh fehlte der Absatz.

»Ich konnte vorläufig nur ihren Tod feststellen«, brummte Clara und schob ihre Sonnenbrille in das zurückgekämmte Haar. »Aber wenn du mich schon fragst: Ich kann die Spuren eines Sturzes erkennen. Vermutlich ist sie da runtergefallen.« Clara deutete zu den steinernen Sitzreihen des antiken Theaters hinüber, die dem Hang folgend nach oben anstiegen. Hinter der letzten Reihe wuchs die Begrenzungsmauer der Anlage in die Höhe. Über deren Rand schauten Passanten auf den Unfallort hinunter. Ihre Köpfe wirkten nicht größer als die von Zündhölzern.

Es hatte schon zuvor Unglücksfälle an dieser Stelle gegeben. Übermütige waren auf der Mauerkrone balanciert, hatten das Gleichgewicht verloren und waren in das Theater hinabgestürzt. Die Bilanz waren Knochenbrüche und ein Toter. Aber der war direkt unterhalb der Mauer gefunden worden. Stella dagegen lag mitten im Halbrund des Theaters.

»Wenn sie da runtergefallen ist – wie soll sie dann bis hierher gekommen sein?«, fragte Sergio.

Clara zuckte mit den Schultern. »Das muss die Polizei herausfinden.« Sie grinste. »Ich glaube, das bist du. Und Alessandro natürlich.«

Sergio erhob sich. Seine Beine fühlten sich an wie Strohhalme, und er musste sich am Rest einer antiken Säule anlehnen. Er spürte die Müdigkeit und die fehlende Dusche.

»Sollen wir sie mitnehmen?«, fragte Clara.

»Das wäre mir am liebsten«, entgegnete Sergio. »Aber es wird nicht gehen. Ein Filmstar aus Rom stirbt in Volterra, und niemand weiß, wie oder warum. Ich muss die Questura in Pisa einschalten. Sollen die sich damit beschäftigen.«

Außerdem muss ich meinen Vater finden, dachte er und schaute auf sein Mobiltelefon. In der zerkratzten Oberfläche spiegelte sich sein sorgenvolles Gesicht.

Kapitel 3

Sergios Hände zitterten, als er die Nummer seines Vaters wählte. Die Mailbox sprang an. Kurz dachte er darüber nach, ob er ihm die Nachricht von Stellas Tod hinterlassen sollte, entschied sich aber dagegen.

»Sergio hier. Ruf mich sofort zurück!« Es war besser, die Lage im Ungefähren zu belassen. Angelo sollte die schreckliche Neuigkeit von seinem Sohn persönlich erfahren. Hauptsache, er war wohlauf.

Sergio wählte eine andere Nummer.

»Die Questura in Pisa«, meldete sich eine Frau mit Essigstimme.

Sergio ließ sich mit der Kriminalpolizei verbinden. Er schilderte die Situation so knapp wie möglich. Man befahl ihm, die Leiche auf keinen Fall anzurühren und vor Ort zu warten.

Diese Bürohengste! Glaubten die etwa, er würde die Tote auf eigene Faust untersuchen und sie dann unbeaufsichtigt liegen lassen? Hielten die ihn für einen Anfänger? Für einen Touristen in Uniform?

Das taten sie. Für die hohen Tiere in Pisa war er nur ein Polizist in einem Provinznest. Davon, dass er schon vor Jahren hätte befördert und nach Pisa versetzt werden sollen, hatte in der Questura wohl niemand gehört. Und wenn, dann hatten sie es längst vergessen.

»Schicken Sie jemanden her«, knurrte er ins Telefon. Dann unterbrach er die Verbindung und schaute auf die Uhr. Es war inzwischen fast halb acht. Von Pisa bis Volterra würden die Kollegen etwa eine Stunde brauchen. Aber erst, nachdem sie sich vom Büro in ihre Wagen bewegt hatten.

Sergio sah sich um. Die Fahrzeuge der Rettungssanitäter fuhren davon. Alessandro sprach an der Absperrung mit neugierigen Passanten. Die Luft im Römischen Theater heizte sich auf, und die Streichholzköpfe glühten über der Mauer. Die Schaulustigen hielten ihre Telefone an ausgestreckten Armen über den Abgrund.

Sergio kehrte ihnen den Rücken zu und trat hinter den Sichtschirm.

Über der Leiche war eine helle Plane ausgebreitet. Der Wind spielte damit und schlug eine Ecke um, sodass Stellas Füße hervorschauten. Sergio richtete die Plane gerade und zog seine Uniformjacke aus. Sorgsam breitete er sie zusätzlich über der Toten aus, um zu verhindern, dass die Plane davongeweht wurde.

Noch einmal versuchte er, seinen Vater zu erreichen. Normalerweise war Angelo um diese Zeit schon in der Trattoria und prüfte die Vorräte. Sergio wählte die Nummer des Il Gusto, aber bevor jemand antworten konnte, wurde das Display seines Telefons schwarz. Er hatte vergessen, das Gerät aufzuladen. Jetzt konnte er nur noch warten.

Sergio rieb sich den Nacken und ließ den Blick über die Ruine schweifen. Er mochte diese archäologische Stätte, hatte sie tausendfach fotografiert. Einmal sogar ein ganzes Jahr lang. Dabei hatte er das Stativ stets an derselben Stelle aufgebaut, um das Theater im Wechsel der Jahreszeiten abzulichten. Die Ränge, das Halbrund der Orchestra und die Reste der Kulisse übten einen einzigartigen Zauber auf ihn aus. Er stellte sich vor, wie die Menschen vor zweitausend Jahren ins Teatro geströmt waren, um die neueste Komödie oder Tragödie eines antiken Dichters zu sehen. Gewiss hatten die Zuschauer Sitzkissen für die harten Steinstufen mitgebracht, etwas zu trinken und zu essen. Sergio hatte irgendwo gelesen, dass Mäuse in Honig damals ein beliebtes Gericht gewesen sein sollten. Als er seinem Vater davon erzählte, hatte dieser gesagt, so etwas käme im Il Gusto nur dann auf die Speisekarte, wenn Sergio die Zutaten frisch fangen würde.

Sergio kannte einige Theaterstücke der Antike. Auch wusste er, dass die Baumeister den Platz weise gewählt hatten. Wer auf den Rängen saß, konnte nicht nur auf die Bühne schauen. Dahinter hatte die Landschaft der Toskana ihren großen Auftritt. Noch heute bot sich ein bezauberndes Bild, vor allem in der Abenddämmerung, wenn in den verstreut liegenden Dörfern des Bona-Tals die Lichter angingen. Dann sah es aus, als wäre ein Sack Perlen über dem Land ausgeschüttet worden.

Schließlich war der Zeitpunkt in der Geschichte Volterras gekommen, als dem römischen Glanz ein jähes Ende gesetzt wurde. Im vierten Jahrhundert hatte ein Erdbeben das Theater zerstört. Danach war die Stätte vieles gewesen: ein Steinbruch, ein Treffpunkt für Verliebte und sogar ein Müllabladeplatz. Tragödien aber hatte es hier seit der Zeit der Römer nur wenige gegeben.

Jetzt war das Teatro Romano zu einem Ort des Todes geworden.

Sergio ging raschen Schrittes vor den Resten der antiken Kulisse auf und ab. Wie lange brauchten die Männer aus Pisa denn noch? Er nahm einen kleinen Stein und ließ ihn auf eine Granitplatte fallen. Das Klicken hallte durch das Theater. Die Akustik funktionierte auch nach zweitausend Jahren noch einwandfrei. Am liebsten hätte er den Effekt genutzt, um seine Kollegen aus Pisa lautstark und einfallsreich zu beschimpfen. Aber er hielt sich im Zaum. Nur mit dem Umherlaufen konnte er nicht aufhören.

Von seinem Vater hatte er schon als Kind den Namen Terremoto, Erdbeben, erhalten. Immer war etwas zu Bruch gegangen, sobald der kleine Sergio die Küche des Il Gusto betreten hatte. Als er größer wurde, hatte er seinen Vater gebeten, diesen Spottnamen endlich zu vergessen. Doch Angelo hatte ihm mit ernster Miene erklärt, dass es sich keineswegs um eine Herabwürdigung, sondern um einen waschechten sozialistischen Kampfnamen handele. Über den sich viele junge Männer des Viertels freuen würden, wie er betonte. Außerdem sehe es in der Küche der Trattoria wie nach einem Erdbeben aus, wenn Sergio darin ein Menü zubereite. Stärke sieben auf der Richterskala.

Das ferne Geräusch einer Polizeisirene riss Sergio aus seinen Gedanken. Endlich! Das Heulen war zunächst kaum zu hören, kam aber rasch näher. Der Ton blühte auf und wurde greller. Schließlich schoss ein himmelblauer Wagen am Fuß des Hangs entlang und bog mit quietschenden Reifen beim Römischen Theater ein.

Zwei Beamte in Zivilkleidung stiegen aus, sprachen an der Absperrung kurz mit Alessandro und betraten das Teatro. Den Jüngeren kannte Sergio nicht. Er hatte vorstehende Wangenknochen und tief liegende, große Augen. Dem Älteren war Sergio schon begegnet. Er hieß Fabrizio Baldi, war Commissario, hatte ein fülliges Gesicht und trug eine Brille mit Goldrahmen. Auf dem Kopf ging ihm das Haar aus, am Kinn hielt es sich aber noch fest. Sein Nacken quoll über den Hemdkragen, und seine Ohren saßen tief am Kopf.

Sergio stapfte auf die beiden Männer zu. »Die Polizeisirene wäre nicht nötig gewesen«, raunzte er. »Wir kommen gegen die Schaulustigen kaum an. Da müssen wir nicht noch mehr Leute herbeilocken.«

»Wenn Sie nicht mal mit den Touristen fertigwerden, lassen Sie sich doch zur Verkehrspolizei versetzen«, sagte der jüngere Kollege. Mit den sparsamen Bewegungen eines großen Fisches holte er eine Sonnenbrille hervor, klappte die Bügel auseinander und setzte sie auf.

Sergio wollte erklären, dass es nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische waren, die zum Unfallort kamen. Und dass er ohnehin schon einige Aufgaben der Verkehrspolizei übernahm, weil die Wache chronisch unterbesetzt war. Aber er wusste: Der Kollege hätte bloß mit den Schultern gezuckt.

»Die Verkehrspolizei wäre jedenfalls schneller hier gewesen«, erwiderte er stattdessen.

»Wir verschwenden nur Zeit.« Fabrizio Baldi drängte sich zwischen den beiden Männern hindurch. »Wo ist die Tote? Kommen Sie, Rossi.«

Sergio führte die Kollegen zu der Leiche. Baldi lüpfte einen Zipfel der Plane.

»Was ist das für eine weiße Farbe?«, wollte er wissen. Er beugte sich über Stella Aurora und kniff die Augen zusammen. »Das scheint ein Pulver zu sein.«

»Rauschgift«, sagte Rossi.

»Alabaster«, sagte Sergio. Er hatte gleich erkannt, worum es sich bei der weißen Masse handelte: um den Staub des Gesteins, das Volterra im Mittelalter reich und berühmt gemacht hatte. Die Bildhauer der Stadt verarbeiteten noch heute Alabaster und stellten in ihren Werkstätten Skulpturen für die Touristen her.

»Schauspieler berauschen sich nicht an Alabaster, sondern an Kokain«, belehrte Rossi ihn.

»Was es auch ist: Wir müssen das untersuchen lassen«, sagte Baldi und wischte sich seinen Finger an Sergios Uniformjacke ab, die über der Toten ausgebreitet war. »War der Arzt schon da?«

Sergio fasste kurz zusammen, was Clara und ihre Kollegen berichtet hatten.

Baldi erhob sich und stemmte die Hände in die Hüften. »Was mag hier geschehen sein?«, fragte er den Wind.

»Unfall«, sagte Rossi. »Sie war high und ist von der Mauer gestürzt.«

»Und hat sich dann schwer verletzt durch das Theater bis kurz vor die Bühne geschleppt?«, fragte Baldi. »Wenn mir das passiert wäre, hätte ich versucht, zum Ausgang zu kommen, und um Hilfe gerufen.« Er wandte sich an Sergio. »Gibt es Zeugen?«

»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Sergio.

Baldi brummte. »Seit wann war Stella Aurora in der Stadt?«

Sergio durchfuhr es heiß. Noch einmal hörte er die Türglocke der Trattoria und sah Stella auf der Schwelle des Il Gusto stehen. »Seit gestern. Ich war bei der Ankunft des Busses dabei.«

»Sie ist mit dem Bus gekommen?«, fragte Rossi und lachte unangenehm. »Ich hatte schon gehört, dass sie als Schauspielerin kaum noch Engagements bekommt. Aber dass sie mit dem Bus fahren muss, hätte ich nicht gedacht.«

»Es war der Bus der Theatertruppe, mit der sie auf Tournee ist«, sagte Sergio in jenem Tonfall, in dem man einem Kind die Funktion der Wasserspülung erklärt. Er fühlte sich für die Würde der Toten verantwortlich.

Er hob seine Uniformjacke auf und klopfte den weißen Fleck ab, den Baldis Finger hinterlassen hatte.

»Sie war nur einen Abend lang hier?«, fragte Baldi. »Das ist ein übersichtlicher Zeitraum. Wir müssen bloß herausfinden, wo sie sich aufgehalten hat. Dann kommen wir zur Lösung des Rätsels.«

»Kein Problem in einem Nest wie diesem«, stimmte Rossi zu und schnalzte siegessicher mit der Zunge. »Vielleicht weiß unser Kollege, wohin sie gegangen ist, nachdem sie den Bus verlassen hat. Den Bus der Theatertruppe«, fügte er mit übertriebener Betonung hinzu.

Sergio hatte erst einen Arm in die Jacke gesteckt. Jetzt verharrte er in der Bewegung.

Porca miseria! Jetzt musste er wohl berichten, mit wem La Stella ihren letzten Abend verbracht hatte.

»Sie ist in die Trattoria Il Gusto gegangen.«

»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte Rossi.

»Ich war da«, antwortete Sergio. »Ich arbeite dort.«

Rossi schmunzelte.

»Wie lange war sie in dem Lokal?«, wollte Baldi wissen.

»Nur ein paar Minuten. Danach hat der Wirt der Trattoria sie ausgeführt.« Sergio spürte einen scharfen Schmerz im Hals.

»Name?«, fragten Rossi und Baldi gleichzeitig.

Sergio räusperte sich. »Angelo Panda. Er ist mein Vater.«

Kapitel 4

Der hellblaue Polizeiwagen schoss wie ein Raubvogel die enge Straße in Richtung San Giusto hinab. In jeder Kurve wurde Sergio gegen die Seitenscheibe gedrückt. Diesmal hatte Baldi die Polizeisirene nicht eingeschaltet. Dafür hupte Rossi ständig, um entgegenkommende Fahrzeuge schon von Weitem zu warnen. Auf dem Borgo waren kaum Autos unterwegs. Allerdings mühten sich Touristen zu Fuß die kleine Straße in Richtung Stadtzentrum hinauf und flüchteten vor dem Polizeiwagen in die Hauseingänge.

Baldi hatte noch vom Römischen Theater aus die Questura angerufen und die Spurensicherung nach Volterra beordert. Bis die Kollegen anrückten, sollte Alessandro den Ort der Tragödie bewachen.

Die Schussfahrt führte jetzt am Arci San Giusto vorbei. Der Eingang des Versammlungssaals stand offen. Kugelblitz kam gerade heraus. Er trug ein weißes Polohemd und schälte sich aus den bunten Plastikstreifen des Türvorhangs. Seine dicht behaarten Arme umschlangen ein Bündel Fahnen, die beim Palio del Cero, dem bevorstehenden Mittelalterfest, die Häuser schmücken würden. Sergio und er wechselten einen kurzen Blick durch das Seitenfenster. Dann war der Wagen vorbei.

Vor der Trattoria bremste Rossi. Die Tür des Il Gusto stand offen, und Sergio atmete erleichtert auf. Was Stella Aurora auch zugestoßen sein mochte, sein Vater war offenbar wohlauf. Er sah ihn im Innern mit einem der Gäste schwatzen.

Die drei Männer stiegen aus und betraten das Lokal. Das Klicken von Besteck gegen Porzellan war zu hören. Vier Tische waren besetzt. Einige Nachbarn kamen schon zum Mittagessen ins Il Gusto. Die meisten waren verwitwete Pensionäre, die nach dem Tod ihrer Frauen die Küche in ihrer Wohnung nur noch betraten, um die Kopfkissen für die schwülen Nächte aus dem Kühlschrank zu holen.

»Was ist denn in dich gefahren?« Angelo kam Sergio mit ausgebreiteten Armen entgegen. »Mein Telefon quillt über von deinen Anrufen. Hat man nicht mal eine einzige Nacht lang seine Ruhe?«

»Du weißt es noch nicht?« Sergio musterte die Gestalten an den Tischen. Er erkannte Trommelfeuer und weiter hinten Zitadelle, dessen Unterarme die Ausmaße von Schinken hatten. Zwischen ihnen ging gerade ein Teller penne boscaiola unter.

»Dass man in aller Herrgottsfrühe auf die Anrufe seines nervösen Sohnes reagieren muss? Weiß ich nicht. Muss ich auch nicht wissen.«

»Wir sind …«, hob Baldi an. Aber Sergio kam ihm zuvor.

»Stella ist tot.« Er hätte seinem Vater die Nachricht lieber bei einem Glas Chianti überbracht und anschließend schweigend einige Flaschen Wein mit ihm geleert. »Man hat sie im Teatro Romano gefunden.«

Angelos Blick wanderte zu Baldi und Rossi. Ohne hinzuschauen, tastete er auf der Theke herum. Er bekam das Lesegerät für Kreditkarten zu fassen. Der Apparat funktionierte seit Jahren nicht mehr. Im Il Gusto zahlte man bar oder ging hungrig nach Hause. Der Wirt schien sich an dem Gerät festhalten zu wollen. Es rutschte von der Theke und schlug mit einem Knall auf den Terrakottafliesen auf. Die Gespräche im Lokal verstummen.

Angelo lächelte gezwungen. »Alt, nicht wahr?«, krächzte er. »Sie war doch schon ziemlich alt.« Sein Mund zitterte. Abrupt drehte er sich um, durchquerte die Gaststube, stieß dabei einen Stuhl um und verschwand durch die Hintertür zum Innenhof.

»Wir haben Ihnen einige Fragen zu stellen«, rief Baldi ihm nach.

»Ich hole ihn zurück.« Rossi setzte sich in Bewegung.

Sergio hielt den Kollegen am Arm fest, doch der riss sich los und zwängte sich zwischen den Tischen hindurch. Bevor er die Hintertür erreichen konnte, schob Zitadelle seinen Stuhl mit einem Scharren zurück und stellte sich ihm in den Weg.

»Lassen Sie mich durch!«, verlangte Rossi.

»Bist du von der Polizei?«, fragte Zitadelle. Wenn er sprach, geriet das Fleisch unter seinem Kinn in Bewegung.

»Das bin ich«, knurrte Rossi.

»Dann lass ich dich nicht durch«, antwortete Zitadelle und stützte sich mit den Armen auf die Rückenlehne seines Stuhls.

»Schon gut«, rief Sergio. »Mein Vater kommt gleich zurück. Geben Sie ihm etwas Zeit und trinken Sie einen Espresso.« Er ging um die Theke herum, stellte zwei Tassen unter den Siebträger und ließ den Espresso durchlaufen. Die Maschine dröhnte. Dann stellte er die Tassen auf den kleinen Tisch in der Nähe des Eingangs. Nie zuvor hatte er in Uniform Getränke serviert.

Die Polizisten setzten sich und schlürften schweigend.

Sergio hätte gern nach seinem Vater gesehen, aber er hielt es für das Beste, ihn für einen Moment allein zu lassen. Tatsächlich kehrte Angelo nach einer Viertelstunde wieder in sein Lokal zurück. Jetzt trug auch er eine Sonnenbrille – ein besonders schmales Modell.

»Es geht mich ja nichts an«, sagte er in beiläufigem Ton zu Sergio, »aber was ist mit Stella passiert?«

»Um das herauszufinden, sind wir hier«, erklärte Baldi. Er stellte sich selbst und seinen Kollegen Dino Rossi vor. »Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«

»Hier stört niemand«, erwiderte Angelo.

Zitadelle hatte wieder Platz genommen und bearbeitete sein Gebiss mit einem Zahnstocher. Matteo lehnte in der Durchreiche. Die anderen Gäste, darunter Trommelfeuer, waren mit dem Essen fertig, saßen an den Tischen und schauten erwartungsvoll zu den vier Männern hinüber.

»Wie Sie wollen, Signor Panda«, sagte Baldi. »Wir haben gehört, dass Sie gestern mit Stella Aurora ausgegangen sind. Wo genau waren Sie?«

»Wo haben Sie das gehört?«, fragte Angelo. Er griff nach den geleerten Tassen und machte sich an der Espressomaschine zu schaffen.

»Von unserem Kollegen«, Baldi nickte zu Sergio hinüber, »Ihrem Sohn.«

Sergio konnte die Blicke seines Vaters hinter dessen Sonnenbrille nicht deuten. Er hatte das Gefühl, zwei Köpfe würden gleichzeitig aus seinem Hals ragen: einer gehörte zu Agente Sergio Panda, dem Polizisten, der andere zu Terremoto, dem Juniorchef der Trattoria Mortale.

Angelo stellte zwei frische Espressi vor Baldi und Rossi ab. »Stella war hier. Ich bin mit ihr ausgegangen«, sagte er knapp. »Ein Stück Zitronenkuchen dazu?«, fragte er. »Spezialität des Hauses.«

Rossi spitzte genüsslich die Lippen. »Warum nicht?«

Ohne auf Baldis Antwort zu warten, huschte Angelo in die Küche. Die Kühlschranktür öffnete und schloss sich schmatzend. Mit zwei Kuchentellern kehrte er zurück.

Baldi stach die Gabel in die Crema. »Also, Signore«, sagte er. »Wo waren Sie mit Stella? Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?«

Nur Sergio fiel das leichte Zögern in den Bewegungen seines Vaters auf. »Was ist mit ihr passiert?«, fragte der alte Wirt noch einmal, statt zu antworten.

»Das müssen wir erst noch herausfinden«, sagte Baldi. »Aber Sie können uns helfen, die Umstände ihres Todes aufzudecken.«

»Jaja.« Angelo winkte ab. »Ich war mit ihr unterwegs. In Volterra. Hab ihr die Stadt gezeigt.«

»Wo genau?«, fragte Rossi. Krümel hingen in seinem linken Mundwinkel.

Angelo goss zwei Gläser Limoncello ein und servierte den Zitronenlikör.

»Wir trinken keinen Alkohol im Dienst«, wehrte Baldi ab und betrachtete die gelbe Flüssigkeit mit einem sehnsuchtsvollen Blick.

»Für Männer ist das kein Alkohol«, sagte Angelo mit seiner heiseren Stimme.

Jetzt schien Baldi die Geduld zu verlieren. »Signor Panda! Per favore! Bitte! Helfen Sie uns! Waren Sie mit Stella Aurora beim Römischen Theater?«

»Kann mich nicht erinnern. Es war dunkel.«

»Wenn Sie uns nicht sagen, was geschehen ist, gelten Sie nicht länger als Zeuge«, erklärte Baldi und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

Rossi kippte den Limoncello.

»Dann muss ich wohl auch keine Fragen mehr beantworten«, erwiderte Sergios Vater.

»Dann sind Sie ein Verdächtiger«, fuhr Baldi fort. »Und wenn sich herausstellen sollte, dass diese Schauspielerin ermordet worden ist, dann werden Sie sich noch wünschen, Sie hätten mit uns zusammengearbeitet.«

Angelo ging um die Theke herum auf den Tisch der beiden Polizisten zu. Er stemmte die mageren Arme auf die Tischplatte und beugte sich tief zu Baldi hinab. »Viermal Espresso, zweimal Zitronenkuchen, zweimal Limoncello. Macht siebzehn Euro vierzig. Und wir stellen keine Quittungen aus.«