Cover

Buch

Ihr ganzes Leben wurden die drei Schwestern Katharine, Mirabella und Arsinoe ausgebildet, um eines Tages den Schwarzen Thron zu besteigen. Doch wer die Krone tragen wird, entscheidet ein harter Wettkampf, den nur eine von ihnen gewinnen kann ...

Band 3: Die Kriegerin

Ihr Leben lang hat Katharine auf diesen Moment gewartet: Sie hat den Kampf um den Thron gewonnen und trägt die Krone des Reichs Fennbirn. Doch ihre Herrschaft wird angefochten – es gibt Gerüchte, ihre Schwestern seien noch am Leben und warteten nur darauf, Katharine zu stürzen. Tatsächlich haben Mirabella und Arsinoe überlebt. Sie verstecken sich auf dem Festland und werden dort von einer unheimlichen Vision heimgesucht: Die legendäre Blaue Königin weist sie an, nach Fennbirn zurückzukehren, um ihr Schicksal zu erfüllen ...

Band 4: Die Göttin

Der Krieg hat die drei Königinnen Mirabella, Katherine und Arsinoe vor schreckliche Herausforderungen gestellt. Auf Arsinoe lastet ein Fluch, und dennoch muss sie alles geben, um den bedrohlichen Nebel aufzuhalten, der die Insel zu verschlingen droht. Derweil ist Mirabella aufgebrochen, um unter dem Banner des Friedens an den Hof von Königin Katharine zu ziehen. Diese sehnt sich nach der Bindung, die ihre beiden Schwestern vereint, gleichzeitig will sie dem Waffenstillstand keinesfalls zustimmen. Doch nur, wenn die drei Schwestern zusammenstehen, können sie das Geheimnis ihrer blutrünstigen Göttin lüften – und dabei werden Feinde zu Freunden, Freunde zu Feinden und Königinnen zu Legenden.

Enthält die Romane »Die Kriegerin« (Teil 3) und »Die Göttin« (Teil 4).

Ebenfalls als Doppelband (Teil 1 und 2) erhältlich: »Der Schwarze Thron. Die Kriegerin / Die Göttin«, 978-3-7341-6187-2

Autorin

Kendare Blake studierte in London Creative Writing, ehe sie ihre Leidenschaft zum Beruf machte. Sie lebt und arbeitet in Washington, liebt Tiere aller Art und ist außerdem von der griechischen Mythologie fasziniert. Anna im blutroten Kleid ist ihr Romandebüt.

Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet.

Kendare Blake

Der Schwarze
Thron

Die Kriegerin / Die Göttin

Zwei Romane in einem Band

Übersetzt von
Charlotte Lungstrass-Kapfer

Die Originalausgaben erschienen 2021 unter den Titeln
»Two Dark Reigns (Book 3)« (2018) und »Five Dark Fates (Book 4)« (2019)
bei Harper Teen, New York.

Teil 3 und 4 der Reihe Der Schwarze Thron wurde
bereits in Einzelbänden veröffentlicht unter den Titeln:
Die Kriegerin und Die Göttin

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Copyright der Originalausgabe © 2018 und 2019 by Kendare Blake

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Waltraut Horbas

Umschlaggestaltung und -illustration: © Isabelle Hirtz, Inkcraft, unter Verwendung eines 3D-Models von archstyle (turbosquid)

Innenteil Karte: Virginia Allyn

BL · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-27497-9
V001

www.blanvalet.de

Kendare Blake

Der Schwarze
Thron

Die Kriegerin

Übersetzt von
Charlotte Lungstrass-Kapfer

Personenverzeichnis

INDRIDSKAMM

Hauptstadt, Heimat von Königin Katharine

DIE ARRONS

Natalia Arron, Matriarchin der Familie Arron,
Oberhaupt des Schwarzen Rates (†)

Genevieve Arron, Natalias jüngere Schwester

Antonin Arron, Natalias jüngerer Bruder

Pietyr Renard, Natalias Neffe, Sohn ihres
Bruders Christophe

ROLANTH

Heimat von Königin Mirabella

DIE WESTWOODS

Sara Westwood, Matriarchin der Familie Westwood;
besonderes Element: Wasser

Bree Westwood; Sara Westwoods Tochter,
Freundin der Königin; besonderes Element: Feuer

WOLFSQUELL

Heimat von Königin Arsinoe

DIE MILONES

Cait Milone, Matriarchin der Familie Milone;
Familiaris: Eva, eine Krähe

Ellis Milone, Ehemann von Cait, Vater ihrer Kinder;
Familiaris: Jake, ein weißer Spaniel

Caragh Milone, ältere Tochter von Cait, wurde in die Schwarze Kate verbannt; Familiaris: Juniper, eine braune Jagdhündin

Madrigal Milone, jüngere Tochter von Cait;
Familiaris: Aria, eine Krähe

Juillenne »Jules« Milone, Tochter von Madrigal, stärkste Naturbegabte seit Jahrzehnten und Freundin der Königin; Familiaris: Camden, eine Berglöwin

DIE SANDRINS

Matthew Sandrin, ältester Sohn der Familie Sandrin, ehemaliger Verlobter von Caragh Milone

Joseph Sandrin, mittlerer Sohn der Sandrins, Freund von Arsinoe, wurde für fünf Jahre auf das Festland verbannt (†)

ANDERE

Luke Gillespie, Inhaber des Buchladens, Freund von Arsinoe; Tiervertrauter: schwarz-grüner Hahn Hank

William »Billy« Chatworth junior, Ziehbruder von Joseph Sandrin im Exil, Freier der Königinnen

Mrs. Chatworth

Jane

Emilia Vatros, Kriegerin aus Bastiansburg

Mathilde, Seherin

DER TEMPEL

Hohepriesterin Luca

Priesterin Rho Murtra

Elizabeth, Priesterin, Freundin von Königin Mirabella

DER SCHWARZE RAT

Natalia Arron, Giftmischerin

Genevieve Arron, Giftmischerin

Lucian Arron, Giftmischer

Antonin Arron, Giftmischer

Allegra Arron, Giftmischerin

Paola Vend, Giftmischerin

Lucian Marlowe, Giftmischer

Margaret Beaulin, Kriegerin

Renata Hargrove, keine Gabe

Die Schwarze Kate

400 Jahre vor der Geburt von Mirabella, Arsinoe und Katharine

Als die Wehen endlich einsetzten, waren sie heftig und blutig. Von einer Kriegerkönigin war allerdings auch nichts anderes zu erwarten, vor allem von einer so schlachtenerfahrenen Herrscherin wie Königin Philomene.

Die Hebamme legte der Königin ein kühles Tuch auf die Stirn, das diese aber sofort wegschob.

»Die Schmerzen sind unbedeutend«, sagte Königin Philomene. »Ich freue mich auf diese letzte Schlacht.«

»Du glaubst also, in Louis’ Heimat wird es keine Kriege mehr für dich zu führen geben?«, fragte die Hebamme. »Selbst wenn deine Gabe verblasst, nachdem du die Insel verlassen hast, kann ich mir das nicht vorstellen.«

Der Blick der Königin wanderte zur Tür, vor der ihr Prinzgemahl Louis auf und ab wanderte. Ihre dunklen Augen funkelten, so aufgeputscht war sie durch die Schmerzen. Ihre schwarzen Haare waren schweißverklebt.

»Er kann es kaum erwarten, dass unsere Zeit in Fennbirn endlich vorbei ist. Ihm ist zu spät klar geworden, was er sich mit mir eingebrockt hat.«

Was in gewisser Weise für alle galt. Königin Philomenes Herrschaft war vor allem durch Schlachten geprägt worden. Unter ihr wurde die Hauptstadt von Kriegsbegabten überrannt. Sie ließ große Schiffe bauen und plünderte mit ihnen die Küstenstädte sämtlicher Nationen, ausgenommen nur die Heimat ihres Prinzgemahls. Aber die acht Jahre brutaler Kriegerherrschaft waren nun vorüber. Selbst für eine Kriegerkönigin war das keine sonderlich lange Herrschaftszeit, trotzdem hatte sie die Insel ausgelaugt. Kriegerköniginnen standen für Ruhm und Einschüchterung. Für Schutz. Und so war nicht nur ihr Ehemann erleichtert, als die Göttin ihre Königin mit den Drillingen segnete.

Nun krümmte sie sich unter der nächsten Wehe und schob ihr Knie beiseite, um den immer größer werdenden Blutfleck auf dem Laken zu mustern.

»Du schlägst dich gut«, log die Hebamme. Aber was wusste die schon? Sie war jung und hatte ihren Dienst in der Schwarzen Kate gerade erst angetreten. Als Giftmischerin war sie zwar eine gute Heilerin, und sie hatte auch schon bei vielen Entbindungen geholfen, aber auf die Geburt von Königinnen konnte man sich nicht angemessen vorbereiten.

Lächelnd stimmte Philomene ihr zu. »Kriegerköniginnen bluten immer so stark. Trotzdem denke ich, dass ich es nicht überleben werde.«

Langsam tauchte die Hebamme das Tuch wieder in das kalte Wasser und wrang es aus, nur für den Fall, dass Philomene ihr doch noch gestatten würde, es zu benutzen. Vielleicht überlegte sie es sich ja anders. Immerhin sah sie ja niemand. Für die Insel war eine Königin so gut wie tot, wenn die Drillinge geboren waren. Draußen standen die fertig gesattelten Pferde bereit, die Louis und sie zu einem Flusskahn und dann zu ihrem Schiff bringen sollten. Und waren sie erst einmal fort, würden Philomene und er niemals zurückkehren. Selbst die weichherzige Hebamme würde sie vergessen, sobald die Babys da waren. Jetzt tat sie so, als wäre ihr das Wohlergehen der Königin wichtig, aber im Grunde bestand ihre Aufgabe nur darin, Philomene lange genug am Leben zu erhalten, um die Drillinge zur Welt zu bringen.

Die Kriegerkönigin musterte den Tisch, auf dem Kräuter, saubere schwarze Lappen und verschiedene Tiegel mit Schmerzmitteln standen, die sie natürlich alle abgelehnt hatte. Und auch einige Klingen – um die neuen Königinnen aus dem Mutterleib zu schneiden, sollte sich die alte Herrscherin als zu schwach erweisen. Das entlockte Philomene wieder ein Lächeln. Die Hebamme war ein kleines, zartes Ding. Ihr dabei zuzusehen, wie sie versuchte, die Babys herauszuschneiden, könnte interessant werden.

Seufzend registrierte Philomene, wie die Wehe abebbte.

»Sie haben es eilig«, stellte sie fest. »Wie ich damals. Schon vom Augenblick meiner Geburt an konnte ich es kaum abwarten, der Insel meinen Stempel aufzudrücken. Vielleicht wusste ich schon immer, dass mir nicht viel Zeit dafür bleiben würde. Oder vielleicht hat auch diese ständige Eile mein Leben so verkürzt. Du hast doch dem Tempel angehört, bevor du den Dienst hier in der Einsamkeit angetreten hast, oder?«

»Ich wurde dort ausgebildet, meine Königin. Im Tempel von Prynn. Aber ich habe nie die Gelübde abgelegt.«

»Natürlich nicht; ich kann sehen, dass du keine Bänder an den Handgelenken trägst. Ich bin ja nicht blind.« Mit der nächsten Wehe kam noch mehr Blut. Sie folgten jetzt immer dichter aufeinander.

Mit festem Griff umschloss die Hebamme Philomenes Kinn und zog ihre Augenlider hoch. »Du wirst schwächer.«

»Nein, werde ich nicht.« Sie sank in die Kissen und umfasste beinahe mütterlich ihren prallen Bauch. Aber sie würde nicht nach ihnen fragen, wenn die kleinen Königinnen auf der Welt waren. Es war nicht ihre Aufgabe, sich um sie zu sorgen. Diese drei Kinder gehörten einzig und allein der Göttin.

Mühsam stützte sich Philomene wieder auf die Ellbogen. Wilde Entschlossenheit machte sich auf ihrer Miene breit. Mit einem Fingerschnippen signalisierte sie der Hebamme, zwischen ihren Beinen Stellung zu beziehen.

»Du kannst jetzt pressen«, stellte diese fest. »Es wird sicher gutgehen – du bist stark.«

»Gerade hast du noch behauptet, ich würde schwächer«, brummte Philomene.

Die erste Königin kam stumm auf die Welt. Sie atmete zwar, schrie aber nicht einmal auf, als die Hebamme ihr einen Klaps auf den Po gab. Ein kleines, gut gewachsenes Mädchen mit einer gesunden Gesichtsfarbe, was erstaunlich war bei dieser schweren Geburt. Die Hebamme hielt die Kleine kurz hoch, damit Philomene sie sehen konnte, und einen Moment lang waren sie durch das königliche Blut in der Nabelschnur verbunden.

»Leonine«, gab Philomene der kleinen Königin ihren Namen. »Naturbegabte.«

Nachdem die Hebamme beides laut wiederholt hatte, brachte sie das Baby weg, um es sauber zu machen und in ein Bettchen zu legen, wo es von einer leuchtend grünen, mit Blumen bestickten Decke gewärmt wurde. Wenig später folgte das zweite Mädchen, das laut schrie und die winzigen Fäustchen ballte.

»Isadora«, verkündete die Königin, als das brüllende Baby sie mit großen, dunklen Augen anblinzelte. »Seherin.«

»Isadora, Seherin«, wiederholte die Hebamme, bevor sie es fortbrachte und in eine hellgrau und gelb gemusterte Decke wickelte, die Farben der Seher.

Die dritte Königin wurde in einem wahren Blutsturz geboren, als würde sie auf einer Welle herausgetragen. Das war für Philomene ein deutliches Zeichen dafür, dass sie eine neue Kriegerkönigin sein müsse. Doch als sie den Mund öffnete, um das zu verkünden, kam etwas ganz anderes heraus: »Roxane. Elementwandlerin.«

Die Hebamme bestätigte auch den dritten Namen und wandte sich dann ab, um das Baby zu waschen und in das letzte freie Bettchen zu legen, das sie dann mit einer blauen Decke ausstattete. Philomene blieb schwer atmend liegen. Sie hatte recht gehabt, das spürte sie deutlich. Die Geburt hatte ihren Tod eingeläutet. Aufgrund ihrer Stärke würde sie vielleicht noch so lange leben, bis man sie verarztet und in den Sattel gesetzt hatte, aber letzten Endes würde Louis mit einer Toten in seine Heimat segeln, um sie dort in einem Familiengrab beizusetzen. Wenn ihr Leichnam nicht bereits auf See über Bord geworfen wurde. Ihre Pflichten gegenüber der Insel hatte sie erfüllt, sodass diese nun keinen Einfluss mehr auf ihr weiteres Schicksal nehmen würde.

»Hebamme!«, stöhnte Philomene, als sie wieder von Schmerzen gepackt wurde.

»Ist schon gut«, erwiderte diese beruhigend, »das ist nur die Nachgeburt. Gleich vorbei.«

»Das ist nicht die Nachgeburt. Auf keinen Fall …«

Mit schmerzverzerrtem Gesicht biss sie sich auf die Lippen und presste.

Ein viertes Baby glitt aus dem Bauch der Königin, vollkommen mühelos und ohne Probleme. Es schlug die dunklen Augen auf und atmete tief ein. Ein viertes Baby. Noch eine Königin.

»Eine Blaue Königin«, murmelte die Hebamme ehrfürchtig. »Ein viertes Kind.«

»Gib sie mir.«

Doch die Hebamme war wie erstarrt.

»Gib sie mir, los!«

Schnell hob das Mädchen die Kleine auf, und Philomene riss sie ihr regelrecht aus den Händen.

»Illiann«, verkündete sie dann. »Elementwandlerin.« Auf ihrem erschöpften, ausgelaugten Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Jede Enttäuschung darüber, keine Kriegerkönigin geboren zu haben, verflog, denn nun hielt sie ein großes Schicksal in den Händen. Einen Segen für die gesamte Insel. Und sie, Philomene, hatte ihn bewirkt.

»Illiann«, wiederholte die fassungslose Hebamme. »Elementwandlerin. Die Blaue Königin.«

Philomene lachte laut auf und hob das kleine Mädchen über ihren Kopf.

»Illiann!«, rief sie. »Die Blaue Königin!«

Die Wartezeit, bis jemand in der Schwarzen Kate eintraf, zog sich in die Länge. Nach der Geburt der Blauen Königin waren die Boten sofort mit der Nachricht in ihre Heimatstädte geritten. Wie immer hatten sie mit gesattelten Pferden bereitgestanden, sobald bei der Königin die Wehen einsetzten.

Ein viertes Kind. So etwas kam so selten vor, dass es schon beinahe in das Reich der Legenden gehörte. Als die Hebamme es verkündete, wussten die unerfahrenen Boten zuerst gar nicht, was sie tun sollten. Schließlich musste das Mädchen sie regelrecht anbrüllen.

»Eine Blaue Königin!«, hatte sie geschrien. »Ein Segen der Göttin! Sie müssen alle kommen, alle Familien. Und auch die Hohepriesterin. Nun reitet schon los!«

Wären einfach nur Drillinge geboren worden, so wären lediglich drei Familien und ein paar Priesterinnen zur Kate gekommen: die Familie Travers für die Naturbegabte, die aufstrebenden Westwoods für die Elementwandlerin und die Lermonts für die arme kleine Seherkönigin, um Zeuge zu sein, wie sie ertränkt wurde. Doch die Geburt einer Blauen Königin hatte zur Folge, dass die führenden Familien aller Gaben ihre Oberhäupter schickten, auch der Vatros-Clan, der die Haupt- und Kriegerstadt Bastiansburg beherrschte, und sogar die Giftmischerfamilie Arron aus Prynn.

In der Kate standen unter den dunklen Deckenbalken vier kleine Bettchen an der Ostseite des Raumes, damit die helle Morgensonne sie erreichen konnte. Aus drei von ihnen war kein Laut zu hören, nur unter der hellgrauen Decke regte sich etwas. Die kleine Seherin quengelte pausenlos. Vielleicht lag es daran, dass sie aufgrund ihrer Gabe wusste, was mit ihr geschehen würde.

Arme kleine Orakelkönigin. Ihr Schicksal war von Anfang an besiegelt gewesen. Seit der Herrschaft der wahnsinnigen Königin Elsabet, deren Sehergabe sie dazu getrieben hatte, drei ganze Familien ermorden zu lassen, weil diese angeblich ein Komplott gegen sie schmiedeten, wurden Seherköniginnen nach der Geburt umgehend ertränkt. So schrieb es das Dekret des Schwarzen Rates vor, erlassen kurz nachdem der Rat Elsabet entmachtet hatte. Ein solch ungerechtfertigtes Massaker durfte sich niemals wiederholen.

In den Tagen nach der Geburt verbrannte die Hebamme das Bettzeug der alten Königin. Es war so stark mit Blut durchtränkt, dass es sich unmöglich reinigen ließ. Dabei fragte sie sich nicht, wo die alte Königin nun sein mochte oder wie es ihr ging. Der Zustand der Laken ließ nur einen Schluss zu: Philomene musste tot sein.

Mehr als eine Woche verging, bevor die erste Familie eintraf – die Seherfamilie Lermont aus Sonnenmulde im Nordwesten. Die Stadt lag der Schwarzen Kate am nächsten, zudem behaupteten sie, bereits reisefertig gewesen zu sein, als der Bote eintraf, da sie die Geburt des Kindes vorhergesehen hätten. Stumm und ernst betrachteten sie die vier schwarzen Bettchen und musterten die kleine Seherkönigin.

Am nächsten Tag kamen die Westwoods. Die Familie hatte noch nicht lange die Führung der Elementwandler inne und war noch entsprechend albern. Sie hätschelten die Elementwandlerkönigin und hatten ihr als Geschenk eine leuchtend blaue Decke mitgebracht. »Wir haben sie extra für sie anfertigen lassen«, erklärte das Familienoberhaupt Isabelle Westwood. »Warum sollte sie nicht etwas bekommen, auch wenn sie nicht lange leben wird?«

Nach ihnen traf die Familie Travers aus der Robbenkopfbucht ein, und am gleichen Abend auch die Arrons und wenige Minuten später der Vatros-Clan, der seine Pferde beinahe zuschanden geritten haben musste. Sie alle würden stumm Zeugnis ablegen. Die reichen Vertreter der Familie Vatros, deren Gabe durch die Herrschaft der Kriegerkönigin noch stärker geworden war, brachten die Hohepriesterin aus der Hauptstadt mit.

Ehrfürchtig sank die Hebamme vor ihr auf die Knie und nannte ihr die Namen der Königinnen. Als sie bei »Illiann« ankam, schlug die Hohepriesterin die Hände zusammen.

»Eine Blaue Königin«, murmelte sie und ging zu der Kleinen hinüber. »Ich kann es kaum glauben. Bis jetzt dachte ich noch, der Bote hätte etwas missverstanden.« Sie holte das Kind aus seinem Bettchen und legte es sich in die Armbeuge.

»Eine Blaue Königin, die Elementwandlerin ist«, betonte Isabelle Westwood, wurde aber von der Hohepriesterin mit einem scharfen Blick zum Schweigen gebracht.

»Die Blaue Königin gehört uns allen. Sie wird nicht in einem Elementwandlerhaus aufwachsen, sondern in der alten Hauptstadt, in Indridskamm. Bei mir.«

»Aber …« Die Hebamme wollte protestieren, verstummte jedoch, als sich sämtliche Köpfe zu ihr umdrehten. Erst jetzt bemerkten alle, dass sie überhaupt noch im Raum war.

»Du, Hebamme, wirst die Sache mit den Schwestern der Königin regeln. Anschließend begleitest du uns.«

Ergeben senkte die Hebamme den Kopf.

Die Naturbegabtenkönigin wurde im Wald ausgesetzt und dort der Witterung und den Tieren überlassen. Das von vornherein zum Tode verurteilte kleine Orakel wurde im Fluss ertränkt. Und als schließlich die Elementwandlerkönigin auf ein kleines Floß gelegt und in die Strömung geschoben wurde, die sie aufs Meer hinaustragen würde, konnten weder Kind noch Hebamme die Tränen zurückhalten. Leonine, Isadora und Roxane – der Göttin zurückgegeben, die ihnen stattdessen Illiann gesandt hatte, um über sie zu herrschen.

Illiann, die Gesegnete.

Der Volroy

Königin Katharine sitzt Modell für ihr Porträt – in einem der hohen, nach Westen blickenden Räume des Westturms, genau ein Stockwerk unter ihren Privatgemächern. In der linken Hand hält sie eine leere Flasche, die auf dem Bild mit Gift gefüllt sein wird. Um das rechte Handgelenk wurde ein weißes Seil geschlungen, das sich durch den Pinsel des Malers in ein Abbild ihrer Schlange Herzliebchen verwandeln wird.

Sie dreht den Kopf Richtung Fenster und blickt auf die Stadt Indridskamm hinunter, auf die dunkelbraunen Dächer der Reihenhäuser im Norden und auf Straßen, die zwischen Hügeln verschwinden. Die Rauchsäulen aus den Schornsteinen beflecken den Himmel, vor dem sich die hohen, kunstvoll errichteten Steinbauten des Stadtkerns abzeichnen. Es ist ein schöner, ruhiger Tag. Arbeiter arbeiten, Familien essen, lachen und amüsieren sich. Und sie ist heute Morgen in Pietyrs Armen aufgewacht. Alles ist gut. Sogar besser als gut – jetzt, wo ihre störenden Schwestern tot sind.

»Bitte heb das Kinn ein wenig an, Königin Katharine. Und richte dich weiter auf.«

Sie befolgt die Anweisungen, woraufhin der Maler ihr ein ängstliches Lächeln schenkt. Er gilt als der größte Künstler von ganz Indridskamm und hat Erfahrung in der Abbildung von Giftmischern mit dem üblichen Beiwerk. Aber dies ist nicht einfach irgendein Porträt. Dies ist das Porträt der gekrönten Königin. Und bei einer solchen Arbeit kommt selbst ein großer Künstler schnell mal ins Schwitzen.

Man hat sie so positioniert, dass durch das Fenster hinter ihrer rechten Schulter Greavesdrake Haus zu sehen ist. Das war Katharines Idee, auch wenn die Arrons sich das auf die Fahnen schreiben werden. Dabei hat sie es nicht für sie getan, sondern allein für Natalia. Als kleine Geste, um dieses überragende Familienoberhaupt zu ehren, jene Frau, die Katharine großgezogen hat wie eine leibliche Tochter. Dank ihr wird Greavesdrake stets präsent bleiben und einen schattenhaften Einfluss auf Katharines Herrschaft haben. Ursprünglich wollte sie auch die Urne mit Natalias Asche auf ihrem Schoß positionieren, aber das hat Pietyr ihr ausgeredet.

»Königin Katharine.« Pietyr kommt herein. Wie immer sieht er in schwarzer Jacke und taubenblauem Hemd einfach umwerfend aus. Die eisblonden Haare sind straff zurückgekämmt. Abschätzend bleibt er hinter dem Maler stehen. »Das entwickelt sich prächtig. Du wirst wunderschön aussehen.«

»Wunderschön.« Katharine rückt die leere Flasche und das Seil an ihrem Handgelenk zurecht. »Ich komme mir albern vor.«

Pietyr klopft dem Maler kurz auf die Schulter. »Ich müsste einen Moment mit der Königin sprechen, wenn es nichts ausmacht. Wie wäre es mit einer kleinen Pause?«

»Selbstverständlich.« Der Mann legt den Pinsel hin, verbeugt sich und geht hinaus, nachdem er noch einmal kurz Flasche und Seil gemustert hat, um sich einzuprägen, wie er sie hinterher arrangieren muss.

»Ist es wirklich gut?«, fragt Katharine, nachdem der Maler gegangen ist. »Ich bringe es einfach nicht über mich, es mir anzusehen. Vielleicht hätten wir doch jemanden aus Rolanth kommen lassen sollen. Immerhin gehört diese Stadt jetzt ebenfalls mir, und du weißt, dass sie die besseren Künstler haben.«

»Aber selbst beim größten Meister von Rolanth könnten wir nicht sicher sein, dass er das Porträt nicht sabotiert – so kurz nach einem ziemlich umstrittenen Aufstieg.« Pietyr folgt ihr zum westlichen Fenster und schlingt von hinten den Arm um ihre Taille. »Ein Giftmischer ist am besten.« Er umfasst sie fester und lässt die Finger über das Mieder ihres Kleides wandern. »Erinnerst du dich noch an unsere ersten gemeinsamen Tage in Greavesdrake? Das scheint so lange her zu sein.«

»Alles scheint lange her zu sein«, murmelt Katharine. In Gedanken kehrt sie in ihr altes Zimmer im Herrenhaus zurück, das mit jeder Menge gestreifter Seide und weichen Kissen dekoriert gewesen war. Als Kind hatte sie sich immer ein Kissen in den Schoß gedrückt, während sie den Geschichten lauschte, die Natalia ihr vorlas. Und dann sind da noch die bodenlangen Samtvorhänge in der Bibliothek, hinter denen sie sich immer versteckt hatte, wenn Genevieve sie zur nächsten Giftlektion holen sollte.

»Irgendwie fühlt es sich an, als wäre Natalia noch dort, oder nicht, Pietyr? Als würden wir sie mit verschränkten Armen vor dem Fenster in ihrem Arbeitszimmer finden, wenn wir nur gründlich suchen.«

»Das stimmt, Liebste.« Er haucht Küsse auf ihre Schläfe, ihre Wange, und knabbert kurz an ihrem Ohrläppchen, bis sie ein wohliger Schauer packt. »Aber so etwas darfst du nie einem anderen gegenüber erwähnen. Ich weiß, dass du sie geliebt hast. Aber du bist jetzt Königin. Du bist jetzt die Königin, da bleibt keine Zeit für kindliche Sentimentalität. Komm und sieh dir das hier an.« Er führt sie zu einem Tisch und breitet einige Papiere aus, die sie unterschreiben soll.

»Was ist das?«

»Bauaufträge«, erklärt er. »Für die Schiffe, die wir der Familie von Prinzgemahl Nicolas schenken werden. Sechs prachtvolle Schiffe, um ihren Schmerz zu lindern.«

»Aber hier ist nicht nur von Schiffen die Rede«, stellt Katharine fest. Doch egal, wie viel sie zahlen, der Preis wird immer noch gering sein. Die Martels hatten ihren Lieblingssohn auf die Insel geschickt, damit er Prinzgemahl von Fennbirn wird, und nach nicht einmal einer Woche als solcher war er durch einen Sturz vom Pferd gestorben. Ein wirklich schlimmer Sturz, bei dem er einen Abhang hinuntergefallen war. Nachdem sein Pferd ohne Reiter zurückgekehrt war, hatte es noch einmal fast eine Woche gedauert, bis man ihn fand. Bis dahin war der arme Nicolas längst tot gewesen.

Wenn sie wüssten, wie lange. Die Geschichte vom Reitunfall war eine Lüge. Ein reines Fantasieprodukt, ersponnen von Pietyr und Genevieve, damit niemand jemals die Wahrheit erfuhr: dass Nicolas gestorben war, nachdem er mit Katharine die Ehe vollzogen hatte. Dass sie so durch und durch eine Giftmischerin ist, dass selbst die Berührung ihres Körpers tödlich enden kann. Niemand durfte das je erfahren. Nicht einmal die Inselbevölkerung, denn dann würden sie auch wissen, dass sie der Insel keine Kinder von einem Festlandvater schenken kann. Dass sie keine Drillinge gebären und die nächste Königinnengeneration von Fennbirn auf die Welt bringen kann.

Jedes Mal, wenn sie daran denkt, wird sie von nackter Angst gepackt.

»Was machen wir hier überhaupt, Pietyr?« Ihre Hand erstarrt mitten in der Unterschrift. »Wo ist der Sinn des Ganzen, wenn ich meinem Volk am Ende keine neuen Königinnen schenken kann?«

Pietyr seufzt schwer. »Sieh dir mit mir das Bild an, Kat.« Er nimmt ihre Hand, und sie stellen sich vor die Staffelei mit dem Porträt. Viel gibt es noch nicht zu sehen: ein paar Umrisse und Farbtupfer, wie zum Beispiel das Schwarz ihres Kleides. Aber der Maler hat eindeutig Talent, denn selbst jetzt schon kann Katharine sich vorstellen, wie das fertige Bild einmal aussehen wird. »›Katharine, die vierte Giftmischerkönigin‹, so wird es heißen. Katharine aus der Dynastie der Giftmischer. Sie folgte auf drei andere Giftmischer: Königin Nicola, Königin Sandrine und Königin Camille. Das bist du, und uns bleibt noch jede Menge Zeit, um Vorkehrungen für die Zukunft der Insel zu treffen.«

»Meine ganze, lange Regierungszeit.«

»Genau. Dreißig, vielleicht auch vierzig Jahre.«

»Ach, Pietyr.« Sie lacht laut auf. »Heutzutage herrschen Königinnen nicht mehr so lange.« Seufzend mustert sie ihr halb fertiges Abbild. Gerade erst begonnen und kaum zu erkennen, ähnlich wie sie selbst. Wer kann schon wissen, was sie in ihren Jahren als Herrscherin alles tun, welche Veränderungen sie herbeiführen wird? Pietyr hat recht. Die Menschen müssen nicht alles erfahren. Schließlich wissen sie ja auch nicht, dass sie in die Brecciaspalte gestoßen und durch die Geister der unzähligen toten Schwestern gerettet wurde, die auf ähnliche Weise in der Spalte verschwunden waren, nachdem sie an ihrem Aufstieg gescheitert waren. Und sie wissen nicht, dass sie gar keine nennenswerte eigene Gabe hat, sondern ihre Stärke von eben jenen toten Königinnen erhält, die in jeder Minute wie ein fauliger Strom durch ihre Adern fließen.

»Manchmal frage ich mich, wem die Krone eigentlich gehört, Pietyr«, flüstert sie. »Mir oder … ihnen. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.«

»Mag sein. Aber jetzt brauchst du sie nicht mehr. Ich hatte gedacht …« Er räuspert sich kurz. »Ich hatte gedacht, sie wären vielleicht verschwunden. Dass sie dich in Ruhe lassen, nachdem sie nun bekommen haben, was sie wollten.«

Katharine fühlt auf einmal ein nervöses Kribbeln in ihrem Bauch. Ihre Gier nach Gift und ihr Blutdurst haben nachgelassen, seit ihre Schwestern in den Nebel gesegelt und ertrunken sind. Also hat Pietyr möglicherweise recht. Vielleicht sind die toten Königinnen mit ihr fertig. Womöglich sind sie nun befriedigt und werden schweigen.

Schnell unterzeichnet sie die restlichen Papiere, die Pietyr ihr vorlegt, und greift dann wieder nach der leeren Flasche und dem Seil, als der Maler hereinkommt.

Er schlingt ihr das Seil mehrmals um das Handgelenk, bis es wieder genauso liegt wie zuvor. »Wir müssen uns jetzt beeilen, bevor das Licht schwächer wird.« Mit einem Finger drückt er ihr Kinn nach oben und schiebt ihren Kopf sanft in die richtige Position, wobei er es kurz wagt, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Wie viele Augen sehen dich an?«, fragt sie ihn, worauf er mit einem verunsicherten Blinzeln reagiert.

»Nur deine Augen, meine Königin.«

Am nächsten Morgen erscheint Genevieve an der Tür zu Katharines Gemächern, um sie zum Schwarzen Rat zu eskortieren.

»Ah, Genevieve«, begrüßt Pietyr sie. »Nur herein! Hast du schon gefrühstückt? Wir sind gerade beim letzten Bissen.«

Sein Tonfall ist fröhlich, angereichert mit einer Spur Selbstgefälligkeit; Genevieves Lächeln hingegen wirkt so gezwungen, dass es einer Grimasse gleicht. Doch Katharine tut so, als merke sie nichts. Natalias Ermordung hat eine Lücke hinterlassen, die gefüllt werden muss, und unter den Arrons wird es zu heftigen Auseinandersetzungen um die Frage kommen, wer sie füllen soll. Außerdem hat Katharine – auch wenn sie Genevieve nach wie vor hasst – beschlossen, sie noch einmal neu einzuschätzen. Schließlich ist sie Natalias Schwester und nun die Matriarchin der Familie Arron.

»Ich habe bereits gegessen«, erklärt Genevieve, während sie den Teller der Königin mustert: Käserinden, Reste von gekochtem Ei und Giftbeerenmarmelade. »Ich dachte, wir hätten entschieden, nach dem Vorfall mit dem Prinzgemahl ihren Giftkonsum einzuschränken.«

»Das ist doch nur ein wenig Marmelade.«

»Vor zwei Tagen habe ich gesehen, wie sie sich mit Tollkirschen und Skorpionen vollgestopft hat, schneller als sie kauen konnte.«

Pietyr wirft Katharine einen fragenden Blick zu, und sie errötet. Die toten Kriegerinnen haben sie dazu getrieben, sich mit Waffen auszustatten, und die toten Naturbegabten wollten, dass sie durch die Gärten streift. Manchmal haben die toten Giftmischer eben auch ihre Bedürfnisse.

»Nun ja«, sagt er schließlich. »Ihren Konsum einzuschränken wird ihren Zustand vermutlich sowieso nicht umkehren.«

»Doch da wir genügend Zeit haben, wäre es einen Versuch wert. Und Zeit ist ja so ziemlich das Einzige, wovon wir genug haben, oder?«

Während die beiden sich weiter streiten, geht Katharine still zu Herzliebchens Behausung, um sie zu füttern. Die Korallenotter hat sich gehäutet und ist gewachsen und lebt nun in einem schönen neuen Gehege mit viel Laub zum Verstecken und einigen Steinen, auf denen sie sich sonnen kann. Katharine greift in einen zweiten, kleineren Käfig und holt eine junge Maus heraus. Es macht ihr immer wieder Spaß, Herzliebchen dabei zuzusehen, wie sie im warmen Sand ihrer Beute nachstellt.

»Gibt es einen besonderen Grund, warum du mich heute Morgen begleiten möchtest, Genevieve?«

»Allerdings. Hohepriesterin Luca ist zurück.«

»So schnell?« Hastig wischt sich Pietyr mit der Serviette den Mund ab und steht auf. Es sind erst zwei Wochen vergangen, seit die Hohepriesterin nach Rolanth aufgebrochen ist, um ihren Hausstand im dortigen Tempel aufzulösen und ihn wieder in ihre alten Gemächer im Tempel von Indridskamm zu verlegen. »Wir sollten gehen, Kat.«

Flankiert von Pietyr und Genevieve steigt Katharine die vielen Treppen des Westturms hinunter, bis sie schließlich das Erdgeschoss des Volroy erreichen, in dem auch der Ratssaal liegt. Die anderen Ratsmitglieder haben sich bereits versammelt, trinken Tee und unterhalten sich leise. Hohepriesterin Luca steht etwas abseits, ohne ein Getränk oder einen Gesprächspartner.

»Hohepriesterin Luca«, begrüßt Katharine sie und ergreift die Hände der alten Frau. »Du bist zurück.«

»Und so schnell«, stellt Genevieve stirnrunzelnd fest.

»Mein Haushalt wird auf Fuhrwerken hergebracht«, erwidert Luca. »Ich habe es geschafft, ein oder zwei Tage vor ihm einzutreffen.«

»Du solltest einen Teil deiner Sachen hier im Westturm unterbringen«, schlägt Katharine lächelnd vor. »Es wäre schön, wenn noch ein Stockwerk bewohnt wird. Aus der Distanz wirkt alles hier so prächtig, da war ich doch ziemlich überrascht, als ich feststellte, wie viele Etagen lediglich aus Küchen und Lagerräumen bestehen.«

Weder Königin noch Hohepriesterin nehmen die säuerlichen Mienen der Ratsmitglieder zur Kenntnis, und sie unterdrücken den eigenen Widerwillen. Katharine kann die alte Frau nicht besonders gut leiden, und die Art, wie Luca sie beobachtet, verrät ihr, dass die Hohepriesterin ihr ebenfalls weder Zuneigung noch Vertrauen entgegenbringt. Aber Natalia hat diese Vereinbarung ausgehandelt. Ihre letzte Vereinbarung. Also wird Katharine sie respektieren.

Sie deutet auf den langen, dunklen Tisch, und der Schwarze Rat nimmt seine Plätze ein, während die Dienstboten zwei volle Teekannen bereitstellen – eine davon mit Natalias bevorzugten Mangrovensamen – und die Schalen mit Zucker und Zitrone auffüllen. Nachdem sie auch noch das benutzte Geschirr abgeräumt und die Kekskrümel beseitigt haben, drehen sie die Lampen höher und ziehen die schweren Saaltüren hinter sich zu. Für Luca wurde ein Extrastuhl bereitgestellt. Pietyr sitzt auf Natalias altem Platz, obwohl er nicht den Vorsitz von ihr übernommen hat.

Katharine gibt sich alle Mühe zuzuhören, während Cousin Lucian das Tagesgeschäft durchgeht: Die Steuereinnahmen bei den Kaufleuten waren wegen des Duells der Königinnen höher als erwartet, und in Wolfsquell werden Ernteausfälle befürchtet. Aber im Moment haben sie alle andere Dinge im Kopf als die alltäglichen Geschehnisse auf der Insel.

»Kommt schon, wie lange wollt ihr uns noch warten lassen?«, ruft Renata Hargrove schließlich.

»Renata, sei ruhig«, mahnt Genevieve.

»Ich werde sicher nicht ruhig bleiben! Natalia hat dem Tempel drei Sitze im Rat versprochen. Und ihr wisst doch jetzt schon, wessen Sitze das sein werden.« Vielsagend blickt sie zu Lucian Marlowe, Paola Vend und Margaret Beaulin hinüber. Sie sind die Einzigen hier im Rat, die nicht der Familie Arron angehören. Marlowe und Vend sind zumindest noch Giftmischer, aber Margaret verfügt über die Gabe des Krieges, und die arme Renata hat überhaupt keine Gabe vorzuweisen.

»Wie kannst du wissen, welche Sitze es sein werden, wenn ich es nicht einmal selbst weiß?«, erwidert Katharine sanft. Dabei wirft sie Renata einen so durchdringenden Blick zu, dass diese unwillkürlich zurückweicht. Eine solche Reaktion hervorzurufen fühlt sich richtig gut an. Klein gewachsen, wie sie ist nach vielen Jahren der Gifteinnahme, macht Katharine äußerlich nicht viel her – sie ist mit Narben übersät und stets viel zu blass. Aber ihre Ausstrahlung straft den ersten Eindruck Lügen. Und das liegt nicht nur an dem Energieschub der im Laufe von tausend Jahren gefallenen Königinnen. Bald wird die ganze Insel das erfahren.

»Wie dem auch sei, Renata hat nicht ganz unrecht.« Mit einem breiten Lächeln wendet sich Katharine der Hohepriesterin zu. »Du bist zurückgekehrt. Und während deiner Abwesenheit hast du dir sicher Gedanken darüber gemacht, auf wen deine Wahl fallen wird.« Eigentlich hatte sie gehofft, die Hohepriesterin werde dem Blick der Königin ausweichen, die ihre geliebte Mirabella besiegt hat. Dass Luca sich ihr nicht fügen und deshalb gar nicht erst zurückkommen würde. Aber vermutlich hätte sie es besser wissen müssen. Bevor Mirabella und Arsinoe in den Nebel gesegelt waren, hatte Luca immerhin auch Mirabellas Hinrichtung zugestimmt.

»Das habe ich«, bestätigt Luca. »Und ich benenne mich selbst, die Priesterin Rho Murtra und«, entschlossen reckt sie das Kinn, »Bree Westwood.«

Lucian und Allegra stoßen unterdrückte Entsetzenslaute aus.

Pietyr hingegen gibt sich spöttisch. »Nie und nimmer.«

Katharine runzelt kurz die Stirn. Die einzige Überraschung auf der Liste ist Bree Westwood. Vielmehr hatte sie damit gerechnet, das Luca Sara auswählen würde, das Oberhaupt der Elementwandler-Familie. Aber nicht Bree, dieses leichtfertige Mädchen, das stets mit dem Feuer spielte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und natürlich Mirabellas beste Freundin war.

»Die Hohepriesterin kann nicht im Schwarzen Rat dienen«, faucht Genevieve.

»Es ist ungewöhnlich, aber in früheren Zeiten durchaus vorgekommen.«

»Der Tempel soll sich neutral verhalten!«

»Neutral gegenüber den Königinnen. Nicht neutral gegenüber den Angelegenheiten der Insel.« Damit wendet Luca gelassen den Blick von Genevieve ab, deren Lippen vor Wut zittern.

»Nun, Königin Katharine«, fährt die Hohepriesterin fort. »Meine Wahl kennst du nun. Wie lautet deine? Wer soll ersetzt werden?«

Katharine mustert ihre Ratsmitglieder. Aber eigentlich ist es nicht ihr Rat. Es ist Natalias. Ein paar von ihnen dienten sogar schon unter Königin Camille. Sie spürt ihre Feindseligkeit, was die toten Königinnen unter ihrer Haut aufhorchen lässt.

Die Arrons erwarten von ihr, dass sie drei der anderen entlässt, die anderen hingegen werden verlangen, dass sie bleiben dürfen, damit auch weiterhin alle Interessen vertreten sind. Auch die der Bevölkerung ohne Gabe. Genevieve würde ihr raten, die Entscheidung der Hohepriesterin rundweg abzulehnen. Und bestimmt sind sie alle der Meinung, sie solle Pietyr entlassen. Ihr ist nicht entgangen, welche Blicke die Ratsmitglieder ihm zuwerfen und wie sie jedes Mal misstrauisch die Augen zusammenkneifen, wenn er sie berührt.

Aber es interessiert sie nicht, was sie alle denken. Dieser Schwarze Rat soll ihr allein gehören.

»Lucian Marlowe und Margaret Beaulin, ihr seid entlassen. Ihr habt der Krone beide treu gedient, aber, Lucian, wir haben hier nun wirklich genug Giftmischer. Und Margaret: Sicherlich verstehst du, wie ich zu der Kriegergabe stehe, nach allem, was ich durch Juillenne Milone erleiden musste. Außerdem werden wir künftig eine Priesterin mit Kriegergabe im Rat haben, die sich um die Interessen von Bastiansburg kümmern kann.«

Margaret springt auf und schiebt heftig ihren Stuhl zurück. Ihre Hände kommen nicht zum Einsatz, allerdings geschieht es so schnell, dass Katharine nicht sagen kann, ob sie es mit ihrem Geist oder mit dem Fuß bewerkstelligt.

»Eine Priesterin hat keine Gabe«, knurrt sie. »Rho Murtras Stimme wird dem Tempel dienen, und niemandem sonst.«

»Ganz genau«, stimmt Lucian Marlowe zu. »Soll dein Rat tatsächlich nur aus Arrons und Priesterinnen bestehen?«

»Oh nein«, erwidert Katharine betont. »Renata und Paola Vend bleiben im Rat. Den letzten Platz wird Allegra Arron freimachen.«

Fassungslos reißt Allegra den Mund auf. Ihr Blick huscht zu ihrem Bruder Lucian, aber der weicht ihm aus, weshalb sie schließlich aufsteht und ergeben den Kopf neigt – so tief, dass Katharine den eisblonden Dutt auf ihrem Hinterkopf bewundern kann. Sie hat große Ähnlichkeit mit Natalia. Was ein weiterer Grund dafür ist, warum Allegra gehen muss.

»Werdet ihr bleiben, bis meine neuen Ratsmitglieder eintreffen?«, fragt Katharine die drei.

Lucian Marlowe und Allegra nicken, doch Margaret schlägt mit der Faust auf den Tisch.

»Soll ich vielleicht noch meinen Stuhl für die Priesterin polieren? Oder sie im Volroy herumführen? So kann man nicht herrschen. Du gestattest dem Tempel einfach, sich im Rat breitzumachen! Und gleichzeitig behältst du deinen Lustknaben an deiner Seite – als wärst du ernsthaft an seinen Ratschlägen interessiert.«

Katharines Hand wandert zu ihrem Stiefel.

»Wachen!«, ruft Genevieve, aber da ist Katharine bereits aufgesprungen und wirft eines ihrer mit Gift bestrichenen Messer nach Margaret. Die Waffe hat so viel Schwung, dass sie sich tief in die Tischplatte gräbt.

»Ich brauche keine Wachen«, sagt sie leise, während sie ein zweites Messer in ihre Hand gleiten lässt.

»Das erste war eine Warnung, Margaret. Das nächste bohrt sich direkt in dein Herz.«