Zum Buch
Der Wirecard-Skandal ist einmalig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte – ein einziger großer Fake. Wie konnte es zu diesem filmreifen Bankrott eines DAX-Konzerns kommen? Wer sind die Köpfe hinter dem Betrug? Und warum ist das kriminelle Netzwerk erst nach so langer Zeit aufgeflogen?
Die Journalisten Bettina Weiguny und Georg Meck – beide federführend an der UFA-Verfilmung des Wirecard-Skandals beteiligt – entwerfen das Psychogramm eines Jahrhundertskandals. Sie sprechen dazu Vertraute der österreichischen Protagonisten Markus Braun und Jan Marsalek, lassen Wegbegleiter wie Gegner zu Wort kommen, analysieren das Versagen von Politik und Behörden. Die Autoren folgen der Spur des Geldes, von Aschheim bis nach Singapur, Manila, New York. Ihre rasante Fallstudie bietet Einblicke in eine schillernde Welt von Glücksrittern und Geheimdiensten, halbseidenen Geschäftemachern und gutgläubigen wie gierigen Aktionären.
Am Ende stehen die Lehren aus diesem unglaublichen Fall: Was muss passieren, damit so etwas nicht noch mal passiert?
Zu den Autoren
BETTINA WEIGUNY, geboren 1970, studierte Germanistik und Anglistik und arbeitet als freie Autorin. Seit 2001 schreibt sie für den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo sie eine eigene Kolumne hat (»Der Balance-Akt«). Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, im Januar 2021 erschien »Denn es ist unsere Zukunft – junge Rebellinnen verändern die Welt«.
GEORG MECK, geboren 1967, ist Volkswirt und Wirtschaftschef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der preisgekrönte Wirtschaftsjournalist schrieb mehrere Bücher, unter anderem »Elitenreport« (mit Bettina Weiguny), »Auto. Macht. Geld. Die Geschichte der Familie Porsche Piësch« sowie »Gerhard Schröder: Klare Worte. Im Gespräch mit Georg Meck über Mut, Macht und unsere Zukunft«.
Weiguny und Meck sind verheiratet und leben mit ihren drei Kindern bei Frankfurt am Main. Gemeinsam haben sie bei der UFA-Verfilmung des Wirecard-Skandals mitgewirkt.
Bettina Weiguny/Georg Meck

WIRECARD
Das Psychogramm
eines Jahrhundertskandals

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Originalausgabe März 2021
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Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,
unter Verwendung von Motiven von © FinePic®, München
Redaktion: René Stein
DF ∙ Herstellung: kw
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-27812-0
V002
www.goldmann-verlag.de
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Inhalt
Vorwort
Der große Fake
Die zweifelhaften Visionen des Doktor Braun
Die wahren Gründer
Jan Marsalek: ein Strizzi aus Wien
Der Aufstieg aus dem Rotlichtviertel
Die Mallorca-Connection
»Dann setzte es Ohrlaschen.«
Der Sündenfall mit der Zockerbude
Unter Geldwäschern
Wozu braucht Wirecard eine eigene Bank?
»Die wollten uns die Knochen brechen.«
Die Tarnung mit den Blumenläden
»Ich will nie wieder in den Knast.«
Drittpartner und Treuhänder – die Masche der Plünderer
Die Komplizen in Asien
Edo K. und der Kampf gegen die Whistleblower
»Wir waren der erste Dominostein.«
Herr Shan und die Treuhandkonten
Der YouTube-Star und die Milliarden
Abenteuer in Manila
Die Klassenfahrt der Wirtschaftsprüfer
»Die haben meine Identität gestohlen.«
Tod unter Palmen
»Eine Leiche besorgen ist bei uns nicht teuer.«
Scharmützel mit den Shortsellern
Der Angriff der Spekulanten
»Eine Schande für Deutschland.«
Der Showdown mit den Wirtschaftsprüfern
Das Ringen mit KPMG
Montag, 27. April 2020
Dienstag, 28. April 2020
Der Notruf von EY
Der große Knall
Achtundvierzig Stunden in Aschheim
»Auch andere hätten die Hinweise sehen können.«
Party, Party, Party – gemeinsam feiern, gemeinsam untergehen
Meine Rolex, deine Rolex
Der organisierte Dilettantismus
Der Kater nach dem Rausch
Der Sturz des Alleinherrschers: »Wirecard bin ich«
Geld, Macht und Sex: Das Doppelleben des Jan Marsalek
Im Schattenreich
Mafia-Methoden
Liebe und Diamanten
Die Ösi-Connection
Wien, die Welthauptstadt der Spione
»Eine Miliz mit 20.000 Mann.«
»Projekt Panther« und die Rolle der Deutschen Bank
Unter Opfern
Die Tränen der Aktionäre
»Der Staat hat uns das Geld weggenommen.«
Die Frage nach der Schuld
Das Organversagen von Vorstand und Aufsichtsrat
Die Wirtschaftsprüfer – mit Blindheit geschlagen
Die Blamage der Banken
Das Desaster von Finanzaufsicht und Politik
Der Herdentrieb von Investoren und Analysten
Wie wird man kriminell? Auf der Suche nach dem Motiv
Und was lernen wir daraus? Ein Fazit in zehn Thesen
Abspann
Wirecard im Zeitraffer – eine Chronologie
Vorwort
»Das Erfundene kann nie mit der Wirklichkeit Schritt halten.« Dieser Satz stammt – ausgerechnet – von John Grisham, und er hat recht. Wer hätte so viel überschüssige Fantasie, sich ein Schurkenstück wie Wirecard auszudenken? Wer würde es wagen, dem Publikum eine derart bizarre Betrüger-Story aufzutischen? Mit Gaunern, Geheimagenten und windigen Geschäftemachern, in den Hauptrollen zwei Österreicher an der Konzernspitze: ein selbsternannter Visionär als Vorstandschef, der Steve-Jobs-Darsteller Markus Braun, sowie Jan Marsalek, der James-Bond-Verschnitt ohne Schulabschluss. In den Nebenrollen: russische Söldner, asiatische Sexshop-Betreiber, angelsächsische Shortseller. Nur ist das keine Wirtschaftssatire, sondern echtes Leben, in Aschheim, dem rechtschaffen hässlichen Gewerbegebiet vor den Toren Münchens. Zweifelsohne hat diese Story alles, was ein guter Film braucht: Geld, Gier, Größenwahn, Sex und Drogen, nicht mal mysteriöse Todesfälle unter Palmen fehlen.
Im Juni 2020 kracht Wirecard zusammen, ein Skandal einmalig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Nie zuvor ist ein DAX-Konzern pleite gegangen, nie zuvor wurde ein Manager dieser Liga von Interpol mit internationalem Haftbefehl gejagt wie Jan Marsalek. Milliarden sind verschwunden, Millionen Anleger wurden um ihr Geld gebracht.
Keine Frage, der Bankrott ist filmreif. Was für ein Stoff! Mit diesem Gedanken im Kopf treffen wir im Sommer 2020 Nico Hofmann, Geschäftsführer der Filmproduktionsfirma Ufa, sowie seinen Produzenten Marc Lepetit in Mainz, und besiegeln mit Handschlag das Filmprojekt: Wirecard – der große Fake. Der Bertelsmann-Konzern wird dazu seine »Content Alliance« aufbieten; die Ufa-Filmgesellschaft, den TV-Sender RTL, die Magazine »Stern« und »Capital«. Erfolgsproduzent Nico Hofmann hat schon einen Filmregisseur im Kopf: Raymond Ley, ein Meister des Genres »Doku-Fiction« , bei der teils Zeitzeugen vor der Kamera aussagen, teils Schauspieler der ersten Güte Szenen nachstellen. Zum TV-Drama soll ein Buch zum Film entstehen sowie ein Podcast.
Für uns, die klassischen Zeitungsjournalisten, beginnt damit ein großes Abenteuer; Monate mit Unmengen an Akten und noch mehr Gesprächen. Wir wollen herausfinden, was für Menschen hinter dem Betrug stecken. Dazu sprechen wir mit den wichtigsten Akteuren – sofern nicht untergetaucht oder im Knast –, in Aschheim und Wien, in New York, Singapur und Manila. Wir interviewen Finanzprofis, geprellte Anleger und echte Kriminelle. Wichtigtuer melden sich, auch zweifelhafte Gestalten, die sich reinwaschen wollen: »Ich wurde getäuscht« – diesen Satz hören wir oft. Besonders Dreiste wollen aus ihren Verstrickungen noch finanziellen Nutzen ziehen und verlangen Geld, bevor sie reden.
Wir lernen aber auch manch mutigen Helden, manch tapfere Heldin kennen, ohne die der Betrug vielleicht bis heute unentdeckt geblieben wäre. Nicht jeder mag offen reden. Manche schämen sich, andere fürchten den Staatsanwalt oder aber Rache der Hasardeure: »Das sind böse Leute«, sagt ein ehemaliger Wirecard-Manager, »und nicht alle sitzen im Knast.« Auch dieser Mann vertraut sich uns nur im Schutz der Anonymität an. Wir sind um jeden froh, der Vertrauen fasst. Es kostet Überwindung, an den Skandal und die eigene Rolle darin erinnert zu werden. Aus LinkedIn-Profilen verschwindet der Arbeitgeber Wirecard schneller, als man gucken kann, der Name der Firma ist ein Makel. »Kontaktieren Sie mich nie wieder!«, schreibt ein früheres Vorstandsmitglied mit drohendem Unterton.
Gewiss, das Ergebnis liegt von Anfang an vor uns: Wirecard pleite, die Milliarden zum Teufel. Der Schaden ist da, die Schuldfrage aber längst nicht geklärt. Bandenmäßiger Betrug lautet der Vorwurf der Staatsanwälte. Wem genau was konkret nachzuweisen ist? Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich schwierig, wie es generell eine komplizierte Sache ist mit der Wahrheit. Uns kommt ein Zitat von Martin Walser in den Sinn, das der Schriftsteller uns vor Jahren am Bodensee mit auf den Weg gab: »Nichts ist ohne das Gegenteil wahr.« Die eine objektive Wahrheit ist nicht mehr als eine Fiktion, wir tasten uns heran, ohne voreilige Schlüsse. Die Guten und die Bösen sind nie eindeutig voneinander zu trennen, alle Augenzeugen liefern mit ihrer Schilderung zugleich eine Deutung mit. Alle waren dabei, alle haben das Gleiche gesehen, nur eben mit anderen Augen und anderen Absichten. Heute noch bewundern manche ihren Chef Markus Braun, sie weigern sich, in ihm einen Verräter und Betrüger zu sehen. Selbst der untergetauchte Marsalek hat noch seine Fans. »Für den Jan lege ich meine Hand ins Feuer«, sagt eine Mitarbeiterin. Solange niemand verurteilt ist, gilt die Unschuldsvermutung. Die reine Chronologie ist erzählt, die großen Schandtaten aufgedeckt, ein Verdienst nicht zuletzt der Financial Times. Uns geht es mit diesem Buch um die große Geschichte, das ganze Drama, den Antrieb der Protagonisten und ihre Abgründe, die Verwicklungen der Politik wie die Folgen für die Gesellschaft. Entstanden ist ein Psychogramm, das Psychogramm eines Jahrhundertskandals. Allen Beteiligten gilt unser Dank, oder um mit Jan Marsalek zu sprechen: Es war uns ein Volksfest, und Ihnen allen viel Vergnügen!
Der große Fake
Der Wirecard-Skandal ist in vielerlei Hinsicht einzigartig: Noch nie ging ein Unternehmen pleite, das das DAX-Gütesiegel trug, noch nie wurde ein DAX-Vorstand von Interpol als einer der meistgesuchten Verbrecher gejagt, noch nie in der deutschen Wirtschaftsgeschichte waren so dreiste Betrüger am Werk. Um die Bestrafung der Schuldigen kümmern sich die Gerichte und ein Untersuchungsausschuss im Bundestag, wir stellen die Frage nach dem Wie und dem Warum: ohne Motiv kein Verbrechen. Zu den gängigen Antriebsfedern gehören Geld, Macht und Sex. Alle drei treten hier zutage. Fangen wir mit dem an, was sich am einfachsten darstellen lässt, mit der exakt messbaren Größe – dem Finanziellen oder besser gesagt der Beute.
So simpel ist die Rechnung freilich nicht, sonst würden in der öffentlichen Debatte nicht so viele Zahlen kursieren und munter durcheinandergewürfelt. Mal werden drei Milliarden Euro Schaden diagnostiziert, dann 1,9 Milliarden, dann mehr als zwanzig. Von erfundenen Milliarden ist die Rede, von verschwundenen Milliarden, von verbrannten und vernichteten Milliarden – ja, was denn nun? Was nie existiert hat, kann sich nicht in Luft auflösen und auch nicht verbrennen. So viel ist klar.
Also, worin genau bestand eigentlich der Betrug, von dem die Staatsanwälte in ihren Haftbefehlen ausgehen? Wer wurde geprellt, und wie hoch ist die Beute? Ganz wichtig: »Beute« bedeutet nicht dasselbe wie »Schaden«. Was sich die Halunken in diesem Schurkenstück unter den Nagel gerissen haben, also die Beute, ist weit geringer als der Schaden, der insgesamt angerichtet wurde.
Bei allen Lügen, die Protagonisten des Skandals verbreitet haben, in einer Sache haben sie recht: Zahlungsabwicklung ist ein Wachstumsgeschäft. Je mehr wir im Internet bestellen, buchen oder handeln, desto mehr Geld wird dafür transferiert. Das muss jemand erledigen. Und Wirecard war früh dabei, schon Ende der 1990er-Jahre, als Mittler zwischen uns Kunden und dem Kaufmann, der uns beliefert, mit was auch immer. Als Gegenleistung erhält der Zahlungsabwickler von den Shops eine Gebühr, je höher das Ausfallrisiko, desto höher die Marge. So weit, so seriös.
Die in Verdacht stehenden Wirecard-Betrüger jedoch haben in großem Stil Umsätze erfunden, die es nie gegeben hat. »Gewerbsmäßigen Bandenbetrug« nennen das die Staatsanwälte in den Haftbefehlen. Dazu kommen diverse Gaunereien, allesamt Rand- und Folgeerscheinungen dieses Schwindels, wie Untreue, Marktmanipulation, Bilanzfälschung. Daneben poppt von Anfang an immer wieder der Verdacht der Geldwäsche auf: Devisen aus illegalen Quellen, verbotenen Pornoseiten, Glücksspiel und Waffenhandel, die in den regulären, sauberen Geldkreislauf eingespeist werden. Die Wirecard-Bücher jedenfalls wurden den großspurigen Visionen der Chefs angepasst. Das Geschäft, das sie ausposaunt und ausgewiesen haben, existiert in erheblichem Ausmaß nur in der Fantasie. Und wer keine echten Umsätze erzielt, erhält dafür logischerweise auch kein echtes Geld als Einnahme, geschweige denn erzielt er so hohe Gewinne, wie Wirecard behauptet hat.
Bezogen auf den konkreten Fall heißt das: Die angeblich prall gefüllte Kasse ist am Ende leer. Die zwei Milliarden Euro Vermögen, die laut den Büchern auf Konten in Manila gelegen haben sollen, waren Fake: Nur ein paar kümmerliche Euro davon existieren tatsächlich. Der Rest war großes Illusionstheater. Mehr als ein Viertel der Bilanz – schlicht und einfach erstunken und erlogen. In Wahrheit hat das Unternehmen nicht permanent sein Vermögen gemehrt, sondern seit Jahren Verluste geschrieben. Laut Insolvenzbericht fehlen 3,2 Milliarden Euro, das Geld sei »wahrscheinlich verloren«, sagt Insolvenzverwalter Michael Jaffé. Als er im Sommer 2020 seinen Job in Aschheim antritt, »verbrennt« das Unternehmen Woche für Woche weitere zehn Millionen Euro.
Die Beute ist nun das Geld, dass sich die Manager dank ihres Zahlen-Blendwerks erschwindeln und abzweigen konnten. Der Konzern hat Milliarden eingesackt, von den Banken, die ihnen Kredite gewährt haben, sowie den Investoren, die ihnen mittels Anleihen Geld geliehen haben. Der große Fake war Voraussetzung dafür, dass diese Gelder geflossen sind. Mit einem ehrlichen Zahlenwerk wären die Gläubiger weit weniger großzügig gewesen. Sie haben die Milliarden an Wirecard nicht für kriminelle Hirngespinste verliehen, sondern weil sie glaubten, das Wachstum eines künftigen globalen Champions zu finanzieren und das Geld ganz sicher samt Zins und Zinseszins eines Tages zurückzubekommen.
So erhält Wirecard beispielsweise Anfang 2019 von einem Bankenkonsortium (darunter finden sich illustre Namen wie ABN AMRO, Commerzbank, ING sowie die Landesbank Baden-Württemberg) eine Kreditlinie über 1,75 Milliarden Euro. Im Herbst 2019 begibt die japanische Softbank eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro.
Erst mal ist dieses Geld an das Unternehmen geflossen, um weiteres Wachstum zu ermöglichen, nicht unmittelbar an die Manager. Doch die Gauner wissen einen Weg: Das Geld wird zur Beute, weil sie es nach und nach, Millionen für Millionen, aus der Firmenkasse entwenden und auf private Konten oder in die Firmenschatullen guter Freunde und Verbündeter verschieben. Wie genau sie das angestellt haben, werden wir in den folgenden Kapiteln schildern, nur so viel: Es braucht dazu ein erhebliches Maß an krimineller Energie und verschachtelter Strukturen, dazu etliche Komplizen und Strohmänner (was die Beute des Einzelnen entsprechend mindert).
Ein weiteres Motiv liegt auf der Hand: Die betrügerischen Manager konnten dank der schwindelerregenden Erfolgszahlen ihr Gehalt hochschrauben, schließlich leiteten sie keine lausige Pommes- oder IT-Bude, sondern einen DAX-Konzern, da sind üppige Löhne üblich. Nicht zu vergessen Ruhm und Ehre, die dadurch abfallen – ein nicht zu unterschätzender Anreiz: Ein DAX-Vorstand erfährt eine andere Wertschätzung als der Frittenbudenbetreiber oder der Chef der unscheinbaren IT-Butze.
Unschätzbar wertvoll ist manchem das Gefühl, als großer Held der Wirtschaftswelt durch die Gegend zu laufen, im Fall von Wirecard gar als Deutschlands Antwort auf die Genies im Silicon Valley. Diese Bewunderung hat zweifellos ihren Reiz. Und ermöglicht einem Wirecard-CEO auf dem Wiener Opernball eine Loge in der Nähe der Kaiserloge, eine der höchsten Ehren, die einem in der feinen Wiener Gesellschaft zuteilwerden kann. Weit höher als die Beute ist, wie gesagt, der angerichtete Schaden: Durch die betrügerische Pleite verloren all jene Geld, die als Lieferanten oder sonstige Geschäftspartner Ansprüche gegenüber Wirecard hatten. Geschädigt sind obendrein all jene, die im Vertrauen auf die Ehrbarkeit des Unternehmens Aktien gekauft haben. Da gelangen wir schnell zu ganz anderen Beträgen, an dem Punkt ist die Rechnung einfach: In der Spitze, rund um den Aufstieg in den DAX im Herbst 2018, hat die Börse Wirecard mit 24 Milliarden Euro bewertet, immerhin so viel, wie Deutsche Bank und Commerzbank zusammen auf die Waage brachten. So viel waren alle Wirecard-Aktien zusammen zu dem Zeitpunkt wert, so reich durfte sich die Gesamtheit aller Aktionäre fühlen, wenigstens auf dem Papier. Zum Jahreswechsel 2020/21 blieben gerade mal etwas mehr als 50 Millionen Euro übrig, also praktisch nichts. Die Aktie gehört längst zu den Penny-Stocks, ist nicht mal mehr im Ein-Euro-Laden willkommen. Die Differenz zwischen Höchstwert und Nulllinie ist folglich der Schaden der Aktionäre. Wer zu Kursen um die 200 Euro gekauft hat, hat 200 Euro je Aktie eingebüßt. Das entspricht seinem persönlichen Verlust. Nun ist niemand vor einem Totalverlust an der Börse gefeit, das ist bitter, aber nicht zu ändern. Ein Unternehmen kann scheitern, an der Börse geht es deswegen mal rauf, mal runter, für den Schaden kommt niemand auf – es sei denn, und damit sind wir im konkreten Fall Wirecard, ein Betrug bildet die Grundlage für die ach so betörende Börsenstory. Deshalb können die geprellten Aktionäre versuchen, entschädigt zu werden, auch wenn die Wahrscheinlichkeit auf Wiedergutmachung äußerst gering ausfällt: Von wem sollen sie ihr Geld auch zurückholen? Die Firma ist pleite, das Privatvermögen der Übeltäter lässt sich gegebenenfalls konfiszieren, sofern man es denn findet, reicht aber bei Weitem nicht für solche Summen. 11.500 geprellte Anleger und Geschäftskunden haben beim Insolvenzverwalter mehr als 20 Milliarden Euro an Schaden angemeldet. So viel wird weder bei den Betrügern zu finden noch bei den Wirtschaftsprüfern als möglichen Mitschuldigen an dem Skandal herauszuschneiden sein.
Wie immer aber gilt: Das Geld, das der einzelne Käufer verliert, ist nicht weg, es haben nur die anderen: All jene, die so klug waren, ihre Anteile rechtzeitig zu verkaufen. Sie sind so gesehen Profiteure des Wirecard-Betrugs, ohne dass sie deswegen kriminell wären, erst der Betrug eröffnete ihnen die Chance auf gewaltige Spekulationsgewinne. Denn der Kurs bewegte sich nicht nach oben, weil Wirecard so großartig in der Wirtschaftswelt zu reüssieren wusste, sondern weil dahinter ein einziger Schwindel stand. Die erfundenen Einnahmen und Gewinne waren es, welche die Fantasie der Anleger entfachten und schließlich dazu führten, was als größter Finanzskandal der deutschen Börsengeschichte erhalten bleibt: der große Wirecard-Fake.