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Wild Creatures – Die Hexe aus dem Brackermoor

Rhiannon Williams

Screenshot

IMAGE Die Hexe aus dem Brackermoor IMAGE

Aus dem Englischen
von Anne Brauner

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© 2021 für die deutschsprachige Ausgabe:

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2021 by Rhiannon Williams

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel

»Ottilie Colter and the Withering World«

bei Hardie Grant Egmont

Übersetzung: Anne Brauner

Lektorat: Christiane Rittershausen

Coverillustration: Bente Schlick, www.benteschlick.com

Karte von Georg Behringer

Covergestaltung: Geviert GbR, Grafik und Typografie

ah • Herstellung: bo

Satz & E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-24226-8
V001

www.cbj-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1  Die Austerndiebin 

2  Der Albtraum 

3  Die Teufelstöterinnen 

4  Der Philoholzbaum 

5  Traumwandeln 

6  Ein finsteres Geheimnis 

7  Die Farbe von Nichts 

8  Das Wiegenlied 

9  Varrio Sol 

10  Ramonas rechtes Auge 

11  In der Falle 

12  In Gefangenschaft 

13  Ein Treffen um Mitternacht 

14  Der Brunnen 

15  Horror und Herzstein 

16  Ein Versprechen und eine Lüge 

17  Verschüttete Milch 

18  Atmende Knochen 

19  Der Träumer 

20  Auf Wiedersehen Fiory 

21  In der alten Heimat 

22  Tiefe Atemzüge 

23  Abgestorben 

24  Immer tiefer musst du graben 

25  Hier endet dein Weg 

26  Blut 

27  Licht 

28  Das Leuchten 

29  Tiefer Schlummer 

30  Abschiedsgeschenke 

31  Befehl vom Hauptmann 

32  Die singende Ente 

33  Schlaflos 

34  Der Wasserfall 

35  Die Krone 

36  Blutsverwandt 

37  Und für deine Taten zahlen 

38  Deserteure 

39  Die Hexe im Wald 

40  Nach dem Tod 

41  Der letzte Kampf 

42  Ein Trümmerhaufen 

43  Das Lied 

44  Endlich schlafen 

Für die Familie und die Pelztiere

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1

IMAGE Die Austerndiebin IMAGE

Vor sieben Jahren …

Als Scoot das Knirschen und Klirren von Stahlkappenstiefeln hörte, kletterte er an der Mauer hoch und zwängte sich in eine Nische. Kurz darauf erschienen unten zwei Männer. Die Stadtgarde von Wikric durchsuchte die Slumtunnel.

»Komm raus, Kleine. Wir tun dir nichts.«

Scoot wusste, wen sie suchten, denn wenige Minuten zuvor hatte er einen spitzbübischen Schatten gesehen, der durch einen Spalt in der Tunnelwand geschlüpft war.

»Perlen sind etwas für Prinzessinnen, meine Liebe – nicht für Brackwassermilben. Gib sie wieder her, dann kannst du weiterziehen.«

Die Wachposten waren kurz davor, das Versteck des Mädchens zu entdecken. Möglicherweise würden sie auch daran vorbeilaufen, doch Scoot ging auf Nummer sicher, griff zu seiner Schleuder und schoss ein Steinchen in die entgegengesetzte Richtung. Es klimperte, als es weiterhüpfte. Die Wachposten verharrten kurz, um das Geräusch einzuordnen, und hasteten dann mit gezogenen Schwertern davon.

Grinsend sprang Scoot von der Mauer. Da er der Diebin geholfen hatte, wollte er sie überreden, ihm ein oder zwei Perlen abzugeben.

In dem Moment, als er sich durch den Spalt zwängen wollte, hörte er drinnen Stimmen.

»Keine Angst, sie sind weg.«

Scoot spähte durch den Spalt in eine Nische und konnte zunächst nichts erkennen, weil es zu dunkel war. Doch dann leuchtete ein verhülltes grünliches Licht auf. Ein Mann mit einem schwarzen Spitzbart hatte ein getöntes Glasgefäß aus seiner blauen Jacke geholt, in dem, wie Scoot vermutete, Leuchtstäbe glühten. So etwas hatte er schon einmal gesehen, feilgeboten von Kaufleuten aus dem Brackermoor weiter oben am Fluss. Mit seiner anderen Hand umklammerte der Mann einen Gehstock, doch Scoot hatte den Verdacht, dass er sich nicht wirklich darauf stützte. Offenbar diente er nur zur Zierde, und das konnte nur eins bedeuten – er hatte Geld.

Ein Mädchen mit dunkelblondem Haar stand ihm trotzig gegenüber. Zu ihren Füßen befand sich eine Holzkiste, und das Netz, das sie über die Schulter geschwungen hatte, enthielt einen dicken Laib Käse. Sie kniff die Augen zusammen. »Was wollen Sie?«

»Dir eine Arbeitsstelle anbieten«, sagte der Mann.

»Wieso?«

»Weil du jung und …«, er tippte mit dem Stock auf die Holzkiste, »… auf der Flucht bist.«

»Falsch. Das sind nur Austern und ein bisschen Käse. Sie hören bald auf, danach zu suchen.«

»Perlen«, sagte der Mann.

»Austern – ranziges altes Ungeziefer aus dem Meer.« Sie öffnete die Kiste, nahm eine dunkle Muschel in die Hand und streckte die Zunge heraus.

Als der Mann seine Leuchtstäbe darauf richtete, fiel Licht auf ein altes Wandgemälde mit verblichenen Zeichen. Das Bild war sehr alt und stellte ein Mädchen mit langen Haaren dar, das etwas an die Lippen hielt. Ihre Haltung erinnerte Scoot an die alte Dudelsackspielerin, die in der Dämmerung am Flussanleger zu hören war.

Der Mann begutachtete die Austern. »Die stammen von den Perlenfarmen bei den Sumpfgrotten, stimmt’s?«

Von Austern aus den Sumpfgrotten hatte Scoot schon einmal gehört. Den Händlern zufolge gab es im Süden Mystiker, die noch vor dem Öffnen spürten, welche Austern Perlen enthielten und welche nicht.

Mit spinnenartigen Fingern und einem scharfen silbernen Messer brach der Mann die Schalen auseinander und stach ins Fleisch. Das Mädchen quiekte überrascht. Obwohl Scoot nicht sonderlich gut sehen konnte, glaubte er einen winzigen Vollmond in einem schleimigen Nest zu erkennen.

»Keine Angst. Es gibt diesen Arbeitsplatz. Du musst zwar weit von hier weggehen, aber für Unterkunft und Verpflegung ist gesorgt. Die Arbeit ist hart, Isla, aber in jedem Fall besser als das, was dich erwartet, wenn sie dich schnappen.«

Das Mädchen trat einen Schritt näher an ihn heran. »Woher wissen Sie, wie ich heiße?«

»Selbstverständlich bleibt die Entscheidung dir überlassen, aber ich rate dir dringend, darüber nachzudenken. Die Anwerber werden bis Sonnenuntergang auf dem Verruchten Markt stehen – du musst nur den Mann finden, der eine Entenfeder am Hut hat.«

»Skip«, sagte das Mädchen. »Eigentlich heiße ich Skip.«

Von diesem Namen hatte der Mann eindeutig noch nie gehört. »Skip?«

»Von Skipper. Das ist mein Nachname.«

»Ach ja?« Mit einem verhaltenen Lächeln wandte sich der Mann zum Gehen.

Das war das Zeichen für Scoot, der aus dem Spalt hinaus erneut die Mauer erklomm und in die Nische kroch. Während er wartete, dachte er darüber nach, was er erlauscht hatte. Eine Arbeitsstelle? Arbeit, die jemand seines Alters erledigen konnte? Sollte er vielleicht mitgehen? Die Aussicht auf ein Bett war sehr verlockend, auf Essen noch viel mehr. Doch Scoot hatte früh gelernt, niemandem zu vertrauen, der anbot, ihn mitzunehmen.

Als er es endlich wagte, zurückzukehren, waren sowohl das Mädchen als auch der Käse verschwunden. Die Austernkiste war jedoch noch da. Das Mädchen war offenbar der Meinung, sie nicht mehr zu brauchen.

Scoot holte eine Schneckengabel aus der Tasche, die er einer Dame aus dem Picknickkorb gestohlen hatte. Er hatte vermutet, dass sie sich hervorragend zum Schlösserknacken eignen würde. Der Dame hatte er damit nur einen Gefallen erwiesen – sie hatte jetzt eine Ausrede, um keine Schnecken mehr essen zu müssen.

Scoot knackte sämtliche Austern und füllte seine Taschen mit Perlen. Von ihrem Erlös konnte er sehr lange zehren und sogar einen hübschen Schlafplatz ergattern.

Obwohl er ihren Namen bereits vergessen hatte, bedankte Scoot sich im Stillen bei der Diebin und dem Mann mit dem Stock. Dieses Jahr begann vielversprechend.

2

IMAGE Der Albtraum IMAGE

Etwas Schweres fiel auf Ottilies Bett.

Ein Bildersturm. Hochgedrückte Schulterblätter, dann geballtes weißes Fell, schwarze geifernde Reißzähne. Zwei Messer wirbelten in ihren kleinen Händen.

Obwohl sie noch gar keinen Überblick über den Raum hatte, wälzte sie sich auf den Boden und griff nach dem Dolch, den sie unter dem Bett versteckt hielt.

Ein vertrautes Lachen durchbrach die Dunkelheit.

Blinzelnd ließ Ottilie den Dolch fallen, kroch wieder ins Bett und schubste Gully herunter. »Du bist furchtbar.«

Ihr Bruder hörte nicht auf zu lachen.

Verschlafen warf sie einen Blick auf die geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen kein Licht schimmerte.

»Was machst du hier mitten in der Nacht?« Während der Schreck nachließ, merkte Ottilie, wie erschöpft sie war und wie weh ihr die Knochen taten. Sie war noch ganz steif, nachdem sie am Vortag auf der Jagd übel gefallen war, und der harte Fußboden hatte nicht geholfen. Doch das war sie gewohnt. Es zählte zu den leichteren Risiken, wenn man Jagd auf Ungeheuer machte. Ottilie und ihre Freunde waren Jagdleute in Narroway. Die Schattenschlinger, die grausamen Biester, gegen die sie kämpften, waren sehr viel gefährlicher als blaue Flecken und müde Muskeln.

»Hör auf zu lachen!« Doch eigentlich wünschte sie sich das gar nicht, denn sie konnte sich nicht daran erinnern, wann Gully zum letzten Mal so herzlich gelacht hatte. Nachdem sie einige Leuchtstäbe in den Wasserkrug an ihrem Bett gelegt hatte, musterte sie ihn, während er sich mit seiner daumenlosen linken Hand den Bauch hielt.

»Es ist kurz vorm Morgengrauen.« Er stieg wieder aufs Bett. »Ich muss zur Jagd, aber vorher wollte ich dir zum Geburtstag gratulieren.«

Er hatte recht, es war der zweiundzwanzigste Sommertag. Zu Hause im Brackermoor hatten Old Moss und Mr Parch, die beiden älteren Siedler, die in dem Durchgangstunnel vor ihrer Grotte schliefen, ihren Geburtstag an genau diesem Tag gefeiert.

Doch Ottilie hatte es vergessen und ein Wunder war das nicht. Sie war mit zu vielen schrecklichen Dingen beschäftigt. Welche Rolle spielte es, dass sie vierzehn wurde, wenn ihre Freunde in Gefahr waren – in noch größerer Gefahr als ohnehin schon? Scoot war zu Stein erstarrt und Bill war verschwunden und wurde von der Hexe Whistler gefangen gehalten. Sie lauerte in einer dunklen Ecke von Narroway, wo sie sich zweifellos auf den nächsten Angriff vorbereitete. Ein Geburtstag war in schrecklichen Zeiten wie diesen einfach zu banal.

Gully drückte sie mit einer Umarmung aufs Bett. »Nie denkst du dran!«

»Aber du zum Glück«, keuchte sie und befreite sich, um Luft zu holen. »Mit wem gehst du auf die Jagd?« Sie versuchte, lässig zu klingen. Die Frage war ihr zur Gewohnheit geworden, denn sie wollte sichergehen, dass er mit Jägern zusammenarbeitete, die ein Auge auf ihn hatten.

Anfangs, als Ottilie aus dem Reich der Uskler gekommen war, hatte sie Narroway für gefährlich gehalten und hätte sich niemals vorstellen können, dass es noch viel schlimmer kommen konnte. Narroway verband die Usklers wie eine Brücke mit den zerstörten Laklands, in denen die Schattenschlinger hausten, und wurde selbst ebenfalls von diesen Ungeheuern heimgesucht. Einst hatte die Jagd geglaubt, die Schattenschlinger würden aus den Laklands auf ihr Gebiet übergreifen, doch Whistler hatte aufgedeckt, dass dies nicht der Fall war.

Sie hatte sie zum Narren gehalten, denn Whistler hatte die Schattenschlinger selbst heraufbeschworen und insgeheim ein großes Heer geschaffen. Sie wartete nur auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen.

Die Laklands waren die perfekte Tarnung. Niemand hatte nach einem Schuldigen oder einem Grund für die Plage in Narroway gesucht, und Whistler hatte in der Jagd ihre Rolle als Anführerin der Knochensinger spielen können, ohne dass auch nur der Hauch eines Verdachts auf sie gefallen wäre. All das gehörte zu ihrem Racheplan, mit dem sie den König Varrio Sol für ein Verbrechen bestrafen wollte, das nur ihr allein bekannt war.

Vor einem Monat hatte Whistler den ersten Schritt gewagt und ihr Heer gegen Fort Richter, den westlichsten Stützpunkt der Jagd, in die Schlacht geführt. Seit ihrer Niederlage hielt sie sich versteckt, doch jeder wusste, dass sie nicht für immer verschwunden war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie erneut angreifen würde, und wenn Gully eine Schicht jenseits der Grenzmauer hatte, befürchtete Ottilie mehr denn je, dass er nicht zurückkommen würde.

Gully verzog das Gesicht, während er sich anstrengte, sich an seine Mitstreiter zu erinnern. »Fawn und Horst – glaube ich.«

»Das sind alle?« Ottilie runzelte die Stirn. Eine größere Gruppe wäre ihr lieber gewesen.

»Und Ned.«

Sie entspannte ihre Schultern. Selbstverständlich würde Ned mitkommen, sie waren schließlich keine Grünschnäbel mehr. Mittlerweile waren sie zu Jägern der zweiten Stufe aufgestiegen, die nicht mehr von Mentoren angeleitet werden mussten. Dennoch wurden der ehemalige Mentor und sein Grünschnabel fast immer in eine Gruppe gesteckt, um auf die Jagd zu gehen oder Patrouille zu schieben. Ottilie hatte so ein Gefühl, dass dies Neds Idee war. Als Jäger der vierten Stufe konnte er derartige Ansprüche stellen.

Als die Glocken läuteten, zuckte Gully zusammen. »Ich muss mich fertig machen!« Er warf sich quer übers Bett und legte seine Stirn an Ottilies. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, flüsterte er und eilte zur Tür hinaus.

Ottilie fischte die Leuchtstäbe aus dem Krug und ließ sich auf ihr Kissen zurückfallen. Ein blasses Rechteck umrahmte die verdunkelten Fensterläden. Sie würde erst später auf die Jagd gehen und überlegte, was das Wetter wohl für sie bereithielt. Wenn es regnete, konnte sie sich eine Pause gönnen. Bei Regen verschanzten sich die Schattenschlinger. Er war zu rein und zu sauber für sie.

Sie erwog aus dem Fenster zu schauen, kam aber noch nicht so richtig hoch. Als sie gerade wieder unter die Decke schlüpfen und die restliche Zeit in ihrem sicheren kleinen Hafen genießen wollte, klopfte es. Das war vermutlich ihr Freund Preddy. Leo, ihr ehemaliger Mentor, dachte nicht daran zu klopfen. Und Scoot auch nicht. Sie kniff die Augen zu. Solche Gedanken setzten ihr zu – es war, wie wenn man vergaß, sich unter einen vertrauten Ast zu ducken.

Ottilie wälzte sich aus dem Bett und zuckte zusammen, als sie ihr steifes Bein belastete. »Ich habe nicht abgeschlossen«, krächzte sie und ging zur Tür.

Als sie geöffnet wurde, errötete sie vor Überraschung, Ned auf der Schwelle zu sehen. Sie setzte gerade noch ein Lächeln auf, das hoffentlich nicht zu nervös ausfiel.

»Gully ist schon weg, um sich fertig zu machen.« Sie sprach leise, um die anderen Jäger der zweiten Stufe nicht zu wecken, die in den Nachbarräumen schliefen. Ihr Blick glitt zu Scoots verwaistem Zimmer, das direkt neben ihrem lag. Gerüchtehalber hätte Preddy dort einziehen sollen, doch er hatte es nicht übers Herz gebracht. Scoot hätte gescherzt, dass Preddy nur sein weitläufiges Zimmer auf dem Gang der ersten Garde nicht aufgeben wollte. Doch Ottilie wusste, dass es nicht stimmte. Preddy lag etwas daran, es für Scoot zu verwahren.

Sie riss sich aus ihren Gedanken. Ned sah sie verwirrt an.

»Bist du gar nicht auf der Suche nach Gully?«, fragte Ottilie. »Ich dachte, du wärst deshalb …«

Er lächelte. »Ich bin deinetwegen hier.«

Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ned war blass, und seine Augen waren verquollen, doch so sahen heutzutage viele von ihnen aus. Sie saßen in dieser Ruhe vor dem Sturm in der Falle. Es war ein Albtraum ohne einen Schimmer der Morgendämmerung, die ihn vertreiben könnte. Ein Albtraum, der sie alle mit gebeugten Schultern, erschöpften Gesichtern und Verletzungen zeichnete. Ihre Wunden, Prellungen und Blutspritzer, die einst als Ehrenabzeichen für eine hohe Punktzahl sprachen, bewiesen heute nur, dass sie noch einmal davongekommen waren und Schlimmeres zu erwarten hatten.

»Ich habe Gully getroffen. Deshalb weiß ich, dass du wach bist«, sagte Ned. »Ich wollte dir nur zum Geburtstag gratulieren.«

Ottilie hatte ein merkwürdig kippendes und dümpelndes Gefühl, als würde ihr Herz auf Wasser tanzen. Sie sollte etwas sagen. Danke wäre eindeutig angebracht, doch sie war immer noch sprachlos, als Ned einen Schritt näher kam und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte.

Sie schloss kurz die Augen und öffnete sie erneut, als er wieder zurücktrat. Ottilie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte.

Auf der Suche nach irgendetwas, womit sie ihr Schweigen brechen konnte, blieb ihr Blick an dem untersten der drei Brandmale auf Neds Unterarm hängen. Die Wunde war geschwollen und blau an den Rändern. Mittlerweile hätte sie längst verheilt sein müssen. Unwillkürlich nahm sie seine Hand und hielt seinen Arm in den Schein der Laterne. Ihre Verlegenheit war verflogen.

»Ned …«

Seine Hand zuckte, doch er riss sich nicht los. »Nicht so schlimm«, sagte er. »Ich war damit in der Krankenstation. Die Patchies meinen, das Brenneisen sei möglicherweise verunreinigt gewesen. Sie behalten mich im Auge.«

»Tut es weh?«

Sein Blick glitt zur Seite. »Manchmal.«

»Du siehst nicht gut aus.«

»Ich schlafe schlecht.«

Ottilie konnte sich gut vorstellen, dass viele seit der Schlacht um Richter Schlafprobleme hatten. Whistlers Schweigen verschlimmerte alles nur. Ottilie befürchtete, dass die Hexe sich nicht blicken ließ, weil sie etwas Vernichtenderes als den Angriff auf den westlichen Stützpunkt plante.

Dagegen konnte niemand etwas unternehmen. Sie hatten sie gesucht – die Hexenschichten, die vor etlichen Monaten für die Jagd auf Gracie Moravec eingeführt worden waren, konzentrierten sich jetzt darauf, Whistler zu finden. Doch sie blieb unauffindbar. Es war hoffnungslos. Ottilie war sicher, dass Whistler erst entdeckt werden würde, wenn es ihr selbst passte.

»Ich träume sehr viel«, sagte Ned.

»Was denn?«, fragte Ottilie, weil er sie seltsam anschaute.

Er riss sich los. »Das spielt keine Rolle.« Sein Tonfall war scharf, doch er fügte mit sanfterer Miene hinzu: »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Dann lächelte er sie an und ging.

Die Brandmale hatte Whistler ihm zugefügt. Das hatte Ned ihnen jedenfalls erzählt. An jenem Tag, als Whistler sich offenbart hatte, hatten Gracie und ihre Wyler Ned, Gully und Scoot angegriffen, und Gracie hatte Ned in die Felshöhlen verschleppt, wo Whistler sie erwartete. Bill war geholt und weggebracht worden. Was die Zeit danach anging, hatte Ned große Erinnerungslücken, oder er wollte einfach nicht darüber sprechen. Ottilie und Leo hatten ihn gerettet, bevor sie alle in der Schlacht um Richter gekämpft hatten. Sie sah ihn immer noch vor sich, wie er an dem zerstörten Brunnen zusammengesackt war, weil er nicht mehr stehen konnte.

Wenn sie daran dachte, wurde Ottilie furchtbar wütend. Gleichzeitig wurde ihr übel, da Bill immer noch in Gefangenschaft war. Sie wollte ihn befreien und in den Höhlen des Canyons nach ihm suchen, doch ihre Freundin Maeve bestand darauf, sie zuvor auszuspionieren. Maeve war ein Fiorn und konnte sich in eine Eule verwandeln, sodass sie sich sehr viel heimlicher umschauen konnte als Ottilie. Doch in den Höhlen war niemand, sagte sie. Whistler und Gracie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Was wollte Whistler von Bill? Er war ein Goedl, ein seltenes uraltes Wesen mit unendlichem Wissen, das in seinem Kopf umhertrieb. Wozu wollte Whistler ihn benutzen? Was hatte sie mit ihnen allen vor?

3

IMAGE Die Teufelstöterinnen IMAGE

Als sie sich den Weg durch den morgendlichen Dunst bahnte, fühlte es sich an, als würde sie durch eine Welt aus Erinnerungen fliegen. Die Zeit schien sich rückwärts aufzufalten wie zerknüllter Stoff und die Augenblicke überlappten sich. Ottilie sah eine Formation am Rande der Klippe – es war der Felsen, an dem Leo ihr zum ersten Mal etwas über Wingerslinks, die großen geflügelten Katzen, erzählt hatte, die im Außengelände hausten.

Der Abgrund war nicht erkennbar, da die Klippenstufen silbern in der Sonne lagen, doch sie sah sie trotzdem vor sich, als sie sich erinnerte, wie sie die Treppe hinuntergesprungen und zum Reservat der Wingerslinks gerast war, nachdem Whistler Bill entführt hatte.

Damals war Gracie ebenfalls draußen gewesen. Ottilie fiel ein, wie sie die bekannten Dolche gezogen hatte, und hörte noch ihren leisen Befehl: »Schnappt euch ihren Bruder.« Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie die Wyler sprangen und das Blut an Gullys Fingern herunterlief. In ihrer Wahrnehmung trafen die Tropfen wie Trommelschläge auf die Erde.

Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute sich um und entdeckte Skip, die über das Kleefeld marschierte. Ihre Uniform trug sie wie eine zweite Haut, obwohl sie sie erst vor einem Monat bekommen hatte. Es war erst vier Wochen her, und doch konnte Ottilie sich das Bild der Magd, die sie im Frühjahr kennengelernt hatte, nur noch schwer vor Augen rufen.

Als Ottilie mit den anderen Grünschnäbeln angekommen war, waren Mädchen in Narroway nur als Dienerinnen geduldet worden. Mägde wie Skip hatten in der Festung gearbeitet und die Jagdleute bedient. Als die Schattenschlingerplage überhandgenommen hatte und die Mädchen sich nicht einmal selbst hatten schützen können, hatten Ottilie und Ramona Ritgrivvian, die einzige Rangerin, begonnen, heimlich mit ihnen zu trainieren. Das Geheimnis war schließlich aufgeflogen, als die Truppe der Mägde den Jagdleuten in der Schlacht um Richter zu Hilfe geeilt war.

Trotz der Schlacht und des Sieges, trotz der Kampfpause und des drohenden Krieges bestand die Zeit darauf, wie gewohnt zu vergehen. Die neuen, eigens ausgesuchten Grünschnäbel, die ihre erste Prüfung bereits bestanden hatten, waren aus Fort Arko gekommen. Als das Direktorat schließlich die Regeln geändert und die Erlaubnis ausgestellt hatte, dass auch Mädchen in die Jagd aufgenommen werden durften, war es für die Prüfung zu spät gewesen. Deshalb wurden alle, die in Richter mitgekämpft hatten, automatisch zu den Grünschnäbeln gerechnet und besonders ausgezeichnet. Niemand konnte bestreiten, dass sie es verdient hatten – zumal jetzt jeder, der kämpfen konnte, zählte.

Ottilie konnte sich gut an den Tag erinnern, als Skip endlich zur Jägerin ernannt worden war. Seine Eminenz Edderfed hatte damals in der Mitte des Mondhofes im heulenden Wind gestanden, während die Mädchen sich vorne aufgestellt hatten.

Ottilie und Leo waren zu spät gekommen. Flieger arbeiteten normalerweise allein, doch seit der Schlacht jagten die beiden gemeinsam, wann immer es ging. Es war ihnen wichtig, aufeinander aufzupassen.

An jenem Tag waren sie von einem nervigen Vorrigle aufgehalten worden. Das war ein bösartiger Schattenschlinger mit giftigen Stacheln auf seinen federlosen Flügeln, der wie ein überwucherter behaarter Geier aussah. Vorrigles waren schwer zu erlegen. Schließlich hatten Ottilie und Leo gleichzeitig geschossen und beide den Sieg für sich beansprucht, doch das ließ sich jetzt nicht mehr klären. Früher war die Jagd ein tödliches Spiel gewesen, ein harter Wettbewerb auf dem Weg zum Sieger der Jagd, doch Punkte wurden nicht mehr vergeben.

Die Spätankömmlinge hatten sich in den Mondhof geschlichen, wo Leo zur ersten Garde gehen wollte, ohne sich darum zu kümmern, ob er die Zeremonie störte, sondern im Gegenteil begierig darauf war, Aufmerksamkeit zu erregen. Doch Ottilie hielt ihn zurück und zwang ihn, sich neben Maeve zu stellen.

Maeve und Alba zählten zu den wenigen aus der Mägdetruppe, die nicht in die Jagd aufgenommen werden wollten. Sie nahmen zwar am neuerdings vorgeschriebenen Training für alle Bewohner von Narroway teil, doch Alba hatte sich schon ganz am Anfang geweigert, Jägerin zu werden. Lieber kehrte sie zu ihrer alten Arbeit zurück und half ihrer Mutter Montie in der Küche.

Maeve gestand, dass sie ganz gerne dabei gewesen wäre, sich aber darauf konzentrieren wolle, ihre Magie zu beherrschen. Selbstverständlich verriet sie diesen Beweggrund niemand anderem, denn Maeve war bereits einmal wegen Hexerei angeklagt und nach ihrer Verurteilung beinahe in die Laklands verbannt worden. Ehrlich gesagt, war Ottilie froh, dass Maeve weiterhin als Magd arbeitete, denn auf diese Weise war sie weniger gefährdet. Es war wichtiger als je zuvor, dass Maeve in Höchstform war. Ottilie schöpfte Hoffnung daraus, eine Hexe an ihrer Seite zu haben, vor allem für Scoot. Eine Hexe hatte ihn in Stein verwandelt. Dann würde ihn doch eine andere Hexe heilen können. Sie mussten nur noch herausfinden, wie.

Eminenz Edderfed hatte sich geräuspert. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ihn dort stehen zu sehen, da üblicherweise Hauptmann Leier bei Zeremonien dieser Art die Ansprache hielt. Doch er war schon vor Wochen nach All Kings Hill im Osten gereist, um den König zu bitten, Verstärkung nach Narroway zu schicken.

Seine Eminenz hatte eine grimmige Miene aufgesetzt und eine tiefe Falte hatte sich zwischen seine Augen gegraben, als fiele es ihm schwer, die Worte auszusprechen.

»Die Legende mag einigen von euch bekannt sein …« Seine Stimme war gewohnt tief und voll, doch seine Ansprache war in einer Weise hölzern, die Ottilie nicht von ihm kannte.

»Ich spreche von einem neunhundert Jahre alten Mythos, in dem es um ein großes Ungeheuer geht, das im Westen Angst und Schrecken verbreitete. Es suchte die Sumpfgebiete heim und wurde bald als Moorteufel bezeichnet.«

Ottilie kannte die Geschichte. Alba hatte ihr die Sage vom ersten Schattenschlinger und der Prinzessin erzählt, die ihn zur Strecke gebracht hatte. Interessant, dass Eminenz Edderfed dafür das Wort Mythos gebrauchte. Alba hatte darauf bestanden, dass sich die Geschichte in ihren Grundzügen tatsächlich ereignet hatte.

Jemand hatte Ottilies Ellbogen angestupst und geflüstert: »Das war Hauptmann Leiers Idee.«

Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Ramona Ritgrivvian war zu ihnen gestoßen. Sie hatte Blutspritzer auf der Wange und Matsch auf ihrer Augenklappe.

»Beinahe hätte ich es verpasst!«, murmelte Ramona. »Wir haben zwei Pferde verloren.« Ihr feuerrotes Haar hatte sich aus dem Zopf gelöst, und das Auge, das von keiner Klappe bedeckt wurde, blickte mitgenommen und ernst. »Ein Rudel Pikkaminer, das wie aus dem Nichts erschienen ist.«

Ottilie hatte das Bild der grauen spindeldürren Wesen mit ihren nadelspitzen Reißzähnen und den breiten Füßen vor Augen gehabt. Sie hatten sich bestimmt direkt auf die Beine der Pferde gestürzt und ihnen die Sehnen zerschlitzt, damit sie stürzten. Und dann waren sie ausgeschwärmt …

Erschauernd hatte sie diese Bilder verdrängt.

Wie aus dem Nichts, hatte Ramona gesagt. Hoffentlich war es nicht im Wortsinn gemeint und bedeutete, dass neue Schattenschlinger an die Oberfläche beschworen worden waren. Weitere Ungeheuer konnten sie wirklich nicht gebrauchen. Doch sie war nicht nur nervös, weil die Anzahl der Monster sich möglicherweise erhöht hatte, sondern weil es hieße, dass Whistler aktiv war und gegen sie operierte.

Die Knochensinger, die früher als Punktezähler und mystische Beschützer der Stützpunkte gedient hatten, waren in Wirklichkeit Anhänger von Whistler gewesen, die sie im Laufe der Jahre gerettet hatte. Sie hatte ihnen Macht verliehen, mit deren Hilfe sie Rituale über den Knochen der Schattenschlinger vollzogen hatten. Unter dem Vorwand, eine Wiederbelebung zu verhindern, hatten sie genau das in die Wege geleitet. Doch soweit Ottilie wusste, konnte nur Whistler allein Schattenschlinger aus der Tiefe heraufbeschwören.

Streifte Whistler nun erneut durch Narroway? Lauerte sie den Jagdleuten auf? Ottilie hatte sie in der Vergangenheit so oft dabei beobachtet, diese verhüllte Gestalt mit der Kapuze …

Sie glaubten, dass sie früher ein reiner Fiorn gewesen war, so wie Maeve – eine Hexe, die sich in einen Vogel verwandeln konnte. Doch unter dem Druck ihres Zorns und ihres Hasses hatte Whistler begonnen, Schattenschlinger ins Leben zu rufen und sie zu beherrschen. Daraufhin hatte sich ihre geflügelte Gestalt in ein Ungeheuer verwandelt, das jenen Wesen ähnlich sah, die sie als ihr Heer um sich versammelte. Die geballte Macht wollte sie gegen den König der Uskler, ihren Neffen Varrio Sol, einsetzen.

Ottilie hatte sich vorgestellt, dass Whistler aus ihrem Versteck zugeschaut hatte, wie die Pikkaminer die Pferde zu Boden gerissen hatten, und war blass geworden. »Und die Reiter?«

»Sie haben überlebt«, hatte Ramona geantwortet. »Aber es ist eine entsetzliche Sache, sein Reittier sterben zu sehen.«

Ottilie war von einer Woge von Phantompanik überflutet worden. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, ihre Wingerslinke Nox zu verlieren.

Weiter vorn hielt Eminenz Edderfed noch immer seine sonderbare, gestelzte Rede. »Die Sage berichtet von einem Wesen, das einem flügellosen Feuerdrachen ähnelte. Eine Kreatur mit Schuppen und Reißzähnen so lang wie Speere, die fünf Mal so groß war wie ein Pferd und blauen Feueratem ausstieß. Dieses Wesen konnte alle vernichten, die sich ihm entgegenstellten. Doch das Ungeheuer musste gar nicht zu diesen Waffen greifen, da alle, die in seine unmittelbare Nähe gerieten, von allein tot umfielen. Sie wussten es nicht, doch das Wesen war ein Schattenschlinger, der erste, der auf den Usklers-Inseln verzeichnet wurde. Keine Armee konnte ihn besiegen. Unsere Leute starben wie die Fliegen. Doch der Sage zufolge lockte die jüngste Königstochter namens Seika Sol die Kreatur über eine Klippe. Das Ungeheuer stürzte in einen Fluss und wurde ins Meer hinausgeschwemmt. Aus der Siegerin wurde Seika Teufelstöterin.« Seine Eminenz hatte kurz innegehalten und sich geräuspert. »Mit ihrem Bild werdet ihr ausgezeichnet und mit ihrem Namen werdet ihr geehrt.«

Er hatte nichts von der Ausstrahlung gehabt, die Hauptmann Leier verströmte. Kein Gewicht, kein Staunen in seiner Geschichte. Nur Fakten, die er präsentierte, als würde er sie selbst nicht glauben.

Ottilie war aufgefallen, dass die meisten Ranger eine steinerne Miene zur Schau trugen. Ranger Voilies hatte ein gemeines Grinsen in sein glänzendes Gesicht gemeißelt, während sich der ungepflegte einäugige Ranger Furdles zu ihm herüberbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Das Grinsen sog sich nach innen, als hätte Ranger Voilies einen Schluck Traubenkirschensaft getrunken. Ranger Kinney, der Hüter der Wingerslinks mit seinem Goldzahn, saß Eminenz Edderfed am nächsten, doch er sah betont in die andere Richtung über die Köpfe der Mädchen hinweg, während er mit dem Daumen gereizt auf die Peitsche in seinem Gürtel trommelte.

»Edderfed war dagegen, so ein ›Brimborium‹ zu machen«, hatte Ramona gesagt und war noch näher herangerückt. »Aber Hauptmann Leier hat eingewandt, die Mädchen würden sich so ausgeschlossen fühlen und hätten einen gewaltigen Trainingsrückstand aufzuholen, dass er ihnen etwas Besonderes zukommen lassen wollte, an dem sie sich festhalten konnten.«

»Warum sollte Eminenz Edderfed sich die Mühe machen, ihnen einen besonderen Namen zu verleihen?«, hatte Ottilie geflüstert. Es war ihr ein Rätsel, warum sie nach allem, was geschehen war, immer noch über die angemessene Stellung der Mädchen in Narroway diskutierten.

»Die Legende von Seika Teufelstöterin ist recht seltsam«, hatte Ramona gesagt. »In alten Zeiten wurde sie mit finsteren Gerüchten unterfüttert, bis die Königsfamilie die Sage unterdrückte. Doch es ist nicht leicht, eine Geschichte zu begraben, in der eine Prinzessin ein Ungeheuer besiegt. Sie wurde trotz der Verbote flüsternd von Generation zu Generation weitergegeben.«

»Was für finstere Gerüchte?«, hatte Ottilie gefragt.

»Es hatte etwas mit Hexen zu tun. Der Vorwurf der Hexerei hebt stets sein hässliches Gesicht, sobald ein Mädchen etwas Unerwartetes oder Ungewöhnliches tut.«

Angst war solch eine sonderbare Reaktion. Ottilie würde diese Art zu denken nie verstehen. Sie hatte den Blick nach vorn gerichtet. Die Mägdetruppe war Geschichte, von nun an gehörten sie Seikas Jagdorden an und sollten bald unter der Bezeichnung Teufelstöterinnen bekannt werden. Hinter Eminenz Edderfed rollte Ranger Morse einen Vorhang hoch und enthüllte eine Bronzeplakette an der Mauer, in die eine Ente eingraviert war.

Wo kamen all diese Enten her? In Hauptmann Leiers Gemächern hing ein Entengemälde und auch in den Brunnen in der Canyonhöhle war eine Ente eingemeißelt. In den Usklers markierte eine Ente die Falltür zu den Wikric-Tunneln. Und nun kam diese Plakette hinzu. Außerdem war die Ente in die Uniformen der neuesten Rekrutinnen von Fiory eingestickt.

Eminenz Edderfed hatte der Ente keinen Blick gegönnt, doch Ramona hatte gelächelt. Offenbar hatten sie diesen Einfall ebenfalls Hauptmann Leier zu verdanken.

»Die Ente ist Seika Sols Abzeichen«, hatte Ramona erklärt. »Nach ihrem Sieg über den Moorteufel wurden daraus die königlichen Insignien, die jahrhundertelang Geltung hatten. Doch Viago der Eroberer entschied sich stattdessen für die Streitaxt, als er zum König ernannt wurde.«

»Whistlers Vater?«, fragte Ottilie. König Viago der Eroberer war für die Plage der Schattenschlinger in den Laklands verantwortlich. Ein Jahrhundert zuvor, als das laklandische Heer den Usklern gegen das Wanderreich beigestanden hatte, wurde allseits feierlich geschworen, dass die alten Fehden begraben sein sollten. Die Uskler beteuerten, niemals wieder in die Laklands einzumarschieren.

Der verdammenswerte Verstoß gegen diesen Schwur und die daraus entstandenen Kriegsgräuel vergifteten das Land. Dieses Gift tränkte den Boden, beschwor Schattenschlinger herauf und besiegelte das Schicksal der Laklands, dieses verelendeten westlichen Königreichs.

Das Volk hatte den höchsten Preis für das Böse bezahlt, das ihm widerfahren war. Die überlebenden Laklander flüchteten in die Usklers. Einige siedelten sich friedlich dort an, andere waren auf Rache aus. Bis heute bezeichneten die Uskler die Laklander als Feinde. Ottilie vermutete den Grund dafür in einer Angst der Uskler, die Laklander könnten ihnen niemals vergeben. Wie sollten die Uskler jenen Menschen vertrauen, die sie selbst in der Vergangenheit derart hintergangen hatten?

»Du verpasst es«, hatte Leo gezischt.

Glänzten seine Augen wirklich oder bildete Ottilie sich das ein? Als sie grinsend den Kopf gehoben hatte, erlebte sie gerade noch rechtzeitig mit, wie Eminenz Edderfed Skip ihre Uniform überreichte. Nach sieben Jahren im Dienst der Jagd von Narroway gehörte Skip endlich dazu.

Und nun stand sie an diesem dunstigen Sommervormittag in ebendieser Uniform vor Ottilie und verzog besorgt das Gesicht. »Ich habe gerade mit Alba gesprochen«, sagte sie. »Sie hat mir von den Brandwunden auf Neds Arm erzählt.« Ihre Augen wurden schmal. »Wir müssen ihn im Auge behalten.«

Ottilie wurde nervös. Sie hatte Alba beim Frühstück gestanden, dass sie sich Sorgen um Ned machte, und ärgerte sich, dass Alba es brühwarm an Skip weitergegeben hatte. Obwohl es eigentlich kein Geheimnis war, fühlte sie sich von Skips Einstellung in die Defensive gedrängt. »Was willst du damit sagen?«

Skip schaute sich um und senkte die Stimme. »Na ja … das ist doch genau das Gleiche wie bei Gracie Moravec, oder etwa nicht?«

Das weckte Ottilies Beschützerinstinkt. »Nein, ist es nicht!« Sie erinnerte sich an Gracies Wylerbiss, der wie glühende Kohlen geleuchtet hatte, und stellte sich vor, ihre eigene Haut würde sich wölben, Blasen werfen und schließlich platzen. Ottilie ballte die Faust. »Das sind nur Brandwunden, und sie stammen nicht von einem Schattenschlinger. Mit Blutbiestern hat das nichts zu tun.«

Blutbiester waren eine neue, fürchterliche Bedrohung in Narroway und hatten sich zu Ottilies persönlichem Albtraum entwickelt. Whistler belohnte ihre Lieblingsanhänger mit einer Verbindung zu einem Schattenschlinger. Ottilies Schätzung zufolge waren mindestens drei von ihnen dort draußen auf freiem Fuß. Gracie war mit einem Wyler verbunden – der Biss war nur der Anfang gewesen. Das orangefarbene Fell des Wylers war weiß geworden und das Biest war gewachsen. Als Ottilie es zum letzten Mal gesehen hatte, war es so groß wie ein Pony gewesen. Mittlerweile war der weiße Wyler Gracies Blutbiest und Gracie konnte ihn nicht nur ihrer Kontrolle unterwerfen und durch seine Augen sehen, sondern hatte auf diese Weise alle Wyler im Griff. Unter ihrem Kommando waren die Wyler zu einem tödlichen Rudel verschweißt, hatten Scoots Mentor Bayo Amadory getötet und viele andere schwer verletzt.

»Wir wissen nicht, was sie Ned in den Höhlen angetan haben«, sagte Skip. »Wenn die Wunden nicht ordentlich verheilen … Alba meinte, es hätte dir gar nicht gefallen, wie Ned heute Morgen aussah. Weißt du noch, wie krank Gracie geworden ist?«

»Hör auf, Skip!«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Wieso habt ihr euch überhaupt schon so früh getroffen?«

»Er hat mir nur zum Geburtstag gratuliert.« Warum sich das jetzt wie eine Lüge anfühlte, wusste Ottilie selbst nicht.

Das stimmte Skip freundlicher. »Du hast Geburtstag!« Sie grinste und schlang die Arme um Ottilie. »Schlachte zur Feier des Tages ein paar Ungeheuer ab!«

»Das hätte von Leo sein können«, schnaubte Ottilie.

»Echt schade, dass keine Punkte mehr verteilt werden, seit die Knochensinger als Whistlers Verbündete entlarvt wurden. Es hätte echt Spaß gemacht, ihn zu schlagen.«

»Ihr seid in verschiedenen Stufen und wärt gar nicht gegeneinander angetreten«, sagte Ottilie. »Zumal Grünschnäbel die Hälfte ihrer Zeit im Training verbringen. Ihr bekommt nicht einmal annähernd so viel Zeit zum Jagen.«

»Schön, dass du mir die Jagd erklärst.« Skip grinste. »Wie in alten Zeiten, nur umgekehrt.« Sie lachte. »Ich muss los. Preddy liegt auf der Krankenstation, ich will nach ihm sehen.«

»Auf der Krankenstation – warum denn?«, stammelte Ottilie. So weit war es gekommen – man lachte kurz und glaubte, alles wäre normal, und dann löschte die Wirklichkeit die Sonne aus. »Was ist passiert?« Hatte Preddy sich auf der Jagd verletzt?

Bis auf die Jagdleute der vierten Stufe, die ein Jahr von ihrer Mentorenarbeit pausieren durften, war die erste Garde bereits mit den neuen Grünschnäbeln zu Zweierpaaren ernannt worden. Deshalb hatte das Direktorat die Teufelstöterinnen auf eine möglichst passende Weise mit Jagdleuten der zweiten Stufe zusammengebracht.

Nach einer Begutachtung ihrer Fähigkeiten war Skip, die seit ihrem ersten Jahr in Fiory heimlich Reitunterricht von Ramona erhalten hatte, der Reiterstaffel zugeteilt worden. Preddy war nun ihr Mentor. Obwohl Skip gerne mit ihm zusammenarbeitete, beklagte sie sich, es sei eine gemeine Beleidigung, den Jagdleuten der vierten Stufe ein Jahr freizugeben und die Mädchen den weit weniger erfahrenen aus der zweiten Stufe zuzuteilen. Dem konnte Ottilie nur zustimmen.

Gullys Partnerin war Fawn Mogue, die sich damals als eine der ersten der Mägdetruppe angeschlossen hatte. Wie sich herausstellte, war sie ein Naturtalent im Umgang mit dem Buschmesser. Aus unerfindlichen Gründen war Ottilie kein Grünschnabel zugeteilt worden. Sie vermutete, dass man ihr nicht zutraute, eine gute Lehrerin zu sein. Es war ihr aber relativ egal, denn sie musste sich immer noch daran gewöhnen, mit Nox allein zu fliegen. Preddy war geritten, seit er laufen konnte, und deshalb als Mentor sehr viel besser geeignet. Dennoch war auch er verwundbar …

»Preddy hat nur einen Kratzer«, sagte Skip. »Er musste kurz verarztet werden.«

Ottilie atmete aus. »Ich bin spät dran.«

Leo konnte Unpünktlichkeit nicht ausstehen, und sie wollte nicht, dass er allein rausging.

4

IMAGE Der Philoholzbaum IMAGE

Die beiden Wingerslinks sausten tief über einem mit Krippygras bewachsenen Talkessel dahin und kämpften sich durch einen Stingerschwarm. Als von hinten ein kehliges Knurren zu hören war, lehnte Leo sich in Maestros Sattel nach hinten und schoss einem mit Schwertzähnen bewehrten Olligog einen Pfeil in den weit aufgerissenen Schlund.

Das schwerfällige Ungeheuer geriet ins Taumeln und zerwälzte sich in matschigen Spritzern. In den bläulichen Bauchschuppen spiegelte sich der mittägliche Himmel, bevor sie im Gras versanken.

Für Ottilie ging es bei der Jagd mittlerweile um mehr als nur Ungeheuer. Sie war permanent abgelenkt und suchte einerseits nach Schattenschlingern und andererseits nach Zeichen, nach irgendeiner Spur, die sie zu Bill führen könnte. Doch sie fand nichts. Jeden Tag aufs Neue – nichts.

Heute führte die Jagd sie nach Norden in den Welkenden Wald. Ottilie würde ihren ersten Besuch in diesem vermodernden Gebiet niemals vergessen. Nichts von all dem, was sie gesehen und erlebt hatte, machte ihr mehr Angst als diese welkende Krankheit. Und sie breitete sich aus. Während sie über Wälder hinwegflogen, die noch vor wenigen Wochen geatmet und gestrahlt hatten, schnürte es ihr die Brust zu. Schwärze leckte an den Baumstämmen, wand sich wie Krallen um die Äste und erstickte die Bäume, bis ihre Blätter matt herabhingen und tropften wie Stalaktiten.

»Da unten bewegt sich etwas«, sagte Leo.

In Ottilies Tasche brummte es – die Halskette mit dem Knochensplitter eines Schattenschlingers, die Bonnie ihr vor vielen Wochen gegeben hatte.

Ottilie hatte die Knochensingerin im Bau besucht und angefleht, ihr zu verraten, wie sie Scoot heilen konnte. Obwohl Bonnie ihr nicht helfen konnte, hatte sie Ottilie die Kette gegeben, die Whistler all ihren Knochensingern geschenkt hatte. Sie verlieh ihnen ein wenig Magie und schützte sie gegen Angriffe von Schattenschlingern.

Seitdem hatte Ottilie die Kette mit sich herumgetragen. Warum, war ihr selbst nicht ganz klar – vielleicht als Ermahnung, dass Whistler noch frei herumlief. Doch sie hatte noch nie auf diese Weise vibriert. Es war unheimlich.

Nox spannte die Muskeln an. Ottilie nahm ihren Bogen und stupste sie an, ein wenig tiefer zu gehen, doch die Wingerslinke schlingerte rückwärts und verweigerte den Gehorsam.

Weiter unten knurrte Leo: »Sieh zu, dass du sie in den Griff bekommst, Ott! So etwas sollte sie nicht mehr machen!«

Obwohl Ottilie härter zustieß, kreiste Nox nur noch weiter in die Höhe. »Sie will einfach nicht!« Das konnte sie dem Tier nicht einmal verübeln. Der modernde Gestank war widerwärtig, sie bekam selbst kaum noch Luft.

Leo hob entnervt die Hände. Dann, nachdem er Ottilie angewiesen hatte zu warten, ging er mit Maestro tiefer. Das gefiel ihr gar nicht. Er sollte das nicht im Alleingang tun. Nox gefiel es sogar noch weniger. Sie fauchte, schlug mit den Flügeln und schaukelte hin und her.

»Was hast du denn?« Nox schleuderte Ottilie dermaßen umher, dass sie keinen guten Blick mehr durch das Blätterdach werfen konnte. Plötzlich blitzte unten etwas auf und Ottilies Herz setzte einen Schlag aus.

»Runter«, knurrte sie. Sie hatte nur noch Whistler im Sinn und dieses unfassbare schwarze Licht, das zu sehen war, wenn sie sich in ihre geflügelte Gestalt verwandelte.

Sie hatte damit gerechnet. Jeder wusste, dass Whistler nicht lange in ihrem Versteck ausharren würde.

Nox verstand sie. Leo war dort unten und sie mussten zu ihm. Die Wingerslinke schraubte sich in Kreisen weiter hinunter, sodass Ottilie sehen konnte, was dort unten geschah. Je weiter sie abstiegen, umso wärmer wurde es. Der Gestank, der in ihre Lungen drang, fühlte sich an, als würde ihr Gewalt angetan. Hustend riss sie sich zusammen.

Leo und Maestro waren auf einer abgestorbenen Lichtung in der Nähe der dunkelsten Stelle im Welkenden Wald gelandet. Sie waren weder in Gefahr noch war etwas Bedrohliches in Sicht. Leo, der nicht abgestiegen war, hatte einen Pfeil angelegt und fixierte etwas an dem breiten, noch immer senkrecht stehenden Baum, der bereits abgestorben war.

Der Baum sah aus wie die Hülle einer Spinne. Die übrig gebliebenen Äste hingen wie gezackte Arme zu Boden und schufen einen Käfig für den ausgehöhlten Stamm.

Im Kern dieses uralten Gerippes geschah etwas. Es knackte, als würden Knochen brechen, dann zuckte erneut ein Blitz. Es rauschte in der Luft, es pfiff wie Wind durch Ritzen im Gestein.

Als Nox neben Maestro landete und die heiße Luft ihr ins Gesicht schlug, wurde Ottilie von einem vertrauten Brechreiz ergriffen. Die Jagdleute hatten trainiert, die Schattenschlingerübelkeit abzuwehren, die jeden tötete, der ihr zu lange ausgesetzt war. Doch Ottilie hatte von Anfang an Probleme damit gehabt, selbst wenn sie den Abwehrring trug, den sie als Grünschnabel bekommen hatte. In diesen Ring war wie in die aller anderen ein Vers aus dem Blitzlied eingraviert. Gully hatte diesen alten Reim früher oft gesungen. Schläferin kommt keinen holenFür deine Taten zahlen