Buch
Ein brutaler Serienkiller terrorisiert London, und die Polizei steht vor einem Rätsel. Er mordet scheinbar wahllos, sein Motiv ist rätselhaft, und er hinterlässt außer einem Schlangensymbol keine Hinweise am Tatort. Scotland Yard fordert Unterstützung an. Charlie Priest, ein ehemaliges Mitglied der Mordkommission und erfolgreicher Anwalt, erkennt bald, dass die Morde mit dem Rechtsstreit um eine Schriftrolle von angeblich biblischem Alter zusammenhängen. Und deren Besitzer ist bereit, ihr Geheimnis um jeden Preis zu wahren – wenn es sein muss, bis in den Tod. Doch damit nicht genug: Als weitere Leichen gefunden werden, wird klar, dass die Taten eines wahnsinnigen Fanatikers dahinterstecken, der vor nichts zurückschreckt, um seine Mission zu erfüllen …
Autor
James Hazel war als Anwalt im Bereich Unternehmens- und Arbeitsrecht tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Er interessiert sich für Kriminologie, liebt Krimis und Thriller, Indiemusik und alles, was retro ist. James Hazel lebt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Lincolnshire, England.
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JAMES HAZEL
DIE SCHLANGE
Das Böse hat überlebt
THRILLER
Aus dem Englischen
von Kristof Kurz

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »False Prophet (Charlie Priest 3)« bei Bonnier Zaffre, London.
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Copyright © der Originalausgabe 2019 by James Hazel
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021 by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Catherine Beck
Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de
JB · Herstellung: sam
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-26591-5
V001
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Für Oliver
Verfolge deine Träume –
bis zum Ende der Welt, wenn es sein muss
»Es gibt keine Sünde,
und mag sie auch noch so groß sein,
die Gott nicht vergibt.«
Letzte Worte des Massenmörders Gilles de Rais vor seiner Hinrichtung im Jahre 1440
Prolog
Die Schlange und der Junge
Es war einmal ein Engel namens Samyaza. Er war der Anführer einer Gruppe von Engeln, die als Wächter bekannt waren und vom Himmel herabstiegen, um sich unter die Menschen zu mischen.
Es heißt, dass Samyaza am Anfang die Gestalt einer Schlange annahm: einer Viper, angeblich das listigste unter Gottes Geschöpfen. In dieser Gestalt verführte Samyaza Eva im Garten Eden dazu, von der verbotenen Frucht zu essen, indem er sie glauben machte, dadurch ebenfalls göttliche Macht zu erhalten.
Prometheus stahl das Feuer und gab es den Menschen, worüber Zeus in große Wut geriet, wusste er doch, dass die Menschen keine Götter mehr brauchten, wenn sie erst Feuer besaßen. Und der Gott der Christen war ebenso wütend über Samyazas List. Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben, doch die eigentliche Strafe der Menschheit bestand darin, zukünftig mit der Bürde des Wissens um Gut und Böse leben zu müssen.
Samyaza sah von oben herab zu, wie Gott die Menschen bestrafte. In den himmlischen Gefilden waren sie nicht mehr willkommen. Ärger, Wut und Begierde stiegen in ihm auf – und noch etwas anderes: der Hass auf Gott und das brennende Verlangen nach Rache.
Eines Tages spürte Samyaza eine kalte Hand auf seiner Schulter. In seiner Wut wollte er die Hand abschütteln, sie zerschmettern und zerreißen. Doch als er sich umdrehte, blickte er in die kühlen, unnachgiebigen Augen der einzigen Kreatur, die noch Macht über ihn hatte: Satan. Und Satan flüsterte einen teuflischen Plan in das Ohr des von Mordlust erfüllten Samyaza.
Ein paar Stunden später unterbreitete Samyaza – in Einklang mit Satans Plänen – seinen Anhängern, den einhundertneunundneunzig anderen Wächtern, den Vorschlag, sich häuslich auf der Erde niederzulassen und sich Frauen unter den dort lebenden Menschen zu nehmen. Es war ein gefährliches Unterfangen, das den Zorn Gottes auf sich ziehen würde. Samyaza erklärte sich bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen, falls sie entdeckt würden. Die einhundertneunundneunzig jedoch kamen überein, niemals zuzulassen, dass sich ihr Anführer für sie opferte.
Und so wurde ein Bund geschlossen. Jeder Wächter verpflichtete sich und seine Nachkommen auf Samyaza. Gemeinsam stiegen sie zur Erde herab. Einige nannten sie gefallene Engel, andere Dämonen. Jeder nahm sich eine Menschenfrau zum Weib, und sie vermehrten sich. Ihre Nachkommen – Mischwesen aus Dämon und Mensch – wurden als Riesen bezeichnet.
Die Riesen waren eine Blasphemie; die bösartigsten Kreaturen, die je auf Erden gewandelt waren, Ergebnis einer in jeder Hinsicht verbotenen Verbindung. Gottes Schöpfung war besudelt, verdorben, zerstört. Als die Riesen in der Überzahl waren, wandten sie sich gegen ihre reinblütigen Vettern und zeigten ihr wahres Gesicht, indem sie sie einfach verschlangen.
Hämisch beobachtete Satan von seinem dämonischen Schloss in den Wolken aus das chaotische Treiben. Jeder Mensch, der starb, festigte seine Herrschaft. Er kannte die Prophezeiung aus der Bibel: Nur ein Mensch konnte ihn stürzen, und wenn keine Menschen mehr übrig waren …
Gott übte Vergeltung und schickte eine Flut, die die Erde bedeckte und alle Lebewesen und auch das blasphemische Dämonengezücht ertränkte. Damit die Menschheit nicht ausstarb, rettete er den frommen Noah und seine Familie, die Reinsten der Reinen, deren Blut noch nicht von den Dämonen befleckt war. Die letzte Hoffnung der Erde.
Doch Satan gab sich nicht geschlagen.
Janus war der Sohn eines Bauern aus Mesopotamien, dem heutigen Irak. Er pflügte die Ölsaatfelder und hütete das Vieh, das auf dem trockenen Boden weidete, arbeitete ehrlich und schwer und wäre wohl längst in Vergessenheit geraten.
Doch das Schicksal wollte es anders. Sein Vater schickte Janus auf die Suche nach einem verlorenen Schaf. Janus irrte zwei Tage lang durch die unbarmherzige Wüste, bis er zu hungrig und zu durstig war, um die Suche fortzusetzen. Da stolperte er und fiel hin, und ein heftiger Schmerz fuhr ihm ins Bein. Er blickte auf: Eine Schlange, mit Schuppen so blutrot wie ein arabischer Sonnenuntergang, hatte ihn gebissen. Es war dieselbe Schlange, die sich so anmutig um den Baum der Erkenntnis gewunden und Eva zur Sünde verführt hatte. Es war der hinterlistige Samyaza, der Widersacher Gottes.
Der verängstigte Janus wollte mit seinem Hirtenstab danach schlagen, als die Schlange – genau wie damals im Garten Eden – die Stimme erhob und ihn vor der bevorstehenden Flut warnte. Für seine Eltern gebe es keine Hoffnung, sagte die Schlange, doch Janus selbst überlebte womöglich, wenn er sich als blinder Passagier in die Arche einschmuggele, die Noah baute und die noch kaum mehr war als ein riesiges Holzskelett, das aus der Wüste aufragte.
Dann kroch die Schlange davon, und auf dem Grund, auf dem sie glitt, wuchsen Feldfrüchte und floss Wasser. Janus, der einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen wollte, machte sich auf die Suche nach der Arche. Sobald er sie fand, gab er sich als Arbeiter aus. Doch während jene Männer, die nichts von ihrem eigenen Untergang ahnten, Noahs Anweisungen befolgten, baute sich Janus einen kleinen Geheimraum unter Deck, in dem er sich versteckte, bis die Arche fertig war.
Dort blieb er auch, als der Regen einsetzte und der Wind die Arche vierzig Tage und Nächte über die Wellen trieb, bis schließlich auch die höchsten Berge im schwarzen Wasser versanken und alles Leben auf der Erde vernichtet wurde – bis auf Noah, seine Familie, die Tiere auf der Arche und den blinden Passagier.
Als sich die Wolken teilten und der Regen nachließ, nutzte Janus die Gelegenheit und stahl sich davon – und mit ihm das dämonische Erbe in seinem Blut.
Satan hoch über ihm lächelte. Sein Plan war aufgegangen. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis Janus seine dämonische Saat in die Welt trug und das nächste Zeitalter der Dämonen anbrach.
1
Montag
Emma erwachte in den frühen Morgenstunden mit einem pochenden Schädel und Schmerzen in der linken Körperhälfte, die beim Einschlafen noch nicht da gewesen waren. Anscheinend hatte sie die Jalousie des Dachfensters nicht heruntergelassen, da Mondlicht den Raum erfüllte. Einen Moment lang lag sie mit offenen Augen still da. Es war unerträglich heiß; die Klimaanlage gab keinen Laut von sich, obwohl sie sich sicher war, dass sie sie gestern noch auf Automatikbetrieb gestellt hatte. Womöglich war sie ja von der Hitze aufgewacht.
Ihr ungeliebter Morgenmantel hing über einem Stuhl in der Ecke. Auf dem blassblauen Stoff schlängelten sich zwei hässliche Rosen aneinander hoch, die wenig elegant in Blüten direkt unter ihren Brüsten endeten. Harry hatte ihn ihr letztes Jahr geschenkt. Sie war jetzt seit zwei Jahren mit Harry zusammen, was einen neuen Rekord darstellte, doch mit dreiunddreißig war sie zu alt, um »mit jemandem zu gehen« … als ihren Lebenspartner wollte sie ihn aber auch nicht bezeichnen. Sie hatte große Angst, dass er ihr bald einen Antrag machen könnte. Gott sei Dank war er aus beruflichen Gründen viel auf Reisen.
Emma schloss die Augen. Die Schmerzen in ihrer Seite ließen allmählich nach – anscheinend hatte sie sich nur verlegen. Sie hätte gern die Klimaanlage eingeschaltet, doch wenn sie erst mal aufstand, würde sie bestimmt nicht mehr einschlafen können. Sie drehte sich um. Der Vollmond schien durch das Oberlicht. Sie nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen mit Harry per SMS Schluss zu machen und den beschissenen Morgenmantel zu verbrennen.
Da hörte sie ein Geräusch. Sie riss die Augen auf. Von unten war definitiv ein Poltern gekommen. Einen Moment lang hielt sie den Atem an. Hatte sie es sich etwa nur eingebildet?
Da hörte sie es wieder. Wie ein schwerer Gegenstand, der aus einem Regal und zu Boden fiel.
Emma lebte seit ihrem sechzehnten Lebensjahr allein und war daran gewöhnt. Harry blieb nie länger als ein paar Tage am Stück, bevor er sich wieder auf die nächste Tagung verdrückte. Aber machte ihr das etwas aus? Eher nicht. Sie lebte gern allein; so musste sie keine Kompromisse eingehen und sich nicht auf die Gewohnheiten und Rituale anderer Menschen einstellen. Geräusche mitten in der Nacht dagegen gefielen ihr gar nicht.
Bumm. Noch lauter diesmal.
Emmas Herz schlug schneller. Das Laken war klamm, die Hitze plötzlich unerträglich. Was zum Teufel war das? Ihre Wohnung bestand aus zwei Zimmern auf einem Zwischengeschoss sowie Küche, Bad und Arbeitszimmer in der Etage darunter. Das Geräusch war also zwangsläufig aus ihren vier Wänden gekommen.
Sie fluchte leise. Jetzt war sie hellwach. Ob jemand …? Nein, sie konnte diesen Gedanken unmöglich zu Ende denken. Das war lächerlich. Sie war wie immer allein. Niemand konnte den Wohnblock und schon gar nicht ihr Apartment ohne Schlüssel betreten. Sie schloss die Augen. Wenn das Geräusch noch einmal erklang, würde sie aufstehen und nachsehen; wenn nicht, war es wahrscheinlich nur der Boiler gewesen, der ab und zu seine Macken hatte.
Ein Augenblick verging, länger als vorher. Ihr schwirrte der Kopf.
Dann: Bumm.
Emma schlug das Laken zurück, sprang auf und stand einige Sekunden lang schwankend da. Ihr war schwindlig und übel, Unruhe machte sich in ihr breit. Sie zog den Morgenmantel fester um sich und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Was, wenn wirklich jemand in der Wohnung war? Was, wenn gerade mehrere Einbrecher dabei waren, ihre Elektrogeräte aus dem Haus zu tragen? Wäre es dann nicht besser, hier oben zu bleiben?
Sie verdrängte den Gedanken und warf einen Blick über das Glasgeländer. Das Wohnzimmer war von demselben gespenstischen Mondlicht erfüllt wie das Schlafzimmer, doch sonst schien es unverändert. Da war es wieder: Bumm.
Emma ging langsam die Treppe hinunter, die in einem Bogen am Rand des großen Zimmers entlangführte. Die Wand war mit Emmas preisgekrönten Arbeiten vollgehängt. Die Farb-, Sepia- und Schwarz-Weiß-Fotografien zeigten eine Elefantenherde, die vor dem Savannensonnenuntergang im knietiefen Wasser stand; höchstens zehnjährige Kinder, die sich um einen UN-Konvoi scharten und aufgeregt die Ankunft eines Panzers bejubelten; eine weinende Frau, die zu Füßen einer zusammenfallenden Ruine an ihrer blutgetränkten Kleidung zupfte. Emma hatte ein Talent dafür, die Seele eines leidenden Menschen mit der Linse ihrer Kamera zu erfassen. Beim Gedanken daran wuchs ihre Entschlossenheit: Sie hatte Krisengebiete überlebt, da würde sie sich in ihrer eigenen Wohnung keine Angst machen lassen.
Doch als das Geräusch ein weiteres Mal ertönte, zuckte sie dennoch unwillkürlich zusammen und rannte die Treppe hinunter.
Im Wohnzimmer war alles ruhig. Sie öffnete die Doppeltür zur Küche, die sich direkt unter dem Schlafzimmer befand, und tastete nach den Schaltern an der Wand. Sofort warfen die in die Decke montierten LED-Spots ihr sanftes blaues Licht in den Raum. An der gegenüberliegenden Wand stand ein schwarz glänzender, topmoderner Herd, davor befand sich eine ebenso glänzende weiße Kücheninsel. Bis auf das leise Summen des riesigen amerikanischen Kühlschranks war nichts zu hören. Die Anzeigen der vielen Apparate glühten wie grüne Katzenaugen. Alles war makellos sauber.
Sie ließ das Licht an und warf einen Blick ins Badezimmer. Dort war alles unverändert, genau wie im Arbeitszimmer. Schließlich sah sie sich noch im Wohnzimmer um. An der weiß getünchten Wand auf einer Seite, die sich über die beiden Stockwerke erstreckte, hingen abstrakte Gemälde. Der Raum selbst war spärlich mit einigen extravagant geformten Stühlen und einer zwischen zwei Metallhalterungen in der Ecke angebrachten Hängematte möbliert. Den Blickfang stellten allerdings die drei hohen, schwarzgerahmten Fenster zu Emmas Linken dar. Hier, im fünfundzwanzigsten Stock, wirkte es, als würde ihr London zu Füßen liegen, ausgebreitet wie eine Decke.
Alles war in bester Ordnung, alles war an seinem Platz, und außer ihr war niemand hier. Emma spürte, wie sich ihr Körper entspannte. Sie atmete ruhiger, und die Unruhe wich der Verärgerung darüber, wertvolle Stunden der Ruhe verloren zu haben.
Sie schaltete das Licht wieder aus, kehrte ins Schlafzimmer zurück, zog den Morgenmantel aus und warf ihn in die Ecke. Er hatte es noch nicht einmal verdient, über dem Stuhl zu hängen. Sie ließ sich wieder ins Bett fallen und zog die Decke über ihren nackten Körper.
Dann schloss sie die Augen.
Im Geiste formulierte sie schon die SMS, die sie Harry schreiben würde. Doch weit kam sie nicht.
Viel zu spät begriff sie, dass sie die Geräusche nach unten hatten locken sollen, damit derjenige, der in ihre Wohnung eingedrungen war, Zeit gehabt hatte, sich im Schlafzimmer zu verstecken.
Emma wollte schreien, aber schon legten sich zwei kräftige Hände auf ihren Mund. Ein Mann setzte sich mit seinem erdrückenden Gewicht auf ihre Brust und klemmte ihre Oberarme mit den Knien ein. Sie trat um sich und zappelte, doch er war viel zu stark.
Das Letzte, was sie sah, war der Mond hinter dem Oberlicht, dessen blasser Schimmer den wolkenlosen Himmel erfüllte. Dann wurde ihr ganz leicht zumute, als der Eindringling einen Hammer nahm und mit einem einzigen tödlichen Schlag einen zwanzig Zentimeter langen Nagel in ihren Schädel trieb.
2
Dienstag
An der Ecke Walnut Avenue stand ein heruntergekommenes, von einem schwarzen Geländer umgebenes gregorianisches Townhouse aus grauem Backstein mit Schiebefenstern, von denen der Lack abblätterte. Es verfügte insgesamt über fünf Stockwerke, wenn man das Souterrain und die Mansardenwohnung hinter den drei Erkerfenstern über dem vorspringenden Dach mitzählte.
Zwei Autos waren in einiger Entfernung auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt. Vom ersten Wagen aus – einem blauen Mercedes – beobachteten zwei Personen das Haus. Sasha Merriweather, Partnerin der Anwaltskanzlei Merriweather, Stevens and Shuttler, saß hinter dem Steuer. Henrik Vose, der Bevollmächtigte ihrer Klientin, befand sich neben ihr auf dem Beifahrersitz. Nervös fummelte er an seiner Krawatte herum und sah immer wieder auf seine teure Uhr.
»Er ist spät dran«, sagte Henrik.
»Kein Grund zur Panik. Er kommt schon noch.«
Henrik zog den Rückspiegel zu sich und beobachtete den hinter ihnen geparkten Van, in dem drei Männer und eine Frau saßen. Henrik kannte ihre Namen, sonst wusste er praktisch nichts über sie. Sashas Kanzlei hatte sie für höchstwahrscheinlich astronomische Summen engagiert. Gottlob waren die Heckscheiben des Vans getönt; besagte Personen hätten durch ihr Aussehen sonst wohl leicht Verdacht erregt.
»Der Beschluss sollte um Punkt neun Uhr dreißig ausgeführt werden.« Henrik rutschte auf seinem Sitz herum. »Das war vor fünf Minuten.«
»Er kommt schon noch«, wiederholte Sasha.
Henrik konnte seine Frustration kaum verbergen. Mit Sashas schroffer Art konnte er inzwischen einigermaßen umgehen, doch die Unpünktlichkeit des ausführenden Anwalts brachte ihn allmählich zur Weißglut. Er seufzte tief und wünschte, er wäre wieder zu Hause. In Deutschland hätte es wohl niemand gewagt, sich derartig zu verspäten.
»Sind Sie sich sicher, dass diese Person keine wie auch immer geartete Verbindung zu Professor Owen hat?«, fragte Henrik.
»Er hat zu niemandem, der in diesen Fall verwickelt ist, eine Verbindung, Henrik. Und hören Sie mit der Zappelei auf. Mir ist schon ganz heiß.«
»Das liegt nicht an mir, sondern an der Sonne.«
Da hatte er recht. Seit Sasha den Motor ausgestellt hatte, war die Temperatur im Wagen ständig gestiegen. Obwohl es noch früh am Tag war, brannte die Sonne auf die Stadt herunter. Dem Nachrichtensprecher zufolge handelte es sich um die schlimmste Hitzewelle seit 2003. Henrik hatte das Jackett ausgezogen und die Krawatte gelockert, aber dieser Tage schleppte er viel zu viel überflüssiges Bauchfett mit sich herum. Schon hatten sich Schweißflecken in seinen Achselhöhlen gebildet.
»Ich brauche Luft«, murmelte er.
Sasha schaltete die Zündung ein, und Henrik ließ das Fenster herunter. So verschaffte ihm die – wenn auch ungewöhnlich heiße – Brise etwas Erleichterung.
»Ich rufe ihn an«, sagte Sasha und nahm das Handy aus einem Fach in der Mittelkonsole. »Ich habe seine Nummer gespeichert.«
Henrik sah sie an, während sie durch ihre Kontaktliste scrollte. »Er weiß doch, was er tut, nicht wahr?«
Sie hielt inne. »Er hat schon viele Durchsuchungsbeschlüsse überwacht«, sagte sie. »Er kennt sich aus.«
»Was fährt er für einen Wagen? Ein Auto verrät üblicherweise viel über seinen Besitzer.«
»Einen klapprigen alten Volvo.«
Henrik pfiff durch die Zähne. »Großartig! Wahrscheinlich ist er irgendwo liegen geblieben.«
Er rutschte wieder auf dem Sitz herum und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Hose war bereits völlig durchnässt. Ob er um eine Gehaltserhöhung bitten sollte? Immerhin hatten sie jetzt einen neuen Investor. Nein, das konnte er sich abschminken. Vor sechs Jahren hatte er in einer Regionalzeitung eine Stellenanzeige für einen Buchhalter und persönlichen Assistenten gesehen, seitdem arbeitete er für die öffentlichkeitsscheue Elisha Capindale. Davor war er beinahe zehn Jahre für die Deutsche Bank tätig gewesen und schließlich nach London versetzt worden, wo er zwar irgendwie die Finanzkrise von 2007 überlebt hatte, dann jedoch entlassen worden war, als die Bank im Zuge des Brexit ihre Geschäfte zurück nach Deutschland verlagert hatte. Enttäuscht war er in England geblieben und nach Ely gezogen, wo er nun in einem Nebengebäude von Elishas Anwesen wohnte – die Dienstwohnung war der Hauptgrund gewesen, weshalb er den Job überhaupt angenommen hatte.
Henrik kicherte in sich hinein. Anwesen. Bruchbude traf es wohl eher. Ihm wäre es lieber gewesen, Elisha würde das Geld des neuen Investors in den Unterhalt seiner heruntergekommenen Wohnung (der Boiler funktionierte schon seit letztem Jahr nicht mehr richtig) stecken als in teure Anwälte.
Doch das Buch hatte Vorrang. Dafür hatte er Verständnis, auch wenn es ihm nicht gefiel.
»Wo bleibt er denn?«, grunzte er entnervt. »Wenn Owen Verdacht schöpft, bevor er ihm den Beschluss überbringt, wird er das Buch zerstören.«
»Herrgott noch mal, Henrik, nun machen Sie sich mal locker. Ein unabhängiger Anwalt, der zur Beaufsichtigung eines Durchsuchungsbeschlusses engagiert wird, zeichnet sich durch Erfahrung und Diskretion aus. Er wird nicht einfach hier reinplatzen und …«
Sasha wurde vom Heulen eines hochgezüchteten Motors unterbrochen. Ein Auto hielt direkt vor Owens Tür auf der anderen Straßenseite. Henrik streckte den Hals, um besser sehen zu können. Der Fahrer war Anfang vierzig und hatte dunkles Haar, mehr konnte er nicht erkennen.
»Das ist er«, sagte Sasha und stieg aus.
»Was?«, fragte Henrik bestürzt. »Das nennen Sie Diskretion?« Schnell kletterte er aus dem Auto und stellte sich zu Sasha auf den Bürgersteig.
Der Aston Martin Rapide S schimmerte im hellen Sonnenlicht wie eine Luftspiegelung. Der dunkelrote Lack war so blitzsauber, als käme der Wagen direkt aus dem Autosalon. Der Motor gab noch ein letztes gefährliches Knurren von sich und erstarb.
Henrik atmete schwer. Er ließ den Blick über die Fenster im Obergeschoss schweifen. Die Vorhänge waren zugezogen. Wäre jemand zu Hause, dann hätte derjenige doch sicher nachgesehen, was das für ein Höllenlärm gewesen war? Er widerstand der Versuchung, über die Straße zu rennen und dem Fahrer eine zu verpassen. Owen darf auf keinen Fall Gelegenheit bekommen, das Buch zu vernichten.
Ein großer Mann mit breiten Schultern stieg aus dem Wagen und knallte die Tür zu. Er trug ein weißes Hemd und Weste, aber weder Jackett noch Krawatte, und hatte einen Aktendeckel in der Hand. Als er Henrik und Sasha erblickte, lief er über die Straße auf sie zu. Dabei sah er auf die Uhr. Je näher er kam, desto kürzer wurde Henriks Geduldsfaden. Der Mann sah nicht wie ein Anwalt aus. Eher wie ein Kunstsammler.
»Das ist kein beschissener Volvo«, knurrte Henrik leise. Dann hatte der Mann sie erreicht, und Sasha hielt ihm lächelnd die Hand hin.
»Sie sind sicher Charlie Priest.«
»Stimmt genau.« Priest nickte. »Und Sie sind zweifellos Sasha Merriweather. Und Sie …« Priest wandte sich Henrik zu, der ihn wütend anfunkelte und dann zögerlich seine Hand schüttelte. Priest drückte so fest zu, dass Henrik das Gesicht verzog.
»Henrik Vose. Ich gehöre zu Elisha Capindales engsten Beratern. Bedauerlicherweise haben Sie bisher keinen guten Eindruck gemacht, Mr. Priest. Diese Angelegenheit ist für Miss Capindale von außerordentlicher Wichtigkeit, daher …«
»Verstehe«, fiel ihm Priest ins Wort und sah an ihm vorbei. »Wo ist Miss Capindale denn?«
Henrik spitzte die Lippen. Anscheinend hatte Priest die vier Leute im Van bemerkt. Sie hatten die Anweisung, das Fahrzeug nicht zu verlassen, bis sie den Befehl zur Hausdurchsuchung erhielten. Henrik betrachtete Priests markantes, aber unrasiertes Kinn und das verknitterte Hemd. Nicht besonders professionell, dachte er.
»Miss Capindale hat anderweitig zu tun«, sagte Henrik kühl. »Ich bin ihr Bevollmächtigter.«
Die Lüge kam ihm leicht über die Lippen; dieses Täuschungsmanöver war Routine. Elisha Capindale litt unter einer Krankheit, die es ihr nicht erlaubte, das Haus zu verlassen. Sie war zwar nicht auf Pflege im herkömmlichen Sinne angewiesen, dennoch fungierte Henrik als ihr Vertreter in allen Angelegenheiten, die eine persönliche Anwesenheit vonnöten machten. Dies alles hätte er Priest natürlich erklären können, doch er verzichtete darauf. Elisha war sehr darauf bedacht, dass über ihre Krankheit Stillschweigen bewahrt wurde.
»Aha«, sagte Priest. »Wenn sie sich nicht persönlich herbemüht hat, kann es ja nicht so wichtig sein, oder?«
Henrik öffnete den Mund, doch Sasha kam ihm zuvor. »Haben Sie die Unterlagen?«, fragte sie Priest.
Er tippte grinsend auf die Akte, die er unter dem Arm trug. »Hier. Ist schon eine Weile her, seit ich den letzten Durchsuchungsbefehl beaufsichtigt habe. Glückwunsch übrigens, dass Sie einen Richter gefunden haben, der Ihnen einen ausgestellt hat. So etwas ist selten – wahrscheinlich, weil die Durchführung so kompliziert ist.«
»Das nennt sich Durchsuchungsbeschluss«, sagte Sasha. »Und zwar schon seit 1998.«
»Ach was! Also, Mr. Vose.« Der Angesprochene rümpfte verächtlich die Nase. Für wen hielt sich dieser Clown eigentlich? »Das Gericht hat mich als unabhängigen Anwalt zur Beaufsichtigung Ihres Durchsuchungsbeschlusses bestellt. Ich werde weder ein Urteil sprechen noch mich auf eine Seite schlagen, sondern lediglich dafür sorgen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. So weit verstanden?«
»Von mir aus«, sagte Henrik gereizt. »In dem Fahrzeug hinter uns sitzen vier Angestellte von Miss Capindale. Sie werden die Durchsuchung durchführen, eventuelle Beweismittel sichern und sie …«
»Das glaube ich nicht«, sagte Priest. »Der Beschluss erlaubt nur dem Anwalt des Klägers zusammen mit dem Kläger oder einem Bevollmächtigten Zutritt.«
»Ja, wie gesagt, diese Personen …«
»Plural, Mr. Vose. Es handelt sich um mehrere Personen, während die Vorschrift nur einem Bevollmächtigten die Teilnahme an der Durchsuchung erlaubt. Ein Anwalt und ein Bevollmächtigter.«
Zu Henriks Entsetzen besaß Priest die Frechheit, ihm eine Kopie des Beschlusses unter die Nase zu halten und mit dem Finger auf den entsprechenden Absatz zu zeigen. Henrik fehlten die Worte, und er warf Sasha einen hilfesuchenden Blick zu. Aber die schüttelte den Kopf.
»Das ist doch lächerlich!«, sagte Henrik. »Das Haus ist riesig! Wenn ich es ganz allein durchsuchen muss, wird das Stunden dauern!«
Priest zuckte mit den Schultern. »Professor Owen hat das Recht, vor dem Inkrafttreten des Durchsuchungsbeschlusses einen unabhängigen Rechtsbeistand zu Rate zu ziehen. Das heißt, dass niemand ohne meine Erlaubnis das Haus betritt und ohne mein Einverständnis nichts daraus mitgenommen wird. Das hat Miss Merriweather Ihnen doch zweifelsohne alles genau erklärt, nicht wahr, Mr. Vose?«
Henrik nickte. Er spürte, wie die Adern in seiner Schläfe pulsierten. »Ja, ja. Nun machen Sie schon.«
»Also gut«, sagte Priest und drückte den Rücken durch. »Dann müssen Sie jetzt nur noch vier Stunden lang warten.«
Henrik schüttelte erbost den Kopf. Hatte er da richtig gehört? »Vier Stunden?«
»Professor Owen hat das Recht, sich in aller Ruhe einen Rechtsbeistand zu suchen. Vier Stunden mögen vielleicht etwas hoch gegriffen sein, aber wir wollen ihn ja nicht unter Druck setzen.«
»Es dauert ja wohl kaum so lange, mitten in London einen Anwalt aufzutreiben. Noch dazu an einem Wochentag.«
Priest zog eine Augenbraue hoch und beugte sich zu Henrik vor. »Einen Anwalt aufzutreiben ist nicht das Problem. Sich mit ihm über sein Honorar zu einigen, das braucht seine Zeit.«
Priest zwinkerte Henrik zu und schlenderte mit den Dokumenten unter dem Arm auf Owens Haus zu. Sasha und Henrik sahen ihm sprachlos hinterher.
3
Detective Chief Inspector Tiff Rowlinson blieb auf der letzten Treppe vor dem fünfundzwanzigsten Stock stehen, schnappte nach Luft und achtete darauf, dass die uniformierten Beamten im Flur nicht mitbekamen, wie er einen tiefen Zug aus seinem Asthma-Inhalator nahm. Man hatte die Fahrstühle vorübergehend außer Betrieb gesetzt, damit leichter kontrolliert werden konnte, wer das Gebäude betrat. Den Wohnblock zu evakuieren war nicht einfach gewesen. Viele der Bewohner hatten noch geschlafen, eine Frau aus dem fünften Stock hatte sich standhaft geweigert: Wieso sollte sie wegen eines Mordes im Penthouse die Jeremy Kyle Show verpassen?
Rowlinson steckte den Inhalator wieder in die Tasche und nahm die letzten Stufen in Angriff. Auf dem Treppenabsatz wartete ein untersetzter Mann mit pockennarbigem Gesicht, der sich als Leiter der Spurensicherung vorstellte. Seinen Namen bekam Rowlinson nicht mit, doch der war auch nicht wichtig. Rowlinson wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Während er in den weißen Schutzanzug stieg, gab ihm der Spurensicherungsleiter einen ersten Überblick über das, was ihn am Tatort erwarten würde. Rowlinson wusste aus Erfahrung, dass derlei Berichte mit Vorsicht zu genießen waren. Er hielt sich an die bewährten Grundregeln: Keine Mutmaßungen anstellen, niemandem glauben, alles hinterfragen.
Er schlüpfte in ein paar Überschuhe, zog Nitrilkautschukhandschuhe und eine Gesichtsmaske über und folgte dem Spurensicherungsbeamten hinein.
Obwohl die Wohnung sehr geräumig war, hatte seit gestern niemand gelüftet, und der Flur war heiß und stickig. Schon klebte der Schutzanzug an seiner Haut. Im Eingangsbereich standen mehrere Topfpflanzen – Rowlinson bemerkte, dass alle bis auf einen Drachenbaum am Ende der Reihe dringend etwas Wasser und Pflege benötigten. Die Spurensicherung hatte bereits Fußmarkierungen auf dem Boden angebracht, auf denen man durch den Flur und über eine Treppe, vorbei an einer mit Fotografien bedeckten Wand, zum Zwischengeschoss gelangte.
Rowlinson durchquerte vorsichtig das große Schlafzimmer. Drei Beamte standen gebückt in den Ecken und suchten nach Spuren. Das gleißende Sonnenlicht fiel durch die drei hohen Fenster in der Ostwand des Penthouse und wurde so grell von den weißen Wänden reflektiert, dass Rowlinson die Augen abschirmen musste. Der Raum war minimalistisch eingerichtet: Die wenigen um das Bett gruppierten Möbel waren so abstrakt, dass er sich nicht wie in einem Wohnraum, sondern wie in einem Museum für moderne Kunst vorkam. Alles war sehr avantgardistisch, sodass die Lache aus getrocknetem Blut, die den Großteil des grauen Holzbodens bedeckte, beinahe wie zur Einrichtung gehörig wirkte. Nun fehlt nur noch ein Elefantenkothaufen auf einem Teller, dachte Rowlinson.
Das Opfer lag mit dem Rücken mitten auf dem schwarz-weißen, niedrigen Doppelbett aus italienischem Leder. Ein Arm lag im Mittelpunkt der Blutlache. Im Kopf der Frau steckte ein Nagel. Fette schwarze Fliegen surrten umher, doch das war nicht das Einzige, was Rowlinsons Aufmerksamkeit erregte.
»Was ist das da auf dem Boden?«, fragte er in den Raum hinein.
Ein Spurensicherungsbeamter drehte sich zu ihm um. »Salz, Sir.«
Rowlinson sah genauer hin. Überall auf dem getrockneten Blut klebten kleine Kristalle. Salz.
Er rieb sich die Stirn und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus den Augen. Seine Befürchtung hatte sich bewahrheitet. Vor vier Tagen hatte er eineinhalb Meilen von hier einen ganz ähnlichen Tatort untersucht: Eine junge Frau – Jane Vardy – hatte mit aufgeschlitzter Kehle auf einem Hotelbett gelegen. Überall Blut, aber keine Fingerabdrücke oder sonstige biologische Spuren, kein Motiv und bis jetzt auch keine Hinweise. Bis auf etwas sehr Entscheidendes, das sich auch in diesem Raum wiederfand: ein mit dem Blut des Opfers an die Wand gemaltes Symbol.
Rowlinson erschauerte. Das dunkelrote Blut bildete einen scharfen Kontrast zu der blütenweißen Schlafzimmerwand, sodass ihn das Symbol geradezu höhnisch anzustarren schien. Diesmal hatte sich der Mörder richtig ausgetobt: Dieses sorgfältiger und mit dickeren Strichen gezeichnete Symbol war beinahe eineinhalb Meter hoch. Ein Kreuz, um das sich ein an eine Tilde erinnerndes Zeichen rankte. Das Symbol sagte Rowlinson überhaupt nichts, und doch stellte es den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels dar.
»Sieht genauso aus wie das andere«, sagte eine Stimme zu Rowlinsons Rechten.
Er hatte Detective Sergeant Fay Westbrook nicht hereinkommen hören. Seit ihrer Beförderung im Juni war sie ihm als Partnerin zugeteilt. Unter dem Plastikschutzanzug steckte eine schlanke, gut aussehende Frau Anfang dreißig, die ebenso ehrgeizig wie ambitioniert war. Rowlinson war jedoch viel zu lange im Geschäft, um sich von ihrer Begeisterung anstecken zu lassen. Bis dato waren sie gut miteinander ausgekommen – nur bei einigen wenigen Gelegenheiten hätte er beinahe die Geduld mit ihr verloren.
»Sieht so aus«, sagte er beinahe flüsternd.
»Dann sind wir jetzt wohl auf der Jagd nach einem Serienmörder«, bemerkte sie, und Rowlinson wusste nicht recht, ob es sich um eine Feststellung oder um eine Frage handelte.
»Kommt darauf an, wie man einen Serienmörder definiert«, sagte er. »Auf jeden Fall haben wir zwei Mordfälle, die ganz eindeutig miteinander in Verbindung stehen. Weitere Spekulationen wollen wir vorerst nicht anstellen.«
»Wann werden die Medien Wind davon bekommen?«
»Das ist eine Frage von Tagen, womöglich nur Stunden. Aber das ist nicht unser Problem, sondern das der Presseabteilung. Was wissen wir über diesen Mord?« Rowlinson deutete mit dem Kinn auf das Opfer. Westbrook zog einen Notizblock aus dem Schutzanzug.
»Das hier ist Emma Mendez, dreiunddreißig, freischaffende Fotografin. Geriet letztes Jahr kurz in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als sie für ein Bild von syrischen Flüchtlingen, die einen Zug besteigen, den Pulitzerpreis gewonnen hat. Sie war für mehrere Zeitungen und Onlinepublikationen tätig. Nicht verheiratet, aber liiert – wir sind gerade dabei, ihren Partner aufzuspüren. Sie ist britische Staatsbürgerin, ihre Eltern stammen aus Mexiko. Der Vater ist bereits verstorben.«
»Wer hat sie gefunden?«
»Die Putzfrau, eine gewisse Gita Johar. Sie ist bereits auf dem Revier und macht ihre Aussage. Offenbar ist sie ziemlich durch den Wind.«
»Kein Wunder.« Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Muss ein ziemlicher Schock gewesen sein, sie … so vorzufinden.«
Westbrook besaß immerhin den Anstand, den Blick zu senken und das Thema zu wechseln. »Wie bei dem anderen Mord gibt es keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens. Vielleicht hat sie den Täter ins Haus gelassen. Vielleicht kannte sie ihn ja – auch das ist ähnlich wie bei Jane Vardy.«
Aus statistischen Gründen gingen sie davon aus, dass der Täter männlich war, obwohl sie keinen eindeutigen Beweis dafür hatten. Doch es war sehr unwahrscheinlich, dass eine Frau diese Taten begangen hatte.
»Er wird mutiger«, sagte Rowlinson und betrachtete das Symbol. »Das andere hat er sehr hastig an die Wand geschmiert. Hier hat er sich mehr Zeit gelassen. Das ist viel sorgfältiger gezeichnet.«
»Boss, wir müssen einen Profiler hinzuziehen.«
»Mit Profilern fängt man aber keine Mörder, Westbrook. Sondern mit viel Arbeit und Glück.«
»Diese Einstellung wird der Assistant Commissioner aber nicht gefallen, Boss. Und die kann Sie sowieso schon nicht besonders gut leiden, wenn mir die Bemerkung gestattet ist.«
»Ist sie nicht, Westbrook.« Rowlinson schlug nach einer Fliege, die vor seinem Gesicht herumtanzte. Schon komisch, wie die lästigen kleinen Mistviecher selbst in geschlossene Räume gelangen. »Und dass ich mit ihrem Exmann befreundet bin, macht es nicht gerade einfacher.«
»Ich dachte, da gäbe es eine … alte Geschichte.«
»So ist das in diesem Job, Westbrook. Es gibt immer eine alte Geschichte.«
Dann schwiegen sie, und Rowlinson hatte das dringende Bedürfnis, den Raum zu verlassen. Der Geruch der einsetzenden Verwesung ließ ihn nach dem Inhalator in seiner Tasche greifen, doch er widerstand der Versuchung, ihn auch zu benutzen.
»Boss, was hat das Salz auf dem Boden zu bedeuten?«, fragte sie.
Er sah sich noch einmal um. Das Salz bedeckte eine beinahe ebenso große Bodenfläche wie das Blut.
»Hat man bei Jane Vardy auch Salz am Tatort gefunden?«
Westbrook zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich frage mal die Spurensicherung.«
»Es gab keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens?«
»Nein. Genau wie bei dem anderen Mord. Der Täter ist plötzlich aufgetaucht, hat ihr einen Nagel in den Kopf gerammt und ist wieder spurlos verschwunden.«
Rowlinson nickte mürrisch. Auch auf diesem Nagel wird man keine Spuren finden. In den letzten sechs Monaten waren drei hochrangige Ermittler in Rente gegangen, sodass das Dezernat für Schwerverbrechen hoffnungslos unterbesetzt war. Deshalb hatte man Rowlinson, der eigentlich nur vorübergehend aus South Wales hierher versetzt worden war, einen unbefristeten Posten in Holborn angeboten. Er hatte die Stelle angenommen – eine Entscheidung, die er zunehmend bedauerte.
Er drehte sich weg und schirmte seine Augen erneut gegen die brennende Sonne ab, die durch das Fenster schien. »Berufen Sie ein Treffen des Ermittlungsteams ein«, befahl er.
Westbrook nickte und zückte ihr Handy. Rowlinson trat vorsichtig auf den Flur hinaus. Es würde ein weiterer heißer Tag werden.
4
Charlie Priest ging zu dem Reihenhaus am Ende der Walnut Avenue hinüber und klingelte. Er hatte das Haus und seinen Bewohner bereits gestern observiert und war zu dem Schluss gekommen, dass ihm Professor Norman Owen – zweiundsechzig, alleinlebend, seit zwei Jahren geschieden, eine Tochter in den Zwanzigern – wohl keinen großen Ärger machen würde.
Priest wusste nicht viel über den Fall. Sasha Merriweather hatte den Durchsuchungsbeschluss ohne vorherige Ankündigung beim High Court beantragt, was bedeutete, dass Professor Owen erst gestern erfahren hatte, dass der Antrag bewilligt worden war. Offenbar war der zuständige Richter der Meinung gewesen, dass die Ansprüche des Klägers berechtigt waren und es Owen durchaus zuzutrauen war, das Beweismittel zu zerstören oder verschwinden zu lassen.
Merriweather hatte Priest kurz darauf kontaktiert. Anscheinend hatte ihn einer ihrer Anwaltskollegen als den richtigen Ansprechpartner in einer solchen Angelegenheit empfohlen. Selbst in London gab es nicht viele Anwälte mit Erfahrung in der Beaufsichtigung von Durchsuchungsbeschlüssen, und obwohl Priest nicht genau wusste, wieso man ihm diese Ehre angedeihen ließ, eilte ihm doch ein gewisser Ruf der Unerschrockenheit und Findigkeit voraus. Er war einer der gefragtesten Anwälte der Stadt. Seine Kanzlei mit Büro in Holborn – Priest & Co. – musste regelmäßig mehr Interessenten abweisen, als sie Klienten aufnehmen konnte, und hatte in den über zehn Jahren seit ihrer Gründung noch keinen einzigen Fall verloren. Priest hatte stets der Versuchung widerstanden, sein Unternehmen zu vergrößern oder sie an eine der Kanzleien aus dem sogenannten Magic Circle – den fünf profitabelsten, umsatzstärksten und angesehensten Kanzleien Londons – zu veräußern. Neben ihm selbst waren in seiner Kanzlei lediglich drei weitere Personen tätig: Vincent Okoro, ehemaliger Staatsanwalt am Internationalen Strafgerichtshof; Georgie Someday, eine junge, ehrgeizige Anwältin mit einem scharfen juristischen Verstand; und Simon »Solly« Solomon, ein in Rechtsfragen kundiger Buchhalter, dessen Genie nur noch von seiner sozialen Inkompetenz übertroffen wurde.
Priest hätte auch Merriweather um ein Haar eine Absage erteilt, doch ihr Fall hatte viel zu interessant geklungen, um ihn abzulehnen.
»Was hat Professor Owen denn in seinem Besitz, das Sie so dringend haben wollen?«
»Ein Buch, mehr nicht. Eine Handschrift.«
»Eine alte Handschrift?«
Es folgte eine kurze Pause. »Ja. Eine der Schriftrollen vom Toten Meer.«
Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür, und ein faltiges, argwöhnisches Gesicht spähte heraus. Der Professor hatte dünnes silbernes Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, trübe graue Augen und wächserne Haut. Obwohl er kaum mehr als den Kopf aus der Tür streckte, sah Priest, dass er ein Netzhemd trug. Seine Arme und Schultern waren mit dünnem Flaum bedeckt.
»Professor Owen?«, fragte Priest.
»Wer will das wissen?«
»Mein Name ist Charlie Priest, ich bin Anwalt und damit beauftragt, die Durchführung eines gestern vom High Court bewilligten Durchsuchungsbeschlusses zu überwachen, der Elisha Capindale oder einen von ihr Bevollmächtigten dazu berechtigt, Ihr Anwesen nach Beweismitteln zu durchsuchen und diese sicherzustellen, bevor sie möglicherweise vernichtet werden. Darf ich reinkommen?«
Owen knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Priest schloss die Augen. Er hatte geglaubt, diese Angelegenheit schnell hinter sich bringen zu können, doch offenbar hatte er sich geirrt. Er wandte sich zu Henrik Vose und Sasha Merriweather um, die neben dem Mercedes standen. Vose hatte die Arme verschränkt. Als er sah, wie sich Priest umdrehte, winkte er verärgert und bedeutete ihm, es noch einmal zu versuchen.
Priest zuckte mit den Schultern und klopfte etwas lauter als beim letzten Mal gegen die Tür. Er hatte vor zwölf Jahren seinen Posten als Detective Inspector bei der Londoner Polizei aufgegeben, aber alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen. Dazu gehörte auch, vor verschlossenen Türen hartnäckig zu bleiben.
»Professor Owen!«, rief er durch den Briefschlitz. »Darf ich reinkommen? Ich bleibe vor Ihrer Tür stehen, bis Sie mir aufmachen. Ich werfe Ihnen eine Kopie des Gerichtsbeschlusses durch den Briefschlitz. Bitte nehmen Sie ihn zur Kenntnis, und lassen Sie mich rein.«
Er schob das Dokument in den Schlitz und wartete. Auf der anderen Seite waren Geräusche zu hören. Es klang, als würde Owen das Papier aufheben und auseinanderfalten. Sehr gut. Es ist viel zu heiß für solche Spielchen.
Merriweather hatte ihre Klientin als sehr interessant beschrieben: Elisha Capindale war in Irland aufgewachsen und in den Siebzigern mehrere Jahre durch England gezogen, bevor sie sich schließlich als auf christliche Artefakte spezialisierte Antiquitätenhändlerin in Ely niedergelassen hatte. Sasha hatte sie nie persönlich getroffen; sie ließ sich stets durch ihren Assistenten Henrik Vose vertreten. Offenbar war sie eine Eigenbrötlerin, die ihr Anwesen nur selten verließ. Dennoch hatte sie in der Branche einen gewissen Ruf gehabt, wenn auch nicht unbedingt wegen ihrer menschlichen Qualitäten (Sasha hatte sie am Telefon als »nörgelig« beschrieben), sondern aufgrund ihrer Fähigkeit, mit Hilfe eines beeindruckenden Netzwerks aus Archäologen und Schatzjägern jedes noch so ungewöhnliche Artefakt beschaffen zu können. Zu diesem Netzwerk hatte bis vor Kurzem wohl auch Professor Owen gehört.
»Professor Owen?«, rief Priest noch einmal durch den Briefschlitz. Owen hatte nun lange genug Zeit gehabt, um sich den Beschluss durchzulesen. »Ich bleibe gern den ganzen Tag hier stehen, aber wenn Sie mich nicht irgendwann hereinlassen, stellt das eine Missachtung des Gerichts dar, die eine strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen wird.«
Priest wartete. Er war sich sicher, dass Owen gleich hinter der Tür stand.
»Ich werde keinesfalls Capindales Bevollmächtigten in mein Haus lassen«, rief er schließlich.
Priest seufzte erleichtert. Owen würde früher oder später keine andere Wahl bleiben. Zumindest war er bereit, mit ihm zu reden.
»Ich arbeite nicht für Elisha Capindale, sondern bin unabhängiger Anwalt, der vom Gericht damit beauftragt wurde, die Ausführung des Durchsuchungsbeschlusses zu überwachen. So ähnlich wie ein Schiedsrichter.«
»Ich weiß …« Owens Stimme brach, und er nahm einen neuen Anlauf. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Lassen Sie mich rein, dann erkläre ich Ihnen alles in Ruhe«, sagte Priest mit etwas sanfterer Stimme.
Merriweather zufolge war Owen Archäologe, Bibelforscher, Sprachwissenschaftler und Experte für antike Schriften. Ein verdienstvoller Akademiker, der aber offenbar weltabgeschieden in seinem Elfenbeinturm lebte und mit dieser Situation hoffnungslos überfordert war.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Professor. Setzen Sie sich einfach, trinken Sie eine Tasse Tee, und wir gehen das alles gemeinsam durch. Ich sorge dafür, dass Sie einen Rechtsbeistand erhalten. Jemanden, der auf Ihrer Seite ist. Und wenn es den ganzen Vormittag dauert. So lange muss Capindale eben warten. Einverstanden?«
Priest hielt den Atem an. Einen Augenblick lang dachte er, Owen wäre im Haus verschwunden, doch dann klickte der Riegel, der Professor öffnete ihm und winkte ihn herein. Er schloss die Tür hinter Priest und legte den Riegel wieder vor.
»Zur Küche geht’s da lang«, grunzte Owen und deutete den Flur hinunter. »Ich ziehe mir nur schnell etwas über. Für mich zwei Stück Zucker.«