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DAS BUCH

Hamburg, 2019: Als der Besitzer des Hotel Jacoby stirbt, ist die Überraschung groß: Das Hotel geht nicht an seine Kinder, sondern an Ryan Maclane aus Schottland. Emily Magnussen regelt die Übergabe – sie ist sofort fasziniert von Ryan, der ebenfalls nicht weiß, warum er das prestigereiche Hotel erbt. Gemeinsam gehen sie dem Geheimnis auf den Grund.

Sechzig Jahre zuvor: Nach dem Tod ihres Mannes hat Lina Jacoby das Hotel ihrer Eltern allen Zweiflern zum Trotz durch die Kriegsjahre gebracht und will ihm nun zu neuem Glanz verhelfen. Dass sie sich in ihren Chefkoch Martin verliebt, macht es nicht leichter. Da taucht eine Hebamme auf, die Lina eine unfassbare Geschichte erzählt, die alles, was sie über ihre Familie zu wissen glaubte, ins Wanken bringt …

DIE AUTORIN

Susanne Rubin ist eine waschechte »Hamburger Deern«. Zusammen mit ihrem Mann, einem pensionierten Kriminalbeamten, lebt sie in ihrer geliebten Heimatstadt. Nach eigener Aussage ist ihr Mann ihr persönlicher Held, und ihre inzwischen erwachsenen Söhne sind die wunderbarsten der ganzen Welt. Sie liebt das Schreiben und Spieleabende mit ihrer Familie. »Das Grandhotel an der Alster« ist ihr dritter Roman bei Heyne.

LIEFERBARE TITEL

Die Frau des Kaffeehändlers – Die Erben von Gut Lerchengrund

SUSANNE RUBIN

Das Grandhotel

an der

Alster

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Originalausgabe 08/2021

Copyright © 2021 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Christiane Wirtz

Umschlaggestaltung: Nele Schütz

unter Verwendung der Motive von Richard Jenkins,

AdobeStock (dietwalther) und Shutterstock.com (Erik AJV)

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-27305-7
V001

www.heyne.de

Für Peter,

aus vielerlei Gründen

Prolog

Hamburg, im August 1899

Martha Jacoby fühlte sich schwach. Noch nie in ihrem Leben war sie so erschöpft gewesen. Ihr erschien selbst das Heben ihrer Lider als wahrer Kraftakt, deshalb ließ sie ihre Augen lieber geschlossen. Von der Brust abwärts wütete ein unbeschreiblicher Schmerz in ihrem Körper – ein Schmerz, der sie zusätzlich lähmte. Sie wollte sich bewegen, doch irgendetwas lag schwer auf ihrem Leib, und sie brachte einfach nicht genug Energie auf, um dieses Gewicht loszuwerden.

»Liebes, nein, bleib fein liegen. Du hast schwere Stunden hinter dir und darfst dich nicht bewegen.«

Endlich schaffte sie es, ihre Augen zu öffnen. Langsam drehte sie den Kopf in die Richtung, aus der die sanfte Stimme ihres Ehemannes in ihr Bewusstsein vordrang. Er saß an ihrem Bett, und sie fühlte seine warme Hand auf ihrer linken, die neben ihrem Körper auf dem Laken lag.

»Erich …«

»Du musst dich noch ausruhen, mein Herz«, sagte er und lächelte sie aufmunternd an.

»Das Baby …«

»Unserem Kind geht es ganz wunderbar«, unterbrach er sie sanft. »Mach dir keine Sorgen, Martha.«

»Es geht ihm gut?«

»Es ist ein Mädchen, und sie ist rundherum gesund und wunderschön.« Er löste seine Hand von ihrer und streichelte mit den Fingerknöcheln zart über ihre Wange. »Möchtest du sie sehen?«

Martha fühlte Tränen der Dankbarkeit in sich aufsteigen. Offenbar hatte sie nur einen furchtbaren Traum gehabt.

»Ja«, brachte sie endlich hervor. »O ja, ich möchte sie sehen.«

Nur wenige Minuten später brachte ihr eine kleine rundliche Frau ein weißes Bündel und legte es ihr in den Arm. Martha schob vorsichtig eine Ecke des weißen Baumwollstoffs beiseite und sah zum ersten Mal in die großen dunklen Augen ihrer Tochter. Sofort wurde ihr Körper von einer Wärme durchflutet, die ihr nahezu jeden Schmerz nahm.

»Oh, sie ist wirklich wunderschön.«

»Ihr Kind hat sicherlich Hunger. In den letzten Stunden hat uns zwar eine Amme geholfen, aber nun, da Sie wach sind, können Sie das auch selbst übernehmen, wenn Sie möchten«, sagte die Frau. »Ich bin Traude Meier, die Hebamme, die Ihnen letzte Nacht zur Seite gestanden hat. Wir hatten auch schon einmal vor ein paar Wochen miteinander gesprochen, wissen Sie noch?«

Martha erinnerte sich plötzlich an das Gesicht. »Ja … o ja, Frau Meier, natürlich. Ich erinnere mich.« Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. »Letzte Nacht … Da war noch ein Arzt, nicht wahr?«

Die Hebamme nickte, während sie Martha ein weiteres Kissen in den Rücken schob, ihr Nachthemd aufknöpfte und ihr schließlich half, das Baby in die richtige Position zu bringen.

»Das war Doktor Kreidler aus dem Hafenkrankenhaus. Ich kenne ihn schon lange und habe nach ihm schicken lassen, als ich sah, dass es Ihnen immer schlechter ging. Ihr Baby wollte nicht alleine kommen, gnädige Frau, wir mussten nachhelfen«, erklärte Frau Meier. Die Stimme der Hebamme klang sehr beruhigend, fand Martha.

»Nachhelfen?«

»Ja, der Doktor hat einen Kaiserschnitt gemacht und das Kind geholt.«

Martha blieb für einen kurzen Moment vor Schreck fast die Luft weg. »Einen … Kaiserschnitt? Das heißt, er hat mich … aufgeschnitten?«

»Es war die einzige Möglichkeit, Sie zu retten, gnädige Frau, und wir mussten schnell eine Entscheidung fällen. Für eine Fahrt ins Krankenhaus blieb einfach keine Zeit mehr. Dass das Kind ebenfalls lebt, ist ein wahres Wunder. Sie sollten sich keine Sorgen machen, wegen der Operation. Doktor Kreidler hat das schon viele Male gemacht und so vielen Frauen geholfen. Er hat damit Ihr Leben und das Ihres Kindes gerettet.«

»Soso.« Vielleicht hatte ich deshalb diesen schlimmen Traum, dachte sie.

Das Baby begann schmatzend zu trinken und vertrieb damit jeden trübsinnigen Gedanken. Das tiefe Glücksgefühl, das sie nun regelrecht überschwemmte, erstickte jede Besorgnis im Keim. Eine ganze Weile konzentrierte sich Martha allein auf das süße Baby an ihrer Brust. Es erschien ihr durchaus, als wäre ihr ein Wunder widerfahren.

»Gut so«, lobte die Hebamme lächelnd, nachdem einige Zeit vergangen war und sie Martha das Kind wieder abgenommen hatte. Das Baby schien wirklich satt und zufrieden zu sein.

Martha schloss die Knöpfe ihres Nachthemds und sah zu, wie Frau Meier das Baby in eine Wiege legte, die nicht weit entfernt von ihrem Bett stand.

»Offensichtlich haben Sie genug Milch, gnädige Frau. Das ist fein. Die Kleine wird jetzt eine ganze Weile schlafen, denke ich.«

»Würden Sie die Wiege noch ein bisschen näher zu mir ans Bett schieben, Frau Meier? Ich möchte meine Tochter besser sehen können.«

»Aber natürlich. Das mache ich gleich. Zuerst möchte ich noch nach Ihnen sehen.« Die Hebamme kam zurück zu ihrem Bett und hob die Decke an. »Haben Sie starke Schmerzen?«, fragte sie.

»Nun ja … Mein Bauch … Er ist so …«

»Auf Ihrem Bauch liegt ein Sandsack, gnädige Frau. Das hat der Doktor angeordnet. Das Gewicht wird Ihnen helfen, glauben Sie mir. Ein paar Tage, und Sie haben das Schlimmste überstanden.«

»O bitte, Frau Meier, sagen Sie doch einfach Frau Jacoby zu mir.« Sie versuchte sich an einem Lächeln. »Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie für mich da sind.«

»Das ist mein Beruf, und ich liebe ihn«, erwiderte die Hebamme und lächelte ebenfalls. »Sie sind eine sehr tapfere Frau und haben das wunderbar gemeistert. Sie werden die nächsten Tage auch noch gut überstehen.«

»Wird der Arzt noch einmal herkommen? Ich möchte mich auch bei ihm bedanken. Mit dem Baby ist ein lang gehegter Wunsch endlich in Erfüllung gegangen.«

Die Hebamme schüttelte den Kopf. »Mit dem Arzt kann ich leider nicht dienen. Doktor Kreidler arbeitet eigentlich nur im Krankenhaus, aber Ihr Hausarzt, Doktor Lüders, weiß bereits Bescheid und wird heute Abend nach Ihnen sehen. Ihr Mann hat ihn gleich heute Morgen informiert.«

»Ah ja, das ist gut. Zu Doktor Lüders habe ich Vertrauen.«

»Ich muss Ihnen noch etwas sagen, Frau Jacoby.« Die Stimme der Hebamme klang plötzlich sehr ernst, und Marthas Herz schlug sofort schneller.

»Mein Baby ist doch gesund, oder?«

»Ja, soweit wir es bisher beurteilen können, ist das Kind rundherum gesund und munter. Nein, es geht um etwas anderes. Der Doktor, also …«

»Was wollen Sie mir sagen, Frau Meier? Sie klingen plötzlich so ernst, zögern Sie es bitte nicht noch hinaus.«

»Sie können leider keine weiteren Kinder bekommen, gnädige Frau. Doktor Kreidler musste während des Kaiserschnitts eine Entscheidung treffen, um Ihr Leben zu retten. Es gab eine furchtbare Entzündung, die …«

Martha atmete tief durch und hob eine Hand. »Ich verstehe.«

»Ihr Hausarzt wird es Ihnen besser erklären können. Doktor Kreidler hat ihm eine Notiz hinterlassen.« Die Hebamme holte tief Luft, bevor sie weitersprach, so als wäre sie erleichtert darüber, dass die schlechte Nachricht nun heraus war. »Wie ich von Ihrem Mann gehört habe, hatten Sie bereits ein Kindermädchen angestellt«, fuhr sie fort. »Das Mädchen wird heute Nachmittag herkommen und ihren Dienst beginnen, damit wäre das Kind dann gut versorgt. Da auch Sie noch ein bisschen Pflege benötigen, werde ich in den nächsten Tagen weiterhin nach Ihnen schauen.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, Frau Meier.«

»Wie gesagt, ich liebe meinen Beruf, Frau Jacoby.« Die Hebamme sah sie aufmunternd an. »Aber ich bin auch Krankenschwester. Ich werde auf Sie aufpassen, bis alles verheilt ist. Sie werden sich bald wieder vollkommen gesund und stark genug fühlen, das verspreche ich Ihnen.«

Nachdem die Hebamme sich von ihr verabschiedet hatte, kam Erich wieder zu ihr.

»Du hast sicherlich schon gehört, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann, nicht wahr?«, fragte sie ihn leise, nachdem er ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt und sich erneut auf den Stuhl neben ihrem Bett gesetzt hatte.

Er nickte. »Der Arzt, der letzte Nacht bei dir war, hat es mir gesagt, bevor er gegangen ist.« Nach einem langen Atemzug, der fast seufzend klang, sah er ihr direkt in die Augen. »Wir haben jetzt eine Tochter, mein Liebes, und wir werden diesem Kind die besten Eltern sein.«

»Aber wir werden keinen Sohn mehr bekommen können, Erich. Das Hotel …«

»Die Geschichte hat bereits viele großartige Frauen hervorgebracht, die eine Menge bewegt haben. Ich kann und werde dafür sorgen, dass unsere Tochter alles lernt, was sie wissen muss.« Er hob ihre Hand und drückte seine Lippen darauf. Die Geste rührte sie. »Mit dir habe ich eine kluge Frau an meiner Seite. Du weißt sehr genau, dass mir deine Meinung stets wichtig war. Auch in geschäftlichen Dingen habe ich oft genug deinen Rat eingeholt, nicht wahr?«

»Das stimmt wohl, aber …«

»Du kennst mich, Martha. Ich glaube fest daran, dass Frauen ebenso klug und geschäftstüchtig sein können wie wir Männer. Und selbst wenn unsere Tochter kein Interesse für das Geschäft aufbringen sollte, dann können wir sie immer noch entsprechend verheiraten. Für das Hotel wird es immer eine Lösung geben, glaub mir. Ich bin sehr, sehr glücklich über unser wunderhübsches Mädchen, daran darfst du nicht einen Augenblick zweifeln.«

Martha musste schlucken. »Ich liebe dich sehr«, flüsterte sie. »Und ich bin sehr froh, dass ich dich zum Mann gewählt habe.« Wieder hob er ihre Hand an und küsste sie. Die Wärme seiner Lippen tat ihr gut. »Bist du damit einverstanden, wenn wir sie nach unseren Müttern benennen?«, fragte sie. »Den Namen Lina-Marie fände ich wirklich passend.«

»Ja, das klingt sehr hübsch. Lina-Marie Jacoby.«

1. Kapitel

Schottland, Inverness, im Januar 2019

In der zaghaft anbrechenden Dämmerung waberten tief hängende Nebelschwaden träge und zäh über den Rasen. Die Szenerie wirkte, als wollte die Nacht noch nicht weichen, doch Ryan Maclane wusste, dass es jetzt nur noch wenige Minuten dauern würde, bis der Tag gewann und vollständig hereinbrach. Obwohl Ryan eigentlich ein Langschläfer war, liebte er diese frühe Stunde, kam sie doch stets ein wenig mystisch daher. Die seltsame Stimmung wirkte auf ihn entspannend und sorgte für die nötige Kraft und innere Ruhe, die jeder neue Tag von ihm forderte. Er hatte die Nacht durchgearbeitet und vorhin eigentlich nur kurz lüften wollen, doch nun stand er schon eine ganze Weile mit verschränkten Armen auf der Terrasse und genoss die frische, wenn auch sehr kalte Morgenluft.

Erst als die winterliche Kälte schließlich unangenehm durch die Wolle seines Pullovers drang, ging er zurück ins Wohnzimmer. Er schloss die Terrassentür und überlegte kurz, ob er zuerst duschen sollte, doch dann entschied er, dass es Zeit für einen starken Kaffee war. Wenig später saß er mit einem dampfenden Becher in der Hand erneut vor seinem Bildschirm. Sekundenlang starrte er auf den letzten Satz und das von ihm teils geliebte, teils verhasste Wort Ende.

Es wird Zeit, Abschied zu nehmen, sagte er sich, bevor er die Datei mit dem überarbeiteten Manuskript zum allerletzten Mal auf seiner externen Festplatte sicherte und sie anschließend per Mail an seine Verlagslektorin schickte. Jedes Mal stellte dieser Schritt eine Herausforderung dar, die sein Innerstes spaltete. Einerseits war er froh, dass die Geschichte zu einem Ende gekommen war, andererseits fiel es ihm schwer, sich von den lieb gewonnenen Charakteren zu trennen, die er erschaffen hatte. Stets war es wie ein kleiner Abschied von guten Freunden, aber auch Feinden, und jeder davon hinterließ eine gewisse Leere in seinem Herzen.

Der Kaffee hatte Ryan gutgetan, und er verwarf den Gedanken daran, sich noch ein paar Stunden hinzulegen. Früher hatte er oft nachts gearbeitet, doch inzwischen gestalteten sich seine Tage ebenso ruhig wie die Nächte, und er war nicht mehr auf die Abgeschiedenheit der Nacht angewiesen, um in einen konzentrierten Schreibprozess hineinzufinden. Die vergangenen Stunden hatte er durchgearbeitet, um die letzte Überarbeitung endlich abschließen zu können. Dennoch reagierte sein Körper auch heute nur selten empfindlich auf einen unregelmäßigen Schlafrhythmus. Er holte sich den Schlaf, wenn er ihn brauchte. So einfach war das.

Ryan erhob sich und ging noch einmal hinüber in die Küche, um sich seinen Becher ein zweites Mal aufzufüllen. Als er zurückkam, fiel sein Blick auf den Stapel Post, der auf der anderen Seite seines Schreibtischs lag und den er schon seit mehreren Tagen erfolgreich ignorierte. Seufzend griff er nach den unterschiedlich großen Umschlägen, öffnete einen nach dem anderen und sortierte den Inhalt nach Wichtigkeit.

Der letzte, ein brauner C5-Umschlag ließ ihn stutzen, denn er kam aus Hamburg. Der Absender war ein Notariat in der Innenstadt. Ryan kannte Hamburg gut. Während und im Anschluss seines Studiums hatte er einige Jahre dort gelebt. Er liebte die Stadt und war auch später, nach seiner Rückkehr nach Schottland, immer wieder dort gewesen. Lange Zeit hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, für immer in Hamburg zu bleiben, doch dann war er über Weihnachten zu Besuch zu seinen Eltern nach Schottland gefahren, und bei dieser Gelegenheit hatte er schließlich Jenna, seine spätere Frau, kennengelernt. Damit waren die Weichen für ihn gestellt worden, denn Jenna war eine äußerst heimatverbundene und stolze Schottin gewesen.

Jenna … Wie so oft schweiften seine Gedanken ab, und sein Herz zog sich vor Schmerz zusammen. Er vermisste sie und seine Eltern noch immer so sehr, als wäre das furchtbare Unglück erst gestern geschehen. Dabei war es schon fast zwei Jahre her, dass er seine gesamte Familie verloren hatte. Wie üblich, wenn ihn die Trauer überkam, brauchte er einige Minuten, um wieder klar denken zu können, doch dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass er noch immer den ungeöffneten Brief aus Hamburg in der einen und seinen Brieföffner in der anderen Hand hielt.

Ryan atmete tief durch und öffnete den Umschlag. Noch während er den Brief las, lachte er mehrere Male laut auf und schüttelte den Kopf. Als erste Reaktion zog er sich die Tastatur heran und gab den Namen des Notars in eine Suchmaschine ein. Erstaunt stellte er fest, dass es tatsächlich einen Hamburger Notar mit dem Namen Doktor Winfried Bergholt gab. Allem Anschein nach war der Brief also keine dieser nervtötenden Werbeaktionen, die sich als Gewinn oder vermeintliches Erbe tarnten.

»Na, da hat sich aber jemand so richtig vertan«, sagte er laut.

Wieder musste er lachen. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Bevor er zum Telefon griff, sollte er erst mal in Ruhe duschen und frühstücken. Für einen Anruf bei einem Notar in Hamburg war es auf jeden Fall noch zu früh.

Eine gute Stunde später hatte er Doktor Winfried Bergholt am Apparat.

»Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch, Mr. Maclane«, bemerkte der Notar gleich nach der Begrüßung.

»Aye«, erwiderte Ryan. »Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe sogar einige Zeit in Hamburg gelebt. Vermutlich ahnen Sie bereits, weshalb ich mich bei Ihnen melde, Doktor Bergholt?«

»Natürlich. Es geht um Ihr Erbe.«

»Also, ich nehme mal an, dass da ein Irrtum vorliegen muss.«

»Ich kann Ihnen versichern, dass das kein Irrtum ist, Mr. Maclane. Sie sind doch Ryan Maclane, wohnhaft in Inverness, Schottland.«

»Das ist richtig, aber …«

»Sie sind der letzte lebende Nachkomme von Cameron Maclane, geboren 1899 in Hamburg?«

In Ryans Kopf begann es zu arbeiten. »Ja, mein Urgroßvater hieß Cameron Maclane. Ich weiß allerdings nicht, ob er in Hamburg geboren wurde, das müsste ich erst nachsehen.«

»Glauben Sie mir, Mr. Maclane, Ihr Urgroßvater wurde in Hamburg geboren. Und zwar im Hotel Jacoby. Unsere Nachforschungen lassen daran keinen Zweifel.«

»Aber das rechtfertigt doch nicht, dass ich …«

»Offenbar tut es das doch. Das Testament von Max Jacoby ist eindeutig. Außerdem liegt eine weitere beglaubigte Vereinbarung zwischen ihm und seiner verstorbenen Mutter Lina-Marie Jacoby vor, die Ihrem Erbe zugrunde liegt, wenn man es genau nimmt.«

»Ehrlich gesagt, verstehe ich kein Wort, Doktor Bergholt.«

»Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass das für Sie jetzt erst einmal überraschend kommt, Mr. Maclane, aber es besteht nicht der geringste Zweifel, glauben Sie mir. Sie sind der Alleinerbe eines der berühmtesten Hotels der Welt. Unsere Nachforschungen waren eindeutig und außerordentlich gründlich.« Der Notar holte tief Luft. »Sie müssen wissen, es war gar nicht so einfach, Sie zu finden, Mr. Maclane. Das Gericht hatte deshalb einem Eilantrag der Familie Jacoby stattgegeben und das Testament ohne Ihre Anwesenheit eröffnet. Nur so konnte gewährleistet werden, dass das Hotel seinen normalen Betrieb fortführen kann. Das Gericht fand die Begründung der Familie einleuchtend. Schließlich hängen viele Arbeitsplätze davon ab, und die rechtliche Lage musste schnell geklärt werden, um jemanden kommissarisch einsetzen zu können, der das Hotel in der Zwischenzeit leitet. Meiner persönlichen Meinung nach stand für die Familie im Vordergrund, genug Handhabe zu bekommen, um das Testament anfechten zu können. Dennoch wurden Sie natürlich weiterhin gesucht.«

»Aber warum? Ähm, ich meine … Ich kenne diesen Max Jacoby überhaupt nicht. Auch der Name seiner Mutter sagt mir nichts.«

»Darum geht es nicht, Mr. Maclane. Sie sind der Erbe. Und ich kann Ihnen versichern, hier in Hamburg hat diese Tatsache bereits jede Menge Staub aufgewirbelt. Das Hotel befindet sich seit Generationen im Besitz der Familie. Ich sollte Sie schon jetzt vorwarnen. Die Familie Jacoby ist nicht unbedingt erfreut darüber.«

»Was ich auch durchaus nachvollziehen kann, wenn ich ehrlich bin.« Er musste sich räuspern. »Wie geht es jetzt weiter?«

»Nun, Mr. Maclane, ich würde vorschlagen, dass Sie, sobald es Ihnen möglich ist, nach Hamburg kommen, um Ihr Erbe anzutreten.« Eine Weile war Ryan absolut sprachlos. Es blieb still in der Leitung, bis der Notar noch einmal nachhakte. »Mr. Maclane?«

»Ja, pardon, aber ich muss das erst mal verarbeiten.«

»Das kann ich gut verstehen. Melden Sie sich einfach bei mir, sobald Sie in Hamburg sind, dann sehen wir weiter.«

»Das Hotel …?«

»Das Hotel Jacoby liegt direkt an der Außenalster. Jeder Taxifahrer in Hamburg kennt es.«

»Ja, das weiß ich. Wie gesagt, habe ich einige Jahre in Hamburg gelebt. Ich wollte fragen, wer denn der Geschäftsführer des Hotels ist? An wen sollte ich mich wenden, sobald ich dort eintreffe?«

»Ah, offenbar können Sie schon wieder etwas klarer denken, das freut mich.« Ryan hörte ein leises Lachen. »Max Jacoby hat das Hotel bis zu seinem Tod selbst geleitet. Die Geschäftsführung oblag schon immer dem jeweiligen Besitzer des Hauses. Im Augenblick kümmert sich Frau Magnussen um alles. Sie war die Assistentin von Herrn Jacoby und kennt sich bestens aus, dennoch wird sie froh sein, die volle Verantwortung alsbald wieder abgeben zu dürfen.«

»Frau Magnussen wäre also im Hotel meine Ansprechpartnerin?«

»Ja, Emily Magnussen. Sie können sich auch gerne zuerst mit ihr unterhalten, wenn Sie möchten. Frau Magnussen ist in alle Interna eingeweiht und wird die Übergabe verantwortungsvoll managen, das weiß ich.«

»Gut, vielen Dank, Doktor Bergholt, dann weiß ich erst mal Bescheid.« Ryan griff nach dem Wasserglas auf seinem Schreibtisch und schüttelte zum wiederholten Male den Kopf. »Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich in Hamburg bin.«

»Dann freue ich mich darauf, wieder von Ihnen zu hören, Mr. Maclane. Ach, und übrigens, ich bin ein begeisterter Leser Ihrer Bücher und freue mich schon sehr, Sie persönlich kennenzulernen.«

»Ich danke Ihnen. Wir sehen uns in zwei oder drei Tagen, nehme ich an.«

Ryan beendete das Telefonat und gönnte sich einen tiefen Atemzug. Ein weiteres Mal las er sich das Schreiben des Hamburger Notars durch.

»Ich glaube immer noch an einen Irrtum«, sagte er laut zu sich selbst, während er wenig später die Webseite des Hotels aufrief.

Das renommierte Haus gehörte tatsächlich seit Generationen der Familie Jacoby. Ryan fand heraus, dass Max Jacoby zwei Kinder und sogar einen Enkel hatte, der in etwa in seinem Alter war und seinerseits ein großes Hotel in Frankfurt leitete, also ebenfalls aus der Branche kam. Ryan konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum ein Mann wie Jacoby einem völlig Fremden ein derart erfolgreiches Familienunternehmen wie dieses Hamburger Grandhotel vererben sollte, wenn die eigene Thronfolge sozusagen gesichert war.

Er klickte sich durch die Webseite des Hotels und entdeckte ein Foto der kommissarischen Geschäftsführerin Emily Magnussen. Das Bild zeigte eine auffallend schöne Frau, die er ihrer Stellung entsprechend auf mindestens Anfang dreißig schätzen sollte, obwohl sie ihrem Aussehen nach auch gut noch in den Zwanzigern sein könnte. Ryan war es gewohnt zu recherchieren, deshalb wusste er bereits wenige Minuten später, dass Emily Magnussen einunddreißig Jahre alt war, einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften von einer Eliteuniversität vorweisen konnte und einer berühmten Hamburger Kaffeedynastie entstammte, die inzwischen ein weltumspannendes Unternehmen ihr Eigen nannte.

Hm, reich und reich gesellt sich gern, dachte er leicht amüsiert.

Ryan schloss die Seite und buchte die passenden Flüge für den übernächsten Tag, dann schickte er seinen Computer in den Ruhezustand und erhob sich. Ihm war nach frischer Luft, und da er ohnehin noch einige Besorgungen zu erledigen hatte, zog er sich warm an und verließ das Haus, um zu Fuß in die Innenstadt zu laufen. Es war noch immer klirrend kalt, doch die Luft war klar, und sogar die Sonne lugte jetzt durch die Wolken. Nach weniger als fünfzehn Minuten überquerte er die Greig Street Bridge, die über den River Ness führte, und hielt kurz darauf auf den Inverness Shopping Park zu.

Touristen waren im Januar kaum in der Stadt, so war noch nicht viel los in den Geschäften, die erst vor gut einer Stunde geöffnet hatten. Ryan kam schnell voran. Neben den erforderlichen Besorgungen gönnte er sich einige neue Kleidungsstücke. Das hatte er eigentlich schon vor Monaten angehen wollen, doch nun ergab sich durch seine bevorstehende Reise nach Hamburg eine gute Gelegenheit dafür. Trotzdem beschränkte er sich auf das Notwendigste, denn in Hamburg würde es deutlich mehr Möglichkeiten geben, sich neu einzukleiden. Zwei neue Hemden, eine Jeans und ein Paar schwarze Sneaker, das musste vorerst reichen.

Kurz bevor er wieder zu Hause ankam, begann es zu schneien. Es waren nur ein paar Flocken, fein und viel zu wenig, um liegen zu bleiben, doch sie riefen erneut die Erinnerung an Jenna wach. Sie hatte Schnee geliebt. Wahrscheinlich hätten diese wenigen zarten Flocken sie schon zum Jauchzen gebracht, dachte er wehmütig. Ihre Begeisterungsfähigkeit hatte ihn stets berührt.

Den restlichen Tag verbrachte er vor allem damit, seine unerwartete Reise vorzubereiten, und er stellte fest, dass ihm diese Abwechslung von seinem Alltag sogar gefiel. Zunächst holte er seinen Trolley vom Dachboden, dann ließ er die Waschmaschine und den Trockner laufen und bügelte ein paar Hemden. Zwischendurch führte er noch ein längeres Telefonat mit seiner Lektorin, die sich für das fertige Manuskript bedankte und mit ihm noch ein paar Einzelheiten besprach. Am frühen Abend kochte er sich Pasta mit Käsesoße und recherchierte nach dem Essen noch ein wenig für seinen nächsten Roman. Eigentlich hatte er dafür noch jede Menge Zeit, doch er wollte sich beschäftigen, um es irgendwie bis in den Abend zu schaffen, damit sein Schlafrhythmus nicht vollständig durcheinandergeriet. Auf diese Weise hielt er tatsächlich bis zweiundzwanzig Uhr durch. Doch dann machte sich die schlaflose Nacht immer deutlicher bemerkbar, und die Müdigkeit ging in eine bleierne Schläfrigkeit über, also machte er sich bettfertig und fiel schon wenige Minuten später in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen fiel ihm auf, dass er im Grunde niemanden mehr hatte, dem er von seiner kuriosen Erbschaft erzählen konnte. Seine Familie gab es nicht mehr, und der einzige wirkliche Freund, den er jemals gehabt hatte, war bereits vor zehn Jahren einem frühen Krebsleiden erlegen. Natürlich gab es noch ein paar Bekanntschaften, aber die gingen nicht in die Tiefe und reichten höchstens für ein gemeinsames Bier im Pub.

Ryan war sich im Klaren darüber, dass das nicht zuletzt an ihm selbst lag. Er war nicht unbedingt der extrovertierte Typ. Sicherlich hing sein zurückgezogenes Leben auch mit seiner Arbeit zusammen. Jenna war zum Glück sehr gut damit zurechtgekommen. Es hatte schlicht zu ihrem gemeinsamen Leben gehört, dass er jeden Tag viele Stunden, manchmal auch nächtelang vor seinem Computer saß. Was das anging, hatte sich sein Alltag nicht verändert. Noch immer war er gern allein mit seiner Arbeit und den Charakteren, die manchmal wie aus dem Nichts seiner Fantasie entsprangen und sein Denken beherrschten, bis ihre jeweilige Geschichte irgendwann zu Ende erzählt war. Nur in den Zeiten zwischen zwei Manuskripten fühlte er sich manchmal einsam. Wahrscheinlich sorgte er deshalb auch dafür, dass diese Pausen nie besonders lang waren. Zum Glück ließ ihn seine Kreativität nur selten im Stich. Schreibblockaden waren ihm gänzlich fremd, und dafür war er ebenso dankbar wie für seinen Erfolg.

So verbrachte er den Tag vor seiner Abreise mit weiteren Recherchen und Notizen für sein nächstes Projekt. Zwischendurch informierte er Ron und Susan Kennedy telefonisch darüber, dass er für ein paar Tage nicht zu Hause sein würde. Das Ehepaar aus der Nachbarschaft kümmerte sich sehr liebevoll und sorgfältig um seinen Garten und das Haus, seit er alleine lebte. Sie hatten einen Hausschlüssel und würden alles gut und verlässlich in Schuss halten – wie sie es immer taten, sobald er unterwegs war. Am Abend schob Ryan schließlich eine Tiefkühlpizza in den Ofen, trank ein Glas Rotwein dazu und ging zeitig ins Bett, da er in aller Frühe aufstehen musste.