Madrigal

Cover

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

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Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Laura Plageman

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN 978-3-644-00616-4

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-00616-4

Und dieser allerletzte Tag, dieser letzte und längste, endgültige Tag, endet mit dem Anruf ihres unerträglichen Bruders. Unerträglich, wenn er sich bei ihr meldet, pausenlos klagend über eine Reihe von Lasten, die jeder Nicht-in-der-Kulturhauptstadt-der-Erde-lebende-Mensch nur allzu gerne hätte – Waldorfschulen und Verkehrsstörungen und etwas, das tatsächlich, so etwas kann man nicht erfinden, «mansion tax» heißt – und noch viel weniger erträglich angesichts jener langen Zeit absoluter Funkstille, die ihr deutlich macht, so deutlich wie nur möglich, wie wenig ihm seine Familie eigentlich bedeutet. Ihr Bruder nimmt die Saga seines epischen, einseitigen Streits mit einem gewissen Hunter Wagoner sofort wieder auf, der neueste in einer langen Reihe von Südstaatenschriftstellern, dessen «Moment» ein bisschen intensiver glänzt und länger zu dauern scheint als der «Moment» ihres Bruders; aber zum ersten Mal in mehr als zehn Jahren dieses Rituals der Autopietà erlaubt sie es sich, seinen Monolog zu unterbrechen.

«Ich will mir diese Scheiße nicht mehr anhören müssen, Teddy.»

«Wie bitte?»

«Du hast mich gehört. Endlich bitte Schluss mit Hunter Wagoner.»

«Glaub mir, Maddy, ich stimme voll mit dir überein.

«Ich könnte dir all deine Beschwerden jetzt schon aufsagen, ohne ein weiteres Wort hören zu müssen. Mir ist sogar die Reihenfolge vertraut.»

«Okay. Verstehe. Aber –»

«Ich weiß, dass sein Buch eine ganze Seite im Feuilleton bekommen hat, obwohl es nur ein Kurzgeschichtenband war, und dass alle den Humor seiner Prosa in den Himmel heben, obwohl er sonst eigentlich gar nicht so witzig ist, und dass du bei irgendeiner Party mitbekommen hast, wie er einer jungen, naiven Studentin von jenem Jahr erzählte, in dem er außer dem Neuen Testament kein Wort gelesen hat, und dass sie dann zusammen die Party verlassen haben. Können wir einfach zu dem Punkt im Gespräch vorspulen, an dem ich dir versichere, dass du ein besseres Ohr für Dialoge hast?»

Langes Schweigen. Die Wendung wird registriert.

«Okay.»

«Okay.»

«Eigentlich hab ich angerufen, um zu fragen, wie es dir mit den neuen Medikamenten so geht. Wagoner kann mir einen blasen.»

Dazu sagt sie überhaupt nichts.

«Maddy? Noch da?»

«Ich nehme keine neuen Medikamente.»

Er lacht übertrieben laut. «Wahrscheinlich gibt’s irgendeinen neuen Fachausdruck dafür, ‹Lebenserlebnisermöglichungstabletten› oder so was, aber du weißt sehr wohl –»

Eine deutlich längere Pause.

«Ich hab heute mit Papa gesprochen, deshalb melde ich mich. Er macht sich wohl Sorgen.»

«Ich weiß, dass es ein Klischee ist, zu sagen, dass du mich nie anrufst», sagt sie schließlich. «Oder dass du nur anrufst, wenn du etwas von mir willst.»

«Du hast vollkommen recht, Maddy. Das ist ein Klischee.»

«Aber du rufst nie an.»

«Stimmt nicht. Schau, wir reden ja –»

«Oder du rufst nur an, wenn du etwas von mir willst.»

«Es tut mir leid, Maddy. Okay? Es tut mir leid. Ich hab dich lieb. Ich hab dich lieb und mache mir Sorgen deinetwegen. Gähnst du?»

«Ich hab dich auch lieb, Teddy.»

«Es ist nur, du bist nicht unbedingt der angenehmste Gesprächspartner, weißt du? Und ich bin auch nicht der angenehmste Gesprächspartner.»

«Irgendwo in dieser Welt lebt der angenehmste Gesprächspartner», hört sie sich antworten. «Muss ja so sein. Ich bin aber ziemlich sicher, dass er, beziehungsweise sie, nicht hier in Little Rock zu Hause ist.»

«Ich würde auf eines der teeproduzierenden Länder tippen», sagt er. «Eines der betelnusskauenden Länder. Sri Lanka, zum Beispiel. Oder Bangladesch.»

Beide fühlen sich plötzlich verbunden, fast so, wie sie es als Kinder waren, und das ist für Maddy eine Erleichterung, weil sie nur darauf gewartet hat, um das Gespräch

Der Roman, den sie schreiben würde, wenn sie noch schreiben könnte, wenn sie auch nur noch zwei zusammenhängende Gedanken aneinanderreihen könnte, würde in einem Universum spielen, das dem unseren so ähnlich wäre, dass dem Leser erst in der Mitte des Buches langsam dämmern würde, dass etwas nicht stimmt. Der Unterschied macht sich bemerkbar auf subtilste Art und Weise, zunächst im Dialog, durch kleine Fehler, als ob die Personen Englisch nur als Zweitsprache sprechen würden: Das Moor vor dem Haus der Protagonistin wird «die Feuchtigkeit» genannt, ihr Auto scheint ohne Benzin oder Strom zu laufen, sie sagt ihrem Mann, er solle sich beeilen, weil sie «nicht aus Zeit bestehe». Die Frau, die sich so ausdrückt, heißt Madrigal, und sie arbeitet vier Tage in der Woche, wie Maddy selber, als Keilerin für ein Inkassounternehmen, ansässig in Little Rock, Arkansas.

Es wird ein großartiges Universum werden, sagt sich

Schon seit einiger Zeit weiß Madrigal, dass irgendwo der Wurm drin ist. In ihr persönlich, selbstverständlich, nicht in ihrer Welt. Ihre Arbeit ist befriedigend, die Zukunft schaut rosig aus, und ihr Ehemann ist fürsorglich und liebevoll, aber etwas stimmt ganz und gar nicht: ein graues, undefinierbares Etwas, das von ihrer unteren Wirbelsäule aus in alle Richtungen kühl ausstrahlt. Sie weiß zwar, dass das Leben prächtig, aber trotz allem doch nicht recht überzeugend ist, ganz so, wie ihr die Sänger immer vorkamen an den Abenden, als ihre Eltern sie mit in die Oper geschleppt haben. Prachtvoll, aber unnatürlich, anorganisch, übertrieben. So wird Madeleine Wells’ Protagonistin ihre Existenz betrachten.

Eines Tages nach der Arbeit, als Madrigal in ihrem Kaltfusionkombi die Feuchtigkeit entlangfährt, wird sie von einer plötzlichen Welle der Emotionen überrascht, die sie zwingt, am Schilfrand anzuhalten. Sie lehnt sich steif über das Lenkrad und sucht vergebens nach einer Erklärung für ihren Zustand. Wie oft, fragt sich Madrigal, ist sie an diesem verwunschenen Ort, diesem geradezu schmerzhaft romantischen Ort, vorbeigefahren? War es immer so herzzerreißend malerisch hier, so leuchtend bedeutungsvoll, so geheimnisvoll still?

Sie hat keine Worte für das, was sie da jetzt sieht, keine ausreichenden Vergleiche, sie weiß nur, dass es die Lösung ist, der Schlüssel zum Rätsel, der Grund, dass sie überhaupt stehen geblieben ist. Es liegt sonderbar auf dem Wasser, ein längliches, graues Etwas, und wenn es seinen langen Hals in die Feuchtigkeit taucht, könnte man es für eine riesige Schlange oder einen Aal halten – aber das ist doch nicht richtig, dieses Wesen ist ganz etwas Unverwandtes: Madrigal hat einfach keinen Bezugsrahmen für das, was sie sieht. Ein Fisch oder eine Schlange hätte Schuppen irgendeiner Art, würde sich viel schneller bewegen, würde den Eindruck machen, Gewicht zu haben. Dieses Tier scheint mit einer Art feinem, zerrissenem Stoff bekleidet zu sein, einer dichten, blaugrauen Decke, vielleicht sogar etwas wie Fell. Von ihrem Platz aus kann Madrigal keine Glieder erkennen. Sie drückt ihr Gesicht gegen das langsam beschlagende Glas der Windschutzscheibe, traut sich kaum zu atmen vor lauter Angst, ihre Aussicht weiter zu vernebeln.

Das Wesen bewegt sich in engen, ziellosen, verspielten Kreisen, gleichgültig dem Auto gegenüber, und als plötzlich Sonnenlicht auf seinen Hals, seine Brust fällt, sieht Madrigal, dass sie sich getäuscht hat. Das Wesen ist mitternachtsblau und rostrot und silbern. Seine scheinbar undifferenzierte Haut besteht in Wirklichkeit aus unzähligen, sich überlappende Segmenten, so klein und präzise, dass sie sogar aus der Nähe wie eine perfekte Einheit aussehen. Madrigal wischt mit dem Ärmel über ihre Augen. Sie möchte

Das größere der beiden Wesen scheint sich zu entfalten, sich auseinanderzuklappen, in alle Richtungen massiver zu werden auf eine undefinierbare Weise. Es ist plötzlich ein ganz anderes Tier, größer und bunter, von anderer Form. Jetzt hat es auch Glieder: breite, graue Flossen, die spitz und elegant zulaufen. Sein Gefährte verwandelt sich fast gleichzeitig, und gemeinsam scheinen sie das Wasser zu attackieren, seine Oberfläche zu prügeln, um es dann einfach zu verlassen. Im ersten Moment weigert sich Madrigals Gehirn, das zu akzeptieren. Nie zuvor hat sie so etwas gesehen. Sie verlassen die Erde.

Später versucht Madrigal vergebens, ihrem Mann klarzumachen, was sie erlebt hat. Das Pärchen gab einen Laut von sich, bevor es wegflog: einen brutalen, rauen Schrei, der sogar durch das Glas der Windschutzscheibe zu hören war. Sie versucht, ihn in der warmen Stille des Fernsehzimmers zu imitieren, und obwohl ihr Mann achtgibt und nicht im Geringsten irritiert ist, merkt sie sofort, dass es nicht klappen wird. Er sagt schließlich, er hätte sie noch nie so zornig gesehen, so verzweifelt, und er hat damit völlig recht. Sie steht in einer Art Boxerhaltung zwischen ihrem Mann und dem Bildschirm, weinend und zitternd, und bemerkt, wie wenig er versteht. Sie muss sich

In der gleichen Nacht setzt sie sich an den Schreibtisch, schaltet den Computer ein und fängt an zu suchen. Sie braucht länger, als sie sollte, weil sie nicht die geringste Begabung fürs Internet hat – ihr erster Versuch ist WASSER + ARMLOS + NICHT FISCH – aber nach fünfzehn Minuten hat sie es schon. LEBEWESEN + WASSER + LANGER HALS + ROTE BRUST + FLIEGEND. Die Tiere, die sie gesehen hat, waren Rothalstaucher im Brutgefieder.

Die ganze Nacht hindurch sitzt sie am Computer und liest, besessen wandernd von einem Link zum nächsten, von Taucher über Wasservögel und avifauna zu der Verteilung der Federn auf dem Flügel, Deckfedern, Eckflügel, Handschwingen, Armschwingen, Schulterfittich, Bürzel, dann weiter zu Verbreitungskarten und den katastrophalen Aussterbezyklen des vergangenen Jahrhunderts, und es wird ihr langsam mulmig dabei, als ob sie Pornographie statt Ornithologie konsumieren würde. Kurz vor Sonnenaufgang stößt sie auf das Feldtagebuch eines kontinentalen Forschers, geschrieben zur Zeit des Zweiten Globalen Krieges. Sie druckt ein paar Seiten davon aus, legt sich auf das Sofa im Wohnzimmer und beginnt zu lesen.

Im ersten Eintrag hat der Ornithologe, ein gewisser Benedikt Weisshaupt, die Hälfte einer Expedition in den Bosavi-Regenwald von Neuguinea schon hinter sich. Er scheint auf der Flucht vor etwas zu sein – vor Faschismus, womöglich, oder irgendeinem privaten Skandal. Er ist auf der Suche nach einer bisher unbeschriebenen Spezies des Laubenvogels, in der Sprache der Bosavi Er-der-lauert

Weisshaupt verlangt bewaffnete Begleitung von den Ältesten der Bosavi, aber diese begeistern sich nur wenig für die eisernen Axtköpfe, die er ihnen dafür anbietet; ein Junge mit «einem dekadenten Grinsen» erklärt ihm, dass die gleichen Äxte im Port-Moresby-Depot für ein halbes Bündel Tabak zu bekommen sind. Weisshaupts Eintrag verwandelt sich in einen rassistischen Wutanfall, den Madrigal sich erspart. Sie liest beim nächsten Eintrag weiter:

 

«Wieder hat mich meine Neigung, bezaubernde Landschaften zu bewundern (die vielleicht nicht existieren) in eine Sackgasse geführt.»

 

Weisshaupt bewegt sich jetzt mühsam den Hang des Vulkans hinauf und beschwert sich pausenlos über den einzigen Begleiter, den ihm die Bosavi letztendlich gegönnt haben: Iguakallalianakup’a, auch «Ginger» genannt, ausgerechnet der grinsende Trottel, der seine Äxte verschmäht hat. Aus dem Dschungel dringt von allen Seiten Gegurgel und Gezwitscher; aber Gingers Antwort, sooft ihn Weisshaupt nach den Vogelarten fragt, lautet immer einfach «Tier» oder «Er-der-lauert».

 

Was war das für ein Ruf, Ginger? Und sag jetzt nicht Er-der-lauert.

Jawohl, Weisshaupt. Das war ein Tier.

Nein, Weisshaupt. Nicht nur irgendeines.

Was für eines dann?

Er-der-lauert.

 

Im gleichen Moment wird das Hemd des Ornithologen von einem «brennenden Saft» durchnässt, und es folgt eine weitere Beschimpfungskaskade. Kurz danach findet sich Weisshaupt in seinem zerfetzten Zelt wieder, am Südrand des Kraters, zitternd vor Kälte und Fieber. Es gelingt ihm noch, ein Gespräch zu beschreiben: ein Gespräch, das seine Sicht auf den Jungen, den Dschungel, und vor allem den Gesang, der ihn umgibt, radikal verändert hat.

«Ich hatte Ginger zum hundertsten Mal gebeten, mit seinem pausenlosen Summen aufzuhören, worauf er nur lachte. Dann nahm er mich bei der Hand, als ob ich ein Kind wäre, und erklärte mir geduldig, dass wir sofort verloren sein würden, sobald sein eigenes Lied zu einem Ende käme.

Wieso denn, Ginger? Bist du vielleicht eine Fledermaus?

Nein, Weisshaupt. Bin Lerner der Landschaft. Bin Macher den Weg.

Verstehe, sagte ich ironisch. Du bist Kartograph.

Darauf bat mich Ginger, das Wort zu wiederholen; dann lachte er nochmals auf. Richtig, Weisshaupt. Bin Kartograph.

In dem Moment lichtete sich endlich die Wolkendecke meines Bewusstseins: Langsam wurde mir klar, dass die Lieder der Bosavi vokalisierte Kartierungen des Dschungels sind und dass sie aus der Warte eines Vogels gesungen

Wer ist Er-der-lauert, Ginger? Ist er überhaupt ein Vogel?

Jawohl, Weisshaupt. Er ist sehr wohl ein Vogel. Und Sie auch.»

Als seine Temperatur weiter steigt, wenden sich Weisshaupts Gedanken immer stärker in seine Vergangenheit, zu den Kataklysmen, vor denen er um die halbe Erdkugel geflohen ist: den Verfolgungen, den Massenversammlungen, den Gesichtern von Nachbarn und Familienmitgliedern und sogar gebildeten Kollegen, glanzäugig vor Begeisterung über ihren schwerfälligen, streitsüchtigen «Leiter» – und zuletzt, mit albträumerischer Unvermeidlichkeit, zum Leiter selbst, unantastbar in seinem hohen Wehrturm, umgeben von Beratern und von Schmeichlern, die er kaum zu sehen scheint. Zauberei ist da im Spiel, da ist sich Weisshaupt sicher. Er ist mit dem Leiter in seiner privaten Suite, in abgeschiedenen Räumen, in denen er sich mit seinen Engeln und Dämonen unterhält. Der Ornithologe und der Populist sehen die Welt jetzt durch die gleichen ängstlichen, blutunterlaufenen Augen.

Der Leiter hängt in seinem «Versailles-Zimmer» in einem hochgerüsteten Liegesessel, sich zerbrechlich und winzig fühlend, und horcht auf körperlose Stimmen. Das Auge des Radios pulsiert und flackert. Unabhängige Sender gibt es noch, zu seiner eigenen Verblüffung, und er hört sie sich manchmal spätnachts an, von einem masochistischen Verlangen getrieben. Momentan wird er

 

Wenn Sie mich fragen, wäre es sinnvoll, ein bisschen weiter als bis zu den üblichen totalitären Vergleichen zurückzugehen und sich gewisse Theorien der Tierzucht anzusehen, die man während der britischen Landwirtschaftsrevolution entwickelt hat.

 

(Gelächter) Herr Wells, wollen Sie damit andeuten –

 

Ich merke lediglich an, dass Er-der-nicht-genannt-werden-darf und seine Besessenheit, die Grenzen zu kontrollieren, das Land ethnisch und sprachlich zu säubern, nur geringe Abweichungen zu den Ansichten eines Schäfers des 17. Jahrhunderts aufweisen.

 

Wir befinden uns in gefährlichen Zeiten, Herr Wells. Als Journalist –