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Das Buch

Es war eine ganze Generation von Frauen, die in der jungen Bundesrepublik plötzlich neue Rollen und Lebensentwürfe erprobte und gegen die patriarchalen Strukturen rebellierte. Was trieb sie an? Christina von Braun zeigt am Konfliktfeld Geschlecht, wie politische und persönliche Geschichte ineinandergreifen. Und sie erzählt aus ihrer eigenen Erfahrung vom unbändigen Drang nach Erkenntnis.

Die Autorin

CHRISTINA VON BRAUN, geboren 1944 in Rom, drehte etwa 50 Filmdokumentationen und verfasste zahlreiche Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. 1994 wurde sie an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Sie war Gründungsdirektorin und langjährge Leiterin des ersten Studiengangs Gender Studies in Deutschland und ist Senior Research Fellow des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. 2013 erhielt Christina von Braun den Sigmund-Freud-Kulturpreis. Bei Propyläen erschien zuletzt Stille Post. Eine andere Familiengeschichte.

CHRISTINA VON BRAUN

GESCHLECHT

Eine persönliche und
eine politische Geschichte

Verlagsqualität Ullsteinbuchverlage

Propyläen

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ISBN 978-3-8437-2511-8


© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München

Umschlagmotiv: © privat

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Für meine Enkelkinder
David (4), Alma (2), Nora (2), Feline (3 Monate).
Falls sie später mal Näheres wissen möchten.

VORWORT

Das mit dem Patriarchat war nur mal so ’ne Idee

Wir leben im ersten Zeitalter, das zugibt, nicht genau zu wissen, was das ist: »der Mann«, »die Frau«. Vorangegangene Epochen hatten präzise Vorstellungen von der »Natur der Geschlechter«, auch wenn jedes neue Zeitalter die früheren Definitionen Lügen strafte. Bis etwa 1800 vollzog sich der Wandel der Geschlechterrollen allmählich. Das Bestehen eines Regelwerks konnte sich über Jahrhunderte hinziehen – Jahrhunderte, in denen sich die Geschlechterbilder nur minimal verschoben. Bei uns hingegen, die wir im 20. Jahrhundert geboren wurden, veränderten sich die Dinge schnell und immer schneller. Noch um 1900 waren angesehene Wissenschaftler der festen Überzeugung, dass Frauen aus anatomischen Gründen nicht zu akademischer Ausbildung befähigt seien und man ihnen auch kein politisches Stimmrecht anvertrauen könne. Die Frauen seien »nicht reif für die Demokratie«, hieß es, die ökonomische Unabhängigkeit der Frau sei mit den »Naturgesetzen« nicht vereinbar und so weiter.

Wenige Jahrzehnte später sitzen Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen, sie üben politische Macht aus und machen mehr als die Hälfte aller Studierenden aus. Amerikanische Eliteuniversitäten haben in manchen Fächern klammheimlich Männerquoten eingeführt, um die »Feminisierung« von Disziplinen zu verhindern. In immer mehr juristischen Auseinandersetzungen entscheiden Richterinnen über die Auslegung von Gesetzen, die Politikerinnen durch die Parlamente gebracht haben. Feministische Kämpferinnen – und vereinzelt auch Kämpfer – haben zu diesen Veränderungen beigetragen. Und sie tun es (zum Glück) auch weiterhin. Aber ihr Beitrag erklärt nicht alles. Es gab immer schon Frauen, die Bildung einforderten und gern ökonomische Unabhängigkeit besessen, politischen Einfluss ausgeübt hätten. Das wurde ihnen beharrlich verweigert. Das Erstaunliche an diesem Zeitalter ist nicht, dass Frauen die Gleichberechtigung einfordern, sondern dass sie ihnen gewährt wurde. Zum ersten Mal in Tausenden von Jahren. Was war der Anlass für dieses Umdenken? Und warum geschah die Umwälzung in so kurzer Zeit, gerade mal hundert Jahren? Zwei denkbare Erklärungen: Entweder vollzog sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten eine radikale Mutation des geschlechtlichen Körpers (eher unwahrscheinlich) – oder aber es dämmerte allen, dass die Geschlechterrollen nie von der »Natur«, sondern immer schon kulturell bestimmt waren. Dann stellt sich allerdings die Frage, auf welcher Evidenz die Vorstellungen früherer Zeitalter über die natürliche Berufung des Mannes zu akademischer Ausbildung, künstlerischer Tätigkeit, politischer Reife beruhten. Und wie es zu diesem plötzlichen Sinneswandel kam. Ich wusste es nicht, aber rückblickend kann ich erkennen, dass mich diese Fragen begleiteten, seitdem ich zu denken begann. Alle meine Filme und Bücher kreisen letztlich um dieses eine Thema, sie erscheinen heute wie unterschiedliche Herangehensweisen und Methoden, plausible Antworten zu finden.

Ich stand mit diesen Fragen nicht allein. In derselben Zeit machten sich Hunderte anderer Frauen auf die Suche nach Antworten: feministische Wissenschaftlerinnen, Filmemacherinnen, Autorinnen, Künstlerinnen. Jede von ihnen trug neue Teile zum Puzzle bei, wir lernten voneinander. Wir suchten in den Texten und schrieben Bücher, wir durchforsteten die Kunstgeschichte und schufen neue Werke, wir hörten die Musik vergangener Zeiten und komponierten zeitgemäße. Jede von uns erfand neue Begriffe oder verlieh alten Wörtern einen veränderten Sinn. Da sich der Wandel kultureller Ordnungen oft unterschwellig vollzieht, mussten wir lernen, die in den Archiven lagernden Akten und Dokumente auf ihr »verborgenes« Wissen zu befragen, die Aufmerksamkeit auf die Auslassungen hinter den Einlassungen zu richten. Der Historiker David Sabean gibt ein beredtes Beispiel für eine solche Leerstelle: Er beschreibt, wie ihm in der Klosterbibliothek von Weingarten eine Urkunde vorgelegt wurde, die mit mehr Siegeln und Stempeln versehen war als irgendein anderes Dokument, das er je gesehen hatte. Die Urkunde hielt fest, »dass Frauen noch nie das Erbrecht auf Höfe oder Teile von Höfen besessen hatten, wobei allein der Umfang der Urkunde diese Aussage Lügen strafte«.1 In Wahrheit waren Töchter bis ins Mittelalter genauso erbberechtigt wie Söhne, doch in den späteren Jahrhunderten verdrängte man sie konsequent aus den Erblinien. Von nun an »bezeugten« Urkunden wie diese, dass es immer so gewesen sei.

Die französische Autorin Annie Ernaux nennt sich eine »Ethnologin ihrer selbst«: Sie forscht in ihren persönlichen Erinnerungen, um rückblickend die Prozesse ihrer Zeit zu erkennen.2 Bei anderen Autorinnen ist es umgekehrt: Sie berichten von historischen Begebenheiten, von ethnologischen Forschungen, von sozialen Entwicklungen – von Prozessen also, die weit über die Existenz einzelner Frauen hinausgehen. Das tun sie jedoch im Bewusstsein, dass ihr Blick von den Erfahrungen ihres persönlichen Lebens, von den kulturellen Bedingungen ihrer Existenz geprägt ist. Ich lernte von ihnen, in die Skepsis gegenüber den Erzählungen der anderen auch die eigene Voreingenommenheit einzubeziehen.

Ob es sich um die Betrachtung der Geschichte durch die Augen des Selbst oder die Betrachtung des Selbst durch die Augen eines Zeitalters handelt: In beiden Fällen kann das Ich nie mehr als Symptom allgemeiner Entwicklungen sein. Weder das handelnde noch das betrachtende Ego kann sich herauslösen aus den historischen Prozessen, in die es hineingeboren oder verpflanzt wurde. Gewiss, wir sind alle Akteure unserer Lebensgeschichten; zugleich sind wir aber auch die blinden Passagiere eines Projekts der Geschichte: ihrem Kurs ausgeliefert. Und für unser Zeitalter hält dieser Prozess eine besondere Story bereit. Man könnte sie als die Erkenntnis beschreiben: »Das mit dem Patriarchat war nur mal so ’ne Idee.«

Wir haben gelernt, zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem, kulturellem Geschlecht (gender) zu differenzieren. Das hatte seinen Sinn: Es galt darauf hinzuweisen, dass die sozialen Geschlechterverhältnisse nicht durch die Biologie bestimmt werden und durch diese auch nicht zu erklären sind. Inzwischen fragt es sich aber, ob nicht die deutsche Sprache – gerade weil sie keine Unterscheidung vornimmt – das Sensorium für den umgekehrten Prozess schärft: dass nämlich die sozialen Rollen und die kulturellen Imaginationen von Männlichkeit und Weiblichkeit einen entscheidenden Einfluss auf die Biologie der Geschlechter auszuüben vermögen. Die Wissenschaftsgeschichte und -theorie hat schon vor einiger Zeit die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur für obsolet erklärt: Ein Gutteil der Natur sei heute ein Artefakt der Kultur.3 Diese Einsicht gilt in erhöhtem Maße für Geschlecht, wo Individuelles und Soziales, Persönliches und Politisches immer eng miteinander verwoben waren. Das machte Geschlecht zum idealen Experimentierfeld, auf dem die Kultur ihre Macht über Natur und Gesellschaft erproben und zugleich darstellen konnte. Auch davon erzählt dieses Buch.

Auf welche Weise die Frauen meiner Generation zu Feministinnen wurden und ihren Feminismus gelebt haben, hing mit ihren individuellen Biografien zusammen. Aber dass wir so viele sind, hat etwas mit diesem Prozess der Geschichte zu tun: Die neuen Geschlechterrollen hängen mit ökonomischen Verhältnissen, den neuen Reproduktionstechniken, veränderten Imaginationen über Männlichkeit und Weiblichkeit wie auch der grundsätzlichen Anzweiflung einer Geschlechterpolarität zusammen. Diesen Neuerungen ist es zu verdanken, dass der Begriff Feminismus mittlerweile für viele überholt erscheint. Für meine Generation war er wichtig. Er definierte die Anerkennung weiblicher Selbstbestimmung. Andere Begrifflichkeiten traten seither an seine Stelle. Neben den »feministischen« Blick traten die lesbischen, schwulen, queeren, diversen Perspektiven. Aber auch sie haben ihren historischen Kontext. Das Gendersternchen tauchte erst auf, nachdem Homosexualität zunächst legalisiert, dann gesellschaftlich akzeptiert war* und die Reproduktionsmedizin den Begriffen »Vater« und »Mutter« multiple Bedeutungen zugewiesen, der geschlechtlichen Zugehörigkeit ihre Eindeutigkeit genommen hatte.

* Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags veröffentlichte 2016 eine repräsentative Studie, laut der 83 Prozent der Deutschen die juristische Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit dem Ehegesetz befürworten. Im Fazit des Berichts steht: »Insgesamt hat die Akzeptanz der Homosexualität in der deutschen Gesellschaft sehr zugenommen. Während bis in die 1970er-Jahre hinein homosexuelle Lebensweisen mehrheitlich als moralisch verwerflich oder krank beurteilt wurden, äußert sich heute eine Mehrheit positiv über Homosexualität. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit laut einer Studie von 2013 an erster Stelle: Auf die Frage: ›Sollte die Gesellschaft Homosexualität akzeptieren?‹ antworten 87 Prozent der Deutschen mit Ja, in Frankreich sind es 77 Prozent, während lediglich 16 Prozent der Russen und neun Prozent der Türken die Aussage befürworten.« (Wissenschaftlicher Dienst 2016)

Der Wandel der Geschlechterrollen begann mit der Frauenemanzipation. Deshalb hat der Begriff »Feminismus« noch immer hohes Erregungspotenzial. Den Konservativen treibt er die Zornesröte ins Gesicht, während emanzipierte Frauen wie Marine Le Pen oder Alice Weidel der Rechten ein feministisches Image verleihen sollen. Im linken und liberalen Spektrum kritisieren einige, dass der Begriff Feminismus zu sehr am traditionellen Muster der Geschlechterpolarität festhält, während andere finden, dass die Gleichberechtigung schon längst erreicht und der Feminismus überflüssig sei.

Es genügte eine einzige Krise, um die Fragilität dieser Positionen offenzulegen. Im März 2020 wurde Deutschland von der großen Pandemie heimgesucht, das Land ging in den Lockdown. Kaum waren die Schulen und Kitas geschlossen und die Eltern zum Homeoffice übergegangen, kam in den Familien das alte Rollenschema wieder zum Vorschein: Die Mütter bespielten die Kleinkinder und übernahmen das home schooling der Älteren. Siebenhunderttausend alleinerziehende Mütter blieben sich völlig selbst überlassen. »Kinder Küche Corona« titelte eine Zeitung: »Die Krise offenbart, dass patriarchale Alltagsmuster nach wie vor das Denken und Handeln der Menschen prägen.«4 In der Wochenzeitung Die Zeit konstatierte Julia Jäkel, Geschäftsführerin von Gruner + Jahr, dass bei Telefonkonferenzen »ausschließlich tiefe Männerstimmen in der Leitung« seien.5 (Die schöne Doppelbedeutung von »Leitung«.) Die Rückkehr alter Rollenmuster in Krisenzeiten scheint von der Beharrlichkeit dieser Muster zu erzählen. Aber ich bin nicht sicher, dass diese Betrachtung schon das Ende der Story ist. Es kam zu Gegenentwicklungen. Im Juli berichteten Anwaltspraxen und Paartherapeutinnen von wachsenden Konflikten und steigenden Trennungswünschen. Die Rückkehr zu den alten Verhältnissen verlief offenbar nicht ganz so glatt. Allein im März 2020 verfünffachte sich die Anzahl der Scheidungsanträge in Berlin. Meist junge Paare mit Kindern.6 Einige Monate später zeigte eine wissenschaftliche Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, dass die Paare die Familienarbeit, anders als zunächst gedacht, im Laufe der Corona-Monate gerechter zu verteilen begannen.7 Corona brachte also beides: sowohl die Retraditionalisierung der Geschlechterrollen als auch eine Neuverteilung der Care-Arbeit.8 Hinzu kommt, dass da, wo es zum Rückfall in traditionelle Muster kam, dies ausschließlich dem gender pay gap zu verdanken war. Da die Männer im Allgemeinen das höhere Einkommen haben, steckten die Frauen beruflich zurück. Die Einkommensdifferenz ist in der Tat die wichtigste noch bestehende Bastion gegen die Gleichberechtigung. Aber ich bin zuversichtlich, dass auch sie fallen wird.

Man sollte die Veränderungen der Geschlechterrollen immer unter langfristiger Perspektive betrachten; der Wandel von Mentalitäten zeigt sich am ehesten aus der Distanz. Unter diesem Blickwinkel tritt plötzlich zutage, dass am Ende der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts (überwiegend bewirkt von Leitbildern der Männlichkeit) immer wieder die Verbesserung der Frauenrechte stand. Das galt für beide Weltkriege wie für den Nationalsozialismus. Nach 1918 erhielten Frauen das Wahlrecht, nach 1945 wurde die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert. Vielleicht ist jetzt der gender pay gap dran. Ja, die Corona-Krise hat die Beharrlichkeit alter Rollenschemata hervorgekehrt, aber sie hat die Veränderungen auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse nicht grundsätzlich infrage gestellt. Hinzu kommt, dass gerade Machos wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro im Umgang mit der Pandemie kläglich versagt haben.

Der Anthropologe Karl Polanyi hat ein äußerst erhellendes Buch über den Industrialisierungsprozess geschrieben. In The Great Transformation stellt er nicht nur die sozialen Folgen der Industrialisierung – Verarmung, Verstädterung, Abstieg des Werts von Grund und Boden, Aufstieg des Kapitals –, sondern auch die strukturellen Veränderungen des Zusammenlebens dar. Aus einer Gemeinschaft, in der alle aufeinander angewiesen waren, wurde eine individualistische Gesellschaft, die sich als Anhängsel des Marktes verstand. »Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet.«9 Beim Wandel der Geschlechterrollen geht es um eine viel langfristigere Perspektive als bei der Industrialisierung. In unserer Epoche findet eine Zeitenwende statt, bei der Jahrtausende in den Blick genommen und neu gedacht, alte Traditionen hinterfragt werden (ohne dass dabei die Errungenschaften anderer Zeitalter verworfen würden). Der Zufall hat die Frauen meiner Generation in diesen historischen Moment hineingestellt – und das mag erklären, dass gerade wir dann auch das Bedürfnis empfanden, die Zeichen der Zeit zu entziffern. Geschichte ist ein Fortsetzungsroman, und zum ersten Mal beteiligen sich auch die Frauen an der Erzählung.

Diesem Buch ging ein anderes voraus: Die Stille Post erschien vor fast 15 Jahren.10 Darin erzähle ich von den Frauen meiner Familie, meiner Mutter, meinen Großmüttern. Den berühmten Männern meiner Familie wurden schon einige Bücher gewidmet. Oder sie haben sie selbst verfasst. Als ich diese »andere Familiengeschichte« schrieb, wollte ich herausfinden, welche Erbschaften die Frauen dieser zwei Generationen hinterlassen haben. Welche Botschaften bei meinen Schwestern und mir ankamen. Meine mütterliche Großmutter Hildegard Margis habe ich persönlich nie kennengelernt, sie starb drei Monate nach meiner Geburt. Gerade mit ihr verband mich aber einiges, wie ich im Laufe der Recherchen für die Stille Post feststellte. Viele Themen, die mich beschäftigen, standen auch schon auf ihrer Agenda: die Frauenrechte, die deutsch-jüdische Geschichte. Auch die unterschiedliche Wirkmacht von Medien: »Ihr solltet Hitler nicht zuhören, ihr solltet ihn lesen«, hatte sie lange vor 1933 ihren Kindern gesagt, als sie sie vor den Nazis warnte. Offenbar durchschaute sie früh das, was Medientheoretiker heute »sekundäre Oralität« nennen: eine von medialen Techniken bewirkte Form von Unmittelbarkeit, die bald zur wichtigsten Waffe des Populismus werden sollte.

Die Biografie von Hildegard Margis steht nicht für ein historisches Einzelschicksal. Sie gehörte der ersten Generation von Frauen an, die das Wahlrecht hatten. Wie viele andere Frauen der 1920er-Jahre ließ sich meine Großmutter diese Chance nicht entgehen. Im Ersten Weltkrieg jung verwitwet, brachte sie sich und ihre beiden kleinen Kinder allein durch. Sie gründete eine erfolgreiche Hausfrauenorganisation und gab Wochenblätter zur Verbraucherberatung heraus, bevor irgendjemand die Worte Konsument und Verbraucherschutz kannte. Sie gründete einen Verlag für Ratgeber und Kochbücher. Die Publikationen verkauften sich hervorragend: an die vielen Witwen, die lernen mussten, Broterwerb und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Hildegard Margis verdiente gut, trat im Radio auf, knüpfte Kontakte zu Frauenverbänden in den USA, engagierte sich in der Politik, wurde Bezirksverordnete von Charlottenburg. Ihre Karriere wäre weiter aufwärts gegangen, hätten ihr die Nazis nicht ein Ende gesetzt.

Nach 1933 wurde Hildegard Margis aus ihren öffentlichen Ämtern verdrängt, und so wie die Nazis den Ullstein Verlag, mit dem sie liiert war, »arisierten«, übernahmen sie auch ihre Hausfrauenverbände und Verlagsgeschäfte. 1943 schloss sich meine Großmutter der Widerstandsgruppe »Freies Deutschland« an: Diese war von Kommunisten ins Leben gerufen worden, aber es gehörten ihr auch Sozialdemokraten und Bürgerliche wie sie an. Als der Anführer Franz Jacob im Juli 1944 verhaftet und kurz danach hingerichtet wurde, kam es zu einer Verhaftungswelle, die auch meine Großmutter erfasste. Sie wurde von der Gestapo festgenommen und starb im September 1944 im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße.

Erst im Alter von vierzig Jahren erfuhr ich von einem Onkel – dem Bruder meiner Mutter, er war 1934 über England nach Australien emigriert –, dass die Mutter von Hildegard Margis konvertierte Jüdin gewesen war. Meine Großmutter konnte also niemals einen »Ariernachweis« vorlegen, zu ihrem Glück lag ihre Geburtsurkunde im polnischen Posen (heute Poznań), sonst wäre sie als alleinstehende »Halbjüdin« schon früh deportiert worden. Jahre bevor ich das erfuhr, waren merkwürdigerweise sowohl die Geschlechterfrage als auch die deutsch-jüdische Geschichte zu den Hauptthemen meiner Arbeiten geworden. Ich ahnte nichts von den Dingen, die über das Leben meiner Großmutter bestimmt hatten – und dennoch wurden sie auch für mein Leben bestimmend. Meine Mutter, die zu Beginn der NS-Zeit gerade 18 Jahre alt war, hat sich mit diesen Fragen nicht beschäftigen wollen. Aber sie muss, so begreife ich heute, Mittlerin gewesen sein zwischen Großmutter und Enkelin. Allein ihr Schweigen war beredt. Vielleicht vermittelten die Depressionen, an denen sie litt, eine Ahnung von dem, was sie verschwieg.

Männer haben explizite Stammbäume. Die Genealogien der Frauen sind eher implizierter, psychischer Art. Man muss sie lesen lernen. Auch von diesem Alphabetisierungsprozess möchte ich erzählen. Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk, sondern eine persönliche Biografie, in der eine (holprige) Entdeckungsreise beschrieben wird. Meine Entdeckungsreise. An deren Anfang standen Fragen, die ich noch gar nicht richtig formulieren konnte; an deren Ende unter anderem die Einsicht, dass sich im 20. Jahrhundert eine geistige Genealogie der Frauen herausgebildet hat. Mag sein, dass es diese schon immer gab; wenn ja, so blieb sie im Verborgenen. Nun jedoch verlässt sie den Untergrund. Die einzelnen Feministinnen meiner Generation mögen sehr unterschiedliche Wege zurückgelegt haben – aber ich vermute, dass im Kopf einer jeden von ihnen eine solche Großmutter herumspukt. Das geistige Vermächtnis dieser vorangegangenen Generation an uns Nachgeborene ist ein großer Reichtum. Aber es verpflichtet uns auch zur Weitergabe.

In einem der frühen Romane von Vladimir Nabokov ist von einem Diktator die Rede, der seine Untertanen eines Buchstabens – des ›I‹ – beraubt: So kann niemand mehr »Ich« sagen.11 Ein Geniestreich! Sowohl des Tyrannen, der begreift, wie man der modernen Gesellschaft beikommt. Als auch des Autors, der das bestgehütete Geheimnis aus der Trickkiste der Diktatoren verrät. Jetzt, wo ich vorhabe, über das eigene Leben zu erzählen, käme mir ein solcher Diktator ganz gelegen. Wie schön wäre es, wenn man über die eigene Lebensgeschichte so berichten könnte, als gäbe es kein Ich! Bei der Arbeit an meinen Filmen und Büchern habe ich oft die beglückende Erfahrung gemacht, das Selbst vergessen zu können. Eintauchen zu können in fremde Personen, ferne Ereignisse, abstrakte Zusammenhänge – das war Urlaub vom Ich! Was mir die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte schließlich erleichtert hat, ist das Wissen darum, dass viele Frauen in derselben Zeit diese oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn ich meine Geschichte erzähle, berichte ich zugleich von anderen dieser Generation.

MEIN ITALIEN,
MEIN PARADIES

Frühe Kindheit im Vatikan

Fünf Kinder, fünf Leitz-Ordner. Die Spuren unmündiger Lebensjahre. Sie enthalten Briefe nach Hause. Dass es sie noch gibt, ist der Sorgfalt meines Vaters zu verdanken, der diese Korrespondenzen trotz zahlreicher Umzüge über die Jahre aufbewahrte. Von den fünf Kindern wurde jedes in einem anderen Staat geboren, dem Alter folgend Carola in Kenia, ich in Italien, Christoph im Vatikan, Cornelia in Westdeutschland und Claudia in England. So unterschiedlich unsere Geburtsorte, so einheitlich verfuhren unsere Eltern bei der Namensgebung: Alle Vornamen beginnen mit C. Bei Carola, Christoph und mir war das noch eher Zufall. Beim vierten und fünften Kind wurde die Reihe einfach fortgesetzt. Vor der Geburt der beiden jüngsten Schwestern lagen bei uns Listen aus, auf denen die Besucher potenzielle C-Namen (geschlechtergetrennt!) eintragen konnten. Diese Liste fand ich noch in den Unterlagen meines Vaters. Heute, mit dem Internet ist eine solche C-Suche einfach. Damals war man auf allgemeine Zuarbeit angewiesen.

Mein Ordner: Natürlich existieren nur Briefe aus den Zeiten, in denen ich nicht zu Hause war – also im Internat lebte oder studierte. Mit den Jahren wird die Korrespondenz immer spärlicher: Einerseits entfernte sich mein Leben von dem der Eltern, andererseits wurden Telefonate erschwinglicher. Man griff schnell mal zum Hörer. Wie alle mündlichen Nachrichten hatten auch diese ihre Verfallszeit. Meine Eltern erlebten zwar noch das Internet, fanden aber keinen Zugang mehr zur digitalen Kommunikation. Geradezu historisch mutet ein Dokument aus dem Jahr 1995 an, in dem unsere Tochter Anna ihrem Großvater in einem Brief aus den USA (auch er befand sich in meinem Leitz-Ordner) das Internet erklärt. »Man muß sich das wie einen riesigen Markt vorstellen. Du kannst nach etwas sehr Speziellem suchen. Du kannst Dich aber auch von der überwältigenden Fülle des Angebots berauschen lassen. Ist man erstmal im Internet, kann man sich stundenlang damit beschäftigen, überflüssigen Kram durchzublättern (man benutzt hier die Metapher des Buches, weil man am Computer immer eine Seite vor sich hat). Auf diese Weise kann ich auch wöchentlich ausgewählte Spiegel-Artikel lesen. Sehr praktisch. Außerdem erlaubt mir dieses Surfen, mich mit meinem heißgeliebten Bruderherz über zwei Stunden lang zu unterhalten (zum Bonner Ortstarif für Telefon!).« Mein Vater verstarb 1997, meine Mutter 2001; beide erreichten ein hohes Alter. Schon ab den späten 1970er-Jahren wurden Briefe rarer. Ich finde zwar noch kleine Spuren des Briefverkehrs – hier eine Widmung, dort ein Begleitschreiben zu einem mir zugeschickten Buch oder Foto, gelegentlich auch eine ausgedruckte Mail. Aber richtige Briefe gibt es nur noch selten. Für die Zeit nach dem Brief basiert der größte Teil meines Gedächtnismaterials auf den Texten und Filmen, an denen ich gearbeitet habe. An ihnen kann ich in Umrissen erkennen, wann und wie sich welche Interessen herausbildeten. Diese Arbeiten stellen eine Art von Tagebuch dar, aber anders als im Brief taucht das Wort »ich« darin nie auf.

In meinem Archiv liegen außerdem die Tagebücher meiner Mutter und ihr Briefwechsel mit meinem Vater. Sie umfassen die Jahre im Vatikan, meine ersten fünf Lebensjahre. Von dieser Zeit bleiben ansonsten nur einige sinnliche Eindrücke: Beim besonderen Hall von Kirchen, beim Geruch von Mimosen oder von Eukalyptus steigen unwillkürlich Gefühle in mir auf, für die ich keine Worte habe. Sie müssen aus dieser Zeit stammen. Laut den Erzählungen bin ich oft in die vatikanischen Brunnen gefallen. Die Hitze lud dazu ein. Es bleiben auch verschwommene Erinnerungen an Männer in langen schwarzen Röcken. Mit diesen inneren Bildern Priester zu verbinden geht vermutlich auf Fotos zurück, die ich später in elterlichen Sammlungen sah. Noch etwas erinnere ich: Als kleines Kind wusste ich, dass es einen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten gab. Er muss im Elternhaus oft Thema gewesen sein. Das Kind verlieh den Begriffen einen eigenen Sinn. Für mich bestand der Unterschied in der Augenfarbe: Braun war katholisch, blau evangelisch. Das entsprach wohl einer empirischen Evidenz: Die Deutschsprachigen waren wahrscheinlich blauäugig, was mit »evangelisch« gleichgesetzt wurde, und wer Italienisch sprach, musste »katholisch« sein.

Wir lebten damals im Vatikan, mein Vater war 1943 als Diplomat dorthin versetzt worden.* 1935 ins Auswärtige Amt eingetreten, hatte man ihn zunächst nach Paris geschickt und 1937 nach Äthiopien strafversetzt. (Bei einem Besuch des Reichsjugendführers der NSDAP Baldur von Schirach in Paris hatte es Krach gegeben.) Auf dem Weg nach Äthiopien rief mein Vater aus einer Telefonzelle in Neapel meine Mutter in Berlin an und bat sie, ihn zu heiraten. Im Frühjahr 1940 – inzwischen hatten die Deutschen Polen besetzt, es war Krieg – reiste meine Mutter ihrem zukünftigen Mann auf einem italienischen Frachter nach; sie heirateten in Addis Abeba. Wenige Monate später marschierten die Briten in das von Mussolini besetzte Äthiopien ein und befreiten das Land. Meine Eltern kamen in englische Gefangenschaft und landeten in einem Lager in Kenia auf 1800 Meter Höhe, wo 1942 meine Schwester Carola zur Welt kam. 1943 tauschte man meine Eltern gegen britische Gefangene aus. Die Familie kam nach mehrmonatiger Schiffsreise schließlich in Berlin an, und mein Vater, der gut Italienisch sprach, wurde gebeten, für eine kurze Zeit eine Vakanz bei der Botschaft am Heiligen Stuhl zu übernehmen. Der Vatikan war einer der wenigen Staaten, die überhaupt noch diplomatische Beziehungen zu Deutschland unterhielten. Seine Familie durfte er mitnehmen.

* Über die Jahre zwischen 1918 und 1948 und das Leben meiner Eltern und Großeltern in dieser Zeit habe ich in der Stillen Post ausführlich berichtet. Ich füge hier die Fakten nur skizzenartig ein, damit man versteht, wie es zu dieser frühen Kindheit im Vatikan kam.

Wenige Monate, nachdem meine Eltern im Sommer 1943 in Rom angekommen waren, ergaben sich die italienischen Truppen unter dem Marschall Badoglio den Alliierten. Daraufhin besetzten die deutschen Truppen die Ewige Stadt. Die Familie aus Deutschland war nun Teil der Besatzungsmacht. Meinem Vater wurde die Aufgabe übertragen, die vatikanischen Gebäude in Rom – vor allem Klöster – vor Übergriffen von Wehrmacht und SS zu schützen. Er wusste, dass in diesen Gebäuden auch Juden versteckt wurden. Während dieser Monate lebten die Diplomaten der Alliierten als Gäste des Papstes im Vatikan. Nachdem die Alliierten im Sommer 1944 Rom befreit hatten, war es umgekehrt: Die Diplomaten der »Achsenmächte« Deutschland, Japan und Finnland zogen in den Vatikan, die der Alliierten quartierten sich um nach Rom. Im Juni 1944 wurde ich geboren, genau eine Woche, nachdem meine Eltern in den Vatikan eingezogen waren. Für meine Geburt erhielten mein Vater und meine Mutter Passierscheine und freies Geleit durch einen Konvoi der Alliierten – auf dem Passierschein stand, dass meine Mutter sich bei der Geburt beeilen möge. Eineinhalb Jahre später kam mein Bruder im Vatikan zur Welt. Er dürfte der einzige Protestant sein, der den Vatikan als Geburtsort angeben kann.

Nach dem Ende des Kriegs kehrte mein Vater nach Deutschland zurück, um dort eine Arbeit und Unterkunft zu suchen. Er arbeitete zunächst bei den Nürnberger Prozessen. Seine Aufgabe bestand darin, die Übereinstimmung der Protokolle zu prüfen; er sprach Englisch, Französisch, Russisch, die drei Sprachen des Prozesses. Wie alle Angehörigen des Auswärtigen Amtes wurde er zuvor von den Alliierten auf Mittäterschaft bei den NS-Verbrechen überprüft. Da mein Vater seit 1934 fast durchgehend im Ausland gewesen war (bevor er ins Auswärtige Amt eintrat, hatte er in den USA studiert), erschien seine NS-Karriere eher marginal, zudem gab es Unklarheiten, was den Parteieintritt betrifft.* Bei ihrer Überprüfung seiner Akten im Winter 1946/47 stuften die Amerikaner ihn als „Nichtbetroffenen“ ein.

* Laut dem Biografischen Handbuch des Auswärtigen Amtes war er am 1.10. 1939 in die Partei eingetreten. Er war jedoch schon im Herbst 1938 nach Addis Abeba strafversetzt worden und sein letzter Besuch in Deutschland fand Weihnachten 1938 statt. Die Aufnahme in die Partei wurde ihm wiederum erst 1942, als er sich schon seit Monaten in britischer Gefangenschaft befand, mitgeteilt. Offenbar war sie wegen seiner Auseinandersetzungen mit Baldur von Schirach ausgesetzt worden.

Etwas später hatten die Amerikaner aber doch Gründe, meinem Vater genauer auf die Finger zu schauen. Er wurde von der CIA verhaftet. Wie sich herausstellte, hing dies mit seinem Bruder Wernher zusammen, der in Peenemünde an der Entwicklung der V1 und V2 beteiligt gewesen war. Wernher war im Mai 1945, zwei Tage nach der Kapitulation, von der US-Armee in Gewahrsam genommen worden. Man hatte aber einen Brief meines Vaters an General Dornberger, Wernhers Chef im Reichswehrministerium, abgefangen: Dieser Brief enthielt die Ortsbeschreibung eines Baumes im Allgäu und die Mitteilung, dass Wernher diese Information meinem Vater zugesteckt habe, bevor er seine Reise in die USA antrat. Die Amerikaner vermuteten, dass es sich um Akten aus dem Bestand von Peenemünde handelte. Tatsächlich lagen im Versteck ganz andere Dinge: ein aus dem abgeriegelten Schlesien herausgeschmuggeltes Manuskript der Memoiren meines Großvaters und Silberwaren von General Dornberger. Mein Vater wurde aus der Haft entlassen.

Während dieser Zeit blieb meine Mutter mit uns Kindern in Rom. Erst im Sommer 1949 verließen wir die Stadt. So kam es, dass ich die ersten fünf Jahre meines Lebens in den paradiesischen Gärten des Vatikans verbrachte. Die Gärten mussten wir nur verlassen, wenn sich der Heilige Vater dort aufhielt. Dieser Mann, von dem wir natürlich nicht wussten, dass er den Namen Pius XII. trug und schon bald eine historische Figur sein würde, war für uns eine abstrakte Respektsperson, fast wie eine der Statuen, die im Vatikan herumstanden. Wenn sein großes Auto vorbeifuhr, warfen wir uns bäuchlings auf den Boden – so wie wir es bei Erwachsenen beobachtet hatten. Prozession zu spielen war eine unserer Lieblingsbeschäftigungen: Wir gingen im Gänsemarsch hintereinander her und ahmten den Gesang der Liturgie nach. Diese ersten Kindheitsjahre, in denen meine Geschwister und ich nur Italienisch miteinander sprachen, hinterließen in mir eine unstillbare Sehnsucht nach Sonne (gepaart mit der Überzeugung, dass der Winter eine überflüssige deutsche Erfindung ist) und das stetige Verlangen, das verlorene Paradies wiederzufinden. Das Begehren wurde zur Triebfeder einiger späterer Italienreisen, die allerdings nie ganz befriedigend ausfielen. Denn in Italien angekommen, musste ich das Land mit anderen teilen. Anderen Deutschen. Der Verlust der Kindheit ist für mich bis heute nicht zu unterscheiden vom Verlust Italiens – meines Italiens.