Impressum
© 2020 Sebastian Cohen
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Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV: Sebastian Cohen
Anschrift:
Anwaltskanzlei Mohr & Golomski-Torsten Löffler
Hertzstr.26
13156 Berlin
Band 1
Ein Duke-Roman
Das eBook ist auch als Taschenbuch und Hardcover erhältlich
Umschlaggestaltung, Illustration: Sebastian Cohen
Lektorat, Korrektorat: Kerstin Löffler
Weitere Mitwirkende: S.B Hase
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.
Bereits erschienen:
Ohne Warnung
Band I – 2017
*
Ohne Ausweg
Band II – 2017
*
Ohne Hemmung
Band III – 2018
*
Sammelband 1 - Teil 1 - 3
2018
*
Ohne Chance
Band IV – 2018
*
Ohne Vergebung
Band V – 2019
*
Ohne Erinnerung
Band VI – 2019
*
Sammelband 2 - Teil 4 - 6
2019
*
Mit Genuss – Das Rezeptbuch zur Duke-Reihe
2020
*
Ohne Reue
Band VII – 2020
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Spannung garantiert!
Inhaltsverzeichnis
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
Für meine Frau.
Das Liebste in meinem Leben.
Ohne sie wäre vieles sinnlos.
Danke, mein Liebling.
Weiße Federwolken am Himmel und leises Vogelgezwitscher wirken beruhigend, wenn man im Schatten alter Bäume auf einem Waldboden liegt und Zeit hat, das Blau über einem zu betrachten. Feuchtwarme Waldgerüche und der intensive Duft von blühenden Wildblumen lassen einen entspannen. Gerade kündigte sich die Sonne an, um den neuen Tag zu begrüßen. Doch an einen Genuss der Umgebung war in diesem Moment nicht zu denken. Schweißüberströmt vor Schmerzen fiel es ihm schwer, die Schönheit des anbrechenden Sommertages zu genießen. In den letzten Stunden verlor er stetig Blut und mit den immer heftiger werdenden Schmerzen konnte er kaum noch klar denken.
Im satten Grün der Wiesen und Felder kann man barfuß laufen, um die Kraft der Pflanzen in sich aufzusaugen. Doch jetzt in diesem Augenblick war es umgekehrt. Die Kraft verließ ihn tröpfchenweise und die Erde saugte sie auf. Er düngte mit seinem Blut den Waldboden. Ohne seinen Gürtel, den er vor nicht allzu langer Zeit bei einem Straßenfest gekauft hatte – ironischerweise mit lebenslanger Garantie – wäre er wohl schon verblutet. Am Oberschenkel hatte er sich das Bein damit abgebunden, um die Blutungen halbwegs zu stoppen. Die versprochene Garantie sollte nicht hier und sicherlich nicht heute enden. Unkontrolliert vor Schmerzen liefen ihm Tränen über sein verschmutztes Gesicht und hinterließen kleine helle Streifen. Er biss die Zähne zusammen und Wut breitete sich in ihm aus, dass er sich in solch einer bescheuerten Lage befand. Gedanken kreisten in seinem Kopf und er bemerkte nicht, dass sich Fliegen über die süße, rote Abwechslung hermachten, die am Acht-Dollar-Lederdruckverband noch immer hervorquoll. Ohne es bewusst wahrzunehmen, tauchte er langsam ab in Ebenen zwischen Traum und Halluzination. Bilder kamen aus den tiefsten Winkeln seines Gehirns. Hinter seinen geschlossenen Augen erschienen sie wie vor einer Kinoleinwand. Er konnte sich nicht wehren, konnte sich nicht mehr konzentrieren. Eine Situation, die ihm Sorgen bereiten sollte. Hatte er gerade die Eintrittskarte für die letzte Vorstellung gelöst? Lief hier gerade der Abspann? Das kann es nicht gewesen sein. Nicht jetzt, nicht so, nicht hier in diesem Wald. Er war doch erst 16. Mehr und mehr lose Bilder reihten sich im Delirium zu einem Film zusammen. Er reiste einige Jahre zurück. In sein Bewusstsein schoben sich Erinnerungen an jenen Tag, der sein Leben für immer verändern sollte.
Duke lebte mit seinen Eltern in einem verschlafenen Ort mit knapp 22.000 Einwohnern, sechs Kirchen und einem kleinen Flugplatz: Keene, in New Hampshire. Der Ort hatte einen eigenen Charme. Nicht zu groß, dass man verloren geht, aber auch nicht so klein, dass jeder jeden kennt. Die typische Kleinstadt eben, wo Tante-Emma-Läden schließen müssen, weil Konsum-Imperien alle anderen verdrängt haben und man die einzige Hauptstraße herausputzt, weil zufällig das Rathaus dort steht. Und damit sich eventuell auch einmal ein Tourist nach Keene verirrt, versuchte man irgendwie den Charme der alten Zeiten zu erhalten.
Das Haus, in dem Duke mit seinen Eltern wohnte, war schon immer in Familienbesitz gewesen und das schon seit den Tagen, als die Vorfahren, die ihre Wurzeln in Europa hatten, in die Neue Welt auswanderten, um hier einen Neuanfang zu wagen. Das Grundstück war umrahmt von hohen Bäumen, die einen kleinen Hang hinaufwuchsen. Ein glasklarer Fluss schlängelte sich im Bogen am Haus vorbei und hinterließ den Eindruck, dass man sich auf einer Halbinsel befände. Das Haus lag nicht zu weit weg vom geschäftigen Ortskern. Hier herrschte noch die Ruhe, die anderswo selten geworden ist. Hektik war im Haus unbekannt und in Keene selbst wurde es nur aufregend, wenn es mal ein Fest gab. Duke war ein dunkelblonder Junge, nett, unauffällig und mit nur wenigen Hobbys. Er war ein Langschläfer und Träumer. Ein Einzelgänger, voller Ideen, Fantasien und doch immer mit dem Hang zur Perfektion, wenn er etwas anpackte. Zweierlei Dinge hasste er: seinen Vater – speziell, wenn dieser betrunken war – und den sonntäglichen Kirchgang. Das eine war nur peinlich und das andere reine Zeitverschwendung. Sein Vater arbeitete als Gabelstaplerfahrer in einem der Truckterminals am Ortsrand und seine Mutter als Verkäuferin in einem Antiquitätengeschäft im neuen Colony Mill Einkaufszentrum. Nicht gerade die perfekten Vorbilder für Duke, der aber noch zu unbedarft war, um hier zu erkennen, was er für Verlierer-Eltern hatte. Somit beschränkten sich seine Idole auf zweidimensionale Kino-Helden.
Mit zunehmendem Alter versuchte er mehr und mehr seinen Eltern aus dem Weg zu gehen. Es nervte ihn, ihre täglichen Streitereien ertragen zu müssen. Schon lange hatte er aufgegeben zu verstehen, warum sich erwachsene Menschen stundenlang über die harmlosesten Angelegenheiten streiten. Wo lag der Sinn darin, sich ständig anzubrüllen? Letztlich war der Alkohol an allem schuld und sein Vater wurde mit jedem Jahr seltsamer. Das Haus, das über all die Generationen immer gepflegt worden war, verfiel zusehends, vom Grundstück ganz zu schweigen. Kaum war sein alter Herr von der Arbeit zurück, fing das Trinken an. Solange genug Bier im Haus war, hing der Haussegen gerade. Sollte aber auch nur ein Tag die tägliche Betäubung ausfallen, war die Hölle los. An solchen Tagen versuchte Duke immer einen großen Bogen um seinen Vater zu machen. Allzu oft gab es Ausbrüche, die bei Duke farbenfrohe Hautverfärbungen hinterließen.
Im Alter von 12 Jahren zog er es vor, sich auf den alten Dachboden des Hauses zu verkriechen. Dort roch es muffig, nach abgestandener Zeit und gelebten Abenteuern. Doch hier fand er Dinge, die 100 Jahre und länger dort lagen und darauf warteten, von ihm neu entdeckt zu werden. Jedes Teil hatte seine eigene Geschichte und war einmal wichtig im Leben seines Besitzers, bis die Zeit es entwertete und als unmodern einstufte. Duke fühlte sich wohl inmitten all diesem alten Zeug. Hier konnte er von Abenteuern träumen, die er einmal erleben wollte. Es war für ihn Geschichte zum Anfassen. Das Schönste war die originale Reisetruhe, mit der seine Urgroßeltern von Europa nach Amerika gekommen waren. Diese Reisetruhe wurde ein Symbol für ihn: ein Sinnbild für Freiheit, Unerschrockenheit und Mut zur Veränderung. Jedes Mal, wenn er dieses alte Relikt berührte, machte es ihn nur entschlossener, irgendwann selber einmal diesen Ort zu verlassen und in die weite Welt zu gehen. Schon wenn er mit dem Finger über die alte Truhe strich und langsam den Staub zwischen den Fingern rollte, zauberte es ihm ein Lächeln auf sein Gesicht. Hier war er für sich und in seiner eigenen Welt. An einem anderen Tag fand er zwischen all den alten Sachen ein Taschenmesser, das von da an sein täglicher Begleiter werden sollte. Doch der coolste Fund wurde eine alte Karte aus Europa, die er in sein Zimmer hing und jedes Mal beim Betrachten wusste, dass er irgendwann eine große Reise unternehmen würde. Und immer wieder konnte er sich für Sachen begeistern, die auf andere wahrscheinlich alt und ausrangiert wirkten. Doch er fühlte, dass diese vergessenen Dinge in einem anderen Leben eine wichtige Bedeutung hatten.
***
Die Wandlung des ruhigen, fast scheuen Jungen zu einem selbstbewussten jungen Mann wurde durch ein Ereignis in Gang gesetzt, welches er mit 14 Jahren hatte. Die Sommerferien hatten gerade erst begonnen, als an einem schwül-warmen Vormittag ein paar Jungs vor seiner Garage erscheinen, in der er gerade sein Fahrrad putzte.
»Duke, du alte Pfeife, hör auf dein Fahrrad zu putzen und komm mit uns mit.«
Duke bildete mit seiner Hand einen schützenden Schirm gegen die Sonne, um zu erkennen, wer ihn rief. Es waren Typen aus seiner Klasse. Obwohl er alle Sechs schon länger kannte, hatte er nie zu ihnen gehört. Er war ausgeschlossen vom „harten Kern“. Und nun standen sie plötzlich vor seiner Garage und forderten ihn auf, mit ihnen loszuziehen.
»Was habt ihr vor?«, fragte Duke vorsichtig.
»Wir fahren in die stillgelegte Kiesgrube. Komm mit«, rief Kevin.
»Was wollt ihr dort machen?«, wollte Duke wissen.
»Nun hab dich nicht so albern. Oder hast du etwas Besseres vor?«, provozierte ihn Phil.
Duke fragte sich, was die Gruppe wirklich beabsichtigte. Er wollte sich keine Schwierigkeiten einhandeln, wenn sie etwas vorhatten, das nach Ärger stank. Doch als Feigling wollte er auch nicht dastehen. Nicht, dass er unbedingt Kumpel brauchte, doch die Ferien total alleine zu verbringen war eventuell auch nicht wirklich verlockend. Kurzentschlossen fuhr er mit ihnen mit. Eventuell werden die Sommerferien ja doch spannender als erwartet, dachte er.
Nach fünf Meilen erreichten sie die vollgelaufene Kiesgrube. Der alte Schwimmbagger war schon von weitem zu sehen und rostete vor sich hin. Ein Monster aus einer anderen Zeit. Am Bagger angekommen, standen sie im Schatten und schauten zu den riesigen Schaufeln hoch, die mahnend in den Himmel ragten. Nur vom bloßen Anschauen kribbelte es unter Dukes Kopfhaut. Dann baute sich Phil grinsend vor ihm auf.
»Wir haben ein Aufnahmeritual: rauf auf den Bagger und von der letzten Schaufel in den See springen. Dann gehörst du zu uns.«
Duke schüttelte den Kopf.
»Jungs, das sind bestimmt 45 Fuß. Den Sprung überlebt keiner.«
»Wir leben noch«, lachte Phil und schubste ihn dabei leicht von hinten.
Wie bekloppt ist man denn, da hoch zu wollen, dachte sich Duke. Es sollte eine Probe werden, um den Zusammenhalt der Truppe zu festigen. Was eignet sich dazu besser, als etwas Extremes, das zusammenschweißt? Und wenn man davon Narben bekommt, dann sind das nur Trophäen. Doch so nötig hatte er ihre Gesellschaft nun auch nicht und dachte sich: lieber ein gesunder Feigling, als ein mutiger Krüppel.
»Sorry, Jungs, aber das ist nichts für mich«, erklärte er ihnen.
»Das ist nichts für mich«, äffte Kevin ihn nach.
»Aussteigen ist nicht, hier wird sich nicht gedrückt«, meinte Martin.
»Los, du jämmerliche Flasche, rauf da«, brüllte Steve ihm ins Gesicht.
Duke spürte, dass der Ton deutlich schärfer wurde und wich vorsichtig einige Schritte zurück.
»Kein Grund uncool zu werden. Und nebenbei, ich muss nicht Teil eurer Clique werden.«
Er hatte gerade vor, auf sein Fahrrad zu steigen, als er von hinten so kräftig geschubst wurde, dass er über sein Fahrrad flog und im Dreck landete.
»Oh, hat das weh getan?«, fragte ihn Joe spöttisch.
Alle anderen fingen an zu lachen. Duke realisierte gerade, dass keiner von ihnen wirklich vorhatte, mit einem Schwächling wie ihn die Gruppe zu vergrößern. Er sollte lediglich der Trottel der Woche werden. Sie waren von Anfang an davon überzeugt, dass er die Mutprobe nicht antreten würde. Sie wussten, dass er sich gerne überall anschloss, aber sich dünnmachte, bevor es zu Problemen kam. Duke war immer schlau genug gewesen, Ärger zu riechen und ihm aus dem Weg zu gehen. Bisher jedenfalls.
»Tja, Duke, dann müssen wir dir wohl eine Abreibung verpassen«, sagte Steve lapidar.
»Ja, jetzt gibt es eins auf die Fresse«, sang Tim im hohen Ton.
Martin baute sich drohend vor ihm auf und sagte: »Also, letzte Chance auf den Bagger zu klettern.«
Doch Duke sah nicht ein, sich einschüchtern zu lassen. Er hatte seine Entscheidung schon gefällt und wollte sich nicht bei einer dummen Mutprobe verletzen. An diesem Tag sollte sich alles ändern. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er hier in größten Schwierigkeiten war und die Sechs ernsthaft vorhatten, das, was sie sagten, auch umzusetzen. Nun hatte er zwei Möglichkeiten: entweder den Selbstmörderbagger hinaufzuklettern und für immer zum harten Kern zu gehören oder einen Trommelwirbel von Gliedmaßen über sich ergehen zu lassen. Nach Abschätzen der Überlebenschancen, Genickbruch oder blaue Flecke, entschloss er sich für Letzteres. Doch zu einfach würde er es ihnen nicht machen, schwor er sich. Er konnte in ihren Gesichtern ablesen, wie sie sich darauf freuten, ihn fertig zu machen. Als er sah, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballten, unternahm er einen kurzen Fluchtversuch. Dieser endete drei Sekunden später. Die Abreibung war heftig. Zu heftig. Zusammengerollt versuchte er sich so gut wie möglich vor den Schlägen zu schützen, doch gegen die Jungs hatte er nicht die geringste Chance. Nie gekannter Hass prallte auf ihn nieder. Gedemütigt und hilflos ließ er die Tritte und Schläge ohne Gegenwehr über sich ergehen. Der einzige Gedanke, den er hatte, war sich so gut es ging zu schützen und alles zu ertragen, bis es vorüber war. Nach Dukes Zeitempfinden dauerte es eine Ewigkeit, bis sie von ihm abließen.
Die Form seiner Nase hält er heute für gelungen und schön, auch wenn er damals diese schmerzhafte „Schönheitsoperation“ mit einem Stiefel, Marke Riverbreaker, Größe 7, gerne vermieden hätte. In dem Moment, wo sie aufhörten auf Duke einzutreten, war nichts mehr wie vorher. Irgendetwas verlor er im Innersten, sie hatten etwas aus ihm herausgeprügelt. Er wusste nicht, was es war, doch von nun an lag ein Schatten auf seiner Seele. Wenn bis dahin 1000 kleine Kerzen das Gute in seinem Inneren erhellten, blies an diesem Tag ein kalter Wind die Mehrzahl davon aus und ließ etwas Dunkles in ihm zurück. Er sah die Welt nun aus einer anderen Perspektive – der eines Verlierers.
Duke lag im Staub und krümmte sich vor Schmerzen. Nun zogen alle ihre Handys, um ein Foto von ihm zu machen, wie er verletzt dalag und litt. Johlend nahm Kevin das Fahrrad von Duke und schmiss es im hohen Bogen in den See. Genau das, was er jetzt noch gebrauchen konnte. 20 Sekunden später stiegen sie lachend auf ihre eigenen Fahrräder und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Keiner der Sechs drehte sich noch einmal zu ihm um, als sie davon radelten. Nachdem er einige Minuten im Dreck gelegen hatte, wurde es Zeit sich aufzurappeln und nach Hause zu gehen. Er reinigte sich ein wenig am See und ging stinksauer heimwärts. Der Weg zurück war schmerzhaft, alles tat ihm weh und er lief mit gesenktem Kopf. Dieser hing ihm soweit herunter, dass ein Fremder wahrscheinlich gedacht hätte, er wäre ohne Nackenmuskeln zur Welt gekommen. Doch niemand sah, wie er sich nach Hause schlich. Somit blieb ihm wenigstens diese Demütigung erspart.
Seine Ausrede den Eltern gegenüber war, dass er eine Treppe hinuntergefallen sei. Dies war zwar nicht allzu glaubhaft, doch sein Stolz und sein ihm selbst gegebenes Versprechen, die Umstände zu verheimlichen, waren größer als der Schmerz. Doch ob er die Wahrheit gesagt hätte oder nicht, es spielte kaum eine Rolle. Die Anteilnahme seiner Eltern bestand nur darin, dass sein Vater ihn einen Idioten nannte mit dem Ratschlag, die Augen aufzumachen, wenn er seine Beine benutzte. Selbst seine Mutter war nicht viel feinfühliger in ihrer Wortwahl. Duke hatte an diesem Tag kurz das Gefühl adoptiert zu sein. Selbst als sie ihn ins Krankenhaus fuhren, wo man ihm die Nase richtete, blieb er bei seiner Story, die ihm der Weißkittel aber nicht abkaufte. Doch Duke war zu stolz zuzugeben, dass er verprügelt worden war.
***
In den darauffolgenden Tagen wurde er regelrecht depressiv. So hatte er sich seinen Ferienanfang nicht vorgestellt. Man konnte seine äußeren Wunden sehen, die langsam verheilten, doch wie schwer sein Ego verletzt war, sah man ihm nicht an. Mit jedem Tag, an dem die Schmerzen nachließen, spürte er im Innersten einen immer stärker werdenden Wunsch, sich für diesen Tag zu rächen, an dem man ihn in einen dunkelbunten Tarnanzug verwandelt hatte.
In den kommenden zwei Wochen der Bettruhe hatte er genug Zeit, um hunderte verschiedene Möglichkeiten durchzuspielen, was er mit jedem Einzelnen anstellen würde. Eigentlich widersprach es seiner Natur, jemandem in irgendeiner Form Leid anzutun. Doch irgendwie wechselte seine Perspektive mit jedem Tag der Heilung. Wenn in seiner Schule jemand in die Mangel genommen wurde, war Duke einer der Ersten, der angewidert wegging, während andere noch lange Hälse machten, um zu sehen, wer den ersten Zahn verlor.
Als einmal der kleine Brady in einer Steinschlacht auf dem Schulhof ein Auge verlor, war das Interesse der Schüler pervers groß. Für Wochen war er das Gesprächsthema und jeder konnte besser beschreiben, wie die blutwässrige Masse durch Bradys vorgehaltene Hand quoll. Mit gefesseltem Entsetzen standen sie mit geöffneten Mündern um ihn herum, ohne zu helfen. Das blutverschmierte Gesicht sah zum Wegrennen aus und man hätte sich von den Schreien die Ohren zuhalten müssen, aber keiner bewegte sich. Sie waren nur darum bemüht, alles aufs Video zu bekommen. Erst als Duke einen Lehrer holte, der sich den Schlamassel ansah, löste sich die Menge auf, erschrocken und dennoch fasziniert von der Situation. Für diesen Tag war der normale Unterricht hinfällig, da Schüler und Lehrer den Schock erst einmal verdauen mussten. Keiner konnte den Anblick von Brady abschütteln, der sich zwei Monate zu früh in ein Halloween Monster verwandelt hatte.
Die Prügel, die Duke an jenem Tag in der Kiesgrube einstecken musste, veränderte sein ganzes vorherbestimmtes Leben, ohne dass er es ahnte. In den Tagen der Heilung schwor er sich, nie wieder ein Verlierer zu sein, nie wieder ein Opfer. Und nie wieder wollte er sich in einer Situation befinden, in der er nicht der Überlegene war. Er hasste sich dafür, dass er sich nicht gewehrt hatte und nur dalag, um sich verprügeln zu lassen. Immer wieder durchlebte er den demütigenden Moment der Hilflosigkeit. Doch je länger er darüber nachdachte, umso größer wurde der Wunsch, es den Sechs so wiederzugeben, wie sie es mit ihm gemacht hatten. Aber nicht mit blauen Flecken und einer gebrochenen Nase. Nein, jeder Einzelne sollte sterben. Schmerzhaft, überraschend und definitiv ohne Warnung.
***
In der ersten Woche, in der er im Bett lag, kamen ihm die finstersten Ideen. Er wunderte sich selbst, wie weit seine Gedanken ohne Hemmungen gingen. Duke steigerte sich in endlose Fantasien, in denen er mit der Waffe seines Vaters alle sechs Schläger zwingen würde, in der Kiesgrube den Schwimmbagger zu erklimmen. In allen Farben träumte er, wie er einen nach dem anderen wie Schießbudenfiguren abknallt. Genüsslich würde er die Reste bestaunen, die eine doppelläufige Big Five aus ihren Körpern herausgerissen hätte. Er sah es bildlich vor sich, wie sie in Fetzen über den Schaufeln hingen und nur noch Madenfutter mit Seeblick waren.
Seine Erfindungsgabe wurde immer brutaler. Doch die Realität holte ihn schnell ein. Es wäre nur eine kurze Genugtuung, denn was würde das Resultat sein? Ein versautes Leben im Jugendknast, wo er ein blondes Lieblingsduschzubehör für durchgeknallte Zwei-Meter-Knackis wäre. Wollte er das? Nein, das war der falsche Weg, zu einfach und viel zu schnell für diese miesen Typen. Er musste cleverer vorgehen. Kein sechsfacher und vor allem schnell aufzuklärender Mord.
In der zweiten Woche wurde er kreativer. Duke sah sein Ziel jetzt aus einer anderen Perspektive. Sterben mussten sie, daran hatte er keinerlei Zweifel. Doch die Art, wie er vorgehen musste, um das zu erreichen, würde anders aussehen. Duke war sich sicher, einen Weg zu finden, sie so sterben zu lassen, dass niemand dahinterkommen würde, dass er dafür verantwortlich war. Plumpe Rache wäre definitiv falsch. Nein, hier musste Einfallsreichtum mit Intelligenz zum Einsatz kommen. Er würde sich jeden einzeln und mit einer längeren zeitlichen Pause vornehmen, damit niemand einen Zusammenhang herstellen könnte. Immer mehr manifestierte sich die Idee, sie alle durch einen gut geplanten „Unfall“ sterben zu lassen. Einfach so. Gefahren lauerten schließlich überall.
***
Das Leben ging erst einmal weiter, man ließ ihn in Ruhe. Drei Wochen nach der Prügelattacke standen alle Sechs zu seiner großen Überraschung erneut vor seinem Haus und riefen seinen Namen. Mit weichen Knien öffnete er die Tür. Duke sah, dass Tim ihm sein altes Fahrrad zurückgebracht hatte. Sie mussten es aus dem See gefischt haben, dachte er sich.
»Da du uns nicht verraten hast, bist du jetzt einer von uns. Du bist okay und kannst mit uns abhängen«, erklärte Martin und alle nickten zustimmend.
Duke war überrascht. Mit einem Mal wurde er von der Gruppe akzeptiert? Wortlos nahm er sein Rad, drehte sich um und ging in die Garage. Die Sechs deuteten die Annahme des Fahrrads als Akzeptanz ihres Angebotes.
Von nun an war Duke öfter in ihrer Nähe und spielte den coolen Kumpel. Es widerte ihn im Innersten an, mit ihnen abzuhängen und einen auf „best buddy“ zu machen. Duke musste sich beherrschen, nicht jeden verfügbaren Gegenstand in die Hand zu nehmen, um diesen über ihre hohlen Schädel zu ziehen, oder sein Taschenmesser zu nehmen, um ihnen das Teil in die Stirn zu rammen. Doch er nutzte den Vorteil dieser „Freundschaft“ aus – unauffälliger hätte er sie nicht ausspionieren können. Er hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, alle Sechs zu studieren. Für jeden legte er sich Notizen an, hörte zu, lernte. Wie er sie alle verachtete, wenn er mit ihnen zusammen war. Aber ihm war nichts anzumerken und keiner von ihnen ahnte auch nur im Geringsten, was er mit ihnen vorhatte. Mehr als einmal erwischte er sich dabei, wie er sie am liebsten vor den Schulbus geschubst hätte. Doch er beherrschte sich und lächelte. Wichtiger war es ihm, das Vertrauen dieser Idioten zu gewinnen und er freute sich schon auf den Tag, an dem in seinem schönen, ruhigen Ort alle Fahnen auf halbmast hängen würden.
Er sparte sich ein Notebook zusammen. Klein und fein, aber ausreichend, um all seine Ideen und Notizen zu speichern, die mittlerweile sehr umfangreich geworden waren. Duke verbrannte all seine Papiernotizen und sicherte von nun an alles auf zwei Memory Sticks mit einer 128 Bit Verschlüsselung. Einen Stick versteckte er auf dem Dachboden und den zweiten trug er immer bei sich, in einem Geheimfach seiner Brieftasche versteckt. Hätte jemand seine Dateien gesehen, käme er vermutlich zu der Feststellung, Duke müsste mal zum „Nervendoc“, um zu erklären, was er alles in den Tintenklecksen erkennt. Vorsicht war angesagt! Hören, sehen, planen und Lösungen finden.
Manchmal, wenn er wieder ein paar Zeilen in seinen Rechner tippte, fragte er sich, ob er noch normal war mit all diesen verrückten Ideen über Unfälle und Tod. In seinem Alter sollte man andere Hobbys haben, als sich Gedanken darüber zu machen, wie man jemanden am besten durch einen „Unfall“ beseitigt. Hatte er damals einen Tritt zu viel gegen seinen Schädel bekommen? Waren da einige Drähte gerissen, die nur noch lose herumbaumelten? Doch wenn er solche Momente der Selbstzweifel hatte, fasste er sich an die gerichtete Nase und lächelte. Natürlich war sein Vorhaben weit entfernt von einer normalen Freizeitgestaltung. Er hätte den Vorfall auch als Aufnahmeritual abhaken können, doch in seinem Inneren war eine Sicherung demoliert. Reparatur ausgeschlossen. Duke war sich vollkommen bewusst, dass sein Vorhaben kaltblütiger Mord war. Doch wird ein Menschenleben nicht ein wenig überbewertet? Wo war der Unterschied, einen Menschen zu töten oder in einen Ameisenhaufen zu treten und dabei Hunderte von Lebewesen auszulöschen? Für Duke war es nur eine moralische Einstellung, der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Er könnte zwar nicht die Dummheit der Welt verändern, aber mit dem Tod der Sechs wenigstens einen Anfang machen. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Außerdem würden die Sechs bei der großen Anzahl an Menschen auf der Welt nicht wirklich vermisst werden.
Die Arbeit am Computer machte ihm Spaß. Eine Welt, in die er immer tiefer eintauchte. Unter jedem Namen seiner sechs Verurteilten hatte er ein Profil ihrer Interessen erstellt. Zuerst würde er sich die Logan-Brüder vornehmen, zum Warmwerden waren die beiden genau richtig. Duke musste sich selbst eingestehen, dass die Theorie und die Umsetzung einer Idee zwei verschiedene Dinge waren. Eventuell würde er ja auch bei der Ausführung zurückschrecken. Auch wenn er sein Gewissen auf null gefahren hatte, konnte er sich nicht wirklich sicher sein, doch noch zu versagen, wenn es ernst wurde. Nach und nach erweiterte er seine Ausrüstung. Hierzu zählte nun auch ein gutes Fernglas, das er auf dem Dachboden gefunden hatte. Es war schon betagt, doch für seine kleine Bauweise wies es eine erstaunliche Leistung auf. Aber es fehlten noch eine Menge Dinge, die er benötigte, wie zum Beispiel eine Digitalkamera, ein Hand-GPS, unterschiedliche Outfits mit passenden Baseballcaps, ein Paar Schuhe – die zwei Nummern größer sein sollten – sowie ein gebrauchtes Fahrrad.
Duke investierte viel Zeit in seine Planung. Hierfür zog er sich auf den Dachboden zurück, um ungestört Bücher über Verbrechen zu lesen. Sein Interesse bestand nicht so sehr darin, wie die Tat ausgeführt wurde. Vielmehr machte er es sich zur Aufgabe, die Fehler und die kleinen Hinweise zu suchen, die immer wieder dazu führten, dass auch das beste Verbrechen aufgeklärt wurde, obwohl alles bis ins kleinste Detail geplant und umgesetzt war. Er versuchte Muster zu finden, die ihm helfen sollten, die offensichtlichsten Fehler zu vermeiden. Gerade wenn alles wie ein Unfall aussehen sollte, war hier ein wenig mehr Gehirnschmalz gefragt. Die Bücher, die er sich unauffällig besorgen konnte, waren nicht gerade die aktuellsten. Die Fortschritte in der Wissenschaft, speziell in der Kriminologie, waren nicht zu unterschätzen. Die CSI war hier viel weiter als das, was man in Büchern finden konnte oder was man in der Flimmerkiste gezeigt bekam.
Bücher über Gerichtsmedizin und Pathologie wurden seine Lieblingslektüre. Wenn er aus der Bibliothek in der Winter Street kam, hatte er ein unauffälliges Buch ausgeliehen und eins geklaut, das er natürlich, wenn er damit fertig war, heimlich wieder zurückbrachte. Duke wusste, dass der Staat in den Bibliotheken nachvollziehen konnte, was man las. Er konnte sich vorstellen, dass bei seinen Interessen sofort rote Warnleuchten aufblinken würden. Mit Sicherheit hätte er auch alles einfacher über das Internet recherchieren können, doch er war vorsichtig und sehr bemüht, keine verdächtigen Spuren zu hinterlassen. Zu leicht hätte ihn Homeland Security aufspüren können in Anbetracht der speziellen Lektüre, mit der er sich befasste.
Mit jedem Buch und Artikel, den er las, stumpfte er gleichzeitig mehr und mehr ab. Bekam er bis vor einigen Monaten noch einen dicken Kloß im Hals, wenn er im Biologieunterricht einen Frosch sezieren sollte, konnte er heute nicht genug Farbbilder von Verkehrsunfällen und anderen Unglücken sehen. Besonders spannend fand er eine Fotoserie in einem Polizeibildband. Bis ins kleinste Detail wurde erklärt, welche und wie viele Knochen wahrscheinlich brechen, wenn ein Auto einen Fußgänger von hinten erfasst. Es wurden super Zufallsfotos einer Überwachungskamera gezeigt. Deutlich konnte man die Überraschung im Gesicht der Frau erkennen, als der erste Kontakt mit dem Kühlergrill erfolgte. Erst beim dritten Foto änderte sich der Gesichtsausdruck von „Was habe ich im Supermarkt vergessen?“ in „Du heilige Schei...!“, als die Landephase einsetzte und sie realisierte, dass hier etwas gewaltig schieflief. Die Fotos und Berichte über Tragik und Tod machten ihn härter, doch er behielt das Feingefühl für Details. Wenn er bei den ersten Bildern noch ein heißes Gesicht bekam, musste er sich jetzt schon den Finger anlecken, um die nächsten Seiten umzublättern. Mit einem Mal sah er überall lauernde Gefahren: im Elternhaus, auf der Straße, im Supermarkt, ja sogar im Klassenzimmer. Es regte seine Fantasie an, wenn jemand mit dem Stuhl kippelte und er genau wusste, wie derjenige fallen müsste, um sich den vierten Halswirbel zu brechen.
Sieben Monate waren vergangen, seit man ihn so brutal zusammengeschlagen hatte. Monate, in denen er lernte, cool zu bleiben. Seine Wut hatte er bemerkenswert gut unter Kontrolle. Eigentlich war er nicht mehr so wütend. Wut war fehl am Platz und störte die Konzentration. Dass er die Sechs in die Hölle schicken wollte, war für ihn schon das Normalste der Welt. Ein Hobby? Eine Aufgabe? Nein, eine Mission!
Die fehlende Digitalkamera beschaffte er sich online. Mit dem Fahrrad hatte er auch Glück, dieses kaufte er über eine Zeitungsanzeige für wenig Geld. Seine Fähigkeiten am Computer verbesserten sich kontinuierlich und im Internet fand er zunehmend Dinge, die er in der Stadtbibliothek vergeblich suchte. Diese digitale Welt bot ihm die Möglichkeit, an illegale Informationen zu gelangen, ohne aufzufallen. Duke lernte zu programmieren und erste eigene kleine Programme zu schreiben oder er fand welche online, die er umschrieb. Ab einem bestimmten Punkt unterließ er es, weiterhin so oft in die Bibliothek zu gehen. Die Bücher, die er nun suchte, waren in seinem kleinen Kaff eh nicht mehr zu bekommen. Da sein Notebook WLAN hatte, konnte er dank eines speziellen Programms unbemerkt über fremde Netze online gehen. Er achtete penibel darauf, über einen ausländischen Proxy angemeldet zu sein, um nie seine eigene Signatur im Netz zu hinterlassen. Dann entdeckte er das Darknet für sich, die Tür zu einer neuen dämonischen Welt. Hier fand er alle Informationen, die ihm noch fehlten. Einer der letzten Orte, auf den die NSA noch keinen Zugriff hatte. Im Elternhaus wollte er bewusst keinen Internetanschluss. Sicherheit zuerst, dachte er sich. Wenn er online ging, nutzte er die Internetverbindungen eines Straßencafés oder von Hotels. Deren Internetsignal war meist stark genug, um sich seine Informationen herunterzuladen. Doch er vermied Plätze, wo Kameras hingen oder andere Orte, wo er hätte auffallen können. Wann immer er nach gefährlichen Inhalten suchte, nutzte er einen Internetanschluss von einem marokkanischen Café, das sich im Ortskern befand. Sollte doch einmal Verdacht aufkommen, würden erst die arabischen Kreise unter Beobachtung stehen.
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Die Zeit war gekommen, wo nun nach reichlicher Planung Taten folgen sollten. Es waren mehr als acht Monate vergangen, seit sie ihn in der Kiesgrube verprügelt hatten. Duke war bereit. Zu seinem 15. Geburtstag hatte er vor, sich selbst zu beschenken: die Logan-Brüder. Sein Plan für die beiden war, sie mit ihrem eigenen Hobby zu erledigen. Es war allgemein bekannt, dass die Brüder die geborenen Pyromanen waren. Mit Feuer zu spielen, war für sie das Größte. Wäre das Feuer noch nicht entdeckt worden, die beiden hätten es erfunden. Kein Feuerwerk wurde von ihnen ausgelassen, ob zum Jahreswechsel oder am 4. Juli. Wo auch nur der Hauch von Pulvergeruch in der Luft hing, die Logan-Brüder waren zur Stelle, um zu sehen, wie man mit ein paar Drähten und Schwarzpulver den Himmel zum Brennen brachte. Mit sieben Jahren hatten die beiden die Garage abgefackelt, die extra für den 63er Sting Ray des Vaters gebaut worden war, der mit einem vollen Tank zu einem netten Brandbeschleuniger wurde. Ihr Glück war, dass die Garage 40 Yards vom Wohnhaus entfernt stand, was eine größere Katastrophe verhinderte. Dann, mit acht Jahren, stellten sie erstaunt fest, dass Sprühdosen prima Flammenwerfer waren, und mit zehn bastelten sie ihre ersten eigenen Feuerwerkskörper. Duke ging online. Im Darknet fand er in kürzester Zeit, wonach er suchte: eine komplette Bauanleitung für einen kleinen Sprengsatz. Sehr nützlich fand er die rot markierten Hinweise, um Fehler beim Bauen und im Einsatz zu vermeiden. „Fehler“ – welch ein Wort. Er streichelte die Abbildung auf dem Bildschirm, lächelte und lud alles Brauchbare herunter. Im Geiste hatte er schon für die beiden eine Fahrkarte in die Hölle entwertet. Präzise prägte er sich ein, wo die Schwächen dieser primitiven Bombe lagen, um selber keinen Fehler zu begehen. Bevor Duke die Idee mit der Bombe hatte, fand er heraus, dass die beiden immer an denselben Ort gingen, an dem sie niemand beobachten konnte. Weit weg von irgendeinem Wohnhaus, war dieser Ort gut gewählt. Nahe am Ufer des Goose Pond, der umringt war von viel Wald und somit gut geschützt vor fremden Blicken. Ein idealer Platz für kokelnde Bettnässer und der perfekte Ort, wo er sich um sie kümmern konnte.
Doch vorher musste Duke noch ungestört und unauffällig alles irgendwo lagern und zusammenbauen. Auch dieser Ort war schnell gefunden. In der Nähe von Keene gab es genügend verlassene Fabrikgebäude, deren Maschinen nun in China standen. Er kannte ein altes, leerstehendes Fabrikgebäude, schön einsam und verlassen. Nicht einmal Penner wollten da kostenfrei übernachten. Keine Spur durfte zu ihm führen, wenn er seinen Plan durchführen wollte. Duke erkundete das Gelände und war zufrieden. Er hatte eine Zufahrt gefunden, die ihm erlaubte, ungesehen das Grundstück zu betreten und wieder zu verlassen. Deutlich konnte man noch an den verwitterten Fabrikhallen erkennen, dass hier einmal Schuhe hergestellt wurden. Er fand ein kleines Nebengebäude, das ideal für ihn war – genau was er suchte. An verschiedenen Tagen und Uhrzeiten besuchte er die Fabrik und studierte sorgfältig die Umgebung. Duke installierte eine getarnte Kamera mit einem Bewegungsmelder, die nur Fotos schoss, wenn jemand in die Nähe kam. Jedes Mal vergewisserte er sich, dass der Bildzähler auf null war, bevor er sein Versteck öffnete. Alles sah gut aus, es war perfekt für sein Vorhaben. Nun konnte er sich auf den Bau der Bombe konzentrieren.
An das Material war leicht heranzukommen. Den Mantel seiner kleinen Rohrbombe herzustellen, war hierbei das Einfachste. Die Teile waren alle im örtlichen Baumarkt erhältlich. Nie kaufte er alles in einem Laden. Er achtete darauf, dass es nicht auffällig wirkte oder er dieselben Klamotten anhatte. Duke benutzte verschiedene Baseballcaps, die er nie privat trug und er vermied es, sein Gesicht in die Überwachungskameras zu halten. Dann fehlte nur noch die Füllung. Das Schwarzpulver konnte er selber herstellen. Die Zutaten dafür, Ammoniumnitrat und Aluminiumpulver, klaute er aus dem Chemikalienschrank der Schule. Nach und nach brachte er alle Sachen in das Versteck in der alten Fabrik. Er war aufgeregt. Sein erster Schritt war die Reinigung aller Teile. Mit Gummihandschuhen und Alkohol säuberte er alle Gegenstände, die jemand vor ihm und die er selbst angefasst hatte. Dann schraubte er alles soweit zusammen, bis nur noch die Füllung fehlte. Die Herstellung des Schwarzpulvers ging gut voran. Duke war fasziniert und überrascht von seinem Geschick und seiner Selbstsicherheit. Nachdem er ausreichend Pulver zusammengemischt hatte, kam der schwierigste Teil: der Zünder. Hiervon baute er gleich zwei. Neugier war die größte Schwäche der beiden. Darauf baute sein Plan auf und diese Neugier sollte ihnen zum Verhängnis werden. Duke bastelte einen eigenen Zünder, und zwar streng nach Vorschrift. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: wenn nämlich Martin und Steve versuchten das Ding aufzuschrauben, würde die Rohrbombe feierlich in die Luft gehen. Duke stellte eine kleine Auswahl an Resten zusammen, die beim Bau der Bombe übriggeblieben waren. Diese wollte er dann in der Garage der Brüder verstecken, kurz bevor die Bombe zum Einsatz kommen würde. Um einen Schlüssel zur Garage hatte er sich schon vor langer Zeit gekümmert. Duke wollte sicherstellen, dass bei einer Untersuchung alle Wege zu den Brüdern führten. Kein Verdacht sollte aufkommen, dass womöglich jemand anders die Bombe gebaut haben könnte.
Würde später die Spurensicherung in der Garage die Überreste der Bombe untersuchen, sollten sie nur noch feststellen, dass die Logans den Zünder wahrscheinlich falsch eingebaut hatten und er deshalb zu früh losging. Um sicher zu stellen, dass alles funktionierte, probierte er die Bombe aus. Ohne explosive Füllung, aber mit einem der Zünder versehen, baute er das Teil zusammen, um es dann wieder aufzuschrauben. Es war ein voller Erfolg. Nach wenigen Umdrehungen hörte er ein Verpuffen und realisierte, dass alles so funktionierte, wie er es wollte. Danach füllte er das Rohr mit dem Schwarzpulver und schraubte vorsichtig den Zünder an. Der Prototyp war fertig und sah richtig gut aus. In aller Ruhe begutachtete Duke sein Ergebnis. Wie viel Macht er gerade in der Hand hielt, war ihm trotzdem nicht so recht bewusst, doch er würde es bald herausfinden. Kurz schloss er die Augen und stellte sich eine Explosion vor, die alles wegfegte und lächelte dabei. Zeit zum Aufräumen, sagte er sich. Nach 17 Minuten deutete nichts mehr darauf hin, dass er jemals hier gewesen war.
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In seiner Vorbereitung hatte er schon Wochen vorher die beste Route ausgekundschaftet, um ungesehen die Stelle zu erreichen, an der er die beiden Brüder abfangen wollte. Duke hatte sich mehrere Male zuvor ein genaues Bild von dem Gelände und der näheren Umgebung gemacht. In Google Maps suchte er immer wieder die Umgebung nach Details ab, um sich jegliche Wege, die sichtbar waren, einzuprägen. Nichts wäre schlimmer, als von einem Jogger überrascht zu werden, der aus einer Richtung kam, die er zu erkunden versäumt hatte. Duke hatte eine Regel: Vermeide Fehler, dann bist du automatisch ein Gewinner.
Nachdem er die Bombe behutsam verpackt hatte, machte er sich mit ihr auf den Weg zum Goose Pond, wo er das „Körperkonfetti“ für die beiden plante. Durch eine Plastiktüte vor Feuchtigkeit geschützt, vergrub er die Bombe in einem Versteck, so dass er sie am geplanten Tag nicht bei sich haben musste. Da Duke nun zum harten Kern der Clique gehörte, erfuhr er aus erster Hand, dass die beiden Brüder sich eine kleine Brandbombe gebaut hatten und diese am kommenden Sonnabend ausprobieren wollten. Der Wetterdienst hatte für diesen Tag nur einen leichten Regenschauer am Nachmittag vorhergesagt. Ideal also für Dukes Plan, denn Regen könnte hilfreich sein, um eventuell doch hinterlassene Spuren zu verwischen. Ihm blieb genug Zeit, alles vorzubereiten. An dem Freitag davor platzierte er die Reste seiner Bombe wie geplant in der Garage der Brüder. Auch hier achtete er penibel darauf, keine Spuren zu hinterlassen.
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Am nächsten Morgen verabschiedete er sich um 10:00 Uhr von seinen Eltern. Damit er ein wasserdichtes Alibi besaß, hatte er sich für diesen Tag einen kleinen Job besorgt. Duke hatte vor, auf der Route zum See einen Pool zu reinigen. Schon früher hatte er kleine Jobs angenommen, die es ihm ermöglichten, sein Taschengeld aufzubessern. Doch vielmehr war es ein wichtiger Teil bei all seinen Vorbereitungen, um, wie an diesem Tag, ein perfektes Alibi zu besitzen. Es war ein recht großer Pool, dessen Reinigung viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Seine Aufgabe war es das Laub herauszuholen, die eingetrockneten Algen abzuschrubben und ihn bereit zu machen für den kommenden Sommer. Die Besitzer des Grundstückes waren nicht aus Keene. Sie kamen nur zur Ferienzeit und somit war Duke bei der Poolreinigung auch nicht unter direkter Kontrolle. Beste Voraussetzungen, sich während der Reinigung unbemerkt für sein Vorhaben zu verdrücken. Duke meldete sich beim Nachbarn, von dem er sich auch den Schlüssel besorgte, und fing an den leeren Pool zu säubern. Schon vorher hatte er sich das Grundstück genauer angeschaut und darauf geachtet, dass der Nachbar keinen Blick auf den Pool werfen konnte, solange er mit der Reinigung beschäftigt war. Die Lautstärke von seinem mitgebrachten Radio stellte er so ein, dass der Nachbar es noch leise hören konnte. Das sollte die Annahme seiner Anwesenheit ein wenig unterstützen und sein kurzzeitiges Verschwinden vom Grundstück verschleiern.
Nachdem er den Schlüssel bekommen hatte, erklärte er dem Nachbarn, dass er Schmerzen in der Schulter hätte und dieser sich daher nicht wundern sollte, wenn er länger als gewöhnlich für die Reinigung bräuchte. Doch dem brubbligen Nachbarn war es vollkommen egal, was Duke nur umso mehr freute. Er wusste, dass die Logan-Brüder am frühen Nachmittag ihr neues Spielzeug, wie sie es nannten, ausprobieren wollten. Ob sie ihre Zeitplanung wirklich einhalten würden, war leider die Schwachstelle in seinem Plan. Er hatte sich mit allen sechs Jungs am Nachmittag um vier Uhr zu einem Hotdog in der Stadt verabredet. Damit hatte Duke die beiden halbwegs in ein berechenbares Zeitfenster gezwungen. So schnell er nur konnte, beseitigte er alles, was in keinen Pool gehörte. Anschließend schrubbte er die Poolwände ab und erledigte fast 90 Prozent aller Arbeiten, bevor es Mittag wurde.
Immer wieder schaute er auf seine Uhr und als diese 11:55 Uhr anzeigte, unterbrach Duke seine Arbeit und zog sich um. Er war in einem sehr auffälligen Outfit zum Grundstück gekommen, um es mit unauffälliger Kleidung wieder verlassen zu können. Duke trug besagte Schuhe, die ihm zwei Nummern zu groß waren. Sollte er unbeabsichtigt Schuhabdrücke hinterlassen, würde der Verdacht keinesfalls auf ihn fallen. Vier Minuten später befand er sich auf dem Weg zum See. 23 Minuten würde er benötigen, um zur Bombe zu gelangen, acht Minuten mit dem Fahrrad und weitere 15 Minuten strammes Jogging durch den Wald. Duke hatte sich bei den ersten Erkundungen ein passendes Versteck für das Fahrrad ausgesucht sowie einen Weg quer durch den dichtbewachsenen Wald zur Exekutionsstelle. Während dieser Erkundigungen markierte er mit Hilfe seines GPS und seines Taschenmessers einige Bäume, so dass er den Weg jederzeit finden konnte. Duke hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde, wenn die Bombe losging. Hätte er sich unter Kontrolle? Könnte er noch rational denken oder würde er sinnlos Fehler begehen? Um zu vermeiden, dass er voller Angst wie ein kopfloses Huhn losrannte und sich verlief, war er überzeugt von der Idee, sich an den Bäumen im Notfall orientieren zu können. Duke fühlte sich cool und war sich sicher, dass alles funktionieren würde. Aber ein Plan B konnte nie schaden.
Der Weg, den er benutzte, lag vollkommen versteckt von dem Trampelpfad, den die Logan-Brüder nehmen würden. Er erreichte sein Versteck eine Minute früher als berechnet. Perfekt, dachte Duke, als er die Bombe wieder in der Hand hielt. Nun konnte er es kaum erwarten und rechnete mit einem „Bombenspaß“. Er schaute sich noch einmal genau um. Dann bezog er sein Versteck, von dem aus er die Brüder wunderbar beobachten konnte, ohne von ihnen gesehen zu werden. Die Stelle war ein wenig erhöht, was ihm einen guten Rundumblick ermöglichte. Hier würde ihn niemand entdecken, dafür sorgte zusätzlich seine Kleidung, mit der er im Unterholz geradezu verschmolz. Duke hatte sein kleines Fernglas mitgenommen, was nun extrem hilfreich war. Fünf Minuten beobachtete er aufmerksam die Umgebung. Martin und Steve waren noch nicht in der Nähe und Überraschungsgäste waren auch nicht zu erspähen. Nach einem letzten Rundumblick schlich er zu der Stelle, die er sich ausgesucht hatte. Dort legte Duke die Bombe mittig auf den Weg und zog sich anschließend wieder auf seinen Beobachtungsposten zurück. Die Bombe lag weniger als zehn Meter von der Stelle entfernt, die die beiden ansteuern würden. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis sie kommen würden, dachte er sich. Seine Uhr zeigte mittlerweile 12:31 Uhr an. Dann wechselte er zum Barometer seiner Uhr. Das Display bestätigte einen leichten Abfall des Luftdrucks, der angesagte Regen war im Anzug. Das Warten machte ihn ein wenig nervös. Es war das erste Mal, dass Theorie auf Praxis stieß. Ihm kam es so vor, als wenn Sekunden zu Minuten wurden und Minuten zu Stunden. Fast jede Minute schaute er auf die Uhr. Kurz kamen ihm Zweifel, ob er die Sache nicht lieber abblasen sollte, aber dann fasste er sich an die Nase und die Zweifel verblassten.
Nach weiteren 26 Minuten konnte Duke endlich die Logans durch sein Fernglas sehen. Es war wichtig für ihn frühzeitig zu erkennen, ob sie alleine waren oder sie von jemandem begleitet wurden. Duke wollte Unbeteiligte aus seinem privaten Feldzug heraushalten. Dahingehend war er noch nicht komplett verroht und hatte sich noch ein moralisches Gewissen bewahrt. Sein Adrenalinspiegel war auf dem Höhepunkt. Die innere Anspannung stieg und es wurde ihm warm im Gesicht. Beide Brüder trugen eine Sporttasche. Zuerst dachte Duke, sie würden vorbeilaufen und das Rohr nicht bemerken. Doch Martin, der dickere der beiden, blieb verwundert stehen, bückte sich und hob es auf. Er schätzte das Gewicht in seiner Hand und wandte sich fragend an seinen Bruder. Am See angekommen, legte Martin das Rohr zur Seite, und Steve holte aus der Sporttasche einige randvoll gefüllte Flaschen hervor. An deren Verschlüssen waren Lappen befestigt worden. Nachdem Duke gesehen hatte, was sie da auspackten, war er enttäuscht. Hatte er den Brüdern doch mehr als nur ein paar Molotowcocktails zugetraut. Von seinem Beobachtungspunkt aus konnte Duke gut erkennen, wie Martin immer wieder sein Fundstück betrachtete und Steve dazu bringen wollte, das Rohr zu untersuchen. Steve ließ von seinen Molotowcocktails ab und half jetzt seinem Bruder, der mit leuchtenden Augen das Rohr zwischen seine Beine geklemmt hatte. Duke hatte die eine Seite verklebt, somit bestand nur die Möglichkeit, die Seite mit dem Zünder aufzuschrauben, was Martin jetzt versuchte. Nur noch ein Schrei von Duke hätte jetzt das Unvermeidliche verhindern können. Doch er saß in sicherer Entfernung zu den beiden, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, Kommendes aufhalten zu wollen.