Das Buch:

Lauren ist entsetzt, als ihr Bruder Joey eines Tages mit zwei Kriminellen zu Hause auftaucht. Joey hat sich mit der Mafia eingelassen. Dabei hat er einen Job ziemlich verkackt, weshalb sie nun Geld fordern und Lauren kurzerhand verpflichten, ebenfalls für sie zu arbeiten. Zunächst wenig begeistert, findet Lauren allerdings bald Gefallen an den Aktionen und in Dominic, dem Neffen eines Mafia-Bosses, schließlich sogar so eine Art Freund, der sie versteht. Denn sie kämpft immerzu gegen die Dämonen der Vergangenheit. Auch Dominic hat ein Geheimnis: Er ist als Undercover-Agent in die Mafiastrukturen eingebunden, um gegen die Russenmafia vorzugehen. Als er beginnt, mit Lauren zu arbeiten, hadert er bereits mit dem Job und der Tatsache, dass er Dinge tun muss, die er selbst verachtet, um seine falsche Identität aufrechtzuerhalten. Zwischen Lauren und Dominic entwickelt sich eine starke Zuneigung, doch irgendwann wird der Auftrag für Dominic zu Ende sein und er wird für immer aus Laurens Leben verschwinden müssen.

Die Autorin:

Ivy Lang lebt bei Frankfurt am Main. Das Erzählen von Geschichten, sei es als Film, als Drehbuch oder als Roman, war schon immer eine große Leidenschaft – und natürlich das Schreiben selbst. Dabei kombiniert sie Liebesgeschichten geschickt mit anderen Genres, wie bei ihrem Debut, dem Mystery-Thriller „Teufelswetter – Eine Geschichte von Liebe, Sturm und Verbrechen“. Ivy Lang schreibt „Romance+“: Spannung, Action und auch die negative Kraft, die von Liebe ausgehen kann.

www.ivy-lang.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die

Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2019 Ivy Lang

Lektorat: Maike Frie

www.skriving.de

Cover: Coverkrämerei Coverdesign – Samantha Krämer

www.coverkraemerei.de

gesetzt mit SPBuchsatz

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7504-8311-8

Mobster, der: (ugs.) Person, die für die amerikanische
italo-Mafia (»Mob« genannt) arbeitet

Inhaltsnotiz

Dieser Roman spielt in einem kriminellen Milieu.

Als solcher behandelt er Themen wie: kriminelle Handlungen, Gewalt,

Waffengewalt, körperliche Gewalt, und Suizid.

Dieses Buch enthält rassistische und sexistische Aussagen, die die

Lebensrealität der Figuren spiegeln, aber nicht der Meinung der Autorin

entsprechen.

Beschriebene sexuelle Handlungen sind einvernehmlich.

siehe auch: http://trigger.ivy-lang.de oder per QR-Code auf der Rückseite

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Columbus, Ohio, November 2021

Sie trommelt nervös mit ihren Fingern auf den Tisch. Die Schlange an der Theke des Coffeeshops ist lang, denn um diese Zeit ist es immer voll. Deshalb hat sie diesen Treffpunkt gewählt. Sie sitzt mit dem Rücken zur Wand an dem letzten Tisch in der Reihe am Fenster und blickt zur Tür.

Die Tür schwingt auf und sie ist sofort angespannt, doch mit einem Schwall kalter Luft von draußen kommt ein Mann in einem grauen Mantel – ohne Kopfbedeckung – herein. Der Mann, auf den sie wartet, wird eine blaue Winterjacke und eine rote Basecap tragen. So haben sie es vereinbart. Ganz automatisch zupft sie an dem blassgelben Schal, den sie als ihr Erkennungszeichen umgelegt hat und blickt aus dem Fenster.

Bunte Blätter auf dem Gehsteig, die Menschen in warmen Mänteln – es ist Herbst. Sie weiß, dass irgendwo da draußen zwei U. S. Marshals in einem Auto sitzen und den Coffeeshop im Auge behalten. Ihre Schatten. Sie wird sich wohl nie daran gewöhnen.

Ihr Blick schweift erneut zur Tür, als ein Paar lachend und Arm in Arm hinausgeht. Sie seufzt und fragt sich zum wiederholten Mal, ob sie das hier wirklich tun will. Ihr scheint, als hätte sie jahrelang darauf gewartet – viele schlaflose Nächte hat sie sich diesen Moment vorgestellt. Doch jetzt ist sie vor allem nervös. Weil sie nicht weiß, was sie erwartet. Weil sie nicht weiß, wer dort durch diese Tür kommen wird. Wenn er denn überhaupt kommt.

Zwei Wochen ist es her, dass sie die Karte in ihrem Briefkasten gefunden hat. Eine nüchterne Textzeile und eine Telefonnummer. Mehr nicht. Und doch hat sie diese Nachricht sofort in die Vergangenheit katapultiert, eine emotionale Achterbahnfahrt, ihre Knie wurden weich und sie kann sich nicht mehr erinnern, wie sie die lange Einfahrt zurück zum Haus laufen konnte. Vor gerade einmal drei Jahren hat sie noch ein völlig anderes Leben gelebt. Das Verrückte daran ist, dass ihr altes Leben ihr viel realer vorkommt als ihr jetziges. Aber so ist das wohl immer, wenn man seine Geschichte neu schreiben muss. Sie musste sich an vieles gewöhnen und tut sich immer noch schwer damit. Es gibt Menschen, die träumen tagtäglich davon, jemand anderes sein zu können. Sie wollte nie jemand anderes sein, doch sie wurde nicht gefragt. Jetzt sitzt sie hier in einer Stadt, die sich immer noch fremd anfühlt, obwohl sie schon seit fast zwei Jahren dort lebt und arbeitet. Und oft träumt sie nachts von den Dingen, die passiert sind, und von dem Mann, den sie kannte, bevor sie hierherkam.

Ein kalter Lufthauch, der von der Tür hereinweht, reißt sie aus ihren Gedanken.

Da steht er: der Mann aus ihren Träumen.

Auf einmal denkt sie an gar nichts mehr. Sie spürt nur ihr Herz, das sich anfühlt, als würde es in ihrer Brust tiefer sacken.

Er öffnet den Reißverschluss seiner blauen Winterjacke und sieht sich um, sucht den Raum nach ihr ab. Ihre Blicke treffen sich, doch er erkennt sie nicht – wahrscheinlich wegen ihrer kurzen Haare. Kurz wirkt er verwirrt. Als er sie ein zweites Mal ansieht, tritt so etwas wie Erleichterung in sein Gesicht. Für einen Moment steht er da, völlig erstarrt und sie sehen sich in die Augen. Dann nimmt er die rote Basecap ab und kommt an ihren Tisch.

»Hallo.« Seine Stimme klingt sanfter als erwartet.

Sie bedeutet ihm, sich zu setzen, und er dreht sich auf dem Stuhl leicht zur Seite, sodass er nicht mit dem Rücken zur Tür sitzen muss.

»Hi«, bringt sie heraus, doch in diesem Moment wird ihr klar, dass sie keine Ahnung hat, wie sie dieses Gespräch führen soll.

Nervös knetet sie ihre Finger, während er sie vorsichtig mustert. Seine Augen sind stahlblau. Der Mann in ihren Träumen hatte grüne Augen.

»Entschuldige«, stammelt sie. »Irgendwie ist das viel seltsamer, als ich gedacht hätte.«

Er nickt und ein dünnes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. »Vielleicht fangen wir damit an, dass du mir sagst, wie du heißt.«

Sie schluckt schwer. »Nora. Nora Mason.«

Wieder nickt er. »Nora. Das klingt gut. Irgendwie auch ein bisschen vertraut, oder?«

Die Bedienung kommt an den Tisch und nimmt seine Bestellung auf. Nora ist froh, ihn für einen kurzen Moment nicht ansehen zu müssen. Man hat ihr Mitspracherecht bei der Wahl ihres Namens gegeben und sie wollte, dass er sich wenigstens entfernt nach ihrem alten Namen anhört.

»Ich heiße Marcus«, sagt er und lächelt sie an.

Sie lässt sich den Namen durch den Kopf gehen und beschließt, dass er zu ihm passt. Er trägt seine braunen Haare sehr kurz und scheint etwas abgenommen zu haben, denn sein Gesicht wirkt schmaler, als sie es in Erinnerung hat. Wieder fallen ihr die stahlblauen Augen auf. Ein Paar Augen, das einen bannen kann – im positiven wie im negativen Sinn.

»Freut mich«, sagt sie und müht sich ein Lächeln ab. Insgeheim kommt sie sich unendlich dämlich vor. Am liebsten würde sie ihn fragen, was er in den letzten drei Jahren gemacht hat, doch sie vermutet, dass er ihr das gar nicht sagen darf.

»Wie geht es dir?«, fragt sie stattdessen.

»Gut«, antwortet er knapp und kratzt sich am Kopf. Dabei weicht er ihrem Blick aus und sieht aus dem Fenster. Ob er auch nach den Marshals schaut?, fragt sie sich.

Die Tür schwingt auf und beide blicken automatisch hin. Marcus lacht entschuldigend. »Sorry, ist ’ne alte Angewohnheit.«

In diesem Moment sieht sie den Mann aus ihren Träumen vor sich. Seine lockere, fast unbekümmerte Art. Seine Angewohnheit, selbst in angespannten Situationen noch lustige Bemerkungen zu machen. Und sie ist hin- und hergerissen. Ein Teil von ihr ist froh, dass er hier ist, dass er wohl doch noch der ist, der er war. Doch da ist auch eine andere Stimme in ihr. Eine Stimme, die ihr sagt, dass er sie von Anfang an belogen hat. Dass er sie benutzt hat.

Er scheint ihren inneren Kampf zu spüren und das Gespräch auf eine entspanntere Ebene bringen zu wollen. »Und wie geht es dir so? Was machst du beruflich?«

Sie ist ihm dankbar dafür. »Ich arbeite für eine Firma, die Landmaschinen vertreibt. In der Buchhaltung.«

Er schüttelt den Kopf und auch sie merkt, wie lächerlich das ist. Sie und ein Bürojob! Zum ersten Mal lachen sie einander aufrichtig an. »Das klingt interessant«, sagt Marcus und bemüht sich ganz offensichtlich, ernst zu klingen.

Noras Lächeln verschwindet in dem Moment, in dem ihr wieder bewusst wird, wie sie in diese Situation geraten ist. Wieder fühlt sie sich in die Vergangenheit katapultiert. Sie erinnert sich genau – als wäre es erst letzte Woche gewesen – an den heißen Tag im Juli, als dieser Mann, der damals noch ein anderer Mann war, in ihr Leben kam.

Teil I

Die Mobster

Kapitel 1

Passaic, New Jersey, Juli 2018

»Joey, du hast es verkackt!«

Lauren schlug die Kühlschranktür zu und wandte sich zu ihrem Halbbruder um. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie er bisher überhaupt überlebt hatte.

Joey saß rittlings auf einem Küchenstuhl und sah zu ihr auf. Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch er wirkte, als wäre er nur halb dabei. Als höre er ihr zu, während ihn in Gedanken etwas ganz anderes beschäftigte. Das war so typisch für ihn. Lauren streckte die Hände, ballte die Fäuste und atmete tief durch, wie auch ihr Vater es immer tat, wenn er sauer war.

Allerdings war sie nicht einfach nur sauer. Darüber war sie bei Joey längst hinaus. Sie war kurz davor, ihm ernsthaft weh zu tun. Nicht genug, dass Joey sein Leben nicht auf die Reihe kriegte, und sie mit dem Haushalt und ihrem Vater allein ließ. Nein, dieser nutzlose Idiot musste sich auch noch mit der Mafia einlassen. Das war nicht übertrieben. In diesem Moment standen zwei Männer in ihrem Wohnzimmer, die man durchaus als Mobster bezeichnen konnte, auch wenn dieses Wort vielleicht etwas veraltet war.

»Ich kann nicht fassen, dass du diese Typen jetzt auch noch mit nach Hause bringst!«, fauchte sie Joey an, der sich mit einer verwirrten Geste durch die zerzausten blonden Haare fuhr.

»Das war Doms Idee.«

Lauren zeigte mit dem Finger auf die fleckige Schiebetür, die ins Wohnzimmer führte. »Du sorgst dafür, dass sie verschwinden. Ist das klar?«

Joey zog entschuldigend die Schultern hoch und wirkte – wie so oft – völlig überfordert. »Hey, kann sein, dass ich da was Dummes gemacht habe …«

Lauren war kurz davor zu explodieren. Allein die Tatsache, dass diese Mobster im Haus waren, machte sie stinksauer. Gleichzeitig hielten sie sie davon ab, richtig aus der Haut zu fahren. Und Joey? Bei ihm war einfach alles zu spät. Seit Wochen schon hing er regelmäßig mit diesen Gestalten rum und fand sich selbst obercool, wenn er für sie als Laufbursche irgendwelche kriminellen Jobs erledigte. Bis er einen seiner Jobs offenbar gründlich verkackt hatte.

Ihrem Bruder war natürlich bewusst, dass er in der Scheiße saß. Er zappelte mit dem Fuß.

»Dom meinte, wir sollten mal drüber reden. Also dachte ich, das ist schon okay, wenn ich sie hierher mitbringe.«

Lauren war sich sicher, dass die Wahrheit vollkommen anders aussah. Als wenn Joey in der Position wäre, darüber nachzudenken, was okay wäre und was nicht, ob er sie mitbringen sollte oder nicht! Natürlich hatte er keine Wahl gehabt. Das, was diese Typen ›reden‹ nannten, bedeutete nichts anderes, als dass sie Joey an die kurze Leine nehmen und seine Familie mit reinziehen wollten.

Joey sah zu ihr auf wie ein Hundewelpe, der auf Streicheleinheiten aus war. »Sorry, ich wusste nicht, was ich tun sollte.«

Tatsächlich beschwichtigte sein Blick sie etwas. Wirklich vergeben konnte sie ihm den Schlamassel nicht, doch sie wusste auch, dass es keinen Sinn ergab, sich endlos zu ärgern. Lauren war ein pragmatischer Mensch. Sie ließ ihre Wut abklingen und widmete sich der Frage, was nun zu tun war. Sie musste diese Typen aus dem Haus kriegen, und zwar so, dass sie keinen Ärger machten. Sie nickte Joey zu und bedeutete ihm, ins Wohnzimmer zu gehen. Langsam folgte sie ihrem Bruder.

Joey hatte Dominic Valente und Cyrus Morello mitgebracht. Wer die beiden waren, hatte Lauren erst nach und nach erfahren, denn ihr Bruder war nicht besonders auskunftsfreudig, was seine neuen Freunde anging. Doch Lauren sah sie immer öfter. Wenn sie Joey abholten, war es meist Cyrus, der klingelte, während Dominic im Wagen sitzen blieb. Mit der Zeit hatte Lauren ihrem Bruder ein paar Details entlocken können. Und was sie erfahren hatte, gefiel ihr ganz und gar nicht.

Dominic war ein Mitglied des Valente-Clans, der Neffe des Capo Leonardo Valente, und das beste Beispiel dafür, dass man gutes Aussehen durch Übertreiben sehr wohl ruinieren konnte. Zu viel Gel in den Haaren, ein zu breites Grinsen im Gesicht. Zu viele Muskeln – es sah aus, als hätte er sich ein Superheldenkostüm angezogen. Darüber trug er eine zwei Nummern zu große Kombi aus Jeans, weißem Feinripp-Shirt und beigem Hemd. Eine kitschige Tätowierung – ein Amor mit Pfeil und Bogen – schaute am linken Arm unter dem kurzen Ärmel heraus. Zu viel Badass-Attitüde. Dom Valente bewegte sich mit einer standesgemäßen Selbstsicherheit, so als würde ihm alles gehören.

Vielleicht, weil es im Grunde auch so war.

Cyrus’ Rolle war weniger offensichtlich. Er schien Dominics Freund zu sein, doch wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass er immer ein, zwei Schritte hinter ihm ging. Auch jetzt stand er schräg hinter seinem Freund und wirkte eher wie ein Bodyguard oder Aufpasser, damit Dom nicht zu viel Scheiße anstellte. Er war deutlich älter als Dominic, vermutlich Ende dreißig, hatte rötliche Haare und wann immer Lauren ihn sah, trug er ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze Jogginghose und abgetretene, weiße Nikes.

»Hallo Lola«, begrüßte Dominic sie.

»Ich heiße Lauren.« Sie warf ihm einen eiskalten Blick zu.

»Ich weiß. Hol uns doch mal was zu trinken, Lola.«

Einen Moment lang sah Lauren ihn wortlos an. Dass diese Typen sich höflich verhielten, war natürlich nicht zu erwarten gewesen. Sie beschloss, sich nicht provozieren zu lassen.

»Was hättet ihr denn gerne?«, fragte sie.

Dominic musterte sie schamlos von oben bis unten. Im Haus war es beinahe so heiß wie draußen und sie trug Jeans-Hotpants zu ihrem gelben T-Shirt.

»Ich nehme einen Kaffee. Mit Zucker, ohne Milch.«

Lauren rümpfte die Nase. Das war wohl die widerlichste Art, seinen Kaffee zu trinken, fand sie. Doch sie nickte. Als sie Cyrus ansah, winkte dieser ab.

»Keine Umstände. Ich hätte gerne einfach ein Glas Wasser. Danke.«

Nicht nur Aussehen und Alter unterscheidet die beiden, dachte Lauren, als sie Cyrus’ freundliches Lächeln sah.

Dominic sah sich kurz um und nahm schließlich auf der Couch Platz, als wäre er hier zu Hause.

»Ihr habt ein tolles Haus, muss ich sagen.«

Irgendwie bewirkte seine Art, das Lauren sich schämte. Weil das Haus eben nicht toll war, sondern alt, dreckig und unaufgeräumt. Aber sie hatte ja niemanden, der ihr half. Sie hatte einen Job und schob Extraschichten, während Joey herumgammelte oder an seinem Computer irgendwelche verrückten Pläne ausheckte.

Sie überließ es ihrem Halbbruder, die Jungs weiter zu unterhalten und ging in die Küche. Es kam ihr ganz gelegen, dass sie so einen Moment zum Nachdenken hatte.

Joey und seine Dummheiten.

Als ihr klargeworden war, mit wem sich ihr Bruder abgab, hatte sie befürchtet, dass es ihn in große Schwierigkeiten bringen könnte. Doch was ihr zunächst nicht bewusst gewesen war, war die Tatsache, dass die Mafia – wenn man in Ungnade gefallen war – sich nicht mit einer einfachen Entschuldigung zufriedengeben würde. Trotzdem war sie sich nicht sicher, was das Erscheinen der beiden wirklich bedeutete. Sie waren sauer auf Joey, keine Frage. Sie wollten etwas bereden, was nur heißen konnte, dass sie Forderungen stellen würden. Lauren konnte nur hoffen, dass sie relativ glimpflich davonkamen.

Sie setzte Kaffee auf und der Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie in einer halben Stunde zu ihrem Boss aufbrechen musste, denn heute war Zahltag. Nun ja – eins nach dem anderen.

Kaffee mit Zucker, ohne Milch, dachte sie angewidert. Sie wusste nicht einmal, ob sie noch Zucker im Haus hatten und durchsuchte unwillig die Küchenschränke. Sonst noch einen Wunsch, Seniore? Es war Teil der Schikane, Teil des Spiels, das sie spielten, wurde Lauren bewusst. Es bewirkte, dass sie sich in ihrem eigenen Haus unwohl fühlte und gab den Mobstern somit automatisch eine Art Kontrolle über die Situation.

Als der Kaffee durchgelaufen war und sie eine Dose mit Zucker im Schrank gefunden hatte, kam ihr die Idee, sich ein klein wenig zu rächen. Spontan stellte sie die Dose zurück.

»Tut mir leid«, sagte sie mit ekelhaft freundlicher Stimme und bittersüßem Lächeln im Gesicht, als sie Dominic die Tasse reichte. »Wir haben leider keinen Zucker mehr da.«

Er sah sie mit abschätzendem Blick an, sagte aber nichts.

Lauren zog unschuldig die Schultern hoch. »Ich bin die Einzige, die hier Kaffee trinkt und ich trinke ihn grundsätzlich schwarz. Soll ja auch gesünder sein.«

Sie wusste, sie durfte es nicht übertreiben, doch es gab ihr das gute Gefühl, wieder die Oberhand über diese Situation zu haben.

Dominics Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, doch er wirkte nicht verärgert. Vielmehr als versuchte er, sie einzuschätzen, und ein Grinsen erschien auf seinen Lippen.

»Wusstest du, dass Menschen, die Bitteres mögen, wie zum Beispiel schwarzen Kaffee, einer Studie zufolge überdurchschnittlich häufig Psychopathen sind?«

Lauren entfuhr ein kurzes Lachen. Wie er da saß, dieser Proll, und eine Studie zitierte – es hatte etwas von einer Sitcom, das Ganze.

Er tat, als erwidere er ihr Lachen, doch blickte sie kurz darauf mit kaltem Gesichtsausdruck an, was sie daran erinnerte, wen sie hier vor sich hatte. Er war ein Krimineller. Mehr als das: Er war Mitglied eines Clans des organisierten Verbrechens. Sie zweifelte nicht daran, dass er sie und ihre Familie auslöschen würde, wenn sie ihm dumm kam. Dominic machte eine wedelnde Handbewegung und Cyrus kam zu ihnen.

»Lauren, Joey, wollt ihr euch kurz setzen?« Förmlich bot Cyrus ihr und ihrem Bruder einen Sitzplatz in ihrem eigenen Zuhause an.

Joey nahm im Fernsehsessel ihres Vaters Platz und Lauren setzte sich auf die Lehne, damit für Cyrus der zweite Platz auf der Couch frei blieb.

»Es geht um Folgendes«, begann Cyrus und setzte sich. »Wir müssen mit euch über eine Sache reden, die … nicht ganz glücklich gelaufen ist.«

Er sah kurz zu Dominic, der kaum merklich nickte, und fuhr fort: »Es ist besser, wenn wir das gleich klären.«

Lauren beobachtete Dominic, der völlig reglos auf der Couch saß und sich nichts anmerken ließ. Wie in Gedanken versunken lauschte er Cyrus’ Worten.

»Lauren?«

Ihr Name ließ sie aufhorchen. Cyrus hatte sich ihr zugewandt. »Lauren, du weißt sicher schon, was passiert ist. Ich nehme an, Joey hat dir alles erzählt?«

Einen Moment lang dachte sie, dass es sich beinahe anfühlte wie bei einem Gespräch mit dem Schuldirektor und einem Lehrer, die das Fehlverhalten eines Schülers ansprachen. Sie sah erneut zu Dominic, dessen Miene immer noch nichts verriet und wandte sich dann an Cyrus.

»Ja, aber ehrlich gesagt verstehe ich davon nur die Hälfte.« Sie wollte Joey nicht noch mehr reinreiten. Er war schon geschockt und fertig genug gewesen, als er ihr alles erzählt hatte. Und es stimmte auch, dass sie sich nicht auf alles einen Reim machen konnte.

»Gut, dann lass dir von uns erklären, welches Problem wir wegen deinem Bruder nun haben«, sagte Cyrus in sachlichem Tonfall und Dominic nickte bestätigend.

Lauren zuckte mit den Schultern und nickte ebenfalls. Sollten sie doch ruhig erzählen. Auf jeden Fall schadet es nicht, ihre Version der Geschichte zu hören, dachte sie.

Joey war es sichtlich unangenehm, denn er zappelte mal wieder mit dem Fuß und kaute auf seinem Daumen herum.

Cyrus räusperte sich.

Kapitel 2

Die ganze Sache hatte – so erzählte Cyrus – eigentlich schon Wochen zuvor begonnen, als Joey ihn und Dominic gefragt hatte, ob er sie bei ihren Deals unterstützen dürfe. Sie hatten Joey als IT-Spezialist mit an Bord geholt, was nichts anderes hieß, als dass er sich in fremde Server hacken und Informationen beschaffen sollte. Sie hatten ihn auf eine konkurrierende russische Gruppe angesetzt, die ihrerseits IT-mäßig aufgerüstet hatte. Dominic hatte in einem leerstehenden Haus, das dem Valente-Clan gehörte, ein Büro einrichten lassen. Neueste Technik. Von außen unscheinbar. Hier hatte Joey eine Zeit lang auf den Tastaturen herumgeklimpert und sogar brauchbares Material liefern können. Innerhalb kurzer Zeit kannten sie die Namen und Adressen sämtlicher Drogenkuriere sowie der Polizisten, die auf der Gehaltsliste der Russen standen. Nützliche Informationen, zum Beispiel, um zu wissen, bei welchem Bullen man vorsichtig sein musste, doch alles Kleinkram im Endeffekt. Dominic wollte viel lieber herausfinden, welche größeren Deals Sharkin mit seiner Organizatsiya plante. Vadim Sharkin, eigentlich Zarkhin, war der Kopf der Brüderschaft, die sich im Revier der Valentes breit machte. Zu ihrem Kerngeschäft gehörten Menschen- und Waffenhandel. Daneben betrieb die Zelle eine eigene Abteilung für Cyberkriminalität und vor allem damit machten sie Dominics Familie das Leben schwer. Joey sollte hier, zusammen mit ein paar weiteren Hackern, Abhilfe schaffen.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, tiefer in die Infrastruktur der Brüderschaft vorzudringen – beinahe wären sie aufgeflogen –, musste Joey ein paar Extra-Aufgaben übernehmen.

Es gab eine Menge Leute, die für bestimmte Informationen gerne gutes Geld bezahlten. Dominics Talent lag darin, diese Leute ausfindig zu machen. Kundenakquise, sozusagen. Joey beschaffte die Informationen. Cyrus kümmerte sich um die Logistik: Übergabeort, Fahrzeuge, Geldtransport. Es lief erstaunlich gut. Beinahe so gut, dass Cyrus Dominic vorschlug, sich allein auf diese Geschäfte zu konzentrieren und den Feldzug gegen Sharkin einfach sein zu lassen. Doch natürlich war das keine Option, denn der Auftrag hierfür war von Doms Onkel Leonardo persönlich gekommen.

Kapital war bei dieser Operation immer ein Problem, denn noch kam über das Verkaufen von Informationen nicht genug Geld herein. Glücklicherweise geriet Dominic an eine Gruppe reicher chinesischer Kids, die es ganz spannend fanden, in der Welt der Cyberattacken mitzuspielen. Er verkaufte ihnen ein von Joey geschriebenes Trojanerprogramm, das jeder mittelmäßige Highschool-Nerd hätte schreiben können, für zehntausend Dollar. Die Übergabe sollte abends in einem Bürokomplex in der Nähe des Flughafens Newark stattfinden.

Joey hatte förmlich darum gebettelt, dieses Mal bei dem Deal mit dabei sein zu dürfen. Er hatte seinen Job bisher gut gemacht, also hatte Cyrus bei Dominic ein gutes Wort für ihn eingelegt. So kam es, dass sie zu dritt ein paar Tage später in einem unauffälligen Wagen mit gefälschten Nummernschildern vor dem Bürogebäude saßen und warteten. In einigen Büros brannte noch Licht, obwohl es schon auf dreiundzwanzig Uhr zuging. Schilder am Eingang deuteten auf mehrere asiatische Firmen hin, die hier ansässig waren. Dominic war der Kontaktmann, also musste er die Ware übergeben und die Kohle mitnehmen. Cyrus fuhr den Wagen und würde im Anschluss dafür sorgen, dass das Geld dorthin gelangte, wo es hinsollte: ein Teil davon gewaschen auf ihr Konto, der Rest verwahrt als Barreserve für diverse Zahlungen. Er würde Dominic begleiten – nur Idioten tauchten zu so einem Deal allein auf. Da sie noch jemanden brauchten, der beim Wagen blieb, hatten sie Joey mitgenommen, der hektisch Kaugummi kaute und mit den Füßen wippte.

»Sie warten auf uns vor dem Fahrstuhl«, erklärte Cyrus sachlich. »Die Übergabe findet statt in Büro F52. Das ist im fünften Stock.«

Dominic grunzte. Cyrus kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass auch er leicht angespannt war, wie immer bei diesen Deals. Man konnte noch so viele davon durchziehen – Routine würde es nie ganz werden.

»In einem Büro gegenüber auf dem Gang gibt es ein Fenster raus auf eine Feuerleiter. Das wäre unser Notausgang«, schloss Cyrus seine Einweisung.

»Okay«, sagte Dominic. »Es ist kurz vor elf. Lass uns reingehen.«

Cyrus wandte sich zu Joey um. »Ganz ruhig sitzen bleiben. Wenn sich etwas tut, das uns Unannehmlichkeiten bringen könnte, lässt du mein Handy klingeln, setzt dich ans Steuer und siehst zu, dass du den Wagen außer Sicht bringst und zum Treffpunkt fährst. Kapiert?«

Joey nickte und kaute nervös weiter.

Cyrus und Dominic wechselten einen kurzen Blick. Würde dieser Hampelmann das schaffen?

Sie trafen ihre Kunden – drei an der Zahl – in der Lobby, als wären sie normale Geschäftsleute, und fuhren dann gemeinsam mit dem Fahrstuhl nach oben. In dem Büro erwarteten sie fünf weitere Gangmitglieder, was sie nicht wirklich überraschte. Sie waren also zu acht und damit mehr als dreimal so viele, doch es waren Kids. Nichts, weshalb er sich Sorgen machte.

Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Bekräftigen, dass alles vertraulich bleiben würde und man gerne schnell zum Abschluss des Geschäfts kommen wollte, wurde die Ware – in diesem Fall ein USB-Stick mit dem Programm darauf – auf einen Tisch gelegt. Die Chinesen hatten einen Laptop dabei und ein schmächtiger Junge mit Brille prüfte den Inhalt des Sticks, während er mit einem älteren Typen in ihrer Sprache diskutierte – vermutlich, ob sie ihnen trauen oder sie nicht besser umbringen sollten.

Schließlich nickte er, und Sheng, der Anführer, mit dem Dominic zuvor verhandelt hatte, meldete sich zu Wort.

»Wir hätten euch lieber in Bitcoins bezahlt.« Er hievte einen schwarzen Aktenkoffer auf den Tisch und ließ ihn aufschnappen. Dominic warf einen Blick hinein, nahm eines der Hundert-Dollar-Bündel und prüfte es.

Cyrus lachte sich innerlich halb tot, weil es so lächerlich war. Bitcoins? Welche schlechten Filme hatten die Kids sich reingezogen? Deals dieser Art wickelte man doch nicht online ab. Vor allem im Darknet wimmelte es von Bullen.

Er wollte gerade einen Spruch machen, als sein Handy klingelte und kurz drauf wieder verstummte. Cyrus blickte auf das Display, trat ans Fenster und sah nach unten. Der Wagen stand noch da. Joey war nicht weggefahren. Was zur Hölle hatte dieser Idiot denn vor? Dann bemerkte er, dass auf einmal mehrere Leute in Bürokleidung das Gebäude verließen und sich schnell entfernten.

Er wandte sich zu Dominic um, der ihn abwartend ansah. »Ich schätze, wir bekommen Besuch.«

Dominic sah zu den anderen, die wirkten, als hätten sie keine Ahnung von dem, was hier vor sich ging.

»Wollt ihr uns verarschen?«

Auch Sheng reagierte verstimmt. Er erhob sich und zwei seiner Jungs postierten sich direkt neben ihm. »Was willst du damit andeuten, hey?«

In diesem Moment explodierte die Tür und eine Spezialeinheit der Polizei stürmte, in Voll-Kevlar, Helmen und mit den Gewehrläufen voran, in das Büro.

»Polizei! Alle nehmen die Hände hoch!«

Cyrus und Dominic gingen augenblicklich hinter einem Schreibtisch in Deckung, doch ein paar der Kids zückten ihre Pistolen, statt sie da zu lassen, wo sie bleiben sollten.

»Waffen runter!«

»Nein, ihr nehmt sie runter!«

Cyrus konnte nicht glauben, wie dumm diese Kids tatsächlich waren. Auf der gegenüberliegenden Seite hockte Sheng ebenfalls hinter einem Tisch und schrie zu ihnen herüber: »Das sind doch eure Leute! Was zum Teufel soll das?!«

Shengs Jungs waren sich sicher, dass es sich nicht um echte Cops handelte, und fuchtelten mit ihren Waffen herum, wurden angeschrien und schrien zurück.

Cyrus fing Dominics Blick auf. Sie wussten, was gleich passieren würde. Die explosive Spannung im Raum schnürte ihnen beinahe die Luft ab. Jetzt kam es nur darauf an, hier schnellstmöglich rauszukommen. Doch noch während Cyrus sich leicht aufrichtete, um sich einen erneuten Überblick zu verschaffen, flog die erste Kugel. Ob es ein Gangmitglied gewesen war oder ein Cop, war nicht zu erkennen.

Daraufhin brach die Hölle aus.

Die Bullen gingen nicht sparsam mit Munition um und innerhalb von Sekunden waren fünf der acht Chinesen von Kugeln durchsiebt. Sie waren praktisch noch Kinder gewesen. Die, die noch stehen konnten, schossen weiter, doch auch sie wurden getroffen. Cyrus und Dominic hatten den Schreibtisch umgeworfen und feuerten mit ihren Waffen in Richtung der Cops. Wirklich viel ausrichten konnten sie nicht.

Und dann war es so plötzlich vorbei, wie es begonnen hatte. Die Cops rückten ab. Einfach so. Die Leichen der Kids ließen sie liegen. Für Cyrus und Dominic wurde es nun brenzlig. Sie mussten verschwinden so schnell es ging.

Das Büro war verwüstet, überall lagen Patronenhülsen herum und alles war bedeckt von einer glänzenden Schicht Blut. Der Schreibtisch, hinter dem sie in Deckung gegangen waren, hatte ein paar Einschusslöcher, doch die Cops hatten fast ausnahmslos auf die Chinesen geballert.

Ein Blick auf den Tisch mit dem jetzt zerschossenen Laptop verriet, worauf die Bullen es abgesehen hatten: Der Koffer mit dem Geld war nicht mehr da.

»Das glaub ich jetzt nicht«, sagte Cyrus atemlos. »Die Bullen haben sich die Kohle gekrallt? Deswegen waren die hier?«

»Ich wette mit dir um deinen Arsch, dass das kein regulärer Einsatz war«, erwiderte Dominic. »Komm, lass uns abhauen.«

Von draußen waren Sirenen zu hören, die sich näherten.

Hoffentlich hat Joey inzwischen das Weite gesucht, dachte Cyrus. Die Cops, die echten Cops, die nun anrücken, werden die gesamte Straße absperren und alle überprüfen. Was für ein Scheiß!

Wie geplant kletterten sie auf die Feuertreppe an der Gebäuderückseite und von dort aus in einen Hinterhof mit Laderampen. Leise, aber zügig schlichen sie sich in die dunkle Nacht davon.

Vierzig Minuten später trafen sie sich mit Joey an dem für diesen Fall vereinbarten Treffpunkt – einem Diner an der I-78. Joey war völlig mit den Nerven runter, obwohl er die Schießerei selbst gar nicht mitbekommen hatte. Er stopfte sich wie ein Irrer Pommes in den Mund und schüttelte immerzu den Kopf. Cyrus und Dominic bestellten sich nur etwas zu trinken.

»Hast du so etwas schon mal erlebt?«, fragte Dominic. Es war eine rhetorische Frage.

Trotzdem schüttelte Cyrus den Kopf.

»Was war das?«, wetterte Dominic weiter. »Korrupte Bullen? Wieso wissen wir nichts davon?«

»Die müssen von irgendwem ’nen Tipp bekommen haben«, sagte Cyrus nachdenklich. »Oder kann es sein, dass die Chinesen unvorsichtig waren?«

Dominic zuckte mit den Schultern. »Klar, das ist natürlich möglich. Aber mir ist, ehrlich gesagt, egal, woher die es wussten. Was mich wundert, ist die Art und Weise, wie die vorgegangen sind. Denen war alles scheißegal. Die haben auf alles gefeuert, was sich bewegt hat. Haben diese Kids abgeschlachtet. Für die Kohle.«

Cyrus nickte betrübt.

Dominic nahm einen großen Schluck Bier und schüttelte sich. Dann sah er Joey an. »Warum hast du uns nicht gewarnt?«

Joey zuckte zusammen und sah mit angsterfülltem Blick auf. »Ich hab doch angerufen.« Er klang verzweifelt.

»Ja, und was solltest du tun, nachdem du angerufen hast?«, fragte Dominic. Er war offensichtlich mehr als gereizt.

Ein großes Fragezeichen schwebte über Joeys Kopf. Dominic beherrschte sich sichtlich, als hätte er ihn am liebsten geschlagen.

»Du solltest sofort abhauen, du Vollpfosten.«

Joey war sich anscheinend keiner Schuld bewusst. »Ich konnte nicht gleich wegfahren. Der Detective war da.«

Cyrus und Dominic wechselten einen fragenden Blick.

»Welcher Detective?«, fragte Cyrus.

»Detective Lazaro«, antwortete Joey schmatzend. »Der kennt mich von früher. Hat den Unfall meiner Mom untersucht. Er hat ans Fenster geklopft und mich ausgefragt. Was ich da mache und so.«

Dominic räusperte sich. »Und was, bitteschön, hast du ihm gesagt?«

Joey schüttelte den Kopf. »Ob ihr es glaubt oder nicht – der wusste von dem Deal. Er hat gesagt, er weiß Bescheid. Er wusste, dass ihr da drin seid, um einen Deal zu machen. Und er sagte, dass die Chinesen uns reinlegen wollen.«

»Und dann hat er dir gesagt, dass er wissen muss, in welchem Büro der Deal stattfindet, damit er Schlimmeres verhindern kann. Und du hast ihm daraufhin gesagt, wo, nicht wahr?«, fragte Cyrus und erwartete eigentlich keine Antwort.

Joey nickte eifrig und Dominic verdrehte stöhnend die Augen.

»Joey«, begann Cyrus und bemühte sich, ruhig zu bleiben, »ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Bulle dich nur verarscht? Dass er eigentlich gar nichts wusste und nur gemutmaßt hat? Und du hast ihm auch noch die Nummer des Büros gesagt.«

Joey zuckte verlegen mit den Schultern. »Na ja … ein bisschen komisch kam es mir schon vor. Deshalb habe ich dein Handy klingeln lassen.«

Dominic holte tief Luft. »Und wieso zur Hölle hast du dich dann nicht sofort verpisst, so wie es abgemacht war?«

Joey verstand offenbar nur Bahnhof. »Ich weiß nicht. Warum ist das so ein Problem?«

»Sieh mal, Joey«, schaltete sich Cyrus ein. »Wenn wir einen Mann draußen postieren, dann tun wir das nicht zum Spaß. Und wenn wir dir sagen, du sollst abhauen, wenn es ungemütlich wird, dann erwarten wir, dass du das auch tust, kapiert?«

Joey nickte, hatte aber offensichtlich immer noch keine Ahnung, wo das Problem lag.

Dominic schlug mit der Faust auf den Tisch, schnappte sich Joeys T-Shirt und zog ihn zu sich heran.

»Du hast unseren Deal an einen korrupten Bullen verraten, der seine Crew ausgeschickt hat, um acht chinesische Kids abzuknallen und mit unserer Kohle zu verschwinden. Und du fragst, wo da das Problem ist?«

Nun wirkte Joey so, als wäre er kurz davor zu heulen. Dominic leerte sein Bier und wandte sich an Cyrus. »Zeit, zu verduften. Wir lassen die Karre verschwinden und dann geht’s nach Hause.«

Damit war der Tag gelaufen.

Draußen auf dem Parkplatz vor dem Diner hatte Dominic Joey dann noch angefaucht: »Wir reden nochmal über deinen Patzer. Am besten bei dir zu Hause. Und noch etwas: Du schuldest uns zehntausend Dollar.«

Kapitel 3

»Sorry, da gibt es etwas, das ich nicht verstehe«, sagte Lauren vorsichtig, als Cyrus seine Erzählung beendet hatte.

Erwartungsgemäß erntete sie kritische Blicke von den Mobstern. Sie sah kurz hinüber zu Joey, in dessen Gesicht sich leichte Panik breitmachte. Doch sie wollte diese seltsame Geschichte nicht einfach so stehen lassen. Was diese Typen sich erlaubten, war einfach unerhört. Dumm war nur, dass sie am längeren Hebel saßen. Trotzdem war der Deal wegen der korrupten Polizisten gescheitert und nicht wegen Joey.

Sie holte tief Luft. »Was war mit den Cops?«

»Den Cops?«, fragte Cyrus.

»Na, sie mussten doch vorher schon von dem Deal gewusst haben.«

»Genau das macht uns zu schaffen«, warf Dominic ein. Da er die ganze Zeit geschwiegen hatte, sah Lauren ihn überrascht an.

»Aber sie hätten nichts ausrichten können, wenn Joey diesem Detective-Arschloch nicht das Büro verraten hätte.« Er funkelte Joey böse an. »Das war wirklich …«

»Hey«, unterbrach ihn Lauren. »Joey konnte doch keine Ahnung haben, dass Lazaro ihn verarscht. Er kennt ihn, seit er zehn Jahre alt war. Er …«

Nun war es Dominic, der Lauren ins Wort fiel. »Fakt ist, dass Joey den genauen Ort des Deals verraten hat. Und er hat uns nicht gewarnt. Dazu kommt noch, dass Lazaro nun weiß, dass Joey mit uns arbeitet. Und da oben lagen acht Chinesen in einer riesigen Blutlache. Wenn bei den Ermittlungen irgendwas dumm läuft, kann Lazaro, um seinen eigenen Arsch zu schützen, es jederzeit so aussehen lassen, als wären wir das gewesen. Du willst es vielleicht nicht verstehen, Lola, aber das ist ein ernstes Problem, das wir hier haben.«

Dominic sah sie fest an. Sein plötzlicher Redefluss überraschte Lauren einmal mehr. Und sein Blick war unangenehm intensiv. Lag es an seinen Augen?

»Und zum Großteil haben wir das nun mal deinem Bruder zu verdanken«, schloss Cyrus.

Nein, ihr habt das der Tatsache zu verdanken, dass ihr Kriminelle seid, die vor nichts zurückschrecken, dachte Lauren, doch sie hielt sich zurück.

»Was passiert nun?«, fragte sie stattdessen.

»Wir sind hier, um zu bereden, wie ihr … sagen wir, Kompensation leisten könnt.«

»Kompensation«, wiederholte Lauren ungläubig.

Cyrus nickte. »Wie schon gesagt, ihr schuldet uns die zehntausend Dollar.«

Lauren schnaubte.

»Bevor du jetzt protestierst, Lola, « sagte Dominic, »komm erst mal runter.«

Komm runter?, dachte Lauren. Sie war noch nicht einmal richtig in Fahrt.

»Das ist eine Geste des guten Willens.«

Lauren konnte nicht anders, als ihn entgeistert anzustarren.

»Wir wollen lediglich die zehn Riesen von euch«, fuhr er fort. »Keine Zinsen.«

»Das ist ein faires Angebot«, sagte Cyrus und nickte.

Es ist weder fair noch ein Angebot, dachte Lauren, doch sie sagte nichts.

Sie sah nur mit bösem Blick hinüber zu Joey, der betreten an seinen Fingernägeln knabberte. Dann seufzte sie.

»Okay, was verlangt ihr? Wir haben das Geld nicht.«

»Das ist uns bewusst«, antwortete Cyrus und in seinem Tonfall lag tatsächlich so etwas wie Mitleid.

»Wir müssen dafür sorgen, dass Sharkins Einfluss sinkt«, schaltete sich Dominic ein. »Und zwar schnell. Dafür muss Joey seinen Job machen. Ich meine die technische Seite. Er taugt nicht für die anderen Jobs.«

Lauren nickte langsam. Eine Befürchtung kroch in ihr hoch.

»Allerdings«, bestätigte Cyrus und sah mit genervtem Gesichtsausdruck zu Joey, der in seinem Sessel immer kleiner wurde. »Wir brauchen einfach jemanden, der uns bei verschiedenen Aktivitäten unterstützt. Joey hat uns versichert, dass du einiges draufhast und wir uns auf dich verlassen können.«

Lauren versuchte, weiterhin ruhig zu wirken, auch wenn ihr Puls raste. Von Dominic erhielt sie nur einen kalten Blick.

»Du wirst uns helfen, Lola«, sagte er. »Lass Joey das tun, was er kann. Du hilfst uns und kannst so gleichzeitig die zehn Riesen abarbeiten.«

Für einen kurzen Moment wollte Lauren ihn fragen, wie zur Hölle er auf die Idee kam, dass sie das tatsächlich tun würde. Doch in seinen Augen konnte sie erkennen, dass er nicht bereit war, darüber zu verhandeln. Sie blickte zu Joey und in diesem Moment wurde ihr klar, dass ihr Bruder keine andere Wahl gehabt hatte, als sie vorzuschlagen. Wenn sie ihm nicht half, war er geliefert.

Das war’s. Schachmatt sozusagen.

»Kann ich es mir überlegen?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

Cyrus und Dominic wechselten einen Blick. Schließlich nickte Cyrus und erhob sich. Auch Dominic stand auf. Sie hatten gesagt, was sie sagen wollten, hatten ihre Position deutlich gemacht. Mit festem Blick nagelte Lauren ihren Bruder an seinen Sessel und stand ebenfalls auf.

»Wir finden allein raus«, sagte Cyrus und wandte sich zum Gehen.

Es war Dominic, der vor ihr stehen blieb. »Überleg nicht zu lange, Lola«, sagte er und grinste selbstgerecht. »Morgen früh holen wir dich ab.«

In dem Moment, in dem sich die Haustür hinter ihnen schloss, atmete Lauren laut aus und blickte zu ihrem Bruder, der immer noch zusammengekauert im Sessel saß.

Ehe sie etwas sagen konnte, hob er abwehrend die Hände und sagte jammernd: »Hey, ich hatte keine Ahnung. Ehrlich.«

»Fick dich, Joey!«

Lauren hatte keine Lust und auch nicht die Kraft, sich mit Joey zu befassen. Er hatte es verkackt. Er hatte sich mit der Mafia eingelassen und nun saßen sie alle in der Scheiße. Sie hatte keine Ahnung, was diese Typen genau vorhatten, doch sie musste sich etwas einfallen lassen, wie sie die Sache am besten durchstehen konnte. Noch hatte sie jedoch keinen Plan.

Ein Geräusch hinter ihr ließ sie herumfahren. Ihr Vater Nick war im Wohnzimmer erschienen, sein Gesicht leicht zerknautscht und die Haare zerzaust. Er hatte sich in seinem Zimmer kurz hingelegt.

»N-Nicht streiten«, stammelte er.

Lauren wusste nicht, wie lange er schon da war und wie viel er von dem Gespräch mitbekommen hatte. Sie hoffte für ihn, dass er keine Ahnung hatte.

»Es ist alles okay, Pops. Wir streiten nicht«, sagte Lauren ruhig, doch sie funkelte Joey wütend an.

Das Außenthermometer neben der Haustür zeigte einunddreißig Grad Celsius und dabei war es noch nicht einmal elf Uhr. Lauren schlug die Tür hinter sich zu, ging über den verdorrten Rasen im Vorgarten und setzte sich an das Steuer ihres alten, verschrammten Toyota Camry. Sie hatte nicht weit zu fahren, doch sie war zu spät dran und würde sich Sprüche von ihrem Boss und den anderen anhören müssen. Die Sonne stand hoch am Himmel, aus dem jede Farbe geblichen schien.

Während Lauren in der brütenden Hitze durch die trostlosen Vorstadtstraßen von Passaic fuhr, grübelte sie über das nach, was die beiden Mobster gesagt hatten. Ein Teil von ihr wollte die Situation am liebsten verdrängen, wollte so tun, als wäre es nur ein Traum oder ein schlechter Scherz gewesen. Doch sie wusste, dass sie sich nicht würde verstecken können.

Dass Joey an diese Typen geraten war, war leider alles andere als ungewöhnlich. Es lag an dieser Stadt, an den Menschen hier und an der Tatsache, dass alles langsam, aber sicher den Bach runterging. Etwa ein Viertel der Einwohner von Passaic lebte unterhalb der offiziellen Armutsgrenze und in ihrer Generation hatte fast jeder Dritte keinen Job. Entweder nahm man, was man kriegen konnte, wie Lauren es getan hatte, oder man versuchte, einen eigenen Laden aufzuziehen wie ihre beste Freundin Ella. Einfach war es nie. Meistens war es verdammt hart, über die Runden zu kommen. Da war es nicht verwunderlich, dass manche den vermeintlich leichteren, kriminellen Weg wählten.

Lauren machte sich keine Illusionen. Wenn jemand behauptete, das Leben sei kein Buffet, dann hatte dieser Jemand absolut keine Ahnung. Das Leben war ein Buffet. Nur der Zugang dazu war nicht für alle gleich. Manche standen ganz vorne in der Schlange und durften zuerst ran. Wenn man sich nicht mit den anderen um die Reste schlagen wollte – oder gar riskieren, leer auszugehen –, musste man erfinderisch sein. Was meist bedeutete, dass man zu unfairen Mitteln greifen musste. Zum Beispiel konnte man sich unter dem Buffet verstecken und schnell zuschlagen, wann immer sich eine günstige Gelegenheit bot. Oder man ergatterte sich mit fiesen Tricks einen Platz weiter vorne in der Schlange. So oder so: Am Ende war sich jeder selbst der Nächste.

Was diese Sache anging, war Lauren nüchterne Realistin.

Joey jedoch war ein Träumer. Er glaubte fest daran, dass sie es schaffen würden, eines Tages wie die Könige zu leben. Dass er selbst absolut nichts dafür tat, wie zum Beispiel einer Arbeit nachzugehen, schien ihn nicht vom Träumen abzuhalten. Er verbrachte den Großteil der Abende und Nächte vor seinem Computer und verlor sich in Codes und Weltherrschaftsfantasien. Und die Welt der Programme und Logarithmen war sein Spielplatz für diese Fantasien.

Lauren hielt die digitale Welt für etwas lächerlich Banales. Notwendig zwar, aber bei Weitem nicht so besonders, wie einem ständig immer alle weismachen wollten. Denn es war nicht die reale Welt. Du hältst dich für einen Helden, weil du irgendeine App entwickelt hast, die Schülern besseres Essen ermöglicht? Schufte selbst mal in einer Großküche zum Mindestlohn, bevor du dich feiern lässt, Juppie!

Als Lauren in den Hof zu ›Karlovic’s Technical Gases Supplies & Deliveries‹ einbog, kochte ihr Gemüt bereits, noch bevor sie überhaupt mit jemandem gesprochen hatte. Und der Tag wurde nicht besser: Als sie ausstieg, hörte sie schon das hämische Lachen ihres Kollegen Cedric Tatum, den alle nur Tatt nannten, wegen seines mit bunten Tattoos verzierten Körpers. Tatsächlich war außer auf seinem Kopf nicht mehr viel Platz für weitere Kunstwerke.

»Ha, die Prinzessin kommt also doch noch.« Tatt wedelte mit seinem Gehaltsscheck vor ihrem Gesicht herum und grinste anzüglich.

»Halt’s Maul, Tatt.«

Er spielte den Besorgten und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ich hoffe, dich hat nichts Schlimmes aufgehalten.«

Lauren stieß ihn von sich und schnaubte. Sie war die Sprüche ihrer Kollegen – allesamt Männer – gewohnt. Und dass sie immer eine Gelegenheit fanden, sie zu berühren, war auch nicht sehr außergewöhnlich. Im Großen und Ganzen kam sie damit klar und mit der Zeit hatten die meisten von ihnen begriffen, dass sie kein Freiwild war, und hielten sich zurück. Tatt war einer der ewig Unbelehrbaren.

»Tatt, nimm deine Scheißgriffel weg!«, donnerte es aus Richtung des Blechcontainers, der Karlovic als Büro diente.

»Und Lauren, schwing deinen kleinen Arsch hier rein. Und zwar schnell.«

Tatt ließ sie los und Lauren ging ungerührt auf das Büro zu.

»Klein und süß, dieser Arsch«, murmelte Tatt ihr hinterher und erntete einen erhobenen Mittelfinger von ihr.

Stephen Karlovic saß an seinem Schreibtisch, sein schweißfleckiges Hemd spannte sich über einem beachtlichen Bierbauch. Drei Ventilatoren taten ihr Bestes, die Luft etwas erträglicher zu machen, doch es half nichts. Es roch penetrant nach Schweiß. Lauren kümmerte es nicht wirklich. Sie roch wahrscheinlich selbst nicht besonders gut, so wie sie schwitzte.

»Du hast Glück, dass ich noch hier bin«, brummte Karlovic zur Begrüßung. »Denkst du, ich setze mich am Samstag länger als nötig hier rein, damit du an dein Gehalt kommst?«

»Sorry, Boss«, sagte Lauren nur.

Es machte keinen Sinn, ihm mit Erklärungen zu kommen. Er wollte sie nicht hören.

»Ist alles okay? Alles klar zu Hause?«, fragte Karlovic in väterlichem Tonfall.

Vor den Männern behandelte er Lauren nicht anders als seine anderen Leute: mit herber Unverschämtheit. Und wenn es um Aufträge und Arbeitspensum ging, bekam Lauren auch keine Sonderbehandlung. Doch wenn sie allein mit ihm sprach, ließ er immer mal wieder durchblicken, dass er sich für sie verantwortlich fühlte. Sie hatte den Job bei Karlovic quasi von ihrem Vater Nick geerbt, der nach einem Schlaganfall nicht mehr arbeiten konnte. Karlovic brauchte verlässliche Fahrer, die Gasflaschen zu Baustellen, Arztpraxen und anderen Abnehmern fuhren. Nicks Kinder brauchten Geld. Joey war unzuverlässig und wollte nicht arbeiten, also hatte Lauren den Job übernommen.

»Wie geht es deinem Vater?«

Lauren zog kurz die Schultern hoch. »Genauso wie gestern.«

Karlovic sah sie einen Moment prüfend an, so als ahne er, dass etwas vorgefallen war. Doch er entschied sich wohl dafür, dass es nicht sein Problem war, denn er reichte ihr wortlos den Gehaltsscheck über den Tisch. Lauren warf einen Blick darauf und stöhnte.

»Wieder keinen Bonus? Echt jetzt?«

»Du arbeitest zu langsam. Ich kann dir keinen Bonus zahlen, wenn neunzig Prozent der Jungs schneller sind und mehr Fuhren schaffen.«

Sie verstand es ja, doch es fühlte sich trotzdem beschissen an. Wenigstens bekam sie nichts mehr abgezogen, wie zu Beginn ihrer Arbeit. Die schweren Gasflaschen waren für ihre Kollegen zehnmal einfacher zu bewältigen. Doch was das Befahren der oft unübersichtlichen Baustellen anging, das hatte sie inzwischen besser drauf als die meisten der ewigen Sprücheklopfer.

Sie bedankte sich und wollte gerade gehen, als Karlovic sagte: »Dein Exfreund spioniert hier herum.«

»Danny? Wie meinst du das?«

»Kann sein, dass es was mit Hector zu tun hat«, meinte Karlovic.

»Was ist mit Hector?«

»Er wird per Haftbefehl gesucht. Kam schon am Donnerstag nicht mehr zur Arbeit.«

Lauren wusste nicht viel über diesen Kollegen. Dass er etwas ausgefressen hatte und nun wohl untergetaucht war, überraschte sie, aber nicht sehr.

Wieder einer, dachte sie resigniert.

Danny sollte offensichtlich hier Ausschau halten, ob Hector sich zeigte oder es Hinweise über seinen Verbleib gab. Möglich, dass sie vermuteten, dass auch noch andere Mitarbeiter von Karlovic mit drinsteckten.

Sie sah ihren Boss fragend an.

Was habe ich damit zu tun?

»Mir fehlt die Arbeitskraft«, erklärte Karlovic. »Das heißt auch für dich Extrafuhren. Und wenn die Bullen hier rumhängen, ist das schlecht fürs Geschäft.«

Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. »Vielleicht kannst du deinen Ex davon überzeugen, dass er mich in Ruhe lässt.«

Lauren schnaubte nur. Sie konnte nicht mit Danny reden, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Sie stützte die Hände in die Hüften, legte den Kopf schräg und tat, als müsse sie überlegen. »Hm … Für zehn Prozent Extrakohle auf den letzten Scheck, könnte ich das vielleicht tun.«

»Vergiss es.«

Als Lauren sich zum Gehen wandte, rief Karlovic ihr hinterher: »Ich will dich am Montagmorgen pünktlich zur Frühschicht hier sehen. Vielleicht zur Abwechslung mal mit einem netten Lächeln im Gesicht.«