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© 2019 Klaus Isele Editor
Umschlagfotografie Simone Kappeler:
»Porträt Gianni Kuhn«, 2000
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-7481-9655-6
ein herzlich schweigendes willkomm
am bahnhofswartestamm um sechs in der früh,
alles ist rückwärts gewandt, der magen
noch kaffeeisoliert, die augen vertraumzipfelt,
die träume meist bös oder schlimm oder peinlich
oder einfach keine erinnerung mehr,
nur schmerzen
an schultern, nacken, im kreuz,
den krampf im bein, das stechen in der brust,
die zeitungslettern drücken sich
fest in die leere des hirns,
die lippen trocken ohne tau,
noch lange keine kussbereitschaft
zu erwarten,
obwohl der morgen fürs sinnliche
wie geschaffen wär, keine lust,
vielmehr noch keine zeit,
nur futter für die augen und
die empfindlichsten morgenohren
der welt,
der mond jedenfalls
zwillingt sich gegen den zigaretten
glimmpunkt, verfehlt die einheit
nur knapp, sinkt schliesslich ab,
der einfahrt des zuges,
wenn auch mit verspätung,
platz zu machen,
freie bahn!
flughafen, gigantischer menschenarsch,
signalrot die feuerlöscher des gilgamesch,
dreiklänge scheinen aus den miniaturvideo
überwachungskameras zu kommen,
flughafen kloten, hier wird dem magermilch
pulver einer frühfahrt das wasser hinzugerührt,
der reizhusten durch reizende schuhe ersetzt,
und allmählich macht sich das vorstadtgewinsel
bemerkbar,
oh kloten, deine grünen augen wie sterne,
wer möchte da nicht songschreiber werden,
wer nicht abheben, durchziehen und raus
aus des schaffners augenpaar und knips,
raus aus der schweizerischen demokratie
und zollfrei fliegen,
doch der schaffner drückt den knopf,
was heisst, der zug ist zur abfahrt bereit,
näxt stop zjurik erklingts durch seinen
stimmgewaltigen mund
zürich blauer trunkenbold
unter des himmels gedröhne seltsam still
wie gedanken an nichts und nochmals
das gestammel der kaffeetassen,
das klirren, alles umsteigen jetzt,
bleibt viel zeit noch, mehr als erwartet
zwischen urinoir und espressobar,
hier reimt sich selbst die duschanlage
mit der bijouterie,
nur der tau fehlt ein bisschen
auf den blumensträussen,
sgilt weiter die wartezeit zu überbrücken,
bis die bahnsteige für die nächsten anschlüsse
feststehn,
in der marmorhalle wieder auftauchn
in den halboffenen dreiklang
der allseits bekannten ansagerstimme,
wie heimat seine worte, wie glück,
eine zigarette entzündet sich hier einer,
ein kleiner privater, ein reisender
fast intim schon mit diesem ort,
graffiti stehen für den blauen himmel,
seine blicke kreisen hinauf
zur nana, dem engel
der niki de saint phalle
wenn der alpenfirn sich rötet
geht’s unweigerlich gegen den alpstein,
der zug wiehert und winselt
unter den churfirsten lustgeprügelt
in vollster viersprachigkeit,
landlady landquart ist richtig gestimmt,
um nach schiers, küblis, klosters
den joint durchzuziehen:
davos track six,
18 stockwerke manhattan gischt
gleich bei der station flattert die u.s.a.,
die speckigen sterne im rheintal,
in gedämpftem ton die schmalspurbahn,
die rhätische château weiss gott was
für ein bordeauxrot ihre farbe,
spätestens in klosters das geschwätz
vor dem aufstieg,
welches die schweiz mit österreich
in ein bett legt,
der gotschna in helios sperre heisst
nebelverhangene schispitzen,
und zauberberg heisst deutsch
in der schweiz
und die schweiz ist eh für sich allein
nie etwas gewesen,
von dem die andern
nicht gewusst hätten,
dass es dies gibt,
so zieht die rhätische bahn
die völkergemeinschaft der touristen
unter ächzen und stöhnen weiter hinauf,
näher zum paradies
hier also die moutainbikes
hässlich ins cogito ergo sum gedrückt,
mich dünkt der kotzi himmel wird
unterschätzt, ist blauer als blau,
kein prügelknabe,
was hier zählt ist die kleine dosis suizid,
frisch zubereitet mitm eigenen blut und
dem ganzen ungebändigten drang,
dens dazu braucht
und dem mut, ohne den
alle gipfelbücher leer wären,
alle berge
mutterseelenallein
blonde miezen und schweissige kerle
sagens ganz klar:
wer schnee sehen will
muss morgen grauen
der waldfriedhof liegt etwas abseits ausserhalb
von davos
zwischen lärchen abgesenkt
und tief verschneit,
etwas oberhalb nur wenige meter vom hang
die kreisenden rotorblätter,
die vier männer mit dem sprengsatz,
der die lawine auslösen soll,
auf dass die skifahrer wieder sicher fahren
können,
white out
ist die vollkommene orientierungslosigkeit
eines hubschrauberpiloten,
wenn dieser zu viel schnee aufwirbelt,
rundherum ist alles weiss,
kein oben, kein unten,
weit dehnt sich das schneefeld in die tiefe
der lärchen
und selbst die vielen grabsteine sind nichts
weiter
als kaum wahrnehmbar sich wölbende
verschneite hügel
ultrafett das schicke leid gepanzert,
die pistenkatzen machen sich gut,
schnurren mit ihren breiten gummiwalzen,
sdient schliesslich der sicherheit auf der bahn,
herrscht hier ein verkehr wie sonst nirgends,
davor und danach will jeder seinen spass
und sie den ihren,
die bergdohlen schnappen den käs
mit dem gelben schnabel,
reissens papier auf wie nichts,
bist ein netter boy,
siehst die blasen der veuve clicquot
in ihrem glas,
schliesslich kommen alle
auf den mittelstreifen,
herrschen hier schliesslich
andere regeln des verkehrs
als anderswo
ein stechen in der brust, ein
schnauben, ein rasseln, ein schreien
erstickt, vor allem ein pfeifen, die lawine
pfeift, dann ist alles ruhig, nur noch der eigene
atem unter dem schnee und das lange warten auf
ein wenig luft zum atmen
die hitze ist gussreif, kein kälteriss
nur offene münder und volle windeln,
kein platz für erbärmliche platzhirsche,
nur soziales geschiebe auf dem einstigen
urmeer,
nun treten wir am ort, kühlen uns
im biertopf die erhitzten sinne,
das sirrende wasserfallen in der ferne
schürt sehnsucht,
an den bergflanken vor der lockenden röhre
allerlei kapellen und landwirtschaftliches
gefährt,
der überhitzte kühlerhaubenunterbau knurrt,
ich tret mal aus und piss ins kohlenmonoxyd,
nichts als granitabpraller,
seh dabei kinder mit rahmverschmierten
mündern ausm schwarzwald, einen bergbauern
am berg die sense gewetzt, eine gruppe
strassenarbeiter ausm ausland die ausladende
inlandstrasse repariern, frag mich, was ich hier
mach, bis mirs abstellt,
endlich richtiges austreten, tankstelle in sicht,
zufrieden die zunge im dampfenden sprit,
spiritus sanctus kumpel, ein brandopfer
ist allerdings nicht angesagt, also halbier dir
die zigarette, spuck drauf oder mach sie
sonstwie zur sau, ganz feucht muss sie sein,
kein glimmen mehr, keine hoffnung auf rauch,
sonst sind wir mächtig vor der zeit in der hitze
des südens,
nur explosiver und schneller
schieferndes gneissgeschiebe unter meinem steiss,
weil oben hinter der mauer was wassermasse ruht,
allein die turbinen zu bedienen, lichtschienen
und allerlei steckdosiges zeugs,
aus der adlerperspektive ein richtiger see
wie die unten bei zürich, zug, luzern und genf,
zwar viel kleiner auf der karte, viel grösser
vor ort, weil sich niemand drauf wagt
mit einem heimatlichen schiff, nur vereinzelte
baumstämme kreiseln im blaugrünen wasser
als reaktion auf den turbinensog aus der tiefe,
die verwitterte betonwand hält alles zusammn
in ihrer monumentalen biegung armiert,
die ziegen am hang kümmert das allerdings
einen feuchten dreck
1
nebelbandagen über der unterkühlten haube,
drunter der scharrende motor, die lackkarosserie
hellblau voller taumoleküle,
vorbei am bretterzaun mit den abgerissenen plakatn,
vorbei am halbleeren buswarteschuppen, besprayt,
vorbei an hunden an der leine und fussgängern
die hundekacke ihrer lieblinge aufnehmend,
beide sind sie keine jäger mehr, nur noch sammler
2
bergwärts geht’s voller freude, ist doch klar,
voller vorfreude und hunger nach ionisierter luft
und fichtigem, moosigem, felsigem, wo alles
noch zusammnkommt, wos wasser direkt
aus der quelle sprudelt, wo alles noch stimmt
und auch mal richtig urtümlich stinken darf
gegen den blauen himmel
3
hanglagig den wagen geparkt, die waden mit
ringelblume einmassiert, aufm geröll der rutschtest
für die boots,
dann kreuz und quer hinaufgekeucht, den rost
im eigenen blut ausgekocht,
die lungen durchgeschruppt,
den körper geschlaucht,
den geist befreit
4
bei einbrechender dunkelheit ankunft
direkt ins nachtaugige kuhgemelk und blökecho,
spät, zu spät schon für die alpine siesta,
bald schläft die sennerin, muss morgens um vier
wieder raus für die milch und den käs,
keine zeit für den städter mehr heut
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von der mehrstimmigen morgenkadenz
aus dem schlaf gesogn wies mark ausm knochen,
schnell in den tagesarm genommen der benommene
städter, besonnt wie von sinnen,
der morgenmond schon abgeplattet,
der mund trocken, die kühe gemolken
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der hochsonnenstand schattiert die armmuskeln
der sennerin, die schläft schon wieder ermattet,
nur der hund gibt laut,
brav, ist gut so,
die kühe sind an die bergweide geworfenes spielzeug,
die gletscherzungenluft züngelt aus dem nebental,
in weiter ferne ein hubschrauber mit holz
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der abend löscht schliesslich alles aus,
nur siehst du hier mit dem herz
und so bleibts länger hell
in der mehrstimmigen abendkadenz,
der sennenhund holt die kühe runter
zum halbgedecken stall, sist melkzeit,
die sennerin ist dir wieder entwischt
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das melken dauert stunden und dann
folgt noch mehr arbeit in der käserei,
holt sich die müdigkeit nach mitternacht
wieder die sennerin unter den sternbildern
weg, vom berg her vereinzeltes blöken,
verlangsamt auch des städters herzschlag
zum schlaf
quäle den rhein, so hab ichs immer verstanden
als kind,
als hätt ich eine delle im gehirn, ein loch,
bis ich über die blöcke die eigenen kinder
hab hüpfen sehn, diese gämsböcke,
über kleine grüne polster aus moos
hab ich mich beim tomasee gehen gesehn,
einsaufen auch,
einen schuh fluchend aus dem eiswasser ziehn,
lachen mich aus, diese quader mit ihrem echo,
verhöhnen mich mit ihren abgerissnen wänden,
teils geschwärzt von erloschnen feuern,
teils schon von flechten zeitlos überrannt,
für steinhauer jedenfalls ist hier auszeit,
besser machen wär der nackte hohn,
zu fuss,
weder funktelefon noch brot noch genaue
karten oder gar leuchtraketen im rucksack,
vom panorama überwältigt und
vom eigenen mut überrascht,
von entgegenkommenden berggängern
ermuntert ins hochsommerliche gebirge zu stapfen,
derart gelockt und höher gezogn als jemals gedacht,
bis der erste schwindel und der zu lange anmarschweg
einem klarmacht, es gibt kein zurück,
nur vorwärts
auf immer enger werdenden pfaden,
sich durch felsspalten zwängen,
mit den turnschuhen
über abrutsche und loses gestein,
über erste unerwartet auftauchende
schneefelder,
darüber der himmel noch blau,
doch plötzlich mitten im nebel,
alsbald schlotternd in der zu leichten kleidung,
immer neu erschreckt durchs rieselnde gestein,
kein zurück mehr möglich,
sgilt die kinder je einzeln zu halten
an den klammen händen,
beruhigend auf sie einzureden,
so die schwierigsten stellen zu meistern,
halt irgendwie durchzukommen,
kaum noch sehen wir einander
im sich verdichtenden nebel,
sind nicht sicher, obs der richtige weg ist,
nieselregen setzt ein, ein eisiger wind,
einzig die hoffnung, den oberalppass heil
und bei tag noch zu erreichen
die hubschrauber ziehen ihre kreise
akkurat in den anflugbahnen der bergdohlen
voller kakao, schnaps und allem,
was not tut, nur einziehn könnens das kreuz
ihrer rotorblätter nicht wie die dohlen ihre flügel,
spätestens nachts im zwanzigbettzimmer
frägst du dich schlaflos drehend,
ob du nicht doch dem berg auf den leim
gegangen bist, der hütten filz romantik
mit alkohol und käse drüber,
schläfst ein wenig,
grad genug, um dich
an die schlimmsten träume zu erinnern,
der morgen ist putzlappen und
reinigungskübel bei fuss noch bevor
die sonne am blank gewischten himmel
alles klarmacht,
brauchst selbst nichts zu tun als dich
von dem eigenen ledernen schuhwerk