Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht, und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. (Bertolt Brecht)

Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen. (William Faulkner)

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt.

ISBN: 9783752663754

Inhalt

Mehr Licht – und etwas Farbe

Die meisten unserer Vorfahren tauchen nicht mit Namen und Ruhmestaten in den Geschichtsbüchern auf. Man sieht sie nicht, sie sind im Dunkeln. Wer in den alten Kirchenbüchern und Bürgerregistern nach ihnen sucht, findet – bestenfalls – drei Daten: Geburt, Ehe, Tod. Und doch hatten sie alle eine Geschichte, und sie hatten ein Gesicht. Sie erduldeten Kriege, Pest und Hungersnöte. Sie starben im Krieg, an der roten Ruhr, selten an Altersschwäche. Die Glücklicheren freuten sich über friedliche Zeiten, gute Flachsernte und wirtschaftlichen Aufschwung.

Dieses Buch ist unser zweiter Versuch, einige unserer Ahnen sichtbarer zu machen, ihnen Gesichter zu geben, sie in ihrer Zeit und ihrer Umwelt zu zeigen. Bisweilen handeln die Geschichten auch von nicht oder nur entfernt Verwandten, wenn sie beispielhaft Aspekte einer Epoche illustrieren. Immer aber geht es um Menschen, die tatsächlich gelebt haben.

Wir haben das Buch zu zweit geschrieben. Dabei war Kurt Rechsteiner für die Fakten zuständig. Ruth Rechsteiner-Willi wob dann in diese halt immer ziemlich trockenen Jahreszahlen, Verwandtschaftsgrade, Wettererscheinungen, Krankheiten und Kriege ihre Geschichten ein; ihre Beiträge sind durch die Schriftart etwas abgehoben.

Nachdem unser erstes Buch, „Nachklänge“, die Vorfahren von Ruth vor allem im St. Galler Oberland beleuchtete, geht es diesmal um die Herkunft von Kurt, also ausgehend von den Familien Rechsteiner und Graf, mit geografischem Schwerpunkt in Appenzell Ausserrhoden und im St. Galler Rheintal.

Brot oder Backsteine?

Die ältesten in Dokumenten fassbaren Vorfahren kommen nicht aus Trogen, Heiden, Marbach SG oder Rebstein: Stammvater Heinrich im Werd stammte aus Bremgarten, war Bäcker, liess sich 1419 in Zürich einbürgern und sass 1445 im Kleinen Rat. Kleinhans, Sohn des Itelhans und Enkel des Heinrich im Werd, führte in Zürich eine Ziegelei, daher der Zuname Ziegler. Das Geschlecht stellte bis zur Französischen Revolution 38 Vertreter im Grossen und 18 im Kleinen Rat und besass im 16. Jahrhundert zwei und mehr Schilde bei den Schildnern zum Schneggen, einer um 1380 im alten Zürich gegründeten Gesellschaft mit 65 Mitgliedern aus den regierenden und einflussreichen Familien, also Würdenträgern aus „Zünften, Konstaffel und Regiment“. Es brachte neben den in diesem Buch später auftretenden Ärzten, Apothekern und Landvögten Stadtärzte (in Bern und Zürich), Obersten, Nationalräte, Buch- und Tuchhändler hervor.

Einer dieser Tuchhändler aus der Linie der Ziegler zum Pelikan, Jakob Christoph, war erster Inhaber der Post zwischen Zürich und Italien. Mit seinem Vater gründete er die Firma Jacob und Christoph Ziegler. Diese betrieb er nach dem Ausstieg des Vaters mit seinem Bruder Leonhard und verlegte sie ins Haus zum Pelikan, wo sie sich zum grössten Textilhaus Zürichs im 17. Jahrhundert entwickelte. Mit ihren tiefen Löhnen zwangen sie das Kaufmännische Direktorium 1687-88 zu einer neuen Lohnordnung in der Textilbranche, um das Lohnniveau wieder zu stabilisieren. Der Euphemismus „stabilisieren“ heisst nichts anderes, als dass er ein Lohndrücker war, wenigstens kein direkter Vorfahr. Und der Ökonom stellt fest, dass nach Kriegs- und Pestzeiten Mangel an Arbeitskräften zu höheren Löhnen führte – was bei der nächsten Gelegenheit wieder nach unten korrigiert wurde.

Mehr zu den Zieglern in späteren Kapiteln.

Mäusekot zwischen Mehlsäcken

Wieder hat sie eine Nacht mit wenig Schlaf hinter sich. Das Kind hat geweint wegen Zahnschmerzen bis gegen Mitternacht. Erst ein gehöriger Schluck Schnaps auf dem Tuch in das es beissen konnte, beruhigte es. Es schlief fast sofort ein. Noch drei Stunden bleiben ihr. Ihr Mann schnarcht neben ihr und die Luft im Zimmer ist klamm, die Decke dünn. Sie horcht auf das Trippeln der Mäuse. Wieder vermehren sie sich ungebremst. Die Bäckerin weiss wie gefährlich das ist. Mäusekot im Brot spricht sich rasch im ganzen Ort herum. Die Bäckerin kann erst recht nicht mehr schlafen. Sie brauchen den kargen Verdienst. Die Pacht ist fällig und die Kinder brauchen neue Schuhe. Sorgen vertreiben den Schlaf. Nur noch eine Stunde bis sie in der Backstube den Teig kneten muss. Woher sie die Kraft dafür nehmen wird, weiss sie nicht. Das kleinste Kind in der Wiege ist unruhig und auch das Ungeborene in ihrem Bauch verführt einen Boxkampf. Die Bäckerin weiss, der nächste Tag wird hart sein. War sie doch schon die Tage vorher zum Umfallen müde.

Es ist vier Uhr. Die Bäckerin schlüpft in die Kleider, bindet sich die Schürze um und beginnt den vorbereiteten Teig zu bearbeiten. Die vier Kinder und ihr Mann schlafen noch. Neugierig äugt eine Maus hinter der Teigschüssel hervor. Sie packt eine Kelle versucht, den unerwünschten Gast zu erschlagen.

Auch ihr Mann schlurft in die Backstube. Schürt die Glut im Holzofen, der nie ganz erkaltet. Formt möglichst gleich grosse Teiglinge – genau nimmt er es nicht damit. Die Eheleute arbeiten schweigend. Zu müde sind beide. Sie achten kaum auf die Mäuseschar, die zu ihren Füssen einen Tanz aufführt.

Nachdem die Teiglinge alle im Ofen aufgehen, gönnen sie sich eine kurze Pause. Schlurfen Kaffee und geniessen die Wärme und den Duft nach frisch gebackenem Brot. Nach und nach stehen die Kinder auf. Das Kleinste will gestillt werden. Es bleibt still in der Backstube. Noch warm verkauft die Bäckerin die ersten Brote. Ein Fremder kommt zur Tür herein, ein unfreundlicher Gast, das spürt die Bäckerin sofort. Sie wischt die Hände an der Schürze ab, wendet sich dem Mann mit einem müden Lächeln zu. Der Brotschauer erwidert es nicht, sondern inspiziert mit Sperberaugen die Bäckerei. Mäuse zwischen Mehlsäcken? Mäusekot? Er rümpft die Nase. Wiegt die Brotlaibe und stellt fest, dass alle ein leicht unterschiedliches Gewicht haben. Die Bäckerin weiss, das an diesem Tag verdiente Geld werden sie nicht für die Pacht und die notwendigen Familienausgaben verwenden können. Eine saftige Busse ist gewiss – und ein scharfer Verweis, dass die Bäckerei in drei Monaten geschlossen werden würde, wenn sich die Zustände nicht änderten bis dahin. Die Bäckerin sinkt auf einen Stuhl, nachdem sie wieder allein ist. Die Müdigkeit verbannt gar ihre Gedanken von Hoffnungslosigkeit.

Die Appenzeller kommen

Schriftlichkeit war lange Zeit eine Domäne der Klöster und der Städte. Beides gab es im Ausserrhodischen nicht. Damit fehlen auch systematische Bürger- oder Einwohnerverzeichnisse – wichtige Quellen für jeden Genealogen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Aus irgendwelchen Gründen wichtige Personen lassen sich durchaus bis ins Mittelalter zurück verfolgen, aber eben: das sind Ausnahmen. Soweit sie unsere Ahnen betreffen, etwa die Anhorn oder Jöri Schläpfer, kommen sie in späteren Kapiteln zum Zug.

Die schwache Quellenlage änderte im 16. Jahrhundert, als die Kirchgemeinden begannen, ihre Schäflein in Kirchenbüchern zu dokumentieren. In der Regel wurden zuerst die Taufen erfasst, eine oder zwei Generationen später auch die Ehen und die Sterbefälle. Trogen hatte die Pionierrolle: Taufen ab 1570, Ehen und Todesfälle ab 1636. Die anderen damals schon bestehenden Kirchgemeinden folgten zwischen 1580 und 1600.

Die ersten fassbaren nichtprominenten Ahnen sind denn auch mehrheitlich in Trogen zu finden. Dazu gehören beispielsweise

Auch in Gais sind schon früh erste Ahnen zu finden, etwa die am 17. Mai 1597 getaufte Ursula Nispli, Tochter des Bartholome und der Anna Heim.

Man sieht schon, dass die Sucherfolge ziemlich begrenzt sind, wenn einzig das Taufbuch zur Verfügung steht, Ehe- und Totenbuch aber fehlen. Ist da eine Mutter gestorben und der Vater hat ein zweites Mal geheiratet (bei der hohen Müttersterblichkeit keine Seltenheit)?

… ebenso die Rheintaler

Im St. Galler Rheintal ist eine Ahnensuche in vielem mit jener im Appenzellischen vergleichbar. So führte Altstätten das Taufbuch 1588 ein, Berneck folgte 1592. Nebenbei bemerkt: Das Rheintal war als eidgenössisches Untertanenland konfessionell gemischt, es gab also da und dort beide Konfessionen nebeneinander; da fällt auf, dass die katholischen Pfarreien ihre Kirchenbücher oft später zu führen begannen als die reformierten.

Es gibt aber auch markante Unterschiede. Zum einen war das Kloster St. Gallen als Grossgrundbesitzer mit vielen Höfen und Leibeigenen im Rheintal sehr präsent. Da wurden auch Akten geführt, Verzeichnisse der Höfe, Amtsinhaber und Dienstbarkeiten angelegt, Streitigkeiten behandelt (und für die Ewigkeit dokumentiert).

Dann war da auch hilfreich, dass hier reiche Stadtsanktgaller Landsitze besassen, die ebenfalls zu Urkunden führten.

Und nicht zuletzt hat Dr. Werner Graf ein umfassendes Familiennamenbuch aller Grafen von Rebstein/Marbach angelegt und verfügbar gemacht, das die Recherchen massiv vereinfacht hat. Da lassen sich neben vielen anderen Grafen-Vorfahren drei Stammväter finden: Ulrich, um 1580 geboren. Hans, um 1600, verheiratet mit Margareth Jann. Noch ein Hans, 1610, verheiratet mit Catharina Forter, im Weinstein wohnhaft.

Waffeninspektion

1597 war, nach langen Händeln, die Teilung des Landes Appenzell in zwei Halbkantone endlich vollzogen. Obwohl schon lange nicht mehr in kriegerische Konflikte verwickelt, achteten die Ausserrhoder darauf, im Fall eines Angriffs zur Verteidigung bereit zu sein – und das musste gelegentlich überprüft werden. Also machte sich am 13. April 1603 der Militärminister auf nach Trogen zur Inspektion: „Item an dem 13 tag obwelten des laufenden 1603 yars ich hr peter ögster landsfändrich und ÿung baschon alther von hus zu hus gangen dis herumpt wer und wafen zu beschauen und welche hernach was ein yeder han und kaufen soll.“ Landsfähnrich Peter Eugster, begleitet von Baschon Altherr dem Jungen, ging also in Trogen von Haus zu Haus, kontrollierte die Ausrüstung und entschied, wer was noch nachzurüsten habe. Notiert hat er die Ergebnisse auf wenigen Seiten groben, natürlich handgeschöpften Papiers, die heute im Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden in Herisau archiviert sind.

Gefunden hat er in den gut 200 Häusern der damaligen Trogner Rhod 12 Schlachtschwerter, etwa 160 Spiesse, 90 Hellebarden und 90 Harnische. Dazu kamen 11 Musketen und eine ganze Reihe mir nicht wirklich klarer Ausrüstungen: 15 „büxen“ oder „für büxen“ waren wohl Schusswaffen. Den „schützen hut“, von dem neun aufgeführt sind, interpretiere ich als Helm, die fünf „banzer“ oder „halb banzer“ als (besseren?) Harnisch. Dann gibt es noch 13 „hagl“ und einen „schaffaker“ – keine Ahnung, was das war, vielleicht hilft da irgendwann ein Militärhistoriker weiter. Bei zweien heisst es zu den Waffen „nüt, muoss drommen schlan“, die Trommler waren vom Waffentragen befreit, sie hatten ja die Hände mit den Trommelschlägern belegt. Vielleicht hat der Landesfähnrich ja die bescheidene Feuerkraft seiner kleinen Armee bedauert, sehr unzufrieden war er offenbar aber nicht, jedenfalls sind nicht sehr viele Aufträge für Nachrüstungen notiert.

Natürlich wurden auch unsere Vorfahren inspiziert: Michel Bruderer wies einen Spiess vor; Michel Rechsteiner zeigte einen Spiess, eine Hellebarde (Halbarte) und einen Harnisch, beide mussten je einen Spiess nachlegen.

Gruss aus St. Gallen

Wir schauen uns ein erstes Mal in St. Gallen um: Um 1610 heiratet der Gaiser Anthoni Jacob Barbel Schopfer, älteste Tochter des St. Galler Stadtbürgers Andreas Schopfer. Andreas hinterlässt keine Spuren in Form von öffentlichen Ämtern im St.Galler Bürgerregister, sein Vater Heinrich ist Weber und Mitglied der Weberzunft, dazu zwei Mal als „Feilträger“ verzeichnet, also Pfandleiher, Trödler oder – hier am ehesten zutreffend – Versteigerer, dazu sieben Jahre als „Multerthorbschliesser“, sicher verantwortungsvolle, aber doch eher subalterne Ämter.

Heinrichs Ehefrau ist aber Magdalena Wild, und die stammt definitiv aus der städtischen Oberschicht. Magdalenas Vater Andreas, Wild Nummer 2 im st.gallischen Bürgerbuch, ist als Weber und Mitglied der Weberzunft verzeichnet, war zwölf Jahre Zunftmeister, und hatte entsprechende Ämter in der Leinwand-Qualitätskontrolle inne:

1528 bis 1530 Weissschauer (weiss gebleicht wurden die Stücke erster Qualität), 1531 bis 1533 und 1537 bis 1539 Rohschauer, 1557 bis 1566 „zum Leinwandmass“, zwei Mal „Bleichenumgänger“.

Zehn Jahre war er „Laufender Zinser“, zwei Mal amtete er als Stadtrichter, insgesamt 16 Jahre, zwei Mal auch als Bussenrichter. Nicht zuletzt sass er von 1529 bis 1555 – also in Vadians Bürgermeisterzeit – als „Eilfer“ im Grossen Rat (jede der sechs Zünfte ordnete elf ihrer Mitglieder in den Grossen Rat ab, daher der Name „Elfer“ oder eben wie nicht nur in St. Gallen üblich „Eilfer“ – der Ausdruck war in Bern auch 1890 noch ganz offiziell).

Und ein guter Schütze war er erst noch: Er gewann bei einem Freischiessen der Städte Zürich, Konstanz, Lindau und St. Gallen den ersten Preis von sechs Gulden.

Andreas‘ Vater Hans Wild war nicht Weber, sondern Müller, in der Pfister-Zunft, vier Mal mit dem ebenfalls fachspezifischen städtischen Amt als Brotschauer, wo er die Qualität und vor allem das Gewicht der Brote kontrollieren musste. Auch er hatte Richterämter inne, und auch er war von seiner Zunft als Eilfer in den Rat delegiert (von 1492 bis zu seinem Tod 1528). Vater Hans und Sohn Andreas prägten damit gute sechzig Jahre lang unterbruchslos St. Gallen mit, in wirtschaftlich erfolgreichen wie auch mit Pestzügen und Reformation turbulenten Zeiten! Mangels männlicher Nachkommen starb der Name in dieser Linie wenig später aber aus.

Kleiner Einschub: Offenbar gehen die Wild zurück bis auf Cunrat, genannt der Wilde, Bürger von Überlingen. Dieser übergab 1336 dem Kloster Salem Besitzungen in Vilsingen, die dem Kloster St. Gallen zu Abgaben verpflichtet waren. Um die gleiche Zeit ist das Geschlecht in Ravensburg und Konstanz belegt. Ab 1369 tauchen mehrere Wild in St. Gallen auf, vor dem Spisertor, am Kirchhof, an der Multergass und „under Mülinen“. Zudem wanderten manche Weber um 1430 aus dem damals im Leinwandhandel führenden Konstanz nach St. Gallen aus, weil sie in einem Knatsch zwischen Patriziern und Zünftern den Kürzern gezogen hatten; gut möglich, dass da auch Wild dabei waren. Wie die frühen Wild mit dem bereits zitierten Urahn Hans Wild zusammen hängen, ist nicht geklärt.

Ebensowenig ist klar, ob bzw. wie die heutigen St. Galler Wild auf Cunrat den Wilden zurückgeführt werden können. Stammvater der seit 1520 als Bürger aufgeführten Wild ist Jakob, 1500-1560, Joler genannt. Drei seiner Söhne waren Bleichemeister, der vierte Müller. Diese vier Brüder und ihre drei verheirateten Schwestern wurden die Grosseltern von mindestens 124 verehelichten und dreissig ledig gebliebenen Enkeln, Ursache der Grösse des Wild’schen Geschlechts, dem von Stammvater Jakob bis heute über 400 Familien angehörten – eine Zahl, die in St. Gallen nur noch von den Zollikofern übertroffen wird.

Ein anderer Zweig der Familie Wild blieb durch sechs Generationen dem Metzgerhandwerk treu. Und zur Pfisterzunft gehörten als Müller und Bäcker über 40 Glieder des Geschlechts.

Und noch einige Stichworte zum Zunftwesen und zu öffentlichen Ämtern im St. Gallen der frühen Neuzeit:

Den Klosterstaat St. Gallen regierte der Fürstabt in der Position eines geistlichen Monarchen. Demgegenüber leiteten der Grosse und der Kleine Rat mit drei jährlich sich abwechselnden Bürgermeistern an der Spitze vom Rathaus aus die städtische Politik. In den Räten stellten die Vertreter der sechs Zünfte eine rechtlich abgesicherte Mehrheit, weshalb St. Gallen als ausgeprägte Zunftstadt gilt. In der Stadtrepublik wie auch in der Fürstabtei betrachteten sich die politisch Führenden als von Gottes Gnaden in Amt und Würden eingesetzt und regelten das Leben der Untertanen bis ins Einzelne und weit in deren Privatsphäre hinein.

Mit der Einführung von Räten und der Zunftordnung in der Stadt beginnt die selbstständige Rechtsordnung innerhalb der Stadt. Mehrere Schriftbücher zeugen von Satzungen, die sich Stadt und Bürger gaben, um das Zusammenleben innerhalb der engen Mauern zu regeln. Dazu gehörten Kriminalartikel, aber auch heute kurios erscheinende Vorschriften.

So war es verpönt, Luxus zur Schau zu stellen. Es war verboten, mehr als drei Geiger zu einer Hochzeit spielen zu lassen oder mehr als achtzehn Gäste zu laden. Auch war es nicht zulässig, sich im Wirtshaus die Schuld anschreiben zu lassen – unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung.

Die Einhaltung der vielen Regeln musste überwacht werden, je nachdem waren Stadt-, Bussen- oder Eherichter zuständig, es gab die bereits erwähnten Multerthorbschliesser und Feilträger, dazu Markstaller (sie überwachten Pferde und Wagen) und natürlich zunftspezifisch die Mange-, Roh-, Weiss-, Blau- und Schwarzschauer, Bleicheumgänger, Brotschauer, Honigschauer, Zunftmeister und Zunftdiener.

Für die vielen Ämter gab es schon früh Stellenbeschriebe. So musste 1572 der Multerthorbschliesser die Schliessung seines Tors ankünden: eine halbe Viertelstunde läutete die Glocke, danach hatte der Torschliesser im Abstand von wieder einer halben Viertelstunde dreimal lautstark „Laufet“ zu rufen, erst dann wurde das Tor geschlossen.

Laufet – laufet – laufet

Johannes gibt sich alle Mühe, so laut wie möglich zu rufen, aber heute kommt nur ein krächzender Laut aus seiner Kehle. Er muss sich wohl erkältet haben. Auf keinen Fall darf jemand merken, wie es ihm geht. Er darf die Aufgabe des Torschliessers nicht verlieren. Die paar Batzen brauchen seine Mutter und er zum Leben. Es geht ihm nicht nur ums Geld. Als Torschliesser des wichtigen Multhertores ist er endlich anerkannt. Kein Niemand mehr, den man bespöttelt. Er gehört dazu. Ist nicht mehr der uneheliche Fratz der Stine, dem die Kinder hämisch die Frage ins Gesicht kreischen wo denn sein Vater sei. Während der ganzen Schulzeit litt er unter den Hänseleien der Mitschüler. Dabei ist seine Mutter eine rechtschaffene Frau, die sich und ihren Buben immer ernähren und kleiden konnte, indem sie im noblen Haus beim Multerthor zu Diensten ist. In der Schule gehörte er zu den Besten, was ihm die andern Buben verübelten und nach einem Lob des Lehrers hänselten sie ihn umso mehr. Da schwor er sich, etwas aus seinem Leben machen zu wollen. Thorschliesser vom Multerthor ist der erste Schritt auf diesem Weg. Seit einem halben Jahr führt er dieses Amt aus. Nie verpasst er die halbe Viertelstunde, um die Glocke zu läuten und sein Ruf: „Laufet, laufet, laufet!“ hallt vom Tor bis weit über das Land.

Wie soll er heute diese Aufgabe zufriedenstellend erfüllen mit dieser heiseren Stimme? Schüchtern nähert sich ihm Anna. In der Hand trägt sie ein Sträusschen aus Thymian und Salbei. „Das musst du kauen, dann wird deine Stimme wieder hell“, sagt sie mit einem Lächeln. Und tatsächlich! Er kaut das Kraut, lässt den Saft in die Kehle rinnen – und sein Danke an Anna tönt schon ganz klar. „Laufet – laufet – laufet!“ Die Leute bleiben stehen, denn so fröhlich haben sie den Ruf noch nie gehört. „Die Anna war schon immer eine Liebe“, denkt Johannes und: „An der nächsten Chilbi frage ich sie, ob sie mit mir tanzen will.“