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An­ge­la Waid­mann

Das Ge­heim­nis von Her­ren­chiem­see

Mys­te­ri­öser In­sel­kri­mi

1. Auf­la­ge 2021
Co­py­right © 2021 An­ge­la Waid­mann

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Prin­ted in Ger­ma­ny
ISBN 978-3-94529-259-4

Rückkehr

Lang­sam pflüg­te das Schiff durch die dun­kel­blau­en Wel­len des Chiem­sees. Re­gi­na stand am Fens­ter der Fäh­re und schau­te zu der be­wal­de­ten In­sel hin­über, der sie sich all­mäh­lich nä­her­ten.

Sie war in ei­ner merk­wür­di­gen Stim­mung, hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen Freu­de und Furcht. Denn sie freu­te sich tat­säch­lich dar­auf, eine gan­ze Wo­che mit To­bi­as ver­brin­gen zu kön­nen, mit dem sie seit ei­nem Jahr eine lei­den­schaft­li­che Fern­be­zie­hung führ­te. Dass sie die­se kost­ba­ren ge­mein­sa­men Tage aus­ge­rech­net auf der Her­ren­in­sel ver­brin­gen wür­den, in Sicht­wei­te je­nes Or­tes, an dem sie im Jahr zu­vor so merk­wür­di­ge, be­ängs­ti­gen­de Tage er­lebt hat­te, fand sie al­ler­dings we­ni­ger be­rau­schend. Zu­mal die Er­leb­nis­se da­mals für sie und To­bi­as bei­na­he töd­lich aus­ge­gan­gen wa­ren.

Ei­gent­lich hat­te sie nicht den ge­rings­ten Wunsch ver­spürt, je­mals wie­der an den Chiem­see zu­rück­zu­keh­ren. Doch To­bi­as soll­te für die Ar­chäo­lo­gi­sche Staats­samm­lung in Mün­chen For­schun­gen auf der Her­ren­in­sel durch­füh­ren und hat­te sie mehr als ein­mal dar­um ge­be­ten, ihn doch dort­hin zu be­glei­ten. Ir­gend­wie konn­te sie ihn ja ver­ste­hen, schließ­lich sa­hen sie sich nur an den viel zu kur­z­en Wo­chen­en­den, und auch das nicht im­mer. Lan­ge hat­te sie mit sich ge­run­gen, ob sie ihm die­sen Wunsch er­fül­len soll­te, denn der Schre­cken von da­mals saß im­mer noch tief. Nach wie vor wur­de sie des Öf­te­ren von Pa­nik er­grif­fen, etwa wenn sie dunk­le Flu­re oder enge Kor­ri­do­re be­tre­ten soll­te, und im­mer noch wach­te sie mit­un­ter schweiß­ge­ba­det auf, als hät­te sie im Schlaf mit fins­te­ren Mäch­ten ge­run­gen.

Ei­gent­lich war das nicht wei­ter ver­wun­der­lich nach dem, was sie im Jahr zu­vor auf der Frauen­in­sel er­lebt hat­te. Aus dem ge­plan­ten Me­di­ta­ti­ons­kurs war da­mals ein ve­ri­ta­bler Alp­traum ge­wor­den. Be­gon­nen hat­te es gleich nach ih­rer An­kunft, als sie ei­nem al­ten In­sel­be­woh­ner be­geg­net war, den man we­nig spä­ter tot aus dem See ge­bor­gen hat­te. Dann hat­ten sie auch noch un­er­klär­li­che Vi­si­o­nen und Träu­me heim­ge­sucht, die sie in die Zeit der Grün­dung des Klos­ters Frau­en­wörth zu­rück­ver­setzt hat­ten. Alte Sa­gen und Ge­rüch­te, die un­ter den In­sel­be­woh­nern kur­sier­ten, hat­ten ein Üb­ri­ges ge­tan, sie da­mals zu­neh­mend an ih­rem Ver­stand zwei­feln zu las­sen. Bei dem Ver­such, dem selt­sa­men Spuk auf den Grund zu ge­hen, war sie schließ­lich auf einen Ge­heim­gang ge­sto­ßen und hat­te einen Schatz ent­deckt, von dem To­bi­as als Ar­chäo­lo­ge nicht ein­mal zu träu­men ge­wagt hat­te.

Ach, To­bi­as! Wäre er ihr da­mals nicht zu Hil­fe ge­kom­men, dann wäre sie ei­nem Wahn­sin­ni­gen in die Hän­de ge­fal­len. Und um ein Haar wäre der Ge­heim­gang ih­rer bei­der Grab ge­wor­den, als er ein­ge­stürzt und von den Was­ser­mas­sen des Chiem­sees ge­flu­tet wor­den war.

Ei­ner al­ten Sage nach soll­te der Ge­heim­gang von der Frauen­in­sel un­ter dem Chiem­see hin­durch bis zur Her­ren­in­sel hin­über ge­führt ha­ben. Und nach der spek­ta­ku­lä­ren Ent­de­ckung im Jahr zu­vor soll­te To­bi­as nun her­aus­fin­den, ob dar­an et­was Wah­res war.

»Ist doch schön hier, oder?«, frag­te er, leg­te von hin­ten sei­ne Arme um sie und hauch­te einen Kuss auf ihre Schlä­fe.

»Ja klar.« Mit ei­nem Seuf­zer schloss Re­gi­na die Au­gen und lehn­te ih­ren Kopf an sei­ne Schul­ter.

Eine Wei­le stan­den sie so da, dann flüs­ter­te er ihr ins Ohr: »Schau mal wie­der hin!«

»Wenn du meinst …«

Di­rekt vor ih­nen lag das be­rühm­te Schloss des Mär­chen­kö­nigs Lud­wig II. Das pracht­vol­le Ge­bäu­de mit sei­nen ho­hen Bo­gen­fens­tern, Säu­len und Sta­tu­en schien sich schüch­tern hin­ter den herbst­lich bun­ten Bäu­men zu du­cken.

»Drück’ dir bloß nicht die Nase platt!« La­chend schlang To­bi­as sei­ne Arme um ih­ren Ober­kör­per.

Da war das Schloss schon fast wie­der im Wald ver­schwun­den.

Trotz ih­rer be­ängs­ti­gen­den Er­in­ne­run­gen war Re­gi­na ge­spannt auf die Her­ren­in­sel. Das lag nicht nur an Kö­nig Lud­wigs Schloss und To­bi­as’ For­schungs­auf­trag, son­dern auch an der Münch­ner Uni­ver­si­täts­do­zen­tin Maxi. Auf der In­sel gab es näm­lich auch noch das Chor­her­ren­stift, ein ehe­ma­li­ges Män­ner­klos­ter, des­sen Wur­zeln bis in das sieb­te Jahr­hun­dert zu­rück­reich­ten, so­wie eine kel­ti­sche »Vier­eck­schan­ze«, einen mit Wall und Gra­ben be­fes­tig­ten Bau­ern­hof aus vor­christ­li­cher Zeit. Dort wür­de Maxi mit ei­ni­gen Ar­chäo­lo­gie­stu­den­ten in den nächs­ten Wo­chen eine Aus­gra­bung ma­chen.

Ge­ra­de um­run­de­te das Schiff in ei­ner sanf­ten Kur­ve die Nord­spit­ze der In­sel, an de­ren Ufer eine hüb­sche, grau­blau ge­stri­che­ne Ka­pel­le stand. An ih­rer dem See zu­ge­wand­ten Au­ßen­mau­er stand in ei­ner stei­ner­nen Ni­sche die Sta­tue ei­nes Hei­li­gen, und Re­gi­na hat­te aus der Fer­ne den Ein­druck, als wür­de die Fi­gur sie mit ei­ner leich­ten Ver­beu­gung be­grü­ßen.

Merk­wür­dig, dach­te sie. Viel­leicht wür­de sie sich die­sen ko­mi­schen Hei­li­gen abends noch ge­mein­sam mit To­bi­as ge­nau­er an­schau­en.

Die Fäh­re dreh­te bei und steu­er­te auf den Steg zu, der die An­le­ge­stel­le mit der Her­ren­in­sel ver­band.

»Schau mal, da ist ja schon die Maxi«, sag­te To­bi­as und wink­te. Maxi stand tat­säch­lich schon am Ufer, wink­te er­freut zu­rück und kam ih­nen ent­ge­gen­ge­lau­fen. To­bi­as wuch­te­te den gro­ßen Roll­kof­fer, aus dem sie bei­de in den nächs­ten Ta­gen le­ben wür­den, vom Schiff auf den Steg. Ge­mein­sam gin­gen sie auf Maxi zu, die sie mit Küss­chen rechts und links be­grüß­te.

Re­gi­na kann­te To­bi­as’ Kol­le­gin von meh­re­ren Ausstel­lungs­er­öff­nun­gen und hat­te sie schnell ins Herz ge­schlos­sen. Sie moch­te Ma­xis fröh­li­che, bur­schi­ko­se und zu­pa­cken­de Art.

»Wie ist eure Aus­gra­bung denn an­ge­lau­fen?«, frag­te sie, wäh­rend sie ge­mein­sam den Steg ent­lang zum Ufer gin­gen.

»Wir fan­gen erst mor­gen früh so rich­tig an«, ant­wor­te­te Maxi. »Ges­tern Abend und heu­te Mor­gen ha­ben wir erst mal die Zel­te auf­ge­stellt, un­ser Ar­beits­ma­te­ri­al aus­ge­packt und einen gro­ben Plan ge­macht. Euer Zelt steht üb­ri­gens auch schon. Und mei­ne Stu­den­ten sind to­tal auf­ge­regt. Für die meis­ten ist es ja die ers­te Aus­gra­bung ih­res Le­bens.«

Sie hat­ten das Ende des Ste­ges er­reicht und steu­er­ten auf das höl­zer­ne War­te­häus­chen der Schiff­fahrts­ge­sell­schaft zu. Vor ih­nen, auf ei­nem Hü­gel, la­gen die mäch­ti­gen Ge­bäu­de des Chor­her­ren­stifts.

To­bi­as grins­te. »Ich kann mich noch gut an un­se­re ers­te Lehr­gra­bung er­in­nern. Das war un­ter dem al­ten Dr. Bohns­ten­gel. Weißt du noch?«

»Den wer­de ich mit Si­cher­heit nie­mals ver­ges­sen«, sag­te Maxi und lach­te. »Aber was ihr bei­den hier vor­habt, ist auch ziem­lich span­nend. Erst recht nach eu­rer aben­teu­er­li­chen Ent­de­ckung auf der Frauen­in­sel.«

Re­gi­na lief ein Schau­er über den Rü­cken.

»Aben­teu­er­li­che Ent­de­ckung ist gut«, brumm­te To­bi­as. »Ich habe Wo­chen ge­braucht, um mich von mei­ner Ver­let­zung zu er­ho­len.«

»Das weiß ich doch«, sag­te Maxi be­schwich­ti­gend. »Trotz­dem: Die Ta­ges­zei­tun­gen in ganz Deut­sch­land ha­ben dar­über be­rich­tet, was auf un­se­rem Ge­biet ja nicht all­zu oft pas­siert. Al­lein schon die klei­ne Fi­gur, die ihr aus dem Ge­heim­gang ge­ret­tet habt, war eine ech­te Sen­sa­ti­on. Die hat nicht von un­ge­fähr einen Eh­ren­platz im Baye­ri­schen Na­ti­o­nal­mu­se­um be­kom­men.«

Re­gi­na nick­te. Sie dach­te noch oft an den fei­er­li­chen Akt, bei dem das 1200 Jah­re alte, el­fen­bei­ner­ne Männ­lein vom Herr­scher­stab des Bay­ern­her­zogs Tas­si­lo im Na­ti­o­nal­mu­se­um ent­hüllt wor­den war. So­gar der Mi­nis­ter­prä­si­dent war da ge­we­sen und hat­te eine Rede ge­hal­ten, in der er sie und To­bi­as als »Hel­den« be­zeich­net hat­te.

Sie über­quer­ten den Platz vor der An­le­ge­stel­le und bo­gen nach links auf einen Weg ab, der um den Klos­ter­hü­gel her­um­führ­te.

»Wisst ihr ei­gent­lich, dass mei­ne Stu­den­ten euch to­tal be­wun­dern?«, frag­te Maxi. »In ih­ren Au­gen ist selbst In­di­a­na Jo­nes ein klei­nes Licht ge­gen euch.«

Re­gi­na grins­te. So­gar im fer­nen Würz­burg, wo sie als Leh­re­rin ar­bei­te­te, hat­te ihre Ent­de­ckung da­mals hohe Wel­len ge­schla­gen. Seit­dem war sie in der Ach­tung ih­rer Schü­ler enorm ge­stie­gen.

To­bi­as da­ge­gen warf Maxi einen ent­setz­ten Blick zu.

»Kei­ne Angst«, be­ru­hig­te sie ihn. »Die sind er­wach­sen und ha­ben ihre Be­wun­de­rung im Griff.«

Re­gi­na hat­te nur noch halb zu­ge­hört, denn zwi­schen den knor­ri­gen Bäu­men am Ufer sah sie die an­de­re In­sel mit der weiß ge­tünch­ten Kir­che und dem in die Höhe ra­gen­den Cam­pa­ni­le aus dem 12. Jahr­hun­dert.

Die Frauen­in­sel, dach­te sie schau­dernd. Woll­te sie wirk­lich eine gan­ze Wo­che lang in de­ren Sicht­wei­te ver­brin­gen?

Aber sie hat­te sich nun mal da­für ent­schie­den, To­bi­as hier­her zu be­glei­ten, und jetzt mach­te es kei­nen Sinn mehr, noch wei­ter dar­über nach­zu­den­ken. Bes­ser, sie schau­te sich ein biss­chen um.

Rech­ter Hand, am Hang des gras­be­wach­se­nen Hü­gels, auf dem das Chor­her­ren­stift stand, sah sie die Zel­te der Aus­gra­bungs­mann­schaft. Ge­schäf­tig wu­sel­ten ein paar jun­ge Leu­te da­zwi­schen her­um.

Maxi war ih­rem Blick ge­folgt. »Der Bo­den hier ist im­mer noch ziem­lich auf­ge­weicht, ob­wohl der Som­mer so tro­cken war. Des­halb hat man uns den Platz dort oben zu­ge­wie­sen.«

Je nä­her sie dem Zelt­la­ger ka­men, umso deut­li­cher konn­te Re­gi­na fröh­li­che Stim­men und lau­tes La­chen hö­ren.

Stu­den­ten in den ers­ten Se­mes­tern, noch bei­na­he so jung wie ihre ei­ge­nen Schü­ler. Ihr wur­de warm ums Herz. So be­drü­ckend, wie sie be­fürch­tet hat­te, wür­de ihr Auf­ent­halt auf der Her­ren­in­sel wohl doch nicht wer­den.

Sie hat­ten das Zelt­la­ger er­reicht und grüß­ten im Vor­bei­ge­hen eine Grup­pe Stu­den­ten, die über eine Kar­te ge­beugt um einen Tisch her­um stand.

Maxi führ­te sie zu ei­nem ge­räu­mi­gen Zelt, das am obe­ren Rand des La­gers auf­ge­baut wor­den war. »Bit­te­schön, das ist euer Reich. Üb­ri­gens dür­fen wir drü­ben im Schloss­ho­tel du­schen. Dort gibt es auch Früh­stück und Mit­tag­es­sen.«

Sie bück­te sich und hielt die Zelt­pla­ne hoch. »Jetzt macht es euch erst mal ge­müt­lich.«

Dann wa­ren sie al­lei­ne.

Re­gi­na ließ sich auf einen der bei­den Cam­ping­stüh­le sin­ken, die ne­ben ei­nem wa­cke­li­gen Tisch­chen in ei­ner Ecke stan­den. »Eine gan­ze Wo­che lang nur du und ich. Schon schön, oder?«

To­bi­as stell­te den Kof­fer ab und sah sich um. »Du bist gut. Son­der­lich viel Pri­vat­sphä­re ha­ben wir hier wohl nicht, fürch­te ich.«

Re­gi­na lach­te. »Dann müs­sen wir halt ab und zu gaaanz lei­se sein.«

*

Die Son­ne ging schon un­ter, als sie Hand in Hand zu ei­nem ge­müt­li­chen Spa­zier­gang zu dem blau ge­stri­che­nen Kirch­lein auf­bra­chen, das sie am Nach­mit­tag vom Schiff aus ge­se­hen hat­ten. Doch auf dem Zelt­platz kam Maxi mit zwei Stu­den­ten auf sie zu. Ehe Re­gi­na es sich ver­sah, hat­te sie To­bi­as in ein Fach­ge­spräch ver­wi­ckelt.

»Ich fürch­te, das hier wird ein biss­chen dau­ern«, mein­te er schon nach ein paar Sät­zen. »Wie wäre es, wenn du ein­fach schon mal vor­gehst? Ich kom­me dann nach.«

Ei­gent­lich war das Re­gi­na gar nicht recht, denn sie hat­te kei­ne Lust, aus­ge­rech­net auf der Her­ren­in­sel al­lei­ne in der Däm­me­rung un­ter­wegs zu sein. Aber den schö­nen Herb­s­t­a­bend mit kal­ten Fü­ßen ne­ben ei­ner Grup­pe fach­sim­peln­der Ar­chäo­lo­gen zu ver­brin­gen, dazu hat­te sie auch kei­ne Lust.

»Al­les klar«, sag­te sie da­her, nick­te Maxi und den Stu­den­ten zu und mach­te sich auf den Weg.

Sie spa­zier­te an der Klos­ter­kir­che vor­bei, stieg über eine Trep­pe den Hü­gel hin­un­ter und bog an der Schiffs­an­le­ge­stel­le nach links ab. Die Luft roch an­ge­nehm nach Holz und feuch­ten Blät­tern, und zwi­schen den Bäu­men sah sie den Chiem­see, der im Licht der un­ter­ge­hen­den Son­ne rot und gol­den fun­kel­te.

Ob­wohl sie nun schon eine ge­rau­me Zeit lang un­ter­wegs war, war von To­bi­as im­mer noch nichts zu se­hen. Aber schließ­lich wuss­te sie ja, wie sehr er für sei­nen Be­ruf brann­te. Dar­um gönn­te sie ihm die Freu­de, mit Fach­kol­le­gen plau­dern zu kön­nen, von gan­zem Her­zen.

We­nig spä­ter hat­te sie die hüb­sche Ba­rock­ka­pel­le er­reicht. Neu­gie­rig spa­zier­te sie um das klei­ne Ge­bäu­de her­um zu sei­ner dem See zu­ge­wand­ten Sei­te. Dann blieb sie ste­hen und be­trach­te­te die Hei­li­gen­fi­gur, die sie schein­bar mit ei­ner leich­ten Ver­beu­gung ge­grüßt hat­te, als sie noch an Bord der Fäh­re ge­we­sen war.

Der Hei­li­ge trug ein lan­ges Pries­ter­ge­wand und einen mit Ster­nen ge­schmück­ten Hei­li­gen­schein. Er schien sich tat­säch­lich zu ver­beu­gen, aber in Wirk­lich­keit wand­te er sich dem Kreuz in sei­ner rech­ten Hand zu.

Das könn­te der hei­li­ge Ne­po­muk sein, über­leg­te Re­gi­na. Er galt ja als Schutz­pa­tron der Schif­fer und pass­te so ge­se­hen sehr gut hier­her an den See.

Sie warf dem in An­dacht Ent­rück­ten einen letz­ten Blick zu, ging zum Ufer und be­trat einen klei­nen Steg, der aufs Was­ser hin­aus führ­te.

Die Son­ne war mitt­ler­wei­le hin­ter dem Ho­ri­zont ver­schwun­den, aber der Him­mel leuch­te­te im­mer noch oran­ge und pur­pur­rot. Über dem Ufer lag ein hauch­dün­ner Ne­bel­schlei­er. Wie dunk­le Schat­ten zeich­ne­ten sich dar­in die Um­ris­se ei­ni­ger Boo­te ab.

Am Ende des Ste­ges blieb Re­gi­na ste­hen und be­ob­ach­te­te fas­zi­niert, wie sich die Däm­me­rung über die In­sel senk­te und der im­mer dich­ter wer­den­de Ne­bel wei­ter und wei­ter das Ufer hin­auf­kroch.

»Re­gi­na …«

Sie zuck­te zu­sam­men.

Die Stim­me war kaum lau­ter ge­we­sen als das Ra­scheln der Blät­ter im leich­ten Wind. Den­noch hat­te sie klar und deut­lich ih­ren Na­men ver­nom­men.

Aber das konn­te doch gar nicht sein!

Wie­der hör­te sie ein Ge­räusch. Es klang wie das Schnau­ben ei­nes Pfer­des. Und es kam von der Ka­pel­le.

Lang­sam dreh­te sie sich um.

Im Ne­bel konn­te sie die klei­ne Kir­che nur un­deut­lich se­hen, aber sie war sich si­cher, dass dort nie­mand war.

Oder etwa doch?

Vage Um­ris­se schie­nen sich aus dem zie­hen­den Dunst zu schä­len. All­mäh­lich nah­men sie deut­li­che­re Kon­tu­ren an.

Sie gli­chen der Ge­stalt ei­nes Rei­ters auf ei­nem Pferd.

Stock­steif stand Re­gi­na da und starr­te zu der Ka­pel­le hin.

Da fuhr ein Wind­s­toß über den Strand und trug einen Teil des Ne­bels mit sich fort.

Das merk­wür­di­ge Trug­bild war ver­schwun­den.

Mit wild klop­fen­dem Her­zen ver­such­te Re­gi­na, sich einen Reim auf das Er­leb­te zu ma­chen.

Sie at­me­te ein paar Mal tief durch, bis sich ihr Herz­schlag wie­der ei­ni­ger­ma­ßen be­ru­higt hat­te.

Un­sinn, dach­te sie. Da war nichts. Da konn­te ja auch gar nichts ge­we­sen sein.

Är­ger­lich schüt­tel­te sie den Kopf und mach­te sich auf den Rü­ck­weg. Dies­mal nahm sie al­ler­dings den Kreuz­ka­pel­len­weg, der über das Zen­trum der Land­zun­ge zum Chor­her­ren­stift führ­te. Die Ge­fahr, To­bi­as zu ver­pas­sen, nahm sie bil­li­gend in Kauf. Denn sie hat­te nicht die ge­rings­te Lust, wie­der am ne­bel­ver­han­ge­nen Ufer vor­bei­zu­ge­hen und sich da­bei viel­leicht noch ein­mal ir­gend­wel­che Hirn­ge­spins­te ein­zu­bil­den.

*

»Ist al­les in Ord­nung mit dir?«, frag­te To­bi­as. »Du warst eben so still.«

Nach dem Abend­es­sen hat­ten sie noch lan­ge mit Maxi und ih­ren Stu­den­ten um ein La­ger­feu­er ge­ses­sen. Da­bei hat­te Re­gi­na tat­säch­lich sehr we­nig ge­spro­chen.

»Ich bin ein­fach nur tod­mü­de«, ant­wor­te­te sie.

Das ent­sprach na­tür­lich nur halb der Wahr­heit. Sie hat­te noch ein­mal über das merk­wür­di­ge Fan­ta­sie­ge­bil­de an der Ka­pel­le ge­grü­belt. Da­bei gab es weiß Gott ge­nug an­de­re Din­ge, auf die sie sich wirk­lich freu­en konn­te. Zum Bei­spiel auf die Füh­rung am nächs­ten Vor­mit­tag. Dr. Fried­berg, der Chef der Chiem­seer Schlös­ser­ver­wal­tung höchst­per­sön­lich wür­de die Stu­den­ten­grup­pe durch das Neue Schloss füh­ren, und beim Es­sen hat­te sie er­fah­ren, dass sie und To­bi­as dar­an teil­neh­men durf­ten.

To­bi­as zog sich ge­ra­de mit ein paar schnel­len Hand­grif­fen Ano­rak, Sweatshirt und Un­ter­hemd gleich­zei­tig aus, warf das wil­de Klei­der­knäu­el auf einen Cam­ping­stuhl und öff­ne­te ei­lig den Kof­fer.

»Nun wühl doch nicht al­les durch­ein­an­der!«, sag­te sie.

»Mir ist aber kalt.« Er nahm das Ober­teil sei­nes Schlaf­an­zu­ges her­aus und zog es sich schnell über.

Män­ner, dach­te Re­gi­na kopf­schüt­telnd und sta­pel­te die Klei­dungs­stü­cke we­nigs­tens halb­wegs or­dent­lich wie­der in den Kof­fer.

Sie scho­ben ihre Feld­bet­ten eng zu­sam­men, kro­chen in ihre ge­füt­ter­ten Schlaf­sä­cke und ku­schel­ten sich eng an­ein­an­der. To­bi­as leg­te sei­nen Arm um sie und war kurz dar­auf schon tief und fest ein­ge­schla­fen. Sie da­ge­gen dös­te zwar ein, schreck­te aber nach kur­z­er Zeit wie­der hoch, weil sie wie­der ein­mal von ih­ren un­heim­li­chen Er­leb­nis­sen auf der Frauen­in­sel ge­träumt hat­te. Und am Ende hat­te sie wie­der die lei­se Stim­me ge­hört, die am ver­gan­ge­nen Abend an der Ka­pel­le ih­ren Na­men ge­flüs­tert hat­te.

Vor­sich­tig, weil sie To­bi­as nicht we­cken woll­te, dreh­te sie sich zu ihm um und strei­chel­te sein Ge­sicht.

Ein Jahr zu­vor hat­te sie die­ses Aben­teu­er in sei­ne Arme ge­führt. Bei dem Ge­dan­ken dar­an, dass er da­mals fast ver­blu­tet wäre, schau­der­te ihr, und sie schmieg­te sich noch en­ger an ihn.

Eine Wei­le spiel­te sie noch mit ei­nem Strang sei­ner lan­gen blon­den Haa­re, die ihm of­fen über den Rü­cken fie­len. Dann glitt sie in den Schlaf hin­über.

Re­gi­na er­schrak sich fast zu Tode. Sie hat­te kei­ne Ah­nung, wo sie sich be­fand, und der Lärm um sie her­um war oh­ren­be­täu­bend. Hin­ter ihr stampf­ten und kreisch­ten Ma­schi­nen. We­ni­ge Me­ter vor ihr schnauf­te pfei­fend eine Dampf­lo­ko­mo­ti­ve her­an, die ganz nahe an ih­rer rech­ten Sei­te vor­bei­fuhr. Lin­ker Hand, nur ein paar Schrit­te ent­fernt, hol­per­ten von Pfer­den ge­zo­ge­ne Ge­span­ne über einen ge­kies­ten Wald­weg.

All­mäh­lich wur­de ihr klar, dass sie im­mer noch auf der Her­ren­in­sel war. Sie stand auf ei­ner gro­ßen Lich­tung. An der Ufer­sei­te war eine brei­te Schnei­se in den Wald ge­schla­gen wor­den, und sie konn­te über einen Schilfrand hin­weg auf den Chiem­see schau­en. Dort ent­deck­te sie meh­re­re Dampf­schif­fe, die mit Back­stei­nen be­la­de­ne Käh­ne hin­ter sich her zo­gen. Und in der Fer­ne sah sie die Chiem­gau­er Al­pen.

Vor­sich­tig, um nicht un­er­war­tet mit ir­gen­d­et­was zu­sam­men­zu­sto­ßen, dreh­te sie sich um.

Der krei­s­chen­de Ma­schi­nen­lärm stamm­te von ei­nem Sä­ge­werk, das wohl eben­falls mit Dampf be­trie­ben wur­de. Die Ei­sen­bahn hat­te dort an­ge­hal­ten. Ei­ni­ge Män­ner in zer­schlis­se­nen Hem­den und Ho­sen und gro­ben Schu­hen eil­ten her­bei, um die Wag­g­ons mit­hil­fe ei­nes Krans mit lan­gen Bret­tern zu be­la­den. Und aus dem Wald zo­gen meh­re­re Holz­rü­cke­pfer­de frisch ge­schla­ge­ne Baum­stäm­me her­an.

Die vie­len Pfer­de, die ver­al­te­ten Dampf­ma­schi­nen und die fremd­ar­ti­ge Klei­dung der Hand­wer­ker um sie her­um lie­ßen nur einen Schluss zu: Es war ge­nau­so wie ein Jahr zu­vor auf der Frauen­in­sel; sie war wie­der in ei­nem Traum ge­fan­gen, der sie in eine an­de­re Zeit ver­setzt hat­te.

Die Er­kennt­nis fuhr Re­gi­na durch Mark und Bein.

Nein, sie woll­te nicht hier sein! Da­mals hat­ten ihre Träu­me sie auf die Spur ei­nes Ver­bre­chens ge­führt – und an die Schwel­le des To­des!

Ihre Ver­zweif­lung war so groß, dass sie eine Zeit lang ganz still ste­hen blieb. Dann stieg zö­gernd eine Ah­nung in ihr auf. War sie etwa …?

Noch ein­mal sah sich Re­gi­na nach al­len Sei­ten um.

Tat­säch­lich. Al­les deu­te­te dar­auf hin, dass sie sich im 19. Jahr­hun­dert be­fand. Und auf der In­sel wur­de of­fen­bar mäch­tig ge­baut. Viel­leicht ar­bei­te­ten die vie­len Leu­te ja am Neu­en Schloss …

Aber konn­te es denn wirk­lich sein, dass man ex­tra zu die­sem Zweck ein gan­zes Sä­ge­werk und eine rich­ti­ge Ei­sen­bahn­stre­cke er­rich­tet hat­te?

Re­gi­na dach­te an die Bil­der von Lud­wigs präch­ti­gen Schlös­sern und prunk­vol­len Wohn­räu­men, die sie in ih­rem Rei­se­füh­rer ge­se­hen hat­te.

Ja. Die Bau­wut die­ses Kö­nigs war of­fen­sicht­lich so gi­gan­tisch ge­we­sen, dass so­gar das mög­lich war.

Nicht all­zu weit ent­fernt stand ein Pfer­de­fuhr­werk, das ein paar Ar­bei­ter mit höl­zer­nen Stan­gen be­lu­den. Re­gi­na über­leg­te kurz, dann ging sie zu dem Wa­gen und blieb ne­ben dem Kutsch­bock ste­hen.

»Ent­schul­di­gung«, sag­te sie laut und deut­lich zu dem Kut­scher.

Der Mann be­ach­te­te sie nicht.

»Ent­schul­di­gung!«, rief sie noch ein­mal.

Nun kram­te er eine Pfei­fe und eine Ta­baks­do­se aus sei­ner Ho­sen­ta­sche her­vor, ohne sie ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen.

Re­gi­na run­zel­te die Stirn. Of­fen­bar nahm er sie gar nicht wahr. Wirk­lich al­les schien ge­nau­so zu sein wie in ih­ren Träu­men da­mals auf der Frauen­in­sel.

Si­cher­heits­hal­ber ver­such­te sie es trotz­dem noch ein­mal.

»HAL­LO!!!«, brüll­te sie so laut, wie sie nur konn­te. Aber der Kut­scher stopf­te un­ge­rührt sei­ne Pfei­fe und zün­de­te sie an, nahm einen tie­fen Zug und stieß eine Qualm­wol­ke aus.

»Dann fah­re ich halt ein­fach mit«, mur­mel­te sie.

Ent­schlos­sen stieg sie auf den Kutsch­bock, der un­ter ih­rem Ge­wicht ein win­zi­ges biss­chen ins Wan­ken ge­ri­et. Der rau­chen­de Kut­scher schau­te ir­ri­tiert in ihre Rich­tung, aber dann zuck­te er mit den Schul­tern, er­griff die Zü­gel und schna­lz­te mit der Zun­ge. Die Pfer­de zo­gen kräf­tig an, und durch den Wa­gen ging ein hef­ti­ger Ruck. Re­gi­na ver­lor das Gleich­ge­wicht und fiel un­sanft auf den höl­zer­nen Sitz.

»Das fängt ja gut an«, brumm­te sie und rieb sich ih­ren schmer­zen­den Rü­cken.

Der Wa­gen war schwer be­la­den, und sie ka­men nur äu­ßerst lang­sam vor­an. Eine Zeit lang ging es am Ufer ent­lang durch dich­ten Wald, dann lenk­te der Kut­scher die Tie­re nach rechts einen Hü­gel hin­auf.

Die Pfer­de schnauf­ten vor An­stren­gung, und das Fell an ih­ren Hälsen be­gann vor Schweiß zu glän­zen.

Oben an­ge­kom­men, bo­gen sie noch ein­mal rechts ab, und we­nig spä­ter öff­ne­te sich der Wald. Schon von Wei­tem konn­te Re­gi­na er­ken­nen, dass ein Stück wei­ter vorn em­si­ge Be­trieb­s­am­keit herrsch­te.

Ihr Herz schlug schnel­ler. Ob sie sich der Bau­stel­le des Neu­en Schlos­ses nä­her­ten?

Dann hat­ten sie den Wald­rand er­reicht und fuh­ren auf einen weit­läu­fi­gen Platz zu.

Re­gi­na at­me­te tief durch.

Sie be­fan­den sich vor der Fas­sa­de des Neu­en Schlos­ses. Es war zu­min­dest von au­ßen schon so gut wie fer­tig, den­noch ging es auf der Bau­stel­le zu wie in ei­nem Bie­nen­stock: Hand­wer­ker mit schwe­ren Ge­rä­ten und hoch be­la­de­nen Schub­kar­ren lie­fen hin und her; über­all klopf­te und häm­mer­te es, Hufe trap­pel­ten, Wa­gen­rä­der quietsch­ten, Men­schen rie­fen durch­ein­an­der.

Lin­ker Hand ho­ben meh­re­re Ko­lon­nen schwit­zen­der Män­ner zwei gro­ße, fla­che Gru­ben aus. Und ge­gen­über war­te­ten ei­ni­ge von Pfer­den ge­zo­ge­ne Wa­gen dar­auf, ent­la­den zu wer­den.

Re­gi­na sah meh­re­re Holz­hüt­ten mit gro­ben Ti­schen da­vor, an de­nen Frau­en mit Hau­ben auf dem Kopf und Schür­zen über ih­ren lan­gen Klei­dern Tel­ler und Be­cher ver­teil­ten.

Sie sah sich wei­ter um und run­zel­te ver­wirrt die Stirn. Je nä­her sie der nörd­li­chen Sei­te des Neu­en Schlos­ses ka­men, des­to mehr sah es da­nach aus, als soll­te dort noch ein vier­ter Flü­gel ent­ste­hen, der ein paar Me­ter nach hin­ten ver­setzt war.