Joachim Oelßner, Faida Tshimwanga
Großfamilien-Bande
Kurzgeschichten aus der DR Kongo
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die falsche Braut
Die Witwe
Schicksalsschläge
Eine Handvoll Sand
Der unbekannte Onkel
Die Qual der Wahl
Das Klebeband
Das Testament
Fetische und ein Sprichwort
Ich, Mami
Der Beichtstuhl
Das Projektgeld
Geldbeschaffung
Mein „ehrenwerter Vater“
Puppe Bitendi
Das Brautgeld
Der Fetisch der Zweitfrau
Mein Geld
Die Ersatzfrau
Worterläuterungen
Nachwort
Impressum neobooks
„Nein“, schrie Sylvain, „ich heirate diese Frau nicht!“ Wütend erhob er sich und verließ ohne jegliche Höflichkeitsgeste das Zimmer. Er musste sich beherrschen, um die Tür zum Salon nicht mit einem lauten Knall zuzuschlagen.
Der Familienrat hatte getagt, und Onkel Makosso, der Bruder seiner Mutter, und Tante Matondo, die Schwester seines Vaters, hatten ihm mitgeteilt, dass er Félicité lieben und heiraten möge. Es habe bereits erste Kontakte zu ihrer Familie gegeben. Sie würde nur einen moderaten Brautpreis von etwas über tausend Dollar verlangen. Diese Félicité sei schön anzusehen, habe ein angenehmes Verhalten, und ihr Becken wäre nicht übel.
Sylvain drängte es an die frische Luft, er brauchte die schwüle Hitze von Kinshasa, den Verkehrslärm der Straße und den Gestank, der aus der Kanalisation drang. Alles war besser als die Worte dieser beiden, die ihm mit größter Selbstverständlichkeit eine Frau aussuchten. Erfolgreich hatte er sein Studium absolviert und bekleidete einen gut bezahlten Posten in einer Telefongesellschaft. Und da wagten es, der Hilfsarbeiter Makosso und die Fast-Analphabetin Matondo zu entscheiden, wen er heiraten solle. Unglaublich!
„Pass doch auf, du Trottel!“, schimpfte eine Straßenhändlerin, die in einer riesigen Schüssel auf dem Kopf Secondhand BHs aus Europa durch die Straßen trug. Sylvain entschuldigte sich für seine Unaufmerksamkeit und wünschte ihr gute Verkäufe.
„Ich sollte ihr ein paar olle ausgeleierte BHs abkaufen und sie dieser Félicité zukommen lassen. Dann weiß sie wenigstens, was ich von ihr halte“, murmelte er erbost vor sich hin. In seinem Kopf spukten Gedanken, was er alles an Bösartigkeiten mit Onkel, Tante und dieser unbekannten Félicité anstellen könnte. Und seine Eltern hielten sich zurück! Typisch! Er habe auf Onkel und Tante zu hören, sonst fresse ein Ndoki seine Seele. „Wenn jemand meine Seele frisst, dann sind es Onkel und Tante“, fluchte er innerlich.
Neben ihm hielt ein Taxi, das vom Stadtteil Beau Marché in Richtung Barumbu fuhr. Auf dem Beifahrersitz saßen zwei Personen, die hintere Bank war von einem Mann und einer Frau mit ihren beiden Mädchen belegt, sodass er sich als siebter Fahrgast dort hineinzwängte. Am Bokassa-Platz stieg er aus, lief in Richtung Stadtzentrum und bog nach ein paar Querstraßen links ab. Hier stand die Rot-Kreuz-Schule für Krankenschwestern.
Sylvain wartete auf Miriam. Es war nicht üblich, dass ein Mann seine Freundin von der Schule abholte – das galt als unter seiner Würde, und die Erwählte könnte es als Kontrolle interpretieren. Heute war es Sylvain egal, was die Leute von ihm hielten. Gedankenverloren stierte er auf eine halbverrottete Coladose, die vor seinen Füßen im Dreck der mit Schlammlöchern übersäten Straße lag. „Es ist unter der Würde eines Mannes, vor der Schule auf seine Liebste zu warten, aber es entspricht meiner männlichen Würde, wenn seine Familie ihm eine Ehefrau auswählt!“, dachte er grimmig.
Bald öffnete sich die Pforte der Schule, lachend und schwatzend traten die künftigen Krankenpflegerinnen und einige -pfleger auf die Straße.
Miriam entdeckte Sylvain sofort. Sein Gesichtsausdruck sagte ihr, dass etwas Unerquickliches passiert ist. „Aber wenn er gegen seine Gewohnheit hier vor der Schule steht, ist es offenbar nichts Schlimmes“, ging es ihr durch den Kopf. „Vielleicht gibt es ein Familienfest bei ihm, und er kann sich nicht davor drücken. Schade, ich habe mich auf den Abend und die Nacht mit ihm gefreut, aber es gibt ja viele weitere Tage und Nächte für uns.“
Sie trat zu ihm, und sie tauschten zur Begrüßung die drei üblichen Wangenküsse, der dritte Kuss einen winzigen Augenblick zu lang. Nur Belanglosigkeiten schwatzend gingen sie zum Taxistand, um in einem Minibus zwei Plätze nach Lemba zu ergattern. Miriam sah zwar, wie auf der Fahrt zu ihrem Stadtteil sich Sylvains finsteres Gesicht ein wenig erhellte, aber aus seinen Augen verschwand die Traurigkeit nicht.
In Lemba trennten sich ihre Wege. Miriams Eltern hatten hier ein hübsches Reihenhaus, aber es gab überall Nachbarn, die stets besser über andere Bescheid wussten als über sich selbst. Damit Sylvain in der bald einbrechenden Dunkelheit unbemerkt ins Haus gelangte, ließ Miriam das Gartentor und die Haustür offen. Ihre Eltern und die Geschwister waren auf einer Trauerfeier, die wie immer die gesamte Nacht andauern würde. Es galt als Gipfel der Unhöflichkeit, ja es wäre sogar ein schwerwiegender Affront gegen die Tradition, eine solche Feier vorzeitig zu verlassen, und ihre Eltern achteten das Althergebrachte. In Gedanken dankte Miriam dem Verstorbenen für seine Beihilfe zum nächtlichen Rendezvous mit Sylvain.
Miriam brauchte nicht lange zu warten. Nach einer guten halben Stunde kam Sylvain und nahm sie so fest in den Arm, dass ihr die Luft knapp wurde. Als er schließlich den Griff ein wenig lockerte, küsste sie seine Augen und fragte ihn, warum sie heute so traurig dreinblicken.
„Ich soll heiraten, Miriam. Onkel und Tante haben hinter meinem Rücken Kontakte zu einer anderen Familie geknüpft und bereits den Brautpreis verhandelt. Ich kenne diese Familie nicht, ich habe keine Ahnung, wer diese Frau ist. Dass alles entspricht zwar der Tradition, aber ich fühle mich auf einer schlimmen Art und Weise gedemütigt.“ Sylvain legte eine kurze Pause ein, holte tief Luft und sagte schließlich: „Auch wenn wir noch nie darüber gesprochen haben: Dich will ich heiraten und keine andere. Meine Position in der Telefongesellschaft ist ausgezeichnet und vor allem krisenfest, und ich kann eine Familie ernähren!“
Miriams Seele war bei Sylvains Worten zunächst in die tiefste Unterwelt gefallen, dorthin, wo die Dämonen hausen, um darauf gleich zu Gottvater emporzusteigen. Jetzt ging sie im Zimmer auf und ab, umarmte schließlich Sylvain, dankte ihm für sein Angebot und wanderte weiter.
Um sich abzulenken ging sie in die Küche, wo sie ein Abendessen aus dickem Maisbrei und gehäckselten Maniokblättern mit ein wenig Öl zubereitete. Hier konnte sie besser nachdenken.
Sylvain war ohne Zweifel ihr Traummann, das stand außer Frage, aber konnten sie all die Hürden nehmen, die Tradition und Bürokratie errichten? Im Geiste ging sie die Liste durch: ethnische Zugehörigkeit, Brautpreis, traditionelle, zivile oder kirchliche Heirat. „Herrgott“, schoss es ihr durch den Kopf, „ich weiß ja nicht einmal, zu welcher Ethnie Sylvain gehört!“
Während sie in der Küche arbeitete, dachte sie, dass ihr Sylvain ein wenig helfen könne. „Naja, er wird wohl in dieser Frage wie alle Männer sein, Küche nebst Zubereitung des Essens ist für ihn Frauensache“, sprach sie vor sich hin.
Im Wohnzimmer stellte Sylvain das Primus-Bier, das er mitgebracht hatte, in den Kühlschrank. Dabei waren seine Gedanken auf anderen Wegen: Wie stelle ich Miriam meiner Familie vor, welche Worte würden Onkel und Tante für meine Braut einnehmen?
Als Miriam das Essen hereinbrachte, wurde Sylvain bewusst, dass ihre Familie aus Kasai stammt – bei ihm zu Hause würden jetzt Maniok und gegrillter Fisch auf den Tisch kommen. In Gedanken schimpfte er mit sich, dass er nicht daran gedacht hatte, dass Miriam in einer Gegend wohnt, in der sich viele Leute aus dieser Provinz niedergelassen hatten. Er kannte die Vorurteile der Menschen in Kinshasa gegen die Leute aus Kasai.
Die Vorspeise bestand aus intensiven Küssen, wobei seine Hand wie von selbst zu ihrer Brust wanderte, die sie ihm entgegendrückte. Im Bewusstsein, noch eine ganze lange Nacht vor sich zu haben, widmeten sie sich schließlich dem Essen, stocherten aber beide nur darin herum. Sylvain, weil der Maisbrei ihm sagte, dass eine Ehe zwischen Leuten aus Bas Congo und Kasai immer schwierig war, Miriam dagegen, weil sie an die nicht zu unterschätzende Macht von Onkel und Tante über ihren Sylvain denken musste.
„Ich werde dich also in den kommenden Tagen meinen Eltern vorstellen und ihnen sagen, dass ich dich heiraten will. Siehst du Schwierigkeiten?“, fragte Sylvain.
„Schwierigkeiten? Ich habe mal meine Eltern belauscht und gehört, dass sie mindestens dreitausend Dollar als Brautpreis fordern würden, wenn eine andere Familie mich aufnimmt. Und du weißt doch selbst, dass eine Hochzeit die Sache von zwei Familien ist und nicht von zwei Liebenden. Die süße Liebe gibt es allzu oft nur außerhalb der Ehe!“
„Dreitausend Dollar?“, fragte erstaunt Sylvain. „Diese Summe dürfte ein Problem für die Familie sein; da müssten alle beitragen, selbst meine Vettern!“ Wütend ergänzte Sylvain, er würde gern auf das alles verzichten und gleich zum Standesamt gehen! „Dieser ganze traditionelle Spuk …“, schimpfte er weiter.
„Ja, du hast recht, es ist wie ein Spuk. Aber ohne ein offizielles Dokument über die Entrichtung des Brautpreises können wir weder standesamtlich noch kirchlich heiraten. Sogar die traditionelle Ehe wäre uns verwehrt!“
Beide stocherten weiter lustlos im Essen herum, bis Miriam schließlich alles in die Küche zurücktrug.
Als sie zurückkam, erklärte sie, dass sie es zumindest versuchen sollten. Fragend sah sie Sylvain an: „Also am kommenden Sonnabend bei deinen Eltern?“
Sylvain versprach, alles zu organisieren. Er werde sie dann anrufen.
Sie gingen zu Bett und liebten sich. Dennoch wurde es nicht die erhoffte Liebesnacht, unausgesprochen fühlten beide, dass sie vor unüberwindlichen Hindernissen standen.
Als Sylvain am nächsten Sonnabend seine Miriam sah, blieb ihm fast das Herz stehen. So schön hatte sie noch nie ausgesehen! Traditionell gekleidet mit einem Wickelrock und einer Bluse aus dem teuren Super-Wax und mit ihren zu Antennen fantasievoll geflochtenen Haaren, durchwirkt mit Perlen, Kauri-Muscheln und einigen bunten Bändern, wollte sie bei seiner Familie den bestmöglichen Eindruck hinterlassen.
Als Sylvain und Miriam das Wohnzimmer seiner Eltern betraten, fühlten beide die Anspannung. „Ich stehe dir bei“, flüsterte Sylvain ihr zu und stellte mit selbstbewusster Stimme seine Braut vor. Miriam ging reihum und gab den Eltern, Sylvains Geschwistern, allen Onkeln und Tanten sowie den weiteren anwesenden Familienmitgliedern zur Begrüßung die Hand.
Sylvains Vater war offenbar von Miriam überwältigt, zumindest konnte er den Blick nicht von ihr lassen. Gleiches galt für Onkel Makosso. Diese Blicke provozierten bei Sylvain eine Mischung aus Eifersucht und Unbehagen, da es beiden offensichtlich an Würde gegenüber Miriam mangelt. Es war wohl ihre für Leute aus Kasai typische braune Haut, die sie in den Bann zog. Eine jüngere Schwester Sylvains schenkte den Männern Primus-Bier ein, den Frauen Cola oder Fanta.
Sylvain stellte Miriam den Familienmitgliedern vor. Er legte dar, dass seine Braut in Kinshasa geboren und aufgewachsen sei. Demnächst werde sie ihre Prüfung als Krankenschwester ablegen. Ihr Vater ist Ingenieur und arbeite bei der Wassergesellschaft. Ihre ethnische Zugehörigkeit erwähnte er vorsichtshalber nicht.
Miriam ergänzte, dass sie Sylvain seit vielen Monaten kenne und ihn sehr schätze. Sie werde ihm eine gute Frau sein. Sie freue sich schon auf die Hochzeit im Standesamt.
Sylvain sah, wie in diesem Moment seine Tante entsetzt den Onkel anschaute. Dieser jedoch begrüßte Miriam mit der gebotenen Höflichkeit und gratulierte Sylvain zu dem Entschluss, heiraten zu wollen. Sicherlich werde Sylvain sich in den kommenden Tagen der Familie seiner Braut vorstellen. Danach werde man, wie es die Regeln vorschreiben, mit ihrer Familie Kontakt aufnehmen. Tante Matondo begrüßte ihrerseits Miriam. Sie bekundete höflich, auch wenn es die reine Heuchelei war, wie sehr sie sich über das junge Glück freue. Daher sei sie außerordentlich glücklich, dass Sylvain eine Braut aus Bas Congo, der Heimatregion der Familie, gefunden habe und keine Luba aus Kasai. Diese wohlkalkulierte Provokation der Tante verfehlte nicht ihre Wirkung auf Miriam.
Nach dem Austausch weiterer Höflichkeitsbekundungen verabschiedeten sich Sylvain und Miriam. Schweigend gingen sie in Richtung Barumbu. Auf einer Terrasse setzten sie sich und bestellten Bier, Sylvain ein Primus und Miriam ein Skol.
„Musstest du gleich im ersten Gespräch mit meiner Familie auf das Standesamt zu sprechen kommen? Damit hattest du sofort alle gegen dich, und das weißt du!“, brach es schließlich wütend aus Sylvain heraus.
„Ja, ich war dumm! Ich habe auf mein Gefühl gehört und nicht auf meinen Verstand! Das Gefühl sagt mir zwar, dass ich gern mit dir Kinder haben und bis zum Ende meiner Tage mit dir zusammen sein würde, aber du weißt genauso gut wie ich, dass unsere Familien sich niemals einigen werden. Was sagte deine Tante zu deiner Mutter, aber so, dass ich es hören musste? Dass sie für mich nicht mehr als fünfhundert Dollar Brautpreis zahlen würden. Das ist eine unglaubliche Erniedrigung für meine Familie und für mich! Die Tante sah sehr wohl, dass ich eine Lubafrau bin und meine Familie nicht aus Bas Congo stammt, dennoch heuchelte sie Höflichkeit. Dafür haben mich dein Vater und noch mehr dieser Onkel gleich mit Blicken ausgezogen! Und in so einer Familie soll ich leben? Sylvain, mit dir immer, aber nicht mit deiner Familie! Und als Luba bin ich deiner Familie sowieso nicht gut genug. Unter diesen Umständen sage ich lieber gleich klipp und klar, dass nach der traditionellen Eheschließung eine standesamtliche Hochzeit zu erfolgen hat. Ich kenne genügend Frauen, die nur traditionell geheiratet haben, und zum Schluss waren sie der Willkür der Familie ausgeliefert. So etwas hieße dann möglicherweise auch Armut für meine Kinder und für mich! Nein, niemals!“ Miriam legte eine Pause ein, trank in einem Zug ihr Glas Bier aus und erklärte dann, dass sie ein Ende mit Schrecken vorziehe und auf ein Schrecken ohne Ende verzichte. „Sylvain ich danke dir für deine Liebe, wir haben aber keine Zukunft“, damit stand Miriam auf und ging.
Sylvain wollte aufspringen und ihr hinterhereilen, doch er blieb deprimiert sitzen. Er wusste ja, dass sie recht hatte. Ohne die Zustimmung der Familie gab es keine Heirat.
Wieder einmal erinnerte er sich an einen früheren Freund, der illegale Reisen nach Europa organisiert. Dort gab es wenigstens keine Familie wie hier in Kinshasa, weder Onkel noch Tante. Niemand braucht dort ihre Genehmigung, um zu heiraten. „Nein, die Idee einer illegalen Reise nach Europa ist Unsinn, mein Job hier füllt mich aus und bringt gutes Geld. Irgendwann werde ich diese Félicité oder irgendeine eine andere heiraten, Liebe spielt dann eben keine Rolle“, sagte er sich und tröstete sich mit dem Gedanken: „Eine Zweitfrau kann ich mir dann ja immer nehmen.“
Deprimiert sah sich Paulette in dem kleinen Zimmer um. In einer Ecke lag die dünne Matratze auf dem Fußboden, auf der ihre vier Kinder schliefen. Sie selbst nächtigte eigentlich auf der anderen Seite der Behausung, aber um die Wärme ihres Nachwuchses zu spüren und das Alleinsein zu verdrängen, legte sie sich oft zu den Kleinen. Häufig bettelten die Kinder selbst sie an, sich zu ihnen zu legen. An einigen Nägeln in der Wand hingen ein paar Kleidungsstücke, andere lagen in zwei Körben, einer für sie, ein weiterer für die Kinder.
„Wenigstens haben wir ein Dach über dem Kopf, manche haben nicht einmal das“, sprach sie sich Mut zu.
Verzweifelt zählte sie die wenigen Francs, mit denen sie auskommen musste. Gelegentlich konnte sie dieser oder jener Marktfrau helfen und bekam dafür eine sogenannte „Ermutigung“ von ihnen. Jedes Mal war sie erneut verwundert, manchmal verärgert, wenn sie diesen seltsamen Begriff für die Bezahlung ihrer Arbeit hört. Der angenehme Klang des Wortes täuschte über ihre miese Entlohnung hinweg, vermittelte jedoch den Marktfrauen wie auch ihr die Hoffnung auf irgendein imaginäres Besseres. Mit wachsendem Herzweh zählte sie erneut ihre „Ermutigungen“, es wurden nicht mehr Geldscheine. Mit der Miete war sie im Rückstand, wie überall in Kinshasa wurde der Vermieter immer fordernder.
„Ich muss wenigstens die Kinder durchbringen“, hämmerte es in Paulettes Kopf. „Sie brauchen was zwischen die Zähne.“
Vorgestern hatte es den ganzen Tag nichts weiter als Zuckerwasser gegeben, gestern reichte der Einkauf von ein wenig dunklem Maniokmehl, einer halben Tomate und Pili-Pili für Fufu mit scharfer Soße. Hatte sich Paulette noch vor ein oder zwei Jahren wegen des Schulgeldes gegrämt, das sie nicht mehr bezahlen konnte, so war sie mittlerweile darüber hinweg. Zumindest hatten ihre Kleinen einen Ort, an dem sie wohnen und schlafen konnten, sie waren keine Straßenkinder.
Die Marktfrauen brauchen erst morgen wieder ihre Hilfe, sodass sie heute ihrem anderen Gelderwerb nachgehen konnte. Die auf dieser Weise verdienten Francs waren im Gegensatz zu dem Geld, das sie auf dem Markt bekam, nicht einmal eine eingebildete „Ermutigung“, eher das Gegenteil … Entmutigt legte sie einen sauberen Wickelrock an, streifte eine Bluse über und band sich aus dem gleichen Super-Wax ein Kopftuch um. Der teure Stoff stammte aus besseren Zeiten, an die Paulette nicht mehr denken wollte.
Bevor Paulette das Zimmer verließ, beobachtete sie ein paar Minuten ihren Kleinsten, der intensiv in sein Spiel mit einigen Coladosen versunken war, die Größeren trieben sich draußen herum. Sie hatte es mittlerweile aufgegeben, genau wissen zu wollen, was sie anstellten. Wenn sie sich zu sehr darauf einließ und ihre Gedanken einmal diesen Pfad beschritten, würde sie sich bald fragen, was für eine miserable Mutter, was für ein nichtswürdiges Geschöpf sie sei. Also vermied sie solche Grübeleien, konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Zu Fuß lief sie mehrere Kilometer von Kisenso quer durch den Stadtteil Lemba. In zu großer Nähe zu ihrer Bleibe wollte sie diesem Gewerbe nicht nachgehen. Angekommen auf dem großen Platz mit seinen Biergärten und Caféterrassen, wo wie überall nur löslicher Kaffee zubereitet wurde, hielt sie Ausschau nach Kunden.
Paulette setzte ein freundliches Gesicht auf und richtete ihre Blicke auf einen Mann, der offenbar mit seinen Freunden bereits mehrere Primus-Bier getrunken hatte. Der Kontaktversuch gelang, der Austausch der Blicke wurde häufiger; offenbar hatte er verstanden. Ob er mitkam? Würde er sie ordentlich bezahlen?
Als sich die anderen Primus-Trinker endlich erhoben, versuchte sie, auch den Rest ihrer übergroßen Sorgen abzustreifen. Jetzt kam es auf ihre Verführungskünste an: Keinesfalls vulgär, aber einladend, witzig und aufgeschlossen wollte sie sich geben.
Paulette hatte in Mbanza-Ngungu ihr Abitur mit gutem Ergebnis abgelegt, in Kinshasa hatte sie Jura studieren wollen, doch es war anders gekommen. Kaum in der Hauptstadt eingetroffen, lernte sie ihren künftigen Mann kennen. Er hatte eine mittlere Position in einer Bank und kam wie sie aus Bas-Congo. Dass er um viele Jahre älter war als sie, störte weder sie noch ihre Eltern. Im Gegenteil, es war eine Ehre von ihm erwählt zu werden. Er war zwar ein erfahrener Mann, aber nicht verheiratet. Sie, Paulette, war die Erstfrau! Wie fast alle ihnen bekannten Ehepaare waren sie traditionell miteinander verbunden, doch anders als viele andere Männer wandte er sich in all den Jahren, die sie verheiratet waren, keiner anderen Frau zu. Er akzeptierte außerdem ihren Wunsch, bei einem ihm bekannten Textilienhändler in der Rue de Commerce als Aushilfe zu arbeiten. Sie sparten und konnten sich bald ein kleines Haus in Lemba leisten. Dort hatten sie eine glückliche Zeit.
Paulette seufzte, wischte mit einem inneren Ruck diese angenehmen Erinnerungen beiseite und konzentrierte sich ganz auf den Mann, den sie im Auge hatte.
Sie kannte ein paar verschwiegene Orte in der Nähe, wo sie sich mit einem Mann auch tagsüber vereinigen könnte. Bei ihr zu Hause vermied sie es wegen der Kinder, bei ihm war sicherlich seine Familie. Der Mann steuerte direkt auf sie zu und fragte nach ihrem Preis. Zu ihrer Verwunderung akzeptierte er ohne Feilschen die von ihr genannte Summe. Ihre Erwartung und stille Hoffnung, dass er sie zuerst noch zu einer Cola oder zu einem Bier einladen würde, erfüllte sich jedoch nicht. „Nun gut, dann ist es eben schnell vorbei. Vielleicht bleibt noch genügend Zeit für eine weitere Begegnung“, ging es ihr durch den Kopf.
„Komm mit zu mir, mein Zimmer befindet sich nur ein paar Straßen weiter. Dort stört uns niemand. Auf dem Weg dorthin muss ich allerdings noch kurz einen Freund treffen, mit dem ich etwas zu bereden habe. Halte also besser ein bisschen Abstand zu mir, er muss dich nicht unbedingt sehen“, erklärte ihr der Unbekannte.
Paulette trottete wie gewünscht in einiger Entfernung hinter dem Freier her. Der miserable Zustand der Straße beanspruchte ihre Aufmerksamkeit, sie musste aufpassen, dass ihr kein Auto zu nahekam, und zugleich den Dreckhaufen und den Löchern in der Kanalisation ausweichen. Sie freute sich, ein paar Francs zu verdienen. Damit würde sie ein wenig Maniokmehl für die Kleinen kaufen. Vielleicht bekommt sie bei dem Mann zu Hause sogar etwas Essen …
Offenbar hatte ihr Freier seinen Freund entdeckt. Er winkte und änderte die Richtung seiner Schritte. Paulette gab acht, ihre Geldquelle nicht aus den Augen zu verlieren. In dem Menschengewühl der Hauptstraße konnte sie den Bekannten ihres Freiers nicht richtig erkennen, doch sie fühlte, wie wachsende Unruhe sie ergriff. Behutsam näherte sie sich den beiden, die seitwärts zu ihr standen. Eine Bretterbude verdeckte den Freund zur Hälfte, aber ihr kamen seine kräftige Statur und die Gestik seiner Arme bekannt vor. Als sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, schaute er plötzlich in Paulettes Richtung. Sie erkannte ihn, ihr Puls schnellte in die Höhe, zugleich fühlten sich ihre Glieder schwer wie Blei an. Ihn anstarrend empfand sie sich unfähig zu irgendeiner Bewegung.
Ihr Freier bemerkte, dass sein Freund offenbar diese Hure kannte, aber ihm erstarb die Frage auf den Lippen, als er sah, wie der freundliche Gesichtsausdruck seines Freundes in eine höhnisch-arrogante Grimasse wechselte.
„He, Paulette, komm doch her zu uns“, rief ihr der Bekannte ihres Freiers zu.
Unbewusst, wie ein Automat, ging sie langsam zu den beiden Männern.
„Mach ruhig heute Abend für ihn die Beine breit. Wenn du willst, kannst du ja morgen oder übermorgen, wenn du dich erholt hast, zu mir kommen. Du weißt ja, wo ich wohne!“, sagte dieser Typ ihr grinsend ins Gesicht. „Übrigens“ ergänzte er an seinen Freund gewandt, „hat sie trotz ihrer Kinder einen ordentlich festen Busen.“
Paulette war grundsätzlich eine selbstsichere und beherrschte Frau, der man nicht ohne Weiteres ein Baguette wegnahm. Ihre Freunde kannten ihre Schlagfertigkeit und ihren Wortwitz, der gleichzeitig niemals respektlos war. Aber das Zusammentreffen mit diesem Mann, seine Worte, noch mehr die Gestik, brachten die in ihr verborgene und angestaute Wut zum Ausbruch. Alles kam zusammen: der Verlust ihres sozialen Status, ihre miserable Lage, stets hungrige Kinder, fehlendes Geld für Schule und Miete – und jetzt die höhnischen Auslassungen ausgerechnet von diesem Mistkerl.
Hatte sie sich zunächst wie gelähmt gefühlt, schlug dies nach seinen herabwürdigenden, gemeinen Worten, die von einem fiesen Gesichtsausdruck begleitet wurden, den sie von früher kannte, in Raserei um. Sie bückte sich blitzschnell, griff in einen Haufen Unrat, eine Mischung aus verfaulenden Blättern, Straßendreck, vielleicht auch Kot und Urin. Sie schlug diese Kloakenmischung dem Mann ins Gesicht. Wie von Sinnen prügelte sie auf den Überraschten ein, der einen Moment brauchte, bis er anfing, sich zu wehren.
Ihr Freier bemühte sich ebenfalls, den unerklärlichen Gewaltausbruch dieser fremden Frau zu beenden, doch Paulette war nicht zu bändigen, auch nicht von ihrem Freier.
All die seit dem Tod ihres Mannes erlebten Erniedrigungen brachen aus ihr hervor. Für sie war dieser Mann die Verkörperung ihres Elends, der Ausgangspunkt aller Widrigkeiten. Sie wusste, dass sie stark war, der Mann offenbar nicht. Er konnte lediglich in Deckung gehen und musste die Schläge, Tritte und Schimpftiraden über sich ergehen lassen. Dem Freier hatte es die Sprache verschlagen, und er versuchte nicht mehr, die Wütende zurückzuhalten. Er fühlte sich machtlos; infolge der Vergeblichkeit seiner Bemühungen war er auf Distanz bedacht.
Zugleich zogen die Schlägerei und die Schreie der Frau Neugierige an. Niemand wollte sich das Spektakel entgehen lassen, wenn eine Frau einen Mann so mutig attackiert. Es griff jedoch keine der umher stehenden Personen ein. Die Frau hatte sicherlich ihre Gründe, und wenn der Mann unfähig war, sich zu wehren, konnte man ihm auch nicht helfen, dann war er selbst schuld.
Als eine der Umstehenden in der Ferne eine Polizeistreife sah, verständigte sie sich per Blicke mit ihren Freundinnen. Die vier Frauen schlossen sich zusammen, bändigten gewaltsam die Wütende, nahmen sie in ihre Mitte und schleiften sie zwangsweise in die nächste Seitenstraße. Dort versteckten sie die noch immer Rasende in der Hütte eines kleinen Gehöftes. Paulette wurde erst etwas ruhiger, als sie die Frauen um sich herum bewusst wahrnahm.
Die Polizisten informierten sich bei den beiden Männern über das Vorgefallene. Zumindest der Freier konnte guten Gewissens behaupten, dass er nicht wisse, was die Frau gewollt habe; vielleicht war sie verrückt? Sein Freund behauptete ebenfalls, dass er diese Frau nicht kennen würde; er habe sie noch nie in seinem Leben gesehen.
Da ein grundloser Angriff einer Frau auf einen Mann ungewöhnlich war, weckte dieser Vorfall bei den Polizisten nicht nur ihr berufliches, sondern auch ihr männliches Interesse. Eine solche Tat widersprach ihren Erfahrungen und lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Also versuchten die Polizisten, diese offenkundig verrückte, gefährliche und eindeutig allen guten Sitten hohnsprechende Frau zu finden und zu verhaften. Sie begannen mit der Suche nach der Täterin auch in jener Seitenstraße, in die sie nach Aussage einiger männlicher Passanten in Begleitung anderer Weiber geflohen sein sollte.
Als die Männer der Polizeistreife bei jenen Frauen nachfragten, die die Angreiferin in ihre Gewalt gebracht hatten, beteuerten diese ihre Unwissenheit. „Nein, davon haben wir nichts gehört. Was Sie nicht sagen, eine Frau hat einen Mann geschlagen? Und das in der Öffentlichkeit? In der Hauptstraße? Sind Sie sicher? Normalerweise ist das doch umgekehrt. Es tut uns wirklich leid, aber wir wissen von dieser seltsamen Begebenheit nichts“, versicherten sie den Polizisten mit einem treuherzig-verschämten Augenaufschlag. „Wir würden uns jedoch sofort melden, wenn wir etwas über diese Verrückte in Erfahrung bringen sollten.“
Es hatte nicht lange gedauert, bis sich Paulettes Wutausbruch völlig gelegt hatte, doch stattdessen verfiel sie nun in hemmungsloses Schluchzen.
Die Frauen, die Paulette gerettet hatten, standen in der Mitte des Lebens und hatten genügend Erfahrungen mit seinen Widrigkeiten sammeln müssen. Sie ahnten sofort, dass das Verhalten dieser fremden Frau mit den unglücklichen Wendungen des Schicksals und dem Elend der Alltagssorgen verbunden war. Auch wenn sich die Gerettete offenbar schick gemacht hatte, ihre verwaschene Kleidung, obwohl ursprünglich aus gutem Stoff, sprach Bände. Als Paulette sich ein wenig beruhigt hatte, kochte eine der Frauen einen Zitronelle-Tee, um ihr das Reden zu erleichtern.
Die Frauen nannten ihre Namen und erzählten, dass sie alle in der Nachbarschaft wohnen würden. Einige waren Witwen, alle hatten Kinder.
„Rede bitte, erleichtere deine Seele“, forderte eine Frau sie auf. „Wir sind hier alle mit dem Elend per Du. Uns kann nichts mehr überraschen!“
Paulette schaute sich um und sah, dass ihre Retterinnen mehr oder weniger in der gleichen Lage lebten wie sie. Sie fasste Vertrauen, zögerlich begann sie zu sprechen. „Als dieser Mann, besser Abschaum, vor mir stand und mich auch noch verhöhnte, war es um meinen Verstand geschehen. Ich hätte ihn erschlagen können und würde es nicht bereuen. Nur um meine Kinder täte es mir leid. Dieser Mann ist der Sohn eines älteren Bruders meines verstorbenen Gatten.“
Was die Frauen vermutet hatten, fanden sie bestätigt: Der Streit war offenbar eine weitere Variante dieser ewigen Familienstreitereien, die letztlich mit dem Brautpreis und dem geltenden Familienrecht verbunden sind.
„Wir waren nach traditionellem Recht verheiratet“, setzte Paulette ihren Bericht fort. „Die Familie meines Mannes bezahlte den vereinbarten Brautpreis. Mein Gatte war einer standesamtlichen Trauung gegenüber nicht abgeneigt, aber seine Sippe war dagegen. Wir kamen gut miteinander aus, hatten auch vier Kinder. Eines Tages stand dieser Neffe vor der Tür und sagte, dass er ein paar Nächte bei uns wohnen müsse. Er habe etwas in der Nähe zu erledigen. Natürlich willigte mein Mann ein, ihr wisst ja, die Familie … Doch die Wochen und Monate vergingen, bald war ein Jahr vorbei. Mitunter brachte der Neffe ein paar Bierflaschen mit, aber zum Unterhalt der Familie trug er nichts bei. Dafür hatte er gewisse Wünsche, die sich nicht nur auf das Essen bezogen … Mein Mann war schon recht betagt, aber mit diesem Neffen wollte ich nichts zu tun haben. Schließlich erkrankte mein Mann, und die Anzüglichkeiten des Neffen mir gegenüber wurden immer direkter. Nach einigen schlimmen Wochen voller Schmerzen starb mein Gatte. Der Familienrat meines Mannes tagte und beschloss, was zu erwarten war: Unser Haus, das wir uns vom Munde abgespart hatten und für das ich auch als Verkäuferin in der Rue de Commerce gearbeitet hatte, gehöre seiner Familie: Da der Neffe bereits in dem Haus wohnte, solle er dortbleiben. Die Kinder könne er behalten oder mir mitgeben. Zwei Wochen nach dem Tod meines Mannes fand ich mich auf der Straße wieder. Alles, aber auch alles blieb in dem Haus, vom Kochlöffel bis zu den Betten. Von den Kindern konnte und wollte ich mich nicht trennen, was dem famosen Neffen ganz recht war. Da mein Mann bei einer Bank arbeitete, verfügte er, besser wir, über ein Bankkonto mit einer hübschen Summe. Aber auch das hatte die Familie vereinnahmt. Von dem wenigen Ersparten, das ich seit Beginn der Erkrankung meines Mannes versteckt hatte, konnte ich gerade die Kaution von sechs Monaten für ein kleines Zimmer bezahlen, wo ich jetzt mit den Kindern schlafe. Meine Familie wohnt in Bas-Congo, in der Nähe von Mbanza-Ngungu, dort kann ich nicht mehr hin. Ich wäre nur eine Last für sie; dem Dorfleben bin ich entwöhnt. Da ich das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnte, sind die Kinder von der Schule geflogen. Mit Gelegenheitsarbeiten halte ich mich über Wasser …“
Die anderen Frauen verstanden auch so, was sie meinte.
„Das Angebot dieses Neffen, in den nächsten Tagen bei ihm vorbeizukommen, um seine Lust zu befriedigen, ließ alle Sicherungen bei mir durchbrennen. Ich soll zu ihm kommen! In meinem Haus soll ich mich von diesem Widerling in meinem Bett vergewaltigen lassen! Das war zu viel! Ich verlor jede Beherrschung, so schlug ich zu. Nein, ich bereue es nicht!“, stellte Paulette trotzig fest.
Weit weniger selbstbewusst fügte sie hinzu, dass sie nun allerdings kein Geld verdient habe, um den Kindern wenigstens einen Maniokbrei zu kochen.
Alle Frauen in der Runde kannten solche Geschichten und konnten das Gefühl der Machtlosigkeit und Verzweiflung, das bei Paulette in blinde Gewalt ihrem Peiniger gegenüber umgeschlagen war, nur allzu gut verstehen.
Als sie sich voneinander verabschiedeten, dankte Paulette den Frauen nochmals für ihre Hilfe; in den Händen der Polizei wäre es ihr sicherlich schlecht ergangen.
Die Frauen gaben ihr ein wenig Maniokmehl mit und wünschten ihr alles Gute – mehr konnten sie nicht tun.
Die Liebenden
Theo nahm seine Frau Lydia in den Arm und versuchte, sie zu trösten. Auch wenn die Ärzte Optimismus verbreiteten und die Schwierigkeiten kleinredeten, wussten die Liebenden von dem Problem. Lydia hatte Theos beide verstorbenen Frauen gut gekannt. Jede war bei der Entbindung ihres ersten Kindes gestorben – ein Schock für Theo, für die Großfamilie wie für seine gesamte Nachbarschaft in Barumbu, dem Stadtteil von Kinshasa, in dem sie lebten. Dieses Unglück wurde viele Wochen unter den Frauen erörtert. Sie betrieben eine Art Ursachenforschung, die von keinerlei medizinischen Überlegungen geprägt war.
Bei dem gestrigen Arztbesuch stellte sich heraus, dass Lydia ebenso wie die beiden verstorbenen Frauen von Theo an Myomen an und in der Gebärmutter litt. Die Aussage der Ärzte, dass diese in Afrika häufiger auftreten als anderswo und, da die Frauen hier nur selten oder nie zum Frauenarzt gingen, dieses Problem oft zu spät erkannt wurde, war kein Trost. Selbst die Feststellung der Ärzte, dass die Tatsache ihrer Schwangerschaft schon an ein Wunder grenze, half nicht, die aufkommenden Ängste zu überwinden.
Sowohl Lydia als auch Theo waren zutiefst beunruhigt. Bei Lydia war es die Furcht vor großen Schmerzen bis hin zu dem Unsäglichen, dass sie und ihr Kind für immer von der Welt gehen könnten. Selbst Theo dachte an diese Möglichkeit, denn er hatte den Tod seiner beiden anderen Frauen noch immer vor Augen. Ein drittes Mal wollte und konnte er so ein maßloses Unglück nicht mehr durchstehen. Allerdings war es kaum vorstellbar, dass so etwas dreimal geschieht. Das konnte, das durfte nicht sein!
„Habe Mut und Vertrauen, dreimal hintereinander passiert so etwas nicht“, flüsterte er Lydia zu und wusste selbst nicht, ob er seine Frau oder sich selbst beruhigen wollte.
Die Wochen bis zum Geburtstermin schlichen dahin. Lydia und Theo fühlten, dass die Ärzte immer vorsichtiger mit ihren Aussagen wurden. Die Angst beherrschte ihre Zweisamkeit; beide konnten immer weniger ihre dunklen Gedanken verdrängen. Schließlich schlugen die Gynäkologen der Schwangeren vor, sofort ins Krankenhaus zu kommen, damit sie unter ständiger Beobachtung sei. Von ärztlicher Seite wurde zudem ein Kaiserschnitt ins Gespräch gebracht, was in Europa häufig praktiziert werde; auch hier hätten einige Ärzte diesbezügliche Erfahrungen. Auf diese Weise könne zumindest für die Mutter alles gut ausgehen. Lydia war sich unsicher, ob sie einen solchen Eingriff vornehmen lassen und damit ihr Kind gefährden wolle.
Theo befürwortete einen solchen Eingriff, bat Lydia inständig, diesen Vorschlag zu akzeptieren, überließ die Entscheidung aber ihr. Sie kratzten all ihr Geld zusammen und nahmen einen Kredit auf, um Lydias vorzeitige Aufnahme ins Krankenhaus zu finanzieren. Theo hoffte, dass seine Frau im Krankenhaus vielleicht ihre Meinung zu diesem Eingriff ändere.
Theo begleitete Lydia auf dem Weg ins Krankenhaus. Nachdem er die Aufnahmeformalitäten erledigt hatte, ging er zu seiner Frau und sprach ihr noch einmal Mut zu. Sie sah ihn ängstlich-skeptisch an, dankte ihm aber für seine lieben Worte. Sie führte seine Hand zu ihrem Bauch, wo er deutlich die Bewegungen des Kindes spüren konnte. Glücklich flüsterte er ihr zu, dass alles gut werde.
Theo arbeitete in seiner Schneiderwerkstatt, die er inzwischen gemeinsam mit Lydia betrieb, nur noch mit halber Kraft. Schätzte man sonst seine Ideen für einen schicken Boubou oder einen Wickelrock mit Libaya und verwegenem Kopftuch, verzichtete seine Kundschaft jetzt auf solche Bestellungen und beschränkte die Aufträge auf Reparaturarbeiten. So hatte er genügend Zeit, jeden Tag seine Frau zu besuchen. Doch was er sah, nahm immer mehr seine Hoffnung. Auch wenn er nicht bei Lydia war, musste er immerzu daran denken, was alles geschehen könne.
Die Ärzte gaben nur noch sehr vorsichtig und allgemein-nichtssagend Auskunft, und Lydia war jeden Tag weniger ansprechbar. Eines Tages teilte der Oberarzt Theo mit, dass es so gut wie keine Hoffnung für seine Frau gäbe. Einen Kaiserschnitt habe sie abgelehnt. Sie würden dennoch alles Menschmögliche tun, zumindest aber die Schmerzen nicht ausufern lassen.
Bedrückt schlich Theo nach Hause und hoffte auf ein Wunder. Doch das Erhoffte trat nicht ein. Wenige Tage darauf schied Lydia – und mit ihr das ungeborene Kind – aus dem Leben. Theos Verzweiflung kannte keine Grenzen. Dreimal den gleichen unglaublichen Schicksalsschlag zu erleben, das war zu viel. Er nahm seine Umwelt nur noch benommen zur Kenntnis, aber ihm blieb keine Wahl, er musste sich in das Unvorstellbare fügen. Vor Theo lag der schwere Gang zur Familie von Lydia.
Lydias Eltern erkannten schon an seiner Haltung und seinem Gesichtsausdruck die Botschaft, die er ihnen zu überbringen hatte. Die Mutter fing sogleich mit Wehklagen, Schluchzen und mit Vorwürfen gegen Theo an, der Vater sah finster drein. „Du hast der Familie nur Unglück gebracht, die Großfamilie wird für die weiteren Kosten aufkommen. Das Brautgeld bleibt in der Familie“, stellt er in einem Ton, der keine Widerrede duldete, klar. Er hätte sich das auch sparen können, Theo war zu keinerlei Denken fähig. „Verschwinde aus unseren Augen“, waren die letzten Worte, die Theo von Lydias Vater hörte.
Die Freundinnen
Lydia war seit jeher gut bekannt und beliebt in Barumbu. Sie sang im Kirchchor, die Schneiderwerkstatt von Theo, in der sie arbeitete, war ein beliebter Treff für einen Schwatz unter Frauen. Zum Vorteil gereichte dem der nur eine Minute entfernte Jovanie-Palast, ein Biergarten. Da Bier trinkende Frauen in einem solchen Lokal ein unschicklicher Anblick gewesen wären, brachte die junge Inhaberin des Biergartens das Primus-Bier zur Schneiderwerkstatt, was die Frauenrunde beflügelte – und zugleich die Auftragslage der Werkstatt verbesserte. Hier wurde auch die Eheanbahnung von Theo und Lydia heiß diskutiert, vor allem vor dem Hintergrund des tragischen Todes seiner ersten beiden Frauen bei der Entbindung. Einige interpretierten dies als Teil des unergründlichen Ratschlusses Gottes, andere als Frauenschicksal, doch es gab auch Stimmen, die die Schuld bei Theo suchten.
Wie auch immer, alle Zweifel verstummten mit der Zeit. Es war offensichtlich, dass Lydia und Theo sich liebten. Die beteiligten Familien waren sich schnell einig, und die Glücklichen feierten Hochzeit. Als Lydia jedoch nach einigen Monaten noch immer keine Anzeichen einer Schwangerschaft zeigte, begannen die üblichen Sticheleien. Vielleicht kann Schneider-Theo den Faden nicht mehr in das Nadelöhr fädeln. Ist der Faden nicht mehr stark genug? Oder haben sie gar Angst, dass Kleinkinder etwas im Haushalt zerbrechen könnten?
Diese Anspielungen verstummten erst, als sich Lydia übergeben musste. Die Schwangerschaft war für Erika, Makombi, Regina und einige andere Frauen ein willkommener Anlass, Primus-Biere auf das Wohl von Lydia zu trinken. Mitunter stießen sie auch mit einem selbstgebrannten Hochprozentigen, genannt die „Tränen des Löwen“, an. Im Gegensatz zu ihnen verweigerte Lydia jeglichen Genuss von Alkohol. Zugleich begleiteten Lydia die gut meinenden Kommentare der Freundinnen zu den Problemen und Freuden einer Schwangeren. Die Schneiderwerkstatt blieb der bevorzugte Treff der Frauenrunde.
Irgendwann meinte Lydia, dass es Zeit sei, einen Arzt zu konsultieren.
„Ach was, Frauen bekommen seit Adam und Eva Kinder, mit und ohne Quacksalberei“, war der Kommentar ihrer Freundinnen.
„Ich werde einen Arzt konsultieren, nicht nur weil mein Theo darauf besteht, ich will es!“, entgegnete Lydia entschlossen. „Ich möchte nicht seinen früheren Frauen folgen.“
Lydia ging zu einem Frauenarzt, der sie zu einem weiteren Spezialisten schickte. Das Ergebnis teilte der Arzt ihr und Theo gemeinsam mit. Das Problem seien die vielen und teils großen Myome.
Ihren Freundinnen wich Lydia aus. Es war ihr unangenehm, von den Myomen in ihrem Körper zu sprechen. So berichtete sie von Belanglosigkeiten. Doch ihre Zuhörerinnen kannten die Schwangere gut genug, um das Unaufrichtige in ihrer Stimme herauszuhören. Die Schneiderwerkstatt wurde immer seltener der Ort eines geselligen Schwatzes. Mit Sorge und wachsendem Misstrauen verfolgten die Freundinnen Lydias Schwangerschaft.
„Erika, hast du schon gehört? Auch Lydia soll mit ihrer Schwangerschaft Probleme haben. Es heißt sogar, dass sie sterben könnte,“ berichtete entsetzt Makombi eines Tages. „Die Schwangerschaft ist bereits zu weit fortgeschritten, um abzutreiben. Bald stellt sich wohl die Frage, ob Mutter oder Kind oder alle beide. Schrecklich.“
„Das ist doch nicht möglich, das gibt es nicht!“, stöhnte Erika vor Verzweiflung. „Bereits zwei Frauen von Theo sind bei der Entbindung gestorben, die Kinder ebenfalls. Gibt es so etwas wirklich? Ist das normal?“, flüsterte sie.
Makombi und Erika teilten ihr Wissen und ihre Befürchtungen auch den anderen Frauen der Großfamilie und des Wohnviertels mit. Fast einhellig waren sie der Meinung, dass dies nicht normal sein könne. Immer wieder entzündeten sich die Gemüter an dem Umstand, dass bereits zwei Ehefrauen von Theo bei der Entbindung verstorben waren und mit ihnen ihre Kinder. Schnell waren sich die Frauen einig, dass hier seltsame Kräfte ihr Unwesen trieben. Dennoch schlugen die meisten von ihnen vor, die kommenden Tage und Wochen abzuwarten, wie sich alles entwickeln würde. Nur wenige Freundinnen, darunter Makombi, meinten, es vielleicht besser sei, einen Nganga-Nkisi um Rat zu fragen.
Es blieb den Frauen nicht verborgen, dass Lydia vor der Zeit gebeten wurde, das Hospital aufzusuchen. Makombi, Erika und einige andere Frauen begleiteten Lydia und Theo zum Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin konnten sie ihre Besorgnis kaum für sich behalten, obwohl es ihre Absicht war, der Schwangeren Hoffnung und Mut zuzusprechen. Zugleich fühlten sie sich von ihrer Freundin Lydia zurückgewiesen, da sie offensichtlich lieber mit Theo allein gewesen wäre. Selbst die bösen Blicke der Freundinnen auf Theo bewirkten keine Veränderung in Lydias Verhalten. Offenbar wollte Lydia nicht einsehen, dass Theo der Urheber allen Übels war.
Die Freundinnen warteten, bis Theo wieder aus dem Krankenhaus kam, um ihn nicht nur mit bösen Blicken, sondern auch mit ihren Fragen zu konfrontieren: „Wie kommt es, dass deine ersten beiden Frauen und ihre Kinder bei der Entbindung starben und Lydia offenbar das gleiche Schicksal bevorsteht?“
„Was kann ich euch sagen? Der Tod meiner beiden ersten Frauen lastet noch immer als eine schwere Bürde auf mir. Es wäre für mich der Schrecklichste der Schecken, wenn Lydia das gleiche Schicksal zugedacht sein sollte. Ich bete für sie, dass alles gut wird, und das solltet ihr auch tun.“
Die Freundinnen sahen nur noch, wie Theo sich von ihnen abwendete und schnellen Schrittes davon ging. „Da quält wohl jemand ein schlechtes Gewissen“, war ihr einhelliger Kommentar.
Die Frauen waren mit Theos Worten nicht nur nicht einverstanden, sie waren empört. In den folgenden Tagen besprachen sie immer wieder Lydias Schicksal.
„Gebetet haben wir auch für seine anderen Frauen, und es hat nichts geholfen“, klagte Makombi. „Vielleicht kann doch nur ein Nganga-Nkisi, das Leben unserer Freundin retten. Und falls nicht, kann er uns zumindest den Verantwortlichen für den Tod dieser drei Frauen und ihrer Kinder nennen.“
Regina wandte ein, dass möglicherweise alle drei Frauen an einer tödlichen Krankheit gelitten hätten, die erst mit der Schwangerschaft sichtbar geworden sei. „Was könnte ein Mann damit zu tun haben? Gut, er pflanzt seinen Samen in die Frau, damit sie schwanger wird. Wie allen bekannt ist, wollte das Lydia wie die anderen zwei Frauen vor ihr auch. Aber kann der Samen eines Mannes giftig sein? Davon habe ich noch nie gehört! Wie also könnte Theo die Ursachen dieser Übel sein? Sogar auf dem Weg ins Krankenhaus war Lydias Liebe zu Theo sichtbar.“
„Männer sind zu jeder Schlechtigkeit fähig!“, erwiderte entrüstet Makombi. „Es ist doch nicht normal, dass seiner jetzigen Ehefrau das gleiche Schicksal droht wie den beiden Frauen vor ihr! Da muss irgendetwas Böses dahinterstecken, das wir nicht erkennen, ein Nganga-Nkisi mit einer starken Verbindung zu einem Ndoki aber vermutlich schon.“
Zögernd fragte Erika, was das bringen solle. „Ein Nganga-Nkisi hat keine Ahnung von Frauenkrankheiten. Ist er wirklich in der Lage, die Ursache dieser Unsäglichkeiten zu benennen?“
Mit der Hoffnung, dass am Ende vielleicht doch alles gut ausginge, entschieden die Frauen, die Entbindung abzuwarten. Einen Nganga-Nkisi über Frauendinge zu befragen, fanden sie doch etwas heikel.
Die Frauen verfolgten weiter aufmerksam Lydias Schicksal. Auch zogen sie ihre eigenen Schlüsse aus Theos Verhalten, der immer wortkarger wurde, Kontakte mied und sich immer mehr zurückzog. Zwar gaben die Ärzte den Freundinnen keine Auskunft, aber sie hatten genügend Möglichkeiten in Erfahrung zu bringen, was sie wissen wollten. Das, was sie hörten, war überhaupt nicht ermutigend.
Von Lydias Freundinnen verfügte Makombi die besten Kontakte zu Lydias Familie. Wiederholt tauschten Makombi und Lydias Eltern ihre Gedanken zu Lydias Gesundheitszustand und zu Theo aus. Mittlerweile gingen auch die Eltern von dem Schlimmsten für ihre Tochter aus. In Theo sahen sie den Urheber für diese Tragödie. Sie bestärkten Makombi in ihrem Entschluss, einen Nganga-Nkisi aufzusuchen. Dieser solle letzte Gewissheit über Theos Schuld bringen. Wenn schon ihre Tochter nicht mehr gerettet werden könne, solle wenigstens der Verantwortliche seiner gerechten Strafe zugeführt werden. Sie waren sich darin einig, dass bei einer Geburt für eine Frau stets Lebensgefahr besteht. Aber gleich bei drei Frauen? Da mussten unheilvolle Kräfte am Werk sein.
In dieser beängstigenden Lage beschlossen die Frauen schließlich, Makombis Vorschlag zu folgen und sich an einen Nganga-Nkisi, der auch bekannte gute Verbindungen zu einem Ndoki hat, zu wenden. Dieser wohnte im gleichen Stadtviertel wie Lydias Großfamilie und kannte die stadtbekannte Geschichte von Theo und seinen drei Frauen. So war er nicht überrascht, als eines Tages Makombi mit vier Freundinnen bei ihm anklopfte. Sie trugen dem Nganga-Nkisi die Geschichte von Theo und seinen ersten beiden Frauen vor, offenbar folge nun die Dritte ihren Vorgängerinnen.