Siebtes Kapitel
»Sie soll eine dunkle Schöne mit leichtem Silberblick sein, ein bisschen moppelig um die Hüften vielleicht, sonst aber absolut vorzeigbar, Angie heißt sie …«
»Ihren Bräutigam hat sie angeblich am Badestrand kennengelernt, hier auf Spiekeroog, Jahre
her, er soll sich zur Kur hier aufgehalten haben, man sagt, er sei nicht gesund
…«
»Nicht gesund? Sie sollen gestern noch zusammen Beachball gespielt haben, mit
ihren Freunden, die alle auf dem Zeltplatz wohnen …«
»Bis tief in die Hochzeitsnacht haben sie wild am Strand gefeiert, sagt Ilse, und
Ilse muss es wissen, denn die weiß es von Gerd …«
»Man hat zur späten Stunde noch ein kleines Boot beobachtet, dicht am Strand. Vielleicht ist die
Braut heimlich an Bord gegangen und dann ab übers Meer …«
Ist die Inselpost eine entschleunigte, die Gemütlichkeit streifende Institution – wer seine Lieben daheim mit Urlaubsgrüßen neidisch machen will und dazu eine traditionelle Postkarte versendet, sollte
diese spätestens am zweiten Urlaubstag in einen der von den Möwen weiß verzierten Briefkästen werfen, sonst ist man schneller zu Hause, als die Karte – so funktioniert die Flüsterpost auf Spiekeroog umso besser. Bald schon wusste jedermann von dem
angeschwemmten Brautkleid und über die verschwundene Braut geisterten in Windeseile die verrücktesten Gerüchte die Noorderloog entlang, den Broadway der Insel. Die vielleicht verwegenste
These behauptete, die Braut habe um Mitternacht ihr Hochzeitskleid mit einem
Taucheranzug vertauscht und sei nach Wangerooge geschwommen, um dem Wangerooger
Leuchtturmwärter in die Arme zu fallen, einem Kerl mit Augen wie George Clooney. So
unterschiedlich die Versionen aber auch ausfielen, in einem Punkt waren sich
alle einig: Die Reaktion von Nobby, dem Bräutigam fanden alle unter aller Kanone. Nach dem Frühstück sei er vor der Bunten Kuh gesichtet worden, wo er sich eine Maxieiswaffel bestellt habe. »Eine von den 5 Kugeln soll eine Honeymoon gewesen sein, ist das nicht unerhört?«
Ahsen konnte über solche Lästereien nur den Kopf schütteln. Dass der Bräutigam auf diese Weise reagiert hatte, war für ihn nur zu verständlich. »Klarer Fall von Schockreaktion, wenn du mich fragst«, sagte er zu Mütze, während sie ein erstes Bierchen im Sir Georg’s Pub kippten. »Nach Eis war ihm bestimmt gar nicht mal zumute, hast du gesehen, wie grün der Ärmste aussah? Ich habe noch nie einen Menschen mit solch ungesunder
Gesichtsfarbe gesehen.«
Es war Nachmittag geworden. Ahsen hatte Mütze natürlich alles erzählen müssen, klare Kiste, immerhin bildeten sie seit Jahren ein erfolgreiches
Ermittlungsteam, zumindest inoffiziell.
»Traumafolgereaktion, der Klassiker«, fuhr er fort, »weiß ich von meiner letzten Fortbildung. Verschwindet ein geliebter Mensch von der Bildfläche, macht so mancher Angehörige mechanisch weiter, so als sei nichts gewesen. Du hättest den Polizeipsychologen hören sollen! Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Eine Oma wollte nicht damit aufhören, ihre Herdplatten zu polieren, während man die Leiche ihres Ehemanns vom Haken an der Zimmerdecke holte.
Verstehst du? Er hängt an der Esstischleuchte und sie putzt unverdrossen die Küche!«
Mütze brummte. Warum musste er in diesem Moment an Karl-Dieter denken?
»Ich wollte dir eigentlich gleich alles erzählen«, fuhr Ahsen fort, »nur heute Morgen vor der Linde ging das natürlich nicht, die anderen Gäste, du verstehst.«
»Klar doch«, sagte Mütze.
Er hatte sich für ein Jever entschieden, obwohl das neue Inselbier nun Erdinger zu heißen schien, zumindest wenn man dem Abstimmungsergebnis der Sonnenschirmreklamen
glaubte. Dass Ahsen nach außen demonstrieren musste, wer auf der Insel das Auge des Gesetzes war, verstand
er nur zu gut. Mütze wischte sich den Schaum von den Lippen und kniff die Augen zusammen, die
sich seit einiger Zeit mit immer mehr Fältchen schmückten. »Statt eines Schocks gibt es noch eine andere Erklärung«, murmelte er.
»Und die wäre?«
»Eine tiefgehende Erleichterung darüber, seinem Schicksal als Ehemann in der letzten Sekunde noch entwischt zu sein.«
Die Wiederholung dieses Spruchs konnte sich Mütze nur deshalb leisten, weil Karl-Dieter nicht in der Nähe war. Karl-Dieter war zur Kogge unterwegs, dem Haus, in dem die Kurverwaltung untergebracht war, um sich für zwei Kurse anzumelden: »MuMaMe – mit Muschel-Mandalas meditieren und den Weg zum eigenen Ich entdecken« und »Sanddorn – selbstgepflückt und schmackhaft zubereitet«. Liebend gerne hätte Karl-Dieter zudem den Dünentangokurs gebucht, aber Mütze hatte schmerzhaft das Gesicht verzogen und eine Meniskusreizung
vorgeschoben.
Ahsen musste über Mützes Bemerkung grinsen. »Glaub ich nicht. Dieser Niggemeier, so heißt der Ärmste, wirkte trotz der zur Schau gestellten Fassade ziemlich durch den Wind, so
grün, wie er aussah.«
»Und der üppige Frühstücksteller? Die Mammuteiswaffel?«
»Mechanisches Weiterleben, wie gesagt. Und Unterzucker. Bei Schock nicht ungewöhnlich. Hat auch die Polizeipsychologin gesagt.«
»Wann hat Herr Grünlich seine Braut denn zuletzt gesehen?«
»Die ganze Festgesellschaft hat bis in die Puppen am Strand gefeiert, das
Brautpaar und ihre vier Freunde, man hat ziemlich gepichelt, wie das so üblich ist. Irgendwann sei es dann zum Streit gekommen, wegen ’ner Kleinigkeit. Darauf sei seine Angie wutentbrannt davon, den Strand entlang
Richtung Osten.«
»Selbstmord?«
»Kaum anzunehmen. Wer zieht sich seine Kleider aus, wenn er den feuchten Tod
sucht? Ne, ne, auch die Befragung der Hochzeitsgäste hat keinen Hinweis auf Suizid erbracht. Die haben nur gelacht. Angie? Eher würde Angie ganz Spiekeroog umbringen als sich selbst. Die Gute sei mit Sicherheit
auf und davon. Dafür gibt es zudem einen untrüglichen Beweis.«
»Und der wäre?«
Ahsen nahm in aller Seelenruhe einen tiefen Schluck. Er genoss es sichtlich,
seinen letzten Trumpf genüsslich auszuspielen. »Sie hat ihren Rucksack mitgenommen.«
»Ihren Rucksack?«
»Ja, ihren Rucksack. Die ganze Festgesellschaft hat die letzten Tage zusammen auf
dem Zeltplatz verbracht, inklusive Braut und Bräutigam. Nach der Hochzeitsfeier aber wollte das Brautpaar in die Linde umziehen. Deshalb hatten sie ihre Rucksäcke dabei und – o Wunder! – nun ist nicht nur die Braut verschwunden, sondern auch ihr Gepäck.«
»Tschüssikowsky!«, lachte Mütze, »bestimmt hat sie die erste Morgenfähre genommen.«
»Das war mein erster Gedanke, hat sie aber nicht und auch keine spätere.«
»Was macht dich da so sicher?«
»Die Videoaufnahmen. Jeder Fährgast, der über den Steg läuft, wird gefilmt.«
»Donnerlüttchen!« Mütze pfiff durch die Zähne. Ahsen machte seine Arbeit wirklich professionell. »Aber wo wird die Hübsche hin sein? Man kann die Insel doch nicht unbemerkt verlassen.«
Ahsen griff nach seinem Bierglas und ließ die Guinnesssuppe kreisen. Dabei klappte er seine Oberlider wie ein alter
Chinese hinunter und lächelte wissend in sich hinein: »Och, da wüsste ich an die zehn Möglichkeiten.«
»Aber kennt sie die auch? Und was ist eigentlich mit ihrem Handy?«
»Tot.«