DAS BUCH
Seit sie denken kann, hat sich Isabeau verloren gefühlt, so als würde ihr etwas Entscheidendes fehlen. Als an ihrem 25. Geburtstag zwei Frauen vor ihrer Tür stehen und behaupten, ihre Schwestern zu sein, ist Izzy verwirrt, wütend, aber auch neugierig. Sie liest die Briefe ihrer verstorbenen Mutter Catori und macht sich klopfenden Herzens auf den Weg nach Pueblo, Colorado. Mit jedem Schritt, den sie ihrer neuen Familie näherkommt, beginnt sich die Leere in ihr zu füllen. Izzy beschließt, bei ihren Schwestern zu bleiben, nicht nur, um ihr indigenes Erbe besser zu verstehen, sondern auch wegen des attraktiven Kyson, der eine Traurigkeit in seinen Augen hat, die sie selbst nur zu gut kennt. Doch reicht gegenseitiges Verständnis aus, um einander zu heilen? Izzy hat einen Wunsch in ihrem Herzen, der immer stärker wird …
DIE AUTORIN
Audrey Carlan schreibt mit Leidenschaft prickelnd-romantische Unterhaltung. Ihre Romane veröffentlichte sie zunächst als Selfpublisherin und wurde daraufhin bald zur internationalen Bestsellerautorin. Ihre Serien Calendar Girl und Trinity stürmten in Deutschland die SPIEGEL-Bestsellerliste. My Wish ist ihre neue große Romance-Reihe. Audrey Carlan lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Kalifornien.
AUDREY
CARLAN
My Wish
Genieße
jeden Moment

Roman
Aus dem Amerikanischen
von Nicole Hölsken
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe ON THE SWEET SIDE erschien erstmals 2022 bei Harlequin Enterprises ULC.
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Deutsche Erstausgabe 05/2022
Copyright © 2021 Audrey Carlan, Inc.
Published by Arrangement with AUDREY CARLAN, INC.
Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Anita Hirtreiter
Umschlaggestaltung: bürosüd, www.buerosued.de
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-26528-1
V001
www.heyne.de

Für Jeanne De Vita, meine Lektorin und Freundin.
Als ich mich verloren fühlte und von der Welt enttäuscht war, warst du für mich da.
Als ich von einer Schwester im Stich gelassen wurde, warst du für mich da.
Wenn die Probleme unlösbar erschienen, warst du für mich da.
Du bist der Inbegriff einer Schwester im Geiste.
Anmerkung für die Leser*innen

Hallo, meine neuen Freunde,
Genieße jeden Moment ist ein vollkommen eigenständiger Roman, der jedoch mit den ersten beiden Bänden der Wish-Reihe in Verbindung steht. Wer das erste Buch, Breite deine Flügel aus, gelesen hat, der kennt bereits die Geschichte von Suda Kaye Ross. In Strahle wie die Sonne wurde die Geschichte ihrer Schwester Evie erzählt. Der vorliegende Roman schildert die Ereignisse um Isabeau Collins. In welcher Verbindung sie zu den Ross-Schwestern steht, werde ich jetzt noch nicht verraten.
Im ersten Teil der Wish-Reihe erwähnte ich bereits, dass die Familiengeschichte meiner lieben Freundin und langjährigen persönliche Assistentin Jeananna mich zu diesen Romanen inspirierte. Ihre Mutter ist weitgehend das Vorbild für Suda Kaye Ross, deren Schicksal im ersten Roman geschildert wird. Ihre Tante wiederum lieferte mir die Vorlage für Evie Ross. Dennoch entspringen sämtliche Geschehnisse in diesem Roman ausschließlich meiner Fantasie und sind somit reine Fiktion.
Die Hauptfiguren dieser Serie sind zur Hälfte amerikanische Ureinwohner – Native Americans. Mithilfe von Jeanannas Bericht über die bewegte Historie ihrer Mutter sowie ihrer Familie, die ihre Wurzeln sowohl bei den Komantschen als auch bei den Wichita hat, ersann ich eine Geschichte darüber, wie das Leben für eine Frau sein könnte, die ihre Jugend zu einem großen Teil in einem Reservat für amerikanische Ureinwohner verbracht hat.
Vieles ist das Ergebnis stundenlanger Recherche, zu der auch die intensive Beschäftigung mit der Sprache der Komantschen und der Navajos gehörte, um bei den wenigen Worten, die ich benutzt habe, so genau wie möglich zu sein. Außerdem flossen auch persönliche Erfahrungen von Jeanannas Familienmitgliedern mit ein, wodurch ich mehrere Erzählstränge geschaffen habe, die hoffentlich Frauen auf der ganzen Welt zu berühren vermögen.
Doch als Romanautorin habe ich mir natürlich auch diverse Freiheiten erlaubt. Dabei ist es mir wichtig, zu betonen, dass ich keinesfalls irgendjemandem zu nahe treten oder ihn verletzen will. Ich weiß, wie reichhaltig und vielschichtig die Kultur der Native Americans und ihrer Stämme ist, und ich freue mich wahnsinnig, dass ich diese wunderbaren Menschen ein wenig näher beleuchten durfte.
Isabeau ist eine Frau ganz nach meinem Geschmack. Sie beschließt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um mehr über einen Zweig ihrer Familie zu erfahren, von dessen Existenz sie bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte. Wenn ihr jemals von jemandem verlassen wurdet oder euch verlassen gefühlt habt, werdet ihr euch Izzy und ihrer Reise ganz besonders verbunden fühlen.
Ich hoffe zutiefst, dass ein kleiner Teil der Erfahrungen dieser Frauen, ihrer Abenteuer, Liebesgeschichten und der Art, wie sie ihr Leben führen, in euch nachhallen und ihr euch am Ende dieser Geschichte euch selbst und den Schwestern in eurem Leben stärker verbunden fühlt.
Möge die weibliche Solidarität siegen!
#SisterhoodFTW
Audrey
Kapitel 1

Nie würde ich den Augenblick vergessen, in dem sich mein Leben für immer veränderte. Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Tag. Ich hatte mich mit meinem allerbesten Freund Jasper getroffen, um mit selbst gemachten Donuts im Haus meiner Väter unseren Abschluss an der Kochschule zu feiern. Wir hatten beide vor, erst einmal wieder bei unseren Eltern einzuziehen, bis wir Jobs als fantastische Konditoren in der Stadt ergattert hätten und uns eine gemeinsame Wohnung leisten konnten.
Schon seit jenem ersten Tag im Kindergarten, als wir von unseren jeweilig fabrizierten ekelhaften Schlammkuchen gekostet hatten, hatten wir davon geträumt, eines Tages unsere eigene Konditorei zu eröffnen. Darüber konnten wir endlos diskutieren. Auch ansonsten herrschte bei uns Liebe auf den ersten Biss. Jasper hatte zwei Mütter, ich zwei Väter. Naturgemäß waren wir dadurch die Sonderlinge auf dem Schulhof, und so war es nur logisch, dass wir als die seltsamen Kids gleichgeschlechtlicher Eltern geradezu magnetisch voneinander angezogen wurden. Im Laufe der Jahre wurde uns klar, dass unsere Eltern sich gar nicht von anderen glücklich verheirateten Paaren unterschieden. Sie waren streng und liebevoll. Sie unterstützten und – vor allem – ermutigten uns stets, unsere Träume im Blick zu haben und sie zu verfolgen.
Seither waren wir unzertrennlich. Beste Freunde fürs Leben, was wir durch Tattoos untermauern konnten. Genau über meinem rechten Ellbogen – meinem »Back-Arm« – fand sich der Schriftzug »Seelen«. Jasper hatte sich an der gleichen Stelle links das Wort »Verwandte« tätowieren lassen. Wenn wir also nebeneinanderstanden, konnte jeder sehen, dass wir Seelenverwandte waren. Damals wie heute unternahmen wir beinahe alles zusammen. Angefangen von Schulaktivitäten über Freunde treffen und Gespräche über Männer – bei denen wir durchaus den gleichen Geschmack hatten – bis hin zu unserem gemeinsamen großen Traum, ein eigenes Unternehmen zu eröffnen und mit etwas Geld zu verdienen, das wir liebten und das uns und anderen das Leben versüßte.
Daher war es nichts Ungewöhnliches, dass Jasper auf dem Sofa meiner Väter übernachtet hatte. Wir hatten uns eine Flasche Champagner nach der anderen hinter die Binde gekippt und unsere Abschlussfeier bis spät in die Nacht hinein ausgedehnt. Meine Väter waren vielleicht ein wenig streng, aber sie hatten gern Leute um sich. Dann schleuderten sie ihre Schuhe von sich, tanzten und tranken, wenn möglich sogar bis zum Morgengrauen. Der Abschluss einer sechsjährigen Ausbildung einschließlich der beiden Auslandsjahre, in denen wir unter Chef-Pâtissiers hatten arbeiten müssen, war wohl Anlass genug zum Feiern.
Und dann kam der Tag, der alles veränderte.
Ich hing bis zu den Ellbogen tief in Kuchenteig, während Jasper mir von irgendeinem heißen schwarzen Typen erzählte, den er kürzlich kennengelernt hatte. Deshalb sah ich sie zunächst nicht. Doch ich konnte ihre Anwesenheit spüren. Die Atmosphäre im Zimmer veränderte sich, als hätte jemand den Ventilator ausgeschaltet und die Klimaanlage abgestellt, sodass der Raum mit einem Mal von heißer Anspannung erfüllt war.
Ich blickte auf, als mein Vater Casey das Zimmer betrat, zwei wirklich umwerfend aussehende Frauen im Schlepptau. Jasper redete einfach weiter, doch weder seine schimmernde silberne Bomberjacke, seine Igelfrisur mit den goldblonden Strähnen noch seine blauen Augen konnten meine Aufmerksamkeit von den beiden Frauen ablenken, die hinter meinem Dad auftauchten.
Eine war groß, schlank und athletisch gebaut und sah aus, als sei sie auf den Laufstegen von Paris zu Hause. Ihre langen blonden Haare fielen ihr in Beach Waves über die Schultern. Ihre Haut schimmerte bronzefarben, als werde sie von innen heraus durch die Sonne erleuchtet. Sie trug eine perfekt sitzende weiße Caprihose und ein pfirsichfarbenes Tanktop aus Seide, das auf eine Weise zu ihrem Teint passte, wie ich selbst es ohne Jaspers Hilfe niemals hinbekommen hätte. Dazu goldene Accessoires. Ihre Augen waren von einem atemberaubenden Blau und blickten ziemlich kühl drein, ganz im Gegensatz zu denen der Frau neben ihr, deren Hand sie hielt.
Mit schräg gelegtem Kopf starrte ich die dunkelhaarige Schönheit vor mir an. Angenommen, sie hätte die Linie L in die gleiche Richtung wie ich selbst genommen, hätte ich ihr sicher auf die Schulter getippt und sie angesprochen, so frappierend bekannt kam sie mir vor. Sie besaß eine magische Anziehungskraft, zog mich so sehr in ihren Bann, dass ich versuchte, so viele Details wie möglich zu erfassen. Sie trug ein fließendes Maxikleid mit einem psychedelischen Muster in Rot-, Orange- und Blaugrüntönen, das ihre Kurven wunderbar zur Geltung brachte. Das gleichfalls offene Haar fiel ihr bis zur Taille herab und war noch ein paar Zentimeter länger als das ihrer Begleiterin. Ihre Augen jedoch waren von einem Bernsteinton, den ich sofort wiedererkannte.
Mein Herz fing wild an zu pochen, und ich schnappte nach Luft, während die beiden Frauen äußerst nervös und vielleicht sogar etwas verängstigt in unserer Küche herumstanden.
Mein Papa war derjenige, der zuerst reagierte. Er ließ seine Zeitung auf den Tisch fallen und sprang auf. Ian Collins war das perfekte dunkle Pendant zu dem hellen Teint und Haar meines Dads. Ganz gemäß seiner hundertprozentig irischen Vorfahren war Caseys Teint von jenem im Dunkeln nachleuchtenden, perlmutterartigen Weiß, genau wie der meine. Mein Papa hingegen war eine wunderschöne Mischung aus Kaukasier, Inder und Ägypter. Seine Haut war von einem satten, warmen Braun, das mit espressofarbenem Haar und lebhaften bernsteinfarbenen Augen einherging.
Die Dunkelhaarige gab einen erschrockenen Schrei von sich und legte die Hand auf ihre Brust, als ob Papas bloßer Anblick ihr wie ein Dolch ins Herz führe.
»Diese Ladys saßen draußen vor dem Haus im Wagen und wollen zu Izzy. Offenbar habt ihr einen gemeinsamen Bekannten?« Mein Dad stellte gerade die Zutaten ab, die ich für meine Donuts noch brauchte, als die Blondine schließlich das Wort ergriff.
»Ähm, vielleicht sollten wir, hm, ein andermal wiederkommen?« Ihre Stimme klang angespannt und unsicher, was mich wunderte. Zugegeben, auch ich fand es merkwürdig, diese beiden Frauen in meiner Küche, in meinem Haus herumstehen zu sehen. Sie jedoch schien regelrecht Angst zu haben.
»Sorry, dass ich so beschäftigt bin«, sagte ich, wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab und richtete den Blick auf die beiden Frauen. »Welcher Bekannter soll das sein?«
»Du siehst ihr dermaßen ähnlich«, flüsterte mein Papa und trat ein wenig näher an die beiden Frauen heran. »Catori, meine ich.« Er hob die Hand, wie um das Gesicht der Dunkelhaarigen zu berühren, und wirkte so ehrfürchtig und fasziniert, als studiere er ein berühmtes Kunstwerk. Mir richteten sich die Nackenhaare auf, als ich sah, wie die Frau einen Schritt zurückwich und die Blondine mit sich zog. Tränen liefen ihr über die Wangen. »Suda Kaye?«, stieß er mühsam und mit Tränen in den Augen hervor. Wahrscheinlich war das ihr Name.
Was zum Teufel war hier los?
»Kaum zu glauben.« Mein Dad ging zu seinem Mann hinüber und legte ihm liebevoll den Arm um die Schultern, um ihn zu trösten.
Perplex beobachtete ich, wie Papas Blick zu der hübschen Blondine hinüber wanderte. »Evie?«
Sie nickte.
Okay. Die Blondine hieß also Evie, die Dunkelhaarige war Suda Kaye. Zwei Namen, die ich noch nie im Leben gehört hatte.
»Will mir vielleicht mal irgendwer verraten, was hier los ist?« Ich griff nach Jaspers Hand, denn aus Gründen, die mir selbst noch nicht klar waren, brauchte ich jetzt die Unterstützung meines besten Freundes.
»Izzy, Kleine, dein Vater und ich müssen dir etwas sagen«, verkündete mein Dad über den Raum hinweg.
Die beiden Frauen blieben stumm. Dann kramte Evie in der großen Tasche herum, die sie bei sich hatte.
»Entschuldigen Sie, dass wir so ganz ohne Vorankündigung einfach hier hereingeplatzt sind. Ich habe allerdings ein paar Unterlagen dabei, die ich Ihnen geben muss.« Die Stimme der Blondine klang geschäftsmäßig, obwohl ich an ihren angespannten Schultern und der Tatsache, dass die andere Frau sich an sie klammerte wie ein kleines Kind, ablesen konnte, dass sie sich äußerst unbehaglich fühlte.
Ich runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, während ich zu verstehen versuchte, warum meine Väter sich noch merkwürdiger als sonst benahmen. »Wer sind Sie?«
»Ich bin Evie, und das ist Suda Kaye Ross. Ihre Väter werden Ihnen die Einzelheiten erklären.« Sie zog einen Stapel rosafarbener Briefe, die von einem Satinband zusammengehalten wurden, hervor und reichte sie meinem Dad. Dann holte sie einen Ordner aus der Tasche und verkündete mit zitternder Stimme: »Das ist der Letzte Wille unseres Vaters …«
Mein Papa schauderte und sah Suda Kaye an, als sei sie ein wahr gewordener Traum, den er nicht zu berühren wagte.
»Und Catori?«, fragte mein Papa mit trauriger Stimme.
Catori. In meinem Leben kannte ich nur eine Person dieses Namens. Die Leihmutter, mit deren Hilfe meine Väter mich gezeugt hatten.
»Sie ist vor elf Jahren gestorben … es tut mir leid«, antwortete Evie sachlich, presste dann aber fest die Lippen aufeinander.
Vor elf Jahren. Da war ich dreizehn.
»Die Dokumente werden alles erklären.« Sie drückte meinem Papa den Ordner in die Hand. »Er hat Isabeau ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, und sein Anwalt muss Kontakt mit ihr aufnehmen.«
»Was? Wer hat mir was hinterlassen? Und warum hast du gerade den Namen meiner Mutter erwähnt? So viele Catoris kann es auf dieser Welt wohl kaum geben.«
Suda Kaye drückte das Gesicht an Evies Schulter und weinte.
»Warum hätte er das tun sollen?« Mein Dad ignorierte meinen Einwurf, sah aber Evie so zärtlich und mitfühlend an, dass es mir einen Stich gab. Casey Collins – mein Dad – hatte ein großes Herz und liebte jeden Menschen so, wie er war, wohingegen mein Papa Ian Collins der feurige, megaleidenschaftliche Teil in der Beziehung war. Ich neckte die beiden immer damit, dass Papa mir sein Temperament vermacht hatte, während meine üppigen kastanienbraunen Locken das Vermächtnis meines Dads waren.
»Weil er unsere Mutter liebte, ebenso wie die Kinder, denen sie das Leben schenkte, egal, ob sie mit ihm blutsverwandt waren oder nicht. Er wollte ihr Vermächtnis in Ehren halten«, erklärte Evie sachlich, als sei das hier nichts weiter als eine geschäftliche Transaktion. Dabei war offensichtlich, wie sehr die Situation beide Frauen aufwühlte. Die Dunkelhaarige konnte ihre Gefühle am allerwenigsten verbergen. Ich grübelte darüber nach, warum sie dermaßen emotional reagierten, als mir aufging, was Evie gerade gesagt hatte.
Ihre Kinder.
Also mehr als eines.
»Ihre Kinder. Wollen Sie damit andeuten, dass Sie beide …« Ich deutete erst auf Evie, dann auf Suda Kaye, die mit Tränen in den Augen aufblickte. »… meine Halbschwestern sind?«
Das bildete ich mir doch bloß ein, oder?
Mein Herz raste, und ich fing an zu zittern.
Auf einmal spürte ich eine unbändige Freude in mir.
Evie warf erst meinem Dad, dann meinem Papa einen verstohlenen Blick zu. Letzterer konnte die Augen nicht von Suda Kaye abwenden.
»Catori Ross war also auch eure Mutter? Oh mein Gott!« Niemand hätte mir das breite Lächeln austreiben können, das sich angesichts der Möglichkeit, Schwestern zu haben, auf meinem Gesicht ausbreitete. »Sie hat also auch für euch eine Eizelle gespendet, und ihr habt mich gefunden! Das ist ja wundervoll!« Ich klatschte in die Hände und hüpfte auf und ab. Vor lauter Aufregung schwirrte mir der Kopf. »Ich wette, es gibt noch viel mehr von uns!«
Evie legte den Kopf schief und schien mich eine Ewigkeit lang zu mustern. Dann antwortete sie. »Das nicht. Wie gesagt, wir wollten nur diese Unterlagen vorbeibringen, und jetzt gehen wir wieder.« Erneut langte sie in ihre Tasche und zog etwas, was nach einer Visitenkarte aussah, hervor, die sie auf die Anrichte neben sich legte. »Wenn, äh, wenn einige Zeit verstrichen ist und du das Bedürfnis dazu hast, kannst du jederzeit anrufen. Das ist meine Handynummer. Wir sind noch ein paar Tage in der Stadt.«
»Wo wohnt ihr?«, fragte mein Papa Suda Kaye sehnsuchtsvoll.
Warum interessierte ihn das? Ich meine, wenn sie meine Halbschwestern in vitro waren, dann war ich genau genommen mit ihnen verwandt. Aber mein biologischer Vater war Casey, nicht Ian.
»Wir wohnen in Colorado. Ich in Pueblo und Evie in Colorado Springs.« Das waren die ersten Worte, die Suda Kaye überhaupt seit ihrer Ankunft sagte.
»Suda Kaye, wir müssen uns unterhalten«, sagte mein Papa beschwörend, bevor er erst mir und dann Evie einen Blick zuwarf. »Wir alle.«
Evie, die anscheinend die Wortführerin hier war, nickte und antwortete. »Ja. Und wir sind dafür offen. Aber ich glaube, im Augenblick haben Sie Wichtigeres zu besprechen.« Sie deutete mit dem Kinn in meine Richtung, und ich ließ die Schultern hängen.
Ich sah meinen Vater Ian an. Er zitterte, und mein Dad strich ihm beruhigend über den Rücken. Das Ganze, diese Unterhaltung, diese beiden Frauen kamen mir vor wie ein Traum. Vielleicht sogar ein Albtraum.
Oh nein. Ich kniff die Augen zusammen, und nun wusste ich, warum Suda Kaye mir auf den ersten Blick so bekannt vorgekommen war. Die Haut- und die Haarfarbe meines Papas waren der von Suda Kaye nicht nur ähnlich, sie waren regelrecht eine Kopie von ihm. Doch der eindeutige Beweis, das Messer, das sich in meinem Herzen drehte, waren die bernsteinfarbenen Augen, die denen meines Vaters glichen bis aufs Haar.
»Ihr stammt nicht aus Eizellspenden. Oder?« Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Evie schüttelte ernst den Kopf.
»Ich verstehe das nicht«, würgte ich hervor. Jasper kam zu mir, nahm mich in den Arm und gab mir einen Kuss auf die Schläfe.
»Das wirst du bald. Danke, dass ihr uns empfangen habt. Wir gehen jetzt.« Evie wandte sich zum Gehen.
Auf dem Weg nach draußen packte mein Papa Suda Kayes Arm und zog sie an sich. Er vergrub das Gesicht in ihrem Haar, und voller Verwirrung beobachtete ich, wie ihm Tränen über die Wangen liefen und seine Schultern bebten. Zitternd erwiderte Suda Kaye seine Umarmung.
Ihre nächsten Worte fuhren mir wie ein Schwerthieb durch den ganzen Körper.
»Wie habe ich diesen Moment herbeigesehnt. Achtundzwanzig Jahre lang habe ich jeden Tag meines Lebens davon geträumt, dich in den Armen zu halten. Meine Tochter.« Er zog sich von ihr zurück und umfing ihre Wangen. »Du bist atemberaubend. Genau wie deine Mutter. Ein echtes Goldstück.«
»Deine Tochter?« Vor Schreck krampfte sich mein ganzer Körper zusammen, und ich schnappte nach Luft, wobei ich die Hand auf meine Brust legte.
»Schatz, lass sie los.« Mein Dad legte meinem Papa die Hände um die Taille und versuchte, ihn wegzuziehen.
»Ich will sie nicht wieder loslassen.« Seine Stimme war so heiser und kehlig, wie ich sie noch nie gehört hatte. Als hätte ihn jemand buchstäblich in Stücke gerissen, sodass er kaum einen Ton herausbrachte. »Nie wieder. Ich wünschte, ich hätte nie …«
Tränen brannten hinter meinen Augäpfeln, als ich sah, wie Suda Kaye sich von ihm losriss und aus der Küche floh. Ihre Schritte trommelten auf die Holzdielen, bis das unverkennbare Geräusch einer sich öffnenden und schließenden Tür zu uns hinüberdrang.
Mein Papa brach in den Armen seines Mannes zusammen, schluchzte am Hals meines Dads, hielt ihn eng umschlungen, sodass sich seine Finger in seinen Rücken gruben, als risse es ihn entzwei.
Mein Herz pochte so heftig, als wolle es meine Brust sprengen, und ich sehnte mich danach, sie zu umarmen, aber ich stand da wie versteinert. Meine Füße klebten buchstäblich am Fliesenboden unter mir, während ich beobachtete, wie Unsicherheit, Kummer und Verzweiflung die stolze Gestalt meines Papas erschütterten.
»Es tut mir leid. Wir hätten nicht herkommen sollen.« Evies Stimme brach, während sie weiter zurückwich.
»Nein, es ist gut, dass ihr gekommen seid. Ich wünschte nur, es wäre vor fünfundzwanzig Jahren geschehen«, antwortete mein Dad leise über die Schulter meines Papas hinweg. »Wir hätten darauf bestehen sollen. Immerhin wussten wir Bescheid, als sie uns und die drei Monate alte Isabeau verließ, aber wir gaben uns damals ein Versprechen.« Seine Stimme war voller Schmerz und Bedauern.
Versprechen? Was für ein Versprechen? Meine Mutter war bei uns, als ich noch ein Baby war? Wie war das möglich? Sie hatten mir erzählt, dass ich ihnen im Krankenhaus übergeben worden war und sie meine Leihmutter nie wiedergesehen hatten. Sie hatten behauptet, sie wäre spurlos verschwunden. Das Einzige, was sie mir je an Informationen gegeben hatten, war ihr Name.
Catori.
»Einige Versprechen muss man eben halten«, antwortete Evie, und ein kalter Ausdruck glitt über ihr hübsches Gesicht, als sie sich umwandte und das Zimmer verließ. Ihre Schritte waren leise, sodass ich nur das Hämmern meines eigenen Herzens vernahm – laut wie eine Stahltrommel.
Einen Moment lang stand ich vollkommen verdutzt da, unfähig, mich zu bewegen oder irgendetwas zu empfinden. Bis mir aufging, dass diese beiden Frauen mit mir verwandt waren.
Sie waren meine Schwestern.
Wir hatten dieselbe Mutter.
Eine Mutter, die sie gekannt hatten, ich aber nicht.
Ich hatte unzählige Fragen, und die Antworten dazu verließen soeben mein Elternhaus. Schließlich regten sich meine Füße instinktiv, und ich rannte zum Ausgang. Evie marschierte über den Gehsteig auf ihren Wagen zu, der vor dem Haus parkte. Suda Kaye wartete bereits auf dem Beifahrersitz auf sie.
»Hey!«, schrie ich von der obersten Steinstufe unserer kleinen Treppe herab.
Evie blieb stehen und wandte sich um. In ihren Augen standen unvergossene Tränen, sodass die vormals so eisigen Gewässer nun in einem zutiefst warmen Himmelblau schimmerten. Gar nicht kalt. Ich sah, dass die Maske, die sie bislang aufgesetzt hatte, verschwunden war. Ihr Schmerz und ihre Trauer waren nicht länger verborgen, ebenso wenig wie die Gefühle, die sie beim Zusammentreffen mit meinen Vätern und mir hatte beiseiteschieben müssen. Sie wartete ab, bis ich ihre Züge ausgiebig gemustert hatte, die sich so sehr von meinen unterschieden. Und doch war ihre Gesichtsform der meinen sehr ähnlich: die gleichen hohen, gerundeten Wangenknochen, die vollen Lippen, die mandelförmigen Augen. Nur dass sie ganz und gar in Gold schimmerte, während ich blass war, mit kastanienbraunem Haar und grünen Augen.
Ich holte tief Luft, rang die Hände vor meinem Körper in dem Versuch, der Sorge und Furcht Herr zu werden, die in mir emporstiegen. »Wenn wir da drinnen alles geklärt haben …« Ich deutete auf das Haus hinter mir und erinnerte mich an ihre Visitenkarte auf der Anrichte. »… dann rufe ich an.«
»Ich werde drangehen.« Sie schenkte mir ein trauriges Lächeln.
Ich erwiderte es herzlich, dann richtete ich den Blick auf die Frau im Wagen. Sie hielt den Kopf gesenkt, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, und ihre Schultern bebten.
»Ob sie sich wieder erholt?« Ich deutete mit dem Kinn auf das Auto.
»Das wird schon wieder. Ich sorge dafür. Dafür hat man schließlich Schwestern. Wir geben aufeinander acht«, flüsterte sie.
Schwestern. Die aufeinander aufpassten. Ich hatte immer nur Jasper und meine Väter gehabt.
»Darauf freue ich mich.« Ich lächelte erneut und winkte ihr zu, bevor ich ins Haus zurückkehrte und die Tür hinter mir schloss.
Mein Dad hielt immer noch meinen Papa im Arm, der nicht aufgehört hatte zu weinen. Es war, als sei seine Welt zusammengebrochen beim Anblick der beiden hübschen Frauen, die behaupteten, meine Halbschwestern zu sein.
»Jasper, diese Unterhaltung verlangt nach Tequila«, verkündete ich, als mein Papa die Schultern straffte und sich aus den Armen meines Dads löste.
Mein Dad umfing seine Wangen und wischte ihm mit den Daumen die Tränen ab. Dann gab er ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und richtete den Blick auf mich. »Wir werden im Wohnzimmer ein Familientreffen abhalten.«
»Soll ich gehen?« Jasper riss die Augen auf und hielt eine Flasche Patrón Silver in die Höhe.
Mein Dad sah Jasper an. »Du gehörst doch auch zur Familie, oder?«
Jasper nickte. Denn genau so war es. Seit meinem fünften Lebensjahr war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Seit neunzehn Jahren. Es gab nichts, was er nicht über mich wusste und umgekehrt.
»Nimm Izzy mit und macht es euch bequem. Wir haben viel zu bereden«, drängte mein Dad.
Ich sah, wie meine Väter sich aneinanderklammerten und mein Freund betrübt lächelte. Da wusste ich, dass das, was mir meine Eltern heute – mit meinen vierundzwanzig Jahren – erzählen würden, mein Leben für immer verändern würde. Denn anscheinend hatte meine Mutter sogar noch gelebt, als ich schon dreizehn gewesen war. Sie war drei Monate bei uns gewesen und hatte uns dann erst verlassen. Mein Vater Ian hatte eine weitere Tochter. Und ich hatte zwei Halbschwestern. Frauen, denen es offenbar wichtig gewesen war, mich persönlich kennenzulernen. Und außerdem waren da noch die Briefe, die neben einem Aktenordner auf der Theke lagen, der den Letzten Willen eines Mannes enthielt, den ich nicht kannte, der aber wiederum meine Mutter gekannt hatte. Eines Mannes, der meinen Halbschwestern wichtig gewesen war und der mir irgendeine Art von Erbe hinterlassen hatte.
Doch vor allem konnte ich es nicht fassen, dass mein Leben eine einzige Lüge war. Eine Lüge, die sorgsam von den beiden Menschen erschaffen und aufrechterhalten worden war, die behaupteten, mich über alles zu lieben.
Kapitel 2

Wir vier fläzten uns auf die Wildledercouch, deren Farbe an Cashewnüsse erinnerte und die wir schon vor meinem Highschool-Abschluss gehabt hatten. Jasper saß dicht neben mir, hatte einen Fuß unter sich geschlagen und hielt meine Hand. Normalerweise war er laut und lebhaft. Aber heute saß er schweigend da, bot mir stumm seine Unterstützung an, während ich in die beiden Gesichter sah, die ich mehr als alle anderen liebte.
Die beiden Männer, die mich mein Leben lang belogen hatten.
»Izzy.« Mein Dad Casey stützte die Ellbogen auf die Knie und das Kinn in die Hände. »Ich … mein Gott, Ian. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Er schüttelte den Kopf und stieß die Luft aus.
»Am besten am Anfang? Beginnend mit dem Grund, warum ihr mich belogen habt, oh, keine Ahnung, wahrscheinlich tausendmal!« Tränen liefen mir über die Wangen, und ich konnte kaum das Schluchzen unterdrücken. Jasper drückte meine Hand, hob sie an die Lippen und küsste meine Finger.
»Kleine, wir haben eigentlich nicht gelogen«, wagte sich mein Dad vor, sank dann aber resigniert wieder in die Kissen. Er rieb sich sein bärtiges Kinn und fuhr sich mit den Fingern durch die roten Haare. »Die Situation war kompliziert. Obwohl ich damals dabei war, verstehe ich heute selbst nicht mehr, wie es so weit kommen konnte.«
»Also sind diese Frauen tatsächlich meine Halbschwestern?«, hakte ich noch mal nach, obwohl ich mir eigentlich sicher war.
»Ja«, seufzte er.
Mein Papa Ian setzte sich neben seinen Ehemann. Er wippte so hektisch mit den Knien, als müsse er jeden Moment aufspringen, die Flügel ausbreiten und davonfliegen. Als wolle er seiner wahren Tochter Suda Kaye hinterherjagen.
»Und Suda Kaye ist Papas leibliche Tochter?« Ich starrte meine Väter an.
Die rot geränderten Augen meines Papas sahen mir forschend ins Gesicht, und seine Miene wirkte gequält. Ich ballte die freie Hand zur Faust, um nicht aufzuspringen und ihn zu trösten, so wie er es in meiner Jugend immer mit mir gemacht hatte.
»Suda Kaye war ein wundervoller Fehler. Das hatten Catori und ich nicht geplant.« Mein Papa atmete tief ein, und ich sah stumme Tränen über seine glatt rasierten Wangen rinnen.
»Und Evie?«
Papa schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht unsere Tochter, sondern die von Catori und ihrem Ehemann Adam Ross.«
»Dem Mann, der anscheinend gestorben ist und mich in seinem Testament bedacht hat.« Ich sah zur Küche hinüber, wo die Aktenmappe gerade ein Loch in die Anrichte drückte.
Sie nickten beide.
»Also ist Evie älter? Wie viel? Wisst ihr das überhaupt?«, rief ich anklagend.
»Süße, bitte nicht in diesem Ton. Die Sache ist für uns auch so schon hart genug.« Papa merkte sofort, dass er das Falsche gesagt hatte, und zuckte zusammen.
»Hart für euch? Ich bin mein Leben lang von meinen Eltern belogen worden. Ich hatte eine Mutter. Eine richtige Mutter. Keine Leihmutter. Eine Frau, die bereits zwei Kinder hatte. Eins davon von meinem verdammten Vater! Und ich habe sie oder meine andere Halbschwester nie kennengelernt.«
»Nicht fluchen, das klingt so hässlich aus so einem hübschen Mund«, tadelte mich mein Dad.
Ich stöhnte und blickte zur Decke empor, wobei ich im Stillen bis zehn zählte. Das hatten Jasper und ich uns angewöhnt, wenn wir in der Schule mal wieder geärgert oder verspottet worden waren, weil wir zwei Dads oder zwei Moms hatten. Oder wie später, als Jasper in seinem ersten Schuljahr auf der Highschool sein Coming Out hatte – als erster schwuler Junge an unserer kleinen Schule.
»Izzy, ich habe Catori vor deinem Dad kennengelernt. Du weißt doch, dass ich mit Anfang zwanzig sowohl was mit Frauen als auch mit Männern hatte. Zumindest, bis ich Casey traf und es um mich geschehen war. In diesem Augenblick wusste ich, dass dieser Mann für alle Zeiten zu mir gehören würde. Er war das Puzzleteil, das in meinem Herzen noch fehlte. Es machte Klick, und seither bin ich vollständig.«
Ich knirschte mit den Zähnen. »Diese Geschichte kenne ich auswendig, Papa. Komm zu dem Teil mit meiner Mutter«, forderte ich.
»Catori und ich trafen uns, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Er war Soldat und ständig nach Übersee abgeordnet. Catori war wie der Wind. Ein Vogel, der die Schwingen ausbreitete und sich von einem Ziel zum nächsten treiben ließ, immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.«
Ich zog die Beine auf die Couch hoch und setzte mich im Schneidersitz hin. Jasper folgte meinem Beispiel, blieb aber dicht bei mir und ließ die Hand auf meinem Schenkel ruhen.
Der beste Freund der Welt! Immer für mich da.
»Ich lernte Catori bei einem Kunstfestival in Downtown Chicago kennen. Abgesehen von dir selbst, Isabeau, war sie die schönste Frau, die ich je im Leben gesehen hatte. Durch und durch amerikanische Ureinwohnerin. Langes schwarzes Haar, das ihr den ganzen Rücken hinabfiel. Ein schlanker und dennoch wohlgerundeter Körper und das Lächeln einer Sirene, das die ganze Welt in ihr Licht tauchte. Und genau das tat sie auch, deine Mutter. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, das ihren Weg kreuzte, war fasziniert von ihrer Schönheit, ihrem Lachen, ihrem freundlichen, vorurteilsfreien Wesen.«
Ich lächelte und stellte mir vor, wie sie ausgesehen haben mochte, als mein Vater Ian aufstand und zu unserem Einbauregal hinüberging. Er stieg auf einen Hocker und griff nach einer Marmorkiste, die etwa die Größe eines kleinen Schuhkartons hatte. Solange ich denken konnte, hatte sie auf diesem Regalbrett gestanden.
Er öffnete die Kiste und holte einen Stapel Fotos heraus. Dann reichte er mir das oberste. Es zeigte meinen Vater, etwa fünfundzwanzig Jahre jünger, mit breitem Lächeln, das dunkle Haar bis auf die Schultern herabreichend.
»Dein Haar!« Ich gluckste leise und zeigte Jasper das Bild. »Du sahst aus wie ein Künstler.«
Er grinste.
Den Arm hatte mein Vater um eine atemberaubende Schönheit gelegt. Um die Frau, von der er gesprochen hatte. Catori. Meine Mutter. Schwarzes Haar und espressofarbene Augen. Ihre Haut von einem dunkleren Braun als die von Papa. Doch ihre Wangen, ihre Nase, die Form ihrer Augen und definitiv ihr Lächeln hätte ich überall wiedererkannt, denn all das hatte ich von ihr geerbt. Genau wie die beiden Frauen, die heute hier aufgetaucht waren.
»Catori gehörte zu einer Bauchtanzgruppe, die hier in der Gegend auftrat. Wir sahen uns einmal in die Augen, wir feierten zusammen, lernten einander kennen und wurden intim. Sie blieb etwa einen Monat in der Stadt, bis ihre Tanztruppe zu einer Tournee durch das ganze Land aufbrach, die in New York enden sollte. Es war ein magischer Monat. Wir lebten, wir liebten, wir waren vollkommen sorglos. Bevor ich Casey traf und dich bekam, war dies die schönste Zeit meines Lebens.« Er ließ den Kopf nach vorn sinken und blickte zu Boden. »Nur dass wir allzu sorglos waren. Nachdem sie weiter nach Indiana gezogen war, bekam ich einen Anruf von ihr. Sie berichtete mir, dass sie schwanger sei. Ich geriet in Panik. Ich war so jung. Zum Teufel, wir beide waren so jung. Und ich wusste, dass das, was uns verband, zwar Liebe war, aber nicht für ein gemeinsames Leben reichte. Wir waren eher so etwas wie verwandte Seelen, die einander im Blick des anderen spiegelten. Eine Zeit lang konnte man dieses Zusammensein genießen, aber für eine langfristige Beziehung war es nicht genug.«
»Und was geschah dann?«, erkundigte ich mich und stellte mir vor, wie verängstigt mein junger Papa wohl gewesen sein mochte.
»Monatelang diskutierten wir lang und breit darüber. Ich fand heraus, dass sie in ihr Reservat zurückkehren wollte, wo ihre einjährige Tochter von Catoris Vater aufgezogen wurde.«
»Sie hat Evie bei ihrem Dad zurückgelassen?«
Er nickte. »Catori war anders als alle Menschen, die ich je kennengelernt habe. Sie war wie der Wind. Ein Freigeist, der einfach nicht lang an ein und demselben Ort bleiben konnte. Dazu war sie nicht geschaffen.«
»Dann hätte sie die Pille nehmen sollen«, grummelte ich.
Jasper schnaubte und presste die Lippen aufeinander.
»Wie dem auch sei, sie überzeugte mich davon, dass es das Beste war, wenn unser Kind bei ihr und ihrem Mann aufwachsen würde«, fuhr mein Papa fort. »Sie waren dabei, sich zu versöhnen oder worauf auch immer ihre Beziehung letztlich hinauslief, und sie wollte das Baby zusammen mit ihm im Reservat aufziehen. Ich war gerade mal dreiundzwanzig. Selbst ein Pflegekind ohne eigene Familie, die ich hätte um Hilfe bitten können. Ich hatte ein paar Kurse am College und arbeitete nebenher halbtags als Handwerker. Ich wohnte im Souterrain des Hauses einer älteren Lady, das sie mir billig vermietet hatte, weil ich ihren Garten in Ordnung hielt und den Müll rausbrachte. Einem Baby oder gar Catori hätte ich nichts zu bieten gehabt, also ließ ich sie ziehen.«
Mein Dad legte meinem Papa den Arm um die Schultern. »Du hast damals die richtige Entscheidung getroffen, Ian. Sie hatte Unterstützung. Einen älteren Ehemann, eine Familie im Reservat und ein Geschwisterchen für deine Tochter.«
»Jeden Tag meines Lebens habe ich bedauert, keinen Anteil an Suda Kayes Leben zu haben. Ein Jahr später lernte ich dann Casey kennen, und er hat meine Welt verändert. Er war sieben Jahre älter. Er hatte sein Leben im Griff, während ich immer noch Mühe hatte, über die Runden zu kommen und meinen Abschluss zu machen. Wir kamen zusammen. Ich zog bei ihm ein, und schon nach kurzer Zeit waren wir verheiratet. Ein Jahr später, mit Anfang dreißig, war Casey bereit, eine Familie zu gründen. Da beichtete ich ihm alles über Catori und Suda Kaye.«
Mein Dad gab meinem Papa einen Kuss und lehnte seine Stirn an die seines Mannes. »Und ich habe es verstanden, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mit Ian ein Kind haben wollte. Ich wollte mit ihm ein Nest bauen und eine Familie gründen, wie wir sie beide nie gehabt hatten. Also nahmen wir Kontakt zu einer Adoptionsagentur auf und engagierten eine Leihmutter, die sich mit unserer Samenspende und ihrer eigenen Eizelle einer In-vitro-Fertilisation unterzog.«
»Oh mein Gott!« Mir stockte der Atem.
Er nickte. »Und es klappte. Ian und ich waren überglücklich. Endlich würden wir eine Familie sein. Eine richtige Familie. Nicht nur durch unsere Heirat, sondern auch durch ein eigenes Kind.«
Eine Woge der Trauer schien sich über uns herabzusenken. Ich schloss die Augen, denn mir war klar, was nun kommen würde, auch wenn noch keiner von beiden es ausgesprochen hatte.
Mein Dad Casey fuhr fort. »Sie wurde schwanger, aber als es Zeit wurde, uns im Krankenhaus das Baby zu überlassen, weigerte sie sich. Sagte, es sei ihr leibliches Kind und dass sie uns verklagen würde, wenn wir versuchten, es ihr wegzunehmen.«
»Und hat sie das getan? Gab es ein Gerichtsverfahren?«
Er nickte. »Zuerst ja. Wir hatten beinahe zwanzigtausend Dollar für die künstliche Befruchtung und ihre Leihmuttergebühr hingeblättert. Davon haben wir keinen Cent wiedergesehen. Und nach den ersten Verhandlungen war recht schnell klar, dass die Anwaltskosten für den Prozess astronomisch gewesen wären und uns ruiniert hätten.«
Jetzt erzählte mein Papa. »Weshalb ich einen Privatdetektiv angeheuert habe, um deine Mutter ausfindig zu machen. Es war nicht allzu schwer. Ich kannte ihren Nachnamen und den Namen des Mannes, den sie geheiratet hatte. Außerdem wusste ich, dass sie in einem Reservat in Oklahoma oder Colorado lebte.«
»Warum hast du Kontakt zu ihr aufgenommen?«
Er blickte gequält drein. »Weil ich meine Tochter aufgegeben hatte und wir gerade unsere Chance auf eine richtige Familie verloren hatten. Ich war wütend, verletzt, am Boden zerstört, weil mir diese Gelegenheit gleich zweimal durch die Lappen gegangen war. Catori hörte zu. Tröstete mich. Trauerte mit Casey und mir. Verstand, was es für mich bedeutete, Suda Kaye aufgegeben zu haben.«
»Was hattest du vor?«, fragte ich und hielt den Atem an.
Mein Papa zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht so genau. Ich wusste nur, dass mein Mann und ich uns verzweifelt eine Familie wünschten und ich eine Tochter hatte, die ich noch nie gesehen hatte.«
»Sie war dir was schuldig«, flüsterte Jasper. »Wegen Suda Kaye stand sie in deiner Schuld.«
Mein Papa sah meinen besten Freund an und nickte kurz. »Sie stand in meiner Schuld.«
»Und eines Tages tauchte Catori in all ihrer Pracht hier auf, im Schlepptau einen riesigen Koffer. Sie kam hereinspaziert, sah sich das Haus an, ging geradewegs auf Ian zu, umfing seine Wangen und küsste ihn, dass ihm Hören und Sehen verging. Dann wandte sie sich um und tat das Gleiche mit mir.« Mein Dad lachte und kratzte sich den roten Bart. »Sie war Feuer und Eis, der Wind und die Erde, und alles dazwischen. Eine wahre Schönheit, wie ich sie nie zuvor und danach gesehen habe.«
»Ihr beiden hattet Sex mit ihr!« Ich sprang auf und hielt mir die Ohren zu. »Nein, nein, nein, nein, nein!!!«
Ich spürte Hände, die meinen Oberarm umfingen, und öffnete die Augen. Vor mir stand mein Dad, dessen grüne Augen vor Belustigung blitzten. »Kleine, du weißt doch, dass ich mit Frauen nichts anfangen kann. Außerdem hatten dein Papa und ich keine offene Beziehung. Die Zeiten, in denen er mit Frauen schlief, waren lange vorbei.«
Ich runzelte die Stirn. »Wie bin ich denn dann entstanden?«
Mein Papa lächelte, legte den Fuß auf sein gegenüberliegendes Knie und trommelte mit den Fingern auf sein Bein. »Catori meinte, dass sie nach unserem Telefonat einen Traum gehabt habe und wüsste, was zu tun sei. Sie würde unsere Leihmutter werden und uns eine Eizelle spenden. Sie meinte, in ihrem Traum habe sie einem rothaarigen Engel mit Porzellanteint das Leben geschenkt, und der große Schöpfer fordere von ihr, dementsprechend zu handeln. Dann sagte sie etwas von der karmischen Schuld, die sie begleichen müsse. Ich hatte ihr ein Kind geschenkt, weshalb sie uns ebenfalls eines schenken wollte. Aber unter gewissen Bedingungen, die sie bestimmen würde, nicht wir.«
Ich setzte mich wieder hin und biss mir auf die Unterlippe. Jasper kuschelte sich an mich und legte mir sein knochiges Kinn auf die Schulter.
»Sie sagte, sie würde sich schwängern lassen und dann nach Hause zurückkehren, bis man es sehen könne. Danach würde sie wieder herkommen, aber nur so lange bleiben, bis sie wusste, dass das Baby gesund und sicher daheim bei seinen Eltern sei. Erst dann sei das Universum wieder im Gleichgewicht.«
»Und ihr habt ihr Angebot angenommen.«
Mein Papa zuckte erneut mit den Schultern. »Wir waren verzweifelt. Hatten nur noch Geld für eine weitere künstliche Befruchtung übrig. Wenn es funktionierte, dann war das Schicksal.«
»Und es funktionierte tatsächlich«, sagte ich leise.
»Ja. Nie waren wir so glücklich wie an dem Tag, als Catoris Schwangerschaftstest positiv ausfiel. Kurz darauf reiste sie ab, um zu ihren Töchtern zurückzukehren, während wir uns auf unser Baby vorbereiteten. Wir telefonierten fast täglich, bis sie plötzlich sieben Monate später wie aus dem Nichts wieder auftauchte mit dir im Bauch. Wir vereinbarten Termine beim Frauenarzt für sie, und sie wohnte in dem Zimmer, das eines Tages dir gehören würde. Dort stand das Bett, in dem auch du geschlafen hast, nachdem du dem Kinderbettchen entwachsen warst.«
Ich lächelte, als ich mich an das Kopfende mit den verwirbelten Schnörkeln aus weißem Schmiedeeisen erinnerte, die ich beim Einschlafen mit den Fingern nachgezeichnet hatte.
»Sie war so stolz, dir das Leben schenken zu dürfen. Sagte, dass ihre Mädchen ihrem Leben einen Sinn gäben und du etwas ganz Besonderes seiest.«
Mir wurde ganz warm ums Herz, und auf einmal war ich von einem Gefühl inneren Friedens erfüllt.
»Als Gegenleistung erbat sie sich nur drei Dinge.«
Mein Mund wurde trocken und mein Kinn fing an zu zittern, während ich darauf wartete, zu erfahren, was sie sich gewünscht hatte.
»Dass wir dich Isabeau nennen. Sie sagte, es bedeutet so viel wie ›gottgeweiht‹ oder ›Gottesgeschenk‹. Catori war fest davon überzeugt, dass es ihr Schicksal sei, dich zur Welt zu bringen. Dass deine Geburt vorbestimmt sei. Ein Geschenk des großen Schöpfers. Und in ihrer Kultur pflegt man weder Gott noch das Schicksal zu missachten.«
Bei der Vorstellung, dass meine Mutter mich für ein Geschenk Gottes gehalten hatte, kamen mir schon wieder die Tränen. Ein Geschenk, das sie an die beiden kinderlosen Väter weitergeben wollte, die sich so sehr eine Familie wünschten.
»Und die beiden anderen Dinge?« Meine Stimme brach, aber ich schluckte schwer und beherrschte mich, um auch den Rest noch zu erfahren.
Papa schloss die Augen. »Zu akzeptieren, dass sie eines Tages aus unserem Leben verschwinden würde. Wir sollten es als das hinnehmen, was es war. Das Geschenk von einer Frau, die mehr liebte als jeder andere Mensch auf dieser Welt.«
Dad griff nach Papas Hand und umfasste sie. Dann sah er mich an. »Dasjenige Geschenk, von dem wir unser Leben lang würden zehren können.«
Ich schniefte und putzte mir die Nase. »Und das dritte?«
»Dafür zu sorgen, dass du jeden Tag aufs Neue Liebe erfährst, aber niemals von ihr«, flüsterte mein Papa.
Meine Schultern bebten, als der Schmerz über dieses Bekenntnis wie brennende Säure durch meine Adern pulsierte. Meine leibliche Mutter hatte mich nicht lieben wollen. Sie hatte verhindert, dass ich sie kennenlernte.