Cover

»Die größte Herausforderung kam nach dem Krebs. Ich war nicht mehr krank, aber gesund war ich auch nicht. Wie finde ich zurück in mein Leben, das so abrupt unterbrochen wurde?« Suleika Jaouad

Autorin

Suleika Jaouoad ist Emmy-Preisträgerin, Autorin, Vortragsrednerin, Krebsüberlebende und Aktivistin. Sie arbeitete in Barack Obamas President’s Cancer Panel, ihre Advocacy-Arbeit, Reportagen und Vorträge führten sie vor die United Nations, ins Kapitol und auf die TED-Hauptbühne. Wenn sie nicht mit ihrem VW-Bus Baujahr 1972 und ihrem Hund Oscar unterwegs ist, lebt sie in Brooklyn.


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Buch

VON EINEM LEBEN, DAS ABRUPT UNTERBROCHEN WORDEN WAR

Mit 22 wollte Suleika Jaouad die Welt erobern, sie war verliebt und als Kriegsreporterin nach Paris gegangen. Doch plötzlich fand sie sich auf einem ganz anderen Schlachtfeld wieder: Erst ein Jucken im Bein, dann ständige bleierne Müdigkeit und bodenlose Erschöpfung. Die Diagnose: Leukämie. Suleikas Leben löste sich in Rauch auf, und die nächsten vier Jahre verbrachte sie im Krankenhaus. Nach 1.500 Tagen galt sie als geheilt. Doch wie sollte sie es schaffen, wieder in die Welt zurückzukehren, die sie verlassen hatte? Wie zurückerobern, was verloren gegangen war?

Zusammen mit ihrem Terrier Oscar unternahm Suleika einen Roadtrip durch die USA. Was sie unterwegs und in der Begegnung mit anderen Menschen erlebte, war für sie das größte Geschenk. Denn sie lernte vor allem eines: Die Grenze zwischen gesund und krank ist absolut durchlässig, jeder von uns pendelt in seinem Leben unablässig zwischen diesen beiden Welten hin und her. Suleikas Geschichte ist die bewegende Chronik eines Überlebenskampfes – und eine Liebeserklärung an die Kraft und Magie des Neubeginns.

SULEIKA JAOUAD

Zwischen
den Welten

Was mich die Begegnung mit dem Tod über das Leben lehrte

Aus dem Englischen von Elke Link

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Between Two Kingdoms: A Memoir of a Life Interrupted« bei Random House, an imprint and division of Penguin Random House LLC, New York.


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Deutsche Erstausgabe Oktober 2021

Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München, in Anlehnung an die Gestaltung der Originalausgabe von © Jo Anne Metsch und unter Verwendung eines Fotos von Suleika Jaouad © Daniel Schechner

Redaktion: Antje Steinhäuser

DF | Herstellung: CF

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-19798-8
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Melissa Carroll und Max Ritvo – ohne die es dieses Buch nicht geben würde.

Und für alle anderen, die den Fluss zu früh überquert haben.

Solang einer nicht gestorben ist, so lange hat er’s Leben.

MIGUEL DE CERVANTES

INHALT

Vorbemerkung der Autorin

Teil Eins

1 DAS JUCKEN

2 MÉTRO, BOULOT, DODO

3 EIERSCHALEN

4 FLUG DURCHS ALL, WEG VON DER ERDE

5 IN DEN STAATEN

6 DIE SPALTUNG

7 FALLOUT

8 BESCHÄDIGTE WARE

9 BUBBLE GIRL

10 FERMATE

11 FESTGEFAHREN

12 DER KLINISCHE-STUDIE-BLUES

13 DAS HUNDERT-TAGE-PROJEKT

14 IM TANGO ZUR TRANSPLANTATION

15 AN DEN GEGENÜBERLIEGENDEN ENDEN EINES TELESKOPS

16 DIE HOPE LODGE

17 CHRONOLOGIE DER FREIHEIT

18 DIE PROMENADENMISCHUNG

19 TRÄUME IN AQUARELL

20 EIN BUNTER HAUFEN

21 STUNDENGLAS

22 ECKEN UND KANTEN

23 DIE LETZTE GUTE NACHT

24 DURCH

Teil Zwei

25 DAS REICH DAZWISCHEN

26 ÜBERGANGSRITEN

27 DER WIEDEREINTRITT

28 FÜR DIE HINTERBLIEBENEN

29 DER LANGE VORSTOSS

30 AUF DIE HAUT GESCHRIEBEN

31 DER WERT VON SCHMERZ

32 SALSA UND DIE PREPPER

33 »EINEN BROOKE HINLEGEN«

34 NACH HAUSE


EPILOG

DANKSAGUNG

Vorbemerkung der Autorin

ALS GRUNDLAGE FÜR dieses Buch dienten mir meine Tagebücher, Krankenakten und Interviews, die ich mit vielen Menschen geführt habe, die in dieser Geschichte vorkommen, sowie meine eigenen Erinnerungen. Ich habe auch Auszüge aus Briefen eingefügt, die der Kürze halber teilweise leicht bearbeitet wurden.

Um die Anonymität bestimmter Personen zu wahren, habe ich Details, die Rückschlüsse auf die Identität zulassen, abgewandelt und die folgenden Namen geändert, hier in alphabetischer Reihenfolge: Dennis, Estelle, Jake, Joanie, Karen, Sean und Will.

Teil
Eins

1

DAS JUCKEN

ES BEGANN DAMIT, dass es mich juckte. Nicht im metaphorischen Sinne, als hätte es mich gejuckt, um die Welt zu reisen, oder wie in einer Quarterlife Crisis, sondern es juckte mich buchstäblich und körperlich. Es war ein Juckreiz, der einen rasend machte, der sich in die Haut krallte, der einen nachts wach hielt. In meinem letzten Jahr am College fing es an, zunächst an der Oberseite meiner Füße, dann wanderte er die Waden und Oberschenkel hoch. Ich bemühte mich, nicht zu kratzen, aber der Juckreiz war gnadenlos und überzog meine Hautoberfläche bald wie tausend unsichtbare Mückenstiche. Unwillkürlich wanderte meine Hand die Beine hinunter, und die Fingernägel furchten die Jeans, um mir Linderung zu verschaffen, bevor sie sich unter den Saum bohrten, um von da aus direkt ans Fleisch zu kommen. Es juckte mich während meines Teilzeitjobs im Filmlabor auf dem Campus. Es juckte mich unter dem großen Holzschreibtisch meiner Lesekabine in der Bibliothek. Es juckte mich, wenn ich mit Freunden in Kellerkneipen durch Bierpfützen tanzte. Es juckte mich, wenn ich schlief. Bald waren meine Beine überzogen von nässenden Schrunden, dickem Schorf und frischen Narben. Ich sah aus, als wäre ich mit Kratzdisteln verprügelt worden. Blutige Vorboten eines sich in mir aufbauenden Kampfes.

»Vielleicht haben Sie sich im Auslandsstudium einen Parasiten eingefangen«, meinte ein chinesischer Kräutermediziner und schickte mich mit übelriechenden Mittelchen und bitteren Tees nach Hause. Eine Schwester im medizinischen Zentrum des Colleges vermutete, es sei ein Ekzem, und empfahl mir eine Creme. Eine Allgemeinärztin mutmaßte, es sei stressbedingt, und gab mir Proben eines Beruhigungsmedikaments mit. Aber sicher schien es niemand zu wissen, und so versuchte ich, das Ganze nicht überzubewerten. Ich hoffte, es würde sich von selbst erledigen.

Jeden Morgen öffnete ich die Tür meines Zimmers im Wohnheim einen Spalt, warf einen Blick in den Gang und sprintete, in mein Handtuch gewickelt, in das gemeinsame Badezimmer, bevor jemand meine Beine sehen konnte. Ich wusch mich mit einem feuchten Waschlappen ab und sah zu, wie die scharlachroten Schlieren wirbelnd im Abfluss der Dusche verschwanden. Ich rieb mich mit Hamamelis-Elixieren aus der Apotheke ein und trank mit zugehaltener Nase die bitteren Tees. Als es draußen zu warm wurde, um jeden Tag Jeans zu tragen, investierte ich in blickdichte schwarze Strumpfhosen. Ich kaufte dunkle Bettwäsche, damit man die rostroten Flecken nicht sah. Und wenn ich Sex hatte, war das Licht aus.

Zu dem Juckreiz kam die Schläfrigkeit. Die Nickerchen dauerten zwei, dann vier, dann sechs Stunden. Keine noch so große Menge an Schlaf schien meinem Körper zu genügen. Ich nickte während Orchesterproben und Bewerbungsgesprächen ein, über Abgabeterminen und Abendessen, und wenn ich aufwachte, war ich nur noch erschöpfter. »Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so müde«, gestand ich meinen Freundinnen eines Tages auf dem Weg ins Seminar. »Ich auch nicht, ich auch nicht«, jammerten sie mit mir. Alle waren müde. Im letzten Semester hatten wir mehr Sonnenaufgänge erlebt als jemals zuvor, das Ergebnis der vielen in der Bibliothek mit der Fertigstellung unserer Abschlussarbeiten verbrachten Stunden, gefolgt von feuchtfröhlichen Partys, die bis Tagesanbruch gefeiert wurden. Ich wohnte mitten auf dem Campus der Princeton University, im obersten Stockwerk eines neugotischen Gebäudes, das Türmchen und Fratzen ziehende Wasserspeier zierten. Am Ende einer langen Nacht versammelten sich meine Freunde auf einen letzten Absacker in meinem Zimmer. Mein Zimmer hatte große Fenster wie die einer Kirche. Wir saßen gerne auf den Fensterbänken und ließen die Beine über den Rand baumeln, um zuzusehen, wie betrunkene Feiernde nach Hause torkelten und die ersten bernsteinfarbenen Strahlen den gepflasterten Hof streiften. Der Abschluss war in Sichtweite, und wir waren fest entschlossen, diese letzten gemeinsamen Wochen auszukosten, bevor wir in alle Winde zerstreut wurden, auch wenn das bedeutete, an die Grenze der körperlichen Belastbarkeit zu gehen.

Trotzdem machte ich mir Sorgen, meine Müdigkeit könnte andere Gründe haben.

Wenn alle anderen weg waren und ich allein im Bett lag, spürte ich, wie unter meiner Haut ein Festmahl stattfand; etwas zog durch meine Arterien und nagte an meinem Verstand. Während meine Energie schwand und der Juckreiz schlimmer wurde, redete ich mir ein, der Parasit hätte gesteigerten Appetit. Aber in meinem tiefsten Inneren bezweifelte ich, dass es je einen Parasiten gegeben hatte. Ich fragte mich langsam, ob das eigentliche Problem nicht vielmehr ich selbst war.

In den darauffolgenden Monaten verlor ich völlig die Orientierung, drohte unterzugehen und griff nach jedem Strohhalm. Eine Weile gelang mir das. Ich machte das Examen und schloss mich danach dem Massenexodus meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen nach New York City an. Auf dem Portal »Craigslist« fand ich ein Inserat für ein Zimmer in einem großen Loft über einem Laden für Künstlerbedarf an der Canal Street. Es war der Sommer 2010, und eine Hitzewelle hatte allen Sauerstoff aus der Stadt gesogen. Als ich aus der U-Bahn trat, schlug mir der Gestank von Müll ins Gesicht. Pendler und Horden von Touristen, die Fake-Designertaschen kaufen wollten, drängten sich auf den Gehsteigen. Die Wohnung lag im zweiten Stock ohne Aufzug, und als ich meinen Koffer vor die Eingangstür geschleppt hatte, war mein weißes Tanktop derart nass geschwitzt, dass es durchsichtig war. Ich stellte mich meinen neuen Mitbewohnern vor; es waren neun. Sie waren allesamt in ihren Zwanzigern und aufstrebende Irgendwas: drei Schauspieler, zwei Models, ein Koch, eine Schmuckdesignerin, eine Doktorandin und ein Finanzanalyst. Für achthundert Dollar im Monat bekam jeder von uns eine fensterlose Höhle, abgeteilt durch papierdünne Trockenbauwände, die ein Slumlord errichtet hatte, um möglichst viel Profit herauszuschlagen.

Ich hatte einen Sommerpraktikumsplatz am Center for Constitutional Rights ergattert, und als ich am ersten Tag dort erschien, empfand ich Ehrfurcht, im selben Raum zu stehen wie einige der mutigsten Bürgerrechtsanwälte des Landes. Die Arbeit fühlte sich wichtig an, aber es war ein unbezahltes Praktikum, und das Leben in New York City riss ein gewaltiges Loch in meinen Geldbeutel. Die zweitausend Dollar, die ich während des Studienjahrs gespart hatte, waren schnell verbraucht. Selbst mit meinen Abendjobs als Babysitterin und in Restaurants kam ich nur gerade so über die Runden.

Der Gedanke an meine Zukunft – immens und dennoch leer – erfüllte mich mit Schrecken. In den Momenten, in denen ich mir Träumereien erlaubte, begeisterte mich das aber auch. Es schien unendlich viele Möglichkeiten zu geben, was aus mir werden und wo ich landen könnte, wie eine Garnrolle, die sich viel weiter abspulte, als ich mit meinen Gedanken kam. Ich stellte mir eine Karriere als Auslandskorrespondentin in Nordafrika vor, wo mein Vater herkommt und wo ich als Kind kurze Zeit gelebt hatte. Ich spielte auch mit der Idee, Jura zu studieren, was ein klügerer Weg zu sein schien. Offen gesagt brauchte ich Geld. Ich hatte nur deshalb eine Ivy-League-Uni besuchen können, weil ich ein volles Stipendium bekommen hatte. Aber hier draußen, in der wahren Welt, hatte ich keine solchen Auffangnetze wie viele meiner Kommilitonen – Treuhandfonds, Familienbeziehungen, sechsstellig dotierte Jobs an der Wall Street.

Es war einfacher, sich wegen meiner unsicheren Zukunft zu sorgen, als einer anderen, noch beunruhigenderen Veränderung ins Auge zu sehen. Um gegen die Müdigkeit anzukämpfen, hatte ich während des letzten Semesters einen Energydrink nach dem anderen getrunken. Als die nicht mehr wirkten, gab mir ein Junge, mit dem ich kurze Zeit zusammen war, ein paar von seinen Adderall, um die Abschlussprüfungen zu überstehen. Aber bald waren auch die nicht mehr genug. Kokain gehörte in meinem Freundeskreis auf Partys dazu, und es waren immer Typen da, die hier und da umsonst eine Line anboten. Niemand zuckte auch nur mit der Wimper, als ich irgendwann mitmachte. Auch meine Mitbewohner im Loft in der Canal Street hatten sich als hartgesottene Partymacher entpuppt. Ich fing an, Aufputschmittel zu nehmen, so wie manche Leute sich noch einen Schuss Espresso in ihren Kaffee geben – ein Mittel zum Zweck, eine Möglichkeit, meine zunehmende Erschöpfung zu lindern. In mein Tagebuch schrieb ich: Halt dich über Wasser.

Am Ende des Sommers erkannte ich mich kaum mehr wieder. Das gedämpfte Schrillen meines Weckers zog sich wie ein stumpfes Messer durch einen traumlosen Schlaf. Jeden Morgen kämpfte ich mich aus dem Bett und stellte mich vor den Ganzkörperspiegel, um den Schaden zu begutachten. Meine Beine waren an immer neuen Stellen von Kratzern und trocknenden blutigen Rinnsalen bedeckt. Die Haare hingen mir in glanzlosen, zerzausten Wellen bis zur Taille, und ich war zu müde, sie zu bürsten. Sichelförmige Schatten unter großen, blutunterlaufenen Augen verwandelten sich in dunkle Monde. Zu ausgebrannt, um Sonnenlicht zu ertragen, erschien ich immer später bei meinem Praktikum, bis ich eines Tages überhaupt nicht mehr hinging.

Ich mochte den Menschen nicht, der ich wurde – eine Person, die sich kopfüber in jeden Tag stürzte, in ständiger Bewegung, aber ohne Gespür für eine Richtung; eine Person, die wie ein Privatdetektiv Nacht um Nacht Aussetzer rekonstruierte, eine Person, die ihren Verpflichtungen nicht nachkam, eine Person, die sich zu sehr schämte, um die Anrufe ihrer Eltern anzunehmen. Das bin ich nicht, dachte ich und starrte angewidert mein Spiegelbild an. Ich musste mich zusammenreißen. Ich musste einen Job finden, mit dem ich Geld verdiente. Ich brauchte etwas Abstand zu meinen Collegefreunden und den Mitbewohnern in der Canal Street. Ich musste zum Henker noch mal raus aus New York City, und zwar bald.

An einem Augustmorgen, ein paar Tage nachdem ich das Praktikum beendet hatte, stand ich früh auf, trug meinen Laptop zur Feuertreppe und ging Stellenanzeigen durch. Der Sommer war trocken gewesen, und die Sonne brannte herunter und bräunte meine Haut. An den Stellen an den Beinen, wo ich Narben vom Kratzen hatte, entstanden überall kleine weiße Pünktchen, wie Brailleschrift. Eine Suchanzeige für eine Rechtsanwaltsgehilfin in Paris fiel mir ins Auge, und aus einer Laune heraus beschloss ich, mich zu bewerben. Ich verbrachte den ganzen Tag mit der Formulierung meines Bewerbungsschreibens, in dem ich ausdrücklich darauf hinwies, dass Französisch meine Muttersprache sei und ich auch ein wenig Arabisch spräche, was mir hoffentlich einen kleinen Wettbewerbsvorteil verschaffen würde. Rechtsanwaltsgehilfin war nicht mein Traumjob – ich wusste nicht einmal genau, was diese Tätigkeit genau beinhaltete –, aber es schien mir etwas zu sein, was ein vernünftiger Mensch tun würde. Vor allem glaubte ich, ein Tapetenwechsel könnte mich vor meinem zunehmend kopflosen Lebenswandel bewahren. Ein Umzug nach Paris stand nicht auf meiner Wunschliste: Es war mein Fluchtplan.

Ein paar Tage, bevor ich die Stadt endgültig verließ, war ich auf meiner dritten Party an diesem Abend. Investmentbanker mit aufgestellten Kragen beugten sich schwitzend über raupendicke Kokslines und unterhielten sich angeregt über ihre Aktienbestände, Ferienhäuser in Montauk und so weiter. Es war fünf Uhr morgens, und das war nicht meine Szene. Ich wollte nach Hause.

Ich stand allein auf dem Gehsteig, eingehüllt in den blauen Rauch meiner Zigarette, und betrachtete den heller werdenden Nachthimmel. In dieser flüchtigen Stunde der Ruhe, nachdem die Müllwagen ihre Runden gedreht hatten und bevor die Cafés öffneten, schlief Manhattan. Ich wartete bereits zehn Minuten auf ein Taxi, als ein junger Mann, den ich von der Party wiedererkannte, zu mir schlenderte, um eine Zigarette zu schnorren. Es war meine letzte, aber ich gab sie ihm. Beim Anzünden hielt er schützend die Hand davor, die so groß war wie ein Baseballhandschuh. Lächelnd atmete er den Rauch aus. Wir beide traten verlegen von einem Fuß auf den anderen und warfen einander schüchtern kurze Blicke zu, bevor wir wieder die leere Straße entlangblickten.

»Wollen wir uns das teilen?«, fragte er. Ein einsames Taxi kam in unsere Richtung gefahren, und die Frage wirkte ziemlich harmlos, deshalb sagte ich ja, und wir stiegen ein. Erst nachdem ich dem Fahrer meine Adresse genannt hatte, fiel mir auf, dass der junge Mann mich gefragt hatte, ob wir uns das Taxi teilen wollten, bevor er überhaupt wusste, wo ich hinwollte.

Natürlich war mir klar, dass ich nicht mit fremden Männern ins Auto steigen sollte. Mein Vater, der in den Achtzigerjahren im East Village gewohnt hatte, als die Stadt noch vom Verbrechen regiert wurde, hätte das alles andere als gut gefunden. Aber der junge Mann hatte etwas Sicheres, Faszinierendes an sich. Seine struppigen und sonnengesträhnten Haare fielen ihm über die intelligenten blauen Augen. Der Körper schlank, das Kinn kantig, die Wangen mit Grübchen – er sah auffallend gut aus, hatte aber eine furchtbare Haltung und bewegte sich so zaghaft, dass er sich seines Aussehens nicht bewusst zu sein schien.

»Du bist wahrscheinlich der größte Mensch, dem ich je begegnet bin.« Ich betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Mit seinen hoch aufragenden eins achtundneunzig saß er auf der Rückbank, die Knie gegen die Lehne des Fahrersitzes gedrückt.

»Das höre ich öfter«, antwortete er. Er sprach leise und strahlte trotz seiner Statur etwas Sanftes aus.

»Nett, dich kennenzulernen. Ich heiße …«

»Wir haben uns vorhin schon unterhalten, weißt du nicht mehr?«

Ich zuckte mit den Achseln, dann lächelte ich ihn entschuldigend an. »Es war eine lange Nacht.«

»Du weißt nicht mehr, dass du mir die Innenseite deines Augenlids zeigen wolltest? Oder wie du ›Mary had a little lamb‹ auf Latein vorgesungen hast?«, neckte er mich. »Und wie du dir Bleistiftspäne über den Kopf gestreut und immer wieder Cascarones! gesagt hast, ganz unheimlich? Das weißt du alles nicht mehr?«

»Ha, ha, ha. Sehr witzig.« Im Scherz boxte ich ihn in den Arm. In diesem Moment begriff ich, dass wir flirteten.

Er streckte den Arm aus, um mir die Hand zu schütteln. »Ich heiße Will.«

Wir unterhielten uns während der ganzen Fahrt ins Zentrum, und mit jedem Block wurde die Atmosphäre zwischen uns intensiver. Bei meiner Adresse angekommen, stiegen wir beide aus dem Taxi aus und stellten uns auf den Gehsteig: Ich überlegte, ob ich ihn nach oben einladen sollte, er war zu höflich, um zu fragen. Ich war zuvor noch nie mit einem Fremden ins Bett gegangen – trotz einiger fragwürdiger Entscheidungen blieb ich stets ein bisschen Romantikerin und notorische Monogamistin –, aber ich war in Versuchung. Ich überlegte. »Hunger?«, fragte Will.

»Und wie«, antwortete ich; erleichtert steuerte ich ihn weg von meinem Hauseingang. Wir gingen die Canal Street entlang, vorbei an den verrammelten Haarverlängerungs-Salons, an den gebratenen Enten, die in den Fenstern der Delis hingen, und an Obstverkäufern, die ihre Pappkartonstände aufbauten. Wir betraten das Café um die Ecke, die ersten Kunden des Tages.

Bei Bagels und Kaffee erzählte mir Will, wie er vor Kurzem aus China hergezogen war, wo er für eine Sportorganisation Programme für die örtliche Jugend geleitet hatte. Ich war beeindruckt, dass er Chinesisch sprach. Zurzeit hütete er das Haus seiner Pateneltern und gönnte sich ein paar Wochen, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Er war gleichzeitig ernst und albern, auf eine nerdige, knochentrockene Art und Weise. Aber ich spürte, dass Will unter seiner unbekümmerten Fassade ein wenig verloren und ziemlich verletzlich war. Zwei Stunden später saßen wir immer noch da und redeten. Ich weiß noch, dass ich beim Gehen dachte: Ich mag dich echt. Mein zweiter Gedanke war: Schade, dass ich jetzt auf einen anderen Kontinent ziehe.

Nach dem Frühstück gingen Will und ich zurück zu meinem Haus und stiegen die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Wir verbrachten den ganzen Tag im Bett, schliefen immer wieder kurz ein, schwatzten und alberten herum. Ich war Jungs gewöhnt, die aggressiv zudringlich waren, bewaffnet mit einem ganzen Arsenal schlüpfriger Anmachsprüche, aber Will schien es zu genügen, einfach nebeneinanderzuliegen. Als er nach mehreren Stunden immer noch nicht versucht hatte, mich zu küssen, rollte ich mich zu ihm hinüber und machte den ersten Schritt. Am Ende kam es zu dem One-Night-Stand – der dann zwei und schließlich drei Nächte dauerte. Mit ihm war alles anders: Ich ließ das Licht brennen. Ich hatte nicht das Bedürfnis, irgendetwas zu verstecken. Er war der Typ, der einen großzügiger auf die Teile von einem selbst blicken lässt, die einen mit Selbstverachtung erfüllen. Er war der Typ, den kennenzulernen ich mir unter anderen Umständen Zeit genommen hätte.

An meinem letzten Morgen in New York drang zitronenfarbenes Licht durch die Küche, während ich Kaffee machte. Das wütende Gezeter der Taxis und das Ächzen der Busse unten war kaum hörbar. Auf Zehenspitzen schlich ich mich ins Schlafzimmer, holte ein paar letzte Kleidungsstücke und schob sie in meinen Koffer. Als ich den Reißverschluss zuzog, blickte ich zu Wills schlaksiger Gestalt hinüber, die sich in die Bettlaken verwickelt hatte; sein Gesicht engelsgleich im Schlaf. Er gab ein so friedliches Bild ab, wie er da lag, dass ich ihn nicht wecken wollte. Eine Kindheit, in der ich ständig auf Achse war, hatte mich der Abschiede überdrüssig werden lassen. Beim Gehen legte ich ihm einen Zettel auf die Schuhe:

Danke für das unerwartete Vergnügen.

Inshallah, eines Tages werden sich unsere Wege wieder kreuzen.

2

MÉTRO, BOULOT, DODO

WÄHREND MANHATTAN DER Ort ist, an den Leute ziehen, um Karriere zu machen, ist Paris der Ort, an dem man Fantasien von einem anderen Leben ausleben möchte, und genau das hatte ich vor. Nachdem ich meinen klappernden, wuchtigen roten Koffer hinter mir her aus der métro und auf die Straßen des Marais gezogen hatte, blieb ich alle paar Meter stehen, um die Straßencafés, die Bäckereien und die mit Efeu berankten Fassaden meines neuen Viertels zu bestaunen. Ich hatte das Glück gehabt, über ein paar Ecken eine möblierte Einzimmerwohnung in einem Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert in der Rue Dupetit-Thouars mieten zu können. Mit einem rumpelnden, schmiedeeisernen Lastenaufzug fuhr ich in den zweiten Stock hinauf. Als ich die Wohnungstür aufschloss, wollte ich vor Freude über den Kontrast zwischen der Canal Street und meiner neuen Bleibe am liebsten in die Luft springen. Licht! Ruhe! Privatsphäre! Parkettböden! Eine übergroße rosa Badewanne in der Form einer Muschel! Die Wohnung hatte zwar kaum vierzig Quadratmeter, aber mir kam sie vor wie ein Palast, und alles gehörte mir.

Ich verbrachte das Wochenende damit, mich einzurichten, auszupacken, ein Bankkonto zu eröffnen, neue Bettwäsche zu kaufen und die Küche zu schrubben. Am Montagmorgen fuhr ich mit der métro in die Anwaltskanzlei, die sich in einem eleganten Stadthaus am Parc Monceau im achten Arrondissement befand. Ein Geschwader von Anwaltsgehilfinnen begrüßte mich im Foyer und führte mich mit auf dem glänzenden Marmorfußboden klackernden Absätzen herum. Seit ich ein Teenager war, hatte ich alle möglichen Jobs gehabt – ich hatte Hunde ausgeführt, babygesittet, war persönliche Assistentin gewesen, Kontrabasslehrerin, Empfangsdame in einem Restaurant –, aber nun arbeitete ich zum ersten Mal in einem Unternehmen. Das Büro hatte sechs Meter hohe Decken mit kunstvollen Deckenleisten, an den Wänden hingen goldgerahmte Gemälde, und eine bogenförmige Prunktreppe führte weiter nach oben. Die Anwälte saßen an ihren Holzschreibtischen, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen einen Espresso. Ich fand das sehr französisch und sehr chic. Mittags ging eine Gruppe von uns zu einem ausgedehnten Lunch in ein Café um die Ecke. Wir bestellten Steaks und zwei Flaschen Wein, auf Rechnung der Kanzlei. Als ich zurückkehrte, bekam ich einen BlackBerry für Arbeitszwecke, und man zeigte mir den Schrank mit dem Büromaterial. Mit einem Stapel leuchtend gelber Anwaltsblocks und edlen Stiften ausgerüstet setzte ich mich an meinen Schreibtisch und fühlte mich sehr erwachsen, als ich mich zurücklehnte und mir eine Zigarette anzündete, während ich entzückt meine neue Umgebung betrachtete.

Statt die U-Bahn zu nehmen, beschloss ich, an meinem ersten Arbeitstag zu Fuß nach Hause zu gehen. In der Abenddämmerung hatten die schmalen, verwinkelten Gassen des Marais etwas Mittelalterliches. Nach und nach gingen die Straßenlaternen an, und beim Gehen malte ich mir aus, was für ein Mensch nun aus mir werden könnte. Weit weg waren die Freunde, die eigentlich gar nicht meine Freunde waren – Leute, die nichts als Unfug im Sinn hatten und Lust darauf, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Selbst das Jucken schien nachgelassen zu haben. Nachdem nun ein ganzer Ozean zwischen mir und alledem lag, stellte ich mir vor, hier ruhige, einsame Wochenenden zu verbringen, an denen ich die Stadt erkundete, in den Tuilerien picknickte und in dem kleinen Café, das ich um die Ecke entdeckt hatte, ein gutes Buch las. Ich würde mir ein Fahrrad besorgen, mit einem Korb, den ich jeden Sonntag auf dem Markt an der Place de la République mit Lebensmitteln füllen würde. Ich würde roten Lippenstift auflegen und hohe Absätze tragen, wie die anderen Anwaltsgehilfinnen. Ich würde lernen, wie man das berühmte Couscous meiner Tante Fatima kochte und in meiner neuen Wohnung Gäste bewirten. Fest entschlossen, weniger Zeit damit zu verbringen, über die Dinge, die ich vorhatte, zu reden, und mehr Zeit damit, sie wirklich zu tun, wollte ich mich für einen der Literaturworkshops bei Shakespeare and Company einschreiben, dem berühmten Buchladen am Seineufer. Vielleicht würde ich mir sogar einen Hund zulegen, einen rundlichen King-Charles-Spaniel, den ich Chopin nennen würde.

Aber ich hatte keine Freizeit, und wenn ich es überhaupt mal an einem Sonntag auf den Markt schaffte, blieben die Einkäufe in meinem Kühlschrank liegen, bis sie schließlich von Schimmel überzogen waren. Stattdessen wurde ich in ein Leben gedrängt, das die Franzosen als »métro, boulot, dodo« (U-Bahn, Arbeit, Schlaf) bezeichnen. Am Ende meiner ersten Arbeitswoche stand für mich fest, dass ich nicht für eine Laufbahn im Rechtswesen geschaffen war. Kreatives Schreiben lag mir mehr als Tabellen, Birkenstocks waren mir lieber als Stöckelschuhe. Die Kanzlei war auf internationale Schiedsverfahren spezialisiert, was sich für mich zunächst interessant anhörte, aber wenn ich die Schriftsätze, die auf meinem Schreibtisch landeten, las, fand ich die juristische Fachsprache undurchdringlich, den Inhalt todlangweilig und mühsam. Die meisten Tage verbrachte ich im Keller des Büros, las Korrektur, druckte aus und sortierte Tausende von Dokumenten in säuberlich geordnete Hefter, damit die Anwälte seelenlosen Firmen dabei helfen konnten, noch reicher zu werden. Nachdem von mir erwartet wurde, rund um die Uhr erreichbar zu sein, schlief ich mit meinem Bürohandy auf dem Kissen und stellte mir den Wecker auf mitten in der Nacht, damit ich nachsehen konnte, ob dringende Mails gekommen waren. Oft kam ich überhaupt nicht aus dem Büro; wir Anwaltsgehilfinnen überboten uns darin, die Nächte durchzuarbeiten. Darüber hinaus hatte ich einen gruseligen Chef, der Damenschuhkataloge in seiner Schreibtischschublade versteckte und mit seinem Handy Fotos von meinen Füßen machte, wenn er glaubte, dass ich es nicht mitbekam. Nachdem ich wieder einmal eine Neunzig-Stunden-Woche hinter mich gebracht hatte, schaltete ich auf meine Art ab: Ich kaufte mir unterwegs ein pain au chocolat und ging tanzen. Am Ende einer langen Nacht schleppte ich denjenigen, mit dem ich gerade unterwegs war, in eine alte Pianobar namens Aux Trois Mailletz, wo wir falsch am Klavier sangen und Wein tranken, bis wir dunkelrote Lippen hatten.

Mein Leben in Paris war nicht so, wie ich es mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte, aber ich entwickelte eine neue Version. Unerwartet begann eine Korrespondenz mit Will, die kurzen »Na, wie läuft’s bei dir«-Textnachrichten wurden zu langen, witzigen E-Mail-Wechseln, gefolgt von dicken Umschlägen mit handgeschrieben Briefen und gedankenvoll kommentierten Artikeln aus dem New Yorker. Will schickte mir eine Postkarte von einer Hütte in den White Mountains in New Hampshire, wo er mit Freunden ein Wochenende verbracht hatte: Kein Strom, ein Holzofen aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, keine Geräusche außer Eulenrufen, dem Knistern des Feuers und dem Wind, schrieb er. Ich bekam Lust, eine Reise über die Landstraßen der USA zu machen. Hast du Lust auf einen Roadtrip? Bei der Vorstellung, wie wir beide zusammen durch das Land fuhren, machte mein Herz einen kleinen Satz.

Ans Ende jedes Briefes schrieben wir immer dasselbe – du musst nicht genauso lang antworten –, aber unser Austausch wurde im Laufe der Wochen und Monate immer intensiver und häufiger. Ich las jeden seiner Briefe immer und immer wieder, als wären sie verschlüsselte Karten, die geheime Hinweise enthielten und Einblicke in das Wesen der Person gewährten, die den Stift geführt hatte. Ich erzählte Will von meinen Irrwegen seit dem Examen und von meinem neuen Leben im Ausland: Ich habe meine ersten 36 Stunden in Paris in völliger Einsamkeit verbracht, mit ausgeschaltetem Laptop und Handy. Ich bin durch die ganze Stadt gelaufen, bis mir ein Absatz abgebrochen ist und ich mit dem Taxi nach Hause fahren musste. Doch trotz meiner Bemühungen, ein asketischeres Leben zu führen, hatte ich neue Freunde gefunden: Lahora, eine verwitwete Yogini, Zack, ein alter Kommilitone aus dem College, der eine Ausbildung zum Pantomimen machte, Badr, ein junger marokkanischer Geschäftsmann, der gerne tanzen ging, und David, ein älterer Expat, der sich kleidete wie ein internationaler Playboy und extravagante Partys schmiss. Einsamkeit kann man keiner Seele aufzwingen, die fliegen muss, antwortete Will. Wie konnte ich auf einen solchen Satz anders reagieren, als ins Schwärmen zu geraten?

Ich erzählte Will von meinem Traum, Journalistin zu werden, und schickte ihm einen Essay über den arabisch-israelischen Konflikt, an dem ich monatelang gearbeitet hatte. Was für ein Zufall, schrieb er; auch er habe journalistische Ambitionen. Er hatte vor Kurzem eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor angenommen und hoffte, Arbeit als Redakteur zu finden, und er schickte mir kluge Anmerkungen zur Überarbeitung meines Entwurfs. Trotz unserer gemeinsamen Zeit während meiner letzten Woche in New York kamen diese kleinen Gemeinsamkeiten überraschend, denn wir lernten uns eigentlich erst richtig durch das Briefeschreiben kennen. Unsere altmodische Korrespondenz stellte eine sicherere, ehrlichere Alternative zu den Katz-und-Maus-Spielen des Flirtens dar. Bald war ich so hingerissen von meinem neuen Brieffreund, dass ich nur noch an ihn dachte, nur noch von ihm träumte, nur noch von ihm sprach. Ich hoffte, der Mensch hinter dem Briefpapier wäre so wunderbar wie derjenige, den seine Tinte entstehen ließ.

Es war ein Nachmittag im Spätherbst, ein richtig mühsamer Tag im Büro. Ich diskutierte mit Kamilla, der Anwaltsgehilfin, mit der ich mir einen Schreibtisch teilte, ob ich Will einladen sollte, mich in Paris zu besuchen. Ich war mir nicht sicher, ob ich den romantischen Subtext unserer Briefe richtig interpretierte, aber ich fürchtete, wenn ich nicht bald die Initiative ergreifen würde, würde sich unsere Korrespondenz verlieren. Im Lauf der nächsten Stunde verfasste ich mehrere unterschiedliche Entwürfe einer Mail an Will und versuchte, den richtigen Ton zu treffen, irgendwo zwischen ernsthafter Begeisterung und distanzierter Coolness. »Allez ma chérie, courage, wenn das so weitergeht, bleibst du noch die ganze Nacht hier«, sagte Kamilla und küsste mich auf die Wange, bevor sie ging.

Als ich schließlich mit einer Version zufrieden war, war es draußen dunkel und die Kanzlei beinahe leer. Ich zählte bis zehn und fühlte mich ziemlich kindisch, als ich mich nicht so recht traute, auf Senden zu drücken. Als ich schließlich allen Mut zusammennahm, empfand ich große Aufregung – die sofort von der gespannten Erwartung seiner Antwort abgelöst wurde. Die Zeit verstrich zäh. Ich rauchte eine halbe Schachtel Gauloises, surfte im Internet, ordnete meinen Schreibtisch neu. Um neun nahm ich schließlich die métro nach Hause. Ich checkte meine Mails. Immer noch nichts. Beunruhigt machte ich mir Nutella-Toast zum Abendessen. War ich zu weit vorgeprescht oder hatte die Stimmung doch missverstanden? Bevor ich ins Bett ging, wollte ich noch ein Bad nehmen, und wenn dann immer noch keine Antwort da war, wollte ich ihn mir aus dem Kopf schlagen.

Um Mitternacht sah ich ein letztes Mal nach. In meinem Posteingang befand sich eine Nachricht. Ich öffnete sie. Es war eine weitergeleitete Flugbestätigung. Ziel: Paris, Frankreich.

Weniger als einen Monat später kam Will an, gerade rechtzeitig zu Thanksgiving. Das Wochenende zuvor hatte ich mit hektischen Vorbereitungen verbracht. Ich schrubbte die Badewanne, bis sie glänzte, wischte den Staub vom Boden und schleppte die Bettwäsche in den Waschsalon. Ich ging zum Marché des Enfants Rouges, holte dort einen Laib Brot und einen stinkenden Camembert, außerdem ein Glas Cornichons, Aufschnitt und einen Strauß getrockneten Lavendel. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Wein und schlüpfte im letzten Moment in den Salon auf der anderen Straße, um mir einen dringend benötigten Haarschnitt verpassen zu lassen. Am Morgen von Wills Ankunft stand ich im Morgengrauen auf und zog mich ganze sechs Mal um, bevor ich mich für meine schmeichelhafteste Jeans entschied, einen schwarzen Rollkragenpullover und dazu meine goldenen Glückscreolen. Als ich zum Flughafen aufbrach, war ich beinahe eine Stunde zu spät.

Ein feuchter Wind wehte durch die Rue Dupetit Thouars, während die Absätze meiner Stiefel fest und schnell auf dem regennassen Gehsteig klackerten. Ich war schon fast bei der métro, als mein Telefon pingte. Es war eine Nachricht von Will. Er sei früher als geplant gelandet und mit dem Taxi direkt zu meiner Adresse gekommen. Jemand habe ihn ins Haus gelassen, er warte vor meiner Wohnungstür. Eilends drehte ich um zu meiner Wohnung, nahm zwei Stufen auf einmal und hielt am Treppenabsatz im ersten Stock an, um mich zu fassen. Mein Herz raste wie ein hochgedrehtes Metronom, meine Stirn war schweißnass, und ich keuchte. In den letzten Wochen war mir aufgefallen, dass ich schneller außer Atem geriet. Ich nahm mir vor, mich bei einem Fitnessstudio anzumelden. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, atmete tief ein und bog um die Ecke.

»Hey, hey!«, rief Will, als er mich erblickte. Er stellte sich aufrecht hin und grinste strahlend. Wir zögerten einen Moment, bevor wir uns umarmten, und waren alle beide plötzlich zu schüchtern, um einen Kuss zu wagen, nicht einmal auf die Wange. In den Armen eines Mannes, der nicht ganz ein Fremder war, aber nicht viel mehr als das, hatte ich das erste Mal seit Monaten das Gefühl, auf festem Boden zu stehen.

»Bienvenue«, sagte ich, als wir uns voneinander lösten, und führte ihn hinein. Meine Einzimmerwohnung war winzig, und bis auf die Küche und das Bad bestand sie aus einem einzigen Mehrzweckraum. »Das ist das Schlafzimmer«, sagte ich und zeigte auf das Hochbett. »Mein Wohnzimmer.« Ich wies auf das leuchtend rote Sofa. »Und das da ist das Esszimmer.« Ich deutete auf den alten Überseekoffer, der mir gleichzeitig als Sofatisch, Schreibtisch und als Schrank diente. Es war die erste Wohnung, in der ich allein lebte, und auch wenn sie ein bisschen spartanisch war und ich immer noch keine Zeit gefunden hatte, Vorhänge zu kaufen, war ich stolz darauf. »Et voilà!«, sagte ich, als ich meine Führung beendete und dabei die großen Erkerfenster öffnete, um eine kleine Terrasse zum Vorschein zu bringen.

»Das Beste«, bestätigte Will.

Die Erinnerung an den Rest des Tages ist diffus und stellt sich bei mir nur in Schnappschüssen ein: das nervöse Plaudern im Wohnzimmer, während wir Kaffee tranken, der ausgiebige Spaziergang an der Seine, wo wir über den Anblick amerikanischer Auslandsstudenten lachten, die Baskenmützen trugen und ein fürchterliches Französisch sprachen. »Denk nicht mal dran, mich hier zu küssen«, warnte ich ihn, als wir den Pont des Arts überquerten, wo Liebespaare Vorhängeschlösser am Geländer der Brücke anbrachten. Er tat es erst später an diesem Abend, nachdem eine Flasche Rotwein uns etwas lockerer gemacht hatte.

Will folgte mir die Leiter hinauf zum Hochbett, ein billiges, klappriges Ding aus vier Holzpfosten und einer dünnen Sperrholzplatte, das der letzte Mieter etwas windig zusammengebaut hatte. Als wir nebeneinanderlagen, war das ein anderes Gefühl als in den drei Nächten, die wir in New York zusammen verbracht hatten. Eine zarte Verlegenheit erfüllte die Luft, als wir uns auszogen. Durch das Fenster fiel Mondlicht und ließ die Narben an meinen Beinen silbrig glänzen. Die Bettpfosten unter uns schwankten.

»Verdammt, IKEA«, sagte ich.

»Was ist, wenn das Bett zusammenbricht?« Will machte sich ernsthafte Sorgen.

»Stell dir vor, mein Dad liest morgen in der Zeitung: NACKTES AMERIKANISCHES PÄRCHEN TOT IN EINEM HAUFEN IKEA-TRÜMMER AUFGEFUNDEN

Will sprang die Leiter hinunter. »Moment, ich muss schnell etwas überprüfen.« Er sah nach, ob die Schrauben richtig befestigt waren und rüttelte und schüttelte das Gestell, während ich lachte. »Ein Erdbebentest!«

Am Ende seines zweiwöchigen Besuchs kehrte Will nach New York zurück, aber nur, um seine Sachen zu packen und seine Stelle zu kündigen. Er zieht nach Paris, um mit mir zusammen zu sein – schrieb ich immer wieder in mein Notizbuch, bis es sich echt anfühlte. Als ich auf dem Weg zur Arbeit in der métro saß, lag ein dümmliches Lächeln auf meinem Gesicht. Freude ist ein unheimliches Gefühl, vertraue ihm nicht, schrieb ich dazu. Denn unter der Freude braute sich ein Sturm zusammen, eine düstere Vorahnung, ein blutiges, lichtloses Grauen, das sich unter meiner Haut breitmachte.