Cover

Die Autorin

Nadia Wassef ist erfolgreiche Unternehmerin und Autorin. Sie studierte Sozialanthropologie, Komparatistik und Kreatives Schreiben in Kairo und London. 2002 gründete sie mit ihrer Schwester Hind und ihrer Freundin Nihal Schawky den Diwan Bookstore, Kairos ersten modernen Buchladen, der sich mittlerweile zu einer erfolgreichen Buchhandelskette entwickelt hat. Sie stand mehrfach auf der Forbes-Liste der 200 einflussreichsten Frauen im Mittleren Osten und wurde für ihr Unternehmerinnentum ausgezeichnet. Bevor sie Buchhändlerin wurde, engagierte sie sich gegen weibliche Genitalverstümmelung, veröffentlichte Artikel und Bücher über Frauenrechte und über Gewalt gegen Frauen.

NADIA WASSEF

Jeden Tag blättert das

eine Seite um

Mein abenteuerliches Leben
als Buchhändlerin in Kairo

Übersetzt von
Claudia Amor, Johanna Ott
und Albrecht Schreiber

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Shelf Life. Chronicles of a Cairo Bookseller bei Farrar, Straus and Giroux, einem Verlag von Macmillan Publishers, 120 Broadway, New York, NY 10271.

Abdruck des Schmuckzitats von Italo Calvino (S. 7) aus Die unsichtbaren Städte mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages. Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber © 2007 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Ein paar Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.

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Deutsche Erstausgabe September 2021

Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, ein Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © 2021 by Nadia Wassef

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

unter Verwendung eines Motivs von © FinePic®, München

und eines Fotos von © Dany Eid Photography

Redaktion: Judith Mark

MP · Herstellung: Claudia Frost

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

978-3-641-26606-6

www.goldmann-verlag.de

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Für Ramzi und Faiza, die alles erst ermöglichten.
Für Hind, die jeden Schritt mitgeht und auch das Unausgesprochene hört.
Für Zein und Layla:
Ich habe mein Bestes gegeben.

Du erfreust dich bei einer Stadt nicht ihrer sieben oder siebenundsiebzig Wunder, sondern der Antwort, die sie dir auf eine Frage gibt.

Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte

Wer dem Herzen folgt, wird niemals vom Weg abkommen.

Ägyptisches Sprichwort

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1
Das Café

Kapitel 2
Egypt Essentials

Kapitel 3
Kulinarik

Kapitel 4
Business und Management

Kapitel 5
Schwangerschafts- und Elternratgeber

Kapitel 6
Die Klassiker

Kapitel 7
Kunst und Design

Kapitel 8
Selbsthilfe

Epilog

Dank

Vorwort

Ich war sieben, als Anhänger der Muslimbruderschaft Anwar Sadat ermordeten und sein Stellvertreter Hosni Mubarak 1981 die Regierungsgeschäfte übernahm. Ich war siebenunddreißig, Buchhändlerin mit zehn Filialen, hundertfünfzig Angestellten, zwei Masterabschlüssen, einem Ex-Ehemann (nachfolgend Nummer eins genannt), einem zweiten Ehemann (Nummer zwei) und zwei Töchtern, als Mubarak 2011 der Macht enthoben wurde.

Unsere Geschichte beginnt jedoch lange vor der ägyptischen Revolution und jener Reihe von Aufständen, die heute als Arabischer Frühling bekannt sind. Den Großteil meines Lebens verbrachte ich in Zamalek, einer Insel im Fluss, umgeben von Wüste. Koordinaten: 30 Grad Nord und 31 Grad Ost. Zamalek ist ein Stadtbezirk im Westen von Kairo und liegt eingebettet mitten im Nil. Der Legende nach wurde Kairo nach dem Planeten Mars benannt, al-Nadschm al-quahir, der just am Tag der Stadtgründung am Himmel aufging. Seither heißt die Stadt al-Qahira, die Starke, die Eroberin.

An der Straße des 26. Juli, der Hauptverkehrsader und Fußgängermeile von Zamalek, befindet sich das Baehler-Palais, ein Zwillingsgebäude, das mit seinen hohen Räumen, zahlreichen Innenhöfen und Stuckornamenten an eine glorreiche Vergangenheit erinnert. Klimaanlagen klammern sich verbissen an Balkongeländer, Staub und Papierfetzen verfangen sich zwischen lose herabbaumelnden Kabeln, und Wäsche hängt zum Trocknen in der Hitze. Allerlei Geschäfte säumen die Straße: Nouby, der Antiquitätenhändler, das Café Cilantro, Thomas Pizza, die Bank of Alexandria und, im Eckladen mit den Schaufenstern, Diwan – der Buchladen, den meine Schwester Hind und ich im März 2002 gegründet hatten. In den darauffolgenden Jahren eröffneten wir sechzehn weitere Filialen in ganz Ägypten (und schlossen sechs davon wieder), doch bei jeder einzelnen versuchten wir, die Ästhetik und besondere Atmosphäre dieses einen Ladens nachzubilden. Er war unser Flaggschiff, unser Erstgeborener.

Hind und ich schufen Diwan an einem Abend im Jahr 2001, als wir mit unseren alten Freunden Ziad, Nihal und ihrem damaligen Ehemann Ali beim Abendessen saßen. Irgendjemand stellte eine Frage in den Raum: Wenn ihr machen könntet, was ihr wollt, was würdet ihr tun? Hind und ich gaben ein und dieselbe Antwort: Wir würden einen Buchladen eröffnen, der einzigartig wäre in ganz Kairo. Wir hatten immer schon viel gelesen, und nachdem unser Vater erst kurz davor an einer grausamen Motoneuron-Erkrankung gestorben war, fanden wir Trost in Büchern. Doch in unserer Stadt gab es keine modernen Buchläden. Im Ägypten der Jahrtausendwende waren Verlagswesen, Buchvertrieb und Buchhandel von Jahrzehnten des verkorksten Sozialismus zermürbt worden. Während der Amtszeit von Gamal Abdel Nasser, dem zweiten ägyptischen Präsidenten, und später unter Anwar Sadat (dem dritten) und Hosni Mubarak (dem vierten), hatte es der Staat verabsäumt, auf das explodierende Bevölkerungswachstum zu reagieren, was Analphabetismus, Korruption und eine Verschlechterung der Infrastruktur zur Folge hatte. In dem Versuch, Widerstand zu unterdrücken, übernahmen die politischen Regime die Kontrolle über jegliche Kulturproduktion. Schriftsteller wurden zu Staatsangestellten, und die Literatur starb im Würgegriff der Bürokratie einen grausamen Tod nach dem anderen. Kaum ein Mensch in Ägypten schien sich noch für das Lesen oder das Schreiben zu interessieren. In dieser Zeit des Kulturschwunds einen Buchladen aufzuziehen schien ein Ding der Unmöglichkeit – und doch war es so dringend nötig. Überraschenderweise zeigten sich unsere Tischgefährten ähnlich interessiert. So schlossen wir fünf uns an diesem Abend zu Geschäftspartnern zusammen: Ziad, Ali, Nihal, Hind und ich. Die darauffolgenden Monate bestanden aus pausenlosem Diskutieren, Netzwerken und Planen. Danach schritten Hind, Nihal und ich zur Tat. Die vielen gemeinsamen Bemühungen schweißten uns zu Wahlschwestern zusammen: zu den drei Diwan-Frauen.

Menschlich hätten Hind, Nihal und ich unterschiedlicher nicht sein können. Hind ist verschlossen, aber unerschütterlich in ihrer Loyalität, Nihal ist ein Kopfmensch und überaus freigiebig, und ich bin wohl eher die Anpackerin. In unserer Funktion als Geschäftspartnerinnen versuchten wir alle, über uns hinauszuwachsen, was uns aber meistens nicht gelang. Wir teilten die anfallenden Aufgaben nach persönlichen Präferenzen und Leidenschaften: Hind und ich waren gut mit Büchern, Nihal mit Menschen. Doch diese Aufteilung war niemals messerscharf. Was uns alle verband, war die Sprache. Wir widmeten unsere gesamte Aufmerksamkeit und Energie den Worten. Wir waren stolz auf unsere ägyptische Kultur und konnten es kaum erwarten, sie nach außen zu tragen. Einen Businessplan oder ein Warenlager hatten wir nicht, aber auch keine Angst. Das Fehlen jeglicher Erfahrung schenkte uns eine große Unbeschwertheit, wir hatten ja keine Ahnung von den Hürden, die noch vor uns lagen. Wir waren junge Frauen, ich war 27, Hind 30 und Nihal 40. Über die nächsten zwei Jahrzehnte hielten wir einander an den Händen, bei Hochzeiten, Scheidungen, Geburten und Todesfällen. Wir stellten uns den Schwierigkeiten, die das Führen eines Unternehmens in einer patriarchalischen Gesellschaft mit sich brachte: Wir lernten, Schikane und Diskriminierung zu umgehen, schmierten despotischen Bürokraten Honig ums Maul und wurden ganz nebenbei zu Expertinnen der ägyptischen Zensurgesetze.

Von Anfang an war klar, dass unsere Buchhandlung kein Relikt der Vergangenheit sein durfte: Sie musste ein ganz konkretes Ziel verfolgen, alles daran sollte bewusst gewählt sein, angefangen von ihrem Namen. Eines Nachmittags hörte unsere Mutter, Faiza, höflich zu, während Hind und ich dieses Problem hin und her wälzten. Wenig begeistert von unseren Ideen und angetrieben von einer gewissen Ungeduld, sich wieder ihrem Essen widmen zu können, machte sie einen Vorschlag: »Diwan«. Sie zählte die verschiedenen Bedeutungen des Wortes auf: eine persische und arabische Lyriksammlung, ein Versammlungsort, ein Gästehaus, ein Sofa und ein Titel für einen mächtigen Regierungsbeamten. »Diwani« bezeichnet außerdem einen bestimmten Schriftstil der arabischen Kalligrafie. Sie machte eine kurze Pause, bevor sie schließlich hinzufügte, dass das Wort phonetisch sowohl auf Arabisch, auf Englisch und auf Französisch funktionierte. Damit wandte sie sich wieder ihrem Teller zu. Es war alles gesagt.

Beflügelt von dem neuen Namen traten wir an Nermine Hammam heran, eine auch unter dem Namen Minou bekannte Grafikdesignerin, die uns bei der Entwicklung eines Markenkonzeptes helfen sollte. Minou hatte einen flinken, scharfzüngigen Humor, zeigte beim Lachen viel Zahnfleisch und wusste einfach alles. Sie bat Hind, Nihal und mich, ihr Diwan zu beschreiben, als wäre es ein Mensch. Wir sagten, Diwan sei ein Mensch, und das sei seine Geschichte:

* * *

Diwan wurde als Reaktion auf eine Welt gezeugt, die aufgehört hatte, das geschriebene Wort zu ehren. Geboren ist sie, denn Diwan ist eine Frau, am 8. März 2002 – zufällig dem Weltfrauentag. Sie ist viel größer als der Raum, den sie einnimmt. Sie heißt jeden und jede willkommen und respektiert die Menschen in all ihrer Vielfalt. Wie eine gute Gastgeberin lädt sie ihre Kunden ein, doch noch einen Moment in ihrem Café zu verweilen. Sie ist überzeugte Nichtraucherin, obwohl ihr bewusst ist, dass die meisten Orte in ihrem Heimatland es nicht sind. Trotzdem setzt sie sich entschlossen für eine bessere Zukunft ein. Ihre Ideale sind höher, als ihr Umfeld es erlaubt. Sie ist aufrichtig, will aber keinen Dieb bestrafen. Sie ist ehrlich und besteht darauf, jene herauszufischen, die es nicht sind. Sie kann Zahlen nicht leiden. Die binäre Welt, die sie umgibt, gefällt ihr nicht, daher will sie das ändern, Buch für Buch für Buch. Sie ist überzeugt, dass Begriffe wie Nord und Süd, West und Ost unnötige Barrieren schaffen, daher bietet sie Bücher auf Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch an. Sie bringt Menschen und Ideen einander näher.

* * *

Minou übersetzte unsere Beschreibung in ein passendes Logo. D-I-W-A gestaltete sie in einem verschnörkelten schwarzen Font, das »N« fügte sie in arabischer Schrift hinzu. Dieser letzte Buchstabe war eine Anspielung auf das Nun an-Niswa, das Frauen-N, oder das Nun al-Inath, das viele Nomen und Adjektive sowie alle Pronomen und Verben in der weiblichen Pluralform beugt. Abschließend verzierte Minou das ganze Wort noch mit Taschkil, diakritischen Zeichen.

Minous Design war nicht einfach nur ein Logo, sondern ein Markenkonzept, das erweiterbar und wandlungsfähig war. Sie dachte sich Produkte aus, mit denen wir die Bekanntheit von Diwan steigern konnten: Tragetaschen, Lesezeichen, Fotokarten, Kerzen, Geschenkpapier, Kulis, Bleistifte und Tapeten. Der Diwan-Shopper entwickelte sich zum kulturellen Statussymbol in den Straßen von Kairo. In späteren Jahren packte mich jedes Mal ein Gefühl von Stolz, wenn ich eine unserer Taschen unterwegs in London oder in der New Yorker U-Bahn entdeckte.

In den ersten zwei Jahren nach der Revolution, als die Muslimbruderschaft die Macht ergriff, veränderte sich Kairo fast bis zur Unkenntlichkeit, und ich begann mit dem Gedanken zu spielen fortzugehen. Die Vorstellung war extrem schmerzhaft, aber nachdem ich Diwan in dem Chaos, das der Revolution gefolgt ist, jahrelang weitergeführt hatte, ging mir nun die Puste aus. Mir war langsam klar geworden, dass ich, solange ich noch in Kairo blieb, immer nur in Verbindung mit meinen Buchläden existierte. Ich konnte mich dem nicht entziehen. Nach vierzehn Jahren, in denen ich mich für das Geschäft aufgeopfert hatte, war es also Zeit, einen Schlussstrich in den Sand zu ziehen: Ich gab meine Rolle als Mit-Geschäftsführerin von Diwan auf. Nach einem kurzen Abstecher nach Dubai mit Nummer zwei zogen Zein (mittlerweile sechzehn), Layla (vierzehn) und ich nach London. Obwohl ich Diwan heute nicht mehr leite – Nihal hat meine Aufgaben übernommen –, kehre ich doch gedanklich immer wieder in diese Zeit zurück, mit einem gemischten Gefühl aus Sehnsucht und Erleichterung.

Hind, meine Seelenverwandte, meine Retterin, spricht niemals über diese Zeit. Sie hat beschlossen, lieber zu schweigen, als sich zu erinnern.

* * *

Diwan war meine Liebeserklärung an Ägypten. Sie war Bestandteil und Antrieb meiner Suche nach mir selbst, nach Kairo und meinem Land. Dieses Buch ist meine Liebeserklärung an Diwan. Jedes Kapitel darin beschreibt einen Abschnitt des Buchladens, angefangen vom Café bis hin zur Ratgeber-Abteilung, sowie die Menschen, die man dort antreffen konnte: Kollegen, Stammkundinnen, Schmökerer, Ladendiebinnen, Freunde und Verwandte, für die Diwan zum zweiten Zuhause geworden war. Diejenigen unter uns, die Liebesbriefe schreiben, wissen, dass ihre Ziele stets unerreichbar sind. Doch wir versuchen, das Ungreifbare greifbar zu machen, und müssen damit unweigerlich scheitern. Wir wehren uns gegen das unvermeidliche Ende und wissen doch, dass alles vergänglich ist. So beschließen wir, für die Zeit, die uns gegeben ist, dankbar zu sein, so kurz sie auch immer sein möge.