Cover

Buch

London 1915: Während des Ersten Weltkriegs dürfen erstmals Frauen als Gärtnerinnen in Londons prachtvollem botanischen Garten arbeiten. Die junge Ivy und ihre Freundin Louisa erweisen sich als äußerst talentiert und bringen Beete und Gewächshäuser der Kew Gardens zum Erblühen. Dennoch werden sie deutlich schlechter behandelt als ihre männlichen Kollegen und beginnen bald, sich für faire Arbeitsbedingungen einzusetzen. Gleichzeitig müssen Ivy und Louisa ihre ganz persönlichen Schicksalsschläge meistern. Doch egal, wie schwer die Zeiten sind: Freundschaft und Blumen gedeihen auch in der größten Not …

Autorin

Posy Lovell ist ein Pseudonym der britischen Autorin und Journalistin Kerry Barrett, die bereits zahlreiche historische Romane geschrieben hat. Am liebsten beschäftigt sie sich dabei mit der Rolle von Frauen in vergangenen Zeiten. Sie lebt mit ihrer Familie in London.

POSY LOVELL

Die
Gärtnerinnen
von
Kew Gardens

ROMAN

Aus dem Englischen
von Britta Evert

Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Kew Gardens Girls« bei Trapeze, an imprint of The Orion Publishing Group Ltd, London.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © der Originalausgabe 2020 by The Orion Publishing Group Limited

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2022 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: Haus: robertharding/Alamy Stock Foto; Beet, Rasen, Garten, florale Elemente: FinePic®, München; Frauen: Debra Lill, Magdalena Żyźniewska/Trevillion Images

Redaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze

LS · Herstellung: ik

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-26830-5
V001

www.goldmann-verlag.de



Für die Frauen, die im Ersten Weltkrieg
als Gärtnerinnen in den Kew Gardens arbeiteten
und die Parkanlage am Leben erhielten.

Prolog

London, Kew Gardens, Februar 1913

Die Glocken klangen an diesem Abend noch lauter als sonst, fand Reverend Miller, als er an der Kirche St Anne’s entlangging. Vielleicht fühlten sich die Glöckner heute besonders energiegeladen. Er blieb kurz stehen, um wohlwollend dem melodischen Läuten zu lauschen. Außer den Glocken war nichts zu hören, stellte er fest. Nicht die Rufe der Männer, die in der Nähe am Fluss arbeiteten, keine Geräusche von der Straße oder aus dem Pub gleich gegenüber. Nur die Glocken. Er nickte zufrieden und setzte seinen Gang über den Kirchhof fort.

Im Glockenturm selbst war der Lärm ohrenbetäubend. Die Glöckner legten sich ordentlich ins Zeug, sehr zur Freude von Ginny Walker, die für die Glocke mit dem tiefsten Klang verantwortlich war. Kraftvoll zog sie am Seil und konnte dabei spüren, wie ihre Schultermuskeln heftig protestierten. Aber sie hörte nicht auf. Sie wusste, wie wichtig es war, unablässig weiterzumachen, immer lauter und lauter. Als sie den Kopf leicht senkte, fiel ihr Blick auf die silberne Brosche in Form eines kleinen Hammers, die an ihrem Revers steckte. Das Symbol zeigte, dass sie eine Suffragette war, und sie würde alles tun, um ihrer Sache zu dienen. Keuchend vor Anstrengung zog sie erneut am Seil. Sie würde alles tun!

Das Glockengeläut wogte über den Rasen und übertönte die Stimmen der drei Frauen, die vor der Mauer standen.

»Na los, Olive«, zischte eine von ihnen. »Krempel deinen Rock hoch, wenn er dir im Weg ist.«

Grinsend raffte die Frau ihr langes Kleid um die Taille und stopfte es in ihre lange Unterhose.

»Besser so?«

»Mach schon«, drängte die andere. »Guck mal, sie ist schon oben.«

Über ihnen auf der Mauer kauerte eine weitere Frau, die deutlich jünger war als Olive und ihre Freundin Lilian. Sie hatte das Hindernis mühelos genommen und spähte jetzt auf die andere Seite hinüber.

»Alles ruhig«, verkündete sie. »Mir nach!«

Mit einem sanften Laut landete sie auf dem Boden und verschwand aus dem Blickfeld der anderen.

Olive und Lilian wechselten einen Blick, bevor sie sich sehr viel unbeholfener als ihre jüngere Freundin daranmachten, über die Mauer zu klettern.

Sobald sie auf der anderen Seite waren, legte das Mädchen die Finger an die Lippen. »Geräusche tragen weit in den Kew Gardens«, sagte sie halblaut. »Ein Flüstern kann durch die Bäume wehen, und die Glocken übertönen nicht alles. Kein Wort mehr!«

Schweigend warteten die Frauen innerhalb der Mauern eine Weile, die ihnen wie eine halbe Ewigkeit erschien. Schließlich gab Olive das vereinbarte Zeichen. Die drei nickten einander zu, hoben die Taschen auf, die sie vorhin über die Mauer geworfen hatten, und huschten leise zwischen den Bäumen hindurch in Richtung Teepavillon.

»Da drüben«, sagte das Mädchen, als sie auf eine Lichtung kamen und im Dämmerlicht ein Gebäude vor ihnen auftauchte. »Das ist der Teepavillon.« Sie packte Lilian am Arm. »Nur der Pavillon, verstanden?«, sagte sie. »Wie du da neulich im Orchideenhaus all die Pflanzen zerstört hast, das war nicht in Ordnung. Pflanzen sind lebendige Wesen, anders als Steine und Mörtel.«

»Nur der Pavillon.« Lilian nickte.

Geschlossen marschierten die Frauen schweigend auf das kleine Gebäude zu. Lilian heftete einen Zettel mit dem Aufdruck »Wahlrecht für Frauen« an die Außenwand, während Olive in Paraffin getränkte Lappen aus ihrer Tasche zog. Zwei davon stopfte sie in die hölzernen Türflügel, zwei weitere zwischen die Stufen. Der Geruch des Paraffins stieg auf und stach sie in die Nasen.

»Fertig?«, fragte Lilian.

Olive nickte, aber das Mädchen wirkte verunsichert.

»Ist das die einzige Möglichkeit?«, fragte sie. »Wirklich die einzige?«

»Taten statt Worte«, entgegnete Lilian.

Sie entzündete ein Streichholz und warf es schwungvoll hinter dem Mädchen auf die Lappen an den Stufen zum Eingang. Die wackelige Holztreppe stand sofort in Flammen, höher und kräftiger, als sie es erwartet hätten.

»Au!«, keuchte das Mädchen, als das Feuer das hölzerne Geländer in der Nähe der Stelle erreichte, wo sie stand, und ihren Arm mit seiner scharfen orangeroten Zunge berührte.

»Weg da!«, rief Lilian, riss sie von den Flammen weg und zerrte sie zu dem Pfad, wo Olive bereits wartete.

»Das geht zu weit«, sagte das Mädchen, das Gesicht vom Schein der Flammen erhellt. »Viel zu weit! Es ist falsch, so was zu machen!«

Aber Olive und Lilian schüttelten beide den Kopf.

»Wir müssen ihre Aufmerksamkeit erregen«, sagte Olive. »Vielleicht hilft das hier dabei.«

»Das hoffe ich«, erwiderte die Jüngere. »Ich hoffe aufrichtig, dass ihr recht habt.«

Ein Geräusch in den Büschen ließ sie erstarren.

»Was war das?«, hauchte Lilian.

Alle drei spitzten die Ohren und lauschten angespannt. Waren es Schritte?

»Aufseher«, flüsterte das Mädchen. »Wir müssen hier weg.« Sie fasste Olive am Arm. »Da entlang, ich kenn einen Weg nach draußen. Folgt mir!«

Sie verschwand im Schatten. Olive und Lilian liefen ihr nach, gefolgt vom Geräusch eiliger Schritte, die durch die Dunkelheit hallten.

1915

Kapitel 1

»Ich weiß nicht recht«, sagte Douglas MacMillan, während er langsam die Reihe seiner potenziellen neuen Angestellten in den Kew Gardens abschritt. »Wirklich nicht.« Er schüttelte den Kopf und blieb stehen. »Was meinst du, Jim?«

Sein Assistent, ein junger Bursche mit einem dichten Schopf dunkler Haare und freundlichen Augen, warf seinem Chef einen belustigten Blick zu. »Ich finde, Sie sollten ihnen eine Chance geben, Mac«, sagte er. »Wir haben bereits mehr als die Hälfte unserer Gärtner verloren und können davon ausgehen, dass noch mehr von den Männern eingezogen werden. Wir brauchen diese Frauen.« Er seufzte und blinzelte in die Junisonne. »Dieses Gespräch haben wir schon geführt, als wir die Anzeige in der Times aufgegeben haben. Wir können von Glück reden, dass sich so viele gemeldet haben.«

Mac schnaubte missbilligend. »Ich bin mir einfach nicht sicher, ob sie der Aufgabe gewachsen sind«, knurrte er. »Ein Haufen verweichlichter Amateurdichterinnen und alter Jungfern.«

Zwei der Bewerberinnen in der Reihe wechselten als Zeichen der Solidarität einen vielsagenden Blick – sie waren es gewohnt, von Männern geringgeschätzt zu werden – , bevor sie wieder Haltung annahmen. Mac setzte seine Inspektion fort. Vor einer der Frauen blieb er stehen. Sie war hochgewachsen und elegant gekleidet, auch wenn ein näherer Blick verriet, dass ihr Rock mehrmals geflickt und ihr Mantel abgetragen war.

»Wie heißen Sie?«, blaffte er.

Sein scharfer Ton ließ die Frau leicht zusammenzucken, dann aber richtete sie sich auf und sah ihm direkt in die Augen.

»Louisa Taylor«, antwortete sie.

»Und Sie wollen Gärtnerin werden? Sehen sich wohl selbst als Gartenbaukünstlerin, wie?«

»Ich bin bereits Gärtnerin. Aber ja, ich würde gern hier arbeiten.«

Wieder schnaubte Mac. »Gärtnerin, soso. Was pflanzen Sie denn so an?«

»Zurzeit hauptsächlich Gemüse. Aber auch Blumen. Ich habe nur Blumenkästen, weil meine Wohnung sehr klein ist.«

Mac nickte, und die Frau fuhr fort: »Ich bin in Kent aufgewachsen. Wir haben Hopfen angebaut. Ich verstehe etwas von Pflanzen.«

»Hopfen?« Macs barsche schottische Stimme klang unwillkürlich beeindruckt. »Nicht leicht.«

»Nein, Sir.«

Hinter Macs Rücken grinste Jim. »Er beruhigt sich schon noch«, sagte er mit gesenkter Stimme zu der jüngsten der Frauen in der Reihe. »Keine Sorge.«

Sie lächelte ihn an. »Bestimmt?«, sagte sie leise.

»Ganz bestimmt.«

Am anderen Ende der Reihe entstand Unruhe, und die beiden wandten den Kopf. Ein unordentlich wirkender junger Mann gesellte sich zu der Gruppe. Seine Mütze saß schief auf dem Kopf, ein Hosenbein steckte zur Hälfte in der Socke, und er atmete schwer.

»Tut mir leid, dass ich so spät komme«, keuchte er. »Bin zum falschen Tor gegangen, und dann hatte ich Mühe, etwas zu finden, woran ich mein Rad anschließen konnte.«

Mac, der anscheinend froh war, einen männlichen Bewerber zu sehen, brach seine Befragung Louisa Taylors ab und wandte seine Aufmerksamkeit dem jungen Mann zu.

»Name?«

»Bernard«, keuchte der Ankömmling, der immer noch außer Atem war. »Bernie. Bernie Yorke.«

»Na schön, Bernard Bernie Yorke«, sagte Mac. »Haben Sie Ahnung von Gartenarbeit?«

Bernie gluckste in sich hinein. »Lieber Himmel, nein, nicht die geringste. Aber ich lerne schnell, und ich scheue mich nicht vor harter Arbeit.«

»Gut«, sagte Mac. »Sie sind dabei. Gehen Sie zu Jim, und geben Sie ihm Ihren Namen und Ihre Adresse.«

Wieder wechselten die beiden Frauen einen Blick, und die jüngere, die mit Jim gesprochen hatte, zog eine Augenbraue hoch.

»Sie hätten sich als Louis vorstellen sollen, nicht als Louisa«, raunte sie.

Louisa unterdrückte ein Lachen. Ihr gefiel dieses leicht verwegen aussehende Mädchen jetzt schon, und sie hoffte, man würde ihnen beiden in Kew Arbeit geben.

»Louisa?« Mac hatte sich ihr wieder zugewandt.

Sie fuhr zusammen. »Ja?«

»Sie sind doch keine von diesen Suffragetten, oder?«

Louisa sah ihn an. »Absolut nicht, Sir.«

»Gut«, sagte Mac. »Die haben vor zwei Jahren den Teepavillon in Brand gesteckt, müssen Sie wissen. Und das Orchideenhaus zerstört. Schlimme Sache.«

»Ich habe davon gehört«, erwiderte Louisa. Hinter ihrem Rücken schlang sie ihre Finger um die kleine Silberbrosche in Form eines Hammers, die sie normalerweise trug und erst kurz bevor Mac zu ihr kam, abgenommen hatte. »Schrecklich.«

»Sie sind dabei«, sagte Mac mit sichtlichem Widerstreben. »Gehen Sie rüber zu Jim.«

Als Louisa aus der Reihe trat, nahm das junge Mädchen, das neben ihr stand, ihre Hand und drückte etwas hinein: eine kleine Silberbrosche, die genau wie die von Louisa die Form eines Hammers hatte.

Louisa schaute sie an. Die junge Frau strich sich eine rote Locke aus dem Gesicht und lächelte. Louisa reagierte mit einem fast unmerklichen Nicken und ging weiter zu Jim, der auf einem Baumstumpf hockte und peinlich genau Namen und Adressen der neuen Gärtner und Gärtnerinnen notierte. Bernie stand in der Nähe und kaute nervös auf seiner Unterlippe.

Während Louisa darauf wartete, Jim alles Erforderliche mitzuteilen, beobachtete sie, wie Mac die anderen Frauen befragte.

»Er ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, sagte Jim, als ihm auffiel, dass Louisa seinen Vorgesetzten beobachtete. »Im Grunde hat er ein gutes Herz.«

Louisa verzog das Gesicht, und Jim grinste.

»Sie werden schon sehen.«

Mac war mittlerweile bei dem rothaarigen Mädchen angelangt.

»Name?«, blaffte er.

»Ivy Adams«, sagte sie.

Jim hob den Kopf und fixierte Ivy.

Louisa bemerkte es. »Kennen Sie sie?«, fragte sie.

»Ein tolles Mädchen«, sagte er. »Ein wirklich tolles Mädchen.«

Ivy war klein und schmächtig und hatte eine wilde Mähne roter Haare, die ihr ständig vom Wind ins Gesicht gepustet wurden.

Mit einem ungeduldigen Seufzer fing sie mit ihren kleinen Händen die Locken ein und schlang sie umeinander.

»Tut mir leid«, sagte sie. »So was von lästig! Am liebsten würde ich sie mir alle abschneiden. Was haben Sie gerade gesagt?«

Louisa dachte, Mac würde gereizt reagieren, weil Ivy so unaufmerksam war, aber zu ihrer Überraschung lächelte er nachsichtig.

»Dich kenne ich doch. Du bist Paddy Adams’ Älteste.«

Ivy lächelte. »Stimmt.«

»Wie geht es deinem Vater?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Sind schwere Zeiten.«

Mac machte ein bekümmertes Gesicht. »Hierher zu uns wollte er nicht kommen? Ich würde ihm jederzeit einen Job geben. Bei dem, was Paddy über Blumen weiß, kann ihm so leicht keiner das Wasser reichen.«

»Ihr Dad hat in der Columbia Road gearbeitet«, erklärte Jim Louisa. Sie sah ihn neugierig an. Woher wusste er das? »Einer der besten Blumenverkäufer in der Gegend, bis …«

»Er trinkt«, stieß Ivy hervor. »Zu viel. Und wir haben ihn seit Wochen kaum noch zu Gesicht bekommen. Sie wissen ja, wie er ist. Sie würden ihn nicht hier haben wollen, Sir.«

»Ein Jammer«, brummte Mac.

»Er hat mir alles beigebracht, was er weiß.«

Mac musterte sie von oben bis unten.

»Das Wissen magst du haben, aber du bist ein zartes Persönchen. Für körperliche Arbeit völlig ungeeignet.«

»Ich bin klein, aber stark wie ein Ochse«, entgegnete sie. »Geben Sie mir eine Chance, dann beweise ich es Ihnen.«

»Ich weiß nicht recht, Ivy.«

»Bitte … für meinen Dad.«

Einen Moment herrschte Schweigen. Innerlich drückte Louisa die Daumen, Mac möge Ivy die Chance geben, die sie ganz offensichtlich dringend brauchte.

»Na schön«, sagte er schließlich. »Aber wenn’s dir zu viel wird, sagst du’s mir, ja?«

»Ganz bestimmt«, antwortete sie. »Vielen Dank, Sir.«

»Das ist mein Mädchen«, murmelte Jim.

Die beiden kannten sich also? Interessant, fand Louisa.

Ivy stellte sich zu Bernie. »Ich bin dabei«, sagte sie glücklich. »Eine vom Team.«

Jim warf ihr ein strahlendes Lächeln zu. »Gut gemacht, Ivy!«

»Brauchst du meine Angaben?«

Er zeigte ihr das Formular, das er gerade mit einem Bleistiftstummel ausfüllte. »Steht schon alles da, siehst du?«

Ein Schatten huschte über Ivys Gesicht, nur eine Sekunde, dann verschwand er wieder. Sie sah Jim an, und einen Moment lang schienen die beiden niemanden sonst wahrzunehmen. Es versetzte Louisa einen leisen Stich, als sie sich daran erinnerte, wie schön es gewesen war, auf diese Art angeschaut zu werden. Bevor sich alles geändert hatte natürlich. Sie straffte die Schultern. Allein war sie besser dran.

»Ähem.« Bernie räusperte sich und unterbrach Ivys und Jims magischen Moment. »Und wie geht es nun weiter?«

Jim blinzelte, als hätte er vergessen, wo er war. »Mac«, rief er. »Was jetzt?«

Mac sah in ihre Richtung. »Macht eine kleine Tour durch die Anlagen«, schlug er vor. »Am besten zuerst das Palmenhaus und das Musterhaus und dann weiter zu den Magnolien, denke ich.«

Jim grinste. »Dann mal los«, sagte er. »Mir nach!«

Gehorsam trotteten Bernie, Louisa und Ivy hinter ihm her. Bernie löcherte Jim mit Fragen zu den Pflanzen, an denen sie vorbeikamen, und selbst die dümmsten beantwortete Jim mit großer Geduld.

»Ich freue mich, dass wir zusammenarbeiten«, sagte Ivy leise zu Louisa. »Ich glaube, wir haben einiges gemeinsam.«

Louisa erriet, worauf sie anspielte. Sie tastete in ihrer Manteltasche nach der Brosche und hielt sie Ivy hin. »Bitte sehr.«

Ivy nahm die Brosche und befestigte sie an der Unterseite ihres Kragens. Louisa folgte ihrem Beispiel, und die beiden Frauen nickten einander zu.

»Ich habe Sie noch nie gesehen«, sagte Louisa.

Ivy schüttelte den Kopf. »Ich Sie auch nicht. Leben Sie in der Nähe?«

»Wandsworth. Und Sie?«

Sie verdrehte die Augen. »Hackney.«

»Ein ganz schön weiter Weg.«

Ivy nickte. »Aber es lohnt sich. Ich verbringe viel Zeit in den Gärten. Hab ich schon immer, seit ich klein war. Wegen meinem Dad und so.«

»Und daher kennen Sie Jim?«, fragte Louisa.

Ivy errötete. »So ungefähr«, entgegnete sie. »Gehen Sie noch zu den Treffen?«

Der Themenwechsel machte unmissverständlich klar, dass Ivy nicht die Absicht hatte, mehr von Jim und sich selbst zu erzählen. Louisa, die sich über die Reaktion der jungen Frau amüsierte, beschloss, es einstweilen dabei zu belassen.

»Eigentlich nicht«, sagte sie. »Wir haben bei uns in Wandsworth praktisch alle Aktivitäten eingestellt. Mrs Pankhurst will nichts unternehmen, was die Kriegsanstrengungen beeinträchtigen könnte.«

»Genau wie bei uns.« Ivy nickte. »Ist überhaupt nichts mehr los …« Sie hielt inne. »Ich vermisse es!«

Louisa freute sich, dass jemand anders genauso empfand wie sie selbst. »Ich auch«, gestand sie. »Und wie! Mir fehlen die Versammlungen und die Frauen und die Freundschaften. Und ich muss zugeben, die Spannung und die Aufregung bei unseren Aktionen vermisse ich auch!«

Wieder huschte ein Schatten über Ivys Gesicht, um genauso schnell zu verschwinden, wie er gekommen war.

»Hauptsächlich deshalb wollte ich hier arbeiten«, sagte sie. »Um Freundinnen zu finden und mich wieder nützlich zu fühlen. Nützlich, wie ich es verstehe, nicht so wie das, was mein Vater mir ständig predigt.«

Sie näherten sich dem Palmenhaus. Die riesigen Fenster funkelten im matten Sonnenlicht, und Louisa überlief ein Prickeln freudiger Erregung. Was für eine Chance, hier zu arbeiten, in einer der schönsten Parkanlagen der Welt! Sie war wirklich ein Glückspilz.

Impulsiv hakte sie sich bei Ivy unter. Die jüngere Frau erstarrte kurz, entspannte sich aber gleich wieder.

»Nervös?«, fragte Ivy.

Louisa holte tief Luft. »Nervös und aufgeregt, würde ich sagen, und …« Sie brach ab. »Bei mir ist es in den letzten Jahren ein bisschen auf und ab gegangen. Mehr runter als rauf, um ehrlich zu sein. Das hier fühlt sich für mich wie ein neuer Anfang an.«

»Ein neuer Anfang«, wiederholte Ivy. »Das gefällt mir. Vielleicht könnte es das auch für mich sein.«

»Aber Sie sind doch praktisch noch ein Kind. Warum sollten Sie einen neuen Anfang brauchen?«, fragte Louisa lachend. Doch Ivys Augen verdunkelten sich, und sie erschauerte.

»Schätze, jeder kann von Zeit zu Zeit neu anfangen.« Ivy betrachtete das riesige viktorianische Gewächshaus. »Gehen wir rein?«

Louisa nickte, und Arm in Arm folgten die beiden Frauen Bernie und Jim ins Palmenhaus.

Kapitel 2

Louisa war erschöpft, als sie sich nach ihrem ersten Tag in Kew auf den Heimweg zu ihrer winzigen Wohnung in Wandsworth machte. Erschöpft, aber glücklich. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr es ihr gefehlt hatte, draußen an der frischen Luft zu sein, und sie hatte sogar die Busfahrt zu ihrem neuen Arbeitsplatz und zurück genossen. Als sie jedoch über die Türschwelle trat und den Brief auf der Flurmatte liegen sah, geriet ihre gute Laune einen Moment lang ins Wanken.

»Ach, Ma«, wisperte sie und bückte sich, um den Brief aufzuheben. Ein, zwei Sekunden lang betrachtete sie den Umschlag. Seit Louisa vor einem halben Jahr aus Kent weggezogen war, schrieb ihre Mutter ihr regelmäßig einmal in der Woche. Louisa hatte nicht einen einzigen der Briefe geöffnet. Sie wollte nicht wissen, was ihre Mutter ihr zu sagen hatte, denn sie war sich nicht sicher, ob sie ihr je verzeihen könnte, dass sie ihr, Louisa, nicht beigestanden hatte, als sie sie am dringendsten brauchte.

Louisa atmete tief ein, einen langen, zittrigen Atemzug. Mehr noch, wenn sie antwortete, würde jeder wissen, dass sie tatsächlich hier wohnte. Sie hatte ihrem Bruder Matthew ihre neue Adresse mitgeteilt, allerdings nicht damit gerechnet, dass er diese Information an ihre Eltern weitergeben würde. Wenn er ihnen schon gesagt hatte, wo sie lebte, wem mochte er es noch erzählt haben? Falls er Reg gegenüber erwähnt hatte, dass sie jetzt in Wandsworth wohnte … Die Erinnerung an den Hass in seinen Augen, als er zu ihr gesagt hatte, sie gehöre für immer ihm, und die Vorstellung, ihr Mann könnte sie hier finden, jagten ihr Schauder über den Rücken.

Sie schüttelte die unwillkommenen Gedanken ab und ließ den Brief ihrer Mutter ungeöffnet in den Papierkorb fallen. Ein Gefühl tiefer Erschöpfung überfiel sie. Am liebsten hätte sie es sich mit einem Buch im Bett gemütlich gemacht, aber leider hatte sie sich, wie sie feststellen musste, bei der Arbeit ziemlich schmutzig gemacht. Also schälte sie sich erst einmal aus ihrem verdreckten Rock und ihren Strümpfen und stellte ihre schlammbespritzten Stiefel draußen vor die Tür. Sie erhitzte Wasser für ihr Bad, schlüpfte in ihren Morgenmantel und schlenderte in den kleinen Hof hinaus, um ihre Pflanzen zu begutachten.

Ihre Wohnung lag im Souterrain und hatte einen eigenen Eingang, von dem eine gusseiserne Treppe zur Straße hinaufführte. Auf beiden Seiten der Stufen und vor dem vorderen Fenster befand sich ein kleiner gepflasterter Bereich. Andere Bewohner der Souterrainwohnungen hängten in diesen kleinen Vorgärten ihre Wäsche zum Trocknen auf, aber hier bei Louisa war alles voller Pflanzen.

Sie hatte nicht gelogen, als sie Mac erzählte, dass sie daheim Obst und Gemüse zog. In einem Blumenkasten spross Salat, und an einer Stange rankten sich Erbsen empor. In einem Topf drängten sich Tomaten, deren eindringlicher Geruch in der Abendluft hing. Sanft strich Louisa über die Blätter und bewunderte die kleinen gelben Knospen, die irgendwann zu prallen roten Früchten heranreifen würden, wenn sie einen milden Sommer bekamen. Louisa hoffte auf eine reiche Ernte.

Im Topf neben den Tomaten wuchsen Erdbeeren, die die ersten Früchte trugen.

Neben dem gusseisernen Geländer, das den Vorgarten von der Straße trennte, standen große, kräftige Sonnenblumen. Louisa hoffte, sie würden eines Tages so hoch gewachsen sein, dass sie sie schon beim Heimkommen sehen könnte und von ihren breitflächigen, leuchtend gelben Gesichtern begrüßt würde. Außerdem gab es Töpfe mit farbenfrohen Begonien und Petunien und Pelargonien, die jetzt im Juni alle blühten.

Als sie vor Monaten im wintergrauen London eingetroffen war, hatte das Bepflanzen der Blumenkästen Louisa geholfen, sich heimisch zu fühlen. Sie liebte die Anonymität der Großstadt und das Untertauchen in der Menge, vor allem das Gefühl, unter all den anderen Leuten vor Reg sicher zu sein. Aber sie hatte es vermisst, sich draußen an der frischen Luft aufzuhalten und Erde zwischen den Fingern zu spüren. Ihre Pflanzen zu ziehen vermittelte ihr einen Hauch von Kent, und gleichzeitig blieb sie in sicherer Entfernung. Es ist das Beste aus beiden Welten, dachte sie. Oder vielmehr die Möglichkeit, das Beste aus einer Situation zu machen, in der zu befinden sie sich nie hätte träumen lassen.

Fröhlich werkelte sie eine Weile in ihrem Gärtchen herum, goss die Pflanzen, die trocken waren, pflückte ein paar von der Sonne gewärmte Erdbeeren und steckte sie sich in den Mund. Dann ging sie wieder ins Haus, füllte die Wanne und ließ sich dankbar ins warme Wasser gleiten.

Ihre Beine schmerzten von der körperlichen Arbeit. Sie war nach den letzten Monaten, die sie hinter einer Ladentheke gearbeitet hatte, aus der Übung, und sie war erschöpfter als je zuvor, seit sie nach London gekommen war. Aber sie war zufrieden, wahrscheinlich so zufrieden, wie sie es nicht mehr gewesen war, seit … nun ja, seit der ganze Ärger angefangen hatte.

Sie schloss die Augen, als die Erinnerungen wach wurden. An die Angst, die sie immer gehabt hatte, wenn Reg nach Hause kam. War er guter Laune oder in reizbarer Stimmung? Würde er sie küssen und mit ihr schmusen, oder würde ein falsches Wort von ihr ausreichen, dass er sie zu Boden schlug und seine Wut an ihr ausließ?

Sie ließ ihre Hand unter dem Wasser über ihren flachen Bauch gleiten. Wegen Regs Schlägen würde sich ihr Bauch nie wieder während einer Schwangerschaft wölben. Der Brief ihrer Mutter lag ihr immer noch ein bisschen auf der Seele, aber sie stellte fest, dass sie heute zum ersten Mal an ihre Vergangenheit denken konnte, ohne sich sterbenselend zu fühlen.

»Ich habe es getan«, murmelte sie. »Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut, genauso wie ich es mir erträumt hatte.«

Lächelnd begann sie, den Schmutz unter ihren Fingernägeln wegzubürsten. Leicht war es nicht gewesen – erst die Flucht aus Kent bei Nacht und Nebel und dann, am frühen Morgen, die Fahrt mit dem ersten Zug nach London, wo sie sich aus Angst vor Entdeckung im Gepäckwagen versteckt hatte. Und schließlich London, ungeheuer groß und überwältigend. Der Lärm. Die Menschenmassen.

Aber sie hatte diese kleine Wohnung gefunden und Arbeit in einem Hutsalon. Zudem hatten ihre Freundinnen bei der Suffragetten-Vereinigung von Kent für sie den Kontakt zu gleichgesinnten Frauen hier in ihrer neuen Umgebung hergestellt, und zwar zu Mitgliedern der WSPU, der Women’s Social and Political Union. Es war eine ganze Schar von Frauen, die alle dieselbe Hilflosigkeit und Verbitterung empfanden wie Louisa und die ihr mehr geholfen hatten, als sie je ahnen würden.

Tropfnass stieg sie aus der Wanne und griff nach einem Handtuch. Der Gedanke an ihre Freundinnen in den Reihen der Suffragetten brachte ihr Ivy in Erinnerung, Ivy mit der wilden roten Mähne, den funkelnden Augen und der kleinen Silberbrosche, die sie unter ihrem Mantelkragen verbarg. Ivy, die zäh wirkte, deren Stimme aber gezittert hatte, als sie über ihren Vater sprach, und deren Gesicht so rührend hoffnungsvoll gewirkt hatte, als Mac mit ihr redete.

Louisa nickte leicht, als sie sich die Beine abtrocknete und in ihr Nachthemd schlüpfte. Sie hatte sich zu diesem unbändigen jungen Mädchen hingezogen gefühlt und den Eindruck gehabt, dass Ivy ähnlich empfand – als wären sie zwei verlorene Seelen, die einander gefunden hatten. Vielleicht, dachte sie, gibt es mehr als nur eine Möglichkeit, Mutter zu sein.

Auf der anderen Seite von London, in Hackney, dachte auch Ivy gerade an Louisa, während sie einen Kamm durch ihr zerzaustes Haar zog und versuchte, es zu einer Art Knoten zu schlingen.

»Warum musst du weg?«

Sie drehte sich um und grinste Jim an, der in dem Zimmer, das sie sich mit ihrer jüngeren Schwester teilte, auf der Kante des schmalen Betts hockte.

»Ich muss zu der Versammlung, und du musst einfach gehen«, sagte sie. »Ma wird bald mit den Kleinen wieder da sein. Sie darf dich hier nicht sehen.«

Jim verzog mürrisch das Gesicht. »Wir haben nichts Unrechtes getan.«

»Ich weiß es, und du weißt es, aber was, glaubst du, wird sie sich denken, wenn sie dich in meinem Schlafzimmer vorfindet? Bestimmt nicht, dass du hier bist, um mir etwas über Pflanzen beizubringen. Mit ihrer schmutzigen Fantasie wäre sie sofort bei den Blümchen und Bienchen.«

Jim lachte. »Na gut, wie du meinst.« Er rutschte vom Bett, richtete sich auf und streckte sich wie ein Kater. »Wo ist dein Dad?«

Ivy zuckte mit den Schultern. »Hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Vielleicht taucht er wieder auf, vielleicht auch nicht.«

Weil sie nicht an ihren Vater und auch nicht an die Müdigkeit denken wollte, die sich immer stärker auf dem verhärmten Gesicht ihrer Mutter abzeichnete, beschäftigte Ivy sich wieder mit ihren Haaren. Vergeblich mühte sie sich ab, eine ordentliche Frisur zustande zu bringen, und steckte dann ihre Hammerbrosche an.

»Sie war nett, nicht? Louisa, meine ich.«

Jim hatte seine Dehnübungen beendet. »Sie waren alle nett, finde ich.«

Ivy dachte kurz nach. »Und Mac?«

»Wie gesagt, Hunde, die bellen, beißen nicht. Wenn er erst mal sieht, dass ihr alle gut klarkommt, wird er sich schon beruhigen. Wir brauchen euch, Ivy.« Er trat zu ihr, schaute in den fleckigen Spiegel und schlang seine starken Arme um sie. »Ich brauche dich.« Er küsste ihren Nacken, und sie erschauerte vor Wonne, als er seine Hand an ihrem Rücken hinuntergleiten ließ. Aber als er versuchte, ihren nackten Arm zu streicheln, wich sie zurück.

»Lass gut sein, Jim«, sagte sie liebevoll, während sie nach ihrer Jacke griff und sie über den Arm zog, den er gerade berührt hatte. »Du musst jetzt wirklich gehen.«

»Jaja, schon gut, ich merk schon, dass ich nicht erwünscht bin«, scherzte er. »Vielleicht melde ich mich freiwillig. Würde ich dir fehlen?«

Er machte Spaß, aber Ivy wurde sofort ernst. »Bitte nicht«, sagte sie eindringlich. »Bitte nicht. Auch nicht, wenn du achtzehn bist. Ich könnte es nicht ertragen. Du bist alles, was ich habe.«

Jim küsste sie sehr sanft auf den Mund. »Mal sehen, was passiert, okay? Hat keinen Sinn, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen.«

Ivy, die immer noch verstimmt war, biss sich auf die Lippen, aber dann fiel ihr Blick auf Jims Armbanduhr.

»Schon nach sieben!«, rief sie erschrocken. »Geh jetzt, Jim!«

»Komm mit!«

»Das geht nicht, das weißt du doch. Ich muss zur Versammlung.«

»Manchmal glaube ich, dir liegt mehr an diesen Frauen als an mir.«

Sie grinste ihn an und schubste ihn in Richtung Fenster. »Sie sind meine Familie«, sagte sie. »Los, mach, dass du wegkommst!«

Jim zwinkerte ihr vergnügt zu und schwang seine langen Beine über das Fensterbrett. »Wir sehen uns morgen bei der Arbeit«, sagte er.

Und dann kletterte er am Spalier an der Hausmauer hinunter und verschwand, gerade noch rechtzeitig, denn Ivy konnte von unten hören, dass ihre Mutter und ihre jüngeren Geschwister nach Hause gekommen waren.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie hinuntergehen sollte, um sie zu begrüßen und ihrer Mutter zu helfen, die Kinder zu Bett zu bringen, und von ihrer neuen Arbeit zu erzählen. Aber dann dachte sie an die endlosen Fragen der Kleinen, an den gequälten Ausdruck in den Augen ihrer Mutter, wenn sie sich todmüde in einen Sessel fallen ließ, und überlegte es sich anders. Heute war ein perfekter Tag gewesen. Sie hatte die Chance bekommen, zusammen mit Jim an ihrem absoluten Lieblingsort in London zu arbeiten, und damit auch die Möglichkeit, das, was sie getan hatte, wiedergutzumachen. Und es war schön gewesen, Louisa kennenzulernen und auch Bernie mit seiner Brille und dem wirren Haarschopf. Sie wollte sich jetzt nicht die Freude verderben lassen.

Sie raffte ihren Rock und kletterte wie Jim über das Fensterbrett hinaus auf die Straße.

Bernie nahm seine Brille ab und legte sie auf den Nachttisch. Er war nicht kurzsichtig. Tatsächlich brauchte er überhaupt keine Brille; die, die er trug, war aus Fensterglas. Er hatte sie bei einem Herrenausstatter entdeckt, als er sich einen neuen Hut aussuchte, und sie ebenfalls gekauft, in der Hoffnung, dass niemand einen Brillenträger fragen würde, warum er noch nicht eingerückt war.

Er hörte, wie Mrs Spencer, seine Zimmerwirtin, unten das Abendessen zubereitete, und nickte. Mrs Spencer hatte noch nie von ihm wissen wollen, warum er nach wie vor in England war, während unzählige andere Männer in den Schützengräben Frankreichs und Belgiens kämpften, also schien sein Trick zu funktionieren.

Aber wie lange noch?, fragte er sich, während er nach der Tageszeitung griff. Es wurde gemunkelt, die Regierung wolle ein neues Gesetz erlassen, um alle Männer zwangsweise zu rekrutieren. Aber Bernie wollte nicht in den Krieg ziehen.

Nicht dass er feige gewesen wäre, obwohl ihm bei dem Gedanken an die Gräuel des Krieges das Blut in den Adern stockte. Nein, er war Quäker. Ein Pazifist. Er war der festen Überzeugung, dass nichts Gutes bei diesem Krieg herauskommen würde, und er wollte nicht Teil davon sein. Er seufzte und studierte erneut die Zeitung. Was sollte er tun, wenn das geplante Gesetz durchkam und er eingezogen wurde? Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

»Abendessen in zehn Minuten!«, rief Mrs Spencer nach oben. Sie war eine ziemlich furchteinflößende Person, deren Ehemann sich praktisch in dem Moment, als der Krieg ausbrach, freiwillig gemeldet hatte. Mrs Spencer unterstützte mit wahrem Feuereifer Englands Streitkräfte und war ständig damit beschäftigt, Socken für die Soldaten zu stricken und Spenden für das Rote Kreuz zu sammeln. Auch ihre zwei mürrischen Kinder mussten mithalten und wöchentlich Konservendosen für Flüchtlinge oder Geschenke für die Truppen sammeln.

»Komme gleich«, rief Bernie zurück, während er nach seiner Brille griff und sie wieder aufsetzte. Hoffentlich wurde seine Arbeit in Kew als wichtig genug erachtet, um ihn vor der Zwangsrekrutierung zu bewahren, wenn tatsächlich die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Vor allem aus diesem Grund hatte er sich auf die Stelle beworben. Er hatte kurz daran gedacht, wieder als Lehrer zu arbeiten, aber allein bei der Vorstellung brach ihm der kalte Schweiß aus. Zwar hatte er nach den Qualen jenes katastrophalen Vorfalls mit Vivienne, einer Musiklehrerin an seiner alten Schule, seinen inneren Frieden wiedergefunden, aber es hatte lange gedauert, die Demütigung zu überwinden, die er durchmachen musste, als sie seinen Antrag so herzlos abgelehnt hatte. Und noch dazu in aller Öffentlichkeit.

Seine Schultern sanken herab, als er sich erinnerte, wie grausam die Erkenntnis gewesen war, dass sie nur mit seinen Gefühlen gespielt hatte wie eine Katze mit der Maus. Während sie ihn dazu benutzte, ihr bei der Gestaltung von Stundenplänen zu helfen oder für Theaterkarten, einen Drink oder ein Dinner zahlen zu lassen und mehr als nur einmal Bargeld von ihm anzunehmen, hatte sie die ganze Zeit über ihn gelacht – hinter seinem Rücken, und wie sich später herausstellte, auch direkt in sein Gesicht. Es war eine schlimme Zeit für ihn gewesen.

Nein, er war sich ganz und gar nicht sicher, ob er sein inneres Gleichgewicht behalten würde, wenn er wieder ein Klassenzimmer betreten müsste. Aber er besaß weder Kenntnisse noch Fertigkeiten, um irgendeine andere Arbeit zu finden, die ihn vor der Wehrpflicht bewahren könnte. Als er in der Times auf die Annonce für die Arbeit in den Kew Gardens gestoßen war, hatte er geglaubt, seine Gebete wären erhört worden.

Der heutige Tag war für jemanden wie ihn, der körperliche Arbeit nicht gewohnt war, sehr hart gewesen. Mit leichtem Abscheu betrachtete er die Blasen in seinen Handflächen. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis ich ein bisschen abgehärteter bin, dachte er. Er hatte sich überfordert und sich, was neu für ihn war, etwas begriffsstutzig gefühlt, als er zuhörte, wie der Hilfsgärtner Jim ihnen erklärte, was bei den Staudenrabatten zu tun war.

Aber wenn es eines gab, worin Bernie gut war, dann war es Lernen. Er überflog die Bücherregale entlang der Wände seines Zimmers, bis er fand, was er suchte: Mein Gartenjahr. Seine Mutter hatte ihm das Buch geschenkt. Sie war eine leidenschaftliche Gärtnerin gewesen, bevor sie durch die Arthritis in ihren Händen daran gehindert wurde, weiter ihrem Hobby zu frönen. Bisher hatte er kaum Grund gehabt, einen Blick in das Buch zu werfen.

Er nickte zufrieden und legte es auf einen Stuhl, um nach dem Abendessen darin zu lesen. Noch gab er sich nicht geschlagen.