Buch
1572: Großbritannien kämpft um seine Vormachtstellung in der Welt. Doch mit Blutvergießen allein ist dieser Kampf nicht zu gewinnen. Als der Diplomat Francis Walsingham an ein Dokument von unschätzbarem Wert gelangt, erkennt Queen Elizabeth I. die Macht einer neuen Waffe: Wissen. Anstelle von Soldaten braucht sie Spione, die ihr dieses Wissen beschaffen. Neben Walsingham ist dafür fortan vor allem ein Mann zuständig: der charismatische Gelehrte John Dee. Denn Dees Loyalität gilt nur der Wahrheit – und seiner Königin. Für die einzige Frau, die er nicht lieben darf, setzt er bereitwillig sein Leben aufs Spiel …
Autor
Oliver Clements ist Roman- und Drehbuchautor und lebt in London.
Oliver Clements
Der Spion
der
Königin
Historischer Roman
Aus dem Englischen
von Peter Pfaffinger

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Eyes of the Queen« bei Leopoldo & Co/Atria Books, New York.
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Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2021
Copyright © der Originalausgabe 2020 by Leopoldo & Co
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021
by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Leopoldo & Co/Atria Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH
Umschlagmotiv: © FinePic®, München
Redaktion: Beate De Salve
LS · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-27253-1
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für meine Mutter, Andrea Valeria, die zu ein und derselben Zeit in multiplen Parallel-Realitäten lebte, und das in einer Vielzahl von Universen, die in ihrem Bewusstsein eine Einheit bildeten. Sie manipulierte ihre Wirklichkeit, schnitt das Überschüssige weg und meißelte die Gestalt der Realität zurecht. Sie war eine große Bildhauerin, und ihr Modell war das Leben selbst.
Stets bezeichnete sie die Astrologie als die poetische Schwester der Astronomie und vertrat damit eine Meinung, der John Dee ganz gewiss beigepflichtet hätte.
Dass ich ihr Schüler bin, wird mir immer eine Ehre sein.
Leopoldo Gout
Teil 1

Es beginnt so, wie er es schon immer erwartet hat: mit einem Glockenschlag mitten in der Nacht.
»Bei allem, was heilig ist, was ist denn jetzt schon wieder?«, fragt seine Frau seufzend. »Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, und jetzt geht bald die Sonne auf!«
»Pst«, flüstert er. »Bis zum Morgen ist es noch lange hin. Schlaf weiter. Das hört bald auf.«
Aber es hört nicht auf. Die Glocke läutet weiter, düster und aufdringlich. Nach einer Weile lässt Francis Walsingham seine hochschwangere Frau, die kurz vor der Geburt steht, im Bett zurück, tapst zum Fenster und späht über das bescheidene Dach seines Nachbarn hinweg nach Norden zur Stadt hinüber, von wo das Dröhnen kommt.
»Das sind die Glocken von Saint-Germain«, erklärt seine Tochter. Sie liegt wach in ihrem eigenen Bett, das sie am Fußende des elterlichen Lagers aufgestellt haben.
»Du hast gute Ohren«, murmelt er.
»Was ist denn los?«, will sie wissen. »Ich hatte einen Albtraum nach dem anderen.«
Er beschwichtigt sie mit vagen Worten und tastet nach seinem Wams.
»Francis?«, fragt seine Frau.
»Ich bin wieder zurück, bevor es hell wird«, verspricht er und tritt in den Flur hinaus. Dort begegnet er seinem Gehilfen Oliver Fellowes, der bereits in Wams und Hose gekleidet ist und nun mit einer Kerze in die Dunkelheit leuchtet. Der Sohn seines alten Freundes John Fellowes ist mit seinen zwanzig Jahren ein vergleichsweise junger Mann – Walsingham selbst ist doppelt so alt –, hat rötliche Haare und einen sauber gestutzten Bart.
»Das trifft sich gut, Oliver«, beginnt Walsingham. »Wurdest du auch geweckt, oder kommst du gerade heim?«
Obwohl ihm das Glockenläuten Angst einjagt, bringt Fellowes ein Lachen zuwege.
»Ich habe gearbeitet, Sir«, lügt er.
Walsingham lacht nun ebenfalls. Es ist das letzte Mal für lange Zeit, doch das ahnt er noch nicht.
»Was, glaubt Ihr, könnte das verheißen?«, fragt Fellowes.
»Nichts Gutes.«
Sie steigen die schmale Treppe hinunter. An deren Fuß wartet der Pförtner auf sie, ein stämmiger Franzose, der dem reformierten Glauben angehört. In einer Hand trägt er eine Laterne, mit der anderen entriegelt er die Haustür. Als sie in die warme Augustluft treten, starren alle drei hinauf in die von Sternen gesprenkelte Dunkelheit über Paris.
»Ein Feuer ist das nicht«, bemerkt der Pförtner. »Einen Brand kann man nachts auf Meilen sehen – und riechen.«
»Aber etwas leuchtet dort. Wird vielleicht das Fest irgendeines Heiligen gefeiert?«
»Morgen ist Sankt Bartholomäus«, erklärt der Pförtner, »aber damit hat das nichts zu tun.«
»Wegen Coligny kann es nicht sein, oder?«, fragt Fellowes mit leiser Stimme. »Doch nicht so schnell?«
Das war auch Walsinghams erste Befürchtung: dass Gaspard de Coligny, der Führer der protestantischen Hugenotten in Frankreich, seinen Verletzungen erlegen sein könnte. Vor zwei Tagen wurde ein Attentat auf ihn verübt. Von einem Dachfenster aus hat jemand mit einer Hakenbüchse auf ihn geschossen. Die Kugel streifte aber nur den Ellbogen und zerfetzte einen Finger. Niemand rechnete mit tödlichen Folgen, bis die Wunden sich entzündeten.
Und falls er doch gestorben ist?
Nun, wenn es tatsächlich so gekommen ist, kann niemand wissen, was das alles nach sich ziehen wird. Werden die Hugenotten auf Rache an den Katholiken sinnen? Oder werden jene den Protestanten vorauseilen und einen Schlag gegen sie ausführen? Paris ist ein einziges Pulverfass. Die ganze Christenheit ist ein Pulverfass.
»Nein«, hält Walsingham dem jungen Mann entgegen. »Hör zu, meine Tochter hat recht. Die Glocke, die wir gerade gehört haben, ist die von Saint-Germain, der Kapelle des Königs. Die Katholiken würden doch nie um Coligny trauern.«
Fellowes stimmt ihm zu, weiß aber auch, dass sie dadurch nicht klüger sind als zuvor.
In diesem Moment erklingt eine weitere Glocke, gleich darauf eine dritte.
O Gott, denkt Walsingham, da wird ein Signal ausgesandt.
Ihn beschleicht ein flaues Gefühl. Es ist so weit. Der Fall, den sie am meisten gefürchtet haben, ist eingetreten.
Er wendet sich an den Pförtner. »Bitte schickt jemanden zu Sir Philip; er muss sofort geweckt werden. Und alarmiert auch Tewlis und seine Männer. Sorgt dafür, dass sie kein offenes Feuer anzünden und die Frauen in den Häusern bleiben.«
Mit einem Grunzen bekundet der Pförtner sein Einverständnis und läuft los, um erst Walsinghams Stellvertreter, Sir Philip Sidney, zu wecken und dann Tewlis, den Kommandanten seiner Wachmänner.
»Bevor es hässlich wird, müssen wir eine kleine Aufgabe erledigen«, erklärt Walsingham, als er wieder mit Fellowes allein ist. »Kannst du uns zwei Schwerter besorgen und noch andere Waffen, wenn du welche zur Hand hast? Und beeil dich. Wir treffen uns im Stall.«
Fellowes zieht fragend eine Augenbraue hoch. »Soll ich auch einen Trupp Wachmänner alarmieren?«
»Nein, das sollten am besten nur wir zwei erledigen. Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit.«
Fellowes starrt ihn erschrocken an. »Geht es um Mistress Cochet?«
Fast hätte Walsingham gegrinst.
Aha, denkt er, noch einer, der den Reizen der schönen Isobel Cochet erlegen ist.
Laut sagt er: »Nein. Sie ist doch hoffentlich im Louvre-Palast geblieben. Was auch immer geschieht, dort ist sie in Sicherheit.«
Richtig, denkt er bei sich. Isobel Cochet wird nichts passieren, wo immer sie auch hingehen und was immer auch geschehen mag.
Zumindest hofft er das, denn schließlich ist er derjenige, der sie in den Louvre geschickt hat, damit sie ihm dort als sein Ohr an der Tür und als sein Auge am Schlüsselloch dient. Wenn ihr etwas zustößt, wird er, Francis Walsingham, vor ihre sechsjährige Tochter treten und ihr eröffnen müssen, dass ihre Mutter tot ist – so wie es einst seine Pflicht war, Isobel beizubringen, dass ihr Mann in seinen Diensten getötet wurde.
Es dauert nicht lange, und er trifft Fellowes unter dem misstrauischen Blick eines Pferdeknechts in dem von Fackeln erhellten Stall wieder. Zufrieden stellt er fest, dass sein Befehl ausgeführt worden ist. Er schnallt sich den ungewohnten Schwertgurt um, lockert die Waffe in der Scheide und führt dann, gefolgt von Fellowes, sein Pferd ins Freie.
Sir Philip Sidney ist nun ebenfalls wach, trägt allerdings keine Kappe. Mit etwas zerzaustem Haar steht er im Hof und blickt verwirrt drein. »Was ist los?«
»Ihr müsst in der Residenz das Kommando übernehmen«, erklärt ihm Walsingham kurz. »Oliver und ich müssen für eine Stunde weg. Ihr werdet schon wissen, was zu tun ist, falls es länger dauert.«
Alles verbrennen und die Residenz des Botschafters räumen. Natürlich, Sir Philip Sidney weiß Bescheid. Aber dann legt er die Stirn besorgt in Falten.
»Kann nicht ich an Eurer Stelle losreiten?«, fragt er, obwohl er die Antwort bereits kennt.
Walsingham steigt auf sein Pferd. »Sehr freundlich von Euch, Sir Philip, aber das ist …«
Er bricht ab. Alle drei wissen über die Umstände Bescheid.
»Bereit?«, fragt Walsingham, an Fellowes gewandt.
Der junge Mann nickt.
Es ist zwar noch dunkel, als sie das Tor öffnen, doch im Osten ist der Himmel bereits blutrot und grün gerändert. In Paris läuten inzwischen sämtliche Glocken. Und dann geht es los. Kaum haben sie den Weg in Richtung Petit Pont eingeschlagen, fällt hinter ihnen das Tor wieder zu.
In Saint-Marceau, einem bescheidenen, größtenteils von Reformierten bewohnten Gebiet, das Walsingham sich von seinem Gehalt gerade noch leisten kann, sind die Straßen von aufgeschreckten Bürgern gesäumt, mit ihren weißen Nachthemden helle Schemen in dieser Düsternis. Von den Glocken aus dem Schlaf gerissen, sind sie vor ihre Türen geeilt und fragen aufgeregt, was da los sei.
Die Nachricht trifft früh genug ein. Walsingham und Fellowes sind noch keine hundert Schritt geritten, als ein einzelner Reiter so schnell angeprescht kommt, dass die Wachmänner an der Porte Saint-Marcel auseinanderspringen.
»Sie haben Coligny umgebracht!«, brüllt er. »Die Katholiken! Sie haben ihn einfach aus dem Fenster geworfen. Jetzt sind sie auf dem Weg hierher. Rennt! Rennt! Um der Liebe Gottes willen, lauft um euer Leben! Die bringen euch alle um!«
Er hält nicht an, sondern jagt weiter, während hinter ihm aufgeregtes Geschrei ertönt und die Ersten in ihren Häusern verschwinden.
Walsingham gibt seinem Pferd die Sporen und treibt es im Galopp auf die Brücke zu. Fellowes bleibt dicht an seiner Seite.
»Wohin reiten wir, Sir?«, fragt er. »Was machen wir jetzt?«
»Zur Notre-Dame!«, ruft Walsingham. »Mit einem Priester sprechen!«
Im zunehmenden Tageslicht rollen Menschenmassen auf sie zu. Die Pferde drohen zu scheuen, und Walsingham klammert sich am Hals seines Tieres fest.
»Kehrt um, die Katholiken kommen!«, rufen die Leute, doch Walsingham und Fellowes kämpfen sich weiter durch die immer dichter werdende Menge und passieren das erste Tor.
Eine Falle, das muss eine Falle sein!
All seine Instinkte raten Walsingham dazu, schleunigst zu fliehen, zumal sich die Straße weiter vorne zwischen den hohen Häusern verengt.
Immer noch läuten die Kirchenglocken, und immer noch wälzen sich Männer und Frauen zu Hunderten an ihnen vorbei. Einige tragen ihren Sonntagsstaat, andere nichts als ihre Nachthemden, und jeder hat gerettet, was er an sich reißen konnte. Meistens sind es Säuglinge, die sich die Menschen kurzerhand über die Schulter gelegt haben, die Gesichter angstverzerrt und tränenüberströmt.
»Sie haben ihr die Hände abgehackt!«, schreit eine Frau. »Sie haben meiner Mutter die Hände abgehackt!« Sie reckt ihre eigenen in die Höhe und scheint sich darüber zu wundern, dass sie noch da sind.
»Das sind Metzger!«
»Diebe!«
»Bestien!«
Mit der Gewalt eines Sturms steigt Wut in Walsingham auf. Wie können diese Leute sich als Christen auf ihre Glaubensbrüder stürzen und sie wie Schweine abschlachten? Er wünscht sich, er wäre daheim in England und weit entfernt von diesen papistischen Barbaren mit ihrer unstillbaren Blutgier und ihrem irrsinnigen Aberglauben. Allerdings hat er einen Aufruhr wie diesen schon lange befürchtet.
Schweigend und mit vor Anspannung bleichem Gesicht reitet Fellowes an seiner Seite.
Sie riechen es, bevor sie die Brücke erreichen: Blut. Mit seinem penetranten Geruch nach Kupfer füllt es sämtliche Winkel. Die Pferde scheuen, stampfen und werfen die Köpfe zurück.
»Los, weiter!« Walsingham treibt sein Ross – und auch Fellowes – an. »Wir müssen über die Brücke, bevor sie gesperrt wird.«
Doch sie kommen zu spät. Die Straße leert sich bereits, und am südlichen Ende des Petit Pont wird das Eisentor geschlossen. Die Stadt ist abgeriegelt. Jetzt kann nur noch Gott den darin Gefangenen helfen.
Fellowes zögert. Vielleicht hofft er, dass Walsingham umkehrt, doch der ist noch nicht bereit aufzugeben.
»Wir versuchen es durch den Fluss«, bestimmt er. Ohne eine Antwort abzuwarten, reitet er voran, ostwärts durch die Rue de la Bûcherie, wo das alte Blut zwischen den Pflastersteinen immer noch einen derart üblen Gestank verbreitet, dass der Geruch nach neuem darin untergeht.
»Hier hinein«, befiehlt Walsingham an einem Durchgang, woraufhin sie absteigen und die Pferde in einen Hof führen, der einigermaßen gepflegt wirkt. Dort binden sie die Tiere an einen Pfosten und eilen auf der anderen Seite wieder hinaus.
Inzwischen ist es so hell, dass sie mühelos erkennen können, wie auf der Insel mitten in der Seine, der Île de la Cité, mehrere Männer im Schatten des höchsten Turms von Notre-Dame eine Frauenleiche in den Fluss stoßen. Sie ist nackt und hat nur einen Arm. Als sie versunken ist, blicken die Männer auf und winken ihnen mit dem abgehackten Arm der Frau zu. Dann wenden sie sich lachend ab und entfernen sich. Im Gehen grölen sie ein Lied, dessen Inhalt Walsingham nicht versteht, und schwingen den Arm, als wäre er eine Monstranz, die man bei einer Prozession vor sich herträgt, während sie schon wieder nach einem neuen Opfer Ausschau halten.
Walsingham kämpft gegen einen Brechreiz an.
In dieser Gegend ist das Seine-Ufer verwahrlost und schlammig. Aber immerhin entdecken sie in einem Holzschuppen mit durchhängendem Vordach ein Boot, das jemand ans Ufer gezerrt und unter einer Plane versteckt hat. Sein Eigentümer zieht wohl gerade mit dem Pöbel durch die Straßen von Paris.
Als sie im Boot ein Ruder und eine Stange finden, steht Walsinghams Entscheidung fest.
Misstrauisch beäugt Fellowes die schnell fließenden braunen Fluten. »Seid Ihr Euch da wirklich sicher, Master?«
Walsingham nickt grimmig. »Es muss sein.«
Beherzt packen sie zu und wuchten das Boot ins Wasser. Sobald sie hineingeklettert sind, übernimmt Walsingham die Stange, während Fellowes das Ruder ergreift. Zunächst dreht sich das Boot nur in der Strömung. Das Wasser ist einfach zu tief für die Stange, sodass Walsingham trotz aller Bemühungen den Grund nicht erreicht. Und obwohl Fellowes das Ruder in der Manier eines venezianischen Gondoliere bedient, driften sie westwärts auf die Brücke zu.
Dann sehen sie etwas im Wasser treiben. Erst halten sie es für einen toten Hund, aber nein, es ist ein Mensch. Ein nackter, dicker Mann mit von Peitschenhieben zerfetztem Rücken. Rechts über ihnen erleuchtet nun die Sonne die gezackte Linie der Dächer der großen Kathedrale und der anderen Häuser der Île de la Cité.
»Los, weiter«, drängt Walsingham seinen Gefährten.
Gott sei Dank sieht niemand von der Brücke aus, wie sie unter den Bögen hindurchwirbeln und dabei einen riesigen Pfeiler schrammen. In der jäh einsetzenden Dunkelheit ergreift Walsingham eine ins Mauerwerk zementierte Eisenkette. Im nächsten Moment wühlen sie sich durch den Schlamm. Es stinkt nach Exkrementen. Das Boot ziehen sie hinter sich her ans Ufer, dorthin, wo die Schatten am tiefsten sind. Sie können nur hoffen, dass sie es bei ihrer Rückkehr wiederfinden werden. Walsingham wünscht sich, er hätte etwas gegessen.
Vom Ufer aus führen Stufen hinauf zum Domgelände, doch bevor sie die erklimmen, bleibt Walsingham abrupt stehen.
»Reiß einen Streifen von deinem Hemd ab«, befiehlt er Fellowes. »Beeil dich.«
Ihm ist aufgefallen, dass die Männer in den Straßen alle eine Armbinde tragen, ein schlichtes weißes Tuch, das sie sich um den rechten Oberarm geknotet haben – vermutlich ein Erkennungszeichen. Außerdem hat sich jeder ein weißes Kreuz auf die Mütze geheftet.
Nun, Letzteres kann Walsingham nicht auf die Schnelle beschaffen, aber er und Fellowes reißen jeweils einen Streifen von ihren Hemdschößen ab und binden sie einander um. Als sie fertig sind, mustern sie ihr Werk prüfend.
»Sehe ich wie ein Katholik aus?«, fragt Walsingham.
Fellowes bringt ein Lachen zuwege. »Ausreichend. Aber, Sir …«
Er fasst Walsinghams Arm, doch da dieser bereits weiß, wie die Frage lauten wird, lässt er ihn erst gar nicht zu Wort kommen.
»Mir ist klar, dass das wahnsinnig wirken muss, Oliver, aber es geht um England! Diese Kathedrale ist der Schlüssel zur Zukunft des Landes. Wir müssen hinein.«
»Welche Art von Schlüssel meint Ihr?«, will Fellowes wissen.
Walsingham ist bewusst, dass er seinem Spion mehr schuldet als vage Andeutungen, doch Geheimhaltung ist bei ihm zur Gewohnheit geworden. Es fällt ihm schwer, dem Jungen mehr zu verraten, und er muss sich förmlich dazu zwingen.
»Wichtige Informationen«, sagt er hastig, denn er weiß, dass er nicht mehr weitersprechen wird, wenn er jetzt innehält. »Einträge aus dem Logbuch von Admiral da Silva.«
Fellowes’ Augen weiten sich. Schon will er den Namen des portugiesischen Admirals ungläubig wiederholen, da beißt er sich doch noch auf die Zunge. In diesem Moment sieht er sehr kindlich aus – ein Knabe mit aufgeklebtem Bart.
»Ist es … das, was wir suchen?«, fragt er leise.
Walsingham nickt stumm, als wäre jedes laut ausgesprochene Wort eines zu viel.
Nach einem kurzen Moment verschwindet der Ausdruck von Verständnislosigkeit aus Fellowes’ Miene. »Wie … wie seid Ihr daran gekommen?«
Damit meint er zweierlei: Wie habt Ihr dieses Wissen erlangt, ohne dass ich etwas davon mitbekommen habe? Und: Sind die Einträge verlässlich?
»Darüber können wir später sprechen«, wiegelt Walsingham ab. »Aber erst gilt es, Paris endgültig hinter uns zu lassen.«
Das scheint den Jungen zu überzeugen. Er nickt.
»Los, weiter.«
Sie machen sich auf den Weg nach oben. Bald stoßen sie auf Blut, das sich auf den ausgetretenen Steinstufen gesammelt hat und den beiden Männern entgegenfließt. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als durch das Blut hindurchzuwaten. Oben erwartet sie eine Art Hölle – ein Haufen aus aufeinandergetürmten nackten Leichen, aus denen das Blut sickert. Das schiere Gewicht des Stapels sorgt dafür, dass aus den zuunterst liegenden Toten alle Flüssigkeit herausgepresst wird.
Erst jetzt bemerken die beiden Männer, dass das ganze Domgelände zwischen ihnen und der Treppe zur Kathedrale ein einziger Schlachthof ist, in dem Männer mit muskulösen Armen im Blutrausch Fleischermesser, Holzfälleräxte und Hellebarden schwingen. Sie hacken auf Lebende wie auf Tote ein und trennen mit hingebungsvollem Eifer Glied für Glied von den Körpern, als gälte es, die Dame ihres Herzens zu beeindrucken.
Am oberen Ende der Stufen, über dem Bereich, in dem sich das Gemetzel abspielt, stehen die versammelten hohen Geistlichen der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Sie alle tragen rote Gewänder, wie sie an hohen Feiertagen üblich sind, und halten ihre Monstranz in die Höhe, während die Messdiener die Rauchfässer schwingen und der Chor das Te Deum anstimmt. Nur kann man hier den Weihrauch wegen des Blutes nicht riechen, und den Chor sieht man nur – in dem Gebrüll ist kein Laut zu hören.
»Gott im Himmel«, stöhnt Fellowes und presst sich die Hand vor den Mund.
Aus den umliegenden Straßen werden noch mehr Opfer herbeigezerrt, an den Haaren herangeschleift, an der Nase, an den Füßen … Einige sind schon tot, andere schreien, kreischen, keuchen, zucken noch – alle nackt. Um das Domgelände herum sind Berge aus Leichen angehäuft. Aus allen sickert und tröpfelt es unentwegt, sodass jede ihren eigenen sich immer weiter ausbreitenden karmesinroten Rock bekommt.
Irgendwann spürt Walsingham, dass seine Füße feucht werden. Er blickt an sich hinab und erkennt, dass er in einer riesigen Blutlache steht.
»Los, weiter«, knurrt er.
Sie setzen sich in Bewegung, bahnen sich ihren Weg durch diese Raserei. Walsingham weiß schon jetzt: Er wird das Keuchen der Metzger und das Geräusch ihrer Messer beim Eintauchen in menschliches Fleisch nie mehr vergessen. Nie wieder wird er die Gesichter all derer vergessen, die er hier sieht, und nie den Leichenhausgeruch nach Blut, Exkrementen und Schweiß.
Nun, da sie sich der Treppe zur Kathedrale nähern, kann er allmählich den Chor hören – es ist ein Danklied zu Ehren Gottes –, und in seiner Nase mischt sich der Geruch von Blut mit dem des Weihrauchs.
Als sie oben ankommen und in die Kathedrale treten, bleibt das nicht unbemerkt. Ein Mann, der tatsächlich Metzger ist und im Küchentrakt des Louvre arbeitet, hat sich eine Pause gegönnt, um sich mit dünnem Rotwein aus einem flachen Fläschchen zu stärken, wie er das jeden Morgen tut. Heute stechen ihm die zwei Männer ins Auge, die sich gegen den Strom all der anderen zur Kathedrale hinbewegen. In einem von ihnen glaubt er den früheren englischen Botschafter am Königshof zu erkennen, der sich damals geweigert hat, Pferdefleisch zu essen.
Er stupst seinen Gefährten an und greift nach seinem Hackmesser. Die Klinge ist verfärbt von getrocknetem Blut, der Griff verklebt von Schleim und Fleischresten. Gemeinsam laufen die beiden los und hinterlassen bei jedem Schritt blutige Fußabdrücke.
Durch eine schmale Pforte, die in das massive Westportal eingelassen ist, betreten Walsingham und Fellowes das Gotteshaus. Kaum ist die Tür hinter ihnen donnernd ins Schloss gefallen, umfängt sie Grabesstille. Hier scheint es niemanden zu geben, bis plötzlich – wie aus dem Boden gestampft – ein Priester vor ihnen auftaucht. Er hat schmale Lippen und ein Gesicht so glänzend wie ein frisch aufgegangener Vollmond.
Walsingham taucht seine Finger in das Weihwasserbecken und bekreuzigt sich nach Art der Katholiken; Fellowes tut es ihm gleich. Das scheint den Priester zu beruhigen. Aus dem Augenwinkel bemerkt Walsingham in diesem Moment einen roten Fleck an Fellowes’ Stirn.
Der Türgriff, denkt er. An der Pforte muss Blut geklebt haben.
Dem Priester erklärt er, dass er gern in der Kapelle der heiligen Clothilde beten würde.
Der Geistliche hebt bedauernd die Arme. »Die ist geschlossen, Monsieur.«
Als Walsingham eine Münze aus der Tasche zieht, wird die Kapelle immerhin geöffnet, wenn auch nur für einen Moment.
Der Priester führt sie zu der Seitenkapelle links von ihnen. Natürlich hinterlassen sie auf den Steinplatten Fußabdrücke. In der Kapelle werden ihnen das Denkmal eines seit Langem toten Stiftsherrn und ein kostbares Buntglasfenster gezeigt. Der kleine Altar ist mit einem Tuch bedeckt, ansonsten aber leer.
»Was machen wir jetzt?«, flüstert Fellowes erneut.
Unterdessen bleibt der Pfarrer einfach stehen, bis er die nächste Münze einstecken darf.
»Kannst du ihn ablenken?«, bittet Walsingham seinen Gefährten. »Nur kurz, denn sonst müssen wir ihn töten.«
In diesem Moment hören sie die Pforte, durch die sie eingetreten sind, mit einem lauten Knall zufallen. Jemand ist gekommen oder gegangen.
Fellowes tritt näher an den Geistlichen heran. Beide sprechen Latein, Fellowes nicht allzu gut.
»Beichte?«, fragt er.
Die Augen des Priesters leuchten auf. So folgt Fellowes ihm ins Hauptschiff, wo Walsingham sie nicht mehr hören kann.
Beim Verlassen der Kapelle bemerkt der junge Mann noch, dass sein Dienstherr sich vor dem Altar auf die Knie sinken lässt. Ein Versteck für Geheimbotschaften.
Während Fellowes seinerseits vor dem Priester niederkniet, besinnt er sich der alten Worte. Stockend sagt er sie auf. Dem Ritus folgend segnet der Geistliche ihn, dann beginnt er mit dem Verhör. Seit dem Tod der katholischen Königin Mary Tudor hat Fellowes keine Beichte mehr abgelegt, aber das kann er dem Priester wohl kaum anvertrauen. So erfindet er einfach irgendetwas.
Doch der Mann Gottes hört gar nicht erst hin. Er möchte in den richtigen Sünden herumwühlen, denjenigen, derer Fellowes sich zutiefst schämt. Und so wird der junge Mann wieder einmal daran erinnert, wie zudringlich das heilige Sakrament der Beichte ist.
»Wollust, mein Sohn?«
Fellowes will schon den Kopf schütteln, als es ihm einfällt: Mein Gott, Isobel Cochet!
Anscheinend kann der Priester seine Gedanken lesen.
»Eine Frau?«, drängt er.
Fellowes kann nicht anders, als zu nicken. Was hat der Mann denn erwartet? Doch plötzlich hört er im Kirchenraum hinter sich Schritte, schwere Stiefel auf den Steinplatten.
»Wer ist sie?«, hakt der Priester nach, und aus seinem Mund schlägt Fellowes ein ekelhafter Geruch nach Knoblauch, Fleisch und Wein entgegen. »Ist sie verheiratet?«
»Nein!« Fellowes lacht. »Sie ist Witwe.«
»Eine Witwe?«, ruft der Priester angewidert. Über alte Damen möchte er offenbar nichts hören.
Fellowes will schon erklären, dass Isobel Cochet alles andere als das ist, doch kaum hat er angefangen zu überlegen, was für ein Mensch sie eigentlich ist, kann er plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Vor seinem geistigen Auge sieht er nur noch ihr schnell aufblitzendes Lächeln, den Schwung ihrer Oberlippe, diesen fragenden Ausdruck in ihren Augen. Und zugleich entdeckt er noch viel mehr an ihr: die weiche Rundung ihrer Kehle, ihre Schultern, ihre Hüften, ihre Art zu lachen. Und dann der Geruch, den sie im Vorübergehen verströmt!
Mein Gott, denkt er und läuft feuerrot an, während er sich an eine lose Strähne ihres dunklen Haares in der Frühlingssonne am Flussufer erinnert.
Nur ein paarmal hat er sie zu Gesicht bekommen, stets in Begleitung Walsinghams und immer im Louvre. Nein, einmal ist er ihr in der Residenz des englischen Botschafters begegnet, in Saint-Marceau, und dann noch einmal an jenem Flussufer. In dem Moment, da er sie zum ersten Mal sah, hat sich sein Leben verändert, denn seitdem ist ihm immer bewusst, dass sie irgendwo dort draußen ist, manchmal ganz nah, manchmal weiter entfernt. Ein Magnet, um den er sich dreht – ach, wenn sie das nur wüsste! Aber es ist ihm nur allzu bewusst, dass es außer ihm noch andere Männer geben muss, die sie verehren, vermutlich eine ganze Bruderschaft. Nun, er kann es ihnen nicht verübeln.
Seine Gedanken kehren in die Kirche zurück. Er fragt sich, ob er das heilige Sakrament stört, wenn er seine Kleider richtet, und gelangt zu dem Schluss, dass jetzt nicht die Zeit dafür ist.
Der Priester möchte nun wissen, ob Fellowes beim Gedanken an diese Frau seinen Samen vergießt wie Onan in der Bibel. Nun, wäre er nicht in einer Kirche, würde der junge Mann wohl lachen.
»Oliver?«
Das ist Walsingham. Fellowes dreht sich zu ihm um.
»Wir müssen gehen«, mahnt sein Dienstherr.
»Warte!«, bellt der Priester und packt Fellowes mit verblüffend stählernem Griff am Handgelenk.
Doch dessen Aufmerksamkeit richtet sich jäh auf etwas ganz anderes. Von hinten nähern sich Walsingham zwei Männer.
»Master!«, warnt er.
Walsingham wirbelt herum.
Wütend reißt Fellowes sich von dem Priester los, schlägt ihn mit einem Fausthieb zu Boden und zückt sein Schwert. Ja, mitten in einer Kirche! Und warum auch nicht? Schließlich hat Walsingham es auch getan.
Die zwei Männer, denen sie sich gegenübersehen, sind mit Blut bedeckt. Derjenige mit dem Hackmesser trägt Holzschuhe. Der andere hat sich eine lederne Schmiedeschürze umgebunden und schwingt eines jener Messer, wie sie in Schlachthöfen benutzt werden. Beide haben sich Stofffetzen um den rechten Arm gebunden, die inzwischen blutgetränkt sind.
»Ich kenne dich!«, ruft der Mann mit den Holzschuhen und dem Hackmesser Walsingham zu. Dieser hat den anderen zwar nie gesehen, kann sich aber denken, was er vorhat.
»Ein heiliger Ort«, sagt Walsingham aufs Geratewohl und erinnert so alle daran, wo sie sich gerade befinden.
Auch wenn nicht ganz klar ist, was er damit meint, genügt es, um den Kerl mit dem Hackmesser zu verwirren. Hilfe suchend blickt er den Priester an.
»Das sind Engländer«, nuschelt der Geistliche, der immer noch auf dem Boden liegt. Aus seiner Nase rinnt Blut. »Hugenotten.«
In seinem ganzen Leben hat Fellowes noch nie einen Menschen verletzt, geschweige denn getötet. Doch der Mann in den Holzschuhen stürzt sich derart schnell auf ihn, dass ihm keine Wahl bleibt. Geistesgegenwärtig springt er zurück und zieht dem anderen die Klinge seines Schwerts vom rechten Knie bis übers Gesicht. Der Mann, ein Linkshänder, hatte zweifellos gehofft, Fellowes überrumpeln und ihm den Schädel spalten zu können, doch stattdessen gräbt sich ihm nun die Klinge des jungen Burschen tief ins Handgelenk. In hohem Bogen wirbelt das Hackmesser durch die Luft und klirrt, unerreichbar für ihn, zu Boden. Der Mann kreischt vor Schmerzen. Mit einem Satz zur Seite weicht Fellowes aus und lässt den anderen noch zwei Schritte weiterstolpern, doch dann jagt er ihm die Schwertspitze mitten in die Leber. Heulend biegt der Mann den Rücken durch, nur um jäh nach vorne zu klappen und auf die Knie zu fallen, eine völlig unerwartete Bewegung, mit der er Fellowes das Schwert fast aus der Hand zieht.
Als sein Kumpan mit der Schmiedeschürze das sieht, hetzt er in wilder Flucht davon.
»Du verfluchter Hund!«, knurrt Walsingham und jagt ihm nach.
Auch Fellowes nimmt die Verfolgung auf, doch der Mann ist zu schnell – und er rennt um sein Leben. Haken schlagend wie ein Hase flieht er durch das Kirchenschiff. Schließlich stürzt er durch die Pforte ins Freie.
Unmittelbar vor Fellowes und Walsingham fällt sie wieder zu.
Sie wechseln einen Blick.
»Habt Ihr es?«, fragt Fellowes. »Das, weswegen Ihr gekommen seid?«
Walsingham tätschelt sein Wams und nickt.
»Dann schnell weiter.«
»Aber nicht hier entlang.«
»Nein.«
Sie laufen los in Richtung Altar. Zu ihrem Leidwesen hat sich der Priester unterdessen berappelt und schreit nach Leibeskräften. Auch wenn die meisten Geistlichen draußen stehen und das Gemetzel beobachten, sind noch genug da, die sicher herbeieilen werden, um nachzusehen, was der Grund für die Störung ist.
»Können wir ihn nicht einfach töten?«, fragt Fellowes, der allmählich auf den Geschmack zu kommen scheint.
»Das wirst vielleicht du tun müssen«, erwidert Walsingham. »Schließlich bin ich der Botschafter Ihrer Majestät am Hof von König Charles. Wenn ich hier ertappt werde …«
Allein schon die bloße Vorstellung scheint unerträglich zu sein.
»Ich fürchte, das ist noch die geringste unserer Sorgen«, meint Fellowes mit einem hastigen Blick über die Schulter, denn soeben ist die Pforte an der Westseite aufgeflogen, und Männer strömen herein. Draußen ist ein Tumult zu hören.
»O Gott.«
Sofort rennen die beiden los. Irgendwo hinter der Sakristei oder in einem der Querschiffe muss es eine Seitentür geben.
Hinter ihnen ertönt ein Ruf, und gleich darauf steigert sich das Trappeln zu einem Donnern. Die Horde von Franzosen jagt durch das Längsschiff hinter ihnen her.
Herrgott, denkt Walsingham, schlimmer kann es kaum kommen.
Womöglich überleben sie das nicht und werden nie erfahren, ob es das Risiko wirklich wert war.
In der Apsis bleiben sie direkt unter der Turmspitze stehen, zu beiden Seiten ein Rosettenfenster. Durch das südliche flutet Sonnenlicht herein, von Norden her dagegen weht kalte Luft heran.
Die Seitenpforte, sie ist offen! Sie hetzen darauf zu.
»Kannst du schwimmen?«, fragt Walsingham.
»Nicht einen Zug.«
»Ich auch nicht. Dabei habe ich immer versprochen, es zu lernen.«
Atemlos treten sie an der im Schatten liegenden Nordseite der Kathedrale nach draußen. Auch dort stapeln sich Leichen, nur dass hier die Toten von mehreren Frauen und Jungen inspiziert werden, während zwei Männer darauf warten, sie auf einen Karren zu verladen. Ungefähr zwanzig Schritt weiter erspähen sie eine Häuserreihe und dahinter wieder den Fluss.
»Gib dich möglichst natürlich«, befiehlt Walsingham.
Fellowes wäre um ein Haar ein unbeherrschtes Lachen entschlüpft. Sosehr er sich auch bemüht, ungekünstelt zu wirken, fällt ihm das doch schwer. Außerdem erregen sie mit ihrem steifen Gang erst recht Aufmerksamkeit. Die Jungen beim Leichenhaufen mustern sie. Auch wenn Walsingham und Fellowes ihre Schwerter gezückt haben, erkennen die Knaben Anzeichen von Schwäche auf Anhieb.
Walsingham zupft an seiner Armbinde. Die anderen sollen sehen, dass auch er dieses Symbol der Katholiken trägt. Mit dem Kinn deutet er auf den Leichenberg.
»Protestantengesindel!«, knurrt er. Dann zuckt sein Blick unwillkürlich zurück zur Seitenpforte. Der erste der Verfolger kommt dort bereits heraus. Dem Aussehen nach könnte er der ältere Bruder des Toten sein.
Erneut beginnen sie zu rennen.
Die Straße, die sie hinunterstürmen, beschreibt einen Bogen in Richtung Westen. Vier- bis fünfstöckige Kaufmannshäuser neigen sich wie zum Gruß einander zu. Ein Inbild des Friedens, könnte man meinen. Und das ist es normalerweise auch, doch heute ist eine Kette quer über die Straße gespannt. Gehalten wird sie von fünf oder sechs Männern, alle mit dem weißen Kreuz am Hut.
Noch mehr Männer durchkämmen systematisch die Straße. Manche Häuser räumen sie leer, andere lassen sie links liegen. Im Augenblick zerren sie zwei vor Panik schreiende Frauen und drei Kinder aus einem der Gebäude. Eine der Frauen klammert sich verzweifelt an den Türpfosten, während ein Mann auf sie einschlägt.
Auf Walsingham oder Fellowes achtet in diesem Augenblick niemand, sodass sie unbemerkt an der Kette vorbeischlüpfen und in einen offenen Hauseingang verschwinden können. Als Erstes schließen sie die Tür hinter sich. Hier gibt es einen massiven Riegel, den sie sicherheitshalber vorlegen. Im Inneren empfängt sie Düsternis. Einmal mehr wechseln sie stumm einen Blick. Es gibt nichts zu sagen.
Weiter nach hinten!
Sie eilen durch den schmalen Flur. Offensichtlich sind sie in das Haus eines Tuchhändlers eingedrungen. In einem der Räume türmen sich seine Waren und verschiedene Truhen bis an die Decke, daneben stehen Pulte und Bänke für die Lehrlinge. Eine niedrige Tür führt in einen von hohen Mauern begrenzten Hinterhof mit einem Boden aus Backsteinen; an seinem Ende steht eine Latrine: zwei Sitze, unter den Löchern ein Schacht bis zum Fluss hinunter – zu eng für einen Mann. Sie sitzen in der Falle.
Schließlich findet Fellowes das treffende Wort: »Scheiße.«
Er kann nicht anders, als Walsinghams Wams anzustarren. Darunter, das weiß er, hat sein Dienstherr die Dokumente verstaut. Sie müssen sie loswerden. Nicht auszumalen, was wäre, wenn die Papiere den Franzosen in die Hände fielen. England wäre ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Doch Walsingham, der ahnt, was sein Helfer denkt, schüttelt den Kopf. »Noch nicht. Erst wenn wir nicht anders können.«
Das Dach.
Sie stürzen zurück ins Innere. Schon hämmern ihre Verfolger gegen die Eingangstür. Von der Decke rieselt Staub, und durch die Ritzen zwischen Tür und Rahmen dringt mit jedem Schlag mehr Licht.
Hastig erklimmen sie die Treppe. Ein Stockwerk, zwei, dann gibt es nur noch Leitern für die Bediensteten. Sie klettern weiter, Walsingham voran. Je höher sie kommen, desto niedriger werden die Decken, desto schmaler die Fenster und desto geringer der Komfort. Als sie schließlich den Dachboden erreichen, herrscht völlige Dunkelheit.
Fellowes zieht die Leiter zu sich empor und zertrümmert damit die Dachziegel mit einer solchen Wucht, dass ihnen die Trümmer und Splitter um die Ohren fliegen. Licht flutet herein. Es offenbart zwei Kinder, die wimmernd in einer Ecke hinter einer Matratze kauern und sie aus übergroßen Augen anstarren. Auf dem Speicher riecht es nach Mäusen und frischem Urin.
Keiner sagt ein Wort.
Walsingham ist der Erste auf dem Dach. Ein herrlicher Morgen kündigt sich an, obwohl in Saint-Marceau im Süden der Stadt ein Feuer ausgebrochen ist und der Rauch den Himmel verhüllt. Er denkt an seine Frau, an sein Kind und an all die anderen in der Residenz. Bei Sir Philip Sidney sind sie sicher gut aufgehoben. Kompetent genug ist er ja.
Walsingham kriecht weiter bis zum First. Tief unter ihm geht das Gemetzel weiter. Während viele Männer ihre Opfer aus deren Häusern schleifen – einige lebendig, einige tot –, warten noch mehr darauf, dass die Kerle, die sie aus der Kathedrale gejagt haben, durch die Haustür brechen.
»Bring die Leiter!«, befiehlt Walsingham.
Sein Gefährte stemmt sie in die Höhe und reicht sie durch das Loch. Als auch er hinaufgeklettert ist, lehnen die beiden sie an die Mauer des noch höheren Nachbarhauses und steigen eilig auf dessen Dach. Von dort aus sehen sie auf das Nordufer des Flusses, auf die Paläste und Burgen sowie auf die Kirche Saint-Gervais, deren Glocken immer noch läuten und zu deren Füßen das Blutbad unvermindert weitergeht. Menschen werden gejagt. Noch mehr Leichen werden aufeinandergestapelt, andere einfach ins Wasser geschleudert.
Hoch über der nächsten Gasse bilden die Dächer erneut eine schmale Spalte. Ein kräftiger Mann könnte sie mit einem Sprung überwinden, doch die beiden benutzen lieber die Leiter. Die ist allerdings ein schiefes, mehr schlecht als recht zusammengenageltes Gebilde – eher für eine Magd oder vielleicht ein schmächtiges Bürschlein geeignet –, das furchtbar knarzt und bedenklich durchhängt, als die zwei Männer darauf über die Gasse hinwegkrabbeln. Und so kommt es, wie es kommen muss: Walsingham rutscht ab und kann sich gerade noch an einer Sprosse festhalten. Das Schwert geht dabei verloren. Es wirbelt durch die Luft und schlägt fünfzig Fuß unter ihm auf den Pflastersteinen auf. Zwei Männer, die soeben zusammen ein Fläschchen leeren, springen erschrocken auseinander und starren nach oben. Schreiend laufen sie dann zur großen Straße und schlagen Alarm.
Mit Mühe und Not hangelt sich Walsingham zum Dach auf der anderen Seite der Gasse hinüber. Dort ist an einer schlaffen, durchgewetzten Schnur Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Es gibt eine Luke, doch die erweist sich als von innen verriegelt. Die Dachschindeln sind unter ihren Händen nicht nur glühend heiß, sondern zudem über und über mit Vogelkot bedeckt. An den Stellen, an denen man es am wenigsten erwarten würde, flattern Tauben auf. Trotzdem kämpfen sich Walsingham und Fellowes weiter voran.
Erleichtert atmen sie schließlich auf und beglückwünschen einander gerade zu ihrer Findigkeit, als sie einen ersten Schuss donnern hören und eine Kugel über ihre Köpfe hinweg durch die warme Luft pfeift. Sie blicken zuerst einander an und dann nach hinten, nur um erschrocken zusammenzufahren, denn schon wieder erfolgt ein Donnerschlag, der die Mauer in Walsinghams unmittelbarer Nähe bersten und rote Ziegelsplitter auf sie herabregnen lässt. Auf dem Dach hinter ihnen haben sich drei Männer aufgebaut, und noch mehr kommen nach. Über ihren Köpfen schweben Rauchschwaden.
Einen von den Kerlen erkennt Fellowes. Er war schon in der Kirche mit dabei und scheint der Anführer zu sein. Inzwischen hat er eine Axt mit kurzem Griff aufgetrieben.
Walsingham und Fellowes erreichen ein weiteres Dach und schlittern auf der anderen Seite die Schräge hinunter – bis ihnen eine Mauer den Weg versperrt. Hier endet die Häuserreihe.
»Herrgott, was jetzt?«
Die Leiter nützt ihnen nun nichts mehr. Außerdem hören sie das Poltern von Männerstiefeln auf den Dächern.
Fellowes beugt sich über den Rand. Schwindel ergreift ihn, und mit einem Schlag wird ihm schlecht. Das sind gut und gerne fünfzig Fuß zur Straße hinunter und in den sicheren Tod.
»Wir müssen in den Speicher einbrechen«, keucht Walsingham, und sogleich machen sie sich daran, mit bloßen Händen Dachziegel herauszustemmen. Dabei reißt sich Fellowes eine tiefe Wunde in die Handfläche. Er stößt einen Fluch aus, lässt sich aber nicht aufhalten.
, denkt er, .
Doch bevor er zu einer Bewegung ansetzen kann, ertönt ein Knall. Der Kopf des Mannes schnappt zurück, und die Axt fliegt ihm aus der Hand. Als sein Kopf wieder nach vorne schnellt, prangt mitten auf seiner Stirn so etwas wie ein drittes Auge. Dann verschwindet er hinter der Mauer.
Walsingham und Fellowes fahren herum. Auf der Brücke, etwa fünfzig Yards von ihnen entfernt, ist eine geschlossene Kutsche aufgetaucht, die von gut zwanzig Reitern eskortiert wird. Auf dem Kutschbock steht neben dem Fahrer ein Mann mit einer Pistole in der Hand. Der aus der Mündung seiner Waffe ziehende blasse Rauch kennzeichnet ihn als den Schützen.
Durch die Menge auf der Straße geht ein ehrfürchtiges Raunen, dann weicht sie langsam zurück, während diejenigen, die im Hof hinter der Mauer stehen, laut darum streiten, wer als Nächster über ihre Krone spähen soll. Doch das erübrigt sich, als die Reiter auf sie zusprengen und die Randalierer zerstreuen.
»Gott sei Dank!« Walsingham seufzt erleichtert.
Die Reiter, allesamt in protziger blau-gelber Livree und mit Helmen, Brustplatten, Spießen, Hellebarden und Pistolen ausgerüstet, gehören König Charles’ persönlicher Leibwache an. Mit Rufen und Gesten fordert der Hauptmann nun alle auf, sich von Walsingham und Fellowes zu entfernen.
Dem jungen Mann stehen Tränen der Dankbarkeit in den Augen. In seinem ganzen Leben war er noch nie so froh, einen Soldaten zu sehen.
»Aber was, in Gottes Namen, machen sie hier?«, fragt er, als sie auf die Gruppe zugehen. »Und warum wollen sie uns retten? Woher wissen sie überhaupt, wer wir sind?«
»M’sieur«, begrüßt der Hauptmann Walsingham und tippt sich lässig an den Helm.
»Ich stehe in Eurer Schuld«, erklärt der Engländer. »Und vor allem in der Eures Schützen.«
Erst jetzt merkt Fellowes, dass er am ganzen Körper zittert.
»Dankt nicht mir«, entgegnet der Hauptmann und deutet auf die Kutsche. »Ihr müsst Ihr danken.«
»Ihr?«
Fellowes späht zur Kutsche hinüber. Ein Fenster wird geöffnet, und ein in roten Samt gehüllter Arm winkt ihnen zu – eine Geste, die Freude, ja Heiterkeit ausdrückt. Der Arm ist lang und schmal; er gehört zu einer Frau.
Fellowes und Walsingham wechseln einen Blick.
»Großer Gott im Himmel!« Fellowes seufzt.
Es ist Isobel Cochet.