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Miss Veronica und das Wunder der Pinguine

Buch

Die 86-jährige Veronica McCreedy lebt entfremdet von ihrer Familie in einem großen Anwesen an der schottischen Küste. In letzter Zeit fragt sich die rüstige alte Dame oft, was sie noch mit ihrem Leben – und ihrem Vermögen – anfangen soll. Als sie eines Abends im Fernsehen eine Sendung über eine Kolonie bedrohter Adeliepinguine in der Antarktis sieht, ist Veronica zutiefst beeindruckt und fasst einen tollkühnen Plan: Sie wird den Pinguinen in der Antarktis einen Besuch abstatten. Und Veronica wird sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen, auch nicht von dem Forscherteam, bei dem sie sich einzuquartieren gedenkt …

Autorin

Hazel Prior lebt mit ihrem Mann und ihrer rothaarigen Katze im englischen Exmoor. Sie liebt Tiere, ganz besonders Pinguine, und wenn sie nicht schreibt, tourt sie mit ihrer Harfe durch England.

Mehr zu Hazel Prior unter: www.hazelprior.co.uk

Hazel Prior

Miss Veronica
und das
Wunder
der Pinguine

Roman

Aus dem Englischen
von Thomas Bauer

Die englische Originalausgabe erschien 2020
unter dem Titel »Away with the Penguins«
bei Bantam Press, an imprint of Transworld Publishers,
Penguin Random House UK, London.

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Deutsche Erstveröffentlichung November 2021

Copyright © Hazel Prior 2020

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: FinePic®

Redaktion: Ilse Wagner

KS · Herstellung: ik

Satz- und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 978-3-641-27289-0
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Jonathan

»Pinguine sind mir derzeit der einzige Trost im Leben … Wenn man einen Pinguin betrachtet, kann man einfach nicht verärgert sein.«

John Ruskin

1

Veronica

The Ballahays, Ayrshire, Schottland

Mai 2012

Ich habe Eileen gebeten, sämtliche Spiegel abzuhängen. Früher mochte ich Spiegel, aber inzwischen kann ich sie nicht mehr ausstehen. Spiegel sind zu ehrlich. Eine Frau erträgt nur ein bestimmtes Maß an Wahrheit.

»Sind Sie sich sicher, Mrs McCreedy?« Ihr Tonfall lässt vermuten, dass sie besser weiß, was in meinem Kopf vorgeht, als ich selbst. Das macht sie ständig. Es ist eine ihrer unzähligen nervtötenden Angewohnheiten.

»Natürlich bin ich mir sicher!«

Sie schnalzt mit der Zunge und legt den Kopf schief, sodass ihre Korkenzieherlocken eine Schulter streifen. Bei ihrem außerordentlich dicken Hals ist das eine beachtliche Leistung.

»Auch den schönen goldgerahmten über dem Kaminsims?«

»Ja, den ebenfalls«, erkläre ich ihr geduldig.

»Und auch alle Badspiegel?«

»Vor allem die!« Das Badezimmer ist der letzte Ort, wo ich mich sehen möchte.

»Wie Sie wünschen.« Jetzt ist ihr Tonfall fast schon unverschämt.

Eileen kommt jeden Tag. Ihre Hauptaufgabe ist Putzen, aber ihre Fähigkeiten im Haushalt lassen einiges zu wünschen übrig. Anscheinend unterliegt sie dem Irrtum, ich würde Schmutz nicht sehen.

Eileen verfügt über ein begrenztes Repertoire an Gesichtsausdrücken: fröhlich, neugierig, emsig, perplex und ausdruckslos. Jetzt setzt sie ihre emsige Miene auf. Sie gibt ein halb musikalisches Geräusch von sich, während sie herumfuhrwerkt, die Spiegel einen nach dem anderen abhängt und sie in den Flur stellt. Da sie keine Hand frei hat, kann sie die Türen nicht hinter sich zumachen, deshalb gehe ich hinter ihr her und schließe sie behutsam. Wenn ich eine Sache nicht ausstehen kann, dann sind es offene Türen.

Ich spaziere in das größere der beiden Wohnzimmer. Über dem Kaminsims befindet sich jetzt ein unansehnliches dunkles Rechteck auf der Tapete. Ich muss die Stelle mit irgendetwas anderem verdecken. Mit einem schönen Ölgemälde mit viel Grün zum Beispiel, einem Constable-Druck vielleicht. Das würde das Lincoln-Grün der Samtvorhänge besser zur Geltung bringen. Ein beruhigendes ländliches Motiv mit Hügeln und einem See würde mir gefallen. Am besten wäre ein völlig menschenleerer Landstrich.

»Das wär’s dann, Mrs McCreedy. Ich glaube, das sind alle.«

Wenigstens spricht mich Eileen nicht mit meinem Vornamen an. Die meisten jungen Leute heutzutage scheinen Mr, Mrs und Miss abgeschafft zu haben. Wenn Sie mich fragen, lässt sich daran der traurige Zustand unserer modernen Gesellschaft ablesen. In den ersten sechs Monaten, nachdem Eileen angefangen hatte, bei mir zu arbeiten, nannte ich sie Mrs Thompson. Ich tue das nur deshalb nicht mehr, weil sie mich inständig darum gebeten hat. (»Sagen Sie doch bitte Eileen zu mir, Mrs McCreedy. Das wäre mir wirklich viel lieber.« – »Nun, sagen Sie doch bitte weiterhin Mrs McCreedy zu mir, Eileen«, erwiderte ich. »Das wäre mir wirklich viel lieber.«)

Ich fühle mich jetzt viel wohler im Haus, nachdem ich die entsetzlichen Gespenster in Gestalt von Veronica McCreedy, die mich aus jeder Ecke verhöhnt haben, losgeworden bin.

Eileen stemmt die Arme in die Hüften. »Tja, dann räume ich die mal weg. Ich stelle sie ins Hinterzimmer, ja? Da ist noch Platz.«

Das Hinterzimmer ist düster und ziemlich kalt und deshalb als Wohnraum eher ungeeignet. Die Spinnen denken, es gehört ihnen. In ihrer grenzenlosen Weisheit benutzt Eileen es als Aufbewahrungsort für sämtliche Gegenstände, die ich loswerden möchte. Sie ist fest davon überzeugt, alles horten zu müssen, »sicher ist sicher«.

Sie schleppt die Spiegel durch die Küche. Ich widerstehe dem Bedürfnis, die Türen hinter ihr zuzumachen, da sie mehrmals hin und her gehen muss, und ich weiß, das würde ihr das Leben nur erschweren. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass bald alle wieder geschlossen sein werden.

Fünf Minuten später ist Eileen zurück. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich frage, aber ich musste die hier aus dem Weg räumen, um Platz für die Spiegel zu schaffen. Wissen Sie, was das ist? Was da drin ist? Möchten Sie die aufheben? Sonst bitte ich Doug, dass er sie mit zur Müllhalde nimmt, wenn er das nächste Mal hinfährt.«

Sie stellt eine alte Holzkiste auf den Küchentisch und beäugt das rostige Vorhängeschloss.

Ich entscheide mich dafür, ihre Fragen zu ignorieren, und frage stattdessen sie: »Wer ist dieser Doug?«

»Sie wissen schon. Doug. Mein Mann.«

Ich hatte vergessen, dass sie verheiratet ist. Sie hat mir den Unglücklichen nie vorgestellt.

»Ich werde weder in näherer noch in fernerer Zukunft von ihm verlangen, dass er irgendwelche Habseligkeiten von mir zur Müllhalde bringt«, teile ich ihr mit. »Sie können sie einstweilen auf dem Tisch stehen lassen.«

Sie fährt mit dem Finger über den Deckel der Kiste und hinterlässt dabei eine deutliche Spur im Staub. Ihr Gesicht zeigt jetzt Ausdruck Nummer zwei (neugierig). Sie beugt sich verschwörerisch zu mir vor. Ich weiche etwas zurück, da ich nicht das geringste Bedürfnis habe, mit ihr gemeinsame Sache zu machen.

»Ich habe versucht, das Vorhängeschloss zu öffnen, um zu sehen, ob sich etwas Wertvolles in der Kiste befindet«, gesteht sie, »aber es geht nicht auf. Man muss die Zahlenkombination kennen, um es öffnen zu können.«

»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Eileen.«

Sie geht zweifelsohne davon aus, dass ich genauso ahnungslos bin wie sie, was sich in der Kiste befindet.

Bei der Vorstellung, dass Eileen einen Blick hineinwirft, bekomme ich Gänsehaut. Genau aus diesem Grund habe ich alles weggeschlossen: damit niemand herumspioniert. Nur eine einzige Person darf den Inhalt dieser Kiste zu Gesicht bekommen, und diese Person bin ich.

Ich schäme mich nicht. O nein, ganz und gar nicht. Zumindest nicht für … Und ich weigere mich strikt, mir diesen Stempel aufdrücken zu lassen. In dieser Kiste befinden sich Dinge, die ich jahrzehntelang erfolgreich verdrängt habe. Jetzt bekomme ich schon bei ihrem Anblick weiche Knie. Ich setze mich schnell hin. »Eileen, wären Sie so nett und würden Tee machen?«

Die Uhr schlägt sieben. Eileen ist gegangen, und ich bin allein im Haus. Allein zu sein ist angeblich ein Problem für Leute wie mich, aber ich muss sagen, ich finde es äußerst befriedigend. Ich gebe zu, Gesellschaft ist hin und wieder nötig, aber sie ist fast immer auf irgendeine Weise unangenehm.

Im Moment sitze ich in meiner »Klause«, meinem zweiten, gemütlicheren Wohnzimmer in meinem Queen-Anne-Sessel am Feuer. Dieses »Feuer« ist kein echtes mit Holz und Kohle, leider, sondern eine elektrische Vorrichtung mit Flammenattrappen. Ich musste hier, wie so oft im Leben, Kompromisse machen. Immerhin erfüllt es die wichtigste Anforderung und gibt Wärme ab. In Ayrshire ist es frisch, sogar im Sommer.

Ich schalte den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm erscheint eine hagere junge Frau. Sie kreischt wie verrückt, fuchtelt mit den Händen und jault irgendetwas von wegen, sie sei aus Titan. Ich wechsle hastig den Sender, schalte von einer Quizsendung zu einem Krimi zu einem Werbespot für Katzenfutter. Als ich auf den ursprünglichen Sender zurückschalte, jault die junge Frau immer noch: »I am titanium.« Jemand sollte ihr sagen, dass sie nicht aus Titan ist. Sie ist eine dumme, lärmende, verzogene Göre. Was für eine Wohltat, als sie zu guter Letzt den Mund hält.

Endlich beginnt Unsere Erde, die einzige Sendung der ganzen Woche, bei der es sich lohnt, sie sich anzusehen. Sonst kommen nur Sex, Werbung, Prominente, die versuchen zu kochen, Prominente auf einer einsamen Insel, Prominente im Dschungel, Prominente, die andere Prominente interviewen, und jede Menge Möchtegerns, die alles tun, um prominent zu werden (und sich dabei mit spektakulärem Erfolg lächerlich machen). Unsere Erde ist eine willkommene Abwechslung, da die Serie auf vielfältige Weise demonstriert, dass Tiere viel vernünftiger sind als Menschen.

Allerdings stelle ich zu meiner Bestürzung fest, dass die aktuelle Staffel von Unsere Erde bereits zu Ende zu sein scheint. Stattdessen wird eine Dokumentation mit dem Titel Die Misere der Pinguine gezeigt. Mit einem Funken Hoffnung nehme ich zur Kenntnis, dass sie von Robert Saddlebow präsentiert wird. Dieser Mann ist ein Beispiel dafür, dass es hin und wieder möglich ist, aus gutem Grund prominent zu sein. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Prominenten hat er tatsächlich etwas geleistet. Er reist seit mehreren Jahrzehnten um die Welt, engagiert sich und schafft Bewusstsein für Umweltprobleme. Er gehört zu den wenigen Menschen, für die ich ein gewisses Maß an Bewunderung empfinde.

Am heutigen Abend wird Robert Saddlebow dick eingepackt und mit Kapuze inmitten einer weißen Einöde an meinen offenen Kamin übertragen. Schneeflocken wirbeln um sein Gesicht. Hinter ihm ist ein Pulk dunkler Gestalten zu erkennen. Die Kamera holt sie näher heran, und es zeigt sich, dass es sich um Pinguine handelt – um eine riesige, rastlose Pinguinkolonie. Einige von ihnen stehen dicht zusammengedrängt, andere liegen auf dem Bauch und schlafen, wieder andere watscheln in eigener Mission umher.

Mr Saddlebow informiert mich, dass es insgesamt achtzehn verschiedene Pinguinarten gibt (neunzehn, wenn man den Weißflügelpinguin als eigene Art zählt), von denen viele als gefährdet gelten. Er sagt, er habe seit den Dreharbeiten zu der Sendung großen Respekt vor diesen Vögeln – vor der ganzen Familie, vor jeder Art und vor jedem einzelnen Pinguin. Sie leben unter den rauesten Bedingungen, die auf unserem Planeten anzutreffen sind, und stellen sich dennoch jeden Tag den Herausforderungen mit solchem Elan, dass sich viele von uns Menschen ein Beispiel daran nehmen könnten. »Was wäre es für eine Tragödie, wenn der Planet eine dieser Arten verlieren würde!«, stellt Robert Saddlebow fest und fixiert mich vom Bildschirm aus mit seinen eisblauen Augen.

»Das wäre in der Tat eine Tragödie!«, entgegne ich. Wenn Robert Saddlebow sich so um Pinguine sorgt, tue ich es auch.

Er erklärt, dass er jede Woche eine andere Pinguinart auswählen und uns ihre charakteristischen Eigenschaften präsentieren wird. Diese Woche sind die Kaiserpinguine dran.

Ich bin völlig fasziniert. Kaiserpinguine marschieren jedes Jahr gut siebzig Meilen durch eine Eiswüste, um zu ihrer Brutstätte zu gelangen. Das ist tatsächlich eine beachtliche Leistung, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Fortbewegung an Land nicht gerade ihre Stärke ist. Ihr Gang erinnert mich an Eileen: Sie schlurfen bemerkenswert ungraziös dahin und scheinen sich dabei ziemlich unwohl zu fühlen. Ihre Ausdauer ist jedoch beeindruckend.

Als die Sendung vorbei ist, erhebe ich mich aus meinem Sessel. Ich muss zugeben, dass mir das weniger schwerfällt als vielen anderen in meinem fortgeschrittenen Alter. Ich würde mich sogar als rüstig bezeichnen. Mir ist allerdings bewusst, dass ich mich nicht ganz auf meinen Körper verlassen kann. In der Vergangenheit war er eine fehlerfreie Maschine, doch heutzutage hat er sowohl an Elastizität als auch an Effizienz eingebüßt. Ich muss darauf vorbereitet sein, dass er mich womöglich irgendwann in naher Zukunft ganz im Stich lassen wird. Bis jetzt hat er allerdings wunderbar durchgehalten. Eileen merkt mit ihrem notorischen Charme oft an, ich sei »zäh wie altes Schuhleder«. Jedes Mal, wenn sie das sagt, bin ich versucht zu erwidern: »Umso besser, dann kann ich Ihnen ordentlich in den Hintern treten, meine Liebe.« Ich widerstehe der Versuchung jedoch. Man sollte immer bestrebt sein, Unhöflichkeit zu vermeiden.

Es ist Viertel nach acht. Ich gehe in die Küche, um mir meine allabendliche Tasse Darjeeling und eine Karamellwaffel zu holen. Mein Blick fällt auf die Holzkiste, die noch immer ungeöffnet auf dem Tisch steht. Ich ziehe in Erwägung, die Zahlenkombination des Vorhängeschlosses einzustellen und kurz hineinzuspitzen. Obwohl es unlogisch und masochistisch wäre, würde ich es gern tun. Aber es wäre töricht von mir. Wie Pandora in der Mythologie würde ich damit tausend Dämonen loslassen. Die Kiste muss unbedingt zurück zu den Spinnen, ohne dass ich dazwischenfunke.

2

Veronica

The Ballahays

Das Leben ist soeben ein Stück komplizierter geworden. Ich habe heute Morgen versucht, mir die Haare zu so etwas wie einer Frisur zu kämmen, doch der Spiegel im Badezimmer war nicht da. Ich bin zurück ins Schlafzimmer geeilt, nur um festzustellen, dass der Spiegel dort ebenfalls verschwunden ist. Das Gleiche gilt für den Spiegel im Flur und für den im Wohnzimmer.

Als Nächstes frühstücke ich, nicht sonderlich erfreut über diese neuen, unzumutbaren Umstände.

Um neun Uhr schließt Eileen die Tür auf.

»Morgen, Mrs McCreedy! Und was für ein schöner Tag es ist!« Sie besteht darauf, nervtötend gut gelaunt zu sein.

»Was haben Sie mit all den Spiegeln gemacht?«

Sie blinzelt langsam wie ein Frosch.

»Ich habe sie ins Hinterzimmer geräumt, wie Sie es mir aufgetragen haben!«

»Das ist doch absurd! Wie soll ich mich denn ohne Spiegel frisieren und schminken?« Sie ist wirklich ein irrationales Geschöpf. »Würden Sie die Spiegel bitte wieder aufhängen, bevor Sie irgendwas anderes machen?«

»Was, alle?«

»Ja, alle.«

Sie stößt ein leises Schnauben aus. »Wie Sie wünschen, Mrs McCreedy.«

Das will ich doch hoffen. Ich bezahle sie schließlich nicht umsonst.

Mir fällt zu spät ein, dass auf dem Küchentisch noch eine gewisse Kiste steht und dass Eileen bestimmt ihren Senf dazugeben wird.

»Sie haben es also noch nicht geschafft, sie zu öffnen«, sagt sie sofort, als sie sie erblickt – in der Annahme, dass das nicht meine freie Entscheidung ist, sondern an meinem Unvermögen liegt. »Ich könnte Doug bitten, das Vorhängeschloss aufzusägen, wenn Sie sich nicht mehr an die Zahlenkombination erinnern.«

»Ich erinnere mich an die Zahlenkombination, Eileen. Mein Gedächtnis funktioniert einwandfrei. Ich kann mich noch an Dutzende Zeilen Hamlet aus meiner Schulzeit erinnern.« An dieser Stelle verdreht sie kurz die Augen. Sie denkt, ich bemerke es nicht, aber ich bemerke es sehr wohl. »Und ich will nicht, dass sich Ihr Doug an meiner Kiste zu schaffen macht«, fahre ich fort. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich ohne viel Aufhebens um die Spiegel kümmern würden.«

»Ja, selbstverständlich, Mrs McCreedy. Wie Sie wünschen.«

Ich sehe zu, wie sie die Spiegel vor sich hin murmelnd aus dem Hinterzimmer schleppt und jeden an seinem ehemaligen Platz aufhängt.

Als die Spiegel wieder an Ort und Stelle sind, nehme ich sofort das Problem mit meinen Haaren in Angriff. Allzu viele sind nicht mehr übrig, und sie sind erschreckend weiß, aber ich habe sie gern ordentlich. Allerdings finde ich keinen Gefallen daran, mich anzusehen. Mein Spiegelbild ist kein schöner Anblick, wenn ich es mit Spiegelbildern der Vergangenheit vergleiche. Vor vielen Jahren war ich wirklich eine Augenweide. Andere nannten mich »bildhübsch«, eine »Klassefrau«, einen »Kracher«. Davon ist nichts mehr übrig, stelle ich fest, als ich mit dem Kamm durch mein schütteres Haar fahre. Meine Haut ist pergamentartig und schlaff geworden. Mein Gesicht ist von Falten durchzogen. Meine Augenlider hängen. Meine einst so aparten Wangenknochen stehen in eigenartigen Winkeln hervor. Eigentlich sollte ich mich inzwischen an diese abscheulichen körperlichen Makel gewöhnt haben, aber es ist für mich immer noch bitter, mich so zu sehen.

Ich gebe mir alle Mühe, das Ganze mithilfe von Lippenstift, Puder und Rouge zu verbessern. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass ich Spiegel nicht mag.

Der Wind schlägt mir entgegen. Es ist diese feuchtkalte, barbarische Sorte von Wind, die es nur in Schottland gibt. Ich schmiege mich in meinen Mantel und kämpfe mich auf dem Küstenweg in Richtung Norden voran. Ich habe schon immer an die Wirksamkeit eines täglichen Spaziergangs geglaubt und lasse mich von schlechtem Wetter nicht davon abhalten. Zu meiner Linken tost das schiefergraue Meer und spuckt wilde, weiße Gischt in die Luft.

Mein Stock hilf mir, auf dem unebenen Torf und Sand das Gleichgewicht zu halten. Ich habe meine goldbesetzte fuchsiafarbene Handtasche mitgenommen, die lästig an meinem Oberschenkel zappelt. Ich hätte sie im Flur am Haken hängen lassen sollen, aber man kann nie wissen, ob man nicht ein Taschentuch oder eine Schmerztablette braucht. Außerdem habe ich meine Müllsammelzange und einen kleinen Abfallbeutel dabei. Wegen einer Bemerkung, die mein lieber Vater einst gemacht hat, sammle ich schon mein ganzes Leben lang Abfall ein. Das ist sowohl ein kleiner Akt des Gedenkens an ihn als auch eine symbolische Geste, um wegen des Chaos, das die Menschheit angerichtet hat, Buße zu tun. Selbst die felsigen Pfade der Küste von Ayrshire werden von achtlosen Menschen verschmutzt.

Stock, Zange, Müllsack und Handtasche zu handhaben ist keine leichte Aufgabe, vor allem bei diesem Wind. Meine Knochen fangen an, sich über die Anstrengung zu beklagen. Nach und nach lerne ich, mein Gewicht zu verlagern und mich in die Böen zu lehnen, damit sie mich stützen, anstatt gegen mich anzukämpfen.

Eine Möwe kreischt und taucht durch die Wolken. Ich bleibe kurz stehen, um die Schönheit der sturmgepeitschten See zu bewundern. Für Felsen, Wellen und Wildnis habe ich eine besondere Vorliebe. Doch in den Wogen tanzt etwas Scharlachrotes. Handelt es sich um eine Chipstüte oder eine Keksverpackung? Früher wäre ich hinunter zum Strand geeilt, ins Wasser gewatet und hätte es herausgefischt, doch inzwischen bin ich zu solchen Reaktionen leider nicht mehr in der Lage. Die Gischt weht mir ins Gesicht und läuft mir wie Tränen über die Wangen.

Wer die Landschaft vermüllt, gehört erschossen.

Ich kämpfe gegen den Wind an und bahne mir den Weg heimwärts. Als ich am Eingangstor ankomme, bin ich ein wenig erschöpft.

The Ballahays besitzt eine imposante Zufahrt und ist von zwölftausend Quadratmetern schönen Außenanlagen umgeben. Der Großteil des Gartens wird von einer Mauer begrenzt, was einer der Gründe ist, warum ich das Anwesen so mag. Innerhalb dieser Mauer befinden sich Zedern, Steingärten, ein Brunnen, verschiedene Statuen und vier Blumenbeete. Mein Gärtner, Mr Perkins, kümmert sich um sie.

Ich werfe einen Blick auf das Haus, als ich mich nähere. The Ballahays ist ein efeuberankter spätjakobinischer Bau aus Ziegeln und Steinen. Mit seinen zwölf Zimmern und mehreren knarrenden Eichentreppen ist er zugegebenermaßen nicht das ideale Zuhause für mich. Das Haus in Schuss zu halten ist eine gewaltige Aufgabe. Es leidet unter abbröckelndem Putz und schrecklichem Durchzug, und auf dem Dachboden gibt es Mäuse. Ich habe es 1956 gekauft – schlicht und einfach, weil ich es mir leisten konnte. Ich genieße sowohl die Privatsphäre als auch den Ausblick und habe mir deshalb nie die Mühe gemacht umzuziehen.

Ich gehe hinein, stelle den Müllsack und die Zange im Windfang ab und hänge meinen Mantel auf.

Als ich die Küche betrete, fällt mein Blick als Erstes auf die Kiste. Diese elende Kiste schon wieder. Ich hatte sie beinahe vergessen. Ich setze mich an den Tisch. Ich sehe die Kiste an, und die Kiste sieht mich an. Ihre Anwesenheit durchdringt den ganzen Raum. Sie ist dreist, verhöhnt mich, fordert mich heraus, sie zu öffnen.

Niemand kann behaupten, Veronica McCreedy würde sich vor Herausforderungen drücken.

Ich zwinge mich, es zu tun. Drehe die Rädchen und bringe die Ziffern in eine Reihe, eine nach der anderen. Es fällt sicher auf, dass ich mich so genau an die Ziffern erinnere. Eins, neun, vier, zwei: 1942. Sie sind noch immer in mein Gedächtnis eingebrannt, auch nach all der Zeit. Das Schloss ist schwergängig, doch das ist kein Wunder – es ist siebzig Jahre alt.

Als Erstes fällt mir das Medaillon ins Auge. Es ist klein und oval, und zwischen gewundenen Ranken ist ein »V« in das angelaufene Silber eingeätzt. Die Kette ist dünn und filigran. Ich lasse sie durch die Finger gleiten. Ehe ich mich zurückhalten kann, habe ich den Verschluss entriegelt, und das Medaillon klappt auf. Meine Kehle ist plötzlich wie zugeschnürt, und ich schnappe ungewollt nach Luft. Alle vier sind da, wie zu erwarten war. Sie sind winzig, sonst würden sie auch nicht in ein solches Behältnis passen. Sie wirken müde und sehr, sehr zerbrechlich.

Ich werde nicht weinen. Nein. Ganz sicher nicht. Veronica McCreedy weint nicht.

Stattdessen starre ich sie an: die Haarsträhnen von vier Köpfen. Zwei sind miteinander verflochten, braun und rotbraun. Dann ist da eine ganz dunkle, üppige Strähne, die eine viel frühere Version von mir unzählige Male herausgenommen und geküsst hat. Gleich daneben befindet sich ein winzig kleines Haarbüschel, zart und hell, beinahe durchsichtig. Ich bringe es nicht über mich, es zu berühren. Ich klappe das Medaillon zu. Schließe die Augen, atme tief durch. Zähle bis zehn. Zwinge mich, die Augen wieder zu öffnen. Vorsichtig lege ich das Medaillon zurück in eine Ecke der Kiste.

Die beiden schwarzen, in Leder gebundenen Tagebücher sind ebenfalls da. Ich nehme sie heraus. Sie fühlen sich schrecklich vertraut an. Selbst ihr Geruch, der urtümliche Geruch von altem Leder gemischt mit einem Nachhall des Maiglöckchen-Parfums, das ich damals benutzt habe.

Jetzt, da ich angefangen habe, kann ich nicht mehr aufhören. Ich schlage eines der beiden Bücher auf. Jede Seite ist von Hand vollgeschrieben – eifrige, schwungvolle Buchstaben in blauer Tinte. Ich kneife die Augen zusammen, und es gelingt mir, auch ohne Brille ein paar Zeilen zu lesen. Ich lächle traurig. Als Jugendliche war meine Rechtschreibung nicht besonders gut, aber meine Schrift war viel akkurater, als sie es heute ist. Ich klappe das Buch wieder zu.

Ich muss es lesen, und ich werde es lesen, aber wenn meine Vergangenheit mich gleich einholen wird, muss ich mich vorher wappnen.

Ich mache mir eine Kanne Earl Grey und lege ein paar Ingwerplätzchen auf einen Wedgwood-Porzellanteller mit rosafarbenem Hibiskusdekor. Dann bringe ich alles mit dem Teewagen ins Wohnzimmer und lasse mich in dem Sessel am Erkerfenster nieder. Ich esse zwei Kekse, trinke eine Tasse Tee und schenke mir noch eine ein, bevor ich das erste Tagebuch in die Hand nehme. Ich warte fünf Minuten, bis ich es aufschlage. Dann setze ich meine Lesebrille auf.

Wie ein Fenster zum Sonnenschein und zu frischer Sommerluft ist sie da: meine Jugend, zart, lebendig, vor mir ausgebreitet. Und obwohl ich weiß, dass es mich dreifach schmerzen wird, muss ich einfach weiterlesen.

3

Veronica

The Ballahays

Wenn ich jünger wäre, würde ich rennen. Rennen und schreien und Dinge kaputt machen. Jetzt ist das nicht mehr meine Art und kann es auch nicht sein. Ich trinke stattdessen in kleinen Schlucken Tee und denke nach.

Ich habe die ganze Nacht gelesen und stehe unter Schock. Nachdem meine fünfzehnjährige Stimme stundenlang ohne Unterbrechung zu mir gesprochen hat, fühlt es sich an, als habe ein Teil dieses wilderen, verletzlicheren Selbst Besitz von mir ergriffen. Dieses Gefühl ist seltsam und unbehaglich, als würde ein Skalpell in meine Haut eindringen. So viele Jahre lang habe ich mir den Zugang zu diesen Erinnerungen verwehrt. Jetzt, als wollten sie verlorene Zeit wiedergutmachen, haben sie die Schutzmauern meiner mentalen Festung durchbrochen und lassen mich nicht mehr in Frieden.

In dem ganzen Aufruhr hat sich eine hinterhältige kleine Frage in meinen Kopf geschlichen. Während ich frühstücke, denke ich darüber nach. Ich denke immer noch darüber nach, als Eileen kommt. Die Frage begleitet mich bei meinem Vormittagsspaziergang, als ich danach versuche, Emily Brontë zu lesen, bei meinem Lachs-im-Blätterteig-Mittagessen, bei meinem Verdauungsschläfchen, während ich das Telegraph-Kreuzworträtsel löse und während ich Rosen für den Esszimmertisch pflücke. Als ich mir anschließend die Fingernägel feile, wird mir bewusst, dass ich keinen Frieden finden werde, bis die Frage beantwortet ist.

Ich gehe zurück ins Schlafzimmer. Die Tagebücher habe ich wieder in die Kiste gelegt und das Vorhängeschloss angebracht. Das Medaillon habe ich allerdings herausgenommen. Es liegt jetzt unter meinem Kopfkissen.

Ich hole es hervor, nehme es in die Hand und lasse die Kette abermals durch die Finger gleiten. Diesmal mache ich es nicht auf, aber meine Gedanken sind bei der dünnsten, hellsten Haarsträhne. Mit beträchtlicher Anstrengung gelingt es mir, den Ansturm von Emotionen noch einmal abzuwehren. Ich zwinge mein Hirn, tätig zu werden.

Die Uhr tickt heute besonders laut. Ich kann Uhren nicht ausstehen, aber wie Politiker und Paracetamol haben sie sich auf dieser Welt irgendwie unentbehrlich gemacht. Ich zupfe mein Hörgerät heraus. Das Ticken wird leiser. Endlich kann ich mich denken hören.

Als Eileen ihre Aufgaben erledigt hat, habe ich einen Entschluss gefasst.

Ich gehe hinunter in die Küche, wähle ein paar Teile aus dem viertbesten Geschirrset aus und mache eine Kanne guten, starken englischen Frühstückstee. Ich bestehe darauf, mir meinen Tee selbst zuzubereiten. Niemand bereitet Tee so gut zu wie ich.

»Setzen Sie sich kurz, Eileen. Ich möchte Sie um etwas bitten.«

Sie lässt sich auf einen Stuhl plumpsen und nuschelt irgendetwas.

»Würden Sie bitte lauter sprechen, Eileen?«

»Wo ist denn Ihr Hörgerät, Mrs McCreedy?«, formt sie mit den Lippen, wobei sie wild gestikuliert und auf ihre Ohren deutet.

»Im Schlafzimmer, glaube ich. Wären Sie so nett und …«

»Natürlich.«

Sie erhebt sich und trottet aus dem Zimmer.

»Eileen, die Tür!«

»Aber ich komme doch gleich … ach, meinetwegen!«, ruft sie und knallt die Tür hinter sich zu. Einen Moment später kommt sie mit meinem Hörgerät in der Hand zurück, und diesmal denkt sie daran, die Tür hinter sich zu schließen.

Ich stecke mir das Hörgerät ins Ohr, dann gieße ich zwei Tassen Tee ein.

Ich würde mich nicht als abergläubisch bezeichnen. Ich gehe immer unter einer Leiter durch, wenn ich auf eine Leiter stoße, unter der man durchgehen kann, und ich bin schwarzen Katzen ziemlich zugetan, ob sie meinen Weg kreuzen oder nicht. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Testament aufgesetzt. Damit, dachte ich immer, würde ich das Schicksal herausfordern. Mir ist allerdings bewusst, dass mein Vermögen womöglich dem Staat oder irgendeinem anderen, ebenso unerwünschten Nutznießer zufallen wird, wenn ich keine Vorkehrungen treffe. Da ich inzwischen Mitte achtzig bin, obliegt es mir, mich eingehend mit der Angelegenheit zu befassen. Es ist durchaus möglich, dass dieser sterbliche Körper noch fünfzehn Jahre durchhält. Vielleicht bekomme ich zu meinem hundertsten Geburtstag eine Postkarte von der Queen. Vielleicht auch nicht.

Soweit ich weiß, habe ich keinen einzigen lebenden Blutsverwandten auf dieser Welt. Doch nach meinem Ausflug in die Vergangenheit fällt mir auf, dass mir die Umstände in diesem Punkt keine absolute Gewissheit gegeben haben. Schließlich gehört nicht viel dazu, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen. Nicht jede Geburt wird öffentlich gefeiert, und es gibt bestimmt zigtausend Väter, die keine Ahnung haben, dass sie Väter sind. Jetzt, nachdem dieser kleine, aber nicht von der Hand zu weisende Zweifel aufgetaucht ist, habe ich mich ziemlich darauf eingeschossen. Ich bin fest entschlossen, eine Antwort zu finden. Und ich muss der Sache kurzerhand nachgehen.

Eileen sitzt mir gegenüber, die Finger um ihre Teetasse geschlungen. Sie hat ihre ausdruckslose Miene aufgesetzt. Ich stelle fest, dass ihr Haar noch wilder und krauser ist als sonst. Ich wünschte, sie würde irgendetwas dagegen tun.

»Eileen, ich muss Sie um einen Gefallen bitten. Könnten Sie mithilfe Ihres neumodischen Internets eine seriöse, vertrauenswürdige Agentur für mich heraussuchen?«

»Ja, natürlich, Mrs McCreedy, wenn Sie das wünschen. Welche Art von Agentur schwebt Ihnen denn vor?« Sie grinst in ihren Tee hinein. »Eine Partneragentur?«

Ich bin nicht in der Stimmung, auf ihren Unsinn einzugehen. »Seien Sie nicht albern! Nein, ich brauche eine Agentur, die Dokumente zu verloren geglaubten Verwandten aufstöbert.«

Ihre Hände schießen zu ihrem weiß gepuderten Gesicht hoch, und ihr Grinsen weicht vor Neugier weit aufgerissenen Augen. »Oh Mrs McCreedy! Denken Sie etwa, Sie haben vielleicht noch irgendwo Angehörige?«

Sie wartet, hungrig nach weiteren Informationen. Ich habe nicht die Absicht, ihr noch irgendetwas zu sagen. In meinem Alter sollte ich tun und lassen können, was ich will, ohne es der ganzen Welt erklären zu müssen.

»Dann soll ich also nach Agenturen googeln? Sie meinen Familien-Wiedervereinigung oder so was in der Art?«, erkundigt sie sich.

»Etwas in dieser Richtung, ja. Benutzen Sie Ihr Googly-Dingsda oder was auch immer in Ihrer Macht steht. Es muss aber eine sehr diskrete Agentur sein«, warne ich sie, »die einen guten Ruf hat und eine gute Erfolgsquote. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie darauf achten würden.«

»Selbstverständlich, Mrs McCreedy. Wie aufregend!«, verkündet sie.

»Nun, aufregend oder nicht, ich würde der Sache sehr gern nachgehen. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir eine Adresse und Telefonnummer besorgen könnten, sobald es Ihnen möglich ist.«

»Überhaupt kein Problem, Mrs McCreedy. Ich mache mich heute Abend, wenn ich zu Hause bin, gleich auf die Suche. Ich finde bestimmt was. Die Kontaktdaten bringe ich dann morgen mit, wenn ich komme.«

»Ausgezeichnet. Vielen Dank, Eileen.«

Ich drücke auf den Knopf. Die falschen Flammen lodern sofort orangefarben auf. Als Nächstes schalte ich den Fernseher ein, um mir Unsere Erde anzuschauen, meine Lieblingssendung. Doch ich muss feststellen, dass stattdessen eine Dokumentation über Pinguine kommt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich vor Kurzem etwas Ähnliches gesehen. Die Dokumentation ist eine willkommene Abwechslung zu den schädlichen Gedanken, die mir schon den ganzen Tag Gesellschaft leisten.

Diese Woche geht es um Königspinguine. Ich gebe zu, dass ich von den tapsigen, aber außerordentlich mutigen Tieren ziemlich fasziniert bin. Die Kamera fängt ein, wie einer von ihnen sein Ei verliert, das in eine steile, unzugängliche Schlucht hinunterrollt, und ich beobachte, wie der arme Vogel trauert und verzweifelt den Schnabel in den Himmel reckt. Das ist wirklich sehr bewegend.

Robert Saddlebow spricht voller Leidenschaft vom drastischen Rückgang der Pinguinpopulation in den letzten Jahren. Offenbar ist das auf Umweltfaktoren zurückzuführen, was allerdings noch näher erforscht werden muss.

Ich finde den Gedanken schrecklich, dass diese imposanten, anmutigen Vögel womöglich von unserem Planeten verschwinden werden.

Ich muss an die Worte meines Vaters denken, die er sagte, als ich als Kind auf seinem Oberschenkel saß, und dann noch viele weitere Male, als ich heranwuchs. Ich kann jetzt beinahe hören, wie er sie mit seiner ernsten, sanften Stimme sagt. »Es gibt drei Sorten von Menschen auf der Welt, Very.« (Er nannte mich Very.) »Es gibt diejenigen, die die Welt schlechter machen, diejenigen, die keinen Unterschied machen, und diejenigen, die sie besser machen. Streng dich an und sei einer von den Menschen, die die Welt besser machen.« Mir sind in meinem Leben nur wenige Menschen begegnet, die in die dritte Kategorie fallen. Auch ich selbst habe nicht viel dazu beigetragen, die Welt besser zu machen. Ich habe mich dazu entschieden, die drei Kategorien so zu interpretieren: Menschen, die Abfall in die Landschaft werfen, Menschen, die Abfall ignorieren, und Menschen, die den Abfall anderer Menschen aufsammeln. Ich beruhige mein Gewissen mit einer Abfallzange und Müllbeuteln. Abgesehen davon, fürchte ich, war mein Leben nicht im Geringsten von Nutzen.

Jetzt fasst eine Idee Fuß. Vielleicht lässt es sich einrichten, dass zumindest mein Ableben von einem gewissen Nutzen sein wird. Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, muss ich davon ausgehen, dass ich keine Blutsverwandten habe. Es wäre erfreulich, wenn ich für unseren Planeten ein kleines bisschen was bewirken könnte. Je länger ich über diese Idee nachdenke, desto besser gefällt sie mir.

Als ich meine allabendlichen Waschungen vornehme, bin ich von der Idee fast schon besessen. Tatsächlich kann ich es kaum erwarten, einen Stift und ein Stück Papier zur Hand zu haben. Deshalb greife ich zum nächstbesten Schreibwerkzeug, bei dem es sich – da ich mich im Badezimmer befinde – um einen Augenbrauenstift handelt. (Ja, selbst in meinem fortgeschrittenen Alter ist man gegen ein wenig Eitelkeit nicht gefeit. Meine natürlichen Augenbrauen sind bis auf ein paar vereinzelte graue Härchen dahingeschwunden, sodass ich mir morgens meistens die Mühe mache, sie ein wenig zu betonen.) Ich benutze den Augenbrauenstift, um das Wort »PINGUINE« in die rechte untere Ecke des Spiegels zu schreiben.

Mein Gedächtnis ist völlig intakt – ich rezitiere oft Passagen aus Hamlet, um mich dieser Tatsache zu versichern –, wenn es aber eine Sache gibt, die ich in den Vordergrund meiner Gedanken stellen möchte, spricht nichts gegen eine schriftliche Erinnerung an einem Ort, wo ich sie regelmäßig sehe.

Terrys Pinguin-Blog

3. November 2012

Soll ich euch etwas Reizendes über Adeliepinguine erzählen? Sie haben eine ziemlich romantische Angewohnheit. Der Pinguinjunge umwirbt sein Pinguinmädchen mit einem Geschenk: mit einem besonderen, sorgfältig ausgewählten Kieselstein. Wie könnte seine Angebetete da nicht beeindruckt sein? Doch damit nicht genug, er vollzieht außerdem ein tolles Balzritual, bei dem er den Kopf in den Nacken legt, die Brust wölbt und laute Schreie ausstößt – was man als Pinguinweibchen natürlich absolut unwiderstehlich findet.

Mit ein wenig Glück hat er auch schon ein schickes neues Nest gebaut, wenn sie aus dem Meer zurückkommt. Das Kieselstein-Geschenk repräsentiert tatsächlich mehr als Loyalität und Liebe. Kieselsteine sind momentan die wertvollste Währung, da sie das wichtigste Nestbaumaterial sind. Pinguine schrecken auch vor Diebstahl nicht zurück. Wir wurden öfter Zeuge drolliger Begebenheiten, als Pinguine sich gegenseitig Kieselsteine aus den Nestern stahlen, sobald einer dem anderen den Rücken zukehrte.

Viele Pärchen aus dem vergangenen Jahr sind jetzt glücklich wiedervereint. Im Großen und Ganzen sind Adeliepinguine treue Seelen. Hin und wieder gibt es jedoch auch mal ein Problem.

Hier ist zum Beispiel ein Pinguin, der unser Interesse geweckt hat. Im Allgemeinen sehen sich Adeliepinguine ziemlich ähnlich, aber das Foto macht deutlich, warum wir diesen hier immer erkennen, sogar aus der Ferne. Während seine Artgenossen an der Brust und am Bauch weiß sind, ist er fast vollständig schwarz. Nur am Hals hat er eine Stelle mit helleren Federn. In den vergangenen vier Saisons war seine Partnerin bei ihm, ein normal schwarz-weiß gefiedertes Weibchen. Aber wo ist sie? Hat sie den Winter in der Antarktis nicht überlebt? Wurde sie von einem Seeleoparden gefressen? Oder haben wir es mit einem seltenen Fall von Pinguin-Untreue zu tun? Wir werden es nie erfahren. Was auch immer der Grund ist, Sooty (wir nennen ihn Sooty, der »Verrußte«) sitzt sehr einsam auf seinem Nest.

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Patrick

In seiner Wohnung in Bolton, in der Nähe von Manchester

Mai 2012

In einem fort. In meinem Kopf spielt jeder verdammte Song über Einsamkeit, den ich jemals gehört habe. Das treibt mich noch in den Wahnsinn.

Zwei Wochen ist es jetzt her. Zwei verfluchte, qualvolle, nervenaufreibende Wochen und kein Mucks von ihr. Mann, nach vier gemeinsamen Jahren möchte man meinen, sie würde mir wenigstens irgendeine Erklärung liefern. Aber nein, nicht Lynette. Hat ihre Sachen gepackt und ist einfach aus meinem Leben verschwunden. Keine Nachricht, kein Garnichts. Aus meiner Sicht habe ich nichts falsch gemacht, zumindest nicht in letzter Zeit. Ich habe nichts von dem getan, was sie normalerweise auf die Palme bringt. Habe ich vergessen, den Müll rauszutragen? Nein. Habe ich ein vollgerotztes Taschentuch im Bett liegen lassen? Nein. Habe ich beim Abendessen meinen Teller abgeleckt? Nein. Und gestritten haben wir uns auch nicht. Zumindest nicht an diesem Tag.

Ich hatte keinen blassen Schimmer, was das sollte, was eigentlich los war. Erst als Gav mir erzählt hat, er hätte die beiden Händchen haltend gesehen, ist mir der wahre Grund klar geworden und hat mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen. Ich habe ein bisschen recherchiert und im Fahrradladen, im Pub und in allen erdenklichen Gerüchteküchen in Bolton herumgefragt. Ich habe rausgefunden, dass er Bauarbeiter ist, der Kerl, wegen dem sie mich verlassen hat. Besteht anscheinend nur aus Muskeln. Ist oft an der Fish-und-Chips-Bude anzutreffen, wo er gegen die Polen und die Pakistanis stänkert, weil sie uns angeblich die Jobs wegschnappen.

Lynette, Lynette, Lynette! Du brichst mir das Herz. Was, zum Teufel, willst ausgerechnet du mit einem rassistischen Maurer? Du, mit deinem Master in Anthropologie und deinen Designerjeans und deinem perfekten Kleopatra-Haarschnitt. Du, mit deiner positiven Arbeitseinstellung und deiner positiven Lebenseinstellung und deiner positiven Pauschaleinstellung. Du hast dein eigenes Wertesystem auf den Kopf gestellt. Du hast dein prall gefülltes Bücherregal gegen einen prallen Bizeps eingetauscht. Ausgerechnet du!

Und was bedeutet das für mich? Okay, bitte schön: Ich bin rückfällig geworden. Du hattest mich zu einem Gesundheitsfanatiker gemacht, Lynette, und mich dazu gebracht, nur noch fruchtige, gemüsige Superfood-Gerichte zu kochen. Tja, wahrscheinlich interessiert es dich einen Fliegenschiss, aber für den Fall, dass du es doch wissen willst: Ich ernähre mich von Kuchen, Chips und Bier. Auf meinem Bizeps, auf den ich früher zugegebenermaßen ein bisschen stolz war, bildet sich gerade eine hübsche Fettschicht. Dasselbe gilt für meinen Bauch. Täglich mehr Speck. Bald ist dieser sehnige Sexprotz ein wandelnder Wackelpudding. Vielen Dank, Lynette. Ganz toll.

Drei Wochen. Wann ist alles den Bach runtergegangen? War es meine Schuld? Wahrscheinlich schon. Ich weiß, Lynette mochte es nicht, wenn ich beim Kochen geredet habe. Sie hatte nichts dagegen, wenn nach der Arbeit zu Hause ein Gourmetessen auf sie gewartet hat, aber gleichzeitig hat sie die Küche als ihr Herrschaftsgebiet betrachtet. Schließlich hat sie die Kaffeemaschine und die Bratpfanne und den Entsafter gekauft. Und sie hat jedes Mal, wenn der Geschirrspüler verrücktgespielt hat, den Vermieter angerufen. Wenn ich es mir recht überlege, war sie vermutlich ein ziemlicher Kontrollfreak. Oder war alles meine Schuld?

Wahrscheinlich haben wir uns doch gestritten. Aber ich habe gedacht, das wäre halb so wild, und trotzdem geglaubt, dass sie die Richtige für mich ist. Ich stand trotzdem total auf sie. Ich wollte trotzdem mit ihr zusammen sein.

Sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Sie ist das lebendige Gespenst, das in der Wohnung herumgeistert. In einem Moment ist ihr Kopf tief über ihren Margaret-Atwood-Roman gebeugt, sodass ihr Haar die Seiten streift. Im nächsten Moment hallt ihr schrilles Lachen im Treppenhaus wider. Dann sehe ich sie in High Heels schwankend Fischfutter ins Aquarium streuen – für unser einziges Haustier, den Goldfisch Horatio, den sie mitgenommen hat. Ich drehe total am Rad. Kriege mich überhaupt nicht mehr ein. Allerdings würde ich sie jetzt nicht mehr zurückhaben wollen. Nicht einmal, wenn sie darum betteln würde. Nicht einmal, wenn sie sich komplett ausziehen und mit Taramosalata einschmieren würde.

Am Montag kam ich viel zu spät zur Arbeit, fast eine halbe Stunde. Ich bin mit Tränensäcken, Dreck unter den Fingernägeln und einem Mordskater dort aufgeschlagen.

»Wird einfach nicht besser, was?«, sagte Gav. Typisch Gav. Kein vorwurfsvolles Wort, obwohl ihm der Fahrradladen gehört, den er aus dem Nichts aufgebaut hat und der ihm genauso am Herzen liegt wie … Na ja, der Laden rangiert mit seiner Frau und seinen Kids ganz oben. Und er kann es sich kaum leisten, mich für den einen Tag in der Woche zu bezahlen, den ich für ihn arbeite. Wenn er pleitegeht, weil ich so schludrig bin, ist es allein meine Schuld.

»Tut mir leid, Gav«, nuschelte ich.

»Ich find’s echt schlimm, dich so zu sehen, Patrick«, sagte er und legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Stehen irgendwelche Reparaturen an?«

»Ja, hinten im Hof steht was für dich.«

Ich stahl mich in den Hinterhof, froh über die Aussicht auf Öl und Reifen und Schläuche.

Aber ich brachte den ganzen Vormittag damit zu, mich zu fragen, ob Lynette von ihrem Maurer das Gleiche verlangt, was sie von mir immer verlangt hat, und ob er besser darin ist als ich. Hat er Spaß daran, oder findet er es erniedrigend? Wirft sie immer noch ihr verführerisches Kleopatra-Haar nach hinten und stößt dabei dieses heisere erotische Lachen aus?

Meine Hände fingen an zu zittern, und zwar heftig. Ich konnte die Kette einfach nicht einlegen. Sie rutschte immer wieder runter. Mann, ich brauchte dringend was zu rauchen …

Was zu rauchen … Nachdem mir der Gedanke gekommen war, hatte er mich sofort voll im Griff. Ich hätte alles, wirklich alles für einen Joint gegeben. Mein Vorrat ist schon seit Jahren aufgebraucht, und ich verkehre nicht mehr in den entsprechenden Kreisen. Da wäre allerdings noch Judith …

Vier Wochen. Mein Vermieter hat mich natürlich rausgeschmissen. Wovon hätte ich die Miete auch bezahlen sollen? Keine Chance ohne Lynettes hübschen Batzen Gehalt von Benningfield Solicitors Ltd. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, auf der Straße zu landen, aber ich habe wahrscheinlich Glück gehabt und ein Einzimmerapartment bekommen, das dem Kumpel eines Kumpels von Gav gehört. Gav hat für mich herumgefragt. Das ist typisch für ihn. Er ist ziemlich religiös, aber er ist schwer in Ordnung. Seine Nettigkeit ist echt. Und er drängt seine Religiosität anderen Leuten nicht auf. Wenn er das täte, wäre ich schneller aus seinem Laden raus, als man »Klickpedale« sagen kann.

Zu meiner neuen Bleibe geht es zwei schmuddelige Treppen hoch, und das Pärchen unter mir schreit sich den ganzen Tag an, aber, hey, ich habe ein Sofa und einen Fernseher. Es ist ein ziemliches Loch, die Miete beträgt jedoch gerade mal ein Fünftel von dem, was die Wohnung gekostet hat.

Ich schlage immer noch den Kopf gegen die Wand und fühle mich innerlich ausgedörrt. Wahrscheinlich liegt das an dieser furchtbar komplizierten Sache, die man Liebe nennt. Anscheinend habe ich Lynette mehr geliebt, als ich dachte.

Meine Güte, ich hasse Maurer.

Am Dienstag traf ich mich mit Judith (meiner Ex, die noch mit mir spricht). Sie trennte sich nur widerwillig von ihren Cannabis-Pflanzen, aber die Kombination aus meinem fragwürdigen Charme und einem ordentlichen Batzen Geld führte schließlich zum Ziel. Judith hat neuerdings eine blaue Strähne im Haar und sieht auf eine knochige, schmuddelige Art und Weise ziemlich gut aus. Wir rauchten zusammen einen Joint und aßen Chips, und ich dachte, wir würden vielleicht um der alten Zeiten willen miteinander schlafen, aber nein, sie meinte, sie hätte keinen Bock. Außerdem würde sie inzwischen eher auf Frauen stehen.

Na ja, immerhin ging ich mit ein paar getrockneten Knospen in einem Einmachglas und – weil mir klar ist, dass ich es mir nicht leisten kann, mir regelmäßig welche zu kaufen – mit einem Selbstanbauset in Form von zwei hübschen, üppigen Cannabis-Pflanzen nach Hause. Meine Babys. Ich habe sie – frei nach Alice im Wunderland – Weedledum und Weedledee getauft. (Anscheinend vermisse ich den Goldfisch mehr, als ich zugeben kann.) Ich habe den Tisch vors Fensterbrett geschoben und sie draufgestellt, damit sie die frühe Morgensonne abbekommen. Außerdem habe ich eine Wärmelampe aufgebaut. Das Ding frisst ordentlich Strom, aber was sein muss, muss sein. Von den getrockneten Knospen habe ich bereits ein paar verbraucht. Die reine Wonne. Ist ja hinlänglich bekannt, wie es ist. Der Stress schmilzt einfach dahin. Aber ich bin nicht stolz darauf, dass ich diesen Weg wieder eingeschlagen habe. Und ich muss mich einschränken, bis die Pflanzen ein Stück gewachsen sind.