Buch
Kurz vor Weihnachten erhält Keeley Andrews eine unerwartete Einladung nach Paris. Sie zögert zunächst, denn vor einem Jahr hatte sie einen tragischen Unfall, den sie noch nicht überwunden hat. Doch Winterspaziergänge an der Seine, köstliche Schokoladensoufflés und der glitzernde Eiffelturm bei Nacht klingen einfach verlockend, und ein wenig Ablenkung kann nicht schaden. Also reist Keeley zusammen mit ihrer besten Freundin Rach in die französische Hauptstadt. Dort stößt sie vor dem Hotel zufällig mit Ethan Bouchard zusammen. Der sympathische Franzose hat ein gebrochenes Herz und ist im Begriff, seine Hotelkette zu verlieren. Für eine neue Liebe ist er nicht bereit. Doch dann führt das Schicksal Keeley und Ethan immer wieder in den charmanten, lichterfüllten Gässchen an der Seine zusammen …
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sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin
finden Sie am Ende des Buches.
Mandy Baggot
Winterzauber an der Seine
Roman
Aus dem Englischen
von Sylvia Strasser

Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel
»A Perfect Paris Christmas« bei Aria,
an imprint of Head of Zeus Ltd, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2021
Copyright © Mandy Baggot, 2020
Published by Arrangement with HELLAS PRODUCTIONS
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: FinePic®München; Alamy/Tobias Gaube
Redaktion: Lisa Caroline Wolf
KS · Herstellung: ik
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-28330-8
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für meine Haustiere, die ich so sehr vermisse …
Schlaft gut, Truffle, Stripey und Kravitz.
November
»Nicht wieder diese grässliche Discokugel von deiner Mutter, Duncan! Ich flehe dich an! Letztes Jahr hat Lydia Mumford schreckliche Migräne davon bekommen, und ich konnte nicht mal mehr die Häppchen von Waitrose servieren.«
Lizzie Andrews funkelte ihren Ehemann böse an, der gerade die große, sich drehende Silberkugel am Haken über der Kücheninsel aufhängen wollte und dabei ganz oben auf der Trittleiter balancierte, während auf dem Herd darunter ein Topf mit Cranberrys vor sich hin köchelte.
Keeley senkte den Kopf, schaute angestrengt in den Becher mit dampfend heißem, extrastarkem Kaffee und versuchte verzweifelt, nicht zu lachen. Die Unterhaltung ihrer Eltern über die von der lange verstorbenen Großmutter geerbte Festtagsdekoration verlief stets nach dem gleichen Schema. Ihre Mum behauptete mittlerweile sogar, sie hätte ihnen die Sachen nur hinterlassen, weil sie ihrer Schwiegertochter eins auswischen wollte.
Joan hat mich gehasst. Gehasst, Duncan! Vom ersten Augenblick an. Seit ich das erste Mal zu euch gekommen bin und sie die wunderschönen Pfingstrosen, die ich ihr mitgebracht hatte, in eine leere Konservendose gestellt hat.
Keeley mochte den Adventsschmuck, auch wenn auf den ersten Blick nichts zusammenzupassen schien: Leuchtendes Lila fand sich neben Smaragdgrün, Spielzeugroboter im Stil der Achtzigerjahre hingen an bewimpelten Schnüren, und die chinesischen Papierlaternen hätten wahrscheinlich schon vor langer Zeit in Flammen aufgehen sollen. Aber irgendwie ergänzte sich der bunte Mischmasch zu einem kunstvollen Ganzen. Auch Bea, ihre Schwester, hatte die Weihnachtsdekoration geliebt. Nachdem sie genau ausgetüftelt hatte, wie die Silberkugel am besten hing, damit sie sich so symmetrisch drehte, wie es Lizzies Ordnungssinn erforderte, hatte sie stets durchgesetzt, dass sie auf die Leiter stieg und nicht ihr Dad. So war Bea nun mal gewesen: Egal, was sie in Angriff nahm, sie tat es immer voller Begeisterung, aber nie, ohne sich vorher gründlich zu informieren.
Bei dem Gedanken an ihre kleine Schwester wurde es Keeley eng in der Brust. Sie nippte schnell an ihrem Kaffee, bevor der Toaster den großen Crumpet ausspuckte.
Ihre Mum drehte den Kopf, sodass ihre braunen Locken flogen, und schnupperte mit in die Luft gereckter Nase wie ein preisgekrönter Parfümeur. Sie ließ die Kiefernzapfen, die sie mit Farbe besprühte, auf die mit alten Zeitungen bedeckte Arbeitsfläche fallen und fragte: »Was riecht denn hier so?«
»Ist das einer von diesen riesigen Crumpets, die ich gestern gekauft habe?« Duncan, immer noch auf der Leiter und die verspiegelte Kugel in beiden Händen, schaute grinsend auf sie hinunter.
»Ja, genau«, antwortete Keeley, während sie verzweifelt versuchte, den Pfannkuchen in einem Stück aus dem Toasterschlitz zu ziehen. Sie hatte ihn ohne Probleme hineinbekommen, aber jetzt war er irgendwo eingeklemmt.
»Keeley!«, rief Lizzie entsetzt. »Ein Crumpet?«
»Möchtest du auch einen, Mum?« Der Pfannkuchen steckte erbarmungslos fest, und mit jedem Befreiungsversuch riss Keeley ein Stück Kruste ab, sodass er immer kleiner wurde.
»Was willst du denn draufschmieren?«, fragte Duncan. Er hielt den Blick unverwandt auf den Haken an der Decke geheftet und hatte vor lauter Konzentration die Zungenspitze herausgestreckt. »Erdnussbutter? Oder wie wär’s mit ein bisschen Blaubeermarmelade? Die schmeckt wirklich gut.«
»Duncan!« Lizzie sah ihn vorwurfsvoll an. »Die Blaubeermarmelade war für das Teegebäck zum Adventstee mit den Forresters gedacht! Hast du sie etwa aufgemacht!«
»Entschuldige«, sagte Duncan. »Vielleicht solltest du Zettel auf die Sachen kleben, die von gewöhnlichen Sterblichen nicht angerührt werden dürfen.«
»Na, das hättest du dir doch denken können, dass sie nicht für dich ist«, erwiderte Lizzie genervt. »Wann habe ich jemals Blaubeermarmelade für dich gekauft?«
»Öfter mal was Neues, sagt man nicht so?«, konterte Duncan. »So wie du mit deinem Yoga und diesem … Crap Gaga.«
Dieses Mal lachte Keeley laut heraus. Sie öffnete eine Schublade und griff nach einer Gabel. Wenn sich dieses Mistding von Pfannkuchen nicht mit den Fingern herausziehen ließ, würde sie schwerere Geschütze auffahren müssen. »Das heißt Krav Maga, Dad.«
»Das weiß er doch!« Ihre Mum nahm die Brille ab und massierte sich den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger, als würde sie Kopfschmerzen bekommen. »Ich habe ihm gesagt, er soll mitkommen, aber er spielt ja lieber Darts, statt etwas für seine Fitness zu tun.«
»Kommt jetzt wieder die Leier, dass Darts eigentlich kein richtiger Sport sei?« Duncan balancierte mittlerweile auf einem Fuß, damit er sich noch ein bisschen weiter strecken konnte. »Falls ja, zeige ich dir gleich diesen Artikel aus dem Telegraph.«
Die Gabel in Keeleys Hand senkte sich Richtung Toaster. Ihre Mum stieß einen gellenden Schrei aus und rannte los, als würde schon wieder jemand versuchen, sich über ihre wertvolle Blaubeermarmelade herzumachen. Bevor Keeley auch nur ein weiteres Mal Atem holen konnte, stand ihre Mum schon neben ihr und riss ihr die Gabel aus den Fingern.
»Was tust du denn da? Keeley! Um Himmels willen!«
»Was?« Keeleys Herz klopfte heftig, und sie legte sich mechanisch eine Hand auf die Brust für den Fall, dass es heraussprang und sie es wieder hineinstopfen müsste. »Was hab ich denn gemacht?«
Ihre Mum fuchtelte mit der Gabel herum wie mit einem Laserschwert. »Weißt du eigentlich, wie viele Menschen jedes Jahr durch Unfälle mit dem Toaster sterben?«
»Äh, nein«, antwortete Keeley, hatte aber das unbestimmte Gefühl, dass ihre Mum es ihr gleich sagen würde.
»Siebenhundert! Siebenhundert Idioten, die es besser wissen müssten. Du müsstest es besser wissen!«
Keeley sah, dass ihre Mum aufgeregt war, nicht so, wie wenn sie Weihnachtssterne für ihre Kaffeekränzchen, Weihnachtsmärkte und Fundraising-Partys bastelte, nein, das hier war etwas anderes. Sie wirkte fast so aufgewühlt, wie wenn sie über Bea sprach.
»Entschuldige«, sagte sie.
Ihre Mum knallte die Gabel auf die Arbeitsfläche, ging an Keeley vorbei und nahm sich den Toaster vor. »Wieso toastest du überhaupt das Ding da? Es ist zuckerarmes Müsli da, und frisches Obst haben wir auch – Clementinen und eine Galiamelone oder …«
»Blaubeermarmelade«, warf Duncan ein. »Jetzt, wo das Glas schon auf ist, kannst du sie den Forresters sowieso nicht mehr anbieten.« Er grunzte hörbar, als er die Kugel endlich aufgehängt hatte. »Geschafft! Perfekt!«
Keeley beobachtete, wie ihre Mutter geschickt den Crumpet aus dem Toaster zog. Er war dunkelbraun und an den Rändern ein klein wenig verkohlt, genau wie sie es mochte. Sie konnte es fast schon schmecken. Dick mit Butter bestrichen, die schmolz und in das lockere Innere sickerte …
»Den können die Vögel haben«, sagte ihre Mum und trug den Pfannkuchen zu der Tür auf die kleine Terrasse hinaus, an die sich ein Stück Rasen mit dem Gartenhaus anschloss, in dem Duncan sein Dartboard und seine Bierbrausets aufbewahrte.
»Was? Halt, warte!«, rief Keeley. »Das ist mein Frühstück!«
Ihre Mum blieb stehen, den Pfannkuchen zwischen Daumen und Zeigefinger, als handelte es sich um eine Mine, die sie gerade ausgegraben hatte und jetzt ganz vorsichtig, damit sie nicht explodierte, hinausbefördern musste. »Ich bitte dich, Keeley, mach es doch nicht so kompliziert, Schatz!«
Kompliziert? Keeley drückte die Zunge an den Gaumen, so fest sie konnte. Sie wusste genau, wohin das führte. Es begann mit Sorge, und dann wären sie ganz schnell bei der Liste für überfürsorglich Behütete, die es Punkt für Punkt abzuarbeiten galt, bis es schließlich damit endete, dass Keeley ein unglaublich schlechtes Gewissen hatte.
»Lizzie, Liebes …« Duncan kletterte langsam von der Leiter. Dank der Kugel über seinem Kopf glich die Küche jetzt einer Art Showbühne. So gleichmäßig, wie wenn Bea sie aufgehängt hätte, rotierte sie allerdings nicht, fand Keeley.
»Nein, Duncan, misch dich jetzt nicht ein! Sonst hältst du dich ja auch lieber raus. Immer muss ich die Böse sein, während du dich hinter mir versteckst und unsere Tochter ermutigst, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen.« Den Crumpet immer noch in den Fingern verzog Keeleys Mum das Gesicht. »›Eine Pizza dann und wann schadet doch nicht, solange du den gefüllten Rand weglässt.‹ ›Du bist, was du isst, und wer will schon eine Guave sein!‹ Das ist nicht lustig! Das ist überhaupt nicht lustig! Ich habe schon eine Tochter verloren, ich will nicht noch eine verlieren!«
Der Crumpet fing an zu krümeln, und im nächsten Moment klappte Keeleys Mum zusammen wie ein schlecht gefalteter Origami-Schwan.
»Mum!« Keeley eilte zu ihr, legte die Arme um die zierliche Gestalt ihrer Mutter und zog sie an sich. »Alles okay, Mum, mir geht’s gut.«
»Dir geht es eben nicht gut«, stieß sie mit tränenerstickter Stimme hervor. Das Gesicht hatte sie an den leuchtend roten Weihnachtspullover ihrer Tochter gepresst. »Und Crumpets mit Marmelade voller Zucker machen es nur noch schlimmer.«
»Hat die Marmelade denn wirklich so viel Zucker?«, fragte Duncan. »Ich glaube, dann sollte Tommy Forrester lieber darauf verzichten. Er hat mit dem Squashspielen aufgehört, weißt du. Irgendwas wegen einer Zerrung im Bein.« Er legte sich den Zeigefinger an die Schläfe. »Oder gab es Eisbein zum Abendessen? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher.«
»Mum«, sagte Keeley sanft, »ich achte wirklich auf das, was ich esse. Immer.« Sie fing einen Blick ihres Vaters auf und verbesserte sich: »Fast immer.« Sie seufzte. »Meistens. Aber es ist doch Weihnachten!«
»Es ist November.« Ihre Mum hob den Kopf. »Leute, die unmittelbar nach Halloween sagen ›es ist Weihnachten‹, sollte man an einem Stuhl festbinden und zwingen, Piers Morgan zuzuhören.«
»Lizzie!«, rief Duncan.
»Ist doch wahr! Wir reden hier über Leben und Tod. Keeley steckt einfach ein Stück Stahl in den Toaster und isst Sachen, die ihre Arterien verstopfen werden, Zeug wie … wie …«
»Wenn du noch einmal so über Piers Morgan sprichst, werde ich es deinem Vater sagen«, drohte Duncan. »Er hat ein gerahmtes Foto von ihm in seinem Arbeitszimmer.«
»Wie …«, fuhr sie unbeirrt fort.
»Wie der Schokokuchen, den Bea immer gemacht hat«, beendete Keeley den Satz mit Tränen in den Augen.
Jemand musste den Namen ihrer Schwester doch aussprechen. Sie konnten nicht andauernd um den heißen Brei herumreden, so als ob das Wort Bea mit einem Fluch belegt wäre und ihnen für den Rest des Jahrzehnts Unglück bringen würde. Auch ein gutes Jahr nach dem schrecklichen Verkehrsunfall, der Bea aus dem Leben gerissen hatte, saß der Schmerz noch tief. Das würde das zweite Weihnachtsfest ohne sie werden. Im letzten Jahr waren alle noch völlig traumatisiert, und Keeley hatte die Feiertage im Krankenhaus verbracht.
In der Küche war es plötzlich still geworden. Keeley kullerte eine Träne übers Gesicht. Sie wischte sie hastig mit dem Handrücken weg. Sie konnte es nicht riskieren, dass ihre frisch gefärbten Haare mit Feuchtigkeit in Berührung kamen. Rach, ihre beste Freundin, behauptete zwar, das »Hellbraun mit Kupferreflexen« stamme von einer Firma, die zu L’Oréal gehöre, aber Keeley vermutete eher, dass sie die Farbe palettenweise bei Adie in dem Billigladen gekauft hatte. Sie dürfe frühestens morgen wieder unter die Dusche, hatte Rach ihr eingeschärft.
»Dieser Kuchen«, sagte Duncan und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Der war wirklich gut. Wir sollten ihn mal wieder backen. Wir alle zusammen.« Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Das würde Bea bestimmt gefallen.«
»Es wäre nicht das Gleiche«, wandte Keeleys Mum ein.
»Das wissen wir doch nicht, solange wir es nicht versuchen«, erwiderte Duncan.
»Könnte vielleicht ganz nett werden«, meinte Keeley. »Meine Niere und ich versprechen auch, dass wir nichts davon essen werden.«
Ihre Mum zog durch gespitzte Lippen scharf den Atem ein. »Ja, ja, mach dich nur lustig über mich!«
»Nein, Mum, so war das nicht gemeint, ich …« Doch Lizzie hatte sich bereits umgewandt und stapfte mit flatternder Yogahose aus der Küche.
Duncan schnupperte und fragte: »Riecht’s hier nicht verbrannt?«
»Dad, ich rieche doch praktisch nichts mehr.«
Duncan stürzte zum Herd und riss den Topf vom Kochfeld. Keeley guckte ihm über die Schulter. Die Cranberrys sahen nicht mehr wie rote Beeren aus, sondern ähnelten schwarzen Hasenkötteln. Die Flüssigkeit war zu einer teerähnlichen Substanz eingekocht.
»Oje«, murmelte Duncan. »Das wird deiner Mutter aber gar nicht gefallen. Eigentlich hätte das eine Cranberry-Jalapeño-Salsa als Dip für das Knabberzeug werden sollen, das sie heute Nachmittag ihrem Buchclub hinstellen will.«
Er zog den Topf von der heißen Platte herunter.
»Sag mal, Dad, geht es Mum gut?«
Duncan strich sich nachdenklich über seinen kurz getrimmten grauen Bart. »Richtig gut geht es ihr eigentlich nie«, antwortete er langsam. »Sie schwankt zwischen ›Sargträger‹ und ›Elton John in seinen besten Zeiten‹ – dazwischen gibt es nichts.«
Keeley nickte. »Ich weiß, aber momentan tendiert sie stark zum ›Sargträger‹, nicht wahr?«
»Na ja, es liegt an dieser besonderen Zeit. Beas Todestag … und die Erinnerung daran, wie du im Krankenhaus gelegen hast … und … Weihnachten steht vor der Tür und …«
»Und?«, drängte Keeley behutsam. Ihr Dad verheimlichte ihr etwas. Sie spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Womöglich lag das aber auch an den angebrannten Cranberrys und dem giftig riechenden Goldspray, mit dem ihre Mutter die Kiefernzapfen besprüht hatte.
»Na ja«, sagte Duncan noch einmal, »ich habe den Eindruck, dass sie mit diesen Kaffeekränzchen und Nachbarschaftszusammenkünften nur die Leere füllen will.« Er sah Keeley direkt an. »Wenn du meine Meinung hören willst – die deine Mutter ja selten interessiert, wie sie mir unmissverständlich zu verstehen gibt: Sie sucht ständig nach einer Beschäftigung, damit sie nicht nachdenken muss.«
Keeley nickte. Sie wusste ganz genau, was ihr Dad meinte. Seit Beas Tod hatte ihre Mutter mehr Hobbys, als in Ich bin ein Star – holt mich hier raus! Maden verspeist wurden. Wenn es nicht Krav Maga war, war es Yoga. Wenn es nicht Yoga war, war es Fundraising. Wenn es nicht Fundraising war, war es ein Abendessen oder eine Teegesellschaft mit Leuten, die mit den Andrews im Grunde nichts zu tun hatten, bis Lizzie sie brauchte, um eine Lücke in ihrem Terminkalender zu füllen.
»Hör zu«, sagte Duncan und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Nicht du musst dir deswegen Sorgen machen, sondern ich. Als ihr Ehemann, der Mensch, der sie am besten kennen sollte, werde ich ein wachsames Auge auf sie haben und …«
»Dich, sooft es nur geht, in deinem Hobbyraum verstecken?«
»Nein.« Duncan schüttelte den Kopf. »Ich hoffe einfach, dass irgendwann alles wieder seinen gewohnten Gang nimmt. Es ist ja noch nicht lange her, und es kann nicht ewig so weitergehen.«
»Du weißt doch – wenn sich Mum etwas in den Kopf gesetzt hat … Es könnte tatsächlich ewig dauern.« Zumal niemand vorhersagen konnte, wie lange das war – ewig.
»Iss ruhig einen Crumpet«, flüsterte Duncan. »Aber nimm ein wenig Obst dazu. Ich seh mal nach deiner Mutter. Und überbringe ihr die schlechte Nachricht, dass die Cranberrys nicht mehr zu gebrauchen sind.« Er lächelte. »Wünsch mir Glück.« Er fuhr sich vielsagend mit der Hand quer über den Hals.
Glück. Ja, das brauchte jeder im Leben.
»Nun, Brandon, was kann Ihre Lieblingsmaklerin heute für Sie tun?«
Rach saß bereits am Schreibtisch, als Keeley das Immobilienbüro betrat, für das sie arbeitete. Ihre Freundin hatte die Füße auf dem Tisch und sich so weit zurückgelehnt, wie es der Stuhl mitmachte. Auf dem welligen blonden Haar trug sie eine Weihnachtsmannmütze samt Glöckchen, und ihr grünes Kleid hätte direkt aus der Weihnachtsmannwerkstatt stammen können. Sie hatte sich das Telefon unters Kinn geklemmt, und als sie Keeley erblickte, hielt sie ihren Kaffeebecher hoch und formte lautlos die Worte: »Heute ist ein Zwei-Stück-Zucker-Morgen!«
»Wie bitte?«, rief Rach. Aber ihr Gesichtsausdruck wollte nicht so recht zu ihrem empörten Tonfall passen, und ihre Augen funkelten. »Ich hatte eigentlich erwartet, dass Sie mich nach dem ehemaligen Kutscherhaus mit den drei Schlafzimmern fragen, und nicht so etwas! Der Weihnachtsmann würde Sie ganz oben auf seine Liste der unartigen Jungs setzen, wenn er das gehört hätte.«
Sie kicherte anzüglich. Keeley nahm ihr den Becher ab und ging durch das Büro in die Küche im hinteren Bereich.
Rach war Immobilienmaklerin. Keeley nicht. Keeley war gar nichts. Nach jener Nacht, in der das Taxi verunglückt war, war alles auseinandergefallen, wie in Zeitlupe, wie eine körnige, albtraumhafte Filmszene. In der einen Minute stand sie vor einem neuen Abschnitt ihres Lebens – im Begriff, ihren Job als Assistentin eines Innenarchitekten zu kündigen und sich als Raumausstatterin selbstständig zu machen –, und in der nächsten fand sie sich im OP wieder, wo sie um ihr Leben kämpfte, während ihre Schwester diesen Kampf tragischerweise bereits verloren hatte. Diese Nacht hatte alles verändert. Alles. Bea war tot. Ihre eigene Karriere war vorbei, noch bevor sie begonnen hatte. Sie wohnte wieder bei ihren Eltern und arbeitete als »Hausdoktor« für House 2 Home. Es war nicht unbedingt das, was sie sich vorgestellt hatte. Lieber würde sie ihre Kreativität zum Beispiel dafür einsetzen, eine Tapete zu entwerfen, statt sich Gedanken darüber zu machen, welcher Kaktus am besten in welches Ikea-Regal passte. Aber es war ein Job, der anständig bezahlt wurde, und der kurze Weg zur Arbeit war durchaus angenehm. Hinzu kam, dass das Geschäft einem Freund der Familie, Roland Krantz, gehörte, was ein wichtiger Pluspunkt für ihre Mutter war, denn falls Keeley Fieber oder Kopfweh haben oder angeschlagen wirken sollte, würde sie es bis spätestens Mittag erfahren.
Keeley setzte Wasser auf, lehnte sich an die Arbeitsfläche und betrachtete den Adventskalender, der seit mindestens zwei Wochen dort hing. Erst November, und schon waren einige Türchen geöffnet worden. Das brachte bestimmt Unglück. Sie seufzte. Glück, Unglück – was war das heute nur mit diesen Wörtern?
Rach kam in die Küche. »Noch nicht mal halb neun, und dieser verdammte Brandon ist schon scharf wie eine Rasierklinge.« Sie schaute auf die Uhr. »Noch nicht mal halb neun. Was machst du denn schon hier?«
»Meine Mum hat mir vorgeworfen, ich würde zu leichtsinnig mit meinem Leben umgehen, als ich versucht habe, einen Crumpet mit einer Gabel aus dem Toaster zu ziehen«, antwortete Keeley. »Dann hab ich den Crumpet auch noch mit Blaubeermarmelade, die gar nicht für Dad und mich bestimmt war, gegessen. Und bevor ich gegangen bin, hat sie meinem Dad ein Mehrkornbaguette auf den Kopf gehauen, weil die Cranberrys angebrannt waren.«
»So ein Mist. Und da beklag ich mich, weil mich einer noch vor meinem zweiten Kaffee fragt, ob ich mit ihm in die Kiste steigen will.«
»Tja, siehst du, wenn jemand die zwei Stück Zucker im Kaffee nötig hat, dann bin ich das«, sagte Keeley schmunzelnd.
»Wart’s ab. Vielleicht brauchst du sogar drei, wenn du erfährst, was Roland heute mit dir vorhat.« Rach zupfte am Saum ihres ultrakurzen Rocks.
»O Gott!« Keeley stöhnte und schloss die Augen. Dann atmete sie tief durch und machte die Augen wieder auf, gerade als Rach ein weiteres Türchen am Adventskalender aufriss. »Es hat doch hoffentlich nichts mit dem Rundfunksender zu tun, oder?«
Letztes Jahr hatte Roland sie hingeschickt, um einen Jingle für die neue Weihnachtswerbekampagne für House 2 Home aufzunehmen. Das war das erste und letzte Mal gewesen, dass sie mit den Arbeitskollegen gesungen hatte. Ein einziger Refrain von »It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas«, und Roland hatte sich in eine Art Jurymitglied verwandelt und gemeint, sie hätte »die nächste Runde erreicht«. Ihr war damals nicht im Geringsten nach Weihnachten zumute gewesen, und sie war erst eine Woche vor dem Termin bei Kensington FM zum Team gestoßen. Da hatte sie noch höllische Unterleibsschmerzen gehabt, wenn sie bloß ein bisschen heftiger lachte. Aber Rolands Wahlspruch lautete: Was dich nicht umbringt, macht dich erfolgreich. Den hatte er, laut Rach, sogar auf Postkarten und Tragetaschen drucken lassen.
»Nein, nein«, antwortete Rach lachend. Sie schob sich eine Praline in den Mund und öffnete noch ein Türchen.
»Ist es die Schule? Als ich das letzte Mal dort war, ist eins der Mädchen mit einer Bibel und drei Klebestiften auf mich losgegangen.«
»Soll ich dich erlösen?«
»Ja, bitte. Ich werde meiner Mutter auch nicht verraten, dass ich es von dir weiß.«
»Mr Petersons Haus steht wieder zum Verkauf. Roland will, dass du dir die Inneneinrichtung vornimmst.«
Keeley hielt die Luft an. Sie spürte, wie alles immer enger wurde. Ihr Rockbund. Die Socken in ihren Stiefeln, die im Trockner definitiv eingelaufen waren. Ihr Herz …
»Nein«, brachte sie schließlich hervor. »Nein, du willst mich nur ärgern. Vor sechs Monaten hat Roland gesagt, dass Mr Peterson nie wieder als Kunde infrage kommt – nicht einmal dann, wenn er es fertigbringen würde, jede einzelne Flasche Scotch aus Schottland für ihn aufzutreiben.«
»Na ja«, sagte Rach gedehnt, während ihre Brauen den Rand ihrer Weihnachtsmannmütze berührten, »drücken wir es mal so aus: Es könnte ein verdammt trockenes Weihnachten in den schottischen Highlands werden.«
»Nein!« Keeley fasste sich mit beiden Händen in die Haare. »Nein, nein, nein! Ausgeschlossen! Das kann ich einfach nicht!«
Sie konnte es wirklich nicht. Die Erinnerung war noch zu frisch. Sie wollte nicht einmal daran denken, wieder einen Fuß über die Schwelle von Mr Petersons Haus zu setzen. Das Reihenhaus mit den zwei Schlafzimmern lag an einer bekannten Straße im Herzen von Chelsea – und war vom Keller bis zum Dachboden voll mit präparierten Tieren, die Mr Peterson persönlich ausgestopft hatte, in einem düsteren, fensterlosen Kellerraum, der eher einer Folterkammer glich als dem »Familienzimmer mit Ausbaupotenzial«, wie Roland es in seinem Exposé formuliert hatte. Als er Keeley vor sechs Monaten gebeten hatte, die Inneneinrichtung umzugestalten, sodass Besichtigungen durchgeführt werden konnten, hatte sie darauf bestanden, dass alle Tierpräparate sowie ein Teil der altmodischen (und blutfleckigen) Möbel entfernt wurden. Das Haus wurde professionell gereinigt und mit gemieteten Einrichtungsgegenständen ausgestattet. Doch bei der zweiten Besichtigung mit einem Paar und seinen dreijährigen Zwillingen waren aus dem Schrank im Elternschlafzimmer zwei knopfäugige Fasane und ein Maulwurf herausgefallen und hatten alle zu Tode erschreckt. Anscheinend ging Mr Petersons Bereitschaft, den Verkauf seines Anwesens zu fördern, nicht so weit, dass er sich für einige Wochen von seinen toten Geschöpfen trennen konnte. Er gehörte zu jenen dickköpfigen Kunden, die, wie Keeley aus Erfahrung wusste, unbelehrbar waren.
»Ich weiß nicht, ob du eine andere Wahl hast, wenn du deinen Weihnachtsbonus möchtest«, sagte Rach und tätschelte ihr die Schulter.
»Dann verzichte ich eben darauf.« So viel konnte das nicht sein. Roland war ein berüchtigter Sparfuchs.
»Er hat versprochen, dass es keine tierischen Überraschungen geben wird«, fügte Rach hinzu.
»Ich glaube ihm kein Wort.«
»Das sieht dir aber gar nicht ähnlich, Keeley.«
»Was sieht mir nicht ähnlich?«
»Du bist doch sonst die Freundlichkeit und Friedfertigkeit in Person! Stimmt was nicht?«
»Nein, alles in Ordnung.« Keeley nahm die Hände aus den Haaren, griff nach dem Wasserkocher und goss heißes Wasser in zwei Becher. Nichts war in Ordnung. Dass ihre Mum so einen Aufstand wegen eines Crumpets machte, belastete sie immer noch. Und das Letzte, was sie wollte, war, in der Vorweihnachtszeit Mr Petersons als Wohnung getarntes stinkendes Schlachthaus zu betreten.
»Na ja, wie auch immer – deine Haare sehen jedenfalls toll aus«, meinte Rach bewundernd. »Du hast hoffentlich darauf geachtet, dass sie nicht nass werden, oder?«
»Klar.« Keeley nickte und rührte Instantkaffee in das Wasser.
»Schön, dann liegt es also nur an deiner Mum, weil sie denkt, du könntest der Star einer Final-Destination-Reihe sein?«
Keeley musste lächeln, sie konnte einfach nicht anders. Rach war so ziemlich der einzige Mensch, der noch genauso mit ihr redete wie früher. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wurde sie von allen wie ein rohes Ei behandelt, so als könnte ein falsches Wort oder eine zu feste Umarmung ihren Sinusrhythmus aus dem Takt bringen.
»Sie hat mehr Events mit Weihnachtsdrinks und Knabberzeug auf ihrem Terminplan, als zurzeit im Radio Songs von Michael Bublé gespielt werden«, erwiderte sie seufzend. »Mein Dad meint, sie lädt sich den ganzen Mist auf, weil sie das ablenkt. Damit sie nicht nachdenken muss. Wegen Bea und so. Na ja, hauptsächlich wegen Bea.«
»Und du, was denkst du?«
»Ich denke, dass ich noch wahnsinnig werde, wenn ich nicht bald von zu Hause ausziehe … oder irgendwas in Brand stecke … oder wahnsinnig werde … oder etwas wirklich, wirklich Schlimmes, aber unglaublich Leckeres esse, und zwar direkt vor ihren Augen … eine ganze Packung Eiscreme zum Beispiel.« Keeley rührte den Kaffee in beiden Bechern um und gab einen davon Rach. »Weihnachten ist nicht die richtige Zeit, um über einen Auszug nachzudenken, oder?«, sagte sie leise.
Aber wann war der richtige Zeitpunkt? Im tiefsten Inneren wusste sie, dass sie zu Hause blieb, weil ihre Eltern sie brauchten. Zumindest ihre Mutter brauchte sie. Beas Tod war ein schwerer Schicksalsschlag gewesen, der Lizzies und Duncans Welt auf den Kopf gestellt hatte. Sie mussten nicht nur mit dem Verlust ihres Kindes fertigwerden, sie hatten auch ihr eigenes Leben praktisch aufgegeben, um Keeley gesund zu pflegen. Ihre Mutter war sogar in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Daher das starke Bedürfnis nach immer neuen Hobbys …
»Sind da zwei Stück Zucker drin?« Rach hielt ihren Becher hoch.
»Ja, passend zu den Pralinen aus dem Adventskalender, die du gefuttert hast.« Keeley nippte an ihrem Getränk. »Du weißt schon, dass wir noch nicht mal Dezember haben, oder?«
»Ich weiß jedenfalls, dass es nicht mein Adventskalender ist«, antwortete Rach grinsend. »Er gehört Oz. Ich hab ihm erzählt, die Tochter der Putzfrau stibitzt immer die Süßigkeiten.«
»Rach!«
»O Gott!« Rach schnellte vor und knallte ihren Becher auf die Arbeitsfläche. »Haben wir irgendwo Küchenpapier?«
»Was? Keine Ahnung.«
»Jetzt bloß keine Panik!«, sagte Rach. »Das kriegen wir schon wieder hin.« Sie nahm Keeley den Kaffeebecher aus den Händen und stellte ihn ab. »Die Farbe geht bestimmt wieder raus.«
»Was?« Keeley starrte ihre Hände an. Sie waren braun verfärbt. »Rach! Ist das Haarfarbe?«
»Na ja, du musstest dir ja unbedingt in die Haare greifen, als ich dir von Mr Peterson erzählt habe. Wahrscheinlich hast du schwitzige Hände gehabt. Ich hab dich ja gewarnt: keine Feuchtigkeit! Komm mit aufs Klo. Mal sehen, was ich tun kann. Aber unterwegs nichts anfassen!« Sie zog Keeley am Arm hinter sich her.
»Was soll das heißen – ›die Farbe geht bestimmt wieder raus‹? Das Zeug hat meine Haare gefärbt. Es hat das Potenzial zum Färben! Das ist sein Daseinszweck! Sein einzigartiger Wettbewerbsvorteil!« Keeleys Stimme war eine Spur schrill geworden.
»Ganz ruhig, tief durchatmen!«, befahl Rach. »Denk an die Eiscreme. Ich spendiere dir eine Packung!«
»Was ist denn mit deinen Haaren passiert? Sieht furchtbar aus.«
Keeley beobachtete, wie ihre zweiundzwanzigjährige Freundin Erica sich gleich mehrere Celebrations-Riegel auf einmal in den Mund schob. Offenbar hatte sie die Schokolade schon vorher ausgepackt, damit sie sie schneller in sich hineinstopfen konnte. An einigen klebten Flusen von der Decke über ihrer schmalen, schrumpfenden Gestalt. Erica störten die Fussel anscheinend nicht. Wieso sollten sie auch? Das Polyester würde sie nicht umbringen. Es war der Krebs im Stadium vier, der sie töten würde.
»Danke«, antwortete Keeley lächelnd.
»Meine Haare sehen auch schrecklich aus, aber ich werde bald sterben. Ich darf so aussehen. Was ist deine Entschuldigung?«
»Rach hat sie mir mit irgendeinem Billigprodukt gefärbt, von dem wir jetzt wissen, dass es in der Ukraine verboten wurde. Ich kann von Glück sagen, dass die Ausdünstungen mich nicht blind gemacht haben. Ob ich von den chemischen Inhaltsstoffen unfruchtbar geworden bin, wird sich noch zeigen.«
Auf Ericas Gesicht zeigte sich eine rasche Abfolge verschiedenster Ausdrücke. Fältchen gruben sich rings um ihre tief liegenden dunkelbraunen Augen, ihre eingefallenen Wangen blähten sich auf, und dann sprühte eine Ladung Schokoladenkrümel aus ihrem weit geöffneten Mund auf die Bettdecke. »So ein Mist«, keuchte sie, »die schöne Schokolade!«
Keeley riss ein paar Papiertücher aus der Schachtel neben dem Bett und tupfte die mit Speichel vermischten Schokostückchen ab. »Ich hol dir eine frische Decke.«
»Lass nur«, wehrte Erica ab. »Ist ja nur Schokolade. Die Krümel kann ich später futtern, wenn sie mir nichts mehr zu essen geben.« Im Flüsterton fuhr sie fort: »So machen sie das nämlich, wenn sie dich loswerden wollen, weißt du. Wenn du nicht innerhalb von ein paar Wochen den Löffel abgibst, tun sie alles, damit sie dich wieder ins Pflegeheim abschieben können. Sie servieren dir sogar mieseres Essen.«
»Oh, also ich kann mir nicht vorstellen, dass das stimmt.«
Keeley arbeitete ehrenamtlich hier. Nach dem Unfall, als sie sich endlich nicht mehr gefühlt hatte, als ob Dwayne »The Rock« Johnson sie mit Fäusten bearbeitet hätte, und sie wieder ein paar Schritte gehen konnte, ohne dass ihr gleich sterbenselend wurde, hatte sie etwas zurückgeben wollen und sich dafür entschieden, ehrenamtlich im Krankenhaus auszuhelfen. Schnell hatte sich herausgestellt, dass sie damit nicht nur den Patienten, sondern auch sich selbst etwas Gutes tat. Es war ganz erstaunlich, was ein paar Monopoly-Spiele, Sudokus und ein Serienmarathon bewirken konnten, statt ständig nur zu Hause zu sitzen, Trübsal zu blasen und die verstorbene Schwester schrecklich zu vermissen.
Das Allerbeste an diesen Nachmittagen im Krankenhaus aber war die Freundschaft, die sich mit Erica entwickelt hatte. Sie hatten sich auf der Station für Onkologie kennengelernt, als Ericas Therapie begann. Auf Keeleys Vorschlag, Scrabble zu spielen, hatte sie sich von Erica einiges anhören müssen, bis sie schließlich gemeint hatte, es wäre doch »nice«, wenn sie ein Trinkspiel daraus machen würden. Da sie sowohl eine Strahlen- als auch eine Chemotherapie bekam, war Alkohol keine Option. Stattdessen musste der Verlierer eine heiße Schokolade aus der Kantine spendieren. Sie wurden richtig gute Freundinnen, was angesichts ihrer ungewöhnlichen Lebensumstände schon ein wenig überraschend war. Ericas Kampfgeist erinnerte Keeley an Bea. Obwohl sie bei jeder Untersuchung mit der schlimmsten Prognose konfrontiert wurde, gab sie nicht auf: Sie glaubte felsenfest daran, wieder gesund zu werden.
Woche für Woche bekam sie eine Chemo oder eine Bestrahlung – manchmal ging es ihr so schlecht, dass sie sich im Bett nicht aufsetzen, geschweige denn ein Brettspiel spielen konnte. Keeley kümmerte sich auch außerhalb des Krankenhauses um sie, sorgte dafür, dass sie zu Hause alles hatte, was sie brauchte, einschließlich eines professionellen Notfallsets. Dennoch hatte ihr Weg sie nur wenige Monate später in das angegliederte Hospiz geführt. Und jetzt übte Keeley ihre ehrenamtliche Tätigkeit dort aus, wo ihre Großmutter Joan gepflegt worden war und wo auch ihre lebenslustige junge Freundin sterben würde. Trotz allem blieb Erica tough und kämpferisch. Und Keeley bewunderte ihre Freundin dafür sehr – es ging zwar nicht mehr darum, die Schlacht zu gewinnen, aber sie konnte sicher sein, dass sie gekämpft hatte bis zum bitteren Ende.
»Ich halte schon durch, das kannst du mir glauben. Aber wenn sie mir noch ein einziges Mal flüssiges Katzenfutter vorsetzen, muss ich vielleicht doch frühzeitig abdanken. Im Pflegeheim kannst du dir wenigstens die Mahlzeit vom Tischnachbarn klauen, wenn dir deine eigene nicht schmeckt. Hier ist es ja wie in Einzelhaft.«
»Warst du denn schon mal in Einzelhaft?«, fragte Keeley grinsend. »Wenn ja, hast du mir das verschwiegen.«
»Ich hab doch Netflix! Ich seh mir alle Serien an, die mit dem hier nichts zu tun haben!« Erica musste husten, jeder rasselnde Atemzug beförderte Schleim nach oben. Keeley massierte ihr sanft den Rücken, bis der Anfall vorbei war und Ericas schmächtige Gestalt auf die Kissen zurücksank.
»Das war nicht der verdammte Krebs, sondern die verdammte Schokolade«, röchelte sie.
Keeley lächelte. »Wie geht’s dir denn heute? Ich meine abgesehen davon, dass du nicht genug zu futtern kriegst.«
»Wie soll’s mir schon gehen. Ich sterbe«, erwiderte Erica achselzuckend. »Heute waren ein paar Kirchenmänner da. Sie haben mich angestarrt, als würden sie abschätzen, wie groß mein Sarg werden muss.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Sie haben mich angesehen, als ob ich nicht Erica wäre, sondern bloß ein verbrauchter Körper, der sich demnächst auflöst und verflüchtigt. Sie haben mich angesehen, als ob es mich als Person gar nicht mehr gibt.«
Keeley griff nach ihrer Hand, aber Erica zog sie weg. Keeley wusste ganz genau, wie sich ihre Freundin fühlte. Sie hatte manchmal den Eindruck, dass ein Teil von ihr mit ihrer Schwester gestorben war. So als wäre das, was kaputtgegangen und ersetzt worden war, nicht richtig angewachsen oder würde nicht einwandfrei funktionieren.
»Verschon mich mit dieser Mitleidstour! Du weißt, dass ich das hasse. Es reicht, wenn die andern mir mit diesem Mist kommen!«
»Entschuldige.«
»Du bist die Einzige hier, die mich nicht so behandelt, als ob ich längst tot wäre. Du hast mir vom ersten Moment an Geschichten aus deinem beknackten Leben erzählt – ich weiß bis heute nicht, ob du sie nur erfunden hast, um mich aufzuheitern, aber du hast mich zum Lachen gebracht und dafür gesorgt, dass ich etwas fühle. Was Besseres kann einem nicht passieren, wenn man jeden Tag ans Bett gefesselt ist.«
Keeley schwieg einen Augenblick und fragte dann: »Von wem sind denn die Schokoriegel?«
»Eine gewisse Mary hat sie für Miss Phipps gekauft, aber die ist heute Nacht gestorben, und da, na ja …«
Der unaufhörliche Kreislauf des Lebens. Das Geschenk der einen kam einer anderen zugute. Niemand wusste das besser als Keeley.
»Willst du auch eins?« Erica hielt ihr etwas hin, das wie ein kleiner Milky-Way-Riegel aussah. Schwer zu sagen ohne Verpackung.
Keeley schüttelte den Kopf. Sie hatte schon drei Pralinen aus dem Adventskalender gegessen, nachdem es Rach endlich gelungen war, ihre verfärbten Hände einigermaßen in Ordnung zu bringen. Zum Ausgleich würde es zum Abendessen etwas mit Grünkohl geben, und sie würde einen Umweg über das Fitnessstudio machen, wenn sie nach Hause ging.
»Nimm’s mir nicht übel, aber du siehst aus, als wärst du diejenige, die sterben muss«, meinte Erica. »Ich dachte, du sollst die Leute hier aufheitern!«
»Du hast recht«, pflichtete Keeley ihr bei.
»Na, dann sag das mal deinem Gesicht! Du lebst! Du hast vielleicht danebengegriffen, was deine Haare angeht, aber das lässt sich ja wieder ändern! Ich bin mit mir gestraft, bis Gevatter Tod mich holt.«
»Wenn du möchtest, lasse ich jemanden kommen, der dir die Haare macht.« Es gab Angebote für so etwas. Das Hospiz arbeitete mit allen möglichen Firmen und Organisationen zusammen, um Patienten einen letzten Wunsch zu erfüllen. Vergangene Woche hatten sie ein Wiedersehen zwischen Mr Davidson und dem Geier arrangiert, um den er sich während seiner Tätigkeit in einem Vogelschutzzentrum gekümmert hatte. Little Buddy hatte eine Flügelspannweite von knapp zwei Metern, sodass es eine Herausforderung gewesen war, ihn in Mr Davidsons Zimmer zu transportieren, wo er sich so über die Leckerbissen auf dem Teewagen gefreut hatte, dass er mit seinen gewaltigen Schwingen schlug und einiges durcheinanderwirbelte. Aber die Tränen des alten Mannes und seine zitternden Lippen hatten alle zutiefst bewegt. Und wer hätte gedacht, dass Geier es liebten, unter dem Schnabel gekrault zu werden?
»Von Rach werde ich mir auf keinen Fall die Haare machen lassen! Wenn ich schon sterbe, dann bitte nicht mit Haaren, die aussehen, als wären sie mit Öl gefärbt worden.«
»Du übertreibst«, sagte Keeley und fasste sich an die Haare. »So schlimm sehen sie jetzt auch wieder nicht aus!« Das hatte Rach ihr zumindest versichert.
»Nein«, seufzte Erica. »Du hast ja recht. Sind ganz passabel. Ich bin bloß ein gehässiges Miststück. Das ist das Vorrecht einer Sterbenden: Sie darf sagen, was sie will, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Wen juckt’s, ob jemand zu meiner Beerdigung kommt? Ich liege eh in einer Kiste … na ja, hoffentlich in einem dieser Rattankörbe, wenn ich mir so einen leisten kann.«
»Darüber kannst du dir später Gedanken machen«, entgegnete Keeley und schluckte, weil sie plötzlich einen Kloß im Hals hatte. Sie dachten beide das Gleiche. Sie wussten beide, was kommen würde. Keeley würde wieder einen nahestehenden Menschen verlieren. Jemanden, der sie so sehr an ihre kleine Schwester erinnerte. Das war einfach nicht fair!
»Worüber soll ich mir dann Gedanken machen?«, fragte Erica, die großen Augen fest auf Keeley gerichtet. »Was ich von hier aus sehen kann, ist so deprimierend, dass es keinen zweiten Blick lohnt. So wie dieses grässliche Bild dort.«
Keeley folgte ihrem Blick zu dem Ölgemälde, das zwei auf den Hinterbeinen miteinander tanzende Pudel darstellte. Einer hatte einen Bart wie Karl I. Es war wirklich ein schauderhaftes Bild. Sie wandte sich wieder Erica zu.
»Was würdest du denn gern sehen?«
Vielleicht konnte sie erreichen, dass Erica in eins der Zimmer mit einem großen Fenster verlegt wurde. Diese Zimmer, die normalerweise den Patienten vorbehalten waren, die am bitteren Ende ihrer Reise angelangt waren, hatten alle einen fantastischen Blick auf die Parklandschaft. Selbst jetzt, Ende November, boten die kahlen, mit glitzerndem Raureif überzogenen Bäume einen märchenhaften Anblick.
»Einen der Jonas Brothers? Mir egal, welchen. Das heißt, lieber Nick … nein, Joe … nein, Nick, eindeutig Nick.«
Keeley lachte. Ein Poster oder eine Pappfigur oder ein Kissenbezug mit der Band dürfte nicht allzu schwer aufzutreiben sein. Sie würde später bei Amazon nachsehen.
»Aber nichts Weihnachtliches«, sagte Erica und sah ein bisschen wehmütig aus. »Mit der Schokolade komme ich schon klar, aber die Deko verspottet mich.« Sie seufzte. »Sieht nämlich ganz so aus, als würde ich den Truthahn dieses Jahr verpassen. Und das ist echt grausam. Ich liebe Truthahn!«
»Truthahn und die Jonas Brothers … Nick Jonas.« Keeley zählte die Punkte an den Fingern ab. »Weihnachten kann dieses Jahr garantiert ein bisschen früher stattfinden.«
»Was machst du denn an Weihnachten?« Erica strich die Decke mit ihren knochigen Händen glatt und tupfte mit der Fingerspitze ein Bröckchen Schokolade auf.
»Oh, ich werde daheim sein. Meine Mum wird ein wahres Festmahl zaubern, von dem ich nur ein paar Bissen probieren darf, und mein Dad wird vermutlich meinen Anteil in sich hineinschaufeln. Und nach dem Truthahn – sorry – werden wir Käse und Pralinen futtern und danach wohl vor dem Holzofen einschlafen, den mein Dad dermaßen anheizt, dass es im Wohnzimmer so warm ist wie im Innern eines Vulkans.«
Erica schnaubte. »Klingt klasse. Mal abgesehen davon, dass du nicht essen kannst, was du willst. Das wird in den Filmen, wo jemandem ein Organ transplantiert worden ist, nicht erwähnt, oder?«
Keeley zuckte mit den Schultern. »Vielleicht, weil den Drehbuchautoren das Thema zu sehr an die Nieren geht«, flachste sie und lächelte. Sie hatte für fast jede Gelegenheit einen Nierenwitz parat.
Denn das war der Grund, weshalb sie das Leben im Schongang anging: Letztes Jahr hatte sie eine neue Niere von einem unbekannten Spender bekommen. Ein kostbares Geschenk, das ihr das Leben gerettet und verhindert hatte, dass die Andrews beide Kinder beim selben Unfall verloren. Ein wahres Wunder, das ihren Alltag allerdings völlig verändert hatte. Nichts würde je wieder so sein, wie es war. Aber immerhin war sie noch am Leben.
»Schon besser«, bemerkte Erica grinsend. »Jetzt guckst du schon wieder viel fröhlicher!«
»Okay, soll ich dir einen Tee bringen? Oder lieber eine heiße Schokolade? Ich kann aber nicht garantieren, dass die hier genauso gut schmeckt wie die aus der Krankenhauskantine.«
»Ein Carlsberg?«, fragte Erica. Sie gab die Hoffnung nie auf.
»Vielleicht kann ich einen Glühwein auftreiben.«
»Zwei, bitte! Meine Nieren sind sowieso schon hinüber, wie der ganze Rest von mir.«