Eine Brücke im Wald

Der wichtigste
Schritt …


Gedichte
von
Monika Kraft



„Wie wenig der Mensch bedarf,
und wie lieb es Ihm wird, wenn er fühlt,
wie sehr er das wenige bedarf.“

- Johann Wolfgang von Goethe

Eine alte treppe die in eine Dunkle höhle führt.

Das Kind

Ich schaue nach hinten
und sehe mein Leben.
Ich sehe ein Kind,
und das Kind bin ich.

Ich sehe ein Kind,
dass sich immer bemüht,
alles richtig zu machen,
doch es kriegt kein Lob.

Das Kind ist so fleißig
und macht nie Kummer,
das Kind ist so brav,
aber keiner liebt es.

Ich sehe ein Kind,
dass so traurig da liegt.
Es weiß nicht, warum
die Welt so schlimm ist.

Das Kind ist hübsch,
nur mit traurigen Augen.
Es ist ganz allein,
denn auf ihr liegt die Schuld.

Schuld, dass es geboren ist,
Schuld, das es atmet,
Schuld, dass es da ist
und Schuld, dass es lebt.

Ich schaue nach hinten
und sehe mein Leben.
Ich sehe ein Kind,
auf ihr liegt die Schuld.

Doch wer nimmt sich das Recht,
so ein Urteil zu sprechen?
Bestimmt nicht Gott,
denn er schenkte ihr das Leben.

Der Maulbeerbaum

Ich war schon öfters in Berlin,
und jedes Mal besuchte ich
das Schloß Sophie-Charlottenburg
mit seinem wunderschönen Garten.

Da traf ich überraschend
am Ende eines langen Tages,
ganz nah am Hause wachsend,
einen alten Maulbeerbaum.

Diese Bäume hab‘ ich
seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
Der Baum hat mich verzaubert,
ich konnte nicht mehr weiterlaufen.

Der Baum hat mich
aus meinem erwachsenen Alter
ganz schnell und leise
in meine Kindheit katapultiert!

Wo ich als kleines Mädchen,
mit zwei langen Zöpfen
und einem roten Kleid,
an unserem Gartenzaun stand.

Da ging ich sehr oft entlang
an heißen Sommertagen,
und schaute auf die Äste
von Nachbars Maulbeerbaum.

Die sehr langen Äste
wuchsen tief in unseren Garten.
Sie spendeten kühlen Schatten
und sehr leckere Früchte.

Ich musste immer hüpfen,
um die Äste zu erreichen.
Die Anstrengungen wurden belohnt
mit sehr süßen Früchten.

Ich aß diese Früchte sehr gern,
egal, ob rote, schwarze oder weiße.
Die Beeren waren auch sehr saftig,
ich musste auf mein Kleid sehr achten.

Und diese Bäume sind nicht nur
bei vielen Menschen sehr beliebt,
auch die Larven des Seidenspinners
lieben Maulbeerbäume sehr.

Zu unserem großen Glück
essen die Larven nur die Blätter
und schenken uns später
die kostbarsten Seidenstoffe der Welt!

Und dieser Baum
ist nicht wie andere Bäume!
Dieser Baum hat noch
ein ungeklärtes Geheimnis!

Jedes einzelne Blatt von ihm
ist wie kein anderes Blatt!
Jedes einzelne Blatt von ihm
ist ein Unikat!

Und obwohl die Blätter
unterschiedliche Formen haben,
leben, wachsen und gedeihen sie friedlich
und glücklich auf einem einzigen Baum!

Wir, die Menschen auf allen Kontinenten,
sind auch alle unterschiedlich!
Warum gestalten wir nicht unser Leben
wie die Blätter vom Maulbeerbaum?

Ein Maulbeerbaum.

Eigenes Leben

Es ist ein Schultag,
und der Klasse 7 b
wird eine Frage gestellt:
Wer hat sich Gedanken über das Leben gemacht?

Die ganze Klasse ist aufgelöst.
Die ganze Klasse ist am Lachen.
Nein, nicht die ganze Klasse.
Ein Mädchen ist nachdenklich.

Sie denkt schon lange,
warum hat sie
so ein komisches Gefühl,
wenn sie an das eigene Leben denkt!

Sie merkt schon lange,
dass etwas nicht stimmt,
aber was, weiß sie nicht,
und keiner will ihr das sagen.

Erst mit einundvierzig Jahren,
nach vielen depressiven Jahren,
erfährt sie von einer fremden Person,
dass ihre Gefühle sie nicht belogen haben.

Ein Baum mit einem Ast der um ein Drahtseil gewachsen ist.

Ein unendliches Drama

In einem fremden Land
mit fremder Sprache und Kultur,
als niemand in einer Familie
unter Hass, Neid und Schuld.

Einen Vater zu haben,
der nicht da ist,
der dich hasst
und nur den Tod dir wünscht.

Mit einer Mutter leben,
die dich kaum sieht,
die dich nicht beschützt,
die dich nicht liebt.

Keinen Bruder, keine Schwester
um das schwere Leid zu teilen.
Keiner der dich hört
und sich zu dir bekennt.

Du bist in einem kalten Käfig,
der keine Türen hat!
Du hast nur dich,
bist leider ganz allein!

Du kannst nur alles vergessen,
hast keine andere Wahl.
Vergessen, um nicht zu weinen,
vergessen, um weiter zu sein.

Jetzt bin ich erwachsen
und habe einen Traum:
Ich bin ein Kind
und erlebe einen Albtraum!

Und dieser Albtraum
ist die bittere Wahrheit:
Bilder aus der Hölle
sind präsent Tag und Nacht!

Wie kann ich das noch mal vergessen,
um weiter zu atmen,
um weiter zu lachen,
um weiter zu leben?

Welche Taste soll ich drücken,
um alles zu löschen?
Um dann wieder lachen
und tanzen zu können?

Verdrängt

Verdrängt …
So vieles hatte ich verdrängt,
und das seit meinem Kindergartenalter.
Ich wusste nicht wohin damit.

Es gab so viele grausame, traurige Bilder
die ich aus meinem Blickwinkel
beiseite schob und schob und schob…
Nur leider sind sie nicht verschwunden.

Die verdrängten Geschehnisse
waren immer bei mir wie mein Schatten
und haben sich schichtweise gestapelt
auf meiner Seele und auf meinem Kreuz.

Die Last wurde von Jahr zu Jahr
immer größer und schwerer.
Das Gewicht hatte mich zerdrückt.
Ich wurde ein körperliches und geistiges Wrack.

Denn die viele vergangene Jahre
haben meine Lebensenergie ausgepresst.
Ich muss die alten Lasten loswerden,
damit mein neues Leben beginnen kann.

Verständnis

Von manchen Seiten höre ich:
„Du musst Verständnis haben!“.
Ich habe großes Verständnis
für andere Menschen.

Weder habe ich ein Mangel
an Einfühlungsvermögen,
noch ist meine Urteilskraft
und mein Scharfsinn getrübt.

Nur wer hat Verständnis
für mich und meine Leiden?
Ich hätte gerne von anderen
auch Verständnis erfahren!

Menschen reden …

Zu mir, einer Aussiedlerin,
wird oft gesagt von Angesicht zu Angesicht,
dass nach ein paar Generationen
unser Leben besser wird.

Dann werden meine Landsleute
geduldet und akzeptiert.
Wir müssen steinalt werden.
Wir werden diese Zeiten nicht erleben.

Was nutzen uns diese Reden.
Jeder braucht jetzt und sofort Sauerstoff
und nicht nach vielen Generationen.
Es kann ohne Luft keiner leben.

Es kann kein Mensch
ohne Akzeptanz und Respekt
auf dieser Erde leben!
Dies ist genauso wichtig wie die Luft!

Und das habe ich nicht ausgedacht!
Das steht in unseren Gesetzen:
Die Menschen sind alle gleich
und alle haben gleiche Rechte!

Ausgebrannt

Es geht mir sehr schlecht!
Der Kopf rattert wie ein Motor.
Und die Hände und die Beine
sind so schwer wie Blei.

Das Rattern nimmt kein Ende
und raubt mir die letzte Energie.
Meine Verfassung ist miserabel.
Der Körper gleicht einem Wrack.

Jede kleinste Bewegung von mir
ist verbunden mit starkem Schmerz.
Jedes minimalste Geräusch
klingt für mich wie ein Schrei!

Ich mache meine Augen und Ohren zu.
Ich mochte nichts sehen, nichts hören.
Ich bin ganz platt,
denn ich bin ausgebrannt.

Mein einziger Gedanke
kreist nur um ein Problem:
Ich weiß, ich muss das Rattern stoppen!
Nur ich weiß nicht, wie ich das machen soll!

Das einzige was ich noch machen kann,
ist das Liegen auf meinem Bett.
Ich kuschle mich ein und bin weg.
Ich schlafe von der Erschöpfung ein.

Nach kurzer Zeit wache ich auf,
denn die Albträume machen mir Angst!
Mein ganzer Körper ist am Zittern.
Ich finde keine einzige Sekunde Ruh.

Ich versuche nochmal einzuschlafen.
Und dabei denke ich insgeheim,
hoffentlich wache ich niemals mehr auf
um der schrecklichen Realität zu entkommen.

Gemälde einer Ausgebrannten Kerze.

Tragödie

Die Feuerwalze ist
über meine Seele gefahren
und hat alles verbrannt,
was noch lebendig war.

Jetzt spüre ich nichts.
Jetzt fühle ich nichts.
Es ist alles platt.
Es ist alles gestorben.

Ich fühle nur starke Schmerzen
in den Schultern und in dem Nacken.
Das ist das einzige Zeichen,
dass ich noch lebe.

Nun habe ich ein neues Problem:
Die Schmerzen sind unerträglich!
Wie werde ich sie los?
Wer kann mir dabei helfen?

Balsam für die Seele

Wenn die Seele brennt und schmerzt,
und der Körper weiß nicht wohin damit,