Ausweglos

Henri Faber

Ausweglos

Thriller

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Über Henri Faber

Henri Faber, Jahrgang 1986, geboren und aufgewachsen in Niederösterreich, Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaft, lebt als Autor und Texter in Hamburg.

›Ausweglos‹ ist sein Thriller-Debüt.

Über das Buch

Eine Leiche ohne Ringfinger.

Ein Tatort ohne Spuren.

Und ein Zeuge, der mehr zu

wissen scheint, als er vorgibt.

 

Kommissar Elias Blom: »Die Presse nennt ihn den Ringfinger-Mörder. Ich nenne ihn Abschaum. Vier Frauen hat er auf dem Gewissen, vier unschuldige Opfer, die sterben mussten. Seit drei Jahren lebe ich nicht, sondern existiere bloß noch, und das aus einem einzigen Grund: wegen ihm. Solange er frei ist, werde ich es nicht sein. Solange er irgendwo da draußen ein Leben führen darf, bleibt es mir verwehrt. Also mache ich weiter. Bis ich ihn erwische. Oder es mich erwischt!«

Impressum

Originalausgabe 2021

3. Auflage 2021

© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: MangorinaART/shutterstock.com

 

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eBook-Herstellung: Fotosatz Amann, Memmingen (03)

 

eBook ISBN 978-3-423-43931-2 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21977-8

ISBN (epub) 9783423439312

 

Es ist 79 Stunden und 44 Minuten danach, meine linke Wade krampft, mein Knie rebelliert, die Lippen sind spröde wie Krepppapier, aber ich laufe. Ohne Musik im Ohr, ohne Pulsmesser, ohne Wasser, Geld oder Ziel, ich laufe einfach. Weiter und weiter, durch den eisigen Regen, hinein in die sterbende Nacht. Am Horizont frisst sich die Sonne in die Dämmerung, überflutet die Stadt mit Schatten, blendet meine entzündeten Augen, doch ich sehe direkt hinein, reiße meine Lider auf und hoffe – nein, flehe, dass sie verschwinden.

Denn 79 Stunden und 44 Minuten danach sind sie immer noch da, die Bilder, tief eingebrannt in mein Gedächtnis. Ihre leichenblassen Glieder, die blutdurchtränkten Laken, der entstellte Leib. Sie verfolgen mich in jeder Minute meines Tages, vergiften nachts meine Träume, rauben mir den Schlaf.

Also laufe ich. Immer weiter. Durch Straßenschluchten, Gewerbeparks und verfallene Lagerhäuser. Ich weiß nicht, wo ich bin, weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin oder wie lange meine Beine mich noch tragen werden. Aber ich weiß, dass ich laufen muss, nicht anders kann. Denn 79 Stunden und 44 Minuten nach ihrem Tod liegt die Last schwerer auf mir denn je.

Aber ich laufe.

6 Stunden und 44 Minuten danach

Als ich die Augen aufschlage, bricht das Licht wie ein Wasserschwall über mich herein. Es durchflutet meine Netzhaut, als wollte es an meinen Pupillen vorbei direkt in meinen Schädel. Ich kann nichts fokussieren, nichts wahrnehmen, es gibt nur dieses totale, alles einnehmende Strahlen; und für den Moment, für diesen winzigen Augenblick, bin ich nichts als schwerelose, von allen Kräften losgelöste Materie. Mein erster Gedanke ist: Das war’s, ich bin tot. Dann wünschte ich, es wäre so.

Das Pochen meiner Wunden wirft mich zurück in meinen zerschundenen Körper. Wellen von Schmerz rollen durch meine Glieder und explodieren in meinem Kopf. Das strahlende Licht entfernt sich, Bewegungen zeichnen sich ab. Ich beginne zu realisieren, die Umgebung einzuordnen. Ich bin nicht tot. Das ist nicht der Himmel. Das ist auch nicht die Hölle. Es ist die Diagnostikleuchte eines Sanitäters.

Etwas drängt durch meine Kehle, vorbei an der Zunge, einfach hinaus. Schatten spritzen durch die Luft, fallen wieder auf mich herab – ich kann nicht atmen, glaube zu ersticken. Mein Kopf wird zur Seite gedrückt, Finger wühlen in meinem Rachen, der Boden vor mir bedeckt sich mit breiiger Masse. Es ist ekelhaft, riecht nach Galle. Ich schiele daran vorbei, suche Orientierung in der verzerrten Welt.

Ich werde hochgehoben, der Horizont verschiebt sich. Mein Blick tastet die Umgebung ab, streift breite Rücken, samtgrüne Vorhänge, metallene Bettpfosten, scharlachrote Laken. Bevor ich aus dem Raum getragen werde, sind meine Augen nur noch darauf gerichtet. Das scharlachrote, feucht glänzende Laken und das leichenblasse Bein, an dem es klebt. Und mein letzter Gedanke, bevor ich wieder zurück in die Ohnmacht sinke: Vielleicht ist das doch die Hölle.

6 Stunden und 58 Minuten danach

Pete sitzt hinter seinem Schreibtisch und spült angewidert zwei Tabletten hinunter, unruhiger Magen vermutlich. Ein Kollege kommt zur Tür herein, fragt, ob er auch eine haben könne – die Nerven liegen blank. Den halben Tag schon werden die Agenten in den Verhörraum gerufen, einer nach dem anderen. Es soll einen Maulwurf geben, alle müssen sich einem Lügendetektortest unterziehen, ausnahmslos. Selbst Pete, der sich sogar eine Kugel für den Präsidenten eingefangen hat. Doch jetzt muss er wie alle anderen seine Loyalität unter Beweis stellen. Ein weiterer Agent kommt vom Verhör zurück.

»Härter als zur Beichte zu gehen«, kommentiert er geschafft, aber auch irgendwie erleichtert. Es ist so weit. Pete ist der Nächste.

Der Raum ist klein, beige-graue Wandverkleidung, vermutlich schalldicht. Um Petes Brust schlingen sich Drähte, eine Manschette schnürt ihm das Blut im rechten Arm ab. Die Verhörspezialistin überwacht den Bildschirm ihres Laptops mit Argusaugen.

Ich murmle: »Sind Sie an einem Komplott zur Ermordung des Präsidenten beteiligt?« Gleich darauf fragt die Verhörspezialistin auf dem Bildschirm das Gleiche, Pete Garrison verneint, leicht genervt.

Siebzehn Minuten später wird ihn Kiefer Sutherland (ich kann mir seinen Filmnamen nicht merken) mit den Testergebnissen konfrontieren: Er hat gelogen. Pete wird verdächtigt, er flieht und hat das halbe FBI und den Secret Service im Nacken, aber am Schluss stellt sich natürlich heraus, dass er unschuldig ist. Er geht in Frühpension und sagt zum Abschied: »Ich werde das hier vermissen«, woraufhin Kiefer Sutherland antwortet, dass man ihn auch vermissen werde, gefolgt von dem obligatorischen: »Pass auf dich auf.«

Ich kenne fast jeden Dialog des Films auswendig – Wort für Wort. Wahrscheinlich habe ich ihn dreißig Mal gesehen, wenn nicht sogar öfter. Dabei finde ich ihn nicht einmal gut. Eigentlich regt er mich nur auf, besonders die Szene mit dem Lügendetektor. Als ob es so einfach wäre.

Die Ergebnisse solcher Tests sagen rein gar nichts aus, sind vor Gericht nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden. Aber Hollywood macht allen weis, Polizeiarbeit wäre ein Kinderspiel.

Den Verdächtigen überführen? Kein Problem, schließt ihn doch einfach an den surrenden Kasten an, und schon wisst ihr, ob er lügt. Geht nicht? Warum nicht? Kiefer Sutherland macht es doch auch.

So denken die Menschen. Sie ziehen sich diesen ganzen Blockbuster-Mist rein, dann zappen sie weiter, schalten um

So sieht uns die Öffentlichkeit, ich weiß es ganz genau – es kann gar nicht anders sein, die meisten sind praktisch groß geworden mit diesem Schund. Den Menschen wird die Illusion einer einfachen Welt eingepflanzt, die mit der Realität niemals mithalten kann. Ich hasse das. Und ich hasse diesen Film. Trotzdem kenne ich jede Zeile auswendig.

Ich blicke auf meine Armbanduhr. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und schaue zum einunddreißigsten Mal ›The Sentinel‹ mit Michael Douglas und Kiefer Sutherland, eine andere Ablenkung gibt es nicht. Irgendwie habe ich es seit dem Umzug nicht geschafft, einen Fernsehanschluss anzumelden. Bücher besitze ich keine, Zeitschriften lese ich nicht … Ich hätte nicht einmal diese DVD, wenn sie der Vormieter nicht mitsamt dem Abspielgerät hiergelassen hätte. Aufs Revier kann ich auch nicht, weil ich mir wegen der ganzen Überstunden freinehmen musste. Was soll ich also tun?

»Wollt ihr ein Bier?«, fragt Michael »Pete« Douglas aus dem Bildschirm heraus seine Kollegen. Mein Blick wandert zum Kühlschrank, aber ich weiß, dass sich nichts darin befindet außer einer Tube Senf und einem Ersatzakku für mein …

Mein Diensttelefon läutet. Unbekannte Nummer, ungewöhnliche Zeit. Ich räuspere mich und hebe ab. »Elias Blom, Kripo Hamburg.«

»Linus Campe, Sie wissen schon … Ihr habt mir die Nummer gegeben, falls mir etwas auffällt.«

Ich antworte nicht, stattdessen hält Kiefer Sutherland im Hintergrund eine gestelzte Rede.

Campe seufzt. »Hören Sie, Mats hat gesagt, wenn ich etwas sehe, soll ich diese Nummer anrufen, bevor ich die Zentrale verständige.«

Mats’ Name schießt in meinen Kopf wie ein elektrischer Impuls, der aber sofort wieder abebbt. Es gab in der Vergangenheit einfach schon zu viele Informanten, Kollegen oder sonstige Wichtigtuer, die meinten, sie hätten das entscheidende Puzzlestück, die heiße Spur gefunden. Am Ende war es immer eine Sackgasse.

»Es ist sieben Uhr morgens, ich habe heute meinen freien Tag. Nennen Sie mir einen guten Grund, warum ich nicht auflegen sollte?«

»Ich kann Ihnen einen Finger nennen, wenn Sie wollen.«

Der nächste Impuls, diesmal heftiger. Adrenalin schießt mir in die Blutbahn, meine Zähne malmen, meine rechte Hand beginnt zu zittern. Könnte es sein? Nach so langer Zeit? Am Bildschirm hat Kiefer Sutherland Michael Douglas im Visier. Alles, was er tun muss, ist abdrücken. Aber er tut es nicht. Er bringt es nicht übers Herz. Michael Douglas entkommt.

»Schicken Sie mir die Adresse, ich bin gleich da«, antworte ich mit kehliger Stimme. »Und, Campe?«

»Ja?«

»Fassen Sie nichts an!«

7 Stunden und 3 Minuten danach

Ich erwache und frage mich wie so oft, ob dieser Tag der Beginn eines neuen Lebens wird oder ob er sich bloß einreiht in eine lange Serie von Enttäuschungen. Wie hat sich mein Körper entschieden? Ich fühle in mich hinein, suche nach Anzeichen: Ist da ein Spannen oder ein Ziehen, vielleicht ein Drücken?

Meine Augenlider sind immer noch geschlossen. Die Welt da draußen interessiert mich nicht, solange ich nicht weiß, was sie diesmal für mich bereithält. Es macht keinen Unterschied, welches Wetter wir haben, welche Uhrzeit, ob Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder einfach nur ein ganz normaler Tag im Büro, egal. Mein Leben richtet sich nicht nach äußeren Umständen. Es unterwirft sich einzig und allein einer simplen Frage: Hat es geklappt, oder hat es nicht geklappt?

Die Sekunden vergehen, ich spüre immer noch nichts. Kein Stechen, kein Ziepen, keine Krämpfe, alles ruhig. Ich wage es kaum zu denken, aber … könnte es etwa sein? Könnte heute der Tag der Tage sein, das Ende meiner Odyssee? Ich spanne die Muskeln in meinem Unterleib an, drehe mich leicht, hebe die Hüfte, provoziere es. Nichts.

Hoffnung beginnt zu glimmen. Bilder kommen mir in den Sinn, an die ich nicht denken darf, Wünsche ploppen

Ich würde aufspringen, in unser Sportzimmer stürmen und das beschissene Spinningrad einfach aus dem Fenster schmeißen. Und den Stepper gleich hinterher. Macht Platz, ihr Teufelsgeräte, ihr werdet nicht mehr gebraucht. Dieses Zimmer wird nun seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt. Springseil, Hanteln, Kettlebells, Bauchweg-Trainer, alles raus. Das würde ich tun, wenn …

Da ist doch ein leichtes Ziehen. Meine Gedanken stocken, der Silberstreif am Horizont verblasst. Mir fällt wieder ein, warum ich mir ein Hoffnungsverbot erteilt habe. Mir fällt ein, dass das Leben nicht im Konjunktiv stattfindet.

Wie ferngesteuert wandert meine Hand über meinen Bauch, schiebt sich erst unter den Saum meines Schlafanzuges, dann in mein Höschen. Was wäre, wenn gestatte ich mir noch ein letztes Mal zu denken. Dann taste ich weiter. Und sofort zerplatzen meine naiven Träumereien wie Seifenblasen.

Ich hätte es besser wissen müssen.

All die Hoffnung, bloß weil ich drei Tage überfällig war – wie bescheuert kann man sein? Ich vergrabe mein Gesicht tief in das Kissen, kneife die Augen zusammen. Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass das Blut ist zwischen meinen Fingerkuppen. Ich muss nicht ins Bad, um zu wissen, dass ich meine Tage bekommen habe. Ich weiß das alles. Es passiert nicht zum ersten Mal.

Alle Welt freut sich aufs Wochenende, bei mir ist es genau andersherum. Ich freue mich auf die Aktenberge in der Kanzlei. Dort kann ich mich vergraben, kann mich eindecken mit Arbeit und Überstunden machen, bis die Putzkolonne mich rausschmeißt. Mein Chef hat keine Probleme damit, im Gegenteil. Als Wirtschaftsprüferin sind Überstunden ohnehin Voraussetzung. Mir ist es nur recht. Je mehr ich zu tun habe, desto weniger Zeit bleibt mir, um darüber nachzudenken, warum ich verdammt noch mal schon wieder nicht schwanger geworden bin.

Aber am Wochenende funktioniert das nicht. Selbst diese Branche kann sich dem Work-Life-Balance-Trend nicht gänzlich entziehen, Samstag und Sonntag ist das Office geschlossen, doppelt und dreifach alarmgesichert. »Schönes Wochenende« wünschen sich die Kolleginnen am Freitagnachmittag. »Und was macht ihr so? Wir fahren mit dem Kleinen in den Zoo, die Löwen anschauen.« Ja, fahrt nur in den Scheißzoo und zeigt dem Kleinen die Scheißlöwen. Erzählt euch lang und breit von den Erfahrungen im Kinder-Yoga-Kurs, tauscht euch aus über die familienfreundlichsten Cafés und wie süß der Spatz doch immer schläft, eingewickelt im Tragetuch, dicht an Mamas Prachtbusen. Ich sitze bloß daneben, nicke, lächle angestrengt und zähle bereits die Stunden, bis ich meine Gedanken wieder mit

Bis dahin: For fuck’s sake, it’s Saturday.

Ich liege im Bett, meine Augen sind immer noch geschlossen und bleiben es auch. Kein Millimeter Licht soll zu mir durchdringen, denn jede Sekunde Tag ist eine Sekunde mehr mit meinem unfruchtbaren, verdorrten Körper. Wachsein bedeutet Frust. Schlaf bedeutet Freiheit – die Freiheit, zu träumen. Schlaf ist mein Ausweg. Also sinke ich wieder in meine Dämmerung, gleite hinab ins wattige Schwarz. Der Tag hat 24 Stunden. Je weniger ich davon wach bin, umso besser.

8 Stunden und 4 Minuten danach

Als ich in die Straße biege, erstreckt sich vor mir die gähnende Leere eines Wohngebiets in Hamburg an einem Samstagmorgen. Ungewöhnlich – kein Notarzt rast mir entgegen, keine Einsatzwagen, die sich gegenseitig blockieren, keine schaulustige Menschenmenge. Ich finde sogar einen Parkplatz. Zur Sicherheit zücke ich mein Telefon und öffne die Nachricht von diesem Campe. Heinsweg 18, ich bin richtig.

Die Straße ist nichts Besonderes, aber nett. Ein Klinkerhaus reiht sich an das nächste, keines höher als drei Stockwerke. Hier wohnen keine Banker, Ärzte oder Staatsanwälte, aber es ist auch nicht so heruntergekommen wie die Sozialgettos in Lurup oder Osdorf. Ein typisches Viertel für den Mittelstand. Lehrer, Beamte, Angestellte, solche Leute.

Ich steige aus, gehe die Straße hinauf und entdecke einen Polizeiwagen – er parkt direkt vor der Nummer 18. Trotzdem bin ich unsicher. Das Haus hat zwei Eingänge, und in Campes Nachricht stand kein Name. Verärgert hole ich erneut mein Telefon hervor, um ihn anzurufen, als plötzlich ein Streifenpolizist aus der rechten Tür taumelt, mich für den Bruchteil einer Sekunde erschrocken anstarrt und mir dann vor die Füße kotzt.

Ein Frischling, noch keine fünfundzwanzig, aber schon in Uniform. Kräftig gebaut, breiter Stand, Stiernacken. Steht

Ich sollte ihn fragen, ob alles okay ist. Sollte ihm auf die Schulter klopfen, einen Kaugummi anbieten und so etwas murmeln wie: Wird schon wieder. Mats hätte das getan.

Schweigend gehe ich an ihm vorbei.

Ich bin nicht Mats.

 

Der Eingangsbereich ist eine tageslichtarme Kanüle zu einer noch dunkleren Treppe, auf deren erster Stufe eine Rolle Absperrband liegt. Oben im dritten Stock erwartet mich ein weiterer Streifenpolizist.

»Was ist mit Ihrem Kollegen?«, frage ich kurz angebunden, während die Treppe unter mir knarzt, als bräche sie jeden Moment zusammen.

»Mit Bernd? Ach …«, antwortet der feiste Polizist und schüttelt meine Hand eine gefühlte Ewigkeit. »Der kommt frisch von der Akademie, hat noch nie einen Tatort gesehen.«

Ich nicke bloß.

»Campe, Linus Campe«, stellt er sich vor. »Ich habe mittlerweile die Zentrale verständigt. Dorn und Köpke haben Dienst.«

»Ich kenne die Kollegen. Warum haben Sie zuerst mich angerufen?«

»Ex-Partner«, unterbreche ich ihn forsch und kann nicht glauben, dass sich diese Nachricht noch immer nicht bis zu allen durchgesprochen hat.

Campes Lippen kräuseln sich. »Ihr Ex-Partner hat mir diese Nummer gegeben und gesagt, wenn ich etwas Verdächtiges sehe, soll ich zuerst da anrufen, nicht die Zentrale.«

Ich antworte nicht, schnaube nur verächtlich aus. Mats hasste Telefongespräche, er meinte immer, dass er den Leuten beim Reden in die Augen sehen wolle.

»Mats hat gesagt, offene Ohren machen sich bezahlt«, legt Campe nach, während er verzweifelt versucht, in meinem Gesicht zu lesen.

»Sie verstehen schon, eine Hand wäscht die andere …«

»Ich verstehe, dass Sie gegen die Dienstvorschrift verstoßen haben«, entgegne ich trocken. »Ein Vergehen, das ich umgehend melden sollte.«

Campes rosiges Gesicht wird bleich. Er versucht, zumindest optisch den Eindruck eines ordentlichen Polizisten wiederherzustellen, drückt den Rücken gerade, streckt die Knie durch und zwingt seinen massigen Körper in eine aufrechte Haltung.

»Was ist hier passiert?«, fahre ich fort, lasse die Dienstvorschriften links liegen.

»Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss hat die offene Tür entdeckt und uns angerufen. Laut ihrer Aussage ist sie gegen 6 Uhr morgens hoch auf den Trockenboden, um sich ein paar Sachen zu holen. Sie musste einen frühen Flug erwischen – Stewardess oder so. Jedenfalls sah es dort oben

Ich nicke und starre an ihm vorbei in die Wohnung. »Waren Sie schon drinnen?«

»Kurz. Den Flur runter rechts, hinten im Schlafzimmer. Sieht ganz nach Ihrem Täter aus«, antwortet Campe gehorsam wie ein Schuljunge.

Schweigend trete ich durch die Tür in das Vorzimmer, das sich genauso gut in einem Schauraum von Ikea befinden könnte. Alles ist ordentlich, aber nicht zu ordentlich. Sauber, aber nicht zu sauber. Man fühlt sich sofort willkommen. Die restliche Wohnung ist wie Umblättern im Katalog. Simple Eleganz gepaart mit kreativem Chaos, aber wohlportioniert. Nichts kullert zufällig herum, alles liegt genau da, wo es hingehört. Die Fenster sind geputzt, die Pflanzen gegossen – fleischfressende Pflanzen, interessant –, kein Geschirr im Spülbecken. Aus den Bilderrahmen strahlt ein glückliches Pärchen beim Wandern, Tauchen, Essen mit Freunden. Ich fühle mich wie ein Eindringling in einer Illusion, die für andere Wirklichkeit geworden ist. Dann geht mein Blick Richtung Schlafzimmer.

Das ist mein geheimes Trostpflaster in diesem Job. Egal, welche Insel der Seligen ich auch betrete, egal, wie viele lächelnde Menschen mir aus Fotos entgegenstrahlen und mein eigenes Leben grau und trist erscheinen lassen: Am Ende fällt die Illusion immer in sich zusammen.

Die Tür zum Schlafzimmer steht sperrangelweit offen.

Galle kämpft sich die Speiseröhre empor, Schweiß dringt aus meinen Poren. Atmen. Du musst atmen, tief ein und aus.

Okay, fangen wir an.

Die Leiche ist frisch, keinen halben Tag alt. Glatte Haut, keine Flecken, nicht die geringsten Spuren eines Verwesungsprozesses. Meine Finger zwängen sich in einen Nitrilhandschuh, den ich noch irgendwo zu Hause gefunden habe, und betasten vorsichtig den Leichnam. Die Totenstarre ist schwach ausgeprägt, der Tod kann höchstens vor sechs, sieben Stunden eingetreten sein. Das bedeutet …

»Na, habe ich Ihnen zu viel versprochen?« Campes Stimme hallt aus dem Flur und unterbricht meine Gedankenkette.

Ich antworte nicht, hoffe, dass er mein Schweigen versteht. Tut er nicht.

»Kann natürlich auch ein Nachahmungstäter sein«, schwatzt er weiter, seine Stimme ist nun ganz nahe. »Stand ja in allen Zeitungen, das mit dem Ringfinger.«

»Er ist es«, murmle ich vor mich hin, zähle die Einstiche am Körper.

»Woher wissen Sie das so genau?«

Ich atme tief ein, fletsche die Zähne und lasse den Kopf hängen, als wären alle Muskeln im Nacken gleichzeitig erlahmt. Was bin ich? Die Auskunft? Anscheinend war Campe noch nie an einem seiner Tatorte, sonst würde er nicht so dämliche Fragen stellen. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, ihn wegzuschicken, entschließe mich dann aber für eine Nummer, die sich Mats einmal mit einem Kollegen erlaubt

Campe rollt mit den Augen. »Er schneidet seinen Opfern den Ringfinger ab«, presst er ungeduldig hervor. »Das weiß doch jedes Kind.«

»Und warum weiß das jedes Kind?«

»Na, weil das in dieser Enthüllungsreportage stand, von diesem Zeitungsfritzen … David Dings, äh …«

»Kronen. David Kronen«, helfe ich ihm auf die Sprünge, obwohl ich den Namen dieses Mistkerls eigentlich nie wieder aussprechen wollte. »Der Name ›Ringfinger-Mörder‹ stammt von ihm, ein griffiger Name, finden Sie nicht?«

»Na ja, ich weiß nicht, kann schon sein«, druckst Campe herum.

»Ist doch einprägsam, Ringfinger-Mörder. Wahrscheinlich hat er sich deswegen entschlossen, die anderen Details wegzulassen.«

Schweigen. Ich spüre Campes irritierten Blick in meinem Nacken, kann die Rädchen in seinem Kopf regelrecht rattern hören.

»Welche Details?«

»Die anderen wiederkehrenden Muster des Killers, zum Beispiel das hinter Ihnen«, fahre ich fort, ohne mich umzudrehen. »Was glauben Sie, würde die Presse daraus machen? Fällt Ihnen da vielleicht etwas ein?«

»Teufel auch!« Campe schrickt zurück.

Jetzt erst trete ich zu ihm, mustere sein Gesicht, den offen stehenden Mund, den Schweiß auf seiner Stirn.

»Teufel, guter Name«, brumme ich zustimmend. »Ein

Die Sekunden verstreichen, wir betrachten die Wand, bis Campe das Schweigen unterbricht. »Was … was bedeutet das?«

»Das Zeichen? Keine Ahnung. Das weiß wahrscheinlich niemand außer dem Ringfinger-Mörder selbst. Ich weiß nur, dass es exakt so aussieht wie bei den anderen Tatorten.«

»Ist das … Blut?«, fragt Campe mit brüchiger Stimme und angewidertem Gesicht.

»Das Labor wird mit ziemlicher Sicherheit feststellen, dass es sich um das Blut des Opfers handelt, ja«, sage ich trocken, schlucke schwer. »Er nimmt den abgetrennten Finger seiner Opfer und hinterlässt uns damit diese Botschaft.«

»Und das da unten? Was bedeutet das?«

Ich folge Campes Blick, schüttle irritiert den Kopf. »Sie können doch wohl lesen, oder etwa nicht?«

Er mustert mich abschätzig, starrt dann wieder an die Wand, will etwas antworten, als …

»Polizei Hamburg!«

Aus dem Gang hallt eine Stimme, Campe reckt seinen Kopf in die Richtung, atmet angestrengt aus und trabt los. »Die Kollegen«, murmelt er im Vorbeigehen, aber ich beachte ihn nicht, betrachte nachdenklich den abgetrennten Finger, dann das Wort an der Wand.

Der Killer bleibt sich treu, zieht jedes Mal die gleiche Nummer ab. Zwei blutige Fingerabdrücke, direkt über dem U. Und das Wort … immer und immer und immer wieder dieses Wort.

LÜGENWEIB.

7 Stunden und 14 Minuten danach

Das Grollen ferner Geräuschwolken dringt in mein Halbbewusstsein. Es vermischt sich mit Mechanischem, Dröhnendem, ich erkenne Getriebe, spüre Beschleunigung. Kräfte drücken mich an Gestänge, ein Schrillen durchschneidet das Grollen und verwandelt sich zu etwas Bekanntem – eine Sirene. Die Geräuschwolke zerfällt in ihre Bestandteile und wird zu Summen, Piepen, Knacken. Ich erkenne immer mehr, höre das Quietschen von Reifen, hupende Autos und dann endlich Stimmen. Erst bloß Silbenklumpen, dann ganze Wörter.

»Gehirnerschütterung«, rollt es über mich herein. »Nasenbeinfraktur, distale Fraktur Mittelfinger links, vermutlich Distorsion Handgelenk, ebenfalls links.«

Steriler Geruch drängt sich mir in die Nase, die Geräusche werden prägnanter, schälen sich aus ihrem wattigen Pelz.

»Kreislauf stabilisiert sich.«

Und plötzlich spuckt mich der Kokon meiner Ohnmacht in die nackte Kälte eines Krankenwagens, Details prasseln auf mich ein. Schläuche, Drähte, Kabel, Gurte, ein Sanitäter in grotesker Pose über mich gebeugt. Was ist passiert?

»Was ist passiert?«, schreie ich automatisch, packe ihn am Arm, aber er windet sich problemlos aus meinem Griff, holt eine Spritze aus einer Schublade.

Ich verstehe nicht, schreie weiter, werfe mit Wortbrocken um mich, während der Sanitäter unbeeindruckt und stoisch gelernte Handgriffe aneinanderreiht. Ampulle zu Spritze. Spritze zu Tropf. Schlauch glattstreifen. Dreißig Sekunden später gleite ich zurück ins Halbbewusste, und sämtliche Eindrücke verflüchtigen sich. Nur ein Gedanke bleibt: das scharlachrote Laken.

 

Als ich die Augen wieder öffne, erblicke ich eine Triangel aus grauem Hartplastik über mir. Der Krankenwagen ist einem Zimmer gewichen, beige Jalousien tauchen es in gedecktes Licht.

Bin ich wach? Ist das ein Traum?

Wärme durchströmt meine Brust, mein Geist ist träge und matt. Gedanken entstehen und werden augenblicklich davongetragen wie Sand vom Meer. Ich blicke an mir hinab, bewege die Finger und bin gleichzeitig fasziniert und irritiert. Das ist eindeutig mein Körper, mein Arm, meine Hand, aber es fühlt sich an, als wäre ich eine Puppe. Eine ungelenke Marionette, die mein Geist nicht zu kontrollieren vermag.

An meinem Finger zwickt eine Klammer, ich schnippe sie ab. Jetzt erst bemerke ich das rhythmische Piepen, das augenblicklich zu einem durchgehenden Signalton anschwillt. In meiner Halsschlagader setzt ein Trommeln ein, Blut rauscht durch mein Ohr und schießt mir in den Kopf. Eine Tür wird aufgerissen, und mein Zimmer erwacht zum Leben.

Eine Krankenschwester drängt sich in das Halbdunkel

Sie hantiert an mir herum, überprüft den Infusionsbeutel, kneift die Klammer wieder an meinen Finger, hackt auf ein Tablet ein. Aus ihrem Rücken wächst eine weitere Gestalt, ein Arzt, er zückt eine Diagnostikleuchte. Wieder tanzt Licht vor meinen Augen, diesmal ist es aber nur ein gleißender Punkt, nicht mehr und nicht weniger. Das Licht verschwindet, ich presse die Lider zusammen, flimmernde Tintenkleckse wandern in die Ferne. Als ich die Augen wieder öffne, sind sie verschwunden, und ich sehe den Arzt klar und deutlich vor mir.

Eine imposante Gestalt mit einem groben rotfleckigen Gesicht, dünnen Lippen und buschigen Augenbrauen, aus denen vereinzelt drahtige graue Borsten wuchern. Sein strenger Blick klebt an einem Klemmbrett, während er mich befragt. »Können Sie mich hören?«

Ich nicke.

»Wie fühlen Sie sich?«

»Schwindelig«, will ich sagen, aber Zunge und Lippen sind wie taub, bewegen sich kaum. Trotzdem scheint mich der Arzt zu verstehen.

»Mhm. Wissen Sie, wo Sie sind?«, fragt er, ohne aufzublicken, beantwortet seine Frage jedoch im nächsten Moment selbst. »Sie sind in der Eppendorfer Universitätsklinik, ich bin Doktor Reders, Ihr behandelnder Arzt. Sie haben eine Nasenbeinfraktur sowie eine Kiefergelenkdistorsion, dazu noch eine Rissquetschwunde an der linken Ohrmuschel,

Der Doktor linst über das Klemmbrett und verstummt. Seine Augen lesen in meinen. Er scheint zu verstehen, dass ich nichts verstehe.

»Hören Sie«, schnauft er und lehnt sich gegen die Bettkante. »Sie haben ganz schön was abbekommen; aber nichts, was wir nicht wieder hinkriegen. Der Schwindel kommt von der Gehirnerschütterung, auch die Lichtempfindlichkeit. Vielleicht wird Ihnen übel, und Sie können sich nicht mehr an alles erinnern, aber das ist ganz normal, die Erinnerungen kommen wieder, keine Sorge.«

»Keine Sorge«, wiederhole ich monoton, diesmal mit einem etwas gelenkeren Zungenschlag. Ich glaube, ich lächle ihn an, denn er lächelt zurück, doch als plötzlich die Tür aufschwingt, verfinstern sich seine Gesichtszüge sofort wieder.

Ein junger Streifenpolizist stürmt herein, baut sich vor mir auf, und noch ehe der Arzt und die Krankenschwester reagieren können, redet er auf mich ein, ohne sich auch nur vorzustellen. »Hallo, verstehen Sie mich? Können Sie mir sagen, was letzte Nacht passiert ist?«

»Also, hören Sie mal«, protestiert Doktor Reders und stellt sich ihm in den Weg. »Der Patient ist gerade erst erwacht. Er braucht absolute Ruhe, mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen!«

Der Polizist ignoriert ihn, redet einfach weiter auf mich ein. »Wer hat Sie angegriffen? Können Sie den Täter beschreiben? Waren es eine oder mehrere Personen?«

Der Fragenkanon prasselt auf mich nieder, trifft mich wie eine Gewehrsalve. Automatisch verkrieche ich mich in mir

Schlagartig bin ich hellwach. »Wo ist meine Frau?«, frage ich in den Raum hinein.

Mit einem Mal ist es still, der Polizist sieht mich irritiert an.

»Ich will mit meiner Frau sprechen, holen Sie meine Frau!«, sage ich, diesmal an den Polizisten gewandt.

Der macht keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen, steht einfach nur da. Sein Adamsapfel tritt hervor, als würge er ein riesiges Stück Trockenfleisch hinunter.

Die Anspannung überträgt sich auf mich, das Piepen des EKG-Geräts wird unruhig. »Was ist los? Ist was passiert? Wieso holen Sie nicht meine Frau?«

Der Polizist vergräbt seinen Blick jetzt in seinem Notizblock, presst die Lippen zusammen. Er scheint nachzudenken. Sekundenlang. Dann baut er sich wieder vor mir auf, breitbeinig, mit ineinandergefalteten Händen, fixiert einen Punkt neben meinem Kopf und spricht, als wäre er ein Roboter. »Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Frau tot aufgefunden wurde.«

9 Stunden und 5 Minuten danach

Die Kollegen treffen nach und nach ein. Normale Streifenpolizisten, Forensiker, die Jungs vom Erkennungsdienst, die übliche SpuSi-Truppe. Die meisten haben schon einige Jahre Erfahrung in den Knochen, Leichen gehören zu ihrem Alltag. Kalt lässt das hier trotzdem keinen. Jeder Einzelne bleibt im Türrahmen zum Schlafzimmer stehen, tritt einen Schritt zurück, ringt um Fassung. Die einen brauchen bloß eine Sekunde, die anderen ein paar mehr, je nachdem, wie viel sie schon gesehen haben – irgendwann gewinnt die Routine, und sie arbeiten einfach weiter, machen ihren Job. Aber niemanden lässt das hier unberührt. Man härtet ab, klar, aber man gewöhnt sich nicht daran, niemals.

Tatorte wie diese machen besonders betroffen. Es liegt nicht so sehr an der brutalen Unmenschlichkeit, mit der das Opfer abgeschlachtet wurde – in Hamburg gibt es genug Junkies, die auf irgendeinem irren Trip den Jackson Pollock geben und die Wände ihres Sozialbaukäfigs mit dem Blut ihrer Mitbewohner streichen. Es ist vielmehr die Umgebung. Das Opfer hängt nicht zerquetscht zwischen einem Motorblock und einer Fahrerkabine am Rande einer dunklen Landstraße. Es liegt nicht im kalten Licht einer Leuchtstoffröhre am Boden irgendeiner Raststättentoilette oder treibt mit dem Rücken nach oben im Auffangbecken einer

Dort drüben im Ankleideraum hat sie sich angezogen, da war ihr Schminktisch, da hat sie ihre Yoga-Übungen gemacht, und hier liegt sie jetzt, abgeschlachtet mit sieben Messerstichen, gebrandmarkt als das Opfer eines Serienmörders, der schon drei weitere Frauen auf dem Gewissen hat und immer noch auf freiem Fuß ist.

Der Polizeifotograf stellt sein Stativ auf, nimmt den entstellten Körper in den Fokus, im Hintergrund das Hochzeitsbild auf dem Nachttisch – es ist eine Schande. Ich betrachte die Aufnahme eine Zeit lang. Das Opfer war eine umwerfende Braut mit perlmuttfarbenem Kleid und gletscherblauen Augen, die ihren Mann anleuchten, als gäbe es nur ihn auf der Welt. Ihr Mann …

Ich springe auf, kämpfe mich durch die Reihen der Spurensicherer. Campe lehnt am Geländer im Treppenhaus und atmet schwer. Heute ist nicht sein Tag.

»Wir müssen den Ehemann verständigen.«

»Zu spät«, schnauft er verächtlich. »Das hat der Täter bereits übernommen.«

Diesmal bin ich es, der irritiert ist. »Wie meinen Sie das?«

Campe spuckt aus, erhebt seinen massigen Körper und nimmt wieder Haltung an. »Der Mann lag am Boden, in der Küche«, antwortet er gereizt. »Er hat einiges abbekommen, aber er lebt. Die Sanitäter haben ihn abtransportiert, bevor Sie gekommen sind.«

»Keine Ahnung, er war nicht vernehmungsfähig, aber ja, wahrscheinlich schon. Ich habe Bernd hinterhergeschickt, er soll ihn im Krankenhaus befragen.«

Meine Kehle ist plötzlich so trocken wie Asche, ein Schaudern läuft mein Rückgrat hinunter, breitet sich aus und fährt mir bis in die Fingerspitzen. Doch es ist keine Angst, die diese Reaktion hervorruft. Es ist Euphorie.

Der Ringfinger-Mörder hat drei, jetzt vier Frauen auf dem Gewissen, vier unschuldige Opfer, die sterben mussten. Niemand weiß, warum. Niemand konnte ihn schnappen. Und noch nie gab es einen Zeugen.

Bis jetzt.

Aber dann kamst du.

Du bist in den Laden getanzt wie eine Artistin zu Beginn einer Varietéshow – alle Blicke waren dir sicher. Natürlich hattest du kein Kostüm, keine Fanfaren, keine wilden Tiere an deiner Seite, aber das war auch nicht nötig. Alles, was du brauchtest, waren dein Lächeln und deine Stimme. Du hast telefoniert, ich weiß bis heute nicht, mit wem. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, was du gesagt hast. Deine Stimme – dieser hinreißende Sopran – und dein Lachen haben gereicht, und sofort war die Welt eine andere.

Für dich waren es nicht die grauen Teppichschluchten eines Elektrofachmarktes, sondern die grünen Heckenlabyrinthe eines prunkvollen Lustgartens. Du bist scheinbar ziellos durch sie hindurchgeschlendert, als hättest du alle Zeit der Welt. Bis du irgendwann doch da warst, wo du hinwolltest.

Ich habe mich sofort unsterblich in dich verliebt. Und ich

Und so lernten wir uns kennen, ich denke oft daran. Seitdem haben wir viel gemeinsam unternommen, sind herumgekommen in der Stadt. Die Restaurantbesuche, der Spaziergang im Park, diese unfassbar langweilige Warhol-Ausstellung im Museum für moderne Kunst, dann der Flohmarkt, wo mir irgend so ein Punk ausgerechnet einen schwarzen Kratzer in den Lack meines inkaorangen BMWs gemacht hat, der Nachmittag in der Bücherei – wir hatten wirklich viel Spaß zusammen.

Und jetzt sind wir wieder hier, im Shoppingcenter, ausgerechnet. Ich hasse diesen Konsumtempel, meide ihn wie die Pest, aber du bist gerne hier, besonders in den Modeläden. Du lässt deinen Blick über die Kollektionen schweifen, befühlst Stoffe, probierst, kokettierst, gibst viel Geld aus. Und ich stehe da und staune. Mein Verständnis von Mode ist begrenzt, ich habe kein Auge für Farben, Muster oder Schnitte, aber ich erkenne, dass du eines hast. Du hast eine Gabe, meine Schöne, ein besonderes Talent. Ich bewundere das.

Was ist das? Dieser Blick, diese Signale! Könnte es sein … dass wir gar nicht wegen der Kleider hier sind?

Du verschwindest alleine in Richtung Umkleiden, doch ich

Ich gehe dir nach, zu den Umkleiden. Fast alle sind belegt, mein Blick wandert die Säume der Vorhänge ab und bleibt bei deinen cognacfarbenen Stiefeletten hängen. Sie stehen bewusst da. Du willst, dass ich weiß, wo du bist.

Ich starre auf den Vorhang. Ein millimeterdünner Stoff hängt zwischen mir und deinem halb nackten Körper, der gerade in das hautenge Abendkleid gleitet, das du vorhin so kritisch beäugt hast. Es steht dir sicher hervorragend. Der Vorhang schließt nicht richtig, er steht einen Spaltbreit offen, drei oder vier Zentimeter – genug, um mir Einblicke zu gewähren. Du kleines Luder, es ist so offensichtlich. Du willst, dass ich dich sehe. Zuerst reckst du mir deinen Hintern entgegen, präsentierst ihn regelrecht, lässt mich wissen, welches Höschen du trägst. Dann dieses Spiel mit deinem Spiegelbild, die Posen, in die du dich wirfst. Ich spüre, wie meine Lust anschwillt.

Ich stelle mir vor, wie ich den Vorhang einfach zur Seite schiebe und zu dir in die Kabine trete. Du schreist nicht, keinen Laut gibst du von dir, weil du mich erwartest – du wartest schon lange auf mich, nicht wahr? Du tust zwar erschrocken, atmest schneller, presst deinen Körper an die Wand, aber das ist keine Angst. Das ist Erregung. Ich strecke meinen Arm aus und streiche dir über die Wange, während du mich anfunkelst wie eine Raubkatze. Wir sprechen nicht, sagen kein Wort, das ist nicht nötig. Deine Zungenspitze tippt gegen die Schneidezähne, deine stummen Lippen formen verräterisch: Liebe mich!

Mein Finger, er wandert. Deinen Hals entlang, über dein Schlüsselbein, deinen BH, die feinen Härchen um deinen

Ich berühre sie nicht, nein, nein, keine Sorge. Ich bin nicht einer dieser Typen; kein Mann, der sich einfach nur nimmt. Ich will, dass du bereit dazu bist. Will, dass du es willst, dass du danach verlangst, meine Hand packst und dahin führst, wo du sie haben musst. Deine Schenkel, sie beben. Die Muskeln krampfen, die Pupillen flirren, aber ich spüre genau, dass du mich aufnehmen willst, meine Schöne. Deine Lust rinnt über meine Finger, alles, was ich tun muss, ist …

»Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?«, ertönt plötzlich eine quäkende Stimme hinter mir, und ich blicke in die Schweinsaugen einer fetten Verkäuferin. »Dahinten wäre eine Kabine frei. Wie viele Kleidungsstücke?«

DU VERDAMMTE FOTZE, MERKST DU NICHT, WIE SEHR DU STÖRST? Sie merkt es nicht. Sie hat absolut kein Feingefühl, trampelt einfach auf unserem kostbaren gemeinsamen Augenblick herum. Es hilft nichts, ich muss nachgeben, meine Schöne. Wenn die Verkäuferin bemerkt, dass ich hart geworden bin, wird sie Alarm schlagen, das darf ich nicht zulassen. Also gehe ich in die Kabine, starre auf den hässlichen Pullover, den ich mir zur Tarnung mitgenommen habe, und versuche, mich zu beruhigen, meine Erregung abschwellen zu lassen.

Todsicher.

9 Stunden und 55 Minuten danach

Zurück im Schlafzimmer versuche ich, die Kollegen in den weißen Overalls auszublenden. Es gibt einen Zeugen, er hat einen Fehler begangen. Vielleicht ist ihm noch ein zweiter unterlaufen. Ich beuge mich über den Leichnam und betrachte die Stichwunden. Sie sind identisch mit denen der vorigen Opfer, so viel steht fest. Ich habe zwar die Fotos der früheren Tatorte nicht dabei, aber Bilder wie diese vergisst man nicht.

Fast alle Stiche sind sauber und kontrolliert ausgeführt. Keine Läsionen der Umgebung, kein ausgefranstes Gewebe – das Opfer hat sich demnach nicht mehr gewehrt, war also mit ziemlicher Sicherheit bereits tot. Es gibt wie immer nur eine unsaubere Einstichstelle: am Hals – so tötet er sie. Man erkennt an den Wundrändern, dass die Opfer noch leben. Sie winden sich, kämpfen gegen das Unabwendbare, bäumen sich ein letztes Mal auf. Bis auch die letzte Kraft aus ihren Gliedern weicht. Dann erst setzt er sein grausames Werk fort. Augen, Brüste, Bauch, Unterleib. Er schlachtet seine Opfer, sticht auf sie ein wie ein Wahnsinniger, aber führt das Messer wie ein Chirurg. Es ergibt keinen Sinn. Es hat noch nie einen Sinn ergeben.

Erneut begutachte ich die Stiche, bleibe am Hals hängen. Du warst schlampiger als sonst. Bist du abgerutscht? Hast du

»Dieser Bereich muss genauestens fotografiert werden«, sage ich zu irgendeinem x-beliebigen Mann neben mir, der jedoch sofort zurückkeift.

»Seh ich aus wie ein Scheißfotograf?«

Verärgert blicke ich auf und in ein bekanntes Gesicht: Kommissar Dorn. Seine Mutter muss ihm zu lange den Schnuller gelassen haben, man sieht ihn nie ohne Fluppe zwischen den Lippen, und wenn Rauchen verboten ist, nuckelt er an seinem »Silberpfeil«, wie er ihn nennt. Ein ziemlich spitzer Metallzahnstocher, von dem jeder hofft, dass er ihn sich eines Tages durch die Kehle rammt. Hinter ihm taucht Köpke auf, die beiden gibt es nur im Doppelpack. Böse Zungen behaupten, weil Köpke alleine nicht einmal aus der Polizeiparkgarage finden würde.

»Was wollen Sie überhaupt hier?«, fährt mich Dorn an, sein Zahnstocher bebt bei jedem Wort. »Ist hier irgendwo ein Sparschwein abhandengekommen? Hm? Sieht das hier wie ein Einbruch aus?«

»Ich war gerade in der Gegend«, antworte ich kühl und schiele an ihm vorbei zu Campe, der mittlerweile seine Fassung wiedergefunden hat und unnütz im Weg herumsteht. »Und dann bin ich zufällig hier hereingestolpert.«

»Zufälle gibt’s …«, leitet Dorn ein.

»… die gibt’s gar nicht«, schließt Köpke ab. »Und jetzt raus hier, oder haben Sie schon vergessen, dass Sie nicht mehr bei der Mordkommission arbeiten?«

Mit zusammengekniffenen Augen funkle ich die beiden an. Mehr kann ich nicht tun, denn sie haben recht. Seit

»Wie Sie meinen.«

»Wie Sie meinen«, äfft mich Dorn nach und bugsiert mich unsanft zur Seite. Ich muss sofort zum Präsidium. Auch wenn die Chance verflucht gering ist – ich muss einfach versuchen, Teil der Einsatzgruppe zu werden. Ich muss.

 

Als ich schon mit einem Bein zur Tür hinaus bin, vibriert es hinter mir. Jeder fasst sich automatisch an die Hosentaschen, aber schüttelt nur den Kopf. Wahrscheinlich denken alle im Raum exakt das Gleiche: Irgendwo hier läutet ein Handy – vielleicht gehört es dem Täter. Suchende Blicke wandern durch die Wohnung, Hände rücken Polster zur Seite, öffnen Schubladen, heben Zeitschriften an. Bis plötzlich …

»Linus Campe, Polizei Hamburg, mit wem spreche ich?«

Alle Augen starren auf den bulligen Kollegen in der Küche. Schweiß steht ihm auf der Stirn, während er vor sich hin stammelt. »Nein … Sie ist … Ich bin … Entschuldigen Sie bitte.«

Mit einem Satz stehe ich neben ihm, im nächsten Moment schießt Köpke um die Ecke, rutscht beinahe auf den Fliesen aus. Beide hampeln wir wie Kasper vor Campe, drängen ihn stumm, das Telefon abzugeben.

Endlich scheint er zu verstehen. »Warten Sie kurz«, formuliert er seinen ersten geraden Satz ins Telefon und umschließt dann das Mikrofon mit seiner fleischigen Hand.

»Ich … ich verstehe das nicht«, stottert er los und sieht mich mit großen Augen an. »Der Mann will seine Frau sprechen. Wie viele Männer hatte die denn?«

10 Stunden und 8 Minuten danach

Mein Körper liegt im Bett, ich liege neben mir. Meine Augen starren geradeaus, auf den Arm mit dem Patientenband, aber ich sehe durch ihn hindurch. Ich höre den Arzt keifen, den Polizisten stammeln, die Krankenschwester beschwichtigen, doch ich verstehe sie nicht, mein Gehirn kann die Informationen nicht verarbeiten. Ich bin begraben unter einer meterdicken Schicht aus Apathie.

Meine Frau ist tot.

Ich muss schlafen.

Ich muss einfach nur schlafen, tief und fest.

Schlafen, bis ich aufwache und alles vorbei ist.