Radka Denemarková, geboren 1968, lebt als Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur in Prag. Sie ist dreifache Preisträgerin des wichtigsten tschechischen Literaturpreises Magnesia Litera. Stunden aus Blei wurde als Buch des Jahres ausgezeichnet. Für ihren Roman Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (2019) wurde sie mit dem Spycher: Literaturpreis Leuk 2019 ausgezeichnet. Aufgrund ihrer Kontakte zu Dissidenten erhielt Radka Denemarková ein lebenslanges Einreiseverbot nach China.
Die Übersetzerin
Eva Profousová, geboren 1963 in Prag, lebt als Übersetzerin und Publizistin in Berlin. Sie hat unter anderem alle bisherigen Romane von Radka Denemarková ins Deutsche übertragen und ist die Übersetzerin von Jáchym Topol, Jaroslav Rudiš, Petr Zelenka und Kateřina Tučková.
Für Ester und Jan. Meine Europäer.
Wir hoffen immer, dass andere die Antwort wissen. Dass andere Orte besser sind und andere Zeiten die Dinge zum Guten wenden. Aber es stimmt nicht. Niemand kennt die Antwort. Andere Orte sind nicht besser, und alles ist schon da gewesen.
Lao-Tse
Bücher haben nicht nur ihre Schicksale: Sie können auch Schicksal sein.
Jean Améry
Obwohl sich die westliche und östliche Welt in vieler Hinsicht unterscheiden, ist die Krise, die sie durchmachen, eine gemeinsame Krise, und das Nachdenken über eine mögliche Alternative sollte bei ihrer Reflexion ansetzen.
Václav Havel
Die Stunde ist aus Blei –
Wer überlebt, denkt dran,
Wie die Erfrierenden vom Schnee noch wissen –
Erst – Frösteln – dann Starre – dann das Gehenlassen –
Emily Dickinson
Alles ist wahr.
Träume lügen nicht.

Der Reisebericht erscheint gestutzt, kastriert. Die Schriftstellerin beschleicht das unheilvolle Gefühl, sie hätte ihn mit zusammengebundenen Händen geschrieben. Mit Bleigewicht ums Handgelenk. Sie hat über Landschaften und Berge geschrieben, über die tausendjährige Kultur, die Sommerpaläste und Lyrik des alten China, über eierschalendünnes Porzellan, schwungvolle Weitläufigkeit und beschwerliche Schönheit, atemberaubend bis zum Ersticken. Sie hat über buddhistische Tempel geschrieben; das Ziel sei Nirwana, Verwehen von jedem Wunsch und jeder Neuschöpfungslust, selige Nichtswerdung; jede Gewalt wühle den Weltenspiegel auf und verunreinige das Karma. Sie hat über ausufernde Städte und chinesische Gärten geschrieben, über chinesische Küche, chinesische Kalligraphie und über das Feine und das Flirrende, es war witzig und kurzweilig, mit Fotos und praktischen Miniratschlägen gespickt, eine Belanglosigkeit nach der anderen. Haben Sie zu Ende gegessen, geben Sie bitte der Bedienung Bescheid, indem Sie beide Stäbchen nebeneinanderlegen, quer über den Schalenrand. Trinken Sie in Gesellschaft, ist es höflich, den anderen nachzuschenken, sobald ihre Schalen leer sind. Wird Ihnen Tee eingeschenkt, klopfen Sie zum Zeichen des Dankes leicht mit Mittel- und Zeigefinger auf den Tisch. Bedenken Sie beim Besuch der Stadt Lhasa die Höhenkrankheit; manche Hotels stellen Sauerstoffgeräte zur Verfügung.
Ein Zeitalter der Abenteurer und Reisenden bricht an. Sie werden die Welt wiederentdecken, mit eigenen Ohren und Augen, mit eigener Seele, ohne Fremdes nachzuplappern und Halbwahrheiten zu verbreiten. Ohne sich auf den trügerischen ersten Eindruck zu verlassen. In China ist alles anders, als es der erste Blick suggeriert. Da ist ein pingeliger zweiter Blick vonnöten und ein dritter und vierter, ein Blick tief unter die Oberfläche. Steht dort das Zeichen hun für eine Seele, die außerhalb des Körpers existiert? Steht dort das Zeichen po für eine Seele, die zeitgleich mit dem Körper stirbt? Bitte beim vierten Blick nicht abwenden. China besteht nicht nur aus modernen Großstädten wie Peking, Shanghai, nicht nur aus Provinzen wie Kanton. China sind mehrere Länder in einem. Jede Provinz verfügt über ein eigenes Zentrum und eine eigene Peripherie mit miserablen Verkehrswegen, rückständigen und ärmlichen Landregionen und korrumpierten Potentaten; Armut und Reichtum lassen sich nicht verbergen.
Im neunzehnten Jahrhundert schwand Pekings Einfluss in Tibet dahin. Nur ein symbolischer Abglanz der einstigen Macht blieb übrig. Nach dem Sturz des Kaiserreichs 1912 agierte Tibet bis zur kommunistischen Invasion von 1950–1951 als ein unabhängiger Staat. Keine kommunistische Regierung will Tibet Unabhängigkeit schenken. Die kommunistischen Machthaber sind nicht einmal gewillt, sich mit dem Dalai Lama, dem geistigen Führer Tibets, auf Autonomie zu einigen. Das Gebiet ist groß, und die Chinesen haben sich eingeredet, es gehöre zum historischen China. Menschen aus Wohlstandsländern reisen gerne nach Tibet. Und berichten in den sozialen Netzwerken, was sie dort aßen und was sie dazu tranken, was sie besuchten und wo sie badeten, welche Berge sie bezwangen und in welchen Betten sie schliefen. Seltsamerweise essen und besuchen sie alle dasselbe; die Welt gleicht einer fröhlichen Wanderung durch einen Wust selbstbezüglicher Informationen. Das bestätigt die Reisenden darin, dass die Welt so aussieht, wie es im Reiseführer steht.
Alles andere würde sie beunruhigen.
1989 bekam der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Seitdem ist Tibet so populär wie nie. Die Stadt Dharamsala, besser gesagt McLeod Ganj, der indische Bergort, wo Seine Heiligkeit lebt, wurde zum Pilgerort für glücksuchende Idealisten; ein Pilgerort des Happy-Mind-Tourismus. Europäer und Amerikaner lassen an diesem Ort ihren Hass und Ärger los, ihre Furcht und Wut. Mögen alle glücklich sein, sagt ein tibetischer Spruch. Alles Tibetische – Buddhismus, Medizin, Kunst – wird im Westen als heilig empfunden; es verkauft sich gut. Mit der chinesischen Okkupation setzt sich niemand auseinander, niemand glaubt an die Rückkehr des Dalai Lama.
Anfangs ein Opfer der chinesischen Aggression. Heute ein Opfer des Neoliberalismus und der Touristen. Die erwarten nichts als tibetische Friedensliebe und Religiosität, Wandern mit Yaks, Meditationen auf Berggipfeln und Buttertee. Der Westen fördert großzügig alles, dem das Adjektiv tibetisch voransteht, insbesondere was Mönche, Künstler, Mystik und Heilpraktiken anbelangt. Aber es gibt keine Bereitschaft, die Tibeter in ihrem Befreiungskampf zu unterstützen. Der Westen möchte keine Mönche unterstützen, von denen sich jedes Jahr welche aus Protest gegen die chinesische Okkupation bei lebendigem Leib verbrennen.
Für den Westen ist Selbstverbrennung keine Option.
China ist Lächeln und Geduld.
Diese Teile des Manuskripts wurden von der unsichtbaren Hand des Lektorats und Marktes rot markiert. Und später gelöscht. Interessanterweise mussten auch Zitate von Konfuzius dran glauben. Erschien uns besser so, hieß es süßlich säuselnd.
Die Schriftstellerin weiß nicht, was sie mit dem zweiten, dritten und vierten Text anfangen soll. Mit der brutalen Unruhe der Satzgefüge und der Figuren; alle verdienen eine eigene Stimme. Belangloses, kleinste Begebenheiten, aneinandergehängte Gedanken; Gespräche, Gespräche; Briefe und noch mehr Briefe.
Das chinesische Tagebuch.
Übereinanderliegende Erdschichten schieben sich durch Jahrhunderte. Wer nicht weiß, an welche Stelle er den Fuß setzen soll, schlittert in einen tückischen Spalt hinein. Verschwindet für immer in dem unauffälligen Riss. Hat nie existiert.
China legt Charaktere frei. China legt Beziehungen frei, den Kern. Eintauchen in den menschlichen Ozean gleicht einer Reinigung; der Grundton bleibt. Die Schriftstellerin nimmt Abschied vom alten Europa. Von ihren Idealen. Europa ist ein Ameisenhaufen. Die Ameisen stinken nach klebriger Angst, schichten ständig ihren Besitz um und ziehen Mauern hoch. Das hilft nicht. China kauft sich die Welt. Totale Marktwirtschaft gegen freie Marktwirtschaft, und Meister Chronos spricht:
Alle Menschen sagen: »Ich weiß!« Dann schlittern sie in eine Falle oder ins Netz, und auf einmal wissen sie nicht, wie sie sich befreien sollen.
Alle Menschen sagen: »Ich weiß!« Dann wählen sie Maß und Mitte und können nicht einmal einen Monat lang daran festhalten.
Die Hölle, die du nicht ändern kannst. Die Hölle, in der du allen wiederbegegnest. Der Mensch dem Menschen ein Wolf. Der Bruder dem Bruder ein Basilisk. Alle Länder auf unserem Planeten werden in regelmäßigen Zyklen zur Farm der Tiere.
Die Schriftstellerin schmeißt die Belegexemplare des Reiseberichteunuchen in den Altpapiercontainer. Die Uhr zeigt die Zeit an. Sie greift nach Tusche, Kalligraphiepinsel und Papier. Sie wird das Buch über ihr China malen; nicht der Mensch reibt die Tusche an, es ist die Tusche, die den Menschen anreibt.
Sie wird im Unterbewusstsein von China keschern.
Also auch im Unterbewusstsein ihres Landes.
Vielleicht sieht sie alles falsch.
Und das wäre noch das Beste.

Die Blauelster (Cyanopica cyana) flattert kreischend in den Parkanlagen von Peking und in den umliegenden Wäldern von Baum zu Baum. Ein Schwarmvogel. Mit schwarzem Kopf und langen blauen Schwanzfedern, mit denen sie beim Fliegen steuert. Beim Landen werden sie gespreizt wie ein Fächer aus verkümmerten pastellfarbenen Pfauenfedern.
Knatternde Rasselstimme.
Als hätte sie rostige Stangen in der Kehle, wundscheuernden Stacheldraht. Sobald der Draht die zarte Haut berührt, schrillt die Blauelster im Falsett wie ein zukünftiger Eunuch bei der Kastration.
Sie behält ihr Revier im Blick. Ihr Geschrei ist schneidend. Für alles, was ihr zu sehen bestimmt war, bestimmt ist und sein wird, zahlt sie mit dem Augenlicht. Es gibt das Leben, und es gibt den Tod.
Und es gibt das Nichtleben.
Dabei ist sie keineswegs sentimental, weder egoistisch noch elitär. Sie versteht die Welt nicht als das Nonplusultra, deutet auch die menschlichen Charaktere am liebsten nur positiv. Als Ideale, die der Bequemlichkeit entspringen und den Gottheiten von Wasser, Erde und Himmel den Blick auf echte Menschennatur versperren.
In Peking hat sich die schwarze Krähe eingenistet und verbreitet. Sie ist blind; sie wurde einer Gehirnwäsche mit vollkommen richtigen und vollkommen widersprüchlichen Antworten unterzogen.
Der Krieg zwischen der schwarzen Krähe und der Blauelster ist bereits im Gange. China ist ein Konzentrationslager mit undurchlässigen Grenzen. China ist ein blühender Garten. Das ist kein Widerspruch. Es sind zwei gegensätzliche Meinungen, die beide freudige Zustimmung auslösen.

Das Zentrum von Peking ist verstopft, staubbedeckt. Die stickige Mitternacht legt sich faul über die Straßen. Die Autos schwitzen, hupen um Hilfe; sie verkünden eine Hetzjagd, und Meister Chronos sagt: Der Weg flieht den Menschen nicht. Entscheidet sich einer für einen Weg, der ihn flieht, ist es nicht der richtige Weg.
Die Zündschnur brennt, und die Uhr zeigt die Zeit an.
Sie rotten sich entlang der langen chinesischen Mauern zusammen. Im scharfen Schein der Neonlichter hocken Gestalten zu Füßen der Häuser. Mit gekrümmten Rücken über Tische auf der Straße gebeugt sitzen sie auf wackeligen Plastik- und Bambusstühlchen. Wirbeln die Stäbchen durch die Luft. Gierig füttern sie den Körper, als wäre es nicht die letzte Mahlzeit am Tag, sondern die letzte im Leben.
Oben am Himmel wird die Stadt von Lichtstrahlen umliegender Wolkenkratzer eingekreist. Die Wolkenkratzer beäugen sich voller Hass. Die Gestalten fischen Happen aus benachbarten Schalen, von Tellern, Tabletts. Die Schriftstellerin sieht in schweißglänzende Gesichter. Die Blicke weichen nicht aus, die Münder kauen weiter. Eine Frau greift in einen dampfenden grünen Haufen. Sie schiebt sich eine gekochte, mit Salz bestreute Bambusschote in den Mund. Zieht sie zwischen den Zähnen langsam heraus, saugt. Salziger Saft tropft ihr übers Kinn. Die leere Hülle landet auf dem Boden vor staubigen Zehen in schwarzen Sandalen. Die Schriftstellerin hat keine Ahnung, was diese Leute denken; hier weiß man genau, was gesagt werden darf. Worüber man nicht spricht. Es gibt Wörter, die es nicht in Sätze schaffen. Es gibt Gedanken, die nie in den Genuss der menschlichen Stimme kommen. Die Symbolwerte und Formeln aus dem Großen Lernen und dem Buch von Maß und Mitte haben in China nie an Wirkung verloren. Der Lesekundige kostet sie aus wie den Saft einer Bambusschote. Er hat sie so verinnerlicht, dass er sein Leben lang von ihnen zehrt. Ohne sie je ganz ausgesaugt zu haben.
Nachts verweigert sich der Schlaf. Der nackte verschwitzte Körper wälzt sich auf zerknittertem Bettlaken. Im Kopf wälzen sich Steine. Die Schriftstellerin wählt für ihren mehrstündigen nächtlichen Fußmarsch immer dieselbe Strecke. In schnellem Tempo läuft sie viermal vier Kilometer.
Jeder hat seine Rituale. In der Nähe des U-Bahn-Eingangs, an einem verwaisten Baum lebt ein Mann unter freiem Himmel. Ein Mann vom Land. Läuft die Schriftstellerin nachts an ihm vorbei, winkt Meister Chronos ihr zu. Sein Körper schlängelt sich um den aufrechten Baumstamm. Der Arm schüttelt die vor Kälte starren Finger. Der Baum ist in einem Quadrat Erde einbetoniert. Der Mann trägt ein abgewetztes Jackett, aus der Tasche ragen schmutzige, mit bröckeligem Schlamm bedeckte Stäbchen. Nachts lockert er mit ihnen den Boden auf. Nimmt eine Handvoll der kostbaren Erde, in die der Baum gepflanzt wurde. Reibt sie zwischen den Fingern, rührt sie feierlich in der hohlen Hand um und isst. Zwischendurch zieht er den Schnodder hoch; Schleimhautbefeuchtung. Gelingt es ihm, einen lebenden Spatzen zu fangen, beißt er ihm den Kopf ab und spuckt ihn aus.
Das ist seine Lieblingsnummer. Die nächtlichen Passanten lachen. Sie werfen dem blutigen Flaum spuckenden Mann klirrende Münzen vor die Füße.
Die Schriftstellerin und ihr Pekinger Freund laufen an einem Gebäude vorbei, das einer riesigen Zigarre oder einem erigierten Glied ähnelt. Das benachbarte Haus hinter der Ecke erinnert an Prag; verglichen mit dem robusten Bau sind die Plattenbauten Prags kleine Pappschachteln für kaputte Püppchen. Kreischt eine schwarze Krähe vor dem Haus, stellt sich bald Besuch ein. Am Eingang stehen sich drei Männer in grauem Anzug und weißem Hemd die Beine in den Bauch. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Freund.
Der Freund tut, als sähe er die grauen Anzüge nicht.
Sie treten durch die große Glastür. Die grauen Anzüge pressen ihre neugierigen Schnüffelnasen ans schmuddelige Glas.
Die Schriftstellerin und der Freund fahren in den neunundachtzigsten Stock. Essensgerüche wabern in den engen Fluren des dunstigen Labyrinths; sie steigen von der Straße, aus den offenen Grills und Garöfen, im Fahrstuhl mit hinauf. Der Freund klopft leise an eine Tür ohne Nummer. Die Knöchel der geknickten Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand stürmen eine dunkle Festung. Der Waldspecht klopft das Losungswort in die Baumrinde. Tippt Morsezeichen auf der Schreibmaschine. Morsen die Chinesen auch, verehrter Herr?
Zwei Körper schieben sich vorsichtig durch den Türspalt, als wären sie gerade im Entstehen. Ziehen leise die Tür hinter sich zu. Die Wände haben Ohren. Die Wände triefen vor Vorsicht, die der Freund geflissentlich ignoriert. Der Freund kennt keine Vorsicht, sachlich und energisch wie er ist. Er lässt sich von der Welt verzaubern, nicht schwächen. Analysiert das Geschehen besonnen und verblüffend einfühlsam. Anders handeln kann er nicht. Er ist sich sicher, dass ihm nichts passiert. Dass ihm ein von den antiken Göttern vorbestimmtes Leben nichts anhaben kann, weil er schon immer ein selbstbestimmtes Leben geführt hat, und das wird er weiterhin tun, weil er an sich glaubt und das Schlimmste bereits erfahren hat. Er hält einen seltsamen Abstand zwischen sich und der Welt; das macht ihn stark. Durch den selbstrettenden, schützenden Abstand bleibt er »bei sich«. Der Weg des Edlen liegt fast verschwenderisch offen und dabei im Verborgenen.
Der Schriftstellerin fehlt eine Schutzhaut. Sie fühlt sich in die Menschen hinein, nimmt ihr Leiden beidhändig auf, rührt es ohne Stäbchen um und schluckt es hinunter, bemüht sich um Linderung. Und merkt nicht, dass sie die Last auf dem eigenen Rücken trägt; fremde, ihr hingeworfene Emotionen schwächen sie. Die eigene Seele für die anderen aushauchen.
Vor ihnen steht das schrumpelig gewordene Abbild eines einstigen Selbst. Die Schriftstellerin unterdrückt den Wunsch, die Hand nach dem Körper auszustrecken; als wollte sie ein dahinsiechendes Kind streicheln, das heroisch eine fiebrige Krankheit überstanden hat. Der Anwalt. Dickköpfiger Vertreter von Mücken, die dieses köstliche Land mit ihrem Sirren plagen.
Die Autokolonnen unter den Fenstern hupen warnend; sie verkünden eine Hetzjagd.
Der Anwalt hat es gewagt, seine Meinung zu äußern. Hier äußert man keine eigene Meinung. Es gelten die Kollektivmeinung und die Regeln des kaiserlichen Hofs; ein Polizeistaat ist der Feind des Rechtsstaates und ein Herrscher stützt sich auf seine Armee und seine Beamten und Denunzianten. Der Anwalt spricht mit seinen Gästen über Wirtschaft und über Zahlen, Prozente, Erträge, Abschreibungen, Umsätze und ökonomisches Wachstum. Rettungsnetz Plauderei. Eine Konversation so heftig wie ein Smalltalk über Essen oder das Wetter.
Neun Monate lang wurde er verhört. Und jetzt überraschend frei gelassen. Die nächsten vier Jahre darf er sich keinen einzigen Fehltritt leisten. Null Fehler machen. An seinem linken Handgelenk prangt ein hübsches Schmuckstück. Es sind zwei Welten, in denen er lebt.
Die Schriftstellerin beugt sich vor und kneift die gelben Katzenaugen zusammen. Untersucht das Schmuckstück von nahem. Massives Metallarmband. Mit einer diamantenharten Erhöhung. Ohne Ziffernblatt. Es ist keine Armbanduhr. Sondern der Armreif eines Elitehäftlings. Wächter und Denunziant der modernen Zeit. Das rote Auge blinkt in regelmäßigen Abständen verwegen auf, der Blutfaden pulsiert. Es kennt keinen Schlaf, keine Müdigkeit. Sieht alles. Hört alles. Leistet seinem Gefangenen Gesellschaft unter der Dusche, im Bett, auf der Toilette; wird gemeinsam mit ihm jeden Bissen zwischen den Zähnen zermalmen und hinunterschlucken, mit ihm masturbieren und den Darm entleeren, wird in seine Gedanken kriechen, sie beherrschen, lesen und interpretieren. Ganze vier Jahre lang.
»Da dreht man doch durch«, sagt die Schriftstellerin zum Freund.
»Gut möglich«, sagt der Freund. »Davon gehen die aus.«
Im hiesigen unbegreiflichen, staatsbildend pragmatischen Denken und Handeln hört jeder den anderen ab. Im Land der Schriftstellerin hörte die kommunistische Staatssicherheit nur die Unumerziehbaren ab. Installierte Wanzen in ihren Wohnungen, zapfte ihre Telefone an. Die Unumerziehbaren drehten in ihren verwanzten Privatwohnungen das Radio auf, das Grammophon, den Fernseher, im Bad den Wasserhahn. Um auf dem Wannenrand sitzen und ungestört reden zu können.
Größte Angst macht ihr die beschädigte Privatsphäre.
Das Buch von Maß und Mitte ist eine Gedankensammlung, die in Konfuzius’ Schule von einem Schüler an den anderen weitergereicht wurde. Der Anwalt war ein Musterschüler. Jetzt ist er abgemagert, die Wangen eingefallen. Der Anwalt und der Freund sehen aus wie zwei Menschen, die ihr Leben selbst gewählt haben.
Solche Menschen sind der Schriftstellerin immer etwas unheimlich.
Sie sitzen aufrecht auf dem roten Sofa wie frühreife Kinder und Brüder. Ihre Wahrhaftigkeit, an der sie täglich arbeiten müssen, besteht aus Selbstkontrolle, Selbstfürsorge und Selbstvervollkommnung. Daraus folgt: Hat ein edler Mensch einen großen Weg angetreten, braucht er Anstand und Zuverlässigkeit, um auf ihm zu bleiben; durch Stolz und Überheblichkeit verliert er ihn. Im Moment jonglieren die beiden Banalitäten in der Luft; Wörter, die sich an den Armreif am Gelenk des Anwalts richten. Dass sie diskriminiert werden, stört sie nicht, und ihr Handeln erwächst nicht aus theoretischer Überzeugung; das wäre für sie keine Motivation. Es ist die pure Selbstverständlichkeit. Ein Stück Schicksal und ein Stück Erfahrung, Folge ihrer eigenen Wahl.
Die Schriftstellerin blickt die beiden unverwandt an. Vielleicht bekommt sie eine Antwort auf ihre Frage, warum der Mensch eigentlich nach verantwortungsvollem Leben strebt.
Der Armreif wiegt schwer. Der Anwalt steht auf und überbrüht Teeblätter. Dabei unterstützt er das linke Handgelenk; das bleierne Gewicht droht seine Schulter zu verrenken. Er schaukelt das Bleibaby auf dem Arm.
Mit seiner Rechten stützt er das linke Handgelenk, oder er lehnt es an den Rand der Tischplatte, als wäre es gebrochen und gegipst. Nie berührt es sein Knie. Der Armreif widert ihn an, er hält Abstand zwischen ihm und seinem Körper. Der Anwalt zeigt guten Willen, aber es zehrt an ihm, es zehrt an ihm und zehrt ihn aus. Er will den Wächter möglichst weit entfernt wissen.
Der Wächter ist sein Körper.
Die rechte Hand des Anwalts ist gepflegt; die Finger eingecremt, die Nägel geschnitten und poliert.
Die Hand im Armreif gehört ihm nicht; die Kneifschere wird ignoriert. Der entfremdete Körperteil lebt ein Leben im Abseits, Eigentum des Eindringlings; die ganze Hand ein Störenfried. Die Fingernägel werden nicht geschnitten; sie krümmen sich schon. Darunter festsitzender, tintenschwarzer Dreck, Ablagerungen wie aus Teer. Die dreckige Hand darf die saubere nicht berühren. Die Haut ist trocken, sie schuppt.
Schuppenflechte namens Angst.
Die Schriftstellerin beäugt die Manschette aus Blei. Das Schicksal aller Philosophen, Schriftsteller und Ketzer, die Verstörung bringen. Vielleicht auch das der Anwälte. Ob sich im Land der Schriftstellerin jemand fürs Jurastudium entscheiden würde, wenn ihm ein solches Schicksal winkte? In ihrem Land ist jeder Hinz und Kunz ein Rechtsexperte. Die Rechtsprechung ist einfacher geworden. Ein Jurist studiert das Gesetz, damit er es besser umgehen kann. Die Herrschaft der Juristen hängt nicht mit der Herrschaft des Gesetzes zusammen, und das Recht wird von demjenigen verteidigt, dem Gewinn winkt.
Worte, die für die gespitzten Ohren des Armreifs gesendet werden; über das Wirtschaftswachstum, das Wetter und die Schönheiten von Peking. Die Schriftstellerin verlässt die Wortautobahn. Biegt in eine dunkle Sackgasse ab.
»Sie sind im gleichen Jahr geboren wie ich.«
»1968. Ein seltsames Jahr.«
»Mein Vater war immer gerührt, wenn er von der Zeit sprach. Sind Sie in Peking geboren?«
»Nein.«
»Wo denn?«
»Ich mag Peking.«
»Aber wo sind Sie geboren?«
»Peking ist ein Juwel.«
»Ist Ihr Vater auch Anwalt?«
»Nein.«
»Und wo sind Sie geboren?«
Der Freund verpasst der Schriftstellerin einen kräftigen Tritt unter dem Tisch, sie solle nicht fragen, nicht provozieren, er sei in Wuxuan geboren. Der Anwalt erzählt von seiner Mutter; sie konnte weder lesen noch schreiben. Er spricht von den Fischer-Onkeln, die ihn großgezogen haben. Von zahmen, fischenden Kormoranen; als Kind habe er ihnen in der Dämmerung zugeschaut. Ein Kormoran taucht nach Fischen und bringt den Fang gehorsam zu seinem menschlichen Besitzer an Deck. Der Anwalt spricht davon, dass er damals studieren wollte, und von seiner Einsamkeit. Aber man habe ja immer sich selbst, auf sich selbst könne man sich stützen.
Bloß dürfe man kein zu weiches Herz haben.
»Also war Ihr Vater auch Anwalt.«
Die Schriftstellerin erntet einen frischen Tritt in die nackte Wade. Die Wohnung ist peinlich sauber. Nichts Überflüssiges, nichts Persönliches. Keine Familienfotos, Einrichtungsgegenstände, Bilder, Bücher, Andenken. Er lebt in einer Zelle. An der Wand hängt das Plakat der chinesischen Schauspielerin Tang Wei. Der Freund verlässt das Englische, spricht nun Chinesisch. Das rote Armreifauge blinkt alarmierend, das Herz trommelt, die Blutfäden fließen zusammen. Die Schriftstellerin unterdrückt den Wunsch, dem blutunterlaufenen Auge einen Wollschal umzuwickeln, es mit einem schneeweißen Verband oder Geschirrtuch zu verdecken, ihm ein wasserdichtes Pflaster aufzukleben. Das Auge mit einem Taschenmesser herauszupulen. Mit Zahnstochern auszukratzen. Mit einem Holzspieß zu durchbohren.
Der Anwalt reißt einen rosa Zettel von einem akkurat zurechtgeschnittenen Stapel ab. Seine unabhängige Hand greift nach einem Bleistiftstummel mit IKEA-Aufschrift. Das gesprochene Wort hat keine Bedeutung; es spült die Zeit hinunter, lenkt die Aufmerksamkeit vom Bleistift ab. Eine Theatervorstellung für das Publikum im Armreif; vorhersehbare, allgemein verständliche Rollenverteilung wie in der Peking-Oper. Der Anwalt begießt das rosige Küchlein mit neuer Glasur; schwarzes Gekritzel. Der Zettel rutscht, und die Schriftstellerin hält ihn mit Daumen und Zeigefinger am oberen Ende fest.
Die gepflegte Hand schreibt Wörter. Geschriebenes Wort heißt Leben.
Die Schriftstellerin sieht der freien Anwaltshand fasziniert zu. Die Hand malt chinesische Zeichen. Die einzige Möglichkeit, dem Freund mitzuteilen, was der Kopf denkt. Die einzige Möglichkeit mitzuteilen, bis wohin die Angst reicht. Die freie, gepflegte Hand stolpert. Der Holzstummel purzelt unter den Tisch. Die Schriftstellerin bückt sich danach. Hebt ihn auf und stößt mit dem Nacken gegen die geschliffene Tischkante.
Über der Kloschüssel liest der Freund die Zeichen. Prägt sie sich ein. Zerreibt den rosa Zettel zwischen seinen schwitzenden Fingern; die Schriftzeichen lösen sich im Schweiß auf. Die Schrift ist mehlig, und die rosig ergrauten Hände reißen das Papier in dünne Streifen. Die Streifen in briefmarkengroße Stücke. Der Freund schluckt die eine Hälfte der Zeichen hinunter, die andere wirft er ins Klo. Man hört die Spülung.
Der Anwalt schenkt der Schriftstellerin weißen Tee nach.
»Etwas zu essen?«
»Nein, danke.«
Der Anwalt gießt sich selbst Tee ein. Die linke Hand mit dem Metallreif, dem fettleibigen Wächter, beachtet er nicht.
Vergeblich. Sie sind zu viert. Die Ordnung bleibt dabei.
Das offizielle Lächeln der chinesischen Schauspielerin an der Wand auch.
Der Schriftstellerin dreht sich der Magen um. Es ist nicht auszuhalten. Die Zeit der Wanzen ist vorbei. Gekommen ist die Zeit der scharfsinnigen Abhöranlangen. Offen und unverhüllt, höhnisch, demütigend. Der Anwalt selbst hat entschieden, so zu leben. Seine Herausforderung, sein Schicksal. Gefasst nimmt er die Folgen seiner Entscheidung auf sich. Vier Jahre wird er mit dem Armreif schlafen, seinem ewigen Lover. Eine Ehe mit einem Armreif. Auf Schritt und Tritt Vorsicht und Isolation. Vier Jahre lang. Keiner weiß, was eine solche Vorsicht mit seinem Denken, seiner Wahrnehmung, seinem Benehmen und Handeln macht. Im alten China folterte man gefesselte Gefangene, indem man ihnen in regelmäßigen Intervallen Wasser auf den Kopf tropfen ließ. Bis sie wahnsinnig wurden.
Der Wasserhahn, aus dem es auf die Stirn des Anwalts tropft, ist noch zersetzender. Sekunden tröpfeln hinunter. Über jede Sekunde wacht ein Hund und leckt sie weg. Die Uhr zeigt die Zeit des Anwalts an.
Sie nippen am weißen Five o’Clock Tea. Die Konversation ordnet sich dem Armreif unter: Wie war, wie ist, wie wird das Wetter sein. Wie lange müssen welche Teesorten bei welcher Wassertemperatur ziehen.
Die Schriftstellerin denkt an chinesische Literatur. Der Anwalt und der Freund haben jeweils einen unsichtbaren Kalligraphiepinsel und schreiben in die Luft. In der klassischen chinesischen Literatur waren uneindeutige Titel gebräuchlich. Für den Leser gehörte eine abweichende Lesart ganz natürlich zum gemeinsamen semiotischen Spiel. Die vieldeutige Schreibart war notwendige Grundlage für den Autor. Und ohne Mehrdeutigkeit hätte sich der Leser betrogen gefühlt. Zu dem semiotischen Spiel gehören auch die Titel zweier kanonisierter Texte: Das Große Lernen und Das Buch von Maß und Mitte.
Die Schriftstellerin hört dem gesprochenen Wort zu, das »abweichend« verstanden werden kann. Für die beiden Männer ist das Gesprochene klar und verständlich. Es trägt eine Bedeutung, die sich der Schriftstellerin nicht erschließt.
Sie verlassen die Wohnung. Steigen in den Fahrstuhl. Der Körper eines weißbehemdeten Mannes schlüpft in die Fahrstuhlkabine, ein graues Jackett über der Schulter. Als sie das Gebäude verlassen, schießt das weiße Hemd ein Foto von ihnen. Frech und wortlos. Als handelte es sich bloß um eine Aufnahme von zwei Europäern, zwei zufälligen, weißen Touristen. Die Schriftstellerin ist so überrumpelt, dass sie der Fotolinse des Weißbehemdeten ein nettes Lächeln schenkt; die Stimme der Sirenen im Ohr, cheese und »Achtung, ein Vögelchen!«. Die schwarze Krähe raschelt mit den Flügeln.
Vor der verglasten Außentür kommen drei grau gekleidete Männerkörper auf sie zu, die vor dem zigarrenartigen Gebäude herumgestanden haben. Die Schriftstellerin muss ihren schwarzen Rucksack öffnen. Eine Männerhand taucht hinein und wühlt darin herum wie in einer Lostrommel. Der Freund wird abgetastet. Beide müssen sich ausweisen.
Kann man gleichzeitig leben und schreiben?
Das Leben greift mit seinen eigenen Themen an.
Worte, die einen in Europa von allen Seiten bestürmen, bedeuten hier nichts.
Worte, die hier auf eine Miniaturwaage gelegt werden, bedeuten Leben oder Tod.
Für andere Menschen bleibt der Schriftstellerin weder Zeit noch Energie. Sie hat beide Hände voll damit zu tun, den inneren Kosmos im Griff zu halten; in ihr leben viel zu viele Welten, und sie verlangen ihr so viel ab.
Lebenslang staunen wie ein Kind, das ist das Ziel.
Dies sind Stunden aus Blei. Über Prag legen sich Streifen von Grau und Blau. Vertikale Striemen in der Ferne schicken bald Regen auf die Erde. Die Schriftstellerin verlässt ihre Wohnung nicht. Jede zwischenmenschliche Begegnung kostet sie viel Energie; ihr sonnendurchwärmtes Gleichgewicht ist zu zerbrechlich, um Gespräche mit Fremden zu riskieren, egal mit wem. Das Schreiben, die beständige Tätigkeit ihres Geistes, gleicht einem schmalen Pfad über dem Abgrund.
In Peking gibt es keine Pfade. Nur Abgründe.
Der Freund hat seit seiner Jugend graue Haare. Sie wirken unschuldig und machen ihn paradoxerweise jünger. Als hätte er die Sterblichkeit überwunden. Mit einer Pinzette reißt er der Schriftstellerin einzelne Haare aus den tigerorangen Locken. Sie ragen am Scheitel grau in die Luft. Sind stärker, härter. Ein Warnsignal von irgendwo; sie hat nicht ewig lang Zeit.
Ein Baum vor dem Fenster. Wie gerne würde sie sich an ihm erhängen.
Als Vogelscheuche die Scharen der schwarzen Krähen verjagen.
Nadeln unter der Haut. Nadeln in der Haut. Der Körper warnt sie vor irgendetwas. Oder er schützt sie. Sie sollte das Haus verlassen, frische Luft schnappen. Dabei könnte sie aber anderen Menschen begegnen. Sie schließt das Leben in die Arme, und die glitschige Schlange schlüpft ihr aus den freien Händen; sie fällt in die Tiefen des Teiches vor dem Pekinger Sommerpalast. Den Körper lässt sie auf der Oberfläche zurück. Steht dort das Zeichen hun für eine Seele, die außerhalb des Körpers existiert? Steht dort das Zeichen po für eine Seele, die zeitgleich mit dem Körper stirbt?
Die Schriftstellerin schläft um Mitternacht ein. Träumt einen chinesischen Traum. Wacht gegen drei Uhr morgens auf. Schluckt eine Schlaftablette. Dem Traum schmeckt die Schlaftablette nicht. Sie träumt einen tschechischen Traum. Wacht gegen fünf Uhr morgens auf. Niedergeschlagen liest sie ihre Nachrichten. Zwischen den gelesenen Zeilen schimmert vergangenes Leben durch, all die Begegnungen, Hoffnungen, ach Mensch, vergieße keine Tränen, solange du hoffen darfst. Der Kopf ist überspannt, arbeitet auf vollen Touren. Sich nicht von Unwissenheit retten zu lassen ist das Ziel; dabei ist Unwissenheit eine Überlebensstrategie, eine äußerst wirksame noch dazu. Eine bestimmte Art von Unwissenheit schützt jede Gesellschaft, jede Nation, jeden Geist. Die eigene Vergangenheit nicht zu kennen.
Die Bösen gewinnen, weil sie sich nicht an die Regeln halten. Das hat Olivie gesagt. Olivie konnte alles auf einfache Art zusammenfassen. Olivie aus der Stadt Peking.

SHENG – LEBEN

Vor dem Programmierer breitet sich ein atemberaubendes Wolkenkratzerdickicht aus. Er steht auf der Terrasse seiner Pekinger Firmenwohnung und in der beginnenden Abenddämmerung blinken die Lichter wie um die Wette, der rote Neon-Urwald drückt Flugzeuge und den Himmel weg. Die höchsten Stockwerke flimmern in einem Dschungel aus blendenden Farben, Werbeslogans und Aufbauparolen. Goldumgürtete Häuser leuchten in der Dunkelheit. Mond und Sterne gehen unter im Ozean der bunten Lichter, verneigen sich und treten bescheiden zurück. Die schmalen schwarzen Bänder am Fuß der Hochhäuser sind mehrspurige Autobahnen. Wie Schlangen kriechen sie und wenden sich in alle Himmelsrichtungen, vierundzwanzig Stunden am Tag schieben sich winzige Autos vorwärts.
Der Programmierer wird die Terrasse mit Blumen bepflanzen lassen. Bäume in Töpfe setzen, die Töpfe mit Zierkieseln auffüllen. Auf der Südseite befindet sich ein Massageschwimmbecken mit Whirlpool; zu dieser Jahreszeit liegt es zugedeckt unter einer blauen Schutzplane. Von der verglasten Terrasse geht es weiter in eine riesige Halle; weißer Marmorfußboden, Marmortisch, auch die Aschenbecher sind aus Marmor. Dienstags und freitags rücken chinesische Putzfrauen an. Vergeblich polieren sie den Marmor. Der Programmierer wacht darüber; streng steht er hinter ihnen und murrt. Er liebt glatte, polierte Fußböden. Sein gesellschaftlicher Aufstieg war nicht umsonst: Er bezahlt ihn mit der dahinschwindenden Fähigkeit, überhaupt noch Glück zu empfinden. Die Putzfrauen sollen mehr als nur den runden Hallentisch mit Blumen schmücken. Doch seinen angeborenen Jähzorn können Blumen nicht lindern.
Das Weihnachtsfest wird es wieder richten.
Kein Gepäck. Nur Weihnachtsgeschenke; Päckchen mit ausgesuchten chinesischen Teesorten, raffiniert verpackte Schachteln mit Ginseng und Chinesischer Engelwurz. Mit Frau und Kind fliegt er die Eltern besuchen, in Wien müssen sie umsteigen.
Im Vergleich zu Peking sind europäische Städte lächerlich, findet er. Wien ist eine Sahnetorte mit feister Buttercreme, passt gut zum Advent. Seine Tochter Olivie peitscht er mit Fragen, anders kann er nicht mit ihr kommunizieren. Er fragt ihr Wissen über die österreichisch-ungarische Monarchie ab, und seine Fragen schwimmen die Donau entlang.
»Du weißt ja, dass die Tschechen sich als stolze Österreicher empfanden, oder?«
»Hmmm.«
Am Stephansdom verlassen sie das Taxi und laufen durch zimtigen Frost zur Hofburg. Werfen einen Blick in die Gemächer von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, genannt Sissi.
»Dem Kaiser haben die Tschechen den Spitznamen Procházka, Spaziergang, verpasst.«
»Hmmm.«
»Willst du nicht wissen, warum?«
»Warum?«
»Franz Joseph kam zu Besuch nach Prag. Unter seinem Foto in der Zeitung stand: Spaziergang auf der Brücke.«
Olivie verzieht pflichtbewusst keine Miene. Im Türrahmen des Kaiserinnengemachs hängen Turnringe, und die Frau des Programmierers spricht mit der Stimme einer Gesundheitskundelehrerin.
»Elisabeth, auf Tschechisch Alžběta, hat immer wieder auf drastische Diäten gesetzt. Sie hat frische Kuhmilch oder Saft aus rohem Rindfleisch getrunken. Hartnäckig gehungert. Sich bis zur Erschöpfung getrieben. Mit Reiten. Fechten. Stundenlangen Wanderungen. Weder die Hofdamen noch die Spitzel des Kaisers kamen ihrem Teufelstempo hinterher. Der erste historisch belegte Fall von Anorexie.«
»Hmmm.«
»Oder Training einer Spitzenolympionikin.«
»Hmmm.«
Die Frau des Programmierers kauft Sissis Biographie, hmmm, hatte die aber ’ne schmale Taille, ’ne richtige Wespentaille. Seit an Seit mit ihrer Einsamkeit wanderte Sissi flink durch die Stadt. Am Tag schaffte sie an die fünfzig Kilometer; die Hofdamen keuchten schwer. Die Familie quetscht sich durch die internationale Menschenmenge. Hinter der Votivkirche, zwischen Burgtheater und Rathaus, liegt die Eislaufbahn Wiener Eistraum. Weiße Bürgersteige, mehrere Kilometer lang, gesäumt von Ständen mit Schlittschuhverleih. In der nachgebauten, beheizten Almhütte mit Kaminfeuer gibt es Flammkuchen, Kaiserschmarren, Glühwein, Almdudler, heiße Schokolade, Kaffee Melange, Topfenstrudel, Leberkäsesemmeln, Gewusel und Gelächter. Grüppchen von Schwarzen stehen zum ersten Mal auf den Kufen, und der Programmierer betrachtet sie nachdenklich. Die weiße Fläche wird im Rhythmus der Musik mit violettem Licht aus blauen und gelben Strahlern gestreift. Die Familie des Programmierers läuft Schlittschuh, schlürft heiße Getränke am Stand: Glühwein mit Gewürznelken und heißen Punsch mit Aprikosen- und Pfirsichgeschmack. Die Frau des Programmierers ist von den kaiserlichen Bauten des Absolutismus reichlich beeindruckt und holt Schulprospekte hervor. Abbildungen vom menschenleeren Schulgelände; Häuser mit Türmchen und hochstrebenden Stützsäulen, verglaste Mensa, Seerosenteich und Verwaltungsgebäude mit Fenstern aus buntem Glas, Granitbänke, Autoparkplatz. Sie bohrt den rot lederbehandschuhten Finger in ein prunkvolles Gebäude.
»Auf diese Schule kriegen wir dich. Schade nur, dass zu der Schuluniform kein Jackett gehört. Wie bei den englischen Privatschulen.«
»Ich habe mich schon dort eingewöhnt, wo ich bin.«
»Auf diese Schule schafft es nicht jeder.«
»Sie ist zu teuer.«
»Sie ist teuer, weil sie die beste ist.«
»Mama, ich will da nicht hin.«
Ihr Trotz hilft Olivie nicht weiter. Jeder Partybesuch, jeder Austausch mit anderen Müttern über Schuleinrichtungen, seien es Privatschulen mit exorbitantem Schulgeld oder hochangesehene, üppig subventionierte Institutionen, lässt die Frau des Programmierers zunehmend verunsichert zurück. Jetzt spricht sie von einem französischen Lyzeum, das zwischen 1917 und 1923 in Peking von Missionaren gegründet wurde. Schulprospekte zu horten ist zur Lieblingsbeschäftigung beider Eltern geworden; sie lassen sich von Fotografien der Klassenzimmer und ihrer Ausstattung blenden, von Stammbäumen der Studierenden und Erfolgen der Absolventen, den Übermenschen. Als hätte Olivie für ihre Eltern die Grundfrage des Lebens zu lösen. Als wäre die Antwort hinter Mauern teurer Schulgebäude versteckt. Die Schule ist ein wunderbares Hirngespinst der Erwachsenen, damit sie sich nicht mit den Problemen ihrer Kinder auseinandersetzen müssen.
»Ist doch immer hier gewesen.«
Die Frau des Programmierers sucht ein bestimmtes Markengeschäft. Sie überquert die Straße, läuft hin und her, kommt zurück. Unklarheit verunsichert sie; sie will, dass es ihr gut geht, dass sie abgesichert ist und Glück hat, und Glück wird in China von der Fledermaus gebracht.
»Mama, es gibt doch auch andere Läden, wir können nicht die ganze Stadt abklappern.«
»Aber ich habe mich so darauf gefreut. Ich kaufe jedes Mal dort ein, wenn ich in Wien bin.«
Die Laune der Programmierergattin ist unwiederbringlich dahin. Sie schnappt sich Olivie und stürmt in ein anderes Geschäft. Die Mistelzweige über der Eingangstür erzittern.
»Ich warte auf euch.«
»Papa, es ist kalt. Das Café da drüben ist zutraulich.«
»Ein Café kann nicht zutraulich sein.«
»Doch. Ist es gemütlich und vertraut, dann ist es zutraulich.«
Vor dem Schaufenster einer Buchhandlung starrt der Programmierer fasziniert auf ein abgemagertes Gesicht, rote Haare und lachende gelbe Katzenaugen; auf dem Umschlag eines China-Reiseberichts zeigt Birgit Stadtherrová lächelnd die Zähne. Der Programmierer hat die Schriftstellerin in Peking kennengelernt.
Er zwingt seinen Körper dem zutraulichen Café auf; es heißt Hawelka und platzt vor Touristen aus allen Nähten. Er bestellt eine Wiener Melange und ein Stück vom fluffigen hausgemachten Marillenkuchen. Gruppen von chinesischen Touristen fotografieren das abgewetzte Ambiente, checken die Aufnahmen auf dem Display und trollen sich wieder. Der Programmierer stochert im luftigen Aprikosengebilde, schiebt die buttergelben Brösel auf dem Teller herum. Er würde so gerne heulen, hält mit aller Kraft die Unruhe zurück. Als wäre er erneut in der Pubertät. Empfindliches Alter, emotionell schwierig, alles so zugespitzt. In letzter Zeit fällt es ihm schwer, Positives in seinem Umfeld zu entdecken. Er muss mit jemandem reden, die Notbremse ziehen. Er rast in eine Richtung, in die er nicht will. Quer über die halbleere Tasse mit kalt gewordener Melange legt er den Kaffeelöffel. In der Mulde des ausbalancierten Löffels stapeln sich ein paar Münzen. Der Kellner lässt sie verschwinden, und auf der Untertasse steht Das Leben ist schnell genug.
Der Programmierer erhebt sich; der von ihm bewohnte Körper ist ihm gleichgültig. In der engen Gasse fühlt er sich unsicher. Man rempelt ihn an. Er wählt die Nummer der Schriftstellerin, er möchte sie dringend sprechen. Geht nicht ran, das Luder.
In der Menge fällt ihm ein Kind auf, das mit seinem Vater in blau wattierter Jacke spielt. Vor Jahren muss auch er mit seiner Tochter so gespielt haben. Als Kind liebte Olivie Mozarts Zauberflöte. Dem Programmierer sagte Musik nichts, er brachte seine Tochter aber gewissenhaft zu allen Matineen. Er hielt ihre zarte Hand in seiner; zwei lange blonde Zöpfe schaukelten an seiner Hüfte. Mehr erinnert er nicht. Unfassbar, dass er auf ein solches Spielen verzichtet hat, nur wegen der Konzentration auf seine Arbeit, wegen pausenloser geistloser Kontemplation. Und dass er diese einfache, unglaubliche Freude ausschließlich seiner Gattin überließ. Was dem Menschen vom Himmel zugewiesen, heißt Natur; was die Natur eingibt, heißt Weg. Was den Weg formt, heißt Erziehung.
Als das Flugzeug die Grenze zwischen Österreich und Tschechien passiert, schickt Vodafone ihnen eine Nachricht.

Die Schriftstellerin besucht in Prag eine Ausstellung. Sie betrachtet Fotos von in Szene gesetzten Puppen; sie haben dickes, zerzaustes Haar und ausgerenkte Glieder. Große schwarze Perlenaugen. Steuert der Staat oder die Familie auf einen Untergang zu, muss es Unheilzeichen geben. Sie sind auf Stängeln der Schafgarbe oder auf Schildkrötenpanzern zu sehen, man erkennt sie an den Bewegungen der vier Glieder. Die Schriftstellerin sitzt im bequemen, weichen Sessel einer mitteleuropäischen Kunstgalerie. Sie nippt am heißen Milchkaffee. Das Rauschen der warmen Regentropfen wird von metallischen Glockentönen der sonntäglichen Stadt untermalt.
Die Puppenbabys sind abartige Botinnen der Unruhe. Abgelichtet im Kohlestaub und zwischen Schattenkonturen. Sinnbilder bitterer Erotik von masturbierenden Obdachlosen in einem Kohlenkeller. Kindliche Angst, über die nicht gesprochen wird. Wildheit verwaister Wolfsjungen; der Wolf ist ein Bösewicht, aber er bringt dem Hirten das Hüten bei. Die ugly babies verkörpern die verzweifelte Sehnsucht nach Befreiung aus unterirdischen Labyrinthen. Ihre Augen glänzen in leuchtenden Tönen, grün und braun. Jade. Sie ziehen die Aufmerksamkeit der Betrachter am stärksten auf sich; im alten China gehörte Jade zu den wertvollsten Edelsteinen, die ältesten Ritualgegenstände wurden aus Jade hergestellt.
In Nachbarschaft zu den starren Fotos pulsiert eine lebendige Welt im Video an der Wand; Szenen aus dem Leben der Fotografin.
Auf dem Bildschirm die Nacht. Im gleichgültigen Baumgeäst raschelt kaum hörbar der Wind. Ein Diplomat. Taschenlampen schlitzen die Dunkelheit auf; längliche Telefonaugen blinzeln verwirrt, männliche Stimmen stolpern hysterisch übereinander. Atemloses Rennen auf ein dunkel umrissenes Einfamilienhaus zu. Die Treppe in den zweiten Stock hinaufrasen. Durch die Tür stürmen, hinter der sich eine junge Frau mit Kopftuch duckt.
Das Chinesische hämmert schrill im weißen Licht der Galerie wie das glühende Geschrei einer Blauelster.
Die Schriftstellerin hält sich die Ohren zu.
Sie sieht das Video zum achten Mal. Die Grenzen zwischen ihrer eigenen Realität und der Realität der Amateuraufnahmen haben sich nach so vielen Stunden verwischt; sie selbst ist ein Teil des Einfamilienhauses geworden. Sie setzt die surrealen Hans Bellmer’schen Kellerpuppen in Szene und verrenkt ihnen die Glieder; sadomasochistische Erotik; Bellmers Puppen hatten bewegliche Glieder und konnten alle möglichen theatralischen, pathetischen, ängstlichen oder erotischen Posen einnehmen. Wie Spielpuppen. Und sie ist es auch, die Schriftstellerin, die auf die inmitten großäugiger Puppen stehende Kopftuchfrau zugeht.
Die Kopftuchfrau wirft sich der Schriftstellerin an den Hals, klammert sich mit aller Kraft fest. Hängt mit ihrem Fliegengewicht an ihr, als könnte die Schriftstellerin sie in die Jackentasche stecken und in die Freiheit hinausschmuggeln. Aber welche Freiheit meint denn die kleine Frau mit dem kahlrasierten Schädel überhaupt? Die Frau zieht sich nervös das verrutschte Kopftuch tiefer in die Stirn. Stopft der Schriftstellerin beschriebene, zerknüllte Blätter Papier in die Tasche; ein kostbares Manuskript. Und wieder schmeißt sie sich ihr an den Hals, hängt sich an sie wie ein abgewetzter Mantel an einen langen, knöchrigen Kleiderständer. Versucht sich einzuhaken, die Kakophonie grölt und jodelt, sie halte es nicht mehr aus, schreit die Stimme, es sei nicht auszuhalten. Ein schönes Haus und im schönen Haus eine schöne Wohnung – es sei ein Gefängnis, schreit die Stimme. Sie dürfe nicht die schöne Schwelle passieren, sie dürfe nicht die schöne Straße betreten, schreit die Stimme. China sei ein schönes Konzentrationslager mit undurchlässigen Grenzen, China sei ein blühender Garten, und das sei kein Widerspruch, schreit die Stimme. Sondern zwei gegensätzliche Meinungen, die beide freudige Zustimmung auslösen. Die Blauelstern schreien mit. Um die rostigen Stangen und den Stacheldraht aus ihren Kehlen zu würgen.

Der Freund wohnt in einem Hutong, im Rest der alten Bebauung von Peking; enge Gassen mit kleinen Häusern gruppieren sich um einen Wohnhof, wo die Nachbarn unter freiem Himmel kochen und grillen. Die einstöckigen Häuschen kuscheln sich dicht aneinander, verbunden in Angst; das China des Freundes gleicht einer Erinnerung an China. Im letzten Jahrhundert wurden reihenweise historische Denkmäler abgerissen und werden auch heute noch abgerissen, stattdessen baut man neue; für die Touristen und ihr Bild von China. Die Menschheit tut alles Erdenkliche dafür, dass die Seele auf der Erdkugel nicht gedeiht.
Der Freund ist schlank, der Rücken gebeugt, und die Haare grau, er trägt eine schwarze runde Brille und einen kleinen schwarzen Rucksack, seine zarten Hände umklammern den Fahrradlenker. Die Lenkergriffe scheuern beidseitig an den Mauern und raspeln den Putz weg; an dieser Stelle ist die Zickzackgasse besonders schmal. Ein orangefarbener Kater huscht vorbei.
Der Freund weicht zerbeulten Pappkartons und buntem Dreck aus; ausgeschabte Gelbmelonenschale, ein hingeworfenes Bündel Zündholz. Er fährt an verstaubten Klapprädern vorbei, von den Nachbarn an die abgeschlagene, graue Mauer gelehnt. Er muss vorsichtig manövrieren; sein Gefährt schnellt hoch. Wie ein aufgescheuchtes Pferd schießt das Vorderrad in die Luft und landet mit tosenden Hufen im seidigen Staub. Krachend reißt es einen Eimer herunter, auf dem Boden bleiben Kippen liegen; sie sehen aus wie ein Häufchen Seidenraupen.
Dieselben ausgemergelten Kleinjungenhände hatten einst einen anderen Eimer gehalten; er war aus Emaille und blau. Der Eimer hatte Löcher an der Seite, in den Öffnungen steckte ein Draht mit einem Griff aus glatt geschmirgeltem Birkenholz.
Die Milchserenade; jeden Donnerstag vor dem Sonnenaufgang schüttelte in Moskau die russische Großmutter ihren Enkel wach. Er musste sich in einer frierenden Milchschlange anstellen. Ganz langsam, wie eine Schnecke kroch sie voran, und wie gedrechselt das Schneckenhäuschen auch dalag, die Schnecke fand immer heraus. Der Freund stieß mit seinen dünnen Knien gelangweilt gegen die abblätternde Emaille. Rhythmuswechsel; Staccato und Legato gegen den breiten Rücken eines braunen Mantels an. Der schmutzige Mantelrand reichte bis auf den Boden. Der Eimer rückte dem braunen Rücken und dem rotgrünen Schal der Frau vor ihm auf die Pelle, damit sich keine hochgewachsenen Menschen dazwischendrängelten.