Über das Buch

»Vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen.« — Der neue Roman von Marente de Moor

Manchmal klingt es wie Trompetenstöße. Dann, »als würde Gott Möbel verrücken«. Die seltsamen Geräusche, die seit einiger Zeit am Himmel zu hören sind, verheißen nichts Gutes. Aber wann war es das letzte Mal gut, denkt Nadja. Was ist geblieben von dem Leben, das sie und Lew, ein idealistisches Zoologenpaar, sich in der Einsamkeit der westrussischen Wälder aufbauen wollten. Denn mit den Geräuschen kommen auch die anderen, dunklen Erinnerungen. Unverhohlen erzählt Nadja ihre verhängnisvolle Geschichte. Doch kann man ihr trauen? Ein flirrendes psychologisches Verwirrspiel, fesselnd bis zur letzten Seite. So sinnlich wie subtil dringt es in die dunklen Seiten der Natur und des Menschen.

Marente
de Moor

Phon

Roman

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach

Carl Hanser Verlag

Phon

1

Ich höre nichts, aber es wird schon langsam hell. Vor mir zeichnen sich die kleinen Kegel und Dreiecke auf der Tapete ab, hinter mir wartet das Zimmer. Mit den halb verdunkelten Fenstern und den kaputten Fensterbänken. Dem Samtstuhl, über dem mein Trägerkleid hängt, als hätte ich es noch an. Dem Esstisch, die vier Beine fest im Teppich, und dem Schrank mit den Porzellantieren und den drei übrig gebliebenen Kristallgläsern. Mit der Schwelle, die mich derartig zum Teufel wünscht, dahinter der Flur, in dem ich mich spiegle wie in einem schwarzen Teich. Dort im Flur stehen zwei Türen einen Spaltbreit offen, die eine führt zur Küche mit dem Abwasch, die andere in das Zimmer mit ihm drin.

Die Haustür ist fest verschlossen. Trotzdem schiebt sich das Eis von der Veranda über die Schwelle herein, und gegen die Veranda drängt der Garten, wo noch knapp dreißig Zentimeter Schnee liegen. Hinten im Garten kommt das Tor zum Weg, und wie an den meisten Tagen werden meine Schritte die ersten und die letzten auf ihm sein. Aber damit halten wir uns nicht lange auf, weiter gehts, vorbei an Scherpjakows Haus zur Linken, wo die Fenster stumpf und grau geworden sind wie die Augen eines Starkranken, und an der Bushaltestelle zur Rechten, die genauso verlassen ist. Schätzungsweise seit zehn Jahren, vielleicht noch länger. Seit dem Jahr jedenfalls, in dem die Busse fernblieben und unser einziger Nachbar wegzog. Dem Jahr, an das ich mich lieber nicht erinnere.

Scherpjakow der Freundliche, so nannten wir ihn. In dieser Gegend war sein Charakter genauso ungewöhnlich wie sein vollständiges Gebiss. Immerhin, er konnte sich erlauben, breit zu lächeln, so erklärten wir uns sein sonniges Gemüt. Und er hat nie getrunken, nicht mal, als seine Frau starb. Wir wissen nicht, weshalb er weggezogen ist, er hatte gerade das Schnitzwerk an seinem Dach frisch lackiert. Vielleicht war er ja in den letzten Bus gestiegen und konnte einfach nicht mehr zurück, vielleicht war das der Grund und sonst nichts.

Hinter der Bushaltestelle liegt das Stück Land, das einmal ein Acker war und auf dem jetzt noch zwei Dutzend kleinere und größere Gebäude stehen, unter anderem eine Schule, die Bäckerei und die Krankenstation. Dahinter ist der Komplex der alten Batteriefabrik. Völlig leer und verlassen und innen wie außen schmutzig grau. Ich glaube, es liegt daran, dass die Zeit zu schnell verstreicht. Immer schneller fliegen die Tage dahin, und die Zeit versucht abzubremsen, dabei wird Staub aufgewirbelt. Weiter gehts, zum Sumpf. Der hat noch nie jemandem was gebracht, jedenfalls nicht in Friedenszeiten. In diesem Land ist der Sumpf für die Mücken und Feinde da, und wenn die erst ausgerottet sind, ist er zu nichts mehr gut, dann stinkt er bloß noch ein bisschen vor sich hin wie ein Veteran im Vollrausch auf dem Küchensofa. Hinter dem Sumpf kommt der Fluss, mit ein paar Seitenarmen. Bis zur Bezirksgrenze erstreckt sich Kilometer um Kilometer sterbenslangweiliger Wildnis, und ein ganzes Stück weiter in Richtung Südosten kommen wir schließlich zu der Hauptstadt, die noch eine Reihe tausend Jahre alter Städte in der Hinterhand hält. Weiter, weiter, Kuppeln, Pforten, Festungen, eine ganze Menge Steppe, Wälder mit immer höheren Bäumen, Dörfer mit immer schweigsameren Menschen, die Uhr rennt voraus, es wird immer später, oder sollte ich sagen immer früher?, jedenfalls rücken von Osten her sieben Zeitzonen an mein Bett heran. Und vor mir also diese kleinen Kegel und Dreiecke. Die Tapete habe ich selbst an die Wand geklebt, eine Woche nach dem Einzug. Was ich mir dabei gedacht habe? Sie ist nur für den Moment, bald kommt eine bessere drüber. Jedenfalls nicht, dass der Moment einunddreißig Jahre dauern würde und ich heute noch auf diese Tapete schaue.

Die nächsten fünf Minuten bleibt es still, alles schläft. Der Zug zieht nur nachts durch unseren Wald, wie die Füchse und Dachse. Das, was hinter der Wand liegt, beruhigt mich. Der ordentlich aufgeschichtete Holzvorrat, der Bach mit den Hechten, Forellen und Flusskrebsen, der Wald, den wir immer den Märchenwald nannten, weil es dort noch lange nach der Saison gute Pilze gab. Sie erhalten uns am Leben, obwohl es uns offiziell seit 2012 nicht mehr gibt. Wir sind aus den amtlichen Registern gestrichen, und als Einwohnerzahl hinter dem Namen unseres Dorfes steht null. Und sonst, was ist da sonst noch? Die große Straße. Asphalt und Schienen. Den schwarzen See, so heißt er wirklich, und die Minen, die die Partisanen im Moos verteilt haben in der Hoffnung, dass ein Deutscher drauftritt. Mit dem Auto braucht man eine Stunde nach Europa, zu den Letten. Den anderen. Hundertfünfzig Kilometer vor dem Bug und neuntausend im Rücken, meinen Standort zwischen den einen und den anderen kann man nicht gerade als ausgewogen bezeichnen.

Ich bleibe reglos liegen, streiche über das Laken hinter mir. Nein, diese Zeiten sind vorbei. Lew liegt nicht mehr hier, sondern dort, im Arbeitszimmer, seine trockenen Hände auf der Decke und die feuchten Beine darunter. Vielleicht schläft er noch, wie alles andere in unserem lachhaften Laden. Um diese Tageszeit regt sich nur der Boden samt dem, was da schmilzt und kriecht, Dunst aus der Erde, der alles bewässert. Neuerdings findet die Schöpfung hier jeden Morgen statt. Jeden Tag reißt Gott die letzte Seite aus seinem Heft und fängt wieder von vorn an. Ich wünschte, ich könnte es hören, aber für Geräusche muss man hochschauen. Dann hört man, von oben nach unten und in dieser Reihenfolge: Zwitschern, Krächzen, Summen, Rascheln, Flattern, Wiehern, Bellen, Blöken, Fauchen, Gackern und, dicht über dem Boden, Knurren. Der Rabe, der jetzt auf der Fensterbank rumtappt, ist wichtig. Nicht zu übersehen. Er ist fast so groß wie das Fenster und hundert Jahre alt. Man sieht es, wenn er etwas sagen will, dann reißt er den Schnabel auf, noch bevor sich die Wörter in seiner Kehle aufplustern. Heraus kommt fast nur Geschimpfe; »Arschloch«, sagt er, und »Hau ab«. Aber nicht jetzt, jetzt sieht er mich mit einem Auge an, klopft kurz danach ans Fenster. Es heißt, Vögel würden an Scheiben klopfen, weil sie ihr Spiegelbild für einen Rivalen halten, noch so eine Theorie, die ungeprüft durch die Hörsäle zieht, aber wer an diesem Ort lebt, weiß, dass das Land den Tieren gehört und dass die immer was von einem wollen. Jetzt also von mir, der Letzten hier mit Grips im Kopf. Als ich den Raben das erste Mal an die Scheibe klopfen hörte, hielt ich seinen Schnabel für den Knöchel eines Menschen, so kräftig und rhythmisch klang es. Ich zog den Vorhang auf, er machte mir klar, dass er was fressen wollte, und ich spurte. Hätte ich nicht tun sollen. Seither weckt er mich jeden Morgen zweimal, mit einer halben Stunde Abstand, und da er jetzt zum zweiten Mal klopft, muss es sieben Uhr sein.

»Verdammt!«

Hört, der Mensch hat sein erstes Wort gesprochen.

»Nadja!«

Das bin ich. Die Frau. Die sich umdreht und das Fenster erkennt, den Stuhl, die Lumpen, Gläserschrank, Porzellan, Schwelle, Flur, Haustür, Schnee, Gerümpel, Matsch, und sieht, was sie alles erwartet. Nur den Spiegel hatte sie vergessen, und ihren Körper darin. Manchmal hofft sie, dass es an ihrem im Lauf der Jahre geschärften Blick liegt, daran, dass ihr Urteil hart geworden ist und nicht das Fleisch mürbe wie die ausgewaschenen Fundamente eines Speicherhauses. Bepackt wie ein Lastesel, so ergeht es allen Landfrauen dieser Welt. Bestimmt sagen die Leute: Die da, das ist eine Hexe. Sie darauf: Gar keine schlechte Idee.

»Nadjucha!«

Ich kann nicht antworten. Meine Stimme wacht später auf als der Rest von mir. Dreht sich da drinnen noch mal auf die andere Seite, schweigt mürrisch. Eines Tages wird sie überhaupt nicht mehr aufstehen, weil ich schlicht nichts mehr zu sagen habe über diesen lachhaften Laden. Ich stampfe also auf den Boden, und alles gerät in Bewegung: meine Brüste im Spiegel, meine Gläser im Schrank, meine Tiere in ihren Nachtquartieren. Nur mein Mann bleibt liegen und schreit. Wie so viele schreit er, weil er nichts zu sagen hat, weniger als früher jedenfalls.

»Nadja! Hast du schon nach dem Wasser geschaut?«

Oje, der Tag hat begonnen. Fragt sich nur, warum. Weshalb wird in diesem von Gott und der Welt verlassenen Nest nicht mal ein Tag vergessen? Einfach so zwölf Stunden übersprungen, damit ich gleich wieder bei der Nacht ankomme. Kann mir mal einer erklären, warum ich zum zehntausendsten Mal das Trägerkleid über den Kopf ziehe, in meine stinkigen Schlappen schlüpfe, den Zopf hochstecke? Das sieht eh keiner. Was ich heute putze, ist morgen wieder schmutzig, was ich heute füttere, hat morgen wieder Hunger. Was würde wohl passieren, wenn ich liegen bliebe? Dann bräche einfach ein neuer Tag an, ohne dass es einer merkt. Aber nein, ich gehe wieder zu meinem Mann, der schon im Bett sitzt, entblößt, getrocknet und verdrossen. Sein Brustkorb, immer noch behaart und muskulös, als würde tatsächlich er hier die meiste Arbeit erledigen, bebt heftig. Er ist fast zwanzig Jahre älter als ich. Lenja, Lewonja, Lew Walerjewitsch, Professor L. W. Bolotow, gebt dem Mann einen Namen, sieht aus, als wäre er in den besten Jahren, kann aber nicht mal mehr Holz hacken. Oder will nicht.

»Hast du schon nach dem Wasser geschaut?«, wiederholt er tonlos.

»Noch nicht. Bin gerade erst aufgestanden.«

»Bestimmt ist es wieder weniger als gestern.«

»Gestern war alles in Ordnung.«

»Wir sollten den Wasserstrahl messen.«

Er legt die Hände um sein Geschlecht, das größer wirkt als damals, als wir noch gebumst haben. Angeblich haben auch von Geburt an schwachsinnige Männer große Schwänze. Natur beraubt, Natur beschenkt.

»Den Durchmesser notieren und ab damit zum Wasserwerk. Wir müssen auf unser Recht pochen.«

In einem der Fenster — dieses Zimmer ist das einzige, das mehrere hat — taucht unser Bock auf. Unübersehbar. Mit einer Zunge wie ein fauliges Stück Fleisch schüttelt er Laute aus seinem Kopf. »Blublablublahaha!« Es ist eines der Rätsel in und um dieses Haus, wie unser niedliches Zicklein nach drei Jahren Zwergendasein plötzlich größer wurde und in den Stimmbruch kam; seither blökt es wie ein ausgewachsener Irrer. Dabei war es wirklich ein Weibchen, da gibt es kein Vertun, Ziegen sind keine Kaninchen. Aber in diesem dritten Sommer hatte alles Mögliche angefangen zu wachsen. Spitzbart, Hörner, Hoden. Seht ihn nur stehen, die vier Hufe im Schnee. Abknallen, sagt Lew, ohne sich zum Ziegenbock umzudrehen, denn gerade lässt er sich in Morgenmantel und Hausschlappen helfen. Er kümmert sich nicht um das, was ich tue, sondern schaut hoch, in die Luft.

»Hast du heute Nacht noch was gehört?«, fragt er.

»Die üblichen Tiergeräusche.«

»Nein, am Himmel, meine ich.«

»Ach, die.«

»Die Großen Geräusche.«

»Ja, ja.«

Wenn er so gescheit guckt wie jetzt, werde ich glatt unsicher. Wenn er so guckt, habe ich das Gefühl, er weiß genau, was auf uns zukommt, und ich bin diejenige, die den Verstand verloren hat.

Ich versuche es mit: »Ist sicher bloß was Meteorologisches.« Meteorologisch, das klingt beruhigend, es ruft das Bild von Wettergehilfen auf, die alles im Griff haben.

Er lässt nicht locker. »Es ist noch nicht vorbei, darauf kannst du Gift nehmen.«

»Blublablublahaha!«

Lew fasst sich an den Kopf.

»Meine Güte, zum Schlachthof mit dem Monster! Das halte ich nicht auch noch aus. Es ist so schon schlimm genug.«

Das also ist unser lachhafter Laden. So sieht es bei uns aus, seit die Kinder weg sind und wir nur noch zu zweit hier wohnen. Hätte Lew damals geahnt, dass er auch mal zum Lachhaften gehören würde, hätte er sich eine Kugel in den Kopf gejagt, aber so geht er ins Bad, setzt sich in die Wanne, dreht den Hahn auf und seift sich ein. Ach, ich hoffe auf gar nichts. Solche klaren Momente sind immer schnell vorbei, nachher wird er mit glasigem Blick durch mich durchschauen, und ich muss ihm aus der Wanne helfen, während sein Essen kalt wird. Danach wird er brüllend nach draußen stürzen und den Himmel absuchen. Sich wieder ins Bett werfen, sagen, wir müssten Klimow anrufen. Schenja Klimow, Ornithologe, Orakel, Busenfreund, seit zehn Jahren tot. Er starb in dem Jahr, als die Bushaltestelle verschwand und der Nachbar und so vieles andere, in dem Jahr, an das ich mich lieber nicht erinnere.

Aber an das Jahr 1984 denke ich gern zurück. Am Tag unseres Umzugs war es drückend, ein in unserer Erinnerung durch viele matte Fotoabzüge besiegeltes Gefühl. Die Fahrt zog sich hin. Drei Männer und eine schwangere Frau in einem roten Lada Niva mit Anhänger. Es zog sich, staubig und ohrenbetäubend laut. Klimow und Jewtjuschkin übertönten den Motorenlärm, indem sie in voller Lautstärke »Eine Million rote Rosen« sangen, den Hit, der damals in Dauerschleife lief, nicht nur an diesem Tag, sondern das ganze Jahr lang und das Jahr davor und die Jahre danach. Alla Borissowna, unser aller liebes heiseres Mütterchen Russland. Und ich war also schwanger, was ich deutlich spürte, als wir den Weg entlangholperten. Ich war genauso überladen wie der Lada, und meine Fracht war nicht hier gezeugt worden, sondern in einer Studentenbude in Leningrad, auf dem Bettsofa, das wir mitschleppten und auf dem ich heute noch schlafe, zwischen dem anderen modernen Kram, der nicht in das traditionelle russische Haus passte, das uns erwartete. Der Fernseher zum Beispiel, den Lew in der Nacht vorm Umzug aus der Wohnung seiner Exfrau geschmuggelt hatte. Damals empfing er noch einen Sender, seit ein paar Jahren gar keinen mehr, und trotzdem hält er, wie ein hochbetagter blinder Butler, der Form halber Wache. Im Esszimmer, das in Wirklichkeit unser Schlafzimmer wurde. Eigentlich sollten wir oben schlafen, wie die Kinder. Alle hatten uns für verrückt erklärt, weil wir die Geburt unseres ersten Kindes nicht in der Stadt abwarteten. Doch wir wollten noch genügend frische Luft atmen, bevor es so weit war, und ein Bettchen aus unserem eigenen Holz bauen. Wir waren ja so romantisch!

Eine Million, Million, Million rote Rosen, siehst du, da draußen vor dem Fenster? Wenn einer richtig verliebt ist, verzaubert er für dich sein Leben in Blumen.

Mist, jetzt kriege ich es nicht mehr aus dem Kopf.

»Nadja, es hört auf! Jetzt ist es endgültig vorbei.«

Lew hockt in der Wanne und versucht, Wasser aus dem sprotzenden Hahn aufzufangen. Es sieht aus wie dünner Tee, und der Druck wird jede Woche geringer. Diese Angst teile ich mit ihm. Ohne Wasser könnten nicht mal wir hier überleben. Wenn man uns, den vergessenen Dörflern an den Ufern des Malaja Smota, das Wasser abdreht, bleibt uns nichts anderes übrig, als wegzuziehen. Ich könnte zwar Schnee sammeln, aber ein Armvoll reicht gerade mal für eine Kanne Tee. Und man kann nie wissen, was drinsteckt, echte Verunreinigung hat keine Farbe. Die Fabrik ist seit fast zwanzig Jahren geschlossen, trotzdem kommt es mir manchmal so vor, als könnte ich noch den Teer riechen, mit dem sie damals die Batterien versiegelt haben. Wenn ich sage, es gibt hier Geruchsgeister, meint Lew, ich bilde mir das alles bloß ein.

»O weh, o weh«, sagt er, tropfnass und elend, streckt sich dann und furzt ungeniert. Auch was Neues. Professor Bolotow hat so was nicht gemacht, der war anständig, ein Mann, der nicht aus dem Haus ging ohne sein sechsfach gefaltetes Taschentuch, mit dem er sich die Nase wischte, bevor er eine Behauptung aufstellte. Jeden Tag ein sauberes.

»Komm, abtrocknen, essen.«

Ich gebe auf meine Worte acht, in dieser Stimmung ergreift er jede Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung. Lew ist immer noch ein entschiedener Mann. Keine Rede davon, dass er im Lauf der Jahre zu einer sanften Seele versimpelt wäre; es macht ihm immer noch Spaß, mich in Grund und Boden zu diskutieren. Seine Worte pflanzen sich ungeschlechtlich fort, wie Bakterien, sie teilen sich ohne jeden äußeren Einfluss und wachsen zu Gedanken heran, die er sich nicht mehr ausreden lässt. Klatsch und Tratsch waren nie seins. Als ich ihn kennengelernt habe, konnte er abendelang vor sich hin theoretisieren, ohne mich auch nur anzusehen. Ich war noch in einem Alter, in dem man Redner bewundert. Klatsch und Tratsch lernt man erst zu schätzen, wenn man alt und einsam ist. Reden schwingen kann man auch vor Bäumen, diskutieren kann man mit Büchern, aber für Klatsch und Tratsch braucht es zwei, zwei Menschen aus Fleisch und Blut und einem guten Willen.

Lew ist noch am meisten aus Fleisch und Blut, wenn er sich schnuppernd an den Küchentisch setzt. Ihm gebe ich zuerst was zu essen, danach den Tieren. Wau, wau, piep, piep. Die Waschküche ist schon seit einer Viertelstunde voller Hundenervosität. Die Hündin Bamscha hält es nämlich durchaus für möglich, dass ein Tag vergessen wird, und sie mit ihm. Für sie liegt die Zeit in der Hand, die die Tür öffnet und sie streichelt. Sie platzt schier vor Freude, dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse, bevor sie pissen und fressen kann. Dann sind die Hühner und Ziegen dran, sie rennen aus ihrem Nachtstall, ohne sich gegenseitig zu beachten, weil sie nur von der Seite auf mich schauen, auf meine Hände voller Buchweizenkörner und getrockneter Brennnesseln. Da streichen mir die Katzen um die Beine, da tritt das Pferd gegen die Stalltür, da ruft Lew auf der Veranda, ob das alles gewesen sein soll, die Suppe. Ich bin der Gott, der heute wieder aufgestanden ist.

Das Haus knarrt im Wind, weiß auch nicht mehr weiter. Gleich auf den ersten Blick hatte ich erkannt, dass es weiblicher war als ich. Gescheiter. Schlanke, weißlackierte Züge, eine blühende Klematis an der Fassade, die den Winter 93/94 nicht überlebte. Drinnen hatte jedes Geräusch von draußen lieblich geklungen. Selbst der Müll roch angenehm, und der Staub auf dem Fußboden war weich. Ich setzte mich auf die Veranda und betrachtete unseren Laden, der damals kein bisschen lachhaft war, sondern so idyllisch wie erhofft, und das Haus stützte meinen müden Rücken. Nach der zehnstündigen Fahrt hatten wir keinen Elan mehr, auszupacken. Wir holten ein paar Fische aus dem Fluss, machten ein Feuer und schleiften das, was wir zum Schlafen brauchten, zum Treppenabsatz. Lew stand genauso da wie heute, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln. All der Dinge sicher, über die ich gar nichts wusste. Ich dachte, ich würde ihn schon noch einholen. Dachte, dank des Kindes in meinem Bauch, dank der magischen Addition von Mutter und Kind würden wir altersmäßig aufeinander zu wachsen.

»Ich glaube, es kommt zurück«, sagt er erneut. Wir sitzen auf der Veranda, unter einer Decke, und teilen uns einen Becher aufgewärmten Tee. Er schaut zum Himmel. Ich schaue zu ihm. Die Großen Geräusche, wie er sie nennt, kommen nicht vom Gewitter oder vom Sturm, sie sind lauter und uns schon dreimal widerfahren. Sie machen Lew ganz nervös. »Find dich damit ab«, sage ich, »wir sind im Ruhestand, Zeit, uns Tagen hinzugeben, die sich wiederholen, mit allen dazugehörigen Ritualen und Mysterien. Im Ruhestand pustet man seinen Tee kalt und sagt: ›Das war mal was.‹«

Er ist schweigsamer geworden, seine Behauptungen sind den immer gleichen Fragen gewichen: ob ich es gehört habe, ob ich weiß, was es ist, und ob ich glaube, dass es zurückkommt. Ich weiß nicht, was ich unheimlicher finde, den Gedanken, dass er Recht behält und uns tatsächlich ein großes Unheil zugestoßen ist, oder für den Rest unserer Tage seinem Wahnsinn ausgeliefert zu sein.

Der Himmel ist bedrohlich, zu dunkel für die Tageszeit. Aber welche Tageszeit ist es überhaupt? In der Stadt können sich die Menschen nicht vorstellen, wie schnell die Zeit auf dem Land vergeht. Die Vormittage gehören den Tieren, für die keine Zeit des Tages die erste oder die letzte ist, sie gehören ihrem Fressen und ihrer Scheiße. Die Nachmittage gehören den Pflanzen, ihrem Schimmel und ihren Krankheiten, ihren scharfen Kanten an deinen Fingern und ihren harten Wurzeln unter deinen Füßen. Zwischendurch der unsinnige Haushalt, und für die Abende bist du zu müde. Hier gehen Dinge echt kaputt, kommt Unvorhersehbares wirklich nicht gelegen, hier ist schlechtes Wetter ernsthaft schlecht. An manchen Tagen schaue ich auf nichts anderes zurück als auf die Spur meiner eigenen Stiefel. In der Stadt glauben die Leute, hier wäre das Land der Weitblicke, wir würden glückselig vor uns hin starren, bis es dunkel wird, aber das stimmt nicht, der Blick sinkt endlos tief nach unten, auf Matsch und Schnee, die niemals trocknen und zu denen du dich runterbücken musst. Und genau von dort, aus der Plackerei, steigen Erinnerungen auf, von denen du gehofft hattest, sie begraben zu haben. Heute wollte ich eine kleine Runde mit dem Schlitten drehen, mit Plow davor, und mich in aller Ruhe umsehen. Mich auf das konzentrieren, was wächst und was gestorben ist, auf das, was aus dem Pferdehintern in den Schnee fällt und dampfend Insekten und Vögel anlockt. Aber es ist schon wieder dunkel.

»Ich spüre es«, sagt Lew, »es kommt zurück.«

»Sonst noch was?«

Einen Moment sieht er mich überrascht an, taucht dann in seinen Tee ab. Viel weiter bringt uns die Unterhaltung heute nicht.

Gegen Mitternacht ist es hier so still wie auf dem Mond. Ich habe die Kartoffeln für morgen geschält, die Wäsche aufgehängt, die Tiere in den Stall getrieben, Lew ins Bett gebracht. In meinem Sessel am Rand der Veranda komme ich wieder zu Atem. Hier warte ich auf deinen Zug. Erzähl mal, Lokführer, was hättest du um ein Haar erwischt? Wahrscheinlich fährst du immer dieselbe Strecke und magst keine Überraschungen, aber was machst du, wenn dir ein Hirschrudel vor die Räder läuft und du nicht mehr bremsen kannst? Diese Chance besteht, hier erst recht, selbst außerhalb der Brunftzeit. Auch diese Tiere haben keine Angst mehr vor uns, das kann ich dir versichern. Ständig höre ich meinen Atem, manchmal auch den zaghaften Ruf einer kleinen Eule, aber der gilt nicht mir. Der Zug schon, der ist nur für mich. Und du, Lokführer, bist als Einziger wach in deinem Führerstand und arbeitest. Du hast mir versprochen, dass jede Nacht ein Zug kommt. Vielleicht hältst du ja diesmal an. Moment, nichts denken jetzt, nicht zu laut atmen, Tee trinken, die Augen schließen, lauschen. Da bist du, da schwillt die stählerne Flutwelle an. Jede Nacht hoffe ich auf möglichst viele Waggons. Ich brauche sie zum Schlafen, sie beruhigen mich wie früher meine Großmutter. Nichts ist so tröstlich wie der Gedanke, dass in der Nähe noch jemand wach ist, angekleidet. Im Dienst. Nacht für Nacht, für die Dauer einer wechselnden Anzahl Waggons, teilen du und ich diese verlassenen Kilometer unseres Landes. Du bist immer pünktlich, Lokführer, trotz deiner Einsamkeit, die vielleicht sogar größer ist als meine. Rhythmisch hämmern deine Eisenbahnwagen, Waggon für Waggon für Waggon für Waggon für Waggon. Hörst du sie auch, in deinem Führerstand? Eine Million, Million, Million, Mil-lion, Mil-lion. Du folgst dem Rhythmus des Lieds in meinem Kopf. Ich lasse die Augen geschlossen, mein Herz versucht, mit dem Dröhnen Schritt zu halten, vielleicht kommt ja mal ein Pfiff von dir, aber nein, schade, du bist schon wieder weg. Der Rhythmus löst sich in einem viel langsamer schwindenden Rauschen auf, bis der Wind auch das mitnimmt. Das war es für heute. Es war nur eine kurze Begegnung, in der Nacht trug der Zug sie davon, doch nie sollte sie das wahnsinnige Lied der Rosen vergessen … Wahnsinnig, ja, das könnte ich glatt werden.

2

Wir sind Zoologen. Oder vielmehr Lew ist Professor, ich habe mein Studium nie abgeschlossen. Ich wollte, sehr ambitioniert, meine Diplomarbeit über die Evolution der Echoortung schreiben; die Fähigkeit der Mikrofledermäuse, sich zu orientieren, indem sie Signale aussenden und deren Echo empfangen. Ich konzentrierte mich auf die Icaronycteris, eine ausgestorbene Art von Mikrofledermäusen. Die wichtigsten Fossilien mussten erst noch gefunden werden, und DNA-Untersuchungen machten wir damals nicht. Der Schlüssel zu unserer Evolution lag in der Gattung der Handflügler, doch ich wagte nicht, ihn ins Schloss zu stecken. Dafür wagte ich seltsamerweise etwas anderes: mich fortzupflanzen. Meine Güte, ich wollte so gern ein Kind in die Welt setzen. Ich war noch keine zwanzig und wäre ihm überallhin gefolgt, diesem Mann, der schon eine Tochter in meinem Alter hatte.

Lew war mein Lehrer, so hatte es drei Jahre vorher angefangen. Er unterrichtete Biologie an der Schule Nr. 45, einer Oberstufe mit Internat, wo Naturwissenschafts-Asse für die Leningrader Uni herangezüchtet wurden. Die meisten Lehrer kombinierten das Unterrichten mit dem Schreiben ihrer Doktorarbeit und waren höchstens zehn Jahre älter als wir, doch der große Lew Walerjewitsch war schon sechsunddreißig und der Pelz seines Bart- und Haupthaars mit grauen Strähnen durchzogen. Das Wollhaarmammut, so nannten wir ihn. Es passte gut zu seinem Nachnamen, Bolotow, wörtlich »aus dem Sumpf«, wo er augenscheinlich seit den sechziger Jahren konserviert worden war. Mit seinen komischen Wolljacken und der gestrickten Krawatte. Wir Schülerinnen der Fachrichtung Chemie und Biologie wussten nicht, was wir davon halten sollten, schließlich war es der gute Geschmack, der uns von den Mathematikern unterschied. Wir hörten Kassetten der verbotenen Band Akwarium und übernahmen, im Rahmen der Möglichkeiten unserer Schuluniform, das androgyne Gehabe des Bandleaders Boris Grebenschtschikow, der wie David Bowie schon Anfang der Achtziger seine Wolljacke gegen einen Anzug getauscht hatte. Im letzten Schuljahr, als wir uns allmählich aus den Fängen der Internatshexen befreiten, zogen wir unsere Augen mit Kajal nach. So, mit diesen schwarz umrahmten Traueraugen, lugte ich durch meinen herausgewachsenen Pony auf Lew Bolotow, der mit derselben Leidenschaft über die Paarung des Kamtschatka-Murmeltiers (unmittelbar nach dem Winterschlaf) referierte wie über die Wunder der Limnologie. Die erotische Färbung dieses Wortes fiel mir nicht auf, noch hungerte ich nach nichts anderem als dem Wissen, in das sich dieser Mann gehüllt hatte.

Das sollte sich in den Sommerferien nach dem Schulabschluss ändern. Ich war für eine Expedition zum Naturreservat von Baschkortostan ausgelost worden, wo Lew eine Biologische Station für Jugendliche errichtet hatte. Es hieß, im Tausch gegen kartographische Feldarbeit könnten wir Tiere in freier Wildbahn beobachten, die wir bisher nur aus den Vitrinen des Zoologischen Instituts kannten, wo längst in Vergessenheit geratene Taxidermisten sie, oftmals noch vor der Revolution, in theatralischen Szenen fixiert hatten. (Am wundersamsten wirkte ein blonder Labrador in Seitenlage, über dem sechs blasse Geier an Nylonschnüren schwebten. Was hatte dieses gutmütige Tier 1923 im Kaukasus zu suchen?) Otter, Waldschnepfe, Rothirsch, zählte Lew vielversprechend auf. Springmaus! Braunbär! Luchs! Vielleicht bekämen wir sogar einen Uhu zu Gesicht. Streifen-Backenhörnchen, die ganz bestimmt. Er würde sich Mühe geben. Meine Eltern holten mich vom Internat ab und bekamen ein paar Tage Zeit, mich aufzupäppeln. Was ist nur aus dir geworden, jammerte meine Mutter, während sie versuchte, ein Sommerkleid in meinen Rucksack zu stecken, ein Junge, ein Kerl ohne Bart, sieh nur, wie du rumläufst, nie im Leben werden daraus noch die Beine einer Frau. Doch mein Vater, ein Mineraloge, verbiss sich ganz andere Tränen. Der wäre am liebsten mitgekommen, um die Schwefelablagerungen in den Höhlen von Schulgan-Tasch zu untersuchen.

Heute kommt es mir vor, als hätte ich die Pubertät ohne großes Bewusstsein meiner Sexualität hinter mich gebracht, mein Blick war selten auf mich gerichtet, immer nur auf die Pflanzen und Tiere, mit deren Fortpflanzung ich mich ohne jeden Hintergedanken befasste. Wahrscheinlich traf das auf uns alle zu, denn im Unterricht rief dieses Thema nie Gekicher hervor, nicht einmal großes Staunen, und selbst wenn wir uns einen Schlafsaal mit den Jungen geteilt hätten, wir wären trotzdem brav eingeschlafen. Wir, vom Schulinternat Nr. 45, bewahrten uns unsere Biologie für die Zeit nach dem Abschluss. In meinen zwei Jahren dort habe ich mich nicht verliebt, nicht in einen Popstar und erst recht nicht in unsere Klassenkameraden männlichen Geschlechts, die namenlos und stimmlos in meiner Erinnerung versanken, bis ich sie in irgendeiner Fachzeitschrift wiedersah, um einen Bart und einen Titel reicher, aber ungemindert trübsinnig. Nicht mal das Abschlusszeugnis und die Fahrkarte Leningrad—Moskau—Ufa änderte etwas an ihrer Dauerbelämmertheit, die mir an jenem Sommerabend im Jahr 1982 vor dem Moskauer Bahnhof entgegenschlug. Jedenfalls bis Lydia Erschowa über den Platz stiefelte. Sie würde ich nie vergessen. Selbst wenn wir keine Freundschaft fürs Leben geschlossen hätten, so eng, dass sie mich deswegen hasste, würde ich nie vergessen, wie sie damals aussah. Wippender Lockenkopf. Den Rucksack über einer Schulter, die kräftigen Stampfer alpinistisch eingeschnürt. Ich würde mich immer daran erinnern, wie ihr dunkler Alt den Verkehrslärm übertönte: »Was? Das Mammut ist noch nicht da? So ein Penner.« Das hob die Laune. Als Lew auf den Vorplatz geschossen kam, bemerkten wir dann übrigens unsere Täuschung. Wir waren drinnen verabredet gewesen, nicht draußen, und wenn wir den Zug noch kriegen wollten, mussten wir uns sputen, hopp, hopp, zu Gleis 3, Wagen 24, der Laborant und vier Koffer mit Material wären schon im Zug, haltet die Fahrkarten bereit, weiter gehts, ihr seid doch keine kleinen Kinder.

Braungebrannt und in Sommerkleidung sah er ganz anders aus als an der Schule. Zu jener Zeit trug niemand ungebleichte Leinenhosen oder Strickjacken aus Hanf, nicht mal Boris Grebenschtschikow. Damals wusste ich nicht, dass seine Frau für sein Outfit verantwortlich war, sonst wäre vielleicht alles anders gelaufen. Doch unterdessen war ich ihm so nahe, dass ich die blonden Härchen auf seinen gebräunten Armen sehen konnte, und beschloss, dass er große Ähnlichkeit hatte mit Gojko Mitić — dem jugoslawischen Schauspieler, der in unseren Sowjetwestern alle Indianerrollen übernahm. Ab diesem Moment war es für jede Rettung zu spät. Aus meinen selbsterfundenen Märchen erwachte ich erst fünfundzwanzig Jahre danach. Man sagt, so lange brauche man, um sich von einer Sekte zu lösen, doch ich war diejenige, die Lew in dieses Traumbild von ihm gezwungen hatte, nicht umgekehrt. Ihm konnte man keine Vorwürfe machen.

Im Zug nach Moskau folgte ich Lydia bis Mitternacht alle halbe Stunde zum Rauchen in den rüttelnden und zischenden Übergang zwischen den Eisenbahnwagen, doch Lew kam kein einziges Mal zu uns. Ich sah ihn erst am nächsten Morgen wieder, als wir mit der doppelten Menge Gepäck hinter ihm her zum Kasaner Bahnhof wankten, zu verschlafen zum Reden. Der Schaffner des Zugs nach Ufa brachte Lydia und mich, die einzigen jungen Frauen in seinem Waggon, in ein Zweierabteil mit Vorhängen, Teppich und sogar einem Waschbecken. Das würde uns in den kommenden dreißig Stunden zum Pinkeln dienen, beschlossen wir, dann könnten wir im Abteil liegen bleiben und Radio hören und wären verschont vom Gestank und vom schlitzäugigen Gaffen im Gang. Doch kurz hinter Rjasan waren die Zigaretten alle, und Lydia sagte, sie werde sich ein paar Papirossy vom Mammut schnorren. In ihren Augen war das der erste Test der Expedition: Auf welchem Fuß würden wir, keine Schülerinnen mehr, aber auch noch keine Studentinnen, mit Lew Bolotow durch Baschkortostan ziehen?

»Du wirst schon sehen«, sagte sie, »eine Papirossa, und die Luft ist rein.«

Doch zu unserer Enttäuschung trafen wir im Abteil nur den Laboranten an, der zur Sicherheit in seinem Buch vertieft blieb. Auch die Jungen hatten keine Ahnung, wo sich das Mammut herumtrieb. Als er sich beim nächsten Halt noch immer nicht hatte blicken lassen, wurde der Laborant allmählich unruhig. Doch ich hielt Lew Bolotow nicht für einen Menschen, der Dinge verpasst oder vergisst, er wirkte eher wie ein Tier, das auf die Tageslänge, die Temperatur und seinen Hunger reagiert. Dass er anschließend auf einem Bahnhof in Mordowien in der Dämmerung barfuß und in aller Seelenruhe an unserem Fenster vorbeispazierte, obwohl der Zug schon zur Abfahrt gepfiffen hatte, erhöhte sein Ansehen. In jener Nacht ließ ich mich, zwischen den frisch gestärkten Laken im oberen Bett, von den Zugrädern in meine erste Verliebtheit schaukeln. In ihrem Rhythmus lernte ich, ganze achthundert Kilometer lang, die Liebe als ein mechanisches Verfahren kennen, das sich, wenn es erst einmal in Gang gesetzt ist, nur schwer aufhalten lässt, das schiebt, zieht, knirscht, rostet und sich wiederholt.

Die Wochen in Baschkortostan waren deshalb einzigartig, weil alles immer wieder neu war. Neu und nie auf ein Neues. Das wurde uns klar, als wir am nächsten Abend im Bus am kalten Ufer der Kaga entlangfuhren. Ohne Worte hielten wir uns in den Haarnadelkurven fest. In Ermangelung einer Herde rannte ein kleines Pferd ein Stück neben uns her. Die Farbe seines Fahnenschwanzes changierte in der Luft. Die untergehende Sonne jagte einen roten Nebel über die Felsen und die unbestimmbaren Vögel darin. Das Land der Schamanen, sagten zwei Frauen, die mitten auf der Strecke durchs weite Nichts eingestiegen waren. Ob wir uns das hinter die Ohren schreiben würden? Auf den ersten Blick sahen sie genauso aus wie alle Sowjetfrauen in ihrem Alter, doch als es dunkel wurde, bedeckten sie sich den Kopf und fingen plötzlich an, ein Lied in einer Sprache zu singen, die sich weit von der unseren entfernt hatte. Oder umgekehrt. Wer weiß, wer als Erster das Wort ergriffen hat in diesem unserem Land? Dem riesigen Land, das fast ein ganzes Jahrhundert zu vier Buchstaben abgekürzt wurde, darunter dreimal demselben, CCCP? Das Alphabet, ja, das hatten wir mit den Baschkiren, Udmurten, Burjaten und allen anderen Märchenvölkern gemeinsam, doch ihre Zungen veranstalteten ganz unterschiedliche Dinge damit.

Kungir Buga, a-u, se-u, sangen die Frauen, bis die Nacht hereinbrach und wir aussteigen mussten. Alle bemerkten, dass die Luft eine andere war. Wir hatten kein Meer überquert, befanden uns noch auf demselben Grundgebiet, doch der Himmel war uns fremd, da standen eine Menge Sterne, die wir nicht kannten. Ich habe nie verstanden, warum manche Leute sternenklare Nächte so toll finden. Freuen sie sich etwa, dass wir alle zusammen hier unten sind und nicht dort oben? Der letzte Mensch auf dem Mond, ein Amerikaner, hatte zur Erde geblickt und sich gesagt: Alles schön und gut, aber das da unten ist echt, und das hier nicht. Die Realität spielt sich auf der Erde ab und nicht hier, jedenfalls nicht meine. So hatte er das ausgedrückt und so fühlte es sich auch für mich an, als ich im Naturreservat aus dem Bus stieg. Es mussten bloß ein, zwei Zeitzonen verstreichen, und schon taumelten wir herum wie Kosmonauten im Weltall, unser einziger Halt die Buchstaben unseres Sowjetreichs, die überall dieselben Worte formten, auf Denkmälern, in Geschäften und Hotels von Minsk bis Chabarowsk. Doch sobald die Straßen verschwunden und die Bauten außer Sicht waren, ergriff die Luft das Wort, und die klang überall anders. A-u, se-u.

Zu unserem Erstaunen kannte der Laborant, dieser trockene Bücherwurm, das Lied auswendig. Später, nachdem wir uns in den Baracken eingerichtet hatten, erzählte Viktor Grigorjewitsch, Kungir Buga sei der Name eines Stiers, er wäre rotbraun und hätte laut Überlieferung seine Hirtin, die von ihren Eltern vermählt worden war, wieder nach Hause zurückgebracht. A-u, se-u, traumlose Nächte auf einem Pfad ohne Wasser mit einer Herde von neun Kälbern. Ein real existierender Weg war nach dieser Sage benannt worden, ein Weg, der von Nord nach Süd über die Berge führte und dazu diente, Truppen zu verlegen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Selbst wenn der gute Mann gesungen hätte, er war nicht der Oberaffe und würde es nie werden. Außerdem wollten wir alle schlafen. Nicht in den Stockbetten, die uns ans Internat erinnerten, sondern in einem solchen Zelt, wie Lew es an jenem Abend für sich im Wald aufgeschlagen hatte. Kommt noch, sagte der Oberaffe, kommt noch. Und so war das. Alles kam noch. Mehr, als wir zu hoffen wagten, und mehr, als er versprochen hatte.

Dank der prinzipienlosen Lydia, die den Laboranten davon überzeugte, dass man das Zeichnen von Karten niemals Frauen überlassen darf, konnte ich mich die meiste Zeit meiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Tiere aufspüren. Ich lief Luchsexkrementen hinterher und landete bei Hirschen, die mich sahen und trotzdem weitergrasten, als ich mich keine vier Meter von ihnen entfernt hinhockte. Ich beschrieb in meinem Tagebuch den Flug eines Würgefalken, fand am Bachufer den Bau eines Bisamrüsslers und sah ein Stück weiter im Fluss seine Schnauze aus dem Wasser lugen. Wie eine Hauskatze schleppte ich Lew meine schönsten Trophäen an, doch er blieb unbeeindruckt. Ja, ja, diese Viecher gäbe es hier. Ob ich nicht den Kot mitgenommen hätte? Am nächsten Tag, nachdem ich die Abdrücke von Wolfspfoten gefunden hatte, fragte er, ob es nicht die vom Schäferhund des Aufsehers gewesen sein könnten. Nein, sagte ich, die Pfoten seien oval gewesen, länglich. Ich ließ nicht locker, brachte ihm Haufen, Haarbüschel und Gewölle. Und er gab uns Essen. Eingefettete goldene Karpfen am Spieß. Aal mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern. Eine Ente, der er eigenhändig den Hals umdrehte, die er rupfte, ausnahm, aufklappte und auf dem Rost mit Knoblauch und Frühlingszwiebeln grillte.

Die Stille, die sich am Ufer der Kaga auf uns herabgesenkt hatte, blieb bei uns, schweigend aßen wir, schauten und lauschten und stellten uns inzwischen alle möglichen Fragen. Zuerst einmal die nach dem Sinn dieser Expedition. Die kartographische Feldarbeit der Jungen und Lydias Zeichnungen der Pflanzenarten am Wegrand beeindruckten Lew noch weniger als meine Tierbestimmungen. Endlich dämmerte mir, dass nicht wir uns einen Einblick in die Natur verschaffen sollten, sondern umgekehrt — wir wurden beobachtet, vor allem nach Sonnenuntergang. Alle vorgebeugten Bäume und die in ihnen verborgenen Tiere zerrissen sich das Maul über uns. Schließlich nahm Lew Bolotow uns auf eine Wanderung mit, die diese Vermutung bestätigte. Es war fünf Uhr morgens, als er mich als Erste weckte. Er atmete mir auf die Wange. Er roch nach dem Regen auf seiner Jacke. Verschlafen klammerte ich mich an ihn.

»Steh auf, es geht los. Zieh dich an und roll deine Decke zusammen.«

Ich glaube, mein junger Körper hat mich verraten. Er muss gespürt haben, wie mein Herz unter der Decke klopfte, gesehen haben, wie die Pupillen meiner schläfrigen Augen sich weiteten, denn er löste sich mit einem kleinen Lächeln von mir, dem kleinen Lächeln, das ich noch oft sehen sollte, weil er immer so guckt, wenn er Recht behält. Als das Licht anging, sah ich ein Stück weiter im Saal die Jungen in ihren zerwühlten Betten. Abstoßend fand ich sie, diese dünnen Gestalten in ihren labbrigen Unterhosen. Lydia sagte, sie würden im Schlaf laut furzen, die Mädchen nie. Weiter ging ihre Erkundung des anderen Geschlechts nicht. Lew rüttelte an den Stockbetten und sagte, es gehe los. Wir durften nichts mitnehmen außer unserer Decke. Wir gingen nach Osten, der Helligkeit entgegen. Genau wie wir hatte der Laborant seine zusammengerollte Decke unterm Arm, Lew jedoch nicht einmal die. Der nahm manchmal die Hände aus den Taschen, um einen Stein aufzuheben und wieder wegzuwerfen. Nach einer Stunde wurde es wärmer, und er begann auf den Laboranten einzureden, worauf wir alle anfingen durcheinanderzuquasseln, hektisch, aber über nichts Bestimmtes, als hätte uns die Sonne eine neue Sprache zum Ausprobieren gegeben. Vielleicht hatten wir Angst. Unterwegs trafen wir nicht einen Menschen. Immer weiter hinunter ging es, bis keine Steine mehr auf dem Weg lagen und wir unsere Schritte nicht mehr hören konnten. Eine Stunde später standen wir auf einer Lichtung. Lew zog einen Feuerstein aus der Tasche und klopfte ihn gegen einen anderen Stein, den er vor Ort gefunden hatte.

»Da sind wir«, sagte er, »und hier bleiben wir bis morgen früh. Lasst uns zwei Gruppen bilden, jede baut eine Hütte, die groß genug ist, um zu viert darin zu schlafen. Wer die schönste Hütte baut, gewinnt die hier.«

Er zog eine Wodkaflasche aus der Innentasche. Große Aufregung, aber ich bedauerte, nichts anderes mitgenommen zu haben als die dünne Decke. Bis zum Sonnenuntergang hatten wir noch vierzehn Stunden Zeit, um für ein Unterkommen und Nahrung zu sorgen. Alles, was wir bräuchten, sagte Lew, liege in Reichweite, diese Zweige, zum Beispiel, die sich perfekt biegen ließen, und das Gras, das über einen Meter hoch war. Es gebe einen Bach mit viel Fisch, gutem Lehm, Moos und Blättern. Denkt in Ruhe nach, sagte er, und vergesst nicht, dass wir eine Hütte für eine Nacht bauen, nicht fürs Leben. Er teilte uns in zwei Gruppen ein, ich durfte bei ihm bleiben, Lydia landete in der Gruppe des Laboranten. Der lächelte sein Team entschuldigend an.

Viktor Grigorjewitsch war dreißig, ein Alter auf halber Strecke zwischen seinem Körper, der sich seit der Kindheit offenbar kaum verändert hatte, und seinem vorzeitig kahl und faltig gewordenen Kopf. An der Schule führte er die Experimente für die Lehrer durch. Die brauchten nur die Tafel hochzuschieben, wenn sie ihren Unterricht veranschaulichen wollten, und da stand ihr Gehilfe im Labor. Sein Bart bewegte sich die ganze Zeit, augenscheinlich erzählte er alles Mögliche, doch hinter dem dicken Sicherheitsglas war davon nichts zu hören. Er schüttete Flüssigkeiten in den Messkolben, entfernte sich, um etwas zu holen, die ganze Chose explodierte, und der Chemielehrer knallte irritiert die Tafel wieder runter, während Viktor Grigorjewitsch in seiner Sprachlosigkeit zurückblieb. Lew konnte Männer wie ihn an sich abgleiten lassen wie nassen Schnee, doch später verschafften sie sich oft mehr Anerkennung als er, weil sie sich in ihren blassen Jahren voll und ganz auf die Wissenschaft und nichts als die Wissenschaft konzentriert hatten. Angeborenes Charisma ist selten. Den meisten schenkt es nicht der liebe Gott, sondern sie holen es sich von anderen Sterblichen, indem sie ihnen schmeicheln. Wie Katzen, die Kopfstüber geben, bekommen manche Menschen, was sie wollen, ohne ausdrücklich darum zu bitten. Ich war an diesem Tag bereits zweimal Lews erste Wahl gewesen, ich konnte mein Glück kaum fassen. Da war mir noch nicht klar, dass auch einem dominanten Grauwolf irgendwann die Hinterläufe einknicken, wenn ihm die Angst auf den Fersen ist.

Ob wir noch Fragen hätten?

»Was ist, wenn heute Nacht Bären kommen?«

Sollen sie nur. Dann würden wir zumindest was erleben.