Gold Coast

Chris Hammer

GOLD COAST

Ein Ort voller Lügen.
Maßlose Gier.
Mehr als nur Rache

AUSTRALIEN-THRILLER

Australien-Thriller

Aus dem australischen Englisch
von Rainer Schmidt

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Autor und Übersetzer

Chris Hammer kennt sich als Journalist bestens mit spannenden, dramatischen Geschichten aus und lässt diese Erfahrungen in seine Bücher einfließen. Der Thriller »Outback« wurde 2019 mit dem wichtigsten britischen Krimipreis, den »New Blood« Dagger Award, ausgezeichnet, auch sein neuer Thriller »Gold Coast« ist ein Bestseller. In Australien hat Hammer für fast alle bedeutenden Medien gearbeitet. Als Auslandskorrespondent berichtete er über dreißig Jahre aus sechs Kontinenten, u.a. für die führende TV-Nachrichtensendung »Dateline«. Er ist politischer Korrespondent für »The Age« und »The Bulletin«. Seine Sachbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau in Canberra.

 

Rainer Schmidt, geboren in Mülheim/Ruhr, lebt in Hamburg und Essen und übersetzt aus dem Englischen. Unter anderem übertrug er Romane von Donna Tartt, Frederick Forsyth, Mo Hayder, Chris Hammer und Justin Cronin ins Deutsche.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Journalist Martin Scarsden stammt aus Port Silver. Er hat sich geschworen, nie in an diesen Ort an der Gold Coast, zurückzukehren. Aber seine Lebensgefährtin Mandy hat dort ein altes Haus geerbt und Martin will mit ihr dort neu anfangen. Aber kaum angekommen, ist Mandy auf einmal die Hauptverdächtige für einen Mord – und die Polizei hat offenbar kein Interesse, weitere Ermittlungen anzustellen. Martin ist entschlossen, Mandys Unschuld zu beweisen. Aber bei seinen Nachforschungen trifft er auf alte Rivalitäten und nie gekannte Gier. Gleichzeitig bricht ein Riesenskandal herein: am Surferstrand von Backpacker Beach kommen Touristen ums Leben. Da auch ein Filmstar und ein mysteriöser Guru darunter sind, bricht ein Mediensturm los. Wie soll sich Martin verhalten? Die Story liefern oder Mandy helfen? In den Mangrovensümpfen und Klippen des Ortes muss er sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen, um die Wahrheit zu finden.

»Chris Hammer ist ein brillanter Autor.« Michael Connelly

»Chris Hammer, selbst Journalist, legt ein fulminant spannendes Krimidebüt hin.« Stern über »Outback«

 

Weitere Romane des Autors:

»Outback«

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© Chris Hammer 2019

Die australische Originalausgabe erschien 2019

unter dem Titel »Silver« im Verlag Allen & Unwin, Sydney

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung und Coverabbildung: © Johannes Wiebel | punchdesign

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491298-1

Eins

Die Sonne sticht ihm in die Augen, er kann den Ball nicht sehen und schwingt blind den Schläger. Hoffentlich trifft er, hoffentlich blamiert er sich nicht, wenigstens diesmal. Also schwingt er den Schläger, mit geschlossenen Augen, wie im Gebet. Und wie vom Himmel diktiert, trifft er den Ball. Durch den Holzgriff, durch den zerschlissenen Gummibezug und die zerfasernde Wickelschnur hindurch fühlt er die Wucht. Er fühlt, wie der Schlag den schwammigen Ball flachdrückt und komprimiert, wie dieser sich wieder ausdehnt und im hohen Bogen davonfliegt. Und in diesem Moment des Aufpralls, in diesem Sekundenbruchteil, liegt Vollkommenheit. Er öffnet die Augen, lässt den Schläger los und beschattet sein Gesicht noch rechtzeitig, um dem Ball nachzusehen, ihn zu bestaunen, wie er über den Lattenzaun in den Nachbargarten fliegt. Eine Sechs. Sechs und aus. Abgewiesen, aber prachtvoll, nicht schändlich. Kein dumpfes Aufschlagen des Balls in der Mülltonne, kein höhnisches Gelächter über eine vergebene Chance. Eine Sechs. Über den Zaun. Ein Heldentod.

»Aber Vern«, mahnt seine Mutter.

»Triffst du ihn, hast du ihn«, sagt der Bowler, ein Junge, der weiter unten an der Straße wohnt.

Martin sagt nichts, er tut nichts, er rührt sich nicht, ist gefangen im Augenblick. Im Augenblick seines Schlags. In diesem perfekten Augenblick. Gefangen in der Zeit.

Und dann.

Klingelt das Telefon. »Mumma, Mumma«, ruft Enid oder Amber, jedenfalls eine der beiden Zwillinge, der unzertrennlichen, nicht unterscheidbaren Schwestern. Und seine Mutter geht, bevor sie ihn zu seinem Schlag gratulieren, ihn so beglückwünschen kann, wie er es verdient. Geht zum Telefon, zu dem Anruf, der die Welt in zwei Hälften teilt, der eine messerscharfe Linie zwischen Vorher und Nachher zieht.

Dreiunddreißig Jahre später ist Martin Scarsden unterwegs, fährt in seine Erinnerung hinein, fährt hinunter nach Port Silver. Halb konzentriert er sich auf die Straße und steuert den Wagen durch die Haarnadelkurven den Steilhang hinunter, und halb hat er sich in der Vergangenheit verloren, in jenem vollkommenen Tag, als das Schicksal so hell und so kurz aufstrahlte, und gleich darauf der Vorhang fiel wie nach einem Theaterstück. Heute flimmert die Sonne durch das Laubdach des Regenwalds, flackert wie ein Stroboskop. Martin blinzelt, er kann das Meer nicht sehen, nur fühlen, und er weiß, wenn er an den Straßenrand fahren würde – wenn an dieser schmalsten aller Straßen Platz zum Anhalten wäre –, dann könnte er ihn sehen: den Pazifik. Er ist da, hinter den Bäumen, eine unendliche blaue Fläche. »Kannst du das Meer sehen?«, fragt sein Vater ihn, wie er ihn jedes Mal gefragt hat, wenn sie durch die Haarnadelkurven

Wo er wusste, dass es da war, jenseits des Escarpment, der Abbruchkante, jenseits der Milchfarmen, der Zuckerrohrfelder und der Flussebenen, hinter dem Fischereihafen, den Ferienhütten, den weißen Sandstränden. Sehen konnte er es nicht, aber fühlen.

Und so ist es auch an diesem Tag im Frühherbst, als der Wagen sich zwischen Gesprenkeltem Eukalyptus und Keulenlilien hinunterschlängelt, zwischen Palmen und Geweihfarnen, rankenbehängten Zedern und den Rufen der Glockenvögel hindurch auf den Ozean zu. Er fühlt ihn in der Luft; aus feucht und kühl wird feucht und warm, und es knackt in seinen Ohren, als er zum Ozean hinunterfährt und den Sog der Trockenheit des dürreverwüsteten Inlandes auf der anderen Seite des Küstengebirges zurücklässt. Und in der Ferne, immer noch unsichtbar, aber schon beeindruckend: Port Silver. Das Land seiner Jugend. Er ist zurück.

»Vern! Vern!«, ruft sie, und ihre Stimme klingt nie zuvor. »Martin! Mädels!« Er klettert wieder über den Zaun. Das graue Holz ist trocken und voller Splitter. In der Hand hat er den Ball, seine glorreiche, vom Hund zerkaute Trophäe. Die Mutter stürmt zur Fliegentür heraus, lachend und weinend zugleich. Ihre Emotionen sind wie eine Flutwelle. »Wir haben’s geschafft. Herrgott noch mal. Wir haben den Scheiß gewonnen!«

Martin sieht seinen Onkel an, erkennt dort dieselbe Ratlosigkeit angesichts der noch nie dagewesenen Flucherei der Schwester.

»Hilary?«, fragt er.

»Die Lotterie, Vern. Die verdammte Lotterie! Division One!«

Martin springt vom Zaun in den plötzlich nicht mehr

Die Steilwand stößt auf die Ebene, der Regenwald endet, und die Milchfarmen kommen näher. PORT SILVER 30 KM steht auf dem Straßenschild. Martin Scarsden kehrt in die Gegenwart zurück. Himmel noch mal, warum hatte Mandy ausgerechnet diese Stadt, seine Heimatstadt, für den gemeinsamen Neuanfang ausgesucht? Er fährt auf der alten Brücke über den Battlefield Creek, der am Fuße des Escarpment entlangfließt, eine Grenzlinie zwischen der Natur der Steilwand und der aufgezwungenen Geometrie von Farmen und Zuckerrohrfeldern. Martin will den Gang wechseln, auf der schnellen Straße durch das Flachland beschleunigen, als er sie sieht: die Anhalterin.

Ihre Beine in der abgeschnittenen Jeans leuchten in der subtropischen Sonne. Ein bauchfreies Tanktop, ein lässig ausgestreckter Daumen. Eine Ausländerin also. Ihr Haar ist offen, ihr Lächeln ebenfalls, und es wird breiter, als er am Straßenrand hält, auf dem Kies, kurz vor dem Abzweig zur Zuckermühle. Schon bevor der Wagen steht, sieht Martin ihren Begleiter. Er hat dunkle, lange Haare und sitzt neben zwei Rucksäcken im Schatten, wo man ihn von der Straße aus nicht sehen kann. Martin lächelt; er erkennt den Trick, ist nicht beleidigt.

»Port Silver?«, fragt die junge Frau.

Martin muss den Schlüssel benutzen, um den Kofferraum aufzuschließen. Die Innenentriegelung in seinem alten Toyota Corolla ist seit langem kaputt. Der junge Mann wuchtet die Rucksäcke mühelos in den Kofferraum und klappt den Deckel zu. Martin sieht seine Arme und die Tattoos auf den definierten Muskeln, die Muskulatur der Jugend, umweht von Tabakduft und Sorglosigkeit. Die junge Frau setzt sich neben Martin, der Mann schiebt Martins spärliche Besitztümer zur Seite und nimmt auf dem Rücksitz Platz. Sie riecht gut nach irgendeinem Kräuterparfüm. Ihr Freund nimmt die Sonnenbrille ab und lächelt dankbar. »Danke, Mann. Nett von Ihnen.« Er langt über die Rückenlehne und begrüßt Martin mit einem kräftigen Händedruck. »Royce. Royce McAlister.«

»Topaz«, sagt das Mädchen und ersetzt die Hand ihres Freundes durch ihre. »Und Sie sind …?« Ihre Hand ruht einen flirtenden Moment auf Martins Arm.

»Martin«, antwortet er lächelnd.

Er startet den Motor und fährt weiter. Seine Kindheitserinnerungen sind verweht.

»Sie wohnen in Port Silver?«, fragt Topaz.

»Nein. Schon lange nicht mehr.«

»Wir suchen Arbeit.« Sie spricht mit amerikanischem Akzent. »Wir haben gehört, um diese Jahreszeit gibt’s hier oben reichlich.«

»Kann sein«, sagt Martin. »Die Ferien sind vorbei, die Kids sind wieder in der Schule, vielleicht habt ihr Glück.«

»Was ist mit Obstpflücken?« Royce beugt sich vor. Er spricht unverkennbar wie ein Australier, breit und unprätentiös. »In Treibhäusern?«

»Ich brauche das für mein Visum«, sagt Topaz. »Wenn ich drei Monate außerhalb der Großstädte arbeite, kriege ich noch ein Jahr in Oz. Wir haben den Nachtzug rauf nach Longton genommen. In Sydney heißt es, dort gibt’s jede Menge Arbeit.«

»Möglich. Keine Ahnung«, sagt Martin. Als er Kind war, haben in den Treibhäusern am Fluss Migranten gearbeitet, Wanderarbeiter, die in ihrer neuen Heimat Fuß fassen wollten. Heutzutage sind Rucksacktouristen aus dem Ausland die Arbeitskräfte der Wahl.

Topaz redet weiter. Mit ansteckender Begeisterung erzählt sie von ihren Abenteuern: wie sie Royce in Goa kennengelernt hat, wie er ihr nach Bali und dann nach Lombok gefolgt ist, wie sie sich verliebt haben und zusammen nach Australien gekommen sind. Royce wirft Bemerkungen ein und lacht. Es ist wie ein Auftritt, ein Zwei-Personen-Stück, und Martin ist das Publikum; er ist dankbar für die Ablenkung. Royce hat seine Sonnenbrille wieder aufgesetzt. Sie hängt schief; der eine Bügel fehlt, aber das scheint ihn nicht zu stören – als sollten alle Sonnenbrillen so sein. »Wir lassen uns einfach treiben, Mann«, so fasst er die Moral ihrer Geschichte zusammen. Martin hat Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren. Immer wieder wirft er einen verstohlenen Blick auf die beiden, Royce auf dem Rücksitz mit seinem breiten Kinn, dem offenen Lächeln und der widerspenstigen Sonnenbrille, und Topaz vorn, neben ihm, der Sicherheitsgurt schneidet ein Tal zwischen ihre Brüste. Seine Aufmerksamkeit scheint ihr bewusst und willkommen. Bald redet auch Martin, während der Wagen mit hohem Tempo auf Port Silver zufährt. Er erzählt ihnen, wo die besten Strände und Surfplätze sind, wo man angeln und wo man schwimmen kann. Dann erreichen

Wieder allein im Auto, fährt er nicht gleich los. Er spürt den warmen Wind im Gesicht, und das Gefühl hat sich in all den Jahren nicht geändert, warm, feucht und sanft, ganz anders als die glutheißen Böen im Landesinneren oder die knirschende Secondhand-Luft von Sydney. Unten am Strand liegen Backpacker in der Sonne, sitzen plaudernd zusammen oder spielen Fußball. Er spürt Neid, hat noch nie einfach in den Tag hineingelebt, hat sich noch nie auf indonesischen Inseln in ein hübsches Mädchen verliebt. Er hat kein Brückenjahr gehabt, ist nie durch Asien gestreunt, hat nie den großen Road Trip durch Australien unternommen. Die Jugend war etwas, das überstanden werden musste. Warum sie in die Länge ziehen? Er ist sofort auf die Uni gegangen, und noch bevor er sein Examen hatte, war er schon bei der Zeitung angestellt. Seine Reisen waren anders: Er hat in Kriegsgebieten über dem Laptop geschwitzt, statt auf Bali Joints zu rauchen. Er hat wichtigtuerische Männer in Anzügen interviewt, statt exzentrische Einheimische in einem englischen Pub zu bedienen, und statt sich zu verlieben, hat er mit fremden Frauen geschlafen, die nach Zuneigung gierten. Vielleicht würde

 

Überall ist Blut. Er drückt die Tür auf, und überall ist Blut. Der Schlüssel steckt im Schloss, deshalb kann er, die Begrüßung noch auf den Lippen, die Tür öffnen, und überall ist Blut. Er hat das Townhouse ausfindig gemacht, den Wagen geparkt und die Tür gefunden. Und jetzt ist da Blut. Überall. Spritzer an der Wand im Flur, ein roter Handabdruck, den ein Kind mit einer Schablone hinterlassen haben könnte, rote Tropfen auf den cremefarbenen Fliesen, als habe ein Maler unsauber gearbeitet. Er kann es riechen, der metallische Geruch umhüllt ihn und dringt in seine Poren. Und mitten im Blut eine Gestalt. Leblose Beine ragen durch einen Türbogen in den Flur. Sie stecken in beigefarbenen Chinos und braunen Schuhen mit durchscheinenden Gummisohlen. Es sind Männerschuhe. Die Gestalt liegt auf dem

»Mandy!«, schreit er. »Mandy?!«

Er lauscht. Nichts. Die Blutpfütze glitzert und wächst weiter. Ist die Gestalt noch am Leben?

»Mandy!«, ruft er noch einmal, und Angst liegt in seiner Stimme. Ist sie im Haus? Ist sie verletzt?

Langsam schiebt er sich vorwärts. Jetzt kann er die Gestalt vollständig erkennen. Die Beine sind in den Flur gestreckt, der Körper, das Gesicht nach unten, liegt im Wohnzimmer. Der Mann hat einen runden roten Fleck zwischen den Schulterblättern, als hätte man ihm eine Zielscheibe auf das Leinenhemd gemalt, mit einer klaffenden Zwölf in der Mitte, aufgerissen und mit Blut gefüllt. Die wachsende Lache auf dem Boden hebt sich grellrot von den cremefarbenen Fliesen ab. Martin muss daran vorbei, vorbei an der Leiche und der glitzernden Sperre. Er nimmt Anlauf und springt über die glänzende Pfütze, die inzwischen die Wand erreicht hat, und landet dahinter am Fuße einer Treppe. Er dreht sich um. Der Mann regt sich nicht. Sein Körper ist gedrungen, er hat dunkles Haar, erste graue Strähnen an den Schläfen und wirkt gepflegt. Der Blutfleck lässt das weiße Leinenhemd an der Wunde in seinem Rücken kleben.

Ein Mörder. Hier ist ein Mörder. Ist er noch hier? »Mandy!« Seine Stimme wird lauter.

Sein Verstand fängt an zu arbeiten, und unter Panik, Adrenalin und Schock kommen die ersten Gedanken hervor. Er hockt sich neben die Blutlache und zwingt sich, ganz ruhig zu atmen. Er schaut hin, er lauscht, nimmt aber kein Lebenszeichen wahr. Er streckt den Arm aus, stützt sich mit einer Hand unter einem

Der Mann hält etwas in der Linken. Die toten Finger umschließen es fest. Eine Postkarte, es sieht aus wie eine Postkarte, und das Blut sammelt sich um die Ränder. Martin beugt sich vor, streckt sich weit über den Toten, stützt sich immer noch mit einer Hand am Türrahmen ab. Die Karte ist verdeckt durch die Hand des Toten und das langsam fließende Blut, aber es scheint ein religiöses Motiv darauf zu sein, die Abbildung Christi oder eines Heiligen mit einem goldenen Heiligenschein.

Da, ein Geräusch. Und dann sieht er sie durch den Türbogen. Sie sitzt reglos und mit blutigen Händen auf einer Couch im Wohnzimmer und starrt den Toten an. Es ist, als könnte sie Martin nicht sehen, der dort kniet, sondern nur die Leiche neben ihm. Ihr Haar sieht anders aus; es ist rötlich braun statt blond, aber nicht das zieht seinen Blick auf sich. Mit blutigen Händen. Eine Spur aus Blutstropfen auf den Fliesen führt von ihr zur Leiche.

»Mandy?« Sie hat auch Blut an der Kleidung. Er klingt eindringlich, aber sie reagiert nicht. »Mandalay!«

Benommen sieht sie ihn an. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf. Vielleicht ist es eine Geste der Ungläubigkeit, vielleicht will sie ihm signalisieren, dass er nicht hier sein sollte.

Martin denkt an ihren zehn Monate alten Sohn, und er macht Sorgen. »Mandy, wo ist Liam? Wo ist er?«

Aber sie kann nur den Kopf schütteln, und er weiß nicht, was diese Bewegung bedeutet.

Martin zieht sein Telefon aus der Tasche. Halb rechnet er damit, dass er kein Signal hat, nicht in dieser alternativen Realität. Aber

Mandy starrt immer noch die Leiche an. Der tote Mann liegt im Türbogen, das Blut ist noch nicht bis ins Wohnzimmer geflossen. Trotzdem rührt Martin sich nicht von der Stelle, geht nicht zu ihr. Stattdessen schaut er wieder auf sein Telefon, sucht die Nummer einer Anwaltskanzlei in Melbourne. Wright, Douglas & Fenning. Mandys Anwältin: Winifred Barbicombe. Sie braucht Winifred jetzt mehr als ihn.

Zwei

Der Police Sergeant hat etwas von einem Raubtier. Seine Augen unter den Lidern sind schmal, seine Lippen dünn und seine Haut ist voller Aknenarben. Sein Teint ist von einem Grau, das nicht in eine Stadt am Strand passt. Er starrt Martin eine volle Minute lang an, bis der den Blick nicht länger erträgt und zu der Polizistin hinübersieht, die neben der Tür des Vernehmungsraumes hinter der Videokamera steht. Sie ist Constable und wirkt so unbehaglich, wie Martin sich fühlt, tritt von einem Fuß auf den anderen und starrt entschlossen auf das Kameradisplay, während das Schweigen sich in die Länge zieht. Erst als der Blickkontakt unterbrochen ist, lässt der Polizist sich herab, zu sprechen. Seine Stimme klingt flach. »Sergeant Johnson Pear befragt Martin Michael Scarsden. Polizeirevier Port Silver. Vierter März, vierzehn Uhr zehn.« Martin wartet, aber der Polizist macht wieder eine Pause, und sein Blick ist unergründlich. Das rote Licht an der Videokamera blinkt alle fünf Sekunden.

»Okay, Mr. Scarsden. In Ihren eigenen Worten. Bitte erzählen Sie uns, wie Sie heute in Mandalay Blondes Townhouse gekommen sind.«

»Und hier sind Sie direkt zu Mandalay Blondes Townhouse, 15 Riverside Place, gefahren?«

»Nein, nicht sofort.« Martin erzählt, wie er die beiden Hitchhiker, Topaz und Royce, mitgenommen und am Backpacker Hostel abgesetzt hat.

Der Polizist notiert alles. Er hat ein nagelneues Notizbuch, ein großes.

»Nachnamen?«

Martin überlegt. »Royce hat mir seinen gesagt. McAlister, glaube ich. Bei dem Mädchen bin ich nicht sicher.«

»Macht nichts. Die beiden finden wir, und sie können Ihre Angaben bestätigen. Das erleichtert uns die Arbeit.« Wenn er darüber erfreut ist, sieht man es ihm nicht an. »Können Sie sagen, wann genau Sie das Pärchen am Hostel abgesetzt haben?«

Martin schüttelt den Kopf. »Nicht genau. Wie gesagt, es war gegen elf.«

Der Polizist wirkt nicht überzeugt, und Martin windet sich innerlich unter seinem Blick. Das Rotlicht an der Videokamera blinkt regelmäßig wie ein Metronom. Der Himmel weiß, wie er sich fühlen würde, wenn er tatsächlich etwas verbrochen hätte.

»Mr. Scarsden, wir werden Mobilfunkdaten auslesen, denen wir genauere Informationen über Ihre Bewegungen entnehmen können, speziell zwischen Glen Innes und Port Silver. Gibt es

»Nein, nur zu.«

Der Polizist starrt ihn volle zehn Sekunden lang an und schreibt dann wieder etwas in sein Notizbuch. Er lässt sich Zeit dabei. Anscheinend formuliert er seine nächste Frage, da fliegt die Tür auf, und ein atemloser junger Mann stürmt herein. Sein Haar sieht aus wie ungekämmte schwarze Wolle, seine Bartstoppeln sind so dicht, als wären sie miteinander verwoben, und seine Augen sind schwarz. Er trägt Bermudashorts und Sandalen, und sein Brusthaar quillt aus einem nachlässig zugeknöpften Hawaiihemd hervor.

Sergeant Pear reagiert nicht sofort. Er seufzt und dreht sich dann mit seinem Drehstuhl zu ihm um.

»Nick Poulos«, keucht der Mann. »Ich bin Nick Poulos.«

»Ich weiß, wer Sie sind. Was wollen Sie?«

»Ich bin Mr. Scarsdens Anwalt.«

»Ist das wahr?« Der Sergeant wendet sich Martin zu. »Können Sie das bestätigen?«

»Nein. Aber ich hätte gern einen Anwalt.«

Pear bleibt unbeeindruckt. »Befragung unterbrochen um vierzehn Uhr sechzehn.« Seine Kollegin schaltet die Kamera aus. »Okay, Sie beide klären jetzt Ihr Verhältnis. Ich gebe Ihnen fünf Minuten, dann machen wir weiter.«

»Danke, Mate.« Nick grinst breit. Die Kühle des Polizisten scheint ihm nichts auszumachen. Sergeant und Constable gehen hinaus, und Poulos breitet die Arme aus, als wolle er Martin an sich drücken. »Martin Scarsden. Ist das zu glauben? Martin fucking Scarsden. Der berühmteste Journalist des Landes. Mein Klient!«

Martin zwinkert. Der Eifer des jungen Mannes verschlägt ihm

»Ja, ich hatte frei. Na und? Jetzt bin ich hier.«

»Wer hat Sie beauftragt?«

»Die Kanzlei in Melbourne. Wright, Douglas & Fenning. Die haben mich angerufen. Ich soll sofort herkommen. Für ein Spitzenhonorar.« Der Anwalt macht große Augen und hechelt immer noch wie ein kleiner Hund.

Martin begreift: Mandys Anwaltskanzlei hat ihm diesen Anwalt geschickt, zum Dank dafür, dass er sie über Mandys Lage informiert hat. »Warum Sie, Nick? Warum hat man Sie angerufen?«

Poulos lacht, zieht einen Stuhl heran und setzt sich, als hätte Martin ihn bereits engagiert. »Die Auswahl ist nicht groß. Es gibt eine große Kanzlei hier, Drake and Associates, und mich. Oben in Longton sind noch ein paar.«

»Und warum beauftragen die nicht Drake?«

»Haben sie ja. Drake vertritt Mandalay Blonde, zumindest bis ihre eigenen Leute angekommen sind.«

Martin verzieht das Gesicht. Mandys Anwälte mögen ihm helfen, aber sie vertreten ihn separat für den Fall, dass seine und ihre Interessen nicht zusammenpassen. Für den Fall, dass sie ihn den Löwen zum Fraß vorwerfen müssen. Er sieht Poulos an, der nicht zur Ruhe zu kommen scheint. »Nick, Sie sind nicht high, oder?«

»Scheiße, nein. Kein Alkohol, keine Drogen. Ich vertrag so was nicht. Flippe aus davon.«

»Machen Sie viel Strafrecht?«

»Jede Menge. Meist stehe ich vor dem Friedensrichter.«

»Das hier ist aber nicht gerade ein Fall für den Friedensrichter.«

Martin weiß nicht, was er antworten soll, da kommt Pear zurück.

»Sind Sie klar miteinander?«, fragt er. Zum ersten Mal sieht Martin eine Regung hinter der wortkargen Feindseligkeit des Polizisten: Belustigung.

»Ja«, sagt Martin. »Mr. Poulos ist mein Anwalt. Vorläufig.«

»Freut mich zu hören. Lassen Sie uns weitermachen.«

Sie nehmen ihre früheren Positionen wieder ein – Martin am Tisch, Sergeant Pear gegenüber, die Polizistin hinter der Videokamera –, aber jetzt sitzt Nick Poulos neben Martin. Die Befragung wird fortgesetzt. Pear ist der Inbegriff von Stille im Zentrum von Martins Blickfeld, Nick in unaufhörlicher Bewegung am Rand. Martin braucht nicht lange, um zu berichten, was passiert ist – wie er die Haustür angelehnt vorgefunden hat, den Schlüssel im Schloss, den Toten auf dem Boden, die wachsende Blutlache. Er erzählt, wie er Mandy gesehen hat, die offensichtlich unter Schock stand, und wie er den Notarzt gerufen hat.

»Hat jemand das Haus betreten oder verlassen?«

»Nein. Niemand.«

»Und Sie haben auch nichts gehört? Keinen Kampf, keinen Hilferuf, nichts?«

»Nichts. Das war wohl alles schon vorbei, als ich kam.«

»Aber Ihrem Eindruck nach ist die Tat erst kurz vor Ihrer Ankunft geschehen?«

»Ja. Das Blut breitete sich noch auf dem Boden aus. Und als ich den Puls fühlen wollte, war der Hals des Opfers noch warm und weich. Es gab nur keinen Puls mehr.«

Pear legt wieder eine seiner bedeutungsschwangeren Pausen

»Nein. Er lag mit dem Gesicht nach unten. Wer war es?«

»Ein Immobilienmakler aus der Stadt. Jasper Speight.«

»Jasper?«, ruft Nick Poulos. »Leck mich am Arsch.«

Pears Blick durchbohrt Martin.

»Sie haben ihn gekannt?«, fragt der Polizist.

Martin kann nicht sofort antworten, irgendwas fühlt sich zutiefst falsch an. »Ja. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Wir waren Freunde«, sagt er. »Gute Freunde.«

»Ach ja? Hier? In Port Silver?«

»Ja. Ich bin hier aufgewachsen.« Seine Hände zittern. Er faltet sie, um sie zur Ruhe zu bringen.

Der Sergeant schreibt etwas in sein Notizbuch. Martins Beziehung zu Port Silver ist ihm offenbar neu. »Und wann haben Sie das Opfer zuletzt gesehen, vor heute Morgen?«

»Vor dreiundzwanzig Jahren. Als ich mit der High School fertig war, habe ich sofort die Stadt verlassen.«

»Und Sie sind nie wieder hergekommen?«

»Nein.«

»Nie?«

»Nein.«

»Und Sie hatten zwischendurch auch keinen Kontakt mit Jasper Speight? Briefe, E-Mails, Telefonate?«

»Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Und warum sind Sie jetzt hier?«

»Ich komme zurück. Mit meiner Partnerin, Mandalay Blonde. Sie ist vor kurzem hergezogen.«

»Wann?«

»Vor drei Wochen, vielleicht vor einem Monat. Das müsste ich nachsehen.«

»Ich war in Sydney, um ein Buch fertig zu schreiben.«

»Im Ernst?«, ruft Nick Poulos. »Über die Morde draußen im Westen? Das muss ich lesen.«

Martin starrt seinen Anwalt ungläubig an und Pear schüttelt den Kopf. »Mr. Poulos, dies ist eine polizeiliche Befragung. Wenn wir fertig sind, können Sie Mr. Scarsden um ein Autogramm bitten.«

»Ja. Sorry, Mate«, sagt Poulos, zappelt aber weiter neben Martin herum.

Pear wendet seine Aufmerksamkeit wieder Martin zu. »Waren Sie heute Morgen zum ersten Mal in Mandalay Blondes Townhouse? Vorher noch nie?«

»So ist es.«

»Und abgesehen vom Eingang, haben Sie keinen Bereich des Hauses betreten?«

»Nein.«

»Und Sie haben die Waffe nicht angerührt?«

»Da war keine Waffe. Ich habe jedenfalls keine gesehen.«

»Was für Verletzungen hatte das Opfer?«

Martin braucht nur die Augen zu schließen, und die Szene ist sofort wieder da: Blut in Technicolor, der Geruch, schwer in der Luft, auf dem Boden der Tote.

»Es sah aus, als habe man ihn von hinten erstochen. Rund um die Wunde war ein Blutfleck. Man sah, wo das Hemd zerschnitten war, und auch den Einstich selbst. Aber da war nicht so viel Blut. Bei all dem Blut auf dem Boden musste er von vorn erstochen oder aufgeschnitten worden sein, aber diese Verletzungen konnte ich nicht sehen, nur die auf seinem Rücken. Er lag ja auf dem Bauch.«

»Haben Sie ihn berührt?«

»An seinem Hals war Blut?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich kann mich nicht erinnern, ihn anderswo berührt zu haben, und ich hatte Blut an der Hand.« Pear blinzelt und starrt Martin unverwandt an, als hätten seine Worte große Bedeutung.

»Er hielt etwas in der Hand«, fährt Martin fort. »Es sah aus wie eine Postkarte mit einer religiösen Abbildung.«

»Haben Sie sie angefasst?«

»Nein. Was war das für eine Karte?«

Pear schüttelt den Kopf. »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« Wieder macht er eine Pause. »Und Sie sind nicht zu Mandalay Blonde gegangen? Sie haben nicht versucht, ihre Freundin zu trösten?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Martin weiß nicht, was er sagen soll. »Ich glaube, ich hatte einen Schock. Wir brauchten Hilfe. Ich habe den Notarzt und die Polizei gerufen.«

»Mr. Scarsden, haben Sie Jasper Speight umgebracht?«

»Moment mal«, sagt Nick.

»Schon gut«, sagt Martin. »Machen wir es gleich aktenkundig. Ich habe Jasper Speight weder umgebracht noch irgendwie verletzt. Er war tot, als ich ankam.«

»Sehr gut«, sagt Pear, aber nichts in seinem Ton deutet darauf hin, dass er Martins Antwort gut, schlecht oder unwichtig findet. Er stellt noch ein paar Fragen, hauptsächlich über Mandy und ihr Verhalten, dann beendet er die Befragung. Die Polizistin schaltet die Kamera aus, zieht die Speicherkarte heraus und nimmt sie mit, als sie hinausgeht.

»Mein Mandant kooperiert vollumfänglich. Er hat die Polizei gerufen. Es gibt keinen Grund, ihn in Gewahrsam zu nehmen«, sagt der junge Anwalt. »Er war nicht Zeuge des Mordes.«

Pear sieht Martin an, nicht Nick Poulos. »Ich werde mit der Mordkommission sprechen. Die hat das zu entscheiden. Wir kümmern uns um Ihre Telefondaten, und ich rede mit den Rucksacktouristen und lasse mir Ihr Alibi bestätigen. Die Spurensicherung aus Sydney fliegt ebenfalls ein, aber ein Teil ihrer Ausrüstung kommt auf dem Landweg. Kann sein, dass wir Sie über Nacht festhalten müssen.«

»Das langt nicht«, sagt Poulos beinahe fröhlich. »Wenn Sie ihn nicht unter Anklage stellen wollen, muss er spätestens –« er wirft einen dramatischen Blick auf seine Uhr »– um, sagen wir, halb sieben wieder auf freiem Fuß sein. Okay?«

Der Sergeant mustert den Anwalt. Martin hat den Eindruck, dass in Pears Gesicht eine subtile Veränderung vorgeht. Dringt da Verachtung durch die starre Maske? »Richtig, mein Junge. Wir dürfen ihn nur vier Stunden festhalten. Plus so lange, wie man vernünftigerweise braucht, um die kriminaltechnische Arbeit zu erledigen. Das könnte bis morgen dauern. Wie gesagt, das ist Sache der Mordkommission. Die bald hier sein wird. Sie können dann mit denen diskutieren.«

Pear steht auf, aber bevor er zur Tür geht, wendet er sich noch

»Was ist mit Mandy?«, fragt Martin beinahe zu spät. »Wie geht es ihr?«

»Tut mir leid«, sagt Pear über die Schulter, aber es klingt nicht so. »Das ist nicht meine Sache.«

 

Die Zelle ist renoviert, frisch und steril. Graffiti und Elend hat man weggeschrubbt, und es riecht nach Desinfektionsmittel, nicht nach Pisse. Eine solide Stahltür mit einer kleinen Luke in Augenhöhe gibt ihm ein Gefühl der Privatsphäre, obwohl eine Videokamera, die aus der Ecke auf ihn herabstarrt, klarmacht, dass dies nicht stimmt. Martin erinnert sich an die alten Zellen, die nach Scheiße und Kotze stanken, mariniert in Überresten schiefgegangener Menschenleben. Damals gab es keine Kameras, aber auch keine vorgetäuschte Privatsphäre: Die Wand zum Korridor bestand aus Stahlgittern. Er war als Minderjähriger ein paar Mal verhaftet worden, wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses, zu seinem eigenen Besten eingesperrt vom alten Sergeant Mackie, dem Herrn über Willkürjustiz. Ohne richterlichen Beschluss, ohne Haftprüfungstermin – nur Martin und Jasper und manchmal noch Scotty, festgenommen, weil es Mackie gefiel, und entlassen mit einer Ohrfeige und einem Tritt in den Arsch.

Was hatten sie damals angestellt? An dem Abend mit Scotty?