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THERESA RATH: »Liberdade«
1. Auflage, Mai 2021, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta

© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Covergestaltung: Thomas Manegold unter Verwendung eines Bildes
von Luciano Ribas (unsplash.com)
Lektorat, Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-185-1
epub ISBN: 978-3-95996-186-8

»Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit
wie hundertprozentigen Alkohol.«

Sigmund Freud


»If you can, you must.«

Amanda Palmer



Für all die Frauen, die wissen, wovon die Rede ist.

Und auch für die, die es nicht wissen.

Theresa Rath

Theresa Rath wuchs in Neuss als Tochter zweier Diplompsychologen auf. Schon früh begann sie, Geschichten und Gedichte zu verfassen. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Rechtswissenschaften nach Freiburg. 2009 erschien ihr erstes Buch „Kleines Mädchen mit Hut“ bei Periplaneta. 2012 veröffentlichte sie ebenfalls bei Periplaneta den Kurz­ge­schich­tenband "Die Ketten, die uns halten".

Nach einem Auslandaufenthalt beendete sie 2018 ihr juristisches Refe­rendariat mit dem zweiten Staats­examen. Danach arbeitete sie als Anwältin, bis sie sich entschloss, an einem Institut für Nachhaltigkeit zu promovieren. Sie veröffentlichte diverse Aufsätze unter Beteiligung verschiedener Co-Autoren zu den Themen Klimawandel, Energiewende, Sozialrecht und Postwachstum. Theresa Rath lebt seit 2015 in Berlin. Sie ist Mitglied der Lesebühne "Dichtungsring".

Theresa Rath

Liberdade


Roman


Periplaneta

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Prolog

München, 2019: Ich ziehe den Vorhang auf. Mein Herz bricht in dem Moment, da ich sie sehe. Ich gehe langsam auf die Behandlungsliege zu, auf der sie zusammengesunken sitzt, als sie mir das Gesicht zuwendet. Knapp über ihrem linken Wangenknochen, in der Nähe der Schläfe, prangt ein großflächiges, grünlich-gelb verfärbtes Hämatom. Auf derselben Seite ist der Mundwinkel eingerissen, der Wundrand um die Verletzung herum ist hellrot. Ihre Hände zittern so sehr, dass ich es sehe, noch bevor ich mich über sie beuge. In ihrem Gesicht liegt etwas, das ich nicht gleich deuten kann, bis ich erkenne, dass es Angst ist. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens. Um diese Uhrzeit ist die Notaufnahme beinahe leer. Ich habe Zeit. Sie ist höchstens Mitte zwanzig, denke ich, helle Augen in einem schmalen Gesicht, halblanges, dichtes Haar, eine zarte Figur, ein kleiner, herzförmiger Mund. Doch ihre Haut ist fahl und die Schultern hängen und fast habe ich den Eindruck, als senke sich ein Gewicht auf meine eigenen, während ich sie mustere.

»Was kann ich für Sie tun?«, frage ich möglichst neutral und ihr Blick wabert von meinem Gesicht zum Fenster und wieder zurück.

»Ich glaube, ich habe mir den Arm gebrochen«, stammelt sie nach einem Moment der Stille.

»Was ist passiert?«, frage ich und bemühe mich, den inquisitorischen Klang, den meine Stimme fast automatisch annimmt, zu unterdrücken.

»Ich bin auf der Treppe gestolpert, als ich ein Tablett hinunter getragen habe«, erwidert sie und ich denke: Wozu das Tablett? Mit der Zeit habe ich gelernt, Lügen aufzudecken, wenn man sie mir erzählt, und ein wesentliches Merkmal sind überflüssige Informationen. Ich kann nicht genau sagen, weshalb ich mir so sicher bin, dass sie nicht auf der Treppe gestolpert ist. Vielleicht ist es ihre angespannte Haltung, als erwarte sie in jedem Moment, geschlagen zu werden. Oder es ist die Intuition, die man entwickelt, wenn man nur lange genug in einem bestimmten Beruf arbeitet. Obwohl alles in mir aufbegehrt, frage ich für den Moment nicht weiter nach. Ich untersuche meine Patientin, schiebe sanft den Ärmel ihres dicken Wollpullovers nach oben, betrachte die Schwellung am Unterarm und die gelblichen Verfärbungen, die unmöglich erst heute entstanden sein können. »Bewegen Sie bitte einmal die Finger, so als wollten Sie eine Faust machen«, sage ich und sie krümmt die Finger, zuckt dann aber trotz der Schmerzmittel, die man ihr vorher verabreicht hat, zusammen und streckt sie wieder.

Nachdem ich ihren Arm gründlich untersucht habe, frage ich vorsichtig: »Dürfte ich mir einmal Ihren Bauch ansehen?«

»Warum?«, gibt sie zurück. »Ich habe mir doch den Arm gebrochen.«

Doch ich insistiere. »Es wäre wichtig«, sage ich. »Ich möchte gerne sehen, ob Sie sich beim Sturz eventuell noch andere Verletzungen zugezogen haben.« Sie schüttelt den Kopf, als könne sie das beurteilen. »Ich will nur sichergehen, dass wir nichts übersehen«, sage ich. Doch sie weigert sich standhaft. Also frage ich nicht weiter. Ich nehme die Standarduntersuchungen an ihr vor und schließe ein Schädelhirntrauma infolge des Treppensturzes aus. Dann schicke ich sie zum Röntgen. Als die Ergebnisse da sind, rufe ich sie wieder in den Behandlungsraum. Der Arm ist gebrochen, eine saubere, distale Radiusfraktur.

»Die gute Nachricht ist, dass wir nicht operieren müssen«, sage ich und mustere sie eingehend. Anstelle von Erleichterung sehe ich für eine Millisekunde Panik in ihren Augen aufblitzen. Sie sitzt mir gegenüber auf der Krankenliege. Nun ziehe ich mir einen Stuhl heran und setze mich ihr gegenüber. Ich werfe einen Blick in ihre Akte. »Natascha«, sage ich vorsichtig, »bevor ich Ihren Bruch richte und Sie einen Gips bekommen, müsste ich noch ein paar Dinge über Ihre aktuellen Lebensumstände wissen.« Das ist gewagt, denke ich, aber immerhin einen Versuch ist es wert. »Leben Sie aktuell in einer Beziehung?«, frage ich und weiß, dass ich mich dabei weit aufs Eis vorwage.

Kaum merklich nickt Natascha.

Ich seufze. »Ich will Ihnen nicht zu nahetreten«, sage ich und mache eine kurze Pause, bevor ich weiterspreche. »Aber diesen Bluterguss da in ihrem Gesicht, den habe ich schon einige Male gesehen. Und normalerweise kommt er nicht von einem Treppensturz. Und die Hämatome da an Ihrem gebrochenen Unterarm, die sind auch schon einige Tage alt.« Es ist ein Drahtseilakt. Ich darf sie nicht verschrecken, muss die Dinge aber zugleich so deutlich ansprechen, dass ihre Ausflüchte nicht weiter funktionieren. Als würde man sich einem scheuen Reh nähern, das jeden Moment mit grazilen Sprüngen wieder im Wald verschwinden kann, wenn man eine unüberlegte Bewegung macht.

Nataschas Lippen zittern kaum merklich, sie hat sich gut unter Kontrolle. »Ich bin die Treppe heruntergefallen«, wiederholt sie. »Ich habe gerade ein Tablett getragen, als ich ausgerutscht bin.«

Ich werde direkter, ich spüre, ich bin auf der richtigen Fährte. »Ich stehe unter ärztlicher Schweigepflicht«, sage ich. »Sie können sich mir anvertrauen. Es gibt einen Ausweg aus dieser Situation, wenn Sie Hilfe annehmen.«

Plötzlich sieht sie mir direkt in die Augen und funkelt mich böse an. »Es ist nichts«, faucht sie, und ich denke, ja, da ist er, der Widerstand der Misshandelten. Immer bereit, den zu schützen, der ihnen das antut. Wie absurd. Wie üblich. Wie banal. Ich rudere zurück. Manchmal muss man ihnen Zeit geben, um die Möglichkeiten abzuwägen. Die Option, dem Missbrauch ein Ende zu setzen, ist überwältigend, erscheint irreal und überfordert viele von ihnen im ersten Augenblick. Für den Moment kann ich nichts weiter tun, also repositioniere ich den Bruch. Obwohl dies extrem schmerzhaft ist, gibt Natascha keinen Laut von sich. Tonlos rinnt ihr eine einzelne Träne die Wange hinab. Danach schicke ich sie zum Pflegepersonal, das ihr den Gips anlegen wird. »Ich rufe Sie gleich noch einmal zu mir, um das weitere Vorgehen zu besprechen«, sage ich, obwohl das dem üblichen Verfahren widerspricht. Doch das weiß Natascha nicht. Sie nickt wortlos und verlässt den Raum.

Ich sehe ihr nach, als ihre schmale Gestalt sich nach links wendet und den Krankenhausflur hinab geht. Etwas hat sie an sich, das eine Erinnerung in mir hinaufsteigen lässt. Vielleicht sind es ihre Augen, ihr helles Grün, vielleicht sind es aber auch ihr Widerstand oder die gebeugten Schultern, die dazu führen, dass in mir die Gedanken zu wirbeln beginnen.

Mit einem Mal bricht mir der Schweiß aus. Bilder schlagen über mir zusammen. Nein, denke ich, das hast du doch längst hinter dir. Zu Beginn ist es mir immer passiert, wenn ich misshandelte Frauen behandelte. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Doch Natascha – sie hat diesen verletzten Ausdruck in den Augen, wie ein Kind, das nach einem Halt sucht. Sie erinnert mich an eine andere junge Frau, die einmal dieser schicksalhaften Sehnsucht erlegen ist, die sie alle antreibt. Mit ihrem Erscheinen öffnet sich die Tür zu einem Raum, den ich lange verschlossen gehalten habe und nie wieder betreten wollte. Nicht immer sind die Verletzungen so offensichtlich wie in diesem Fall, denke ich noch, als bereits das Zimmer vor meinen Augen verschwimmt. Und: Wie oft es nur vom Zufall abhängt, wie weit man in den Abgrund blickt. Mit beiden Händen klammere ich mich an der Tischplatte fest. Doch schon ist es, als trügen mich meine Erinnerungen weit fort von hier, zurück an einen Ort, den ich vor langer Zeit verlassen habe. Und mit einem Mal sehe ich sie wieder vor mir: Gabriel, Philipp, Olga und Juan und all die anderen. Als sei keine Zeit vergangen, stehe ich plötzlich wieder dort oben in Vidigal, in der Favela Rio de Janeiros, im Glauben, endlich frei zu sein, und ohne eine Idee von dem zu haben, was noch auf mich zukommen wird. Ich fühle mich lebendig, als ich meinen Blick über die glitzernden Hügel dieser wunderschönen, widersprüchlichen Stadt schweifen lasse. Mit einem Schlag bin ich wieder zweiundzwanzig und glaube, begriffen zu haben, was Freiheit bedeutet. Und ich habe keine Ahnung, welchem Irrtum ich damit erliege.