
Siglen
Einleitung
1910/20|1950/60|2010 ff.
TEIL I. DIE MECHANISIERUNG DER HAND
1.Die Hand ins Freie verlängern (Futurismus)
Der gute Schlamm der Werkstätten|Die Schreibhand als Technoorgan
2.Vom Automatismus zur Mechanisierung der Schreibhand
Schreiben im Spiritismus, in der Psychiatrie und Psychologie|Writing for the normal person (Stein)|Ein Riesenarm mit Feenfingern|»Ware für den Tagesmarkt«: Die Ökonomisierung des literarischen Schreibens|Schreiben im Büro|Verhaltenslehren der Maschine (Gilbreth)|Bewegte Hände: Ein Resümee
3.Der Cut mit der Geistestradition
4.Schreiben im Takt der technischen Moderne
Die Konformität mit mechanischen Arbeitsprozessen|Verwissenschaftlichung der Literatur|Der blinde Fleck der Schreibmaschine|Hat die Mechanisierung der Schreibhand ein Gender?|Eine naturnahe Moderne
5.Schreiben in Distanz zur technischen Moderne (Surrealismus)
Die Montagetechnik|Das schnurlose Telefon? Aber hallo!|Die Ruinen des Kapitalismus|Tzara zündet einen letzten Sprengsatz
TEIL II. DIE AUTOMATISIERUNG DES GEISTES
6.Die Geburt der Literatur aus dem Geist des Computers
Schwere Denkapparaturen|Plötzlich war es modern, Rechenanlagen aufzustellen|Bense redet doch immer von rationaler Ästhetik (Stuttgarter Gruppe)|Technokraten der Imagination (USA, Bell Labs)|Der frühe Kanon der digitalen Poesie
7.Die Autorin als Programmiererin (Informationsästhetik, Bense)
Die Enden der Intuition|Ungewohnte Arbeitsteilung|Die Hand als Streitfall der Nachkriegshumanismen
8.Schreiben in einer Welt der Vorhersage (Bense)
Frontal attack on an English Writer (Shannon)|Ein Geist geht um (Pierce)|Mord auf den Bahamas|Wie die Vernunft fast den Verstand verlor
9.Schreiben als Arbeit am Zufall
Programmierung und mathematische Beweisführung|Die Bruchstellen sind erschreckend|Die Intuition kommt bei uns aus dem Zufallsgenerator|Die Computerliteratur ist nie avantgardistisch gewesen|Kreativität als Legitimation|Den Zufall kontrollieren
10. Nichtprogrammierbare Schreibweisen (Wiener Gruppe)
Methodischer Inventionismus|Ein Stellwerk mit Handgriffen|Das Gebrechen im Getriebe der Maschine (Bayer)|Perfekte Modelle|Modell einer nichtprogrammierbaren Literatur|Programmierte vs. poetische Maschinen (Bense vs. Bayer)|Kybernetik für alle (Oswald Wiener)|Das Ich ist unrettbar|Kühe auf gräserner Weide (Bense)
11. Rechenleistungen der Literatur (Beckett)
Vorhersage und Entropie der Sprache|Die Identifikation des Amorphen|Die Erschöpfung des Möglichen|Joyceware
12. Grenzen der Formalisierung (SI, Perec)
Antiökonomische Handlungen (SI, SPUR)|Mit Regelzwängen zur Freiheit (Oulipo)|Alphabet und Autobiografie (Perec)|Maschine vs. Goethe|Ein vorläufiger Schlussstrich
TEIL III. DIE AUTOMATISIERUNG DER AUTOMATISIERUNG
13. Alphabet Inc.
Linguistischer Kapitalismus|Datenwirtschaft|Ein Grammofon auf jedem Grab (Joyce)
14. Emanzipation von der Schrift
Biometrie|Datenbehaviorismus|Die ultimative Kommunikationstechnologie – Telepathie
15. Erzählen in der digitalen Gesellschaft
Wenn das Digitale ein Märchen wäre – Storytelling|I was misty-eyed – Science-Fiction|Ich erzähle Geschichten über Geschichten (Haraway)
16. Für eine kritische Poetik der Verknüpfung
Die avantgardistische Tradition|Programmieren ist nicht gleich schreiben|Das Unbehagen der Programmiererin|Verketten ist notwendig|Die Politik des Verknüpfens|Dunkle Vermittlungen als Bedingung von Subjektivität|Die Automatisierung des Planeten
Dank
Anmerkungen
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
A |
Pierce, »Chance Remarks« |
B |
Ball, Briefe 1904–1927, Bd. 1 |
BCI |
Binnendijk, Brain-Computer Interfaces |
C |
Ullman, Close to the Machine |
DW |
Lyotard, Der Widerstreit |
F |
Bassett u. a., Furious |
FL |
Munn, Ferious Logics |
M |
Marinetti, Manifeste des Futurismus |
MA |
Perec, Die Maschine |
MC |
Haraway, »Ein Manifest für Cyborgs« |
MS |
Breton, Die Manifeste des Surrealismus |
N |
Solomons, Stein, »Normal Motor Automatism« |
S |
Flusser, Schrift |
v |
Wiener, die verbesserung von mitteleuropa, roman |
T |
Bratton, The Terraforming |
W |
Beckett, Watt |
WT |
Skinner, Walden Two |
Z |
Gissing, Zeilengeld |
Literarische Texte lassen sich vom Computer herstellen. Zuletzt hat im Sommer 2020 eine Software mit dem unscheinbaren Namen GPT-3 für Aufsehen gesorgt. Der Wirtschaftsmediendienst Bloomberg hat sich sogar zur Prognose hinreißen lassen, dass man sich weniger wegen der Pandemie oder amerikanischen Präsidentschaftswahl, sondern wegen des »Generative Pretrained Transformer« (GPT) an das Jahr erinnern werde.1 Zu diesem Zeitpunkt handelt es sich um die mächtigste Software zur Verarbeitung natürlicher Sprachen: GPT-3 »kann absolut originelle, kohärente und manchmal sogar sachliche Prosa erzeugen«, staunt die New York Times.2 Die Software verwendet sogenannte Deep-Learning-Methoden; ohne Einschränkung auf einen spezifischen Bereich prozessiert sie Buchstaben, Zahlen oder Symbole. Auf ein »Prompt« hin, eine Vorgabe weniger Wörter, erzeugt sie selbstständig Text: »Und nicht nur Prosa – sie kann Gedichte, Dialoge, Memes, Computercode und wer weiß was sonst noch alles schreiben.« Was sonst noch? – Die Süddeutsche Zeitung (SZ) ist eingesprungen: »Kurzgeschichten, Songtexte, Betriebsanleitungen, Bilanzanalysen, juristisch korrekte Abhandlungen oder eine Harry-Potter-Fortsetzung im Stil von Raymond Chandler.«3
Obwohl die Nachricht über einen computergenerierten Roman eigentlich nicht mehr überraschen kann, ist sie nach wie vor schlagzeilentauglich. Neue technische Medien, das ist aus der Geschichte aller Künste vertraut, stellen gewohnte Praxen infrage, wie etwa die Fotografie, die nach ihrer Entwicklung zum Kunstmedium erst in Konkurrenz zur Malerei tritt, bevor die digitale die analoge Fotografie ab den Neunzigern des 20. Jahrhunderts in Legitimationsnöte bringt. Anders als in der Kunst, Fotografie oder Musik lassen sich die semantischen Zeichen des Alphabets, die in syntaktische und statistische Relationen übersetzt werden müssen, bislang allerdings nur eingeschränkt maschinell verarbeiten. Besonders offensichtlich zeigen sich die Unzulänglichkeiten an Inkohärenzen, die längere generierte Texte aufweisen. Dennoch teilt die Literatur mit anderen Künsten, dass die Auseinandersetzung mit dem Computer als technischem Medium zunächst in eine experimentelle Sphäre ausgelagert wird. Während eine Spielart der experimentellen Literatur sich ab den Sechzigern auf die Programmierung einlässt, hat der Mainstream – auch wenn Bücher heute in der Regel am Computer geschrieben werden – unbehelligt von den Errungenschaften der Computertechnologie fortfahren können. Der PC oder das World Wide Web haben zwar neue Genres der elektronischen Literatur hervorgebracht, aber ohne die etablierte Literaturproduktion herauszufordern.
Mit dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz (KI) zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Generierung von Texten jedoch an Schlagkraft gewonnen und lässt einmal mehr fragen, inwieweit sich händische Schreibweisen simulieren lassen. Auf dem Feld des Natural Language Processing (NPL) ist GPT-3 nur eine jüngere Meldung über die wundersamen Versprechen des Digitalen. Längst hat die Software Konkurrenz durch noch größere Sprachverarbeitungsmodelle erhalten. Angesichts dieser Entwicklungen mag es nicht erstaunen, dass in den letzten Jahren vermehrt Autorinnen nicht nur fiktional in Romanen, sondern theoretisch in Bezug auf das eigene Handwerk des Schreibens nach der Bedeutung der KI fragen, darunter der Brite Tom McCarthy oder in Deutschland Ulla Hahn, Ernst-Wilhelm Händler oder Daniel Kehlmann.4 Hahn spekuliert angesichts eines computergenerierten Gedichts, das in die Anthologie des Brentano-Lyrikwettbewerbs aufgenommen wird, ob Computer menschliche Dichterinnen überflüssig machen. Die digitalen Technologien sind in der Mitte der etablierten Literaturproduktion angekommen. Betroffen ist aber letztlich die gesamte Wissensproduktion: »Es gibt kaum einen Aspekt von menschlich ausgeführter Wissensarbeit, der nicht von GPT-3 infrage gestellt wird«, meint Michael Moorstedt in der SZ. Die Ehrfurcht vor der Software schwingt noch in jeder Zeile mit. Ironiefrei spricht er von einer »Schöpfung« und »Magie«, was aber eben auch jene Qualitäten sind, die die eigene Profession des Schreibens erschüttern: »Wer nur ein bisschen Zeit mit dem Programm verbringt, sieht seine Zukunftsaussichten bröckeln.«
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Transformation der alphabetischen Schrift in digitalen Code. Ich diskutiere den Wandel vor dem Hintergrund der Automatisierung des Schreibens, wobei die Mechanisierung die Schrift vorab aus einer spezifischen Perspektive thematisiert. Mit der Mechanisierung des Schreibens bezeichne ich zunächst wenig mehr als einen instrumentellen Zugriff auf die Schrift, in dem die Sätze ohne die kognitive Leistung eines Subjekts gebildet werden können. Diese Form der Mechanisierung kann händisch oder mithilfe technischer Apparate ausgeführt werden und bildet die Voraussetzung für eine Automatisierung des Schreibens, in der Prinzipien und Prozesse der Textgenerierung von Computern und Programmen übernommen werden. Innerhalb des breiten Spektrums der Sprache, Schrift, Literatur und Programmierung dient mir die Mechanisierung und Automatisierung auch als heuristisches Mittel, einzelne Bezüge innerhalb dieses Themenfelds gezielt anzusprechen. Das Vokabular Sprache, Schrift oder Schreiben handhabe ich bewusst lose, das Ziel sind weniger bündige Definitionen, sondern es ist die Beantwortung der Frage, wie Vorstellungen in spezifischen soziokulturellen, ökonomischen, medientechnischen oder poetischen Konstellationen wirksam werden.
Als Referenz dient mir die Literatur. Zum einen ist sie das Produkt soziokultureller, ökonomischer und technomedialer Entwicklungen, zum anderen reflektiert sie diese und übersetzt sie in konkrete Poetiken. Ergiebig ist die Literatur, weil sie demonstriert, dass Mechanisierungsprozesse sich niemals auf technische Machbarkeitsfragen beschränken, sondern in soziale und kulturelle Verhältnissen eingelassen sind oder diesen sogar erst entspringen. Deshalb fasse ich das Schreiben mit der Mechanisierung zugleich breiter und gehe über die Literatur hinaus.
Zu den historischen und kulturellen Vorstellungen der Mechanisierung des Schreibens gehört es, dass sie die instrumentellen und technischen Aspekte der Schrift akzentuiert. Anhand der Mechanisierung lässt sich daher besonders gut nachvollziehen, wie die Literatur als spezifische Form des Schreibens an technomedialen Neuerungen partizipiert und dabei auf allgemeine gesellschaftliche Wandlungsprozesse reagiert. Dass Mechanisierungsprozesse das Schreiben über die Literatur hinaus affizieren, illustriert auch GPT-3: Ohne zwischen Romanen oder Börsenbilanzen zu unterscheiden, generiert die Software alle Textgattungen. Auch deshalb erschöpft sich ihre kulturelle Bedeutung nicht in Machbarkeitsfragen, sondern sie liegt vornehmlich in sozioökonomischen und technologischen Entwicklungen, die der Software zugrunde liegen. Hinzu kommen soziokulturelle Zuschreibungen, mit denen Technologien und das Digitale überformt werden, sowie die vielfältigen Beziehungen, die sie – real und imaginär – stiften.
In einer Vorgeschichte der Mechanisierung des Schreibens lassen sich mindestens zwei Stränge unterscheiden: Ein erster findet seinen Ausdruck in Automaten, die zu Reflexionen über die Handlungsfähigkeit und Lebendigkeit von Objekten, Strukturen oder der Materie anregen.5 Ein zweiter lokalisiert die Mechanismen der Texterzeugung in der Schrift selbst. Berühmt für seine Automaten ist das Barock, das zahllose Maschinen hervorbringt, »die (tatsächlich oder scheinbar) aßen, kackten, bluteten, atmeten, hüpften, gingen, sprachen, schwammen, musizierten, zeichneten, schrieben und eine fast unschlagbare Partie Schach spielten.«6 Der »Schreiber« (1774) des Schweizer Uhrmachers Pierre Jaquet-Droz (1721–1790) taucht eine Feder in ein Tintenfass, schüttelt sie ab und setzt sie auf einem Papier auf. Der Android in der Größe eines Kleinkinds gilt als eine der ersten programmierbaren Maschinen der Neuzeit, mit der sich ein bis zu vierzig Zeichen langer Text wiedergeben lässt. Automaten sind zu dieser Zeit keineswegs neu, schon René Descartes dienen die mechanischen und hydraulischen Automaten des Mittelalters und der Renaissance als Anschauungsgegenstand aus dem Alltag, um ein mechanistisches Universum zu entwerfen, das kausalen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Im Barock werden die Ähnlichkeiten allerdings bis in die äußere Erscheinungsform hinein gesucht, zudem werden nun höhere Fakultäten wie das rationale Denken – das Descartes noch einer gesonderten, von der Materie geschiedenen Sphäre zuweist – mechanistisch gedeutet. Bedeutsam ist der barocke Automatenbau ferner, weil die Uhrmacher, deren Androiden auf Jahrmärkten durch Europa tingeln und für Eintrittsgeld bestaunt werden können, Maschinen konstruieren, mit denen die Industrialisierung handwerklicher Gewerbe eingeläutet wird. Jacques de Vaucanson (1709–1782), der mit seinem Flötenspieler und einer defäkierenden Ente die populärsten Automaten der Epoche präsentiert, perfektioniert 1745 den vollautomatischen Webstuhl.
Das wichtigste Beispiel für den zweiten Strang der Mechanisierung, der Mechanismen der Texterzeugung in der Schrift sucht, ist die Kombinatorik (die Anagrammatik, die sich hier ebenfalls nennen lässt, erfährt weitaus weniger Aufmerksamkeit). Zu frühen kombinatorischen Zeichenkünstlern gehören der katalanische Mönch Raimund Llull (1232–1316), der deutsche Jesuit Athanasius Kirchner (1602–1680) oder der Dichter Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658). Die Kombinatorik leitet die Regelhaftigkeit des Zeichengebrauchs aus der Schrift selbst ab, wobei sie die Referenzialität zugunsten der Selbstreferenzialität der Zeichen zurückstellt. Die Schrift wird buchstäblich als Technik entdeckt, mit der sich Sätze mechanisch herstellen lassen, ohne dass ein Verständnis für die Verknüpfungsregeln oder den Sinn der Wörter notwendig wäre, um das Verfahren in Gang zu setzen. Werden die Regeln befolgt, können korrekte Sätze ohne kognitive Leistung gebildet oder neue Wortverkettungen gefunden werden. In einer »Schrift, die sich selbst vollzieht«, teilen Zaubersprüche, Kombinatorik und Computerprogramme einen gemeinsamen Kern.7 Llulls Papiermaschine, eine Apparatur, in der konzentrische, mit einem symbolischen Alphabet versehene Kreise sich einzeln drehen lassen, wobei jede Scheibe die Kombinationsmöglichkeiten erweitert, ist deshalb als Antizipation des modernen Computers gedeutet worden: »insofern sie erstens Daten von Algorithmen unterscheidet, zweitens die Daten als tabellarische Datenbank und drittens die Algorithmen als figurae modelliert.«
Im Gegensatz zur poetischen Sprachalgorithmik gehen moderne Rechenmaschinen allerdings aus symbolischen und mathematischen Formalsprachen hervor, die auf dem Gebrauch interpretationsfreier Zeichen beruhen. Als Begründer logischer und mathematischer Kalküle gilt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Der junge Leibniz studiert Llull. Mit seiner Allgemeinen Charakteristik oder Begriffszeichenschrift (Characteristica universalis) hat Leibniz nicht weniger als ein universal verständliches Zeichensystem im Sinn, mit dem sich alle möglichen Denkinhalte erschöpfend darstellen lassen. Das soll über syntaktische Operationen erfolgen, sodass sich das Wissen der Welt und der Wahrheitsgehalt von Aussagen mechanisch ermitteln lassen. Poetischer Sprachalgorithmik und mathematischen Kalkülsprachen ist gemein, dass sie eine Transformation der Sprache in eine Technik und von Zeichen in »handhabbare Gegenstände« einleiten.8 Sprachalgorithmik und Kalkülsprachen lassen sich deshalb als »symbolische Maschinen« bezeichnen, die händisch auf einem Blatt Papier operationalisiert werden.
Ohne die Entwicklungen weiter zu referieren, verdient in diesem Kontext Alan Turings Entwurf eines Universalcomputers von 1937 Erwähnung, weil er eine Zäsur in der Geschichte der Papiermaschinen darstellt.9 Eine Maschine, die homolog zu einem Menschen agiert, der mit Stift, Radiergummi und Papier ausgestattet ist, soll »jede berechenbare Folge errechnen« können.10 Turing denkt seine Papiermaschine bereits als »›automatische Maschine‹ (oder a-Maschine)«, die vom Prinzip her ohne einen Menschen auskommt, solange die Bewegung der Maschine bei jedem Schritt vollständig bestimmt werden kann. Im selben Jahr entwickelt Claude E. Shannon in seiner Masterarbeit A Symbolic Analysis of Relay and Switching Circuits eine digitale Schaltalgebra, auf deren Grundlage sich die binären Operationen technisch implementieren lassen. Am Vorabend des Zweitens Weltkriegs sind die Voraussetzungen geschaffen, um Turings Papiermaschine wirklich werden zu lassen.
Die Automatisierung des Schreibens erörtere ich vor diesem Hintergrund. Allerdings spare ich die angedeutete Vorgeschichte generierter Texte aus, zu der bereits einschlägige Studien vorliegen. Bedeutsam ist aber, dass ich die gängigen Narrative befrage, die die computergenerierte Literatur weniger in eine Nachfolge der Kombinatorik, sondern vor allem der historischen Avantgarden stellen.11 Demgegenüber betone ich die Brüche und Transformationen, die der Eintritt des Computers ins Feld der Literatur mit sich bringt. Ausschlaggebend sind die Kybernetik und Informationstheorie, die die alphabetische Schrift umformen und der maschinellen Verarbeitung zugänglich machen. Vor diesem Hintergrund thematisiert der erste Teil des Buches die Mechanisierung des Schreibens anhand der europäischen Avantgarden der Zehner- und Zwanzigerjahre. Die Rekapitulation dient als Rahmen für Teil zwei, der mit »Die Automatisierung des Geistes« überschrieben ist. Dort analysiere ich die Anfänge der computergenerierten Literatur in den Fünfzigern und Sechzigern, um daraufhin nachzuzeichnen, wie Computer das Feld der Nachkriegsavantgarden spalten und neben generierten bewusst nichtprogrammierbare Texte entstehen. Der dritte Teil, die Automatisierung der Automatisierung, wendet sich der Gegenwart zu.
Für meinen Zugriff auf die Mechanisierung und Automatisierung des Schreibens sind in dem oben skizzierten Aufriss zwei Momente entscheidend: erstens die Überführung der Schrift in formale oder physische Verfahren sowie zweitens die Suspension der Bedeutungsdimension schriftlicher Zeichen. Die europäischen Avantgarden knüpfen daran an. Am Anfang meiner Studie stehen sie aber, weil die Mechanisierung des Schreibens um 1900 als Effekt ökonomischer, industrieller, medientechnischer und sozialkultureller Entwicklungen virulent wird. Die Gründe dafür, dass das Schreiben von den Dynamiken der Industrialisierung ergriffen wird, sind vielfältig. Neben sozioökonomischen Faktoren ist der Aufstieg der Geschwindigkeit zum Leitwert der Epoche entscheidend, im Bereich der Schriftkultur vollzieht sich Letzteres im Rahmen medientechnischer Neuerungen in der Nachrichtenübertragung, im Druckwesen sowie in der Schrift selbst, die durch Schnellschriftsysteme oder die Schreibmaschine den neuen kulturellen Anforderungen angepasst wird. Vor diesem Hintergrund artikulieren die Avantgarden ihre Position in drei miteinander verwobenen Denkfiguren. Indem sie die Mechanisierung erstens in ästhetische Schreibverfahren übersetzen, werten sie sie auf und wenden sie produktiv. Zweitens können sie sich derart von der bürgerlichen Literatur abnabeln. Als Resultat legitimieren sie ihre Poetiken drittens affirmativ über die Nähe zu zeitgenössischen Produktionsweisen, um gemäß der Devise des Dadaisten Raoul Hausmanns die »sogenannten Wissenschaften und Künste auf den Stand der Gegenwart« zu bringen.12
Rückblickend lassen sich die avantgardistischen Verfahren sowohl als Reaktion auf eine Krise bürgerlicher Schreibweisen verstehen als auch als Versuch, sie zu revolutionieren. Zwar durchlaufen die bürgerlichen Schreibweisen schon im 19. Jahrhundert einen signifikanten Wandel. Während sich der Bruch in Frankreich mit der Revolution auf 1848 datieren lässt, steht die deutsche Literatur bis zum Ende des Jahrhunderts in ihrem Bann, die sozialen und kulturellen Umbrüche hinterlassen vergleichsweise geringe Spuren. Der Germanist Heinz Schlaffer findet in seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur sogar nur eine einzige Ausnahme, Georg Büchner, dessen Werk die »schweren Kränkungen, welche die revolutionären Geister des 19. Jahrhunderts der Menschheit nicht ersparen konnten«, antizipiert: »die Erkenntnis, daß der Mensch vom Tier abstammt (Darwin), daß die Ökonomie das Bewusstsein bestimmt (Marx), und daß das Ich vom Trieb regiert wird (Freud).«13 Im Unterschied zu modernistischen Schreibweisen um 1900, die sich vom literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts abkehren, profilieren sich die Avantgarden dadurch, dass sie den Bruch mit der bürgerlichen Literatur im Schreiben als Technik suchen. Nicht im ›Was‹, sondern im ›Wie‹ des Schreibens wollen sie eine Revolutionierung der bürgerlichen Literatur erzwingen. Sie legen das Augenmerk auf die Produktionsweise, nicht das Produkt, die Erneuerung wird in der Praxis und Prozesshaftigkeit des Schreibens, weniger im Resultat individueller Texte gesucht. Der erste Teil der Studie beschreibt diese Umstellung vermittels eines doppelten Cuts: Der Schnitt, mit dem sich die Avantgarden von der Tradition lösen, hat eine Entsprechung in einem zweiten durch das Autorsubjekt, der die Schreibhand vom Kopf entkoppelt und das Schreiben von einer geistigen in eine händische Praxis umwidmet. An die Stelle eines inneren und geistigen Akts tritt das Schreiben als veräußerlichter und materieller Prozess.
Die avantgardistische Mechanisierung des Schreibens ist überdies mit der Frage nach dem Subjekt verzahnt, die ebenfalls leitend für das Anliegen des Buches ist. Seit der Goethezeit wird das Mechanische in der Kunst und Literatur vorwiegend als defizitär beschrieben. In dieser wirkmächtigen Tradition geht die Aufwertung des Individuums mit einer Inthronisierung des Geistes, der Genialität, Expressivität oder des Schöpferischen einher, das Mechanische wird demgegenüber mit Geistlosigkeit, Eintönigkeit, Gleichförmigkeit und Regelzwängen identifiziert. Wo die Nachahmung hingegen gelingt, fällt das Mechanische ins Register der Bedrohung oder des Unheimlichen. Im Gegensatz dazu löse ich die Differenzen zwischen dem Nichtmechanischen und Mechanischen nicht einfach auf, betone aber wechselseitige Abhängigkeiten, Übergänge und Graubereiche, sowohl was die Konzeption der Schrift als auch die des Subjekts betrifft.
Meine Geschichte der Automatisierung des Schreibens mit den Avantgarden zu beginnen, erklärt sich demnach auch aus deren Nobilitierung der Mechanisierung, die die Avantgarden wiederum mit der Subjektproblematik verbinden. Ihre Kritik richtet sich gegen das klassische, liberale Subjekt des Humanismus, darin verfechten sie aber weder ein rein mechanistisches Universum, noch verabschieden sie das Subjekt pauschal. Stattdessen suchen sie den Geist in der Natur, Technik und verkörperten Praxen. Das Ziel ist eine »Synthese des Geistes und der Materie«,14 so Viking Eggeling und Hausmann in der »Zweiten präsentistischen Deklaration« (1923). Das Subjekt soll jenseits cartesianischer Konzeptionen und »des kleinen Individualistischen« bürgerlicher Selbstvergewisserungen erschlossen werden. Das Mechanische ist die Bedingung von Subjektivierungsweisen, um bürgerliche Subjekte fundamental umzugestalten.
Die historischen Avantgarden sind zwar nicht die Ersten, die das Ideal einer vom individuellen Autorsubjekt bereinigten Literatur entwerfen, das vollzieht sich bereits im Modernismus. Sie verfolgen dieses Programm aber auf der Grundlage einer neuen poetischen Agenda. Im Blick auf den französischen Modernismus reserviert Roland Barthes den Begriff einer »Schreibweise im Nullzustand« für eine Linie, die sich von Gustave Flaubert über Stéphane Mallarmé bis zu Albert Camus, Maurice Blanchot oder Alain Robbe-Grillet ziehen lässt: »als ob die Literatur, die seit einem Jahrhundert versucht, ihre Oberfläche in eine Form ohne Erbschaft zu verwandeln, nur noch Reinheit finden könnte durch das Fehlen aller Zeichen.«15 Das autonome Werk des Modernismus markiert eine Abkehr vom genieästhetischen Kunstwerk. Der Modernismus negiert das Autorsubjekt und lässt es in einer absoluten Objektivität des Werks aufgehen. Alternativ spricht Barthes von einer neutralen Schreibweise, die ihr Ideal in Mallarmés Fiktion eines totalen Buches findet. Die Avantgarden stoßen sich einerseits von der romantischen Konzeption des Genies, andererseits vom autonomen Werk des Modernismus ab. Die doppelte Frontstellung gründet darin, dass sie das Schreiben als Technik entdecken. Gegenüber dem Schreiben als schöpferischem Prozess setzen die Avantgarden auf materielle und regelgeleitete Verfahren, das plakative Bild liefern John Heartfield, Georg Grosz oder Hausmann, die im Blaumann auftreten, um auch dem Letzten klar zu machen, dass Monteure am Werk sind, die mit vorgefertigtem Material hantieren, keine Genies, die ihre Sätze aus einer diffusen, inneren Eingebung hinaus spinnen.
Die Avantgarden operieren also auf mehreren Ebenen: Die Abkehr von der Autonomie ist produktionsästhetisch im Schreiben als veräußerlichter Praxis angelegt, dies schlägt sich auch auf der Inhaltsebene nieder, die sich über kein organisches oder sinnhaftes Ganzes mehr definiert. Im Unterschied zum modernistischen Werk, das seine Gesetzmäßigkeit aus sich selbst heraus begründet und darin letztlich ebenso geheimnisumwoben bleibt wie das kolportierte Bild des romantischen Genies, gehen die Avantgarden von einer Regelhaftigkeit des Schreibens aus, für die sich produktionsästhetische Kriterien benennen lassen. Als Resultat rückt es in eine Nähe zur Mechanisierung. Die avantgardistischen Manifeste sind nicht nur ästhetische und weltanschauliche Proklamationen über den Sinn oder Unsinn der Welt, sondern technische Anleitungsmanuale, die praktisch in die Kunst des Schreibens einführen. Bereitwillig geben die Avantgarden das Betriebsgeheimnis ihres Handwerks preis. Geschult in der Diktion und Typografie der schreierischen Werbesprache der Zeit streuen sie ihre Regelwerke öffentlichkeitswirksam im Massenmedium der Zeitung. Die Manifeste sind von starken und streitbaren ästhetischen und weltanschaulichen Normen getragen, übersetzen sich aber stets in konkrete Schreibtechniken. Indem die Avantgarden das Schreiben ausgehend von seinen Produktionsbedingungen als regelgeleiteten Akt entwerfen, liebäugeln sie mit einer Demokratisierung der Kunst. Der autoritäre Gestus der Manifeste, die erbitterten Profilierungsmaßnahmen, die Gruppenausschlüsse sowie die systematische Ausgrenzung der in den Bewegungen beteiligten Frauen spricht hier allerdings eine deutlich andere Sprache.
Der entscheidende Aspekt für meine Rekonstruktion avantgardistischer Verfahren liegt letztlich darin, dass Mechanisches und Nichtmechanisches keine Gegensätze, sondern zwei Pole bilden, zwischen denen das Schreiben in seinem materiellen Vollzug greifbar wird. Das Schreiben entfaltet sich als »offene Prozesslogik«,16 die sich aus einem Wechselspiel von spezifischen Techniken und Automatismen, konkreten Regeln und blinden Handlungsvollzügen speist und Möglichkeitsbedingungen bereitstellt, intentional und subjektiv handlungsfähig zu werden. Vor diesem Hintergrund erhält das Schreiben als Technik sein Gewicht: »Ohne Techne kein menschliches Handeln [agency].«17 Der erste Teil konstruiert die avantgardistischen Verfahren als Techniken, die unter der Prämisse, Geist, Rationalität und Bewusstsein zu umgehen, grundsätzliche Bedingungen von Subjektivierungsprozessen ausbuchstabieren, die es erlauben, dass Subjekt als handlungsfähiges zu konzipieren, indem es als vielfältig vermitteltes in Beziehung zu Gesellschaft, Technik und Natur gesetzt wird.
Teil zwei setzt mit den Nachkriegsavantgarden ein, auf die Mechanisierung folgt nun die Automatisierung des Schreibens. Die Begriffe der Mechanisierung und Automatisierung sind nicht trennscharf, selbst in der Fachliteratur werden sie mitunter synonym verwendet. Mit der Differenzierung folge ich der historischen Sachlage: Die »Automation« oder »Automatisierung« wird in der Automobilindustrie der Vierziger geprägt, als Fabriken wie Ford im Zuge der Kriegsökonomie auf die Waffenproduktion umstellen.18 Zum öffentlichen Thema wird sie aber erst eine Dekade später, als Rechenanlagen von militärischen in kommerzielle Maschinen umdeklariert werden. Noch bevor sie von Unternehmen angekauft werden, lösen die Anlagen auf beiden Seiten des Atlantiks heftige Debatten aus. Nach der Ersetzung der Hand, so die Befürchtungen, schaffen die ›elektronischen Gehirne‹ nun die geistige Arbeit ab. Was in der Öffentlichkeit als Bedrohungsszenario diskutiert wird, geht durch die Maschine als positive Vision in die computergenerierte Literatur der Zeit ein.
Das Anliegen, das Subjekt aus dem literarischen Schaffensprozess auszuschließen, vollzieht sich im Schatten des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Verbrechen, die auch die humanistische Kultur und Sprache diskreditieren. Die historischen Avantgarden liefern ein Vorbild, das der computergenerierten Literatur hilft. Max Bense, der das Schreiben vom Autorsubjekt entkoppelt und auf semiotische und mathematische Grundlagen stellt, kann das Projekt der Avantgarden insofern schlüssig aufnehmen, als er einerseits den Schritt von der Mechanisierung zur Automatisierung des Schreibens vollzieht und andererseits das Phantasma einer autor- und subjektlosen Textproduktion scheinbar realisiert, indem er die Schrift über die Programmierung direkt mit dem Computer verschaltet. Nachdem die Avantgarden den Geist zugunsten der Hand zurückstellen, löst die rechenbasierte Literatur nun Geist und Hand aus dem Schreibprozess heraus.
Die computergenerierte Literatur beruft sich zwar einerseits auf die Poetik der Avantgarden, andererseits markiert die Einführung des Computers in das Feld der Literatur einen Bruch. Entgegen der gängigen Darstellung, die die computergenerierte Literatur in eine lineare Nachfolge der historischen Avantgarden stellt, argumentiere ich, dass der Computer, anstatt zur Literatur hinzuzutreten, sie fortzuführen oder zu ersetzen, das gesamte Feld – Avantgarden und Mainstream – von Grund auf umformt. Anders als die amerikanischen Neoavantgarden, die sich neue Technologien in der Tradition des amerikanischen Pragmatismus praktisch aneignen, erschließt Bense den Computer als theoretisches Objekt. Maßgeblich für seine Theoriebildung sind die Semiotik, Informationstheorie und Kybernetik, über die er eine rationale und numerische Ästhetik entwickelt, die sich von traditionellen Literaturkonzeptionen abwendet.
Über die Kybernetik und Informatik lässt sich anschaulich nachvollziehen, wie Bense zwar an die antisubjektivistische Poetik der Avantgarden anschließt, letztlich aber eine elementare Reformulierung des Schreibens vornimmt. Die Kybernetik meint mit den Schlüsselkategorien des Feedbacks und der Selbstregulierung eine Lösung gefunden zu haben, über den Mechanismus (und Vitalismus) hinaus ein Universum zu denken, das ohne Zuschreibungen von Agency auskommt (oder die sie als sekundären Effekt, nicht als ursächliche Realität begreift).19 Indem sie anthropologische Differenz zwischen Mensch und Maschine kassiert, entwirft sie zudem die Kommunikationsbedingungen für das anbrechende Computerzeitalter. Mensch und Materie werden auf der Grundlage eines einheitlichen und vereinheitlichenden mathematischen Codes adressiert.
Der epistemische Bruch, der die Sprache und das Subjekt betrifft, hat weitreichende Folgen und lässt sich nicht als uniformer Prozess darstellen. Das Verhältnis zwischen Mechanischem und Nichtmechanischem, das die historischen Avantgarden über die Vermittlung des Subjekts offenhalten, ersetzt die Kybernetik durch servomechanische, also sich selbst steuernde Prozesse, die ohne menschliche Agency oder Subjekte auskommen. Außerdem erfährt die alphabetische Schrift eine Reformulierung und wird der Funktionsweise des Computers angepasst. Der digitale Code schmilzt das Alphabet auf zwei Symbole ein, mit der Differenz von 0 und 1, On oder Off, soll es syntaktisch operationalisierbar und technisch implementierbar werden. Shannons Ansatz, die Semantik und Pragmatik der Schrift als technisches Problem der Übertragung auszuklammern, übernimmt Bense. Philologische oder hermeneutische Sinnfragen treten hinter numerischen Kategorien wie der Verteilung oder Auftrittswahrscheinlichkeit von Wörtern zurück. An die Stelle der Sprache als Vermittlung zur Welt rückt die Materialität, Objekthaftigkeit und Selbstreferenzialität des linguistischen Zeichensystems.
Ähnlich wie die Avantgarden operationalisiert die Informationsästhetik das Schreiben als veräußerlichten und materiellen Prozess. Die Avantgarden orientieren sich aber noch am Menschen, die Automatisierung dagegen an der Rechenmaschine. Wo die Avantgarden das Schreiben anschlussfähig an das Nichtmechanische und menschliche Subjekt halten, unterstellt die computerbasierte Literatur die Textproduktion dem Regime algorithmischer Regeln. Das materialisiert sich im Computerprogramm, das als eigenständiger, ästhetischer Akt aufgewertet wird, sodass die Textgenerierung als arbeitsteiliger Prozess an die Maschine delegiert werden kann. Erwähnenswert ist die Programmierung in diesem Kontext auch, weil sie zur Herausbildung von Programmiersprachen führt. Die Bezeichnung des Codierens als Sprache ist keineswegs evident, weil dem Computercode sowohl die semantische als auch die pragmatische Dimension gesprochener und geschriebener Sprachen fehlt. Dennoch setzt sich die Bezeichnung wirkmächtig durch, was wiederum dazu führt, dass sich die »natürliche Sprache« als Fachterminus etabliert, um die menschliche Rede von formalsprachlichen und logischen Notationen zu unterscheiden, wie sie im Computercode gebräuchlich wird. Die Neudefinition des literarischen Schreibens, das rechenmaschinenkompatibel ist, lässt eine gewaltige Begriffsarbeit notwendig werden. Exemplarisch zeigt sich dies an der informationsästhetischen Theoretisierung des Zufalls und der Kreativität, die zur Voraussetzung werden, den Begriff des Schreibens neu zu erfinden. Auch das konterkariert die gängigen Darstellungen, die eine gerade Linie von den historischen über die Neoavantgarden bis zur digitalen Literatur unserer Tage ziehen.
In der frühen computergenerierten Literatur ist der Zufall der einzige Kniff, um aus dem deterministischen Schema der Programmierung auszuscheren. Oder anders formuliert: Wie lässt sich die Verlegenheit umgehen, Texte zu erzeugen, die nicht einfach wiedergeben, was zuvor – wie bei Jaquet-Droz’ Schreiber – im Programm festgelegt wird? Die Lösung bildet der Zufall. Er wird zum Legitimationsprinzip, um rechenbasierte Texte überhaupt als literarische zu identifizieren, die sich im Unterschied zum Industrieprodukt als singuläre Objekte ausweisen lassen. Der Zufall soll erklären, wie aus mechanischen Prozessen Neues entstehen kann, aber nicht nur das: Er wird zusätzlich als anthropologische Kategorie aufgerüstet und soll die Funktionsweise menschlicher Kreativität entmystifizieren. Im Gegenzug zu den Avantgarden, die den Zufall als ordnungssprengendes Prinzip mobilisieren, verwandelt er sich im Übergang von der Kombinatorik zum stochastischen Zufall der Informationstheorie zu einer mathematischen und ordnungsstiftenden Kategorie, die Auskunft über die Ordnung von klassischen und avantgardistischen Kunstwerken gibt. Ein Anliegen des zweiten Teils besteht darin, die Transformationsprozesse nachzuzeichnen, die notwendig sind, um das literarische Schreiben so umzumodeln, dass es sich konfliktfrei mit dem Computer verschalten lässt.
Die schärfste Kritik am Computer, der Kybernetik und Informationsästhetik erfolgt bemerkenswerterweise aus dem Feld der Neoavantgarden, nicht vonseiten der konventionellen Literatur. Im Anschluss an die Informationsästhetik wende ich mich Positionen zu, die sich auf logische Kalküle und die Sprachalgorithmik einlassen, die universale Transformierbarkeit der Schrift in Programmcode aber zurückweisen. Sie tragen der Algorithmik als einer Möglichkeit, die der natürlichen Sprache innewohnt, Rechnung und integrieren sie in ihr Schreiben, ohne Schreiben und Programmierung aber einfach in eins zu setzen. Die Wiener Gruppe, Samuel Beckett und Georges Perec räumen der natürlichen Sprache gegenüber formalen Sprachen die Vorrangstellung ein. Die Pointe ihrer Ansätze liegt allerdings darin, dass sie sich nach zwei Seiten hin abgrenzen: der konventionellen Literatur einerseits, algorithmischen Schreibweisen andererseits. Formalsprachliche Kalküle dienen ihnen dazu, nicht nur literarische Konventionen, sondern die Sprache als epistemologisches Medium und Herrschaftsinstrument zu befragen. Umgekehrt halten sie an konventionellen Mustern wie der Erzählung fest und weisen die Algorithmik als ein Element innerhalb der natürlichen Sprache aus. Indem sie einen natürlichen und formalisierten Sprachgebrauch in ein Wechselverhältnis zueinander setzen, kehren sie die Konflikte beider Systeme – Sprache und Algorithmik – hervor.
Mit ihrem Problembewusstsein reflektieren sie außerdem Subjektivierungsprozesse, die die natürliche Sprache zur Voraussetzung haben, ohne dass sich die Subjektproblematik einseitig in einem formalisierten Sprachgebrauch auflösen ließe. Die Subjekte gehen aus dem Zusammenspiel eines natürlichen und formalisierten Sprachgebrauchs hervor, ihre Fundierung haben sie aber in der natürlichen Sprache. Gegenüber den historischen Avantgarden korrigieren die Nachkriegsavantgarden auch deren Gewichtung auf das Schreiben als materieller gegenüber einer kognitiven, mit bedeutsamen Zeichen operierenden Technik. Obwohl die Wiener Gruppe, Beckett und Perec am Menschen als sprachbegabtem Wesen festhalten, ist weder die Sprache noch das Subjekt jemals gegeben, sondern beide müssen immer wieder neu im Durchgang durch die Schrift gewonnen werden.
Die Wiener Gruppe, Beckett und Perec führen die Sprachskepsis und Humanismuskritik der Avantgarden fort und aktualisieren sie vor dem Hintergrund des Digitalen als kultureller Logik, mit der von Anfang an soziale Verhältnisse zur Disposition stehen. Im Aufbau des Buches kommt ihnen eine Schlüsselfunktion zu. Erst mit ihnen wird der Untertitel, Gegenprogramme der Literatur, vollends greifbar. Im Gegenzug zur computergenerierten Literatur stehen sie für eine Fortführung eines avantgardistischen Problembewusstseins, das die Mechanisierung nicht einfach in die Maschinenkompatibilität des Schreibens münden lässt. Konrad Bayers der vogel singt. eine dichtungsmaschine in 571 Bestandteilen (1957–58), Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman (1969), Becketts Watt (1953) und Perecs Anton Voyls Fortgang (frz. La Disparition, 1969) und sein Hörspiel Die Maschine (1968) lassen sich in diesem Kontext als Modelle einer methodisch nichtprogrammierbaren Literatur lesen. Sie vertreten Poetiken, die die Bestimmung der Literatur in ihrer Einlassung auf logische Kalküle in der natürlichen Sprache lokalisieren, keinem einheitlichen Programmcode. Daraus lassen sich Konstellationen gewinnen, die von den ersten Avantgarden über die Neoavantgarden führen und, so ein Argument im dritten Teil des Buches, Anhaltspunkte liefern, um einen Begriff des Schreibens zu artikulieren, mit dem es sich angesichts der gegenwärtigen technologischen Bedingungen in der bewussten Einlassung auf die Programmierung systematisch von dieser absetzen lässt.
Der dritte Teil springt ins 21. Jahrhundert. In den Neunzigern verlassen Computer ihre Gehäuse. Seither sind Algorithmen als soziotechnische Objekte in die Umwelt eingewandert und die Technologie ist planetarisch geworden: Satelliten umhüllen die Erde, die Kommunikationsinfrastruktur dehnt sich unter Wasser und über Land aus, hinzu kommt der Abbau seltener Erden, ein enormer Energiebedarf, die Logistik von Warenströmen, die globale Umstrukturierung und Verteilung von Arbeit oder die datenbasierte Produktion von Information und Wissen unter der Regie weniger Konzerne. All das steht hinter dem jüngsten Höhenflug der KI, die diese Entwicklungen gleichzeitig weiter vorantreibt.
In einem enger gefassten Rahmen lassen sich die Leistungssprünge, aus denen eine Software wie GPT-3 hervorgeht, in eine Geschichte der KI seit den Vierzigern stellen, an deren Anfang neuronale Netze stehen, wie sie der amerikanische Psychologe und Informatiker Frank Rosenblatt erstmals mit seinem Perzeptron (der Name spielt auf die Wahrnehmung an) präsentiert.20 Dieser Ansatz wird auch als konnektivistischer bezeichnet, der einer induktiven Logik gehorcht. Gegen Ende der Fünfziger gewinnt die symbolische KI die Oberhand, die deduktiv aufgebaut ist. Die gegenwärtigen Lernarchitekturen markieren eine Rückkehr des Konnektivismus, dessen Einzug in den Mainstream zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht ohne den Ausbau technischer Infrastrukturen und von Daten denkbar wäre, wie sie Smartphones und soziale Medien abwerfen. »Big Data plus Deep Learning plus schnellere Hardware hat sich als Erfolgsformel bewährt.«21 Obwohl die KI ihre Ausrichtung und Faszination von Anfang an aus dem Vergleich mit dem Menschen bezieht, orientieren sich die neuen Architekturen, zu deren bekanntesten als Oberbegriff das Deep Learning zählt, nicht länger am Denken oder dem Gehirn als neuronalem Organ.22 Über die technische Architektur der Programme hinaus wird dies durch ihre Einbettung in geopolitische Technostrukturen und den Plattformkapitalismus verstärkt. Die Kombination aus maschinellen Lernsystemen und großen Datenvolumen macht es möglich, Algorithmen anhand von spezifischen Datensets zu entwickeln, die daraufhin spezifischen (teil-)automatisierten Anwendungen zugeführt werden. In der rasanten Verbreitung der KI in Militär, Finanzwirtschaft, Sicherheitspolitik, Polizei-, Versicherungs- oder Gesundheitswesen kündigt sich eine neue Ära der »Automatisierung der Automatisierung« an.23
Der dritte Teil skizziert die technologischen Bedingungen ausgehend von dem Befund, dass einfache Gegenüberstellungen von programmierten und händischen Prozessen und Verfahren nicht mehr ohne Weiteres dingfest zu machen sind. Traditionell stehen in der Automatisierung Input- und Outputdaten in eindeutigen oder erwartbaren Korrelationen zueinander. In maschinellen Lernsystemen lassen sich die Ergebnisse (der Output) hingegen nicht mehr vollständig nachvollziehen. Die Anzahl der Parameter zur Berechnung der Daten ist zu hoch und die Systeme verändern die Gewichtung ihrer Knoten selbstständig. In der Philosophie wird sogar diskutiert, ob die Automatisierung die Disziplin nicht »aus ihrem Dienst entlässt«, weil die Automatisierung mittlerweile Kriterien der Selbstdetermination aufweise, die sie in die Lage versetze, »das philosophische Programm der Vernunft zu erfüllen oder scheinbar zu erfüllen«.24 Man muss dem nicht folgen.25 Dennoch muss das Schreiben und Denken heute tiefer in der Auseinandersetzung mit Prinzipien der Automatisierung diskutiert werden anstatt über Grenzen, die sich vorab und allzu unbeirrt zwischen natürlichen und formalen Sprachen, psychophysiologischen Automatismen und technischer Automatisierung, menschlicher Selbstdetermination und computerbasierter Programmierung ziehen ließen.
Tom McCarthy und James Joyce dienen mir als Ausgangspunkt, um die gegenwärtige Gestalt der Computertechnologie auf die Literatur zu beziehen. Der dritte Teil ist von der Frage nach der Literatur motiviert und in welches Verhältnis sie zur Automatisierung zu setzen ist. Allerdings entfalte ich das nicht anhand von zeitgenössischen literarischen Texten. Weil der Stellenwert des Schreibens und sprachbegabter Subjekte angesichts der Hegemonie der Technologien von vielen grundsätzlich infrage gestellt wird, geht es mir um die generelle Problematik, unter welchen Voraussetzungen Schreiben heute gedacht und in Bezug zum Digitalen gebracht werden kann. Diesem Zuschnitt ist es auch geschuldet, dass die Studie nicht eigens auf die elektronische Literatur eingeht. Die Hypertextliteratur, interaktive Erzählformen, kinetische Poesie, netzwerkbasierte Schreibmodelle oder Codeworks, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstehen, bleiben ebenso außen vor wie jüngere Phänomene einer (konzeptuellen) digitalen, Bot- oder Twitter-Literatur. Die Entscheidung, die digitale Literatur zu überspringen, ist ferner durch aktuelle KI-Forschungen begründet, die die Einsicht vertreten, dass weitere Fortschritte in der maschinellen Sprachverarbeitung nur gelingen, wenn die Beziehung der Sprache zur Außenwelt sowie außerlinguistische Wissensformen berücksichtigt werden. Aus einer technologischen Perspektive rückt erneut die natürliche Sprache in ihrer Welthaltigkeit und Verankerung in einem Gemeinsinn ins Zentrum der Computation. Dieser Hintergrund dient mir dazu, die Frage nach der Bedeutung eines nichtprogrammierbaren Schreibens angesichts der kulturellen Hegemonie des Digitalen zu aktualisieren.
Die Frage, welche Rolle die natürliche Sprache in der Digitalökonomie spielt, erörtere ich ausgehend von der Biometrie, dem Datenbehaviorismus