Freischwimmen

Über Caleb Azumah Nelson

CALEB AZUMAH NELSON, 1993 im Südosten von London geboren, ist Sohn ghanaischer Eltern, die bereits als Jugendliche nach Großbritannien kamen. Und in Südost-London lebt der Schriftsteller und Fotograf noch heute. Seine Erzählungen erschienen in Literaturzeitschriften wie Granta und Litro. 2020 war Caleb Azumah Nelson für den BBC National Short Story Prize nominiert. Die ersten Seiten seines Debütromans Freischwimmen schrieb er, als er noch in einem Apple Store arbeitete, frühmorgens vor 5 oder spätabends nach 23 Uhr, je nachdem, welche Schicht er gerade hatte. 2019 schmiss er den Job, um sich ganz auf seinen Roman zu konzentrieren, der von der englischen Presse hymnisch gefeiert wurde.

Zadie Smith

Beim Friseur war es seltsam still. Nur das dumpfe Summen der Rasierer auf der weichen Kopfhaut. Das war, bevor der Friseur merkte, wie du sie im Spiegel beobachtet hast, während er ihr die Haare schnitt und dann ihren Blick sah. Er drehte sich zu dir um. Seine hübschen wurzelartigen Dreadlocks tanzten vor Aufregung, als er sagte:

»Zwischen euch ist etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendwas ist da. Manche nennen es Beziehung, manche nennen es Freundschaft, manche nennen es Liebe, aber zwischen euch beiden, da ist irgendwas.«

Ihr saht euch mit diesem staunenden Blick an, über den du immer wieder erschrickst, seit ihr euch kennt. Ihr beide, wie verhedderte Kopfhörerkabel, gefangen in diesem Etwas. Ein glücklicher Zufall. Ein chaotisches Wunder.

Eure Blicke trennten sich kurz, dein Atem ging schneller, wie wenn ein Ferngespräch unterbrochen wird und plötzlich an Gewicht gewinnt. Du solltest bald lernen, dass die Liebe dir Sorgen macht, aber sie hat dich auch schön gemacht. Die Liebe hat dich Schwarz gemacht, das heißt, in ihrer Gegenwart warst du es am stärksten. Das war kein Grund zur Besorgnis, im Gegenteil! Ihr konntet ihr selbst sein.

 

Du bist hier, um darüber zu sprechen, was es bedeutet, deine beste Freundin zu lieben. Frage: Wenn flexen bedeutet, möglichst viel mit möglichst wenig Worten zu sagen, gibt es dann ein größeres Flexen als die Liebe? Du kannst dich nirgends verstecken, kannst nirgendwohin. Ein direkter Blick.

Ein Blick, der keine Worte braucht; dies ist eine ehrliche Begegnung.

Du wolltest von Scham sprechen und ihrem Verhältnis zum Begehren. Man sollte sich nicht schämen, offen zu sagen: Ich will das. Man sollte sich nicht schämen, nicht zu wissen, was man will.

Du wolltest sie fragen, ob sie sich erinnert, wie dringlich dieser Kuss war. Im Dunkeln in ihr Bettzeug gewickelt. Kein einziges Wort. Eine ehrliche Begegnung. Du hast nichts als ihren vertrauten Körper gesehen. Du hast ihrem sanften, verhaltenen Atem gelauscht und wusstest, was du wolltest.

Es ist seltsam, die beste Freundin zu begehren; zwei Paar Hände, die Grenzen überschreiten und um Verzeihung statt um Erlaubnis bitten. Ein »Ist das okay?« kurz danach.

Manchmal weinst du im Dunkeln.

Am Abend, als ihr euch kennengelernt habt, ein Abend, den ihr beide als zu kurz dafür bezeichnet, nimmst du deinen Freund Samuel zur Seite. Ihr seid mit ein paar Leuten im Keller eines Pubs im Südosten von London. Eine Geburtstagsfeier. Die meisten kurz vor betrunken, oder angeheitert, je nachdem, wie man will.

»Was ist los?«

»Ich mach so was normalerweise nicht.«

»Normalerweise heißt, du hast es schon getan.«

»Nein, großes Ehrenwort«, sagst du. »Aber du musst mich deiner Freundin vorstellen.«

Du würdest gern sagen, dass in dem Moment der ältere Herr, der Platten auflegte, von einem schnellen Stück, so was wie »Move On Up« von Curtis Mayfield, zu einem anderen schnellen überging. Du würdest gern sagen, dass gerade »Fight the Power« von den Isley Brothers lief, als du einen Wunsch aussprachst, den du nicht ganz verstanden hast, dem du aber nachgehen musstest. Du würdest gern sagen, dass hinter dir die Tanzfläche bebte und sich die jungen Leute wie in den Achtzigern bewegten, als diese Art, sich zu bewegen, eine der wenigen Freiheiten war, die denen, die vor euch kamen, gewährt wurden. Und da du dich daran erinnerst, steht es dir frei. Aber du hast versprochen, ehrlich zu sein. In

»Hi«, sagst du.

»Hallo.«

Sie lächelt ein bisschen. Du weißt nicht, was du sagen sollst. Du willst die Lücke füllen, aber es kommt nichts. Ihr steht so da, seht euch an, ohne dass das Schweigen sich peinlich anfühlt. Du stellst dir vor, dass ihr Blick deinen widerspiegelt, einen neugierigen Blick.

»Ihr seid beide Künstler«, sagt Samuel, dankenswerterweise. »Sie ist eine sehr gute Tänzerin.«

Die Frau schüttelt den Kopf. »Und du?«, fragt sie. »Was machst du?«

»Er ist Fotograf.«

»Fotograf?«, wiederholt die Frau.

»Ich mache Fotos, manchmal.«

»Klingt, als wärst du Fotograf.«

»Manchmal, manchmal.«

»Kokett.« Schüchtern, denkst du. Du überspringst das Gespräch und siehst zu, wie sie dir folgt. Ein roter Lichtstrahl fällt auf ihr Gesicht, du erkennst etwas darin, Güte vielleicht, ihre Augen sehen deine Hände sprechen. Ihr Tonfall kommt dir vertraut vor, definitiv Südlondon. Definitiv ein Ort, an dem du dich eher zu Hause fühlen würdest. Was bedeutet, dass es Dinge gibt, die ihr beide in eurem Innersten wisst und aussprecht, die hier aber ungesagt bleiben.

»Willst du was trinken? Kann ich dir was zu trinken

»Wollt ihr was trinken?«

Ihr Gesicht öffnet sich, amüsiert, zugewandt, gleichzeitig spürst du eine Hand auf deinem Ellbogen. Du wirst weggezogen; du wirst gebraucht. Die Tanzfläche hat sich etwas geleert. Es gibt Kuchen und Kerzen und ein versuchtes mehrstimmiges »Happy Birthday«. Du lässt die Kamera von der Schulter nach vorn gleiten und richtest sie auf das Geburtstagskind, Nina, während sie sich etwas wünscht, mit der einzigen Kerze auf dem Kuchen als kleinem Sonnenschein. Als die Menge sich zerstreut, fühlst du dich in alle möglichen Richtungen gezogen. Als einziger Fotograf ist es deine Pflicht, zu dokumentieren.

Die Musik geht wieder an. Die Leute stehen in kleinen Gruppen zusammen, halten inne, wenn du ihre freundlichen Gesichter im Halbdunkel ins Visier nimmst. Der ältere Herr, der Platten auflegt, macht im selben Tempo weiter. »Could Heaven Ever Be Like This« von Idris Muhammad passt gut.

Du trittst aus der Menge an die Bar und reckst deinen langen Hals in mehrere Richtungen. Und jetzt, als du dich noch mal nach der Frau umsiehst, an besagtem Abend, einem Abend, den ihr beide als zu kurz dafür bezeichnet, stellst du fest, dass sie weg ist.

Es sind Wintermonate. Ein warmer Winter – an dem Abend, als du sie kennengelernt hast, hattest du die Entfernung vom Bahnhof zum Pub falsch eingeschätzt, und nachdem du eine halbe Stunde gelaufen warst, nur im Hemd, kamst du mit Schweiß auf der Stirn an –, trotzdem: Es ist Winter. Die falsche Jahreszeit, um verknallt zu sein. Jemanden an einem Sommerabend kennenzulernen, ist, wie einer toten Flamme neues Leben einzuhauchen. Du läufst dann eher mit diesem Jemand draußen herum, allein schon um aus dem Loch rauszukommen, in dem du wohnst. Vielleicht wird dir eine Zigarette angeboten, und du nimmst einen Zug und kneifst die Augen zusammen, wenn das Nikotin dein Hirn kitzelt und du den Rauch in die zähe Hitze einer Londoner Nacht ausstößt. Vielleicht schaust du in den Himmel und stellst fest, dass das Blau in diesen Monaten keine richtige Tiefe hat. Im Winter bist du froh, die Asche wegzuschnippen und nach Hause zu gehen.

Du erwähnst die Frau deinem kleinen Bruder gegenüber, der auch auf der Party war, entwirfst für ihn ein Bild aus deinen Erinnerungen an den Abend, wie wenn man Melodiefetzen zu einem Song zusammenfügt.

»Moment … und ich hab sie nicht gesehen?«

»Sie war groß. Relativ groß.«

»Ganz in Schwarz. Braids unter der Baskenmütze. Ziemlich cool.«

»Alles klar, ist mir nicht aufgefallen.«

»Die Bar sieht so aus.« Du formst mit den Armen ein L. »Ich steh hier«, sagst du und zeigst auf die Biegung des L.

»Warte mal.«

»Ja?« Du bist gereizt.

»Hilft es, wenn ich dir sage, dass ich an dem Abend komplett dicht war und mich an nichts erinnere, Punkt?«

»Du bist zu nichts zu gebrauchen.«

»Nein, ich bin nur betrunken. Oft. Und wie geht es weiter?«

»Was meinst du?«

Ihr sitzt im Wohnzimmer und nippt an eurem Tee. Die Nadel kratzt leise über das Plastik am Ende der Platte, ein meditativer Puls.

»Du triffst die Liebe deines Lebens …«

»Das hab ich nicht gesagt.«

»›Ich war auf einer Party und hab so eine, so eine Präsenz gespürt, und als ich rübersah, war da ein Mädchen, nein, eine Frau, die hat mir einfach den Atem geraubt.‹«

»Hau ab«, sagst du und lässt dich aufs Sofa fallen.

»Was, wenn du sie nie wiedersiehst?«

»Dann lege ich ein Zölibatsgelübde ab und verbringe den Rest meines Lebens in den Bergen. Und das nächste auch.«

»Dramatisch.«

»Was würdest du tun?«

»Da ist noch was«, sagst du.

»Was?«

Du schaust an die Decke. »Sie ist eigentlich mit Samuel zusammen. Er hat uns vorgestellt.«

»Hä?«

»Hab ich erst erfahren, nachdem wir uns unterhalten hatten. Ich glaube nicht, dass das schon länger geht.«

»Was Ernstes?«

»Ich schätze ja. Ich hab gesehen, wie sie sich in der Ecke der Bar geküsst haben.«

Freddie lacht und hebt die Hände.

»Okay, ich verurteile dich nicht, Mann. Alles nicht so einfach. Aber ja, vielleicht solltest du …« Er imitiert mit den Fingern eine Schere.

Wie befreit man sich vom Begehren? Es auszusprechen bedeutet, den Samen zu säen, im Wissen, dass er aufgehen wird, so oder so. Es bedeutet, etwas hinzunehmen, das den Verstand übersteigt.

Doch selbst wenn dieser Samen aufgeht, selbst wenn er lebt, atmet, gedeiht, gibt es keine Erwiderungsgarantie. Oder dass man den anderen je wiedersieht. Und hier kommt der Sommer ins Spiel. Selbst wenn ihr in einer nicht enden wollenden Nacht doch auseinandergeht, selbst wenn sich eure Wege trennen, selbst wenn du am Ende allein einschläfst und nur die Erinnerung an Nähe bleibt, wird es ein Sommerstrahl sein, der sich durch den Spalt in deinem Vorhang schiebt. Und morgen ein langer Tag und eine lange Nacht. Noch so ein Loch oder

Außerdem, um das Begehren zu überwinden, ist es manchmal besser, es aufgehen zu lassen. Es zu spüren, sich davon überrumpeln zu lassen, den Schmerz festzuhalten. Was ist besser, als zu glauben, man bewege sich auf die Liebe zu?

Du hast deine Großmutter verloren, in dem Sommer, als du sicher warst, du könntest nicht noch mehr verlieren. Du wusstest es, bevor du es wusstest. Es war nicht das ferne Donnergrollen wie ein hungriger Magen. Es war nicht der Himmel, so grau, dass du Angst hattest, es werde nie mehr Licht. Es war nicht die angespannte Stimme deiner Mutter, die dich bat, nicht das Haus zu verlassen, bevor sie da ist. Du wusstest es einfach.

Du kehrst zurück in die Erinnerung an eine andere Zeit. Du sitzt hinter dem Grundstück in Ghana, wo dich die Gluthitze so spät am Tag zum Schwitzen bringt. Während deine Großmutter auf einem wackligen Hocker sitzt und die Zutaten für das Essen klein schneidet, erzählst du ihr, du hättest jemanden in einer Bar kennengelernt, und dass du es wusstest, bevor du es wusstest. Sie wird lächeln und in sich hineinlachen und dich auffordern weiterzusprechen. Du wirst ihr erzählen, die Frau sei schlank gewesen, aber groß, habe ein gutes Auftreten, nicht so, als wolle sie einen einschüchtern oder abwimmeln, sondern so, dass es Sicherheit ausstrahlte. Sie hatte etwas Freundliches an sich und nichts dagegen, als du sie umarmt hast.

Was noch?, wird deine Großmutter fragen.

Hmm. Du erzählst ihr, dass ihr beide heruntergespielt

Also? Im Schatten ist kein Trost, wird deine Großmutter sagen.

Ich weiß, ich weiß. Ich glaube, es war für uns beide zu kurz. Es war zu viel los. Es war nicht der richtige Zeitpunkt.

Deine Großmutter wird das Messer hinlegen und sagen: Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht.

Du wirst seufzen und in den Himmel schauen, der nicht dunkel werden will, und sagen: Ich glaube, an dem Abend lag etwas in der Luft, das ich erst gespürt habe, als ich ihr begegnet bin. Etwas, das ich im Rückblick nicht ignorieren konnte.

Wenn du einen Samen säst, dann wird er aufgehen. So oder so.

Mmm. Da hast du recht. Ich meine nur … ich habe diese Frau getroffen, und es kam mir vor, als würden wir uns kennen. Ich wusste, dass wir uns schon mal begegnet waren. Ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden.

Woher wusstest du das?

Ich wusste es einfach.

Und an diesem Ort, einer Erinnerung aus einer anderen Zeit, würdest du gern glauben, dass deine Großmutter damit zufrieden ist. Dass sie noch einmal schief lächelt und in sich hineinlacht.

Du und die Frau, ihr trefft euch in einer Bar, zwei Tage bevor das Jahr 2017 zu Ende geht. Du hast den Laden vorgeschlagen, aber du kommst zu spät. Nur ein, zwei Minuten, aber zu spät. Du entschuldigst dich. Es scheint ihr nicht viel auszumachen. Ihr umarmt euch und unterhaltet euch locker, während ihr eine Treppe hochgeht und dann die Rolltreppe nehmt. Du bist etwas außer Atem, ein bisschen verschwitzt, aber falls sie es bemerkt, sagt sie nichts, weder mit den Lippen noch mit den Augen.

Ihr setzt euch auf ein zweigeteiltes grünes Filzsofa. Wie zwei alte Freunde springt ihr von einem Thema zum anderen, in einer Sprache, die sich gleich vertraut anfühlt. Ihr schafft euch eure eigene kleine Welt, nur für euch beide, dort auf dem Sofa, mit Blick auf eine Welt, die selbst die Lebendigsten verschlingt.

 

»Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, sagtest du, du bist Fotograf«, sagt sie.

»Nein, jemand hat dir erzählt, ich sei Fotograf, und das war mir peinlich«, sagst du.

»Warum?«

»Dir doch auch, als es darum ging, dass du Tänzerin bist?«

»Keine Ahnung«, sagst du. »Aber ja, ich mache Fotos.« Hinter dem Fenster brummt der Piccadilly Circus. Ein Mann bläst Luft in seinen Dudelsack, das Geräusch dringt zu euch hoch. Freitagabend, die Stadt ist kurz vor dem Durchdrehen und weiß nicht, was sie mit sich anfangen soll.

»Vielleicht«, setzt du an. »Vielleicht, weil man weiß, dass man etwas ist und das schützen will? Ich weiß, dass ich Fotograf bin, aber wenn jemand anders das über mich sagt, verändert es etwas, weil derjenige anders über mich denkt, als ich es tue. Sorry, ich schwafle.«

»Ich versteh, was du meinst. Aber warum ändert das, was ein anderer über dich denkt, etwas daran, wie du selbst über dich denkst?«

»Sollte es nicht.«

»Du bist gut darin, Fragen nicht zu beantworten.«

»Ja? War nicht meine Absicht.«

»Ich will dich nur ärgern«, sagt sie, und tatsächlich grinst sie.

»Man kann eben nicht …« Du runzelst die Stirn, während du nach dem richtigen Ausdruck suchst. »Man kann nicht im Vakuum leben. Und wenn du Menschen an dich ranlässt, können sie dich beeinflussen. Falls das Sinn ergibt.«

»Auf jeden Fall.«

»Was ist mit dir? Mit dem Tanzen?«

»Mmm. Vielleicht später. Wir schweifen ab.«

»Stimmt.«

»Was hältst du davon? Von meiner Idee? Ich will

»Ähm«, sagst du und lässt es eine Weile so stehen. »Ich, ja, nein. Nein, ich glaube, ich will das nicht.«

»Hä?« Weniger eine Frage, eher ein unwillkürlicher Laut. Sie lässt sich ins Sofa sinken, deckt sich ganz mit ihrem Mantel zu. Er hebt und senkt sich wie eine Bettdecke über einem schlafenden Körper.

»Hey«, sagst du. Eine Stirn taucht auf, gefolgt von starken Augenbrauen und einem Paar wachsamer Augen. Du siehst, wie unwohl sie sich fühlt.

»War ein Scherz. Ich mach’s. Ich mach es gern.«

Sie hadert noch. Dann verändert sich ihre Miene, ein anerkennender Blick, wenn auch widerwillig. Ein Spaßvogel findet seinen Meister.

»Ich hasse dich. Ich hasse dich so sehr.« Sie sieht auf die Uhr. Ihr sitzt seit fast zwei Stunden dort.

»Sollen wir was trinken? Um unsere neue … Partnerschaft zu feiern? Ich brauche einen Drink.«

Du bist froh, dass sie gefragt hat.

 

Ihr zieht vom Zwischengeschoss ins Erdgeschoss der Bar. Der Abend hinkt euch hinterher. Zwei tiefbauchige Gläser stehen halb voll vor euch auf dem Tisch. Es ist nicht das erste Getränk, auch nicht das zweite oder dritte. Du bist leicht benommen, versuchst mitzubekommen, was passiert. Ein Großteil der Freude geht verloren, weil du sie festhalten willst, sie bewahren, also

 

An diesem Abend siehst du auch zum ersten Mal den müden Schimmer, der sich über ihre Augen legt, wenn sie getrunken hat. Süße Worte von sauren Lippen, das Salz vom Rand des Glases auf der Zunge.

 

Später seid ihr im Shake Shack beim Leicester Square. Ihr steht in der Schlange, einigermaßen angetrunken, schwankt in der künstlichen Brise. Du zahlst das Essen – die letzte Runde Drinks ging auf sie –, und ihr quetscht euch nebeneinander auf zwei Barhocker. Sie bestellt einen Burger mit Chilis und Cheesy Fries, isst nicht auf und besteht darauf, dass du es tust (sie hasst es, Essen wegzuwerfen). Während der ersten Bisse wickelt sie ihre weißen Kopfhörer auseinander und bietet dir einen Stöpsel an, ihre schmalen Finger wandern über das Display und suchen nach Musik. Und jetzt eine Frage an das Publikum: War irgendwer an dem Abend im Shake

 

Die Fahrt zurück in den Südosten … nur eine kleine Freude, und doch, eine Freude. Ihr federt durch Londons Unterwelt. Laut, dunkel, heiß, höllisch. Ihr legt die Schichten frei wie eine Hand das weiche Fleisch einer Frucht. Neben dir löst sie einen Seemannsknoten an ihren Kopfhörern. Sie schiebt sich einen Stöpsel ins Ohr und den anderen in deins. Zwei Menschen verkürzen den Abstand durch ein baumelndes Kabel.

»Was ist dein Lieblingslied?«, fragt sie und beugt sich vor, um gegen den Lärm der U-Bahn anzukommen.

Über der Erde spielt ihr euch selbst. Als sie erzählt, sie sei bei dem Konzert gewesen, gehst du kurz weg, kommst dann zurück, tust wütend und verspürst echten Neid. Ihr redet, schnell und eindringlich, während ihr über das unebene Pflaster Richtung Embankment torkelt.

»Mein bester Freund hatte zwei Karten und wollte mir eine geben …«

»Aber?«

»Aber am Tag davor meinte er plötzlich: Es gibt da ein Mädchen …«

»Ah. Falls das hilft, er ist live wirklich wahnsinnig gut.«

»Danke.«

»Bin ich auch.« Sie hört aufmerksam zu, als du über Isaiah Rashads Debütalbum sprichst, seine Einflüsse aufzählst und atemlos seinen Stil analysierst.

»Eine Mischung aus OutKast und J Dilla mit einer Prise Gil und dem Soul eines Isley Brother, er hat so viel Soul, das spürt man richtig, oder? Was?«

»Nichts.«

Sie grinst, als du ihr durch die Ticket-Sperre folgst.

Du erzählst ihr nicht, dass das Album der Soundtrack deines letzten Sommers war. Du erzählst ihr nicht, dass du »Brenda«, eine Ode an seine Großmutter, so oft gehört hast, dass du weißt, wann die Bassline sich unter die Gitarrenakkorde schiebt, wann die Trompete ihr halliges Riff spielt, wann der Break kommt, die kleine Pause, wo die Musik sich kurz aus dem tighten Rhythmus löst. Du erzählst ihr nicht, dass du in diesen kurzen Pausen Luft holen konntest, obwohl dir nicht mal klar war, dass du sie vorher angehalten hast, hattest du aber. Es gab einen Moment, wo du ausgeatmet hast und sich ein trauriges Lächeln auf deinem Gesicht breitmachte, während du den eigenen Kummer unterdrücken wolltest.

Unter der Erde scrollst du durch die Tracklist und zeigst stattdessen auf »Rope//rosegold«. Sie nickt anerkennend.

»Meins ist ›Park‹. So ein großer Song.« Sie spielt erst dein Stück, sperrt den Bildschirm und dreht die Lautstärke voll auf. Ihr kennt den Text beide auswendig. So

Ihr habt das Gefühl, euch schon immer zu kennen. Ihr wollt euch nicht trennen, denn das würde bedeuten, es in seiner jetzigen Form einschlafen zu lassen, und das hier hat etwas, worauf ihr beide nicht verzichten wollt.

 

Der Blick von ihrem Balkon: Londons glitzernde Skyline. Du fühlst dich wohl hier. Du fühlst dich zu Hause.

»Tee?«, fragt sie aus der Küche.

Du nickst, läufst durch das Wohnzimmer, um die Scheibe zu berühren. Als könnte man Licht festhalten, als wäre es ein Gemälde, das du berühren kannst. Sie taucht lautlos neben dir auf.

»Wie lange wohnst du schon hier? Ich bin neidisch.«

»Paar Jahre. Ganz okay, oder?« Sie reicht dir einen Becher und zeigt auf ihr Sofa. Jeder an einem Ende, die Knie an die Brust gezogen, achtet ihr darauf, nicht die Grenze des Kissens zwischen euch zu überschreiten; nur dass ihr beide wisst, dass etwas aufgegangen ist, als würde man auf einen Teebeutel drücken und in die Tasse starren und dann die Blätter im kochenden Wasser schwimmen sehen.

»Deine Mutter ist echt lustig«, sagst du.

»Normalerweise ist sie nicht so nett zu Fremden«, sagt sie und streckt die Beine aus, sodass sie zwischen

»Alles okay?«

»Ich glaube, Samuel kommt gleich.«

»Ah, gut. Gut.« Die Realität. »Ich geh dann besser.«

»Nein, schon okay, trink wenigstens deinen Tee aus …«

»Ich will nicht aufdringlich …«

Es klingelt an der Tür.

 

Nachdem die Tür auf- und zugegangen ist, nachdem die Schuhe ausgezogen sind, betritt Samuel das Wohnzimmer. Du denkst an den Abend, als ihr alle zusammen im Keller eines Pubs im Südosten von London standet: der Drang, diese Frau kennenzulernen, wie es dich zu ihr zog. Es war Samuel, der das Treffen heute in die Wege geleitet hat; seine Freundin wollte wissen, ob er einen Fotografen kennt, und da hat er zuerst an dich gedacht. Und jetzt siehst du Samuel an und schämst dich. Er tut überrascht. »Oh, hey.«

»Hey«, sagst du.

»Hab gehört, ihr hattet einen tollen Abend.«

»Ja, auf jeden Fall. War echt nett.«