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Über die Autorin

 

S. V. Rose ist das Pseudonym einer 2001 geborenen Autorin, die die Leidenschaft zum Lesen und Schreiben schon in jungen Jahren entdeckte. Sie lebt und studiert in Nordrhein-Westfalen, liebt amerikanische Serien, weiße Weihnachten und Bücher voller Spannung und Herz. Mit »A Touch of Craziness« veröffentlicht sie ihren Debütroman.

 

 

 

 

 

A Touch of

Craziness

 

 

S. V. RoseImage

WREADERS E-BOOK

Band 95

 

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

 

Vollständige E-Book-Ausgabe

Deutsche Erstausgabe

 

Copyright © 2021 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Druck: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Umschlaggestaltung: Jenny Grams

Lektorat: Kristin Koch, Johanna Struck

Satz: Lena Weinert

 

www.wreaders.de

 

ISBN: 978-3-96733-189-9


Für meine Schwester,

die seit dem ersten Tag an diese Geschichte geglaubt hat

 

1

 

 

»Raven!«

Stille.

»Raven!«

Stille.

»Ist das dein Ernst?!«

Ich presse mein Gesicht fester in das Kissen und würde mir am liebsten die Ohren zu halten, um die Welt um mich herum wieder einschlafen zu lassen und in meine friedliche Traumlandschaft zurückzukehren. Doch leider ist das Leben kein Wunschkonzert – zumindest nicht für die meisten Menschen.

»Raven, dein Wecker klingelt jetzt schon seit fünf Minuten«, ertönt die genervte Stimme nun etwas leiser, jedoch mit der gleichen Dringlichkeit.

Gähnend nuschle ich in meine Bettdecke: »Und ich ignoriere ihn seit fünf Minuten, Josh.«

Ungeduldig setzt er sich auf und fährt mit der Hand durch sein zerzaustes blondes Haar. Er trägt noch immer das blaue Sweatshirt von gestern Abend, das er wahrscheinlich auch in den nächsten Tagen nicht wechseln wird. »Heute ist die Abschiedsfeier. Schon vergessen?«, erwidert er vorwurfsvoll und schwingt die Beine aus dem Bett.

Ich weiß, dass der Abend heute sehr wichtig für ihn ist. Im Gegensatz zu mir hat er sich an unserer Schule immer wohl und herzlich willkommen gefühlt. Schließlich mag jeder gut gelaunte Jungs wie Josh, die sich nicht aufspielen und doch für jeden Spaß zu haben sind.

»Die Feier wird auch ohne mich stattfinden«, meine ich, weil ich eben nicht zu dieser Sorte von Menschen gehöre. Nein, ich gehöre zu den Launischen, denen, die in dem einen Moment die ganze Welt küssen und im nächsten jemanden den Hals umdrehen könnten.

Demonstrativ will ich mich auf die andere Seite drehen, halte aber inne, weil plötzlich ein mittelgroßer Junge mit pechschwarzen Haaren in mein Zimmer stürmt und mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich zeigt.

»Wo ist mein Pulli, Raven?«, will mein älterer Bruder aufgebracht wissen. »Du klaust ständig meine Klamotten! Verdammt, du kannst nicht in meinen Anziehsachen durch die Gegend rennen! Was soll ich denn dann anziehen?« Sein Gesicht läuft vor Wut rot an.

»Ich renne nie, Sport ist nicht mein Fall«, entgegne ich trocken und reibe mir über die müden Augen. Schlafen kann ich für diesen Tag wohl vergessen. Stattdessen sehe ich Damien jetzt fragend an, bereit, mich gegen einen weiteren verbalen Angriff zu verteidigen.

Verärgert öffnet er den Mund, kommt aber nicht dazu, mich weiter anzuschreien, da Josh als Reaktion auf meinen Kommentar laut anfängt zu lachen und dabei jegliches Gleichgewicht verliert. Prompt fällt er von der Bettkante und landet verdutzt auf dem Boden. Sofort muss ich breit grinsen und lasse den Blick amüsiert zu Damien schweifen. Dieser sieht jedoch eher weniger amüsiert und dafür noch wütender als vorher aus. Er ist nicht wirklich der entspannte Typ.

»Wo ist mein Pulli?«, wiederholt er seine Frage kurz angebunden und hebt demonstrativ eine Augenbraue.

»Woher soll ich das wissen?«, frage ich unschuldig und ziehe meine warme Decke fester um mich. Josh hat das weiß gestrichene Fenster geöffnet, sodass jetzt kalte Luft in den kleinen Raum strömt.

»Was hast du gerade an?«, will Damien als nächstes wissen, wobei er mich prüfend mustert. »Ich wette, du trägst meinen Pulli.«

Zu seinem Entsetzen antworte ich: »Nichts.« Dann stehe ich in meine Decke gewickelt auf.

»Nichts?!« Damien starrt mich mit großen Augen an.

»Nichts?!«, ruft Josh ebenso panisch. Das Lachen ist ihm vergangen.

»Idioten«, murmle ich nur und drücke mich an ihnen vorbei aus dem geräumigen Zimmer. Insgeheim grinse ich und streiche mit der freien Hand über den Stoff meines kurzen Schlafanzuges, den ich unter der Decke verstecke. Niemals würde ich nackt neben meinem besten Freund schlafen, denn das wäre definitiv über das Ziel hinausgeschossen.

Gähnend schlurfe ich nach unten, um mich an den bereits gedeckten Frühstückstisch zu setzen. Meine Mutter ist immer pünktlich und sorgfältig – Eigenschaften, die ich nicht von ihr geerbt habe. Die Küche ist klein, aber gemütlich, ausgestattet mit einer schmalen Fensterfront und einem schweren Holztisch, den wir noch von den Vorbesitzern übernommen haben. Die Kaffeemaschine dampft bereits und haucht dem Raum einen würzigen und zugleich blumigen Geruch ein. Mallorie, eine winzige Blondine mit riesigen blauen Augen, die als Austauschschülerin für einige Zeit bei uns lebt, steht daneben und nimmt gerade eine Tasse aus dem grauen Schrank. Sie kommt aus Frankreich und kennt keine anderen Worte außer »Guten Morgen«. Man sollte also davon ausgehen, diese Begrüßung zu jeder Tageszeit von ihr zu erhalten. Als sie den Blick auf mich richtet, mustert sie kritisch meine Decke und rümpft die gepuderte Nase. Dann wendet sie sich mit einem Seufzen ab, obwohl sie sich mittlerweile daran gewöhnt haben müsste, dass ich meine Decke des Öfteren mit zum Frühstück nehme, wenn ich noch nicht bereit bin, mein gemütliches Bett vollständig zu verlassen.

»Ich halte das nicht aus mit dieser Schwester«, brummt Damien, als er durch die Tür kommt und sich mit einem schweren Keuchen auf einem der Stühle niederlässt. Josh betritt den Raum hinter ihm und tut es ihm schweigend gleich. Der Schock, eine Nacht möglicherweise neben mir, genauer gesagt, meinem nackten Körper, verbracht zu haben, steht ihm noch ins Gesicht geschrieben.

»Ich halte das auch nicht aus mit dieser Tochter«, ertönt in diesem Moment die helle Stimme meiner Mutter, die in ihrem Morgenmantel aus dem Flur kommt. Ihre braunen Haare sind zerzaust und stehen unordentlich von ihrem schmalen Kopf ab. Dennoch sieht sie durch ihre gebräunte Haut immer noch wie eine typische Südstaatenschönheit aus. Auch das Alter beeinträchtigt ihre Eleganz in keiner Weise.

»Ich auch nicht mit dieser besten Freundin«, kommentiert Josh und sieht mich über den Tellerrand hinweg kritisch an.

»Leute, ich sitze genau hier!«, beschwere ich mich und schmiere mir mit finsterer Miene ein Brot mit Nutella.

»Guten Morgen«, sagt Mallorie und setzt sich mit ihrer Tasse in der Hand neben mich. Dabei ist sie darauf bedacht, trotzdem möglichst viel Abstand zu mir und meiner Decke zu halten. Irgendwie habe ich ständig das Gefühl, dass sie mich nicht mag.

»Sie mag dich nicht«, flüstert Josh mir in genau dem Moment zu und lehnt sich dann triumphierend zurück. Verärgert funkle ich ihn an, bevor ich einen großen Bissen von meinem Brot nehme.

Damien jedoch ist noch nicht fertig. »Weißt du, was ich mich die ganze Zeit frage?«, wendet er sich mit ernster Miene an mich.

Ich ignoriere die offensichtlich rhetorische Frage bewusst und rate mit gespieltem Ernst: »Warum sieht Raven heute schon wieder so gut aus?«

»Falsch«, meint er und dreht die Augen so weit nach hinten, dass es mir unmöglich entgehen kann. »Ich frage mich, ob du wirklich nichts unter dieser Decke trägst.«

»Willst du einen Beweis?«, fordere ich ihn grinsend heraus und bin schon bereit mich zu erheben, um die Decke mit Schwung fallen zu lassen. Doch Damien, Josh und meine Mutter beginnen plötzlich hysterisch zu schreien und wild mit den Händen zu fuchteln. Mein Vorhaben wird dadurch leider unterbrochen.

»So abstoßend ist mein Körper jetzt auch nicht«, murre ich und verschränke die Arme vor der Brust, weil sie mit ihrem Geschrei meine Show zerstört haben.

»Genau, einfach Conner fragen«, setzt Josh noch einen drauf, woraufhin ich mein Temperament nicht mehr zurückhalten kann und ihm mit voller Wucht meine geschmierte Brotscheibe an den Kopf werfe. Oh ja, ich gehöre definitiv zu den Menschen, bei denen sich die Stimmung schnell verändert.

»Bist du irre?!«, ruft er und springt panisch auf, während die weiche Nuss-Nugat-Creme schon seine Wange herunterläuft. Angeekelt wischt er sie mit einer Serviette weg.

»Definitiv«, beantwortet Damien schulterzuckend seine Frage und schmiert seelenruhig sein eigenes Brötchen weiter. Mallorie ist leichenblass geworden und mit dem Stuhl weiter zurückgerückt, während meine Mutter nur fassungslos mit dem Kopf schüttelt.

»Und wenn schon«, erwidere ich. »Wenigstens einzigartig.«

»Das auf jeden Fall«, meint Josh und legt seufzend das Messer auf seinen Teller. Der Hunger ist ihm anscheinend vergangen.

»Fragt sich nur, ob im positiven oder negativen Sinne«, stichelt Damien weiter, woraufhin ich drohend die Hand hebe, bereit ihm mein zweites Brot ins Gesicht zu werfen. Als er bemerkt, was ich vorhabe, springt er auf, nimmt die Beine in die Hand und rennt aus der, durch die Kaffeemaschine immer noch vernebelten, Küche. Wir können nie aufhören uns zu provozieren, also stehe ich ebenfalls auf und laufe ihm hinterher.

»Bei dir sind auf jeden Fall die Gene deines Vaters durchgekommen«, nuschelt meine Mutter, aber ich schenke ihr keine Beachtung und folge stattdessen angriffslustig meinem Bruder, den ich bereits wenige Sekunden später im breiten Flur wieder treffe. Tausende Bilder schmücken die weißen Wände, die meine Mutter mit Liebe hier aufgehängt hat. Sie sollen dem Haus Leben einhauchen und haben dabei vollen Erfolg, auch wenn wir eine Familie sind, in der jeder gerne Grimassen zieht. Dies ist kaum zu übersehen.

»Hast du dein Frühstück mitgenommen, um mich abzuwerfen?«, will Damien skeptisch wissen und weicht vor mir zurück.

»Dafür brauche ich kein Brot, die Lampe hier tut es auch«, erwidere ich und will mir gerade die kleine Lampe von dem vollgestellten Regal schnappen, als er meine Hand auch schon packt und festhält. Dabei fällt meine Decke zu Boden und enthüllt den gestreiften Schlafanzug. Ich fluche, aber Damien kommentiert meine Lüge nur mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Dann sieht er mir warnend in die Augen. »Raven?«

»Lass mich los«, zicke ich ihn an und will mich aus seinem starken Griff befreien – leider erfolglos. Damien ist zwar für einen Jungen relativ klein, doch immer noch größer als ich und von Natur aus trotz seiner dünnen Arme definitiv mit mehr Kraft ausgestattet.

»Du musst mir aber etwas versprechen«, sagt er plötzlich sehr ernst, wobei er mich prüfend ansieht.

Ich will die Arme vor der Brust verschränken, aber er hält meine Hand immer noch fest, sodass ich meine Reaktion auf einen einfachen fragenden Blick beschränken muss.

Seufzend lässt er von mir ab. »Die neue Schule könnte deine Chance auf einen Neuanfang werden. Das weißt du, oder?«

»Neuanfang?«, wiederhole ich das Wort verständnislos und verlagere das Gewicht auf mein anderes Bein. Dennoch bin ich mir genau darüber im Klaren, was er anspricht. In Westwood, der kleinen, stürmischen Stadt, in der wir leben, hat es schon seit Ewigkeiten zwei Schulen gegeben, dessen Traditionen auf alten Geschichten dieses Landes beruhten. Die Alemany High School und die Westwood High School. Die Nachfolger der Gründer haben seit Jahrzehnten versucht, beide am Leben zu halten, doch die Einwohnerzahlen sinken und somit ist eine Zusammenlegung seit diesem Jahr unvermeidlich. Ab Montag gibt es nur noch die Westwood High, was bedeutet, dass meine alte Schule nur noch ein weit entferntes Märchen sein wird. Die Schule. Das Gebäude. Nicht aber die Leute. Nein, die bleiben mir erhalten und somit ist Damiens Idee eines Neuanfangs weder gut durchdacht noch in irgendeiner Weise möglich.

Ich hole tief Luft. »Ich brauche keinen Neuanfang«, meine ich entschlossen, als er schließlich loslässt und ich nun endlich die Arme vor der Brust verschränken kann. »Was willst du mir sagen, Damien?«

Wie erwartet zögert er kurz, dann sagt er vorsichtig: »Ich will nicht, dass du Jason und seine Freunde weiterhin so auf dich aufmerksam machst. Du musst einfach mal über ihre Kommentare lächeln und …«

»Lächeln?!«, fahre ich ihn verärgert an und verenge die Augen zu Schlitzen. »Ich werde ganz sicher keine Idioten anlächeln. Langsam habe ich das Gefühl, dass du einfach nicht mit meiner Art klarkommst. Ist es das? Du stehst nicht gerne im Mittelpunkt und ich dränge dich genau da rein.«

»Ich komme doch mit deiner Art klar, verdammt!«, erwidert er und rauft sich die schwarzen Haare. »Aber die anderen…«

Sofort trete ich näher an ihn heran. Meine Stimme ist ungewöhnlich ernst. »Die anderen interessieren mich nicht.«

»Vielleicht sollten sie das.«

»Du meinst also, ich bin das Problem?«

»Nein, aber … Du bist kompliziert, unmöglich und …«, beginnt er, doch ich habe genug gehört. »Ich werde mich ganz sicher nicht für andere Leute verändern. Sollen sie mich doch zur Zielscheibe machen. Ich weiß, wie man zurückschießt«, unterbreche ich ihn.

Ergebend lässt er die Arme sinken. »Das will ich auch gar nicht«, versucht er es versöhnlich. »Ich will nur, dass du einen Gang runterschaltest, ein bisschen weniger verrückt bist.«

Jetzt stiehlt sich trotz seiner Worte ein kurzes Grinsen auf mein Gesicht. »Ich bin nicht verrückt.«

Damien sieht mich schief an.

Tief atme ich aus. »Okay, ein kleines bisschen vielleicht.«

 

2

 

 

Als ich am Abend die Treppe herunter gehe, begegne ich einem mürrisch schauenden Damien, mit vor der Brust verschränkten Armen. Die letzten Stunden haben Josh und er damit verbracht, im Wohnzimmer einen Serienmarathon zu veranstalten, während ich mir oben doch noch eine weitere Portion Schlaf abgeholt habe. Jetzt sind wir kurz davor, uns auf den Weg zu der Party zu machen, aber mein Bruder spielt wieder einmal nicht mit.

»Das ziehst du auf keinen Fall an«, meint er bestimmt, wobei er mich von oben bis unten betrachtet.

Betont langsam sehe ich an mir herunter, begutachte meine beige Jogginghose, den roten Hoodie und die Sneakers, die ursprünglich mal weiß gewesen sind. Dann hebe ich wieder den Kopf und zucke gleichgültig mit den Schultern. »Jogginghosen sind mittlerweile modern«, erkläre ich Damien, welcher mich immer noch kritisch mustert. »Schau mal auf Instagram und YouTube, man trägt das jetzt so.«

»Du gehst nicht in Jogginghose auf die beste Party des Jahres, Schwesterherz!«, erwidert er nur und lässt den Blick weiter über mich schweifen, wobei er einen schweren Seufzer ausstößt. »Außerdem dachte ich, dass dich Trends einen Scheiß interessieren?«

Ertappt beiße ich mir auf die Zunge. Wo er Recht hat, hat er Recht. »Gut, das mit dem Trend war eine Ausrede. Aber, Damien? Du sagst bei jeder Party, dass es die Beste des Jahres wird, doch letztendlich ist es immer absolut langweilig.«

»Bei deiner temperamentvollen Art sollte man meinen, du würdest Partys lieben«, grummelt er, woraufhin ich nur spöttisch eine Augenbraue hebe.

»Bei deiner unentspannten Art sollte man meinen, du würdest sie hassen«, gebe ich zurück.

Verärgert lässt er die Luft aus den Lungen entweichen. Um die Fassung nicht zu verlieren, schließt er kurz die Augen und öffnet sie dann langsam wieder. »Ziehst du dich jetzt um?«, will er wissen.

Ungeduldig stemme ich die Hände in die Hüften. »Das ist ungerecht, findest du nicht? Wäre ich ein Junge, könnte ich in einer Jogginghose dort auflaufen und keiner würde es beachten.«

»Sag bitte nicht, dass du jetzt zu einem Jungen werden willst!«, fleht Damien. Panik flackert in seinen Augen.

Provokant grinse ich. »Im 21. Jahrhundert ist alles möglich.«

»Raven?«

»Ja?«

»Das ist ein Scherz, oder?«

»Ja.«

Erleichtert atmet er auf. Der ruhige Moment dauert jedoch nur eine Sekunde, da Josh plötzlich hinter ihm erscheint und einen entsetzten Laut von sich gibt, der so schrill klingt, dass ich ungewollt zusammenzucke. »Das ziehst du auf keinen Fall an!«, stößt er fassungslos aus.

Am liebsten würde ich auf dem Absatz kehrt machen, zurück in mein Zimmer rennen und mich für den Rest des Abends in meinem gemütlichen Bett verkriechen. Doch stattdessen nehme ich bloß die Schultern nach hinten und lasse ein leichtes Lächeln über mein Gesicht gleiten. »Wenn ich dir jetzt sage, dass es modern ist, kann ich dich nicht umstimmen, oder? Was ist, wenn ich verspreche, dass ich niemals zu einem Mann werde? Nehmt ihr mich dann verdammt nochmal so auf die Party mit?«

Völlig entgeistert starrt Josh mich an. Dann richtet er sich mit einer gewissen Verwirrung in der Stimme an Damien: »Was zur Hölle redet sie da schon wieder?«

»Vergiss es«, murmelt dieser nur.

 

Es ist gerade einmal kurz nach neun, als ich mit einem mürrischen Damien auf der einen und einem entgeisterten Josh auf der anderen Seite in meiner Jogginghose und einem kurzen weißen T-Shirt vor einem großen Haus stehe, aus welchem laute Musik dröhnt. Kühler Wind streicht um meine Arme und zerzaust meine dunklen Haare. Dies hier ist die Abschiedsparty der Alemany High. Ein überbewertetes Event, da wir sowieso weiterhin alle auf die gleiche Schule gehen werden – doch die Gelegenheit lässt sich keiner entgehen. Obwohl es noch früh ist, liegen die ersten Leute schon lachend oder kotzend auf dem frisch gemähten Rasen. Mehrere Glasflaschen wurden in die hohen Büsche geworfen, eine weiße Bank wurde umgekippt und bietet jetzt einem sich küssenden Paar Gelegenheit sich auszutoben. Kopfschüttelnd wende ich mich ab und lasse meinen Blick zu einer Gruppe von Jungs schweifen, die ich nur zu gut kenne. Sofort zieht sich mein Bauch vor Wut zusammen, weswegen ich beschließe, dass ich dringend eine Ablenkung brauche. Also tippe ich Josh auf die Schulter und zeige auf einen Jungen in einem eng anliegenden Shirt, der nicht weit entfernt von uns einen Schluck aus seinem Glas nimmt.

»Schau mal. Ist der nicht attraktiv?«, mache ich ihn auf den Typen aufmerksam und schürze provokant die Lippe. Seit einiger Zeit ist es zu meiner Lieblingsbeschäftigung geworden, meinen besten Freund verkuppeln zu wollen. Nachdem es trotz meiner Bemühungen mit keinem Mädchen geklappt hat, versuche ich es jetzt hartnäckig und auf Kosten seiner Nerven auf die andere Weise.

»Raven, geht das schon wieder los?«, stöhnt er genervt und verschränkt abwehrend die Arme vor der Brust. Den Jungen, von dem ich gesprochen habe, würdigt er leider keines Blickes.

»Sieh dir doch diese Arme an!«, mache ich entschlossen weiter, wobei ich mich um einen schwärmerischen Tonfall bemühe. »Und seine Haare! Er hat so perfekte Haare!«

»Seine Haare sind fast kahl rasiert.«

Ich übergehe seinen Kommentar absichtlich und schiebe schnell meinen Bruder vor mich, wobei ich ein besonders fröhliches Grinsen aufsetze. »Was ist mit Damien? Ist er dein Typ?«

»Das ist dein Bruder!«, stellt Josh entgeistert fest.

»Dein Bruder, der jetzt ein paar Mädchen aufreißt«, murrt Damien – sichtlich genervt – und wendet sich schnurstracks von uns ab. Ich beschließe, Josh für den Moment in Ruhe zu lassen und beobachte stattdessen, wie Damien sich entschlossen neben ein hübsches schwarzhaariges Mädchen stellt und sich räuspert. Er verliert ein paar Worte, dann kommt er auch schon wieder zurück.

»Sie mag mich«, behauptet er.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sehe ich zu dem Mädchen, welches sich langsam, aber sicher immer weiter von uns entfernt. »Warum geht sie dann weg?«

Mein Bruder schnaubt nur und murmelt irgendwas von wegen, er würde jetzt etwas trinken gehen, damit er mich die Nacht über ertragen kann. Schulterzuckend lasse ich ihn gehen und will mich gerade wieder Josh widmen, als zwei große Jungs mit breiten Schultern in mein Sichtfeld treten. Der Linke hat braune, etwas zerzauste Haare und trägt ein graues Shirt, dessen obere Knöpfe er demonstrativ geöffnet hat, sodass jedem der Blick auf seine trainierte Brust gewährt wird. Seine Augen sind ebenso braun wie seine Haare, sein intensiver Blick bohrt sich direkt in meine Haut. Der Rechte ist genauso groß wie sein Freund und fährt sich gerade durch die blonden, leicht hoch gestylten Haare. Sein schwarzes T-Shirt liegt eng an, eine Tatsache, der er sich durchaus bewusst zu sein scheint.

»Was ist mit denen?«, flüstere ich Josh zu und wackle anzüglich mit den Augenbrauen, obwohl ich überhaupt keine Lust auf die Gesellschaft der beiden habe.

»Du siehst aus, als hättest du einen epileptischen Anfall«, kommentiert er nur, wird aber schon von dem Linken der beiden unterbrochen, welcher jetzt betont lässig die Arme ausbreitet und laut meinen Namen ruft.

Ich fluche, hebe aber gleichzeitig das Kinn an, um ihm trotz seiner Größe in die Augen sehen zu können. »Jason Davis«, meine ich abschätzig. Meine Laune sinkt innerhalb von Sekunden in den Keller.

»Du siehst aus, als wärst du gerade aus dem Bett gekommen – und nicht auf die sexy Art und Weise«, erwidert er grinsend und zupft provokant an meiner Jogginghose.

Sofort schlage ich seine Hand mit voller Wucht weg. Wut steigt in mir auf und lässt meine Lippen erzittern. »Du kannst mich mal, weißt du das?«, schleudere ich ihm entgegen. »Los, geh und rede mit Leuten, die sich deinen Schwachsinn gerne anhören.«

»Na, na, na«, raunt er dunkel und tritt so nah an mich heran, dass ich seinen heißen Atem auf meiner Haut spüre. Alles in mir schreit danach, mich umzudrehen und seiner Nähe zu entkommen, doch mein Stolz bleibt hartnäckig. Niemals werde ich vor ihm Schwäche zeigen. Nicht vor Jason, der mich bei jeder Gelegenheit bis auf das Äußerste provoziert und absichtlich so weit bringt, dass ich mein Temperament nicht mehr kontrollieren kann. Wir wissen, wie wir unseren Hass antreiben und wir tun es immer wieder, weil keiner als erstes aufgeben möchte. Keiner will den Rückzug antreten und so befinden wir uns seit Jahren in einem Teufelskreis aus Hass und Provokationen.

»Du langweilst mich, Jason«, sage ich betont langsam und drücke mit den Händen so gegen seine Brust, dass er gezwungen ist, einen Schritt zurückzugehen.

Die dichten Wimpern, die seine Augen umgeben, schlagen für einen kurzen Moment zu. »Vorsichtig, Ravy«, meint er belustigt und verzieht höhnisch die Mundwinkel.

»Nenn mich nicht Ravy«, erwidere ich verärgert. Doch sobald die Worte meinen Mund verlassen haben, presse ich auch schon die Lippen zusammen, da mir bewusst wird, dass ich wie ein kleines, bockiges Mädchen geklungen habe.

Jason hebt entschuldigend die Hände. »Tut mir leid, Angewohnheit«, erklärt er, aber der Spott in seiner Stimme offenbart die Lüge.

Genervt verdrehe ich die Augen. Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten, gehen seit der Grundschule in eine Klasse und werfen uns Beleidigungen an den Kopf seit wir uns zum ersten Mal auf dem Spielplatz wegen einer Schaufel gestritten haben. Aber über die Jahre haben sich die anfänglichen Sticheleien zu einer ausgereiften Feindschaft entwickelt. Wir sind älter geworden, gerissener. Jason und sein Kindheitsfreund Zac haben angefangen, ihre Überheblichkeit in die Schulflure und auf die Partys zu tragen. Sie sind nicht mehr auf ihren Fahrrädern durch die Straßen gefahren, haben anderen grinsend fiese Worte entgegen geschleudert, über die Zöpfe der Mädchen gelacht oder in der Schule die Stifte der Stilleren versteckt. Nein, jetzt trinken sie, verbreiten ständig Gerüchte, um sich anschließend darüber zu amüsieren, und prügeln sich in den Pausen mit ihren Mitschülern. Auch wenn Jason seine Aufmerksamkeit mittlerweile eigentlich nur den langhaarigen Mädchen in engen Hosen schenkt, lässt er mich doch nie in Ruhe – und ich ihn genauso wenig. Wir können nicht aneinander vorbei gehen ohne einen Spruch zu reißen. Wir müssen uns in die Augen starren und unseren Kampf weiterführen. Wir brauchen diesen Hass, er gehört zu unserem Alltag, ist in uns fest verankert. Doch leider neigen wir beide gerne zu Übertreibungen und Eskalationen. In seiner Nähe muss ich mein Temperament mit aller Kraft im Zaun halten, darf diesem nicht nachgeben, obwohl es mich danach drängt, ihn mitsamt seiner beispiellosen Arroganz zu erwürgen.

»Du hast wirklich Spaß daran, oder?«, will ich trocken wissen und stelle mich gerader hin. »Anscheinend bist du so populär, dass du dich vor Aufmerksamkeit kaum retten kannst. Aber warum stehst du dann hier bei mir, Jason? Warum bist du bei dem einen Menschen, den du bis auf den Tod nicht ausstehen kannst? Vielleicht bist du doch nicht so beliebt, wie du denkst.«

Ein dunkler Ausdruck huscht über sein Gesicht. Dann rückt er wieder näher an mich heran. Seine braunen Augen bohren sich direkt in meine. »Du bist süß, wenn du versuchst gemein zu sein.«

»Und du scheiße, wenn du versuchst cool zu sein«, erwidere ich, drücke ihn mit der flachen Hand bestimmt von mir weg, drehe mich um und gehe, ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Wenn Jason Davis eins nicht haben kann, dann ist es, stehen gelassen zu werden. Das habe ich über die Jahre gelernt und das reize ich liebend gerne aus.

»Boom!«, höre ich noch Joshs belustigte Stimme, bevor er mir schnellen Schrittes folgt. Wider Willen breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

 

»RAVEN!«

Vor Schreck fahre ich wenig später in dem stickigen Wohnzimmer herum und blicke direkt in das Gesicht einer hübschen Asiatin. Ihre langen schwarzen Haare glänzen in dem schummrigen Licht der riesigen Lampen, während das bunte Rüschenkleid locker um ihre Hüften schwingt. Strahlend sieht sie mich an und schwenkt mit einem Plastikbecher so nah vor meinen Augen herum, dass ich mich gezwungen etwas nach hinten lehne. »Jenny«, begrüße ich sie grinsend.

»Ich bin Jessy!«, protestiert sie und sieht mich dabei betont verletzt an.

Shit. Ich bemühe mich, mein Grinsen weiter zu halten. Jennifer und Jessica Wheeler sind schon lange meine einzigen Freundinnen – Zwillinge. Absolut identisch aussehende Zwillinge. Der einzige optische Unterschied zwischen ihnen ist, dass Jenny großzügiger mit kräftigen Make-up umgeht. Allerdings passt sich Jessy bei Feierlichkeiten ihrer Schwester oft auch noch in dieser Hinsicht an.

»Spaß!«, schreit Jessy jetzt und lacht lauthals. »Ich bin Jenny!« Doch dann dreht sie sich nach links und gibt den Blick auf ihre Schwester frei, die genau das gleiche Kleid wie sie selbst trägt. Man sollte meinen, Zwillinge haben sowas als kleine Mädchen gemacht, doch die beiden sind von diesem Trend nie abgewichen. »Oder bist du Jenny?«, fragt sie ihr Gegenüber aufgeregt und schaut dabei genauso verwirrt drein, wie ich mich fühle.

»Sag mal, wie viele hattest du davon schon?«, frage ich und deute amüsiert auf das Bier in ihrem Becher, obwohl ich immer noch nicht weiß, ob es nun Jenny oder Jessy ist.

»Genug, um endlich ein Partyspiel zu starten!«, erwidert sie stolz, woraufhin ich überrascht eine Augenbraue hebe. Die Zwillinge hassen Aufmerksamkeit normalerweise wie die Pest. Dass sie sich jetzt nicht zurückhalten wollen, bestätigt meine Annahme, dass sie schon eine Weile hier sind und schon einiges an Alkohol herunter gekippt haben.

»Dann lasst uns anfangen«, sage ich kurzentschlossen, umfasse den Holztisch neben mir und weiß genau, was mein nächster Schritt sein wird. Ohne Nachzudenken schnappe ich mir ein leeres Glas und klettere mit Schwung auf den Tisch. Wer jetzt meint, ich würde ganz damenhaft einen vorsichtigen Ton erklingen lassen, der irrt sich. Wer würde mir so schon zuhören? Also werfe ich das Glas ohne Vorwarnung mit voller Wucht gegen die Wand und sehe triumphierend auf, als alle verstummen und sich eine einnehmende Stille über den vollen Raum legt.

»Die ist verrückt«, höre ich Jason murmeln, ignoriere seinen Kommentar aber bewusst und stemme stattdessen bestimmt die Hände in die Hüften.

»Weil mir jetzt sowieso alle zuhören, spielen wir Never Have I Ever! Ich bin offizieller Spielleiter!«

»Seit wann gibt es einen Spielleiter?«, fragt Zac Santiago laut. Jasons Freund, der mit verschränkten Armen neben ihm steht und dessen blonde Haare ihm in einigen Strähnen auf die Stirn fallen.

»Seit jetzt.«

»Und wer hat dich zum Spielleiter gemacht?«, kommt es prompt von Jason.

»Ich selber«, antworte ich ohne zu zögern und sehe aufmerksam in die Runde. »Noch Fragen?« Als keiner mehr etwas erwidert, nicke ich zufrieden. »Los geht’s! Wer nicht mitspielen will, geht raus!«

Daraufhin sucht sich der Großteil der Leute mit einem Bier in der Hand einen Platz auf einem der gepolsterten Sofas oder gezwungenermaßen dem kalten Boden. Nur wenige verlassen mit eingezogenen Köpfen oder genervten Blicken den Raum. Natürlich sind solche Spiele albern, aber sie dienen ihrem Zweck und vertreiben meine Langeweile.

»Wir gehen reihum. Es heißt, trinken, wenn man es schon mal gemacht hat. Wer nicht trinkt, ist unschuldig oder jungfräulicher als die Jungfrau Maria! Lügen bringt schlechtes Karma«, erkläre ich und sehe zu Jenny, beziehungsweise Jessy, die neben mir sitzt und aufgeregt die Hände knetet. »Du fängst an.«

»Ich habe noch nie … ein Mädchen geküsst!«, beginnt sie hysterisch und weitet erwartungsvoll die großen dunklen Augen.

Natürlich trinken alle Jungs. Jeder von ihnen hätte es um seines Egos Willen getan, selbst wenn die Wahrheit anders lautet.

Dustin Jenkins ist als nächstes dran. Ein gebräunter Südländer mit braunen Locken, der sich im Laufe der Jahre dem Pack rund um Jason und Zac angeschlossen hat und das obwohl er im Grunde mit seiner witzigen Art so viel sympathischer ist. Außerdem hat er sich mir gegenüber nie provozierend verhalten, sondern ist immer eher neutral geblieben. »Ich hatte noch nie Jason Davis in meinem Bett!«, verkündet er und kriegt sich gar nicht mehr ein vor Lachen.

»Du bist echt nicht lustig«, brummt Jason und setzt seinen typisch finsteren Blick auf. Sobald er der Mittelpunkt des Gespötts ist, geht es ihm gewaltig gegen den Strich.

Um noch einen drauf zu setzen, nehme ich betont langsam einen Schluck von meinem Bier.

Entgeistert starrt er mich an. »Wir haben nie …!«

Ungewollt muss ich grinsen. Meine Provokation zeigt ihre volle Wirkung. »Erinnerst du dich etwa nicht mehr?«

Dustin lacht immer noch und hält sich japsend den Bauch, während alle anderen mich nur mit großen Augen ansehen – erwartungsvoll, überrascht, neugierig. So lange, bis ich meine Show abbreche und in Dustins Lachen mit einstimme. »Mann, ich verarsche euch doch nur! Ich trinke nur für jedes Mädchen hier, das sich schämt, es zu zugeben.«

Jetzt kann sich Dustin gar nicht mehr halten und fällt mit einem lauten Keuchen vom Sofa. Auf dem Boden lacht er weiter. Grinsend sehe ich erst zu ihm und dann zu Jason, der mittlerweile vor Wut rot angelaufen ist. Ihm ist die Kontrolle über die Situation entglitten, was er überhaupt nicht haben kann und was mir somit tausend Pluspunkte in unserem Krieg beschert.

»Ich mache dann mal weiter«, räuspert sich Josh auf einmal und schaut nervös um sich. Unangenehme Momente will er immer möglichst schnell auflösen oder ihnen sofort aus dem Weg gehen. Seufzend lehne ich mich zurück, weil mein Spaß jetzt vorbei ist. Josh redet weiter: »Ich habe noch nie mit zwei Leuten …«

»Warum immer so perverse Sachen?«, unterbricht ihn Eileen, ein hübsches braunhaariges Mädchen mit blauen Augen. »Das ist doch bescheuert«, beschwert sie sich.

»Nur weil du dann nie trinken kannst?«, entgegnet Jason lachend und sofort entspannt sich seine Haltung. Sobald er sich wieder auf andere konzentrieren und seine üblichen Sprüche raushängen lassen kann, ist er zufrieden.

Verärgert presst Eileen die Lippen aufeinander und funkelt ihn aus wütenden Augen an, wagt es aber nicht, noch etwas zu sagen. Ich widerstehe dem Drang wegen Jasons Überheblichkeit eine weitere Szene zu schieben und schaue stattdessen zu Dustin, der den Kommentar wie jeden anderen Satz als Witz aufgefasst hat und – geschüttelt von dem nächsten Lachanfall – prompt wieder von dem Sofa fällt, auf das er sich gerade erst wieder gesetzt hatte. Die Bekanntschaft mit dem Boden ist dieses Mal seinem leidenden Schrei nach zu urteilen, deutlich schmerzhafter.

 

Drei Stunden später sitze ich draußen mit Josh, Dustin und einem mittlerweile doch sehr hohen Alkoholpegel auf dem Rasen und reiße Grashalme aus. Keine Ahnung, warum. Aber es hat einen sehr entspannenden Effekt. Die anderen beiden reden nicht und schauen nur stumm in die Ferne. Ich mustere die vielen Leute, die sich auf der improvisierten Tanzfläche auf der Terrasse bewegen und ihre Hände bei jedem Beat übermütig in die Luft schmeißen. Andere hocken in einzelnen Gruppen zusammen, gestikulieren wild und erzählen laute Geschichten, an die sich morgen sowieso keiner mehr erinnern wird. Die Luft ist kühl und trotzdem umgibt mich der Geruch nach Alkohol und Rauch wie eine undurchdringbare Wolke.

Gerade als ich beginne, den stillen Moment zu genießen, kommt jemand mit großen Schritten auf uns zu und bleibt direkt vor mir stehen. Mein Blick gleitet über schwarze Sneakers, trainierte Beine in einer verwaschenen Jeans und ein zerknittertes graues Shirt zu einem kantigen Gesicht, das mich intensiv mustert. Jason. Seine Haare sind komplett zerzaust, die Wangen glühen in dem kalten Abendwind. Ich schlucke, weil ich mir nur zu gut denken kann, womit er die letzte Stunde verbracht hat.

»Dustin, was machst du denn mit der hier?«, meint er zu seinem Freund und wie er es betont, gefällt mir überhaupt nicht.

Da Dustin nicht mehr in der Lage ist zu antworten, fällt Jasons Blick wieder auf mich. »Lass ihn in Ruhe, er ist auch ohne deinen Einfluss idiotisch genug.«

»Süß, wie du versuchst böse zu sein«, erwidere ich, setze ein gekünsteltes Grinsen auf und drücke mich mit den Armen hoch. Schwankend stehe ich auf, verliere aber sofort wieder das Gleichgewicht und drohe umzufallen. Sofort packen Jasons starke Arme mich, halten mich fest, kontrollieren meinen Stand. Sein Atem schlägt mir entgegen, seine Nähe ist unausweichlich. An seinem Shirt hängt der Geruch eines teuren blumigen Parfüms. Eileen. Ihre übertriebene Duftmarke erkennt man überall. Ich verziehe das Gesicht.

»Vielleicht …«, raunt er und beugt sich so weit runter, dass sein Mund direkt an meinem Ohr schwebt. »Vielleicht können wir ändern, dass ich noch nie in deinem Bett war, Raven Cooper.«

Fast wäre mir die Kinnlade heruntergeklappt. Doch im letzten Moment verhindere ich es, zwinge mich dazu, die Situation auszunutzen und ein viel genialeres Spiel zu spielen. Ich stelle mich zaghaft auf Zehenspitzen, sodass mein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt ist. Seine Augen sind stürmisch. Meine starr und kontrolliert. »Vielleicht«, flüstere ich und drücke mich kurz, aber effizient an ihn heran. Unsere Lippen berühren sich fast. Sein Atem geht schneller. Meiner bleibt ruhig.

Dann ramme ich ihm mit voller Wucht mein Knie in die Mitte.

Keuchend taumelt er zurück, hält die Hände vor seinen Schritt und verzieht leidend das Gesicht. Ich hingegen richte triumphierend mein Oberteil und setze ein siegreiches Grinsen auf. Sein wütender Blick geht zu mir, scheint mich zu erdolchen. Doch er weiß, dass er diese Runde verloren hat.

»Mich wirst du niemals haben«, meine ich und mache auf dem Absatz kehrt. Der Geruch von Eileens Parfüm und seinem Schweiß immer noch in meiner Nase.

 

3

 

 

Zwei Tage später nimmt unser aller Leben eine neue Wendung. Ich stehe in einer beigen Jogginghose und einem schwarzen Langarmshirt vor einem eintönigen, grauen Gebäude. Das Gebäude, in dem ich die nächsten Jahre verbringen werde. Die Fassade bröckelt fast ab, nur vereinzelte Fenster wurden an der langen Seite angebracht, sodass nur wenig Licht nach innen fällt. Auf dem betonierten Schulhof wurden einige schlichte Bänke so unregelmäßig verteilt, dass man meinen könnte, sie wären auf dem Weg zum Sperrmüll dort einfach abgestellt worden. Selbst unsere alte Schule war schöner als diese.

»Ich kann es nicht fassen, dass du die Jogginghose angelassen hast«, beschwert sich Damien neben mir und schüttelt ungläubig den Kopf. »Ich gehe jetzt rein und du kommst in fünf Minuten nach, damit uns keiner miteinander in Verbindung bringt, alles klar?«

»Vergiss es«, erwidere ich und werfe ihm einen feurigen Blick zu. »Du bist mein Bruder, also was ist dein Problem? Steh dazu.« Dann mache ich mich auf den Weg zu der großen Eingangstür.

Seufzend folgt Damien mir. »Das meinte ich so doch gar nicht …«

»Gut, denn du kennst mich schon lange genug. Ich bin gerne verrückt und deine so genannten Neuanfänge brauche ich nicht«, rede ich weiter und stoße die Tür mit Schwung auf. Ein langer Flur erstreckt sich vor uns, von dem gefühlt Tausend weitere schmale Gänge abzweigen. Überall stehen Jugendliche, unterhalten sich laut, schreien durch die Gegend oder haben einfach nur Kopfhörer in den Ohren, um den Rest der Welt auszuschalten.

»Ich habe keine Ahnung, wo ich hin muss«, sage ich und sehe schulterzuckend zu Damien.

Stopp. Wo ist Damien?

»Damien?«, rufe ich und drehe mich einmal im Kreis. Hoffnungslos. Genervt setze ich mich in Bewegung und dränge mich durch die Menschenmassen. Dabei weiche ich ausgestreckten Ellbogen, offenen Spindtüren und fliegenden Papierkügelchen aus, bis ich mit meiner Geduld völlig am Ende bin. Ich erkenne einige Schüler von der Alemany High, bin aber zu stolz, um sie oder irgendjemand anderes nach dem Weg zu fragen.

Schlechte Entscheidung. Denn zwanzig Minuten später sind alle in ihre Räume geflüchtet und ich stehe allein und unschlüssig mitten in einem leeren Flur, in einem heruntergekommenen Gebäude, das ich noch nie zuvor in meinem Leben betreten habe. Wenigstens habe ich noch meinen Stolz.

»Hast du frei?«, höre ich plötzlich eine helle Stimme und fahre augenblicklich herum, sodass ich direkt in das gepuderte Gesicht eines blauäugigen Mädchens blicke. Ihre Haare sind so hell, dass sie fast weiß wirken, die Augenbrauen dafür umso dunkler. Sie ist groß und trägt eine schwarze Hose mit bunten Schriftzügen. Dazu eine ebenso schwarze Jeansjacke über einem kurzen weißen Shirt, welches ihren flachen Bauch ein Stück entblößt. Neben ihr steht ein noch größerer Junge mit den gleichen intensiven blauen Augen. Auch seine Haare sind unnatürlich hell und die Augenbrauen unglaublich dunkel. Zu dem in Blautönen gemusterten Hemd hat er eine weite Jacke in Hellblau kombiniert.

Ich blinzle einmal, dann antworte ich knapp: »Nein, ich habe nicht frei.«

»Du weißt aber, dass der Unterricht schon angefangen hat?«, mischt sich der Junge fragend ein und verschränkt amüsiert die Arme vor der Brust.

»Du weißt aber, dass mich das nicht interessiert?«, gebe ich genervt zurück und würde im nächsten Moment am liebsten laut fluchen. Immer werde ich aus Versehen unhöflich.

Doch zu meiner Erleichterung fängt das Mädchen sofort an zu lachen. »Haha, Finn, Eins zu Null für das Jogginghosenmädchen!«

»Halt die Klappe, Willow«, brummt der blonde Junge namens Finn und wendet sich schmollend ab.

»Seid ihr Geschwister?«, will ich wissen und mustere ihre identischen Gesichtszüge, Haare und Augen. Wenn ich schon meinen Unterrichtsraum nicht finde, kann ich mir die Zeit wenigstens auf diese Weise vertreiben.

»Leider ja«, kommt es seufzend von dem Mädchen. »Ich bin Willow und das ist Finn.«

Finn hingegen grinst schon wieder und richtet sich fragend an mich: »Und wer bist du, Jogginghosenmädchen?«

»Reicht nicht einfach das Jogginghosenmädchen?«, meine ich und verziehe den Mund zu einem gespielten Lächeln.

»Zwei zu Null!«, ruft Willow lachend und stemmt grinsend die Arme in die Hüfte. Mit ihrer selbstbewussten und aufgeweckten Art ist sie mir schon in den wenigen Sekunden unglaublich sympathisch geworden.

Gerade als ich in ihr Lachen miteinstimmen will, ertönen weitere Schritte am anderen Ende des kahlen Flures. Sofort drehen wir uns alle drei um. Zwei Jungen in meinem Alter gehen nebeneinander den Gang entlang, die Hände in den Tiefen ihrer Hosentaschen versenkt. Der eine ist braun gebrannt mit schwarzen, unglaublich weich aussehenden Haaren und fängt schon aus der Ferne an, breit zu lächeln, wobei sich um seine Mundwinkel leichte Grübchen bilden. Bei seinem attraktiven und gleichzeitig herzlichen Anblick macht mein Herz unweigerlich einen Sprung.

Doch der größere Junge neben ihm lässt diese Wärme direkt wieder abkühlen. Er hat den Kopf hoch erhoben, schaut grimmig drein und nickt Willow und Finn lediglich kurz zu, als er bei uns ankommt. Mich würdigt er keines Blickes.

Sein Freund hingegen bleibt fröhlich und begrüßt Finn mit einem festen Handschlag. Nach einem kurzen »Hi, Willow« bleiben seine dunklen Augen schließlich an mir hängen. Interessiert sieht er mich an. »Bist du neu hier?«

Obwohl ich seine Freundlichkeit schätze, sage ich nur: »Offensichtlich.«

»Hast du eine Jogginghose an?«, ist seine nächste Frage.

»Stellst du eigentlich nur dumme Fragen?«

Anstatt beleidigt den Kopf einzuziehen, wird sein Grinsen nur noch breiter. »Meistens.«

Bevor ich etwas erwidern kann, hat der verbitterte Junge neben ihm ihn schon angestoßen und sie verabschieden sich genauso schnell, wie sie uns begrüßt haben. Zurück bleibt nur noch ein Luftzug der beiden und wieder ein leerer Flur.

Neugierig drehe ich mich zu den beiden Geschwistern. Der Auftritt des gebräunten Jungen hat zugegebenermaßen Eindruck bei mir hinterlassen. »Wer ist das?«, will ich wissen.

»Das ist Cole Blake«, erklärt mir Willow schwärmerisch. »Der perfekteste Junge, den du jemals finden wirst. Attraktiv. Witzig. Charmant.«

Finn stöhnt auf und boxt ihr in die Seite. Dann wendet er sich an mich: »Der andere ist Alexander McCall. Verliere bloß nicht deine Jungfräulichkeit an ihn, Jogginghosenmädchen. Deine Jungfräulichkeit an Alexander zu verlieren, ist das Schlimmste, das dir passieren kann.«

»Und du bist Gossip Girl, oder wie?«, gebe ich grinsend zurück. Amüsiert darüber, dass er mir nach fünf Minuten Bekanntschaft bereits Ratschläge gibt, mit wem ich ins Bett steigen sollte und mit wem nicht.

»Drei zu Null«, kommentiert Willow trocken und wackelt mit den Augenbrauen. Anscheinend hat sie ihren Spaß daran gefunden.

Finn zeigt sich unbeeindruckt und zuckt nur mit den Schultern. »Ich meine ja nur, dass …«

»Komm«, unterbricht seine Schwester ihn und hakt sich bei mir ein, um mich von ihm wegzuziehen. »Finn ist so eine Tratschtante«, flüstert sie mir zu.

»Das habe ich gehört!«, ruft er empört von hinten. »Hey, warum schließt ihr mich von den Mädchengesprächen aus?«

»Weil du kein Mädchen bist?«, kommt es von mir. Darauf kann er nichts erwidern, also schmollt er und das obwohl ich liebend gerne mit ihm tauschen würde. Derartige Mädchengespräche sind nämlich in Wahrheit überhaupt nichts für mich.

Willow hingegen grinst weiterhin. Sie ist mitten drin in ihrem Tratsch. »Alexander und Cole sind absolut gegensätzlich. Der eine wickelt die Mädchen mit seinem besten Stück um den Finger, der andere mit seinem Lächeln.«

Sofort verziehe ich das Gesicht. Zu viel des Guten. »Oh Gott, ich habe nicht nach seinem besten Stück gefragt!«, stoße ich entsetzt aus.

Wieder fängt Willow an zu lachen. Dann legt sie mir eine Hand auf die Schulter und sieht mich aus ihren großen blauen Augen an. »Du gefällst mir Jogginghosenmädchen. Aber noch ein Tipp für das Leben auf der Westwood High: Verliebe dich weder in Alexander noch in Cole.«

 

»Drücken«, meint Finn und beugt sich ein Stück zu mir.

Fragend drehe ich mich zu ihm um. »Was?«

»Du zeihst an der Tür, obwohl dick und fett drücken draufsteht«, erklärt er mir grinsend, wobei mir seine weißen Zähne entgegen strahlen. Dann drückt er die schwere Tür zu der vollen Cafeteria auf.

Genervt folge ich Willow und ihm zu der Essensausgabe. Der riesige Raum ist mit Menschen regelrecht überflutet, überall wird gerufen, gelacht, Essensreste landen auf dem Boden, Tablette krachen auf die grauen Tische. Der Geruch nach Fisch und Kartoffelbrei steigt mir in die Nase, während tausend Stimmen an meine Ohren dröhnen.

Statt mir heute Morgen bei meiner Raumsuche zu helfen, haben Willow und Finn mich lieber zu dem nächsten Café geschleppt, in dem es wunderbar duftenden Kaffee gab. Anscheinend hatten sie keine Lust auf Unterricht. Es hat sich herausgestellt, dass beide von nun an in meine Stufe gehen, obwohl Finn ein Jahr älter ist, jedoch vor mehreren Jahren gezwungen war eine Klasse zu wiederholen. Sie haben sofort so herzlich mit mir geredet, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Dabei haben sie sich genauso oft gestritten und angestachelt, wie Damien und ich es gerne tun. Normalerweise überfordert Herzlichkeit mich, besonders wenn sie so stark ausgeprägt ist, da ich dazu neige, auf Freundlichkeiten mit Sarkasmus zu reagieren. Doch Willow und Finn lachen eher mit mir darüber, als sich beleidigt zu fühlen.

Gerade als wir uns einen Platz am Fenster ergattert haben, kommt Josh wie aus dem Nichts aufgebracht auf mich zu. Bei seinem schnellen Gang hüpfen die blonden Haare auf seinem Kopf auf und ab. Bei uns angekommen, stützt er atemlos die Hände auf den Tisch und fokussiert mich eindringlich mit seinen hellen Augen. »Wo warst du?«

Krampfhaft überlege ich. Ausrede. Ausrede. Ausrede. Mir fällt keine ein.

»Ähh«, mache ich. »Ich hatte Durchfall.«

Sofort hebt Josh vorwurfsvoll eine Augenbraue und deutet trocken auf Willow und Finn. »Die beiden Blondies auch?«

»Es ist nicht schlau, jemanden Blondie zu nennen, wenn man selber blond ist«, lenke ich ab und schiebe mir eine Gabel mit pampigem Kartoffelbrei in den Mund. Wie zu erwarten, ist er komplett geschmacklos und hat so eine eklige Konsistenz, dass ich die Gabel klirrend wieder fallen lasse.

»Sie sind blonder als ich«, rechtfertigt sich Josh in dem Moment und verzieht den Mund zu einer Schmolllippe. »Aber darum geht es überhaupt nicht. Wo warst du, Raven?«

Wieder suche ich eine Ausrede. »Hat Jason mich etwa vermisst?«, will ich grinsend wissen.

Fragend sieht Josh mich an. In seinem Blick liegt bloßes Unverständnis. »Warum sollte er? Dreh dich doch mal um, er ist gerade damit beschäftigt, sein übergroßes Ego hier zu verteilen.«

Ich folge seinem Rat, drehe abrupt den Kopf und entdecke Jason mit seinen beiden Freunden, die nicht weit entfernt mit zwei weiteren Jungen heftig diskutieren. Sofort erkenne ich, dass es sich um die beiden handelt, die wir vorhin im Flur getroffen haben. Cole und Alexander. Augenblicklich schießen mir Willows Worte durch den Kopf.

Sie sind absolut gegensätzlich. Der eine wickelt die Mädchen mit seinem besten Stück um den Finger, der andere mit seinem Lächeln.

Fast hätte ich aufgelacht. Anscheinend bin ich hier in einer waschechten Soap gelandet.

»Fünf Prinzen, aber es kann nur einen König geben«, unterbricht Willow meine Gedanken auf eine so theatralische Art und Weise, dass ich sofort den Mund verziehe. Wohl wirklich eine amerikanische Fernsehserie. Langsam fährt sie sich durch die langen blonden Haare. »Das wird spannend.«

»Oder eine Königin«, erwidere ich kurzerhand und stehe mit Schwung auf. Provokant ziehe ich meinen Ausschnitt etwas nach unten und werfe meine Haare mit einem Lächeln nach hinten. Showtime.

Doch Josh hält mich mit flehendem Blick fest. »Was auch immer du vorhast, mach es nicht.«

»Schau einfach zu«, gebe ich zurück und grinse. Dann gehe ich sicheren Schrittes auf die Gruppe von Alphatieren zu. Ich kämpfe mich selbstsicher durch die Menge, wobei ich einige vorwurfsvolle Flüche erhalte, die meine Entschlossenheit jedoch nur noch vorantreiben.

Gerade als die Jungs in Reichweite sind, erkennt mich Cole Blake und löst sich kurzerhand von der Gruppe. Er setzt ein freundliches Lächeln auf und kommt dann schnurstracks auf mich zu. Verärgert blicke ich ihm entgegen. Damit wird er meinen legendären Auftritt zerstören.

Der perfekteste Junge, den du jemals finden wirst. Attraktiv. Witzig. Charmant.

Oder aber ein selbstbewusster Idiot, der meinen Plan durcheinanderbringt.

Direkt vor mir bleibt er stehen. Gezwungenermaßen tue ich es ihm gleich. Ja, er hat meinen Auftritt definitiv zerstört. Als er keine Anstalten macht, einen Schritt zur Seite zu gehen, verschränke ich demonstrativ die Arme vor der Brust. »Okay, du bist heiß, aber das gibt dir kein Recht, mir den Weg zu versperren.«

Sofort lacht er auf, wobei seine dunklen Augen belustigt aufblitzen. Zur Seite geht er jedoch trotzdem nicht.

»Soll ich es nochmal auf Chinesisch sagen?«, feuere ich ihm entgegen.

Sichtlich amüsiert schaut er mich an. »Du kannst Chinesisch?«

»Natürlich nicht«, entgegne ich trocken und will mich an ihm vorbei drängen, aber er hält mich problemlos an den Schultern fest. Wütend funkle ich ihn an. Seine Hände liegen weiterhin vollkommen ruhig auf mir, während ich innerlich anfange, zu brodeln.

»Wer bist du?«, will er wissen. Dabei macht er immer noch keine Anstalten, mich loszulassen.