DOROTHY GALLAGHER wurde 1935 als Tochter russisch-jüdischer Emigranten in New York geboren. Die Welt ihrer Kindheit in Washington Heights war bunt und wild: Im Wohnzimmer hing ein Porträt von Lenin, den sie für ihren Großvater hielt. Obwohl ihre Eltern größte Vorbehalte gegen alles Bourgeoise hatten, wurde die kleine Dorothy für Partys bei Macy’s eingekleidet. Behalten durfte sie die Kleider natürlich nicht, nach der Party wurden sie wieder zurückgebracht. Ihr Studium konnte Gallagher nicht beenden, weil sie vom College geschmissen wurde. Eine ganze Weile schrieb sie Artikel über die Welt der Reichen und Schönen, um sich finanziell über Wasser zu halten, ehe sie schließlich Redakteurin beim Magazin Redbook wurde und als Journalistin reüssierte. Später machte sie sich selbstständig, schrieb u.a. für die New York Times und Grand Street (herausgegeben von ihrem Ehemann Ben Sonnenberg). Zu ihren Büchern zählen das Memoir Life Stories, Hannah’s Daughters, ein Bericht über eine matrilineale Familie, undAll the Right Enemies, die Biographie des italienisch-amerikanischen Anarchisten Carlo Tresca.
MONIKA BAARK, geboren1968in Tel Aviv, gehegter Migrationshintergrund, studierte in Heidelberg Anglistik und Kunstgeschichte. Sie lebt in Berlin und im Wendland. Ins Deutsche übertragen hat sie unter anderem Werke von Margaret Atwood, Vendela Vida und Sheila Heti. Die Übersetzung von Dorothy Gallaghers Buch lieferte ihr den erneuten Beweis, dass sich die Menschheit in zwe Lager teilt: Hundeliebhaber, Katzenliebhaber, und Hunde- und Katzenliebhaber.
LINA SCHEYNIUS,1981in Vänersborg, Schweden, geboren, hat das Coverbild fotografiert. Sie macht atemberaubende Aufnahmen von Akten und Stillleben sowie Selbstporträts. Ihre Fotografien fangen Facetten von Intimität und Schönheit ein, die gewöhnlich verborgen bleiben, wie herausgerissene Seiten aus einem Tagebuch. Manchmal leuchtend, dann wieder verschwommen – immer intensiv und zum Nachdenken anregend –, lesen sich ihre Bilder wie Poesie. Scheynius’ Ästhetik vermittelt unumstößliche Wahrheiten und offenbart das Zarte, das gesehen zu werden verdient. Ihre Bilder wurden weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt.2012übernahm Scheynius die wöchentliche Bildkolumne imZEITmagazinvon Jürgen Teller. Lina Scheynius lebt und arbeitet in London, und ihre Lieblingsblume ist die Holzanemone.
Für Ben, dann doch.
When I was a young girl,
well I had me a cowboy …
John Prine
Ben starb plötzlich an einem sonnigen Junimorgen im Jahr 2010. Im Oktober verkaufte ich die Wohnung, in der wir in den dreißig Jahren unserer Ehe gelebt hatten, drängte unsere betagte Katze in ihren Tragekorb und zog mit ihr ein paar Blocks weiter in die Studiowohnung im vierten Stock ohne Lift, die mein Büro gewesen war.
In den Monaten vor Bens Tod hatte ich angefangen, für ein Buch zu recherchieren, eine Biographie. Jetzt nahm ich die Arbeit daran wieder auf: Von frühmorgens bis zum frühen Nachmittag tauchte ich in ein fremdes Leben ein. Die verbleibenden Stunden des Tages und die Nächte waren dunkel vor Trauer, die Zeit, die ich mit dem Buch verbrachte, eine Atempause. Ich war so dankbar, beschäftigt zu sein.
Unweigerlich kam der Tag, da war das Buch fertig: Die letzte Zeile war geschrieben, der Text redigiert, die Fahnen gelesen. Dennoch ging ich jeden Morgen durchs Zimmer zu meinem Bürostuhl. Nicht um zu schreiben, nur um eine Weile in meinem Stuhl zu sitzen. Fast vierzig Jahre lang hatte mein Arbeitstag in diesem oder jenem Bürostuhl begonnen. In den Anfangsjahren saß ich an einer manuellen Schreibmaschine, im Einzug ein Blatt Papier, später an einer elektrischen Schreibmaschine, dann am Computer. Vor einem Schreibinstrument zu sitzen, zu redigieren, zu schreiben war eine lebenslange Gewohnheit, mehr als eine Gewohnheit, eine Sucht. In diesen Stunden ließen sogar Zahnschmerzen nach. Ich dachte nur an die Arbeit vor mir, erfüllt von maßloser Zuversicht, dass ich früher oder später in der Lage sein würde, alle damit einhergehenden Probleme zu lösen. Ich bin sicher, die Buddhisten haben ein Wort dafür.
Es war nie meine Absicht, über Ehe, Witwenschaft und Trauer zu schreiben. Trauer ist Trauer, kein Leben ist dagegen immun, und jede Menge Witwen haben sich darüber ausgelassen. Aber ich merkte, dass ich, wenn ich allein war, die ganze Zeit mit Ben Gespräche führte. Ich erzählte ihm, was ich machte, was ich dachte; ich erzählte ihm Geschichten über das, was seit seinem Tod passiert war; ich erinnerte mich an die Jahre, bevor wir uns kannten; ich schilderte ihm die neue Wohnung, die ich gefunden hatte; ich erzählte ihm vom Tod unserer Katze; ich sinnierte über unser Leben; ich erinnerte ihn an einen gelben Bademantel, den ich mal hatte; ich verhandelte alte Streitfragen, brachte alte Klagen zur Sprache; ich entschuldigte mich für dies und das, und auch für dies und jenes; ich erzählte von unseren Freunden: wer noch lebte, wer gestorben war, wen ich aus den Augen verloren hatte. Fünf Jahre vergingen, und ich führte immer noch Gespräche mit ihm. Eines verschneiten Februarmorgens, als ich sowieso in meinem Bürostuhl saß, fing ich an zu tippen.
Sag mir: Glaubst du, dass mein Leben in den Jahren seit deinem Tod einfach so weitergegangen ist? Glaubst du, dass ich immer noch durch unsere Räume gehe, dass meine Kleider noch in den Schränken hängen, unsere Bilder noch dicht an dicht die Wände bedecken, unsere Bücherregale überquellen, dass alles, was wir hatten, noch immer an seinem Platz ist? Stellst du dir vor, dass ich, wenn es Abend wird, Licht mache und unsere Freunde kommen vorbei?
Nein, nichts dergleichen. Ich bin da nicht mehr. Fast alles ist weg – verkauft oder verschenkt. Als ich zum letzten Mal die Wohnungstür hinter mir schloss, waren die Zimmer leer, die Regale und Wände kahl, nichts mehr deutete auf unser Leben. Jetzt gehen wildfremde Leute durch diese Räume. Sie stehen am Fenster und sehen, wie die Sonne über dem Hudson versinkt, sie laden ihre Freunde ein und verbringen einen netten Abend, sie glauben, unsere Wohnung gehöre ihnen.
Soll ich dir erzählen, wo ich jetzt wohne? In zwei Zimmern, die in unser altes Esszimmer passen würden. Nein, keine Sorge. Du hast mich nicht mittellos zurückgelassen. Ich wohne in einem Penthouse, ich habe eine Terrasse, ringsum ist Himmel, ich sehe hinaus auf den Central Park, den Teich, wo die Trauerweiden wachsen, ich sehe hinüber zur Fifth Avenue, wo die Gebäude im Sonnenuntergang wie Feuer glühen.
Diese Wohnung habe ich ein Jahr nach deinem Tod gefunden. Erst dachte ich, nein, nicht groß genug, dann fiel mir wieder ein: Ich bin ja jetzt allein. In jenem ersten heißen Sommer züchtete ich Tomaten in Kästen und Cosmea in Töpfen. Spottdrosseln nisteten auf dem Dach. Sie sangen den ganzen Tag und brüteten Junge aus, die groß genug wurden, um durch meine offene Tür zu flattern. Einmal sah ich einen Habicht in der Luft schweben, am nächsten Morgen schwiegen die Vögel.
Noch lange nach meinem Umzug glaubte ich, es sei etwas schiefgegangen, als wäre ich in den falschen Bus gestiegen und im Leben einer anderen gelandet. Jeden Tag schrieb ich dir eine Mail, immer dieselbe: Wärst du doch nur hier. Wärst du doch nur hier. Wärst du doch nur hier. Manchmal wählte ich unsere alte Telefonnummer, wartete in der Leitung und versuchte, etwas aus der Stille herauszuhören.
Ich habe mich an die Stille gewöhnt, ich lebe ohne Stimmen oder Schritte. Manchmal kreischt unten eine Sirene, manchmal klingelt das Telefon, aber meistens höre ich nur das Klingeln in meinen Ohren und das Klicken des Kühlschranks beim An- und Ausgehen. Und den Wind: Wie er heult hier oben im siebzehnten Stock. Und dann kommt ein Tag wie heute, mitten im Februar, an dem kein einziger Windhauch geht. Der Himmel hat die Farbe von Zinn, Schnee hängt in der Luft wie ein Gazevorhang, die Gebäude jenseits des Parks sehen aus wie gemalte Theaterkulissen. Und, ob du’s glaubst oder nicht, zwei Trauertauben hocken auf dem Terrassengeländer.
Habe ich dir nicht gesagt, sei vorsichtig? »Steck dich bloß nicht bei mir an«, sagte ich. Wie dumm von mir. Ich war leichtsinnig gewesen, und du warst mir ausgeliefert. Vielleicht habe ich mich zu dir gebeugt und dir einen Kuss gegeben, wir haben von derselben Gabel gegessen, ich habe gehustet. Jedenfalls hattest du ein paar Tage später meine Erkältung in der Nase, am Abend rasselte dein Atem, am Morgen darauf hast du kaum noch Luft bekommen. Es war nur eine Erkältung, eine schwere Erkältung, ja, aber nicht deine erste. Was konnte schon passieren an diesem herrlichen sonnigen Junimorgen?
Ich kam mit dem Antibiotikum von der Apotheke zurück. Ich machte dir einen Tee mit Honig und Zitrone. Ich senkte kurz den Blick, um das Etikett auf der Pillendose zu lesen. Ich sah auf. Und was sah ich? Dein Mund stand halb offen, und ein dunkles Rinnsal Tee lief dir übers Kinn. Und deine braunen Augen, heller und klarer als der Tee, waren groß und starrten ins Leere! Leblos! In einem Wimpernschlag! Mitten im Gespräch! Warst du noch da? Hörtest du mich deinen Namen schreien?
Ich weiß, ich weiß. Wir haben oft genug darüber gesprochen. Wenn der Tod käme, sollte ich ihn ruhig kommen lassen, wenn du sterben müsstest, dann wäre das so. Mit Panik haben wir nicht gerechnet. Und so geschah alles, wie wir es eben nicht gewollt hatten: der hektische Notruf, die Sanitäter, die Herzdruckmassage, das Atemgerät, der Krankenwagen, der dich mit Vollgas ins Krankenhaus bringt, die Intensivstation, wo du sechs Tage lang beatmet wirst, sediert wirst, im Koma liegst, nur hier und da für ein paar Minuten zu dir kommst, und in einem dieser Momente fragte ich dich: »Liebst du mich?« Und du, der nicht sprechen konnte wegen der Schläuche im Hals und der Sauerstoffmaske über dem Gesicht, zogst drei Mal die Augenbrauen hoch. Wie Groucho Marx. Das habe ich als Ja aufgefasst. Was, wenn ich gefragt hätte: »Vergibst du mir?«