WARUM BIN ICH SO MÜDE?
WARUM BIN ICH SO MÜDE?
STOFFWECHSELSTÖRUNG HPU
Was du gegen chronische Erschöpfung, Verdauungsprobleme, Gelenkschmerzen und andere Beschwerden tun kannst

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Originalausgabe
2. Auflage 2022
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Redaktion: Michaela Mallwitz
Umschlaggestaltung: Karina Braun
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Satz: inpunktwo, Haiger (www.inpunktwo.de)
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-1798-8
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1433-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1434-2

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Vorwort
Wie sich unsere Wege kreuzten
1 Stoffwechselstörung HPU – der Grund für deine Erschöpfung und viele weitere Symptome?
Was ist HPU?
Entstehung der HPU
Müdigkeit und Erschöpfung – das Hauptsymptom der HPU
Auswirkungen von HPU auf die Schilddrüse
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Verdauungsstörungen
Störung der Nervenbotenstoffe
Diagnose von HPU
Was ist der Unterschied zwischen HPU und KPU?
Wenn das Fass überläuft
Die fünf Säulen der HPU-Therapie
2 Genetische Variationen und ihre Auswirkungen
Die aktuelle Situation
Die Grundlagen der Genetik
Wie praktisch vorgehen?
3 Das Entgiftungsproblem bei HPU
Umweltgifte und ihre Auswirkungen
Wie gelangen Gifte in den Körper?
Die Wirkungen von Schadstoffen
Warum Antioxidationsmittel so wichtig sind
Das Entgiftungssystem des Körpers
Das Leaky-Gut-Syndrom
Wie Disbalancen der Entgiftungsorgane dem gesamten Körper schaden
Das Glutathion-System
Warum HPUler schlechter entgiften können
Gute versus schlechte Entgifte
4 Folgeerkrankungen der HPU
Schwachstelle HPU
HPU als Auslöser einer Mitochondriopathie
Funktion der Mitochondrien
HPU und psychische Beschwerden
Angst und Depression bei HPU
Von der Erschöpfung bis zur Nebennierenschwäche
Erschöpfung und Eisenmangel bei HPU
ADS und ADHS bei HPU
HPU und Störungen der Schilddrüse
HPU und Störungen des Verdauungstraktes
HPU und chronische Infektionen
Bewegungsapparat: Arthrose und Osteoporose
Fructoseintoleranz – wenn Fruchtzucker Probleme bereitet
Histaminintoleranz bei HPU
5 Die fünf Säulen der HPU-Therapie in der Praxis
Bestandsaufnahme: Mineralstoffanalyse im Vollblut
Therapiesäule 1: die HPU-Mikronährstoffe
Therapiesäule 2: der Darm
Therapiesäule 3: die Entgiftung
Therapiesäule 4: die Ernährung
Therapiesäule 5: Bewegung trotz Erschöpfung sowie Entspannung
Über die Autoren
Verwendete und empfehlenswerte Literatur
Weitere Empfehlungen der Autoren
Werden wir aufgrund unserer modernen Medizin tatsächlich immer gesünder und älter? Nein, denn in Wirklichkeit wurden wir durch zunehmende Technisierung von der Natur und dem Natürlichen entfremdet und sind dabei immer kränker geworden. Vor allem junge Menschen sind betroffen.
Was setzt uns so zu? Zusatzstoffe in hoch verarbeiteten Lebensmitteln, Medikamentenrückstände im Trinkwasser, mit Pestiziden behandeltes Obst und Gemüse, Toxine in Textilien und die allgegenwärtige Mobilfunkstrahlung, Gifte aus dem Wohn- und Berufsumfeld, manche medizinische und zahnmedizinische Maßnahmen (wie Amalgam, Titan) machen mitunter den Giftcocktail unserer Zeit aus. Manche Menschen stecken all das noch einige Zeit weg, immer mehr leiden aber an Krankheiten, bis hin zu Krebs.
Warum setzt ein und dieselbe Welt dem einen mehr zu als dem anderen? Neben der eigenen Versorgung mit Vitalstoffen, Vergiftung und Bestrahlung spielt das individuelle Entgiftungssystem eine entscheidende Rolle. Ist es gestört, kommt nahezu alles, was unser Wohlbefinden ausmacht, aus dem Takt.
Die Stoffwechselstörung HPU, die seit Jahren zunimmt, kann unsere Entgiftungsprozesse so negativ beeinflussen, dass schlimmstenfalls chronische Erkrankungen oder sogar Krebs am Ende einer langen Leidenskette stehen. HPU ist aktuell noch keine offiziell anerkannte Diagnose, das erschwert die Therapeutensuche und die Kostenerstattung. Es lohnt sich aber, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern die Wurzel des Übels zu kennen und gezielt gegenzusteuern. Dafür wurde dieses Buch geschrieben. Es klärt sachlich, fundiert und umfassend über alles auf, was HPU-Betroffene wissen müssen, um ein beschwerdefreies Leben zu führen.
Sonja Schmitzer und Dr. Karsten Ostermann darf man guten Gewissens als erfahrene Experten in Sachen HPU bezeichnen. Die Lektüre lohnt sich und ist der erste Schritt in ein gesünderes Leben.
Dr. Joachim Mutter
»Ihre Beschwerden sind psychisch bedingt«, war das Fazit einer Ärzteodyssee, die in meinem 7. Lebensjahr begann und in meinem 38. endete.
Bereits in den ersten Schuljahren litt ich häufig unter Übelkeit und Bauchschmerzen. In der Pubertät verschärfte sich das Problem, als sich eine Migräne mit Sehausfällen dazugesellte. Während eines Schulausfluges überrollte mich dann meine erste Panikattacke. Viele weitere folgten. In den folgenden Monaten entwickelten sich Angst und Panik – neben meinen körperlichen Beschwerden – zu meinen täglichen Begleitern. Gedanken wie: »Kann ich aus dem Haus gehen? Wann wird mir wieder übel werden? Wann sackt vielleicht mein Kreislauf ab? Was mache ich, wenn das alles passiert?«, kreisten nonstop in meinem Kopf. Ich stolperte geradewegs in eine Angststörung hinein, die mich viele Jahre begleitete.
Zunächst ließ ich mich kurz nach dem Abitur im städtischen Krankenhaus einmal gründlich durchchecken. Denn irgendeinen Grund mussten die zahlreichen Beschwerden ja haben – davon war ich stets überzeugt. Der stationäre Aufenthalt dauerte drei Tage und war prall gefüllt mit zahlreichen Untersuchungen. Sogar eine Magnetresonanztomografie (MRT) von meinem Kopf fertigten die Ärzte an. Doch alle Untersuchungen blieben ohne auffälligen Befund. Im Entlassungsbericht las ich zum ersten Mal etwas von »psychisch bedingten somatoformen Beschwerden«. Ich war enttäuscht und fühlte mich alleingelassen, denn auf diesem Klinikaufenthalt ruhte all meine Hoffnung, endlich den Grund für die ganzen belastenden Symptome zu finden. Alternativen zu diesem Klinikaufenthalt sah ich Mitte der 1990er-Jahre keine.
Das Internet befand sich gerade erst im Geburtsprozess, und auch in der Literatur fand ich keinen Ansatzpunkt für mein immer größer werdendes Problem. Da ich mich nicht untätig meinem Schicksal überlassen wollte, besann ich mich auf die Diagnose der Klinik und verfolgte zunächst psychotherapeutische Ansätze. Angst- und Panikattacken empfand ich inzwischen als schwerste Bürde meines Zustands. Daher begann ich zunächst eine psychotherapeutische Gesprächstherapie. Dann eine Konfrontations- und schließlich eine Hypnosetherapie. Vor allem Letztere brachte mir eine wesentliche Verbesserung meiner Angst- und Panikanfälle, sodass ich mich nach drei Jahren Ausbildung endlich in der Lage fühlte, ein Studium in einer anderen Stadt anzutreten.
In Berlin erhielt ich die Zulassung, mich für molekulare Biotechnologie einzuschreiben. Präsenzveranstaltungen setzten mich stark unter Druck, da Übelkeit und Bauchschmerzen immer noch meine ständigen Begleiter waren. Mit den Jahren lernte ich, mich an meine Defizite anzupassen: Wegen zahlreicher Unverträglichkeiten vermied ich es, auswärts zu essen. Meine wiederkehrenden Panikattacken in vollen Berliner U-Bahnen umging ich, indem ich mir einen Roller kaufte. Irgendwie kam ich zurecht, war aber ständig erschöpft.
Trotz zahlreicher körperlicher Beschwerden und anhaltender Angst- und Panikattacken verbrachte ich sogar zwei Semester an australischen Universitäten. Mein jugendlicher Tatendrang setzte sich immer wieder gegen Übelkeit, Bauchschmerzen, Erschöpfung und Angst durch. Ich war trotz allem fest entschlossen, etwas aus meinem Leben zu machen.
Nach dem Studium trat ich meine erste Stelle in der Kinderkrebsforschung an der Charité in Berlin an. Ich sah meine Zukunft in der medizinischen Forschung. Doch der Druck und ein wenig empathischer Chef laugten mich zunehmend aus. Inzwischen frisch verheiratet, zog ich die Familienplanung dem Job vor und bekam mein erstes Kind. Auf eine übelkeitsreiche Schwangerschaft folgten die mit einem Säugling üblichen kurzen Nächte und das Hormonchaos nach der Geburt – eine fatale Kombination für mich. Sämtliche Symptome, die ich während des Studiums einigermaßen im Griff hatte, verstärkten sich explosionsartig. Rückblickend empfinde ich diese Zeit mit meiner neugeborenen Tochter als Tiefpunkt meiner HPU-Geschichte. Denn nun hatten meine Beschwerden nicht nur Auswirkungen auf mich, sondern auch auf mein Kind.
So vergingen die Jahre. Mir ging es mal besser, mal schlechter – in stressigen Zeiten immer am miesesten. Irgendwann gesellte sich zu meinen zahlreichen Beschwerden auch noch eine chronisch verstopfte Nase. Ich bekam abschwellende Nasensprays, irgendwann ein Cortisonspray – nichts half. Der HNO-Arzt nannte mir eine Operation als Mittel der Wahl. Immer wieder ließ ich mich von Ärzten untersuchen, Blutbilder anfertigen, eine Darmspiegelung und Tests auf Lactose- und Fructoseunverträglichkeit durchführen. Alle Befunde blieben unauffällig. Auch Weglassdiäten bestimmter Lebensmittel brachten mir keinen merklichen Erfolg. So passte ich mein Leben an meine Beschwerden an: Ich mied Dinge, die mir Angst machten, und aß nur, wovon mir nicht übel wurde. Leider wurde die Auswahl in beiden Bereichen zunehmend kleiner. Beruflich orientierte ich mich neu und absolvierte während der zweiten Babypause ein Fernstudium zur Fachjournalistin. Ich verstand zunehmend, dass es mir nur dann besser ging, wenn ich die großen Stressfaktoren aus meinem Leben eliminierte. In dieser Zeit entdeckte ich auch das regelmäßige Yoga für mich.
Alles änderte sich, als ich im Jahr 2016 mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern in einen Vorort von Berlin zog und damit meinen Hausarzt wechselte. Als meine Verdauungsbeschwerden einmal wieder auf einem Tiefpunkt angelangt waren und ich ihn aus purer Verzweiflung zum ersten Mal aufsuchte, fragte er unmittelbar, nachdem er meine Leidensgeschichte gehört hatte: »Haben Sie schon einmal einen HPU-Test gemacht?«
Einen HPU-Test? Ich hatte noch nicht einmal davon gehört, obwohl ich mich lange und ausführlich mit meinen Beschwerden beschäftigt hatte. Wie Dr. Ostermann vermutet hatte, fiel der HPU-Test (HPU ist die Abkürzung für Hämopyrrollaktamurie) deutlich positiv aus. Als Fachjournalistin suchte ich natürlich sofort nach Quellen für diese Stoffwechselstörung. Doch meine Suche war ernüchternd: Als Pseudoerkrankung ohne medizinische Evidenz bezeichnete das Robert Koch-Institut die HPU. Ich war skeptisch, vertraute meinem neuen Arzt aber dahingehend, dass er bereits vielen Patienten mit ähnlichen Symptomen helfen konnte.
Die HPU-Therapie war der Beginn eines ganz neuen Lebensgefühls für mich. Innerhalb eines Jahres besserten sich alle meine Symptome deutlich, nach zwei bis drei Jahren waren sie verschwunden, eine Operation der Nase war nicht mehr nötig.
Um anderen Betroffenen zu helfen, habe ich im Jahr 2019 das Informationsportal www.hpuandyou.de ins Leben gerufen.
Sonja Schmitzer
Als Sonja Schmitzer in meine allgemeinmedizinische Praxis in Teltow bei Berlin kam, litt sie hauptsächlich unter massiven Verdauungsbeschwerden, Erschöpfungszuständen, Angst- und Panikattacken – typische und häufige Beschwerden bei der Stoffwechselstörung HPU. Die meisten Betroffenen haben wie Sonja einen langen Leidensweg und eine mindestens genauso lange Ärzteodyssee hinter sich, bevor sie auf die HPU stoßen.
HPU ist meist nicht der einzige Grund für Müdigkeit, Erschöpfung und zahlreiche andere Beschwerden, aber ein unglaublich großer Hebel zur Verbesserung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens meiner Patienten. Ein HPU-Test gehört in meiner Praxis für alle Patienten mit chronischen Beschwerden mittlerweile zur Standardanamnese.
Wir haben dieses Buch geschrieben, um alleingelassenen Patienten und ratlosen Ärzten einen effektiven und mittlerweile vielfach bewährten therapeutischen Ansatzpunkt aufzuzeigen. Die HPU-Behandlung setzt an den Ursachen der Beschwerden an, anstatt nur die Symptome zu bekämpfen.
Dass das Robert Koch-Institut die HPU immer noch als »Pseudo-Erkrankung« einstuft, weil es keine groß angelegten, randomisierten, placebokontrollierten Studien dazu gibt, beeindruckt mich inzwischen überhaupt nicht mehr. Ich habe so vielen chronisch erschöpften und kranken Patienten mit der HPU-Therapie helfen können, dass ich keine Studien mehr brauche, um von ihrer Existenz überzeugt zu sein.
In diesem Buch stellen wir dir die Stoffwechselstörung HPU in all ihren Facetten vor. Wir zeigen dir, warum die HPU in erster Linie Müdigkeit und Erschöpfung verursacht – aber auch viele weitere Symptome mit sich bringen kann. Du erfährst, was Menschen mit HPU guttut und was sie besser meiden sollten, und natürlich, wie man die HPU mit einfachen Mitteln ausgleichen kann. Unsere Mission ist es, Menschen mit HPU zu mehr Energie und Wohlbefinden zu verhelfen.
Dr. Karsten Ostermann
Du fühlst dich oft müde und erschöpft, hast das Gefühl, dir ist alles zu viel? Du verträgst bestimmte Nahrungsmittel nicht oder hast eine Schilddrüsenstörung? Angstzustände, Panikattacken oder depressive Episoden begleiten dich immer wieder? Vielleicht hast du auch bereits eine längere Ärzteodyssee hinter dir? Doch eine wirkliche Ursache für deine Beschwerden wurde nie gefunden? Vielleicht hast du auch gehört, das sei alles »psychisch bedingt«? Möglicherweise steckt die Stoffwechselstörung HPU dahinter. HPU ist ein häufiger, aber bisher noch weitgehend unbekannter Grund für ständige Müdigkeit und Erschöpfung – und für viele weitere Symptome, für die in klassischen Arztpraxen oft keine Ursache gefunden wird.
Die Abkürzung HPU steh für Hämopyrrollaktamurie und bezeichnet eine Stoffwechsel- und Entgiftungsstörung. Oft sind mehrere Familienmitglieder von HPU betroffen, daher geht man von einer genetisch bedingten Störung aus. Schätzungen zufolge leiden zehn Prozent aller Frauen und ein Prozent der Männer von HPU.
Was hat die HPU nun mit Müdigkeit und Erschöpfung zu tun? Die schnelle, kompakte Antwort auf die Frage »Warum bin ich so müde?« lautet:
In diesem Buch werden wir dir ausführlich erklären, was HPU ist und was du gegen deine Müdigkeit und zahlreiche weitere Begleiterscheinungen der HPU tun kannst. Das Problem liegt hauptsächlich in fehlerhaft ablaufenden Stoffwechselprozessen, doch mit den vorgestellten Methoden kann man selbst aktiv das Problem an der Wurzel packen und somit die beschwerlichen Symptome beseitigen.
Bei HPU wird das Häm-Molekül im Körper nicht richtig hergestellt, und es gehen Mikronährstoffe verloren – mit weitreichenden Konsequenzen.
Vielleicht denkst du nun: »Häm? Was war das noch mal? Und muss ich mich nun wirklich mit Biochemie herumquälen?« Nein, du musst kein Profi in Biochemie werden, um HPU zu verstehen. Wenn du jedoch eine grobe Vorstellung davon hast, was im HPU-Stoffwechsel anders läuft, kannst du leichter nachvollziehen, welche Folgen das für dich haben kann. Und natürlich, wie du das »Problem« beheben kannst.
Bevor wir also einen kurzen Blick auf die Biochemie unseres Körpers werfen, müssen wir noch einen Begriff klären, der uns immer wieder begegnen wird.
Häm ist ein Bestandteil wichtiger Enzyme wie Cytochrome, Peroxidasen, Katalasen und Tryptophan-Pyrrolasen. Enzyme sind wichtige »Bauarbeiter« in unserem Körper. Ihre Aufgabe ist es, aus einem Stoff einen anderen herzustellen. Die Herstellung von Häm ist ein komplizierter Prozess, an dem acht verschiedene Enzyme beteiligt sind. Bei HPU ist der Aufbau des Häm-Moleküls teilweise gestört, das heißt, drei bis vier dieser Enzyme arbeiten nicht richtig. Wäre der Prozess vollständig gestört, wären wir tot. Denn ohne Häm kann der menschliche Körper nicht überleben. Bei HPU wird während des Aufbaus des Moleküls hin und wieder ein Ring fälschlicherweise spiegelverkehrt geschlossen, wodurch das Molekül für den Organismus unbrauchbar, ja sogar toxisch wird.
Die HPU ist eine Stoffwechselbesonderheit, die den Porphyrieerkrankungen zugeordnet wird. Während es sich bei den Porphyrien um anerkannte Erkrankungen (Klassifizierung nach ICD-10: E80, Störungen des Porphyrinund Bilirubinstoffwechsels) handelt, ist die HPU keine offiziell anerkannte Stoffwechselstörung. Da sie langsam und chronisch verläuft, fällt sie Medizinern oft nicht auf. Für die Betroffenen bedeutet das:
Um die HPU und ihre Auswirkungen auf den menschlichen Stoffwechsel zu verstehen, muss man sich zunächst vor Augen führen, an wie vielen unterschiedlichen Prozessen Häm beteiligt ist:
Versteht man, wo überall im Körper Häm gebraucht wird, wird schnell klar: Steht dem Körper nicht genügend Häm zur Verfügung, kann das zahlreiche negative Folgen haben. Auf diese Folgen werden wir später genauer eingehen.
Durch die Aufbaustörung von Häm kommt es neben einem Mangel an Häm auch zu einer Anhäufung toxischer Zwischenprodukte, also fehlgebautem Häm, das der Körper wieder ausscheiden muss.
Um die toxischen Zwischenprodukte wasserlöslich zu machen und über die Niere und den Urin wieder abzuführen, heftet der Körper Zink und Vitamin B6 (in der aktiven Form namens Pyridoxal-5-Phosphat; wie sich aktive und inaktive Formen unterscheiden wird ab Seite 41 genauer betrachtet) und teilweise auch Mangan daran. Diese Mikronährstoffe gehen mit der Ausscheidung des fehlgebauten Häm-Moleküls verloren.
Auf den primären Mikronährstoffverlust kann auch ein sekundärer erfolgen, da der Körper nun die nicht optimal ablaufenden Stoffwechselwege auszugleichen versucht. Meist kann der so entstehende Mangel an Mikronährstoffen nicht allein mit der Nahrung ausgeglichen werden. Eine einseitige Ernährung befeuert den Mikronährstoffmangel zusätzlich.


Fehlerhaft gefaltetes Häm kann eine Vielzahl an Störungen im Körper verursachen.
Die HPU kann sich in zahlreichen unterschiedlichen Symptomen äußern. Aber nahezu alle unbehandelten HPUler leiden unter Müdigkeit und Erschöpfung beziehungsweise schneller Erschöpfbarkeit. Die Gründe dafür können vielfältig sein:

Adenintriphosphat (ATP) ist die wichtigste Speicherform chemischer Energie im Körper. Ist durch Häm-Mangel die Produktion gestört, ist Müdigkeit die unausweichliche Folge.
Darüber hinaus leiden die Betroffen häufig unter den folgenden Symptomen:
Die zahlreichen und vielfältigen Symptome verwundern umso weniger, je besser man versteht, an wie vielen Prozessen nicht nur Häm, sondern auch die massenhaft verbrauchten Mikronährstoffe Zink, Vitamin B6 und Mangan beteiligt sind. Einen kleinen Eindruck davon vermitteln die folgenden Ausführungen:
Mehr als 100 Stoffwechselreaktionen hängen von Vitamin B6 beziehungsweise seiner aktiven Form P5P ab. Dazu gehören zum Beispiel:
Bei einem Vitamin-B6-Mangel können all diese Prozesse gestört sein. Auch die Aufnahme von Zink, Magnesium, Mangan und Chrom ist durch einen Vitamin-B6-Mangel erschwert. Das wiederum bleibt nicht ohne Folgen: Ein verringerter Magnesiumspiegel beispielsweise bremst die Fähigkeit des Stoffwechsels zu phosphorylieren – das heißt, Moleküle mit Phosphatresten zu versehen. Ohne Phosphorylierung kann der Körper jedoch das Vitamin B6 nicht in seine stoffwechselaktive Form Pyridoxal-5-Phosphat (P5P) umwandeln. Auch die Vitamine B1 und B2 können unter diesen Bedingungen nur schwer aktiviert werden.
Über 300 Enzyme im menschlichen Stoffwechsel benötigen Zink als Kofaktor. Wir können sie hier nicht alle einzeln aufzählen. Grob zusammengefasst lässt sich feststellen, dass sich ein Zinkmangel unter anderem auswirkt auf:
Mangan benötigt der Körper unter anderem:
Bei einem Manganmangel können alle diese Prozesse nicht mehr einwandfrei funktionieren. Durch den Verlust von Häm und den Mikronährstoffen kann sich die HPU auf verschiedene Organe des Körpers auswirken. Die häufigsten Auswirkungen von HPU stellen wir im Folgenden kurz genauer vor. Ausführliche Informationen zu jedem einzelnen Thema findest du in Kapitel 4 »Folgeerkrankungen der HPU« ab Seite 95.
Schilddrüsenstörungen (Hashimoto-Thyreoiditis, Morbus Basedow, Schilddrüsenunterfunktion) treten häufig im Zusammenhang mit HPU auf. Werfen wir nun in einigen Bereichen einen genaueren Blick darauf, warum das so ist:
Die Hypophyse im Gehirn bildet das TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon oder Schilddrüsen-stimulierendes Hormon). Über den Blutkreislauf gelangt TSH zur Schilddrüse. Dort veranlasst TSH die Bildung von T3 und T4. T4 ist das nahezu inaktive Vorläuferhormon der Schilddrüse, an das vier Iodatome gebunden sind. Die vier Iodatome werden in größeren Mengen ins Blut ausgeschüttet und zirkulieren dort, bis eine Zelle, die einen Energieumsatz produzieren möchte (zum Beispiel Magen-, Fett-, Muskel- oder Bauchspeicheldrüsenzelle), ein Schilddrüsenhormon benötigt. Die Abspaltung der Iodatome erfolgt durch das Enzym Deiodinase. Für diesen Vorgang benötigt das Enzym Zink, das bei HPU durch die Ausscheidung des HPL-Komplexes (Hämopyrrollaktam-Komplex) häufig im Mangel ist. Auch Selen ist ein Kofaktor der Deiodinasen. Ein Mangel kann ihre Funktion ebenfalls einschränken.
Unabhängig davon, wie viel T4 die Schilddrüse nun bildet, kann es der Stoffwechsel nicht in die aktive Form T3 umwandeln. T3 kann somit nicht in die Zelle gelangen, und die Zelle kann keine Energie herstellen. Ohne Energie kann sie ihrer Funktion nicht nachkommen. Bestimmte Stoffwechselvorgänge, wie zum Beispiel die Bewegung eines Muskels, der Abbau von Fett oder die Entgiftung, finden dann einfach nicht statt. Auf dieses Phänomen wird im Kapitel »HPU und Störungen der Schilddrüse« ab Seite 126 näher eingegangen.
Viele HPUler leiden unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Verdauungsstörungen. Das kann unterschiedliche Gründe haben:
Nervenbotenstoffe regulieren sowohl unsere Muskeln als auch unsere Empfindungen und Gefühle. Sie sind also maßgeblich daran beteiligt, ob wir uns glücklich oder traurig, voller Energie oder antriebslos fühlen. Diese Nervenbotenstoffe sind bei HPU besonders oft beeinträchtigt.
Serotonin wird aus der Aminosäure L-Tryptophan unter Verwendung von Vitamin B6 und anderen B-Vitaminen hergestellt. Bei einem Mangel an Vitamin B6 kann der Köper keine ausreichende Menge an Serotonin herstellen. Der Betroffene fühlt sich nicht gut gelaunt. Möglicherweise von einem Psychiater verschriebene Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die häufig bei Depressionen verschrieben werden, bleiben in diesem Fall wirkungslos. Denn wer kein Serotonin bildet, kann es auch nicht an der Wiederaufnahme hindern. Im Kapitel »HPU und psychische Beschwerden« ab Seite 111 wird auf dieses Problem detaillierter eingegangen.
In einem nächsten Stoffwechselschritt bildet der Körper aus Serotonin das Melatonin, das wir für einen guten Schlaf brauchen und das daher auch als »das Schlafhormon« bezeichnet wird. Ein Vitamin-B6-Mangel kann also sowohl zu depressiven Verstimmungen bis hin zur Depression und schlechtem Schlaf beziehungsweise Schlaflosigkeit führen. Klärung bringt hier ein Labortest.