Michel Saulnier wurde 1927 in Provins geboren. Er studierte katholische Theologie in Rom und war lange Religionslehrer, unterbrochen von einem Jahr Einsatz im Algerienkrieg. Später wurde er Professor für Theologie und Philosophie in Lyon, bevor er 1973 für acht Jahre als Missionar nach Beirut ging. Zurück in Frankreich, hatte er verschiedene Pfarrstellen inne und wurde 1985 zum Generalvikar des Bischofs von Meaux ernannt. Heute lebt er als betreuender Geistlicher in der Benediktinerinnenabtei Jouarre.

Irmgard Hierdeis wurde 1939 in Böhmisch-Kamnitz geboren. Sie studierte Philosophie, Pädagogik, Germanistik und Romanistik in München, Freiburg und München. Sie arbeitete viele Jahre als Gymnasiallehrerin und Redakteurin. Neben wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht sie seit 1983 zahlreiche Gedichtbände, Erzählungen und Romane. Sie lebt am Oberbayerischen Ammersee.

Peter Stöger wurde 1946 in Innsbruck geboren und wuchs in Wald am Arlberg und Innsbruck auf. Er studierte Erziehungswissenschaften, Psychologie und Philosophie an der Universität Innsbruck. Er war Professor für Pädagogik und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche und literarische Werke. Er lebt in Innsbruck.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2021 Michel Saulnier, Irmgard Hierdeis, Peter Stöger

Herstellung: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt“

ISBN: 9783753455488

Der beste Koch ist der Hunger,

und weil der den Armen niemals fehlt,

essen sie immer mit Freude.

(Cervantes, Don Quijote)

Inhaltsverzeichnis

Michel Saulnier

Vor dem Krieg

Ich bin jetzt alt, bin Franzose, ich klaube meine Erinnerungen zusammen.

Oh, das wunderbare Tafeln der Vorkriegszeit! – und dann das Gegenteil während des Krieges.

Ich habe keinen Hunger gelitten wie so viele andere in dieser Zeit, fast schäme ich mich, es zu bekennen. Bei uns zuhause gab es weder die verhassten Perlgraupen noch Saurübensuppe, worüber so viele sich beklagten.

Wir gehörten aber keineswegs zu den Privilegierten. Mein Vater kurvte mit dem Fahrrad in die entlegensten Dörfer, um Kunden zu besuchen, denen er Versicherungen verkaufte; denn Benzin gab es schon lange nicht mehr. Meine Mutter nähte alles, was in einem Vier-Personen-Haushalt anfiel – und sie kochte unermüdlich mit den Lebensmitteln, die man in den Läden noch bekam oder die wir den benachbarten Bauern abkauften. Wir waren durchschnittlich reiche (oder arme) Bewohner unseres Städtchens Provins, einer ehemaligen Hauptstadt der Grafen der Champagne, das damals ungefähr 9000 Einwohner hatte. In der Schule erfuhren wir, dass die Kreuzfahrer im Mittelalter, als sie unseren Ort zum ersten Mal erblickten, voll Bewunderung ausriefen: „Das muss Jerusalem sein!“ Bis heute haben sich die prachtvollen mittelalterlichen Bauwerke erhalten, und sie werden heute von zahlreichen Touristen bestaunt. Um Provins herum liegt fruchtbares Ackerland mit vielen kleinen Dörfern; daher war es möglich, die umliegende Bevölkerung praktisch von einem Tag auf den anderen mit allem Nötigen zu versorgen.

Es lief nicht alles perfekt – davon erzähle ich noch – aber wir waren weit entfernt von der Not der Dritten Welt. Dennoch hörte man das Wort „Mangel“ in jedem Gespräch immer wieder. Es war das meist gebrauchte Wort, auch noch lange nach dem Krieg.

Schokolade!

Schokolade hatte viele Namen: Menier, Suchard, Nestlé. Es gab die großen Tafeln für Kuchen, für Creme-Füllungen und für die sonntägliche mousse au chocolat.

Wenn wir Kinder um vier Uhr am Nachmittag aus der Schule kamen, lag für uns ein Schokoladenbrot bereit; Mama legte Schokorippen zwischen zwei Baguettescheiben.

Und dann gab es noch die Milchschokolade, die beste von allen, von Nestlé oder Suchard. Die bekam man stets als Belohnung. Manchmal aber war sie auch das verbotene Objekt der Begierde und wurde aus Küchenschränken und Esszimmerschubladen geklaut. Ach, ist ja nur ein kleines Rippchen, niemand würde es bemerken!

An Ostern, dem Hochfest der Schokoladenfabrikanten, überboten sie sich an den exotischsten Formen: da gab es die kleinen Fischchen, dunkelbraun glänzende Osterglocken, ja sogar ganze Hühner, die man zwischen Schokoladeneier setzte. In den Schaufenstern türmten sich wahre Meisterwerke der Konditoren; man bestaunte die riesigen Schokoburgen und Festungen, die auf Kunden warteten.

Unter den großen Katastrophen, die 1940 Frankreich heimsuchten, gab es die eine, die nur uns Kinder betraf: das Verschwinden der Schokolade. Als hätte es sie nie gegeben, blieben Vorratsschränke und Regale leer.

Stattdessen verteilte man in der Schule am Nachmittag geschmackfreie Vitaminkekse. „Ersatz“, dieser deutsche Begriff, der in den französischen Wortschatz übernommen wurde, entsprach der neuartigen Form von Schokolade: das waren Täfelchen im Format 10 mal 3 Zentimeter, deren Inneres aus einer weißlichen Zuckerpaste bestand, umgeben von einem dünnen Hauch Schokolade. Jedes Kind hatte Anrecht auf vier solcher Ersatztäfelchen pro Monat, eine schwache Erinnerung an frühere Genüsse.

Mein vier Jahre jüngerer Bruder Jean bekam die gleiche Ration wie ich, ging aber damit völlig anders um. Er unterteilte jede Tafel minutiös in kleine Stückchen, die er sorgfältig aufbewahrte.

Später verriet mir ein junger Deutscher, der nur eine Wurstscheibe pro Brotscheibe hatte, sein System „Brot mit Schiebewurst“, ein Ausdruck, der sich nicht ins Französische übersetzen lässt (vielleicht weil wir diese Art von Not nicht kannten?).

Ich vertilgte meine jeweilige Ration stets innerhalb weniger Stunden. Dann war das Problem „gegessen“, und es herrschte Ruhe.

Nach dreißig Jahren harter Überlegungen kamen die französischen Bischöfe endlich zurande mit der sechsten Bitte im Vaterunser: Und führe uns nicht in Versuchung („ne nous laisse pas entrer en tentation“). Für die Frage der Versuchung hatte ich eine schnelle Lösung gefunden. Ist es nicht pervers, diese Versuchung auch noch künstlich zu verlängern? Mit dem letzten Rippchen Schokolade verschwand ja auch der Gegenstand der Begierde. Handeln impulsive Charaktere nicht ähnlich?

Die Angst vor der lässlichen Sünde der Naschhaftigkeit hielt sich bei mir in Grenzen, weniger die Drohung meiner Mutter: „Gleich wirst du krank davon werden!“

Auch davor blieb ich verschont.

Unterschiede

Während des Kriegs gab es Leute, die wirklich Hunger litten, besonders in den Städten, und andere, die sich mit den Verhältnissen arrangierten.

An den Wochenenden legten die Pariser bis zu hundert Kilometer mit dem Fahrrad zurück, um Kartoffeln, ein bisschen Butter oder gar ein Hühnchen bei den Bauern in unserer Umgebung zu ergattern.

Wir wussten, dass einige Nachbarn Hasen und Kaninchen in der Badewanne ihrer Wohnung hielten. Lange Schlangen bildeten sich vor den Läden, wenn eine Lieferung von Zucker, Öl oder Fleisch angekündigt wurde.

Aber auch in der Stadt konnten sich manche mehr oder minder im Verborgenen gutes Essen leisten, vorausgesetzt, man zahlte den verlangten Preis. Überall florierte der Schwarzmarkt.

Für uns, die wir auf dem Lande lebten, wo es in der Umgebung zahlreiche Bauernhöfe gab, war es leicht, Butter, Eier und Käse aufzutreiben. Auf den Feldern und in den Gewächshäusern fand man alle Arten von Gemüse. Im Vergleich zu den Parisern lebten wir im Schlaraffenland. Wenn man heutzutage die vielen tiefgefrorenen Fertiggerichte sieht, mit denen gekocht wird, dann hatten wir es damals besser und lebten vor allem gesünder. Kühlschränke waren selten, und so ernährte man sich von frischen Produkten, je nach Jahreszeit.

Es gab natürlich die berüchtigte Lebensmittelkarte, die jedem eine begrenzte Menge an Nahrungsmitteln zuwies; das Brot war grau und Fleisch eher die Ausnahme. Aber niemals vorher oder nachher haben wir so oft Hühnchen oder Kaninchenragout gegessen wie zu den Zeiten der Rationierung. Eine bessere Kaninchenpastete als die meiner Tante während der Kriegszeit habe ich nie wieder gegessen. Von dieser kulinarischen Erinnerung zehre ich heute noch.

Aber sogar bei uns in der Provinz waren die Bedingungen nicht für alle gleich. Qualität und Quantität der Verproviantierung hingen vor allem davon ab, welche Beziehungen man hatte.

Mein Freund Amaury, an den ich in diesem Zusammenhang denke, ist im Alter von 15 Jahren Hungers gestorben. Er war der älteste einer kinderreichen Familie, die aus altem bretonischem Adel stammte. Sein Vater war als Prokurist bei der Banque de France angestellt. Sie waren konservative, praktizierende Katholiken. Amaury war in der selben Klasse wie ich, wir beide hatten gemeinsame Interessen: Zeichnen, Lesen, Literatur. Seine besondere Begabung lag im Bereich der Karikatur.

Eines Tages kam er nicht in die Schule, weil er zu schwach war. Ich besuchte ihn und fand ihn abgemagert und bleich im Bett liegen. Es wurde nie ganz geklärt, welche Krankheit er eigentlich hatte. Tuberkulose war es jedenfalls nicht, eine Diagnose, deren Name allein schon Angst und Entsetzen hervorrief.

Was ich aber gesehen habe: er hatte nicht genug zu essen. Seine Hauptnahrung bestand aus Milch mit Kaffee-Ersatz. Wie mir seine Mutter später anvertraute, hatten sie aufgrund der Stellung des Vaters bei der Bank keine Freunde unter den Bauern und Geschäftsleuten. Ihre Herkunft und ihr Stolz verboten ihnen, sich nach links oder rechts zu verbiegen.