Herausgegeben in Kooperation mit der
Solidarischen Kirche im Rheinland
Die Bearbeitung des Werkes ist dem
Düsseldorfer Friedenspreisträger
Pfarrer i.R. Friedhelm Meyer gewidmet
© 2021
Adolf von Harnack
Schriften über Krieg und Christentum.
„Militia Christi“ (1905) und Texte
mit Bezug zum Ersten Weltkrieg
Herausgegeben von Bodo Bischof & Peter Bürger
Kirche & Weltkrieg, Band 6
Redaktion, Satz & Buchgestaltung: Peter Bürger
Umschlagmotiv (Foto www.dnb.de): Adolf von Harnack i. J. 1920
Herstellung & Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7534-3666-1
„Nun aber wollen sie uns noch demütigen; da gibt es keine Geduld mehr; denn Gott der Herr hat das deutsche Volk erschaffen, damit es den Beruf auf Erden erfülle, zu dem Er es verordnet hat. Das wollen die Feinde verhindern. Wir aber antworten mit dem Rufe: Auf! Zu den Waffen! Gott will es! Um Sein oder Nichtsein unsres deutschen Vaterlands handelt es sich, um deutsche Macht, deutsche Stärke, deutsche Kultur!“ (Aus dem Entwurf Adolf von Harnacks für den Kriegsaufruf des Kaisers1, 4.8.1914)
„Wir treiben Geschichte, nicht nur um zu erkennen, nicht nur um zu wissen, was geschehen ist, sondern um uns von der Vergangenheit zu befreien, wo sie uns zur Last geworden ist, ferner um in der Gegenwart das Richtige tun zu können, und drittens um die Zukunft umsichtig und zweckmäßig vorzubereiten.“ (Adolf von Harnack, Frühjahr 19202)
Auf orthodoxe Bekenntnistreue bedachte, pietistisch ausgerichtete und ebenso aufgeklärt-liberale Theologen des deutschen Protestantismus haben im Ersten Weltkrieg gleichermaßen mit den ihnen zur Verfügung stehenden – vornehmlich geistigen – Waffen die militärische Mobilmachung der ganzen Nation unterstützt.3 Christliche Nonkonformisten bildeten eine verschwindend kleine Minderheit. Auch bei ‚Liberalen‘ wie Friedrich Siegmund-Schultze4 oder Martin Rade5, die sich selbst ausdrücklich als Anwälte des Friedens betrachteten, stand der – vermeintliche – Pazifismus zeitweilig auf denkbar wackeligen Füßen.
Sebastian Kranich vermerkt in einem Aufsatz: „Theologen wie Traub, Seeberg und Althaus standen weit über Kriegsende hinaus für den deutschnationalen Weg des Mehrheitsprotestantismus. Dagegen plädierten sozialliberale Protestanten wie Martin Rade, Ernst Troeltsch und Adolf von Harnack für gemäßigte Kriegsziele und demokratische wie soziale Reformen. Harnack meinte in zwei Denkschriften an den Reichskanzler, die größte Aufgabe sei nicht die Beendigung des Kriegs, sondern die Bewältigung der Nachkriegssituation. Er verlangte dafür eine Wahlrechtsänderung, volle Religionsfreiheit, das Koalitionsrecht für Gewerkschaften und eine Ergänzung der deutschen Politik und Kultur mit westeuropäischen Ideen. Nur so könne das deutsche Volk zu ‚dem in Gott gegründeten Idealismus‘ kommen.“6
Unter den Berliner Gottesgelehrten beteiligte sich der ‚modern-orthodoxe‘ Lutheraner Prof. Reinhold Seeberg7 (1859-1935), ein deutsch-baltischer ‚Landsmann‘ und Kollege Harnacks, 1914-1918 an der alldeutschen Kriegsraserei, um sodann – auf noch schlimmeren Pfaden – einem völkischen Protestantismus Wege zu bahnen, der mit „Christentum“ ganz sicher nichts mehr gemein hatte. Zu nahe liegt auch deshalb der Wunsch, Adolf von Harnack – dem unbestrittenen theologischen Meister der Liberalen – Mäßigung während der Kriegsjahre und Umkehrbereitschaft bei Kriegsende bescheinigen zu können.8 Doch Trost und Beruhigung, wie sie ein solches Begehren sucht, gewähren die kritischen Forschungsergebnisse9 nur in geringem Umfang. Zumal aus christlichpazifistischer Sicht sind nicht nur einige vorübergehende Irritationen zu konstatieren, sondern Irrwege und ungelöste Widersprüche.
Der hier vorgelegte – auch barrierefrei zugängliche – Quellenband führt im →Teil B möglichst vollständig jene Zeugnisse aus Veröffentlichungen der Kriegs- und Nachkriegszeit bis 1922 zusammen, deren Lektüre allen, die sich ein eigenes Bild auf der Grundlage von Primärtexten und Dokumenten verschaffen wollen, von Nutzen sein kann. Die exemplarische Beschäftigung gerade mit einem prominenten Fürsprecher von ‚Liberalität‘ und ‚sozialer Monarchie‘ wie Adolf von Harnack könnte am Ende womöglich kritische Anfragen an gegenwärtige Verhältnisse provozieren. Die Bedingungen des akademischen Theologiebetriebs in deutschen Landen haben sich ja nach einem Jahrhundert keineswegs durchgreifend geändert. Sind sie mit einer friedenskirchlichen Umkehr im dritten Jahrtausend überhaupt vereinbar?
1. DER THEOLOGE UND STAATSDIENER ADOLF VON HARNACK (1851-1930)
Karl Hammer bietet in seinem Aufsatz über die Weltkriegsjahre folgendes Kurzporträt: Adolf von Harnack, „dessen überragendes wissenschaftliches Lebenswerk […] in außergewöhnlich jungen Jahren kometengleich und dennoch nicht ohne Hemmnisse begonnen hatte, ging bei Ausbruch des Weltkriegs ins siebente Jahrzehnt. Er hatte sich nicht nur durch wissenschaftliche Sonderleistungen auf dem Gebiet der Dogmen- und Kirchengeschichte, vor allem der Alten Kirche, sondern darüber hinaus durch eine Menge beruflicher Sonderaufgaben, Mitgliedschaften und Präsidentschaften in halböffentlichen Gremien, die er mit der größten Sorgfalt ausübte, in der Öffentlichkeit bis hin zum kaiserlichen Hof längst einen Namen gemacht, der weit über Deutschlands Grenzen – bis 1914 – etwas galt. Der Sohn des mehr konservativen lutherischen Theologieprofessors Theodosius Harnack aus Dorpat [heute: Tartu, Estland] begann seine wissenschaftliche Laufbahn bereits mit 23 Jahren als Privatdozent für Kirchengeschichte in Leipzig, wurde 1879 o[rdentlicher]. Prof[essor]. in Gießen, 1887 in Marburg, ein Jahr darauf trotz kirchenpolitischer Gegnerschaft durch kaiserliches Machtwort nach Berlin geholt und 1890 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, deren 200jährige Geschichte er nebenbei verfaßte (1901). Als Leiter der Kirchenväterkommission und Generaldirektor der Kgl. Bibliothek Berlin (1905) schuf er Bleibendes, während seine Wirkungen als Präsident des Evangelisch-Sozialen Kongresses (1903-1912) wie seine Mitarbeit in der ‚Christlichen Welt‘ Rades und im ‚Bund für Gegenwartschristentum‘ mehr den Stempel seiner bürgerlichen Zeit tragen. Jedenfalls zeigen auch sie, für den Laien ebenso überzeugend wie seine 1900 großenteils frei vorgetragene […] populärste Vorlesung über ‚das Wesen des Christentums‘, daß Harnacks Christentum und Gelehrtenberuf allzeit, also vor dem Weltkrieg wie darnach, ein stets gegenwartsbezogenes, der ethischen Komponenten nie entbehrendes christliches Zeugnis umfaßten. Diese Verbindung war der liberalen Theologie überhaupt selbstverständlicher als anderen Ausprägungen christlichen Glaubens; sie bildet ihre Stärke wie Gefahr und Grenze.“10
Neben dem Theologen muss, so Kurt Nowak, vor allem der „Wissenschaftsorganisator und Gelehrtenpolitiker“ ins Blickfeld kommen. In beiden Rollen verstand sich Harnack, den Wilhelm II. im Juni 1914 in den erblichen Adelsstand ‚erhoben‘ hatte, als treuer Diener des Staates. In „Politischen Maximen“ des Jahres 1919 wird er als fünften Punkt formulieren: „Ohne Kapital keine Kultur. Kultur gibt es nur, wenn es hier und dort, im Geistigen und Materiellen, tiefe Brunnen gibt; sie gedeiht nicht, wenn sie von Regentropfen leben soll, die gleichmäßig und spärlich auf das Land fallen.“ (→B.25) Auch die theologischen Fakultäten an staatlichen Hochschulen, denen wir so viele Früchte eines freien Forschens – ohne fundamentalistische bzw. klerikale Bevormundung – verdanken, gehören zu jenem Kultursektor, der ohne „Kapital“ nicht gedeihen kann. Doch birgt die Konstruktion einer akademischen Theologie, die staatlich subventioniert wird und sich weithin einer Monopolstellung erfreut, nicht andere Gefahren der Unfreiheit? Kein Inhaber eines theologischen Lehrstuhls hat 1900-1918 die Militärdoktrin des Kaiserreichs einer grundlegenden Kritik unterzogen (das weltliche Dogma von ‚ewigen Ordnungen‘ des Schwertes wurde stillschweigend akzeptiert). Die evangelischen und katholischen Fakultäten wurden vielmehr zu Stätten der kriegstheologischen Produktion.
Thomas Kaufmann konstatiert: „Eine Basisprämisse der politischen und allgemein-kulturellen Weltorientierung Harnacks bestand darin, dass ‚die Völker, die die Erde jetzt aufteilen, mit der christlichen Zivilisation stehen und fallen, und daß die Zukunft keine andere neben ihr dulden wird‘. Die kolonialpolitischen Ziele des Kaiserreichs akzeptierte Harnack; dem sich aus diesen Zielen ergebenden religionswissenschaftlichen Orientierungsbedarf etwa sollte entsprochen werden“11.
Schon im November 1909 hatte Adolf von Harnack in einer an den Monarchen gerichteten Denkschrift zur Grundlegung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft geschrieben: „Die Wehrkraft und die Wissenschaft sind die beiden starken Pfeiler der Größe Deutschlands, und der Preußische Staat hat seinen glorreichen Traditionen gemäß die Pflicht, für die Erhaltung beider zu sorgen.“12 Königliche Bibliothek und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurden während des Krieges 1914-1918 „unter Harnacks Leitung zum Teil auf Kriegspropaganda und -produktion umgestellt“13. Es war, so Agnes von Zahn-Harnack, „der Augenblick gekommen, wo Wehrkraft und Wissenschaft in die engste Verbindung mit einander zu treten hatten. Schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch konnte Harnack einem Freunde berichten, daß sämtliche Institute neue, mit dem Krieg zusammenhängende Aufgaben in Angriff genommen hätten. Das Institut für physikalische Chemie wurde die Zentralstelle, an welcher das Forschungs- und Versuchswesen für Gaskampf und Gasschutz betrieben wurde. Sein Direktor, Fritz Haber, trat für diese Aufgaben gleichzeitig mit militärischem Charakter in das Kriegsministerium ein. Das Institut für Kohlenforschung war wenige Tage vor Kriegsbeginn, am 27. Juli 1914, eröffnet worden. Es wurde für die Öl- und Benzingewinnung wie für Forschung über Fettsäuren und Seifen von höchster kriegswirtschaftlicher Bedeutung. Auch die Gewinnung von Webstoffen, die Versuche über Luftströmungen (im aerodynamischen Institut in Göttingen) und nicht zuletzt die Untersuchungen über Arbeits- und Ernährungsphysiologie dienten dem von der Blockade umschlossenen und von allen ausländischen Hilfsquellen abgeschnittenen deutschen Volk und seinem in der Luft, auf dem Meere, unter und über der Erde kämpfenden Heer. Durch alle diese Arbeiten […] war Harnack mit dem Gang der Kampfhandlungen wie mit der Kriegswirtschaft in dauernder, enger Beziehung.“14 – Im Heizraum des „deutschen Idealismus“ ging es keineswegs um rein geistige Produktionen.
2. DIE FORSCHUNGEN ZUR ‚SOLDATENFRAGE‘ DER ALTEN KIRCHE
Harnack nahm unter den Theologen, die sich mit der Geschichte der Alten Kirche sowie der Erschließung der Kirchenväterquellen (Patristik) befassten, eine herausragende Stellung ein und zählt bis heute zu den Autoren, deren Werke bei entsprechenden Studien zwingend herangezogen werden müssen. Trotz seiner theologischen Kritik der Entwicklung von Kirchenverfassung und Dogma bewertete er jenen Prozess, der zur ‚Konstantinischen Wende‘ und schließlich um 380 zum Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion führte, positiv. Das Christentum – in seiner idealistischen Betrachtungsweise „die Religion selbst“ bzw. „die letzte und höchste Stufe in der Geschichte der Menschheit“ – vermochte demnach durch die Verflechtung von Imperium und Kirche erst seinen Universalismus zu entfalten.15 Abgesehen von der Verweigerung des „Kaiserkultes“ enthielt es Harnacks Meinung zufolge nichts, was für den Römischen Staat strikt unannehmbar (bzw. bedrohlich) gewesen wäre. Hier bleibt – unter geringer Gewichtung staatskritischer Voten von biblischen und frühchristlichen Schriftstellern – jedoch ausgeblendet, dass sich im imperialen „Kaiserkult“ keineswegs nur ein formaler „Staatsgehorsam“ verdichtete, sondern auch ein ökonomischer, politischer und militärischer Gesamtkomplex des Römischen Imperiums (Münze – Macht – Militär).
Vor solchem Hintergrund ist die Erforschung der altkirchlichen Stellung zum Krieg von zentraler Bedeutung. Erasmus von Rotterdam klagte vor einem halben Jahrtausend besonders nachdrücklich über den Bellizismus in der nachkonstantinischen Christenheit: „Bald sind es die altererbten väterlichen Gesetze, bald die Schriften frommer Menschen, bald die Bibelworte, die wir schamlos, um nicht zu sagen gottlos verdrehen. Schon ist es beinahe dahin gekommen, dass es für dumm und gottlos gilt, gegen den Krieg auch nur zu mucken und das zu loben, was aus Christi Mund vornehmlich Lob empfangen hat.“16 Der lutherische Kirchenhistoriker Albert Hauck (1845-1918) vermerkt in seiner „Kirchengeschichte Deutschlands“ 1887: „Zwar gab es im Heere von Anfang an Christen, aber nie waren sie zahlreich. Man kennt die unter den Christen weit verbreitete Ueberzeugung, dass das Bekenntnis zu Christo und der Kriegsdienst unvereinbar seien. Sie herrschte gerade in Gallien. Noch im Jahre 314 musste die Synode von Arles diejenigen mit der Exkommunikation bedrohen, welche ihren Bedenken gegen den Kriegsdienst praktische Folgen gaben.“17 1902 veröffentlicht der römisch-katholische Kirchenhistoriker Andreas Bigelmair seine – relativ ‚versöhnlichen‘ – Wahrnehmungen zur Stellung der vorkonstantinischen Christenheit gegenüber Staat und Militär.18
Adolf von Harnack hat sich diesem Gegenstand schon in seiner bedeutsamen Studie „Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten“ (zuerst 1902) zugewandt (→S. 119-130), in welcher er auch – freilich mit zu wenig Sinn für den ‚Universalismus des Judentums‘ – das altkirchliche Bekenntnis zur ‚humani generis unitas‘ (Einheit des Menschengeschlechts) und die „Botschaft von dem neuen Volk“ beleuchtet. 1905 erscheint seine Spezialstudie „Militia Christi“ mit dem Untertitel „Die christliche Religion und der Soldatenstand in den ersten drei Jahrhunderten“19 (→A). Darin, so resümiert Herbert Koch, „führte Harnack den Nachweis, dass es für die Christen bis zum Ende des 2. Jahrhunderts eine absolute Selbstverständlichkeit war, keinen Dienst im römischen Heer zu leisten. Ein Problem entstand erst, als es mit fortschreitender Ausbreitung des Christentums auch Soldaten gab, die getauft werden wollten. Dies wurde dann zugestanden, aber nur unter Auflagen, etwa der, die Beteiligung an Hinrichtungen zu verweigern. Eine Studie wie diese hatte es bis dahin nie gegeben.“20 Latein und Griechisch sind im kleinen Werk „Militia Christi“ weitgehend in den Anhang verbannt, so dass es schon bei seinem Erscheinen nicht nur einem kleinen Fachpublikum empfohlen werden konnte.
Bischof Cyprian von Kathargo († 258) stellte erneut die kritische ethische Frage, warum das, was der Privatperson eine Mordanklage einbringt, rühmlich sein solle, wenn es auf Befehl des Staates hin erfolgt. Noch kurz vor der konstantinischen Wende hat Lactantius als Christ neben der Einschärfung des unbedingten Tötungsverbotes auch klar die ökonomischen Zielsetzungen der Militärdoktrin entlarvt … Aber Harnacks ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erschienene Studie konnte z.B. von einem staatsnahen Moraltheologen wie dem Katholiken Prof. Anton Koch (1859-1915) so verstanden werden, dass ihr zufolge die altkirchliche Ablehnung des tötenden Kriegshandwerks sich angeblich lediglich auf „besondere sittliche Gefahren“ des antiken Soldatenlebens und namentlich die Unvereinbarkeit des heidnischen Cäsarenkultes mit dem Glauben bezog.21 So jedoch wird der auch von Harnack erschlossene Befund ins Groteske verzerrt. In den erhaltenen Zeugnissen der ersten drei Jahrhunderte zu Theologie und Kirchenordnung finden wir nirgendwo auch nur den kleinsten Hinweis darauf, dass das einhellig für alle Getauften verbotene Töten in staatlichen Diensten doch unter bestimmten Umständen erlaubt sein könne. (Diese Einmütigkeit verliert auch durch Spekulationen über das Ausmaß der Präsenz von Christen im Heer oder in ‚Polizeieinheiten‘ nichts von seiner Brisanz.)
Harnack, der sogar die Hebräische Bibel keineswegs als einen unverzichtbaren Teil des Kanons der heiligen Schriften betrachtet22, würde freilich etwas nicht deshalb als „normativ“ für die Gegenwart bewerten, nur weil es in der Alten Kirche als „normativ“ galt. Vielmehr finden wir bei ihm den altkirchlichen Standort in der Kriegsfrage sachgerecht erhellt und gleichzeitig dessen nachkonstantinische Revision belobigt. So – gut lutherisch – in einem Zeitungsbeitrag vom März 1918 (→B.22):
„Jeder Krieg scheint die Ideale und Forderungen der höheren Religionen zu mißachten, ja zu vernichten, und die Pazifisten versichern uns daher, daß jeder Christ ein Pazifist sein müsse. Allein zwischen ‚Krieg‘ und ‚Krieg‘ sind die Unterschiede ebenso groß wie zwischen ‚Pazifist‘ und ‚Pazifist‘. Die Waffe, die ich ergreife, um den Bruder, Weib und Kind und das Vaterland zu schützen, damit sie nicht leiblich und geistig verhungern, damit auch noch die folgenden Generationen leben können und damit mein Volk seine Mission in der Welt nicht verliere – diese Waffe ist geheiligt; die Waffe aber, die zu Unterdrückungen und Eroberungen ergriffen wird, ist verfemt. Es ist höchst lehrreich, daß auch schon die alte Kirche, so sehr sie den Krieg theoretisch verurteilte, diesen Unterschied praktisch hat gelten lassen. Sobald sie eine politisch verantwortliche Größe wurde – und das wurde sie im vierten Jahrhundert – hat sie nicht mehr gewagt, die praktischen Konsequenzen ihres jeden Krieg verurteilenden Standpunktes zu ziehen. Das war nicht Schwächlichkeit: es war die unreflektierte Einsicht, daß die Sittenregeln der Bergpredigt, welche dem Christen gelten, der da weiß, daß er hier keine bleibende Stätte hat, nicht ohne weiteres auf die Völker übertragen werden können, die die Erde bebauen und bewahren sollen.“23
Immerhin, eine irgendwie modifizierte Bedeutsamkeit der Bergpredigt auch für die Völker und ihr Verhältnis untereinander wird in diesen Ausführungen auf der Linie Max Webers vielleicht nicht ganz kategorisch ausgeschlossen. Der Text ist genau zu lesen. Welcher Krieg ließe sich am Ende denn nicht mit dem Verweis auf die Lebensbedingungen nachfolgender Generationen der eigenen Nation und die ‚Mission eines Volkes in der Welt‘ legitimieren?
Der Dominikaner Franziskus Maria Stratmann zitiert in seinem Werk „Weltkirche und Weltfriede“ (1924) folgende Zeilen Harnacks aus dem Jahrgang 1907 der Zeitschrift „Friedens-Blätter“: „Wir freuen uns, wenn ein edler Patriotismus gepflegt wird. Aber wie armselig ist doch der Mensch, der im Patriotismus sein höchstes Ideal erkennt oder im Staat die Zusammenfassung aller Güter verehrt! Welch ein Rückfall, nachdem wir in dieser Welt Jesus Christus erlebt haben! Wir sollen mit aller Kraft die christliche [sic!] Einheit des Menschengeschlechtes erstreben und weitherzig genug sein, um fähig zu werden, daran zu glauben, daß die brüderliche Einheit der Menschheit kein Traum der Träumer ist, sondern ein vom Evangelium unabtrennbares Ziel.“24 Ob der Autor sieben Jahre später von diesem Votum selbst noch etwas wusste?
Als ‚Pazifist‘ – auch im Sinne der weiten Bedeutung dieser Bezeichnung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – kann Adolf von Harnack ganz sicher nicht bezeichnet werden. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist er – über den von ihm unterstützten Friedrich Siegmund-Schultze – orientiert über Bemühungen um eine ‚Friedensökumene‘ mit den Engländern. In einem Briefzeugnis des Jahres 1912 lesen wir jedoch sehr zweifelhafte ‚Friedensargumente‘ aus Harnacks Feder, die weit weniger christlich klingen als das „Friedens-Blätter“-Zitat von 1907: „Der Gang der weltgeschichtlichen Entwicklung hat die drei germanischen Reiche England, Nordamerika und Deutschland auf großen Linien der Kultur an die Spitze der Menschheit gestellt. Diese drei Staaten haben außer ihrer Blutsverwandtschaft auch ein großes Erbe gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit steckt ihnen die höchsten Ziele, aber verpflichtet sie auch vor dem Richterstuhl der Geschichte zu gemeinsamem und friedlichem Wirken.“25 (→B.1)
3. DIE KRIEGSBEIHILFE EINES LIBERALEN THEOLOGEN
In seinem Aufsatz „Die Religion im Weltkriege“26 (→B.22) vom März 1918 wird Harnack schreiben: „Vollends verkehrt […] ist das Urteil, der Weltkrieg sei deshalb der Bankerott der Religion, weil sie ihn nicht verhindert habe. Als ob sie jemals in der Geschichte imstande gewesen wäre, dies zu tun! Die Welt ist immer im Kriegszustand gewesen – vor und nach Christus, und daher ist der Übergang aus dem latenten zum offenen Kriege niemals ein Problem gewesen, auf dessen Beseitigung die Religion irgendwelchen Einfluß gehabt hat.“ Zur Geschichte der Alten Kirche gehörte nun aber – unter Verweis auf die Propheten Israels – der Anspruch, der menschlichen Gattung eine durchaus neue Zivilisationsperspektive ohne Kriegsgewalt zu erschließen. Zumindest für den sogenannten ‚christlichen Kulturkreis‘ – so fragen wir heute – sollten zwei Weltkriege mit etwa 80 Millionen Toten nicht einer Bankrotterklärung gleichkommen?
Selbstredend: Hätten sich Christen- und Kirchentum 1914-1918 zumindest überwiegend gegen den Krieg gestellt und bei dieser Verschwörung im Dienst des Lebens keinen Erfolg erzielt, so wäre solche Ohnmacht in der Tat kein Argument gegen die Wahrheit des Evangeliums gewesen. Doch die Verhältnisse waren ja ganz und gar andere. Die großen Kirchen in Deutschland und ihre ‚Gottesgelehrten‘ gingen 1914 nahezu geschlossen zur kriegstheologischen Beihilfe für die Militärapparatur über, um die Getauften in die Irre zu führen. Sie schauten nicht – gemäß der altkirchlichen Vision – auf die alternative Ökumene des ‚neuen Weges‘, sondern auf den Fetisch Nation.
Diesen so offenkundigen Bankrott des real existierenden Christentums der Kanonen und Bomben vermochte Adolf von Harnack deshalb nicht zu sehen, weil er selbst zu den Akteuren der Kriegsreligion gehörte. Seine „persönliche, nicht unbedeutende Rolle zu Anfang dieser Tragödie beginnt mit der Schlußvorlesung seiner Dogmengeschichte am 1. August 1914, die durch die Aufzeichnungen des damaligen Studenten W. Heilmann auf uns gekommen ist. ‚Die höchste Rechtfertigung des Krieges‘ entnimmt Harnack dem alten Liede ‚Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte …‘, das er an den Anfang seiner Rede stellt. ‚Mit hinziehen zu können‘ in den Krieg ist in dieser Idealisierung denn auch ‚nicht Forderung, nicht … Einladung, sondern … Vergünstigung‘. Die alte Humanistenlosung ‚kein schön’rer Tod ist auf der Welt als vor dem Feind gefallen‘ und die konservativ protestantische ‚mit Gott für König und Vaterland!‘ finden sich hier auf engem Raum neben der neuen, bis 1945 immer wieder mißbrauchten Parole ‚bis zum letzten Blutstropfen für das Vaterland einzutreten‘! Die konsequente Wirkung dieser stimulierenden Vorlesung war am Ende das impulsive Anstimmen des Lutherliedes durch die Studenten.“27 (Karl Hammer) – Die Lieder vom deutschen Eisengott kannte Adolf von Harnack nur zu gut, denn sein Vater Theodosius hatte deren Dichter Ernst Moritz Arndt (1769-1860) in Bonn persönlich kennengelernt: „Ein großes Bild von ihm hing in unseres Vaters Stube, und durch seine Erzählungen und die patriotischen Lieder Arndts, die wir auswendig lernten, wurde uns das Bild so vertraut, als lebte es.“28
Drei Tage nach dem mit Lutherchoral beschlossenen Auftakt im Hörsaal schreibt Harnack am 4.8.1914 wunschgemäß einen Entwurf nieder für den geplanten Kriegsaufruf des Kaisers an das Volk. Es bleibt davon am Ende vergleichsweise wenig übrig, und deshalb ist es unsachgemäß, Harnack ohne nähere Erläuterungen als eigentlichen Urheber des Kaiserrufes zu nennen. Doch sicher kann man sagen, dass die Vorlage des berühmten Theologen (→B.2/III) aus christlicher Sicht weitaus schlimmer war als der dann veröffentlichte Kaiseraufruf „An das deutsche Volk!“ (→B.2/II) vom 6. August 1914. Harnack hatte z.B. gewünscht, sein Kaiser würde proklamieren: „Auf! Zu den Waffen! Gott will es!“
Am 11. August 1914 erstrebt Harnack dann in seiner „deutsch-amerikanischen Sympathiekundgebung“ – mit einigem Tribut an rassistische Komplexe – eine gemeinsame ‚angelsächsische‘ und ‚deutsche‘ Abwehrfront wider „mongolisch-moskowitische Kultur“ und die unorganisierte „Masse Asiens“ (→B.3): „‚Gut und Blut bis zum letzten Tropfen‘ für die Kultur […] Der Tod, der freiwillig dargebracht wird, er tötet den großen Tod und sichert das höhere Leben […] ‚Er ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz!‘ Nun, das große Gehorchen hat auch für uns erst recht begonnen …“.
Am 10. September 1914 rechtfertigt Harnack in einer Antwort an englische Gelehrte die Verletzung der Neutralität Belgiens und versteigt sich u.a. zu der Parole, es habe sich „Serbien durch den feigsten Mord, den die Weltgeschichte kennt, aus der Reihe der Staaten ausgestrichen, mit denen man auf dem Fuße der Gleichheit verkehrt“ (→B.4).
Harnack verteidigte die deutsche Kriegspolitik ebenso in einem gemeinsamen „Aufruf deutscher Kirchenmänner und Professoren“ vom 4. September 1914 an die evangelischen Christen im Ausland (→B.5; B.6) wie durch seine – ohne genaue Textkenntnis29 beigesteuerte – Unterschrift unter den berüchtigten „Aufruf der 93“ an die Kulturwelt vom 4. Oktober 1914 (→B.8; B.9). Seiner Berliner Rede „Was wir schon gewonnen haben und was wir noch gewinnen müssen“ vom 29. September 1914 ist wieder dem deutschen Eisengott gewidmet und höheren Idealen als „Kosmopolitismus, Internationale usw.“ (→B.7): „… braust nicht in uns allen von dem Tage ab, da der Krieg begann, ein Freiheitsgefühl? […] Ja auch der Krieg ist ein großer Gleichmacher. […] Weil es in dem Kriege hervortritt für alle gleich: du mußt unverbrüchlich gehorchen und du bist berufen – heute, morgen, in den nächsten Stunden kann’s geschehen – zu befehlen. Unser herrliches Heer, welches das Ausland nicht versteht […] Das große Opfer schafft […] unter uns eine neue Blutsverwandtschaft […] wenn wir die Religion wiedergewinnen, […] dann haben wir das Größte gewonnen – […] jene [Religion], die sich jedes Leid zum Kreuz umbiegt […] Wer könnte denn […] freudig hingeben, wenn er nicht im Herzen wüßte, daß der Tod nicht der Übel größtes ist, und wenn er nicht ausschaute auf ein ewiges Reich […] Unser herrliches Heer und sein großer Heerführer, unser teurer Kaiser, sie leben hoch!“ – An anderer Stelle klingt später zur Weihnacht 1915 der Martyriums-Gedanke an: „Den Sterbenden aber, die willig für uns sterben und hier auf Erden den Sieg nicht sehen, gilt das Wort: ‚Sie sind vom Tode zum Leben hindurchgedrungen; denn sie liebten die Brüder‘.“ (→B.15)
1915 erscheint eine Feldausgabe von Harnacks – bereits zu Lebzeiten in vierzehn Auflagen gedrucktem – Buch „Das Wesen des Christentums“. Im Geleitwort dieser Spezialedition für die Kriegsfront distanziert sich der Verfasser, der je nach Kontext so gerne einen ‚christlichen Universalismus‘ beschwört, erneut von pazifistisch-kosmopolitischen Anschauungen – und zwar durch ein Zitat von Gedichtversen des Jahres 1873: „Deutsch sein heißt: offne Freundesarme / Für alle Menschheit ausgespannt, / Im Herzen doch die ewig warme, / Die einz’ge Liebe: Vaterland! / Deutsch sein heißt: sinnen, ringen, schaffen, […] / Und Blumen ziehn – doch stets in Waffen / Für das bedrohte Eigne stehn.“30 (→B.14) Das konnten auch solche Leser unterschreiben, die die kulturprotestantische Version einer ‚Gottesrede im Herzen‘ als Rede eines irgendwie vorzugsweise ‚deutschen‘ Gottes verstanden (keineswegs jedoch als Widerspruch zu einer – real existierenden – gnadenlosen Welt der Gewalt).
Zu den irritierenden Quellen gehören zwei Briefdokumente vom September 1915, aus denen Harnacks auch sonst gut belegte Bewunderung für den extrem antisemitischen Kaiser-Liebling Houston Stewart Chamberlain hervorgeht (→B.11). Wolfram Kinzig zufolge deuten diese lange „in ihrer Gesamtheit unpublizierte[n] Briefe des Theologen an den politischen Publizisten und ‚Rassetheoretiker‘ Houston Stewart Chamberlain einerseits sowie an Kaiser Wilhelm II. andererseits darauf hin, dass Harnacks anfängliche Kriegsbegeisterung nicht allein durch das ‚Augusterlebnis‘ zu erklären ist, sondern in seinem politischen Denken zu Kriegsbeginn verwurzelt ist. Eine vergleichende Darstellung dieses Denkens bei Chamberlain und Harnack lässt strukturelle Ähnlichkeiten erkennen“31. Dies könnte ein Hintergrund der oben angeführten rassistischen Wendungen (‚mongolisch-moskowitische Kultur‘, ‚asiatische Masse‘) sein. – Harnacks theologischer ‚Antijudaismus‘ (Marcionismus) wurde – zusammen mit seinem Ansatz eines ‚inwendigen Gottesreiches‘ – von den Pionieren einer „Germanisierung des Christentums“32 aufgegriffen; dies ließe sich u.a. auch an einzelnen Wendungen in dem zum Reformationsfest 1917 erschienenen völkischen Werk „Deutschchristentum aus rein-evangelischer Grundlage“33 aufzeigen (volle Textdokumentation: →D.3). Doch solche Rezeption war kaum im Sinne Harnacks, der selbst keine rassenantisemitischen Positionen vertrat, allerdings auch nicht als besonders regsamer Kämpfer gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus in Erscheinung getreten ist.34 Von diesem Komplex wäre aber doch noch einmal die Frage zu unterscheiden, in wieweit bzw. wo der protestantische Gelehrte den zu seiner Zeit weithin als Wissenschaft geltenden Rassenlehren partiell gefolgt ist.
Harnacks Aufsätze über das Baltikum, die Universität Dorpat und die Leistungen der (ehemaligen) deutschen Ostprovinzen zeugen 1915 – nebst Zeitungsberichten über entsprechende Vorträge – nicht minder von geistiger Kriegsbeihilfe (→B.10; B.12; B.13). Der Gelehrte mit einer ausgeprägten antirussischen Grundhaltung „hat sich darum bemüht, die reichsdeutsche Öffentlichkeit über das Baltikum zu informieren, und er hat im Krieg zeitweilig den Traum einer Anbindung der Ostseeprovinzen an das Deutsche Reich mitgeträumt“35. Bei den ersten Siegesnachrichten jubelt Harnack: „In Oriente lux! Lux Germanica über meiner alten Heimat!“36 Ein von der Tochter mitgeteiltes Briefkonzept vom 2. Mai 1915 enthält folgende Mitteilungen an den Reichskanzler: „Die Nachricht, daß unsere Truppen in breiter Front auf Mitau marschieren, hat mich, wie kaum eine andere in diesem Kriege, bewegt und erhoben. Aus dieser tiefen inneren Bewegung entbindet sich der heiße Wunsch, dem deutschen Vaterlande in den baltischen Landen meine Dienste leisten zu dürfen. Sind doch unsre Truppen wahrscheinlich nur noch wenige Kilometer von der kurländischen Grenze und nur noch etwa 100 Kilometer von Riga entfernt! Freilich weiß ich nicht, ob beabsichtigt ist, dorthin zu marschieren: aber wenn es der Fall ist, so würde ich es als eine Krönung meines Lebens betrachten, wenn ich auf baltischem Boden mich nützlich machen könnte […] Was mir vorschwebt, ist, der, sei es militärischen, sei es Zivil-Verwaltung zur Beratung beigegeben zu werden.“37 (→C) Gedacht wird hier – folgt man einer editorischen Fußnote Harnacks von 1923 (→B.17) – an ‚Protektorate‘. Neue, weit im Osten liegende Grenzen für die sogenannte abendländische Kultur hat Adolf von Harnack offenbar selbst im Juni 1917 als Ziel noch nicht preisgeben wollen. Seine Denkschrift „Das Gebot der Stunde“ (→B.21) nennt bei Rückzügen hinsichtlich anvisierter Erweiterungen des politischen Einflussgebietes jedenfalls noch nicht die baltischen Ostseeprovinzen: „Wenn unsere inneren Reformen als grundlegende und fortwirkende in Kraft gesetzt sind […] – dann müssen wir in einem Manifeste aufs neue erklären, daß wir zur Beendigung dieses Krieges, den wir als Verteidigungskrieg geführt haben, zu jedem Opfer bereit sind, das unser status quo ante erträgt, und ferner daß uns als christliche Nation die Menschheit so nah angeht wie unser Vaterland, weil wir mit unserm Vaterland einen Beruf für diese haben. […] Zu den Opfern aber, um keine Zweideutigkeit zuzulassen, rechne ich Belgien, Polen, ja selbst Verhandlungen über elsaß-lothringische Grenzregulierungen.“
Karl Hammer schreibt – unter besonderer Berücksichtigung einer Dissertation von Erhard Pachaly38 – über die ersten Kriegsjahre: Der Stil der „Anfangsdokumente weist Harnack bruchlos in die Reihe kriegsverherrlichender deutsch-nationaler Theologen, die von den sogenannten Befreiungskriegen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reicht. Das Glaubensbekenntnis zu ‚deutsch über alles‘ und das Anathema gegen ‚asiatische Halbkultur und welsches Wesen‘ ist bei ihm so deutlich ausgedrückt, wie bei vielen seiner Kollegen, Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger […] / Daß neben ethischen Argumenten des Theologen Harnack von 1915 an bereits militärische und kräftepolitische bismarckscher Art eine wichtige Rolle spielten, zeigt Pachaly an einem Brief Harnacks vom 14.2.1915. Alldeutschen Phantastereien ist der in annexionistischen Wünschen – aus militärischen, nicht ethischen Gründen zwar – gemäßigtere Harnack von Anfang an abhold. Unter den drei Hauptfeinden Deutschlands ist ihm nur einer gründlich zu schlagen, ein anderer kaltzustellen und der dritte zum Freund zu machen. Ob allerdings England oder Rußland zu schlagen seien, darüber wechselt er seine Meinung (vom Februar zum Mai/Juni 1915) – ob unter dem Eindruck der militärischen Entwicklung oder des ‚Mitteleuropa‘-Buches Naumanns […] bleibt unentschieden. […] Mit diesem realistischeren, gemäßigteren, aber leider unwirksameren Kurs stand Harnack u.a. auch seinem Berliner Kollegen Reinhold Seeberg entgegen […] Seebergs Annexionsdenken bereitete es offensichtlich keine theologischen Schwierigkeiten, ‚politisch selbständige und an Selbständigkeit gewöhnte Völker‘ einzuverleiben. Harnack widerstrebten solche Forderungen, wenn er auch in der Ablehnung von Annexionen keineswegs konsequent blieb. […] / Pachaly resümiert die ‚Linie‘, die sich aus Harnacks verschiedenen privat-offiziellen Äußerungen zur Annexionsfrage ergibt, so: ‚Er bejahte das Kriegszielprogramm deutscher annexionistischer Kreise. Auch er unterstützte die Forderungen nach der Vergrößerung der Macht des deutschen Imperialismus … Diese Grundtendenz ist allen Denkschriften gemeinsam. Es zeigen sich aber taktische Unterschiede.‘ Andererseits muß auch von ihm Harnack ‚persönlicher Mut und ehrenhafte Gesinnung … in einer Zeit, in der in Deutschland der Chauvinismus große Teile des Volkes und namentlich der Intelligenz beherrschte‘, bescheinigt werden. […] / Harnacks Mitwirkung in der ‚Deutschen Gesellschaft von 1914‘, die im November 1915 aus der Taufe gehoben wurde, um eine weitere Vertiefung der neuerlich hervorgetretenen Klassengegensätze zu verhindern, ist von der Einsicht bestimmt, daß nur die beim Kriegsausbruch sichtbar gewordene Einigkeit der Parteien, der vielberufene ‚Geist von 1914‘, ein Maximum im Krieg gewinnen läßt. Harnack betätigte sich ‚als publizistischer Propagandist‘ natürlich nur nebenbei, das heißt neben seiner vielfältigen beruflichen Tätigkeit, trug aber durch seine Popularität nicht unerheblich zur Stützung der kaiserlichen Politik in Deutschland und den besetzten Gebieten bei, wenn er zum Beispiel einen Artikel zu Kaisers Geburtstag (23.1.1916) im ‚Champagne-Kamerad‘, der Feldzeitung der 3. Armee, schrieb, oder wenn er allenthalben Vorträge in sechs deutschen Städten hielt, zum Beispiel über das Thema ‚Der Kulturkrieg im Weltkrieg‘ oder in Warschau (18./19.4.1916) ‚über den Unterschied der ost- und westeuropäischen Kultur!‘“39
Bei aller Differenz zu den Fürsprechern einer äußerst aggressiven Eroberungspolitik gab es auch aus Sicht von Thomas Kaufmann doch einen gewissen ‚Grundkonsens‘: „Dass der Krieg Gottes Willen entsprach und im Horizont der göttlichen Weltregierungen zu deuten war, war eine Überzeugung, die Seeberg und Harnack mit weiten Teilen ihrer protestantischen Zeitgenossen teilten. Für Harnack war der Krieg ein unumgängliches Mittel der Politik, dessen destruktive Energien politisch zu bändigen und dessen Chancen im Sinne einer stabilen Friedensordnung zu nutzen waren, die Deutschland seinen legitimen Platz unter den führenden Kulturnationen sichern, ja die Kultur gegen die Barbarei erhalten sollte. Gegenüber der Konstruktion eines anglo-calvinistischen im Vergleich zu einem deutschlutherischen Kulturtypus, wie ihn etwa Seeberg, Holl oder Emanuel Hirsch vertraten, sah Harnack zwischen Deutschland und den angelsächsischen Ländern eine gemeinsame, trag- und zukunftsfähige protestantische Kulturbasis.“40
4. ZWEIFEL UND ANSÄTZE ZUR ‚FRIEDENSARBEIT‘
Karl Hammer konstatiert eine „in ihren politischen Stellungnahmen eigentümlich schillernde und während des Kriegs von verschiedensten Eindrücken, Einflüssen und Machtfaktoren hin und her gerissene Natur Harnacks“41. In seiner Darstellung berücksichtigt er u.a. folgende ‚Stationen‘ zu Wandlungen bzw. Mäßigungen Harnacks in den beiden letzten Kriegsjahren:
Der ‚relative Pazifist‘ Karl Barth49 wird 1951 in Band III/4 seiner ‚Kirchlichen Dogmatik‘ betonen: „Das ist es in erster Linie, was nicht geschehen darf: der Krieg darf nicht als ein normales, ein ständiges, ein gewissermaßen wesensnotwendiges Element dessen anerkannt werden, was nach christlichem Urteil den rechten Staat, die von Gott gewollte politische Ordnung ausmacht.“ Adolf von Harnack reagierte hingegen 1916 in seinem sehr vage gehaltenen Widerwort „Der Abschied von der weißen Weste“ (→B.16) auf den Freiherrn v. Zedlitz nicht mit einer fundamentalen, gar theologischen Kritik des Krieges: Vielmehr teilte er selbst die in der Staatsdoktrin enthaltenen Immunisierungen gegen eine umfassende Geltung der Weisungen Jesu: „Es gibt eine Privatethik und eine Sozialethik und eine politische Ethik. Es gibt eine Ethik im Friedensstande und im Stande der Notwehr und so fort. Man kann nicht einfach Übertragungen aus dem einen Gebiet in das andere vornehmen, ja man würde unsittlich handeln, wenn man es täte“. Es soll zwar irgendwie überall „dasselbe sittliche Bewußtsein“ walten, doch es bleibe eben „die Spannung zwischen dem Staat und der die Menschheit umfassenden Humanität“. Ausdrücklich unterschreibt Harnack den Satz einer politischen Nationalethik, „daß wir ausschließlich unseren eigenen Staat ins Auge zu fassen haben, seine Stärke und seine zukünftige Sicherheit“. Die Kritik an Zedlitz vom April 1916 ist in diesem Kontext eher pragmatischer Natur und zielt auf die Nachkriegszeit. Deutschland wird „niemals ‚ein geschlossener Handelsstaat‘ und niemals ein unabhängiger Staat in dem Sinne sein […], daß der Gedanke der Humanität für ihn nicht mehr existiert oder daß alle anderen Reiche zu seinen Füßen liegen“. Man wird also dereinst nolens volens mit den ‚Anderen‘ wieder gut auskommen müssen.
Harnacks Denkschrift „Friedensaufgaben und Friedensarbeit“ (→B.17) an den Kanzler vom Sommer 1916 zeugt noch relativ ungebrochen vom Kriegspatriotismus des Verfassers: „Die Erhebung des deutschen Volkes im August 1914 ist in ihrer Einmütigkeit und geschlossenen Kraft nicht nur das größte Ereignis in der neueren deutschen Geschichte, sondern diese Erhebung hat sich auch als fortwirkend bewährt bis heute.“ Der Annexionismus wird hier keineswegs prinzipiell zu den Akten gelegt: „Eng mit dem Wohnungswesen hängt das Siedelungswesen zusammen, das aber gegenüber der allgemeinen Aufgabe der Verbesserung der Wohnungen nur eine partikulare Bedeutung innerhalb der heutigen Grenzen Deutschlands hat. Anders wird es stehen, wenn wir im Osten Erwerbungen machen; doch sind auch dort, außer in Kurland, nicht so bedeutende Siedelungsflächen vorhanden, als manche Enthusiasten sich vorstellen.“ Gefordert wird eine bessere Kenntnis ‚anderer Kulturvölker‘, „um nicht einem engen geistigen Chauvinismus zu verfallen, der uns schließlich gegen uns selbst blind macht“. (Karl Hammer teilt mit, Harnack sei noch an einer weiteren – im vorliegenden Quellenband unberücksichtigten – Eingabe an den Reichskanzler aus dem Jahr 1915 maßgeblich beteiligt gewesen.50)
Nicht frei von Gebietserweiterungsplänen ist auch die politische Berliner Rede „An der Schwelle des dritten Kriegsjahres“Regnum dei in terris