
– Über dieses Buch –
Im Herbst 2018 taucht die Schreibmaschine von Fritz Levy, dem letzten Juden von Jever, wieder auf. Der Fund inspiriert den Autor Eckhard Harjes zu seiner Erzählung „Fritz Typewriter“.
Woher kommt die Schreibmaschine? Warum sind chinesische Schriftzeichen darauf zu sehen? Was ist ihr Geheimnis?
Fritz Levy - Jeveraner Viehhändler - geboren 1901 - Flucht 1939 vor den Nazis nach Shanghai - er sagt: ‚China wäre meine Wahlheimat‘ - Rückkehr nach Jever 1950 - aber er findet seine Heimat nie mehr wieder - schwere Depressionen in den 1960er Jahren - in den 1970ern steht er wieder auf und nennt sich ‚Berufsverbrecher, Viehlosoph und Stabsdirektor‘ - 1981 wird er Ratsmitglied in Jever - Freitod im Oktober 1982 - Fritz Levy, ein Heimatsuchender …
„... Wette, daß kein Mensch mehr für Jever getan hat als ich, Fritz Levy. Aber wer wurde schlimmer behandelt seit meiner Rückkehr?! Meine Nazizeit war Gold dagegen. Das ist ein Wunder, daß ich diese Heimat überlebt habe.“
(Fritz Levy, April 1982)
„Fritz Typewriter“ ist ein Buch über Heimaten in der Kleinstadt.
Die in Courier-Schrift gedruckten Textstellen sind Original-Zitate aus dem Nachlass von Fritz Levy. Namen von realen Personen wurden teilweise geändert. Die Schreibweise wurde für einen besseren Lesefluss, wo notwendig, angepasst.
Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wurde für den Text die männliche Schreibweise gewählt. Gemeint ist gleichzeitig auch immer die weibliche Form.
Der Nachlass von Fritz Levy befindet sich im Besitz des GröschlerHauses Jever.
– www.groeschlerhaus.eu –
Für Fritz Levy und Shepp Petersen
„China wäre meine Wahlheimat.”
Fritz Levy
Im Herbst 2018 tauchte die Schreibmaschine von Fritz Levy, dem letzten Juden von Jever, wieder auf. Grundmeyer brachte sie ins GröschlerHaus. Fritz habe die Maschine im Herbst 1981 zur Reparatur gebracht. 37 Jahre hatte sie dann zuerst bei ihm im Laden und später im Keller gestanden, meinte Grundmeyer.
Sein Schreibwarenladen war damals genau dort, wo einst die jeversche Synagoge stand - Wasserpfortstraße 19.
Fritz Levy kam an Grundmeyers Laden vorbei, wenn er mit dem Fahrrad zum Wochenmarkt fuhr, der dienstags und freitags auf dem Kirchplatz aufgebaut wurde.
Er lehnte sein Fahrrad gegen Grundmeyers Ladenscheibe, dass es gefährlich krachte. Die Schreibmaschine hatte er auf den Gepäckträger geklemmt. Blacky, sein Hund, schaute Fritz bettelnd an, legte sich dann aber jaulend unter das Fahrrad, als Fritz ihn dorthin verwies. Fritz stürmte in den Laden, die Schreibmaschine unter dem Arm.
Er knallte sie auf den Ladentresen. „Die kannst du reparieren, mien Jung. Farbband muss neu und ‚Q' hakt und irgendwas klemmt da beim Hebel. Well allright? Ich hole die dann in den nächsten Tagen wieder raus. Und take it easy, Genosse.”
„Alles klar, Fritz, ich schau mir die Maschine mal an. Komm du man nächste Woche Freitag wieder vorbei. Dann hab ich sie bestimmt fertig.”
Beim Herausgehen überflog Fritz die Schlagzeilen der Tageszeitungen, die vor der Ladentür in einem Ständer hingen: 300.000 BEI FRIEDENSDEMO IN BONN!, BAUBEGINN AM FRANKFURTER FLUGHAFEN, MUBARAK IN ÄGYPTEN NACH DER ERMORDUNG VON SADAT ZUM STAATSPRÄSIDENTEN GEWÄHLT.
„Und Fritz Levy wurde in den Stadtrat gewählt und kommt bald in den Landtag, und dann Ministerpräsident und dann Bundeskanzler, Herr Genosse, … sollst mal sehen. Bald ist Levy Bürgermeister und dann in Hannover und Bonn”, rief er Grundmeyer zu. Dann kramte Fritz seine Brille aus der Innentasche seines Jacketts - ein Glas war gesprungen, das andere fehlte - nahm einige Zeitungen aus dem Ständer, setzte sich auf einen Stuhl und las in aller Ruhe die Zeitungsberichte. Nach einer halben Stunde steckte er die Zeitungen zurück, setzte die Brille ab und legte sie gedankenverloren irgendwo hin. Er verließ den Laden und rief einem Passanten entgegen: „Wer wäre der beste Nachfolger für Sadat gewesen? Levy – der hätte dann für immer Frieden mit Israel gemacht. Take it easy, mein Freund!”
Fritz stieg auf sein Fahrrad und zog weiter zum Rathaus. Blacky trottete hinter ihm her. Im Rathaus ließ er von Stadtbediensteten seinen neuesten Text kopieren. „Ich bezahl die Kopien beim nächsten Mal”, rief er den Rathausleuten zu, nahm seine Texte und ging auf den Wochenmarkt. Markthändler verkauften hier Frischwaren: Obst, Gemüse, Blumen, Fleisch und Eier. Auf dem Wochenmarkt traf Fritz Freund und Feind, Gott und die Welt. Unverzüglich begann er damit, seine Kopien zu verteilen. Lautstark teilte er den Marktleuten, Bekannten und Unbekannten mit, was im Stadtrat zurzeit alles falsch liefe.
Die Bürger haben mich gewählt und nominiert wegen meiner Qualitäten, speziell meiner Integrität: im Gegensatz zur Listenwahl, wo die meisten gar nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben.
Wer ist der reichste Mensch in Jever und anderswo? Levy, weil er den größten Herzensreichtum besitzt, zweitens, weil er den größten Geistesreichtum besitzt, ermöglicht noch durch seine Erfahrungen in Schanghai und Amerika. Weshalb ich Kandidat und nun Stadtrat bin!
Bürger wurden von Bürgermeistern bei mündlichen und schriftlichen Anfragen über den Mund gefahren inklusive Levy. Und nun soll passieren Bürgernähe in Wort und Tat.1
Dann sammelte Fritz einige Gemüsereste und Kartoffeln vom Boden auf, die die Marktleute zum Verkauf nicht mehr für geeignet hielten, seiner Meinung nach aber noch gut genießbar waren. Er nahm sie mit nach Hause.
Grundmeyer konnte die Schreibmaschine nicht reparieren. Er bekam keine Ersatzteile. Fritz kam immer wieder in den Laden und Grundmeyer erklärte ihm jedes Mal: „Ich bekomme die Ersatzteile nicht, aber ich versuche es weiter, Fritz. Eine wichtige Schraube fehlt. Komm einfach wieder rein. Du kommst ja sowieso jeden Tag hier vorbei.”
„Jawohl, Herr Genosse, take it easy. Du machst das schon. Ich bleibe dir treu”, scherzte Fritz, der inzwischen überall Unterstützer-Unterschriften für seine Landtagskandidatur sammelte.
Aber Fritz kam nicht mehr bei Grundmeyer vorbei. Seine Ausflüge in die Stadt wurden seltener, und irgendwann sah Grundmeyer ihn gar nicht mehr durch die Wasserpfortstraße radeln. Die Schreibmaschine wurde nicht abgeholt. Grundmeyer legte Fritz' Brille auf die Schreibmaschine, schob sie ins Regal und dann vergaß er beides. Fritz Levy trat im Oktober 1982 aus dem Leben. Er hatte den Freitod gewählt.
Jahrzehnte später las Grundmeyer in der Tageszeitung, dem Jeverschen Wochenblatt, einen Bericht über das GröschlerHaus, das sich jetzt dort befand, wo früher sein Laden war. Er erfuhr aus der Zeitung von einer Radiosendung, Büchern und sogar von einem Film über Fritz Levy. Dieser Fritz Levy beschäftigte die kleine Stadt immer noch, auch 36 Jahre nach seinem Tod.
Als Grundmeyer ins GröschlerHaus kam standen dort gerade Shepp Petersen und der Pastor. Sie betrachteten die Mezuzah, die im April von jüdischen Gästen aus England am Türrahmen angeschlagen worden war.
Shepp Petersen und der Pastor waren stolz auf sich und das GröschlerHaus, was sie so nie gesagt hätten, wenn sie jemand danach gefragt hätte. Dafür waren sie viel zu zurückhaltend. Aber ohne ihr Engagement, ihr Wissen – Shepp war der Historiker und der Pastor ein Experte in Sachen Judentum - und ohne ihr politisches Geschick würde es das GröschlerHaus gar nicht geben.
„Guten Tag, Herr Grundmeyer. Kommen Sie herein”, begrüßte der Pastor den alten Mann. „Kommen Sie herein. Schauen Sie sich gerne um.”
„Nein, nein, danke. Ich will gar nicht lange bleiben. Ich will nur diese Schreibmaschine hier abgeben. Es ist die Schreibmaschine von Fritz Levy. Sie stand ja bei mir im Keller. Ich konnte sie nicht mehr reparieren. Ich dachte mir, ich bringe sie hierher. Vielleicht können Sie damit etwas anfangen. Oder soll sie auf den Müll? Schreibmaschinen braucht ja heute eh keiner mehr. Was meinen Sie?”
Grundmeyer stellte die verstaubte Maschine auf den großen Tisch, der mitten im GröschlerHaus stand. Shepp betrachtete sie, während der Pastor für Grundmeyer einen Stuhl holte.
„Das ist wirklich die Schreibmaschine von Fritz Levy?”, fragte Shepp. Er hob die Maschine ehrfürchtig mit beiden Händen an, stellte sie an den Rand des Tisches und fuhr langsam mit den Fingern über die Tasten und Typenhebel, ganz vorsichtig, noch ohne zu tippen. Er streichelte sie und pustete den Staub von seinen Fingern.
„Was für ein fantastischer Fund”, dachte Shepp. „Woher haben Sie sie? Wie ist diese Schreibmaschine zu Ihnen gekommen?”
Grundmeyer setzte sich und berichtete. „Ich lasse sie einfach bei Ihnen. Und hier habe ich auch noch eine Brille von Fritz Levy. Die hat er damals mal bei mir im Laden liegen lassen und dann wohl vergessen.”
„Vielen Dank, Herr Grundmeyer. Vielen Dank. Nein, diese Schreibmaschine gehört ganz bestimmt nicht auf den Müll. Sie gehört genau hierher ins GröschlerHaus. Es war richtig und gut, sie uns zu bringen. Vielen Dank dafür, Herr Grundmeyer. Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Einen Tee? Ein Glas Wasser?”, fragte der Pastor, während Shepp nicht mehr von der Schreibmaschine loskam.
„Nein, nein, ich muss weiter. Ich gehe jetzt. Alles Gute und viel Spaß mit der alten Maschine. Sie ist kaputt, aber vielleicht bekommt das ein Fachmann wieder hin. Und das Farbband muss auch neu.” Dann verabschiedete sich der alte Mann und verschwand.
Da stand sie nun, die Schreibmaschine von Fritz Levy – Fritz' Typewriter. Shepp Petersen und der Pastor betrachteten sie lange. Sie drehten sie, schauten sich jedes Detail an, machten Fotos.
Es überraschte sie immer wieder, welche Schätze aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie auf das Wasser schlugen. Die Fische bewegten sich, wurden sichtbar, anderes versank und blieb für immer verborgen. Das wussten sie beide. Jeder auf seine Art. Die Menschen und die Dinge brauchten ihre Zeit, bis sie wieder auftauchen konnten aus der Geschichte. Manches dauerte Jahrzehnte, anderes ewig.
Als Rolf Carstens, den früher alle Robbie nannten und jetzt Rob, einige Tage nach dem Auftauchen der Schreibmaschine am späten Nachmittag aus Emden, wo er jetzt wohnte, ins GröschlerHaus kam, ging er sofort auf die Schreibmaschine zu. Shepp Petersen hatte Rob von dem plötzlichen Auftauchen der Maschine berichtet.
Rob hatte Fritz Levy Anfang der 1970er Jahre kennengelernt. Er war damals 14, Fritz 73 Jahre alt gewesen. Sie wurden Freunde. Und Rob hatte ein Buch über Fritz Levys Leben geschrieben, das vor einiger Zeit erschienen war.2
Rob betrachtete die Schreibmaschine. „Fritz lebt”, dachte er. Was hatte Fritz alles auf dieser Maschine geschrieben? Unzählige Briefe, ‚Die Chronik eines Heimkehrers', Texte, Schriften und Gedichte. Er lief um den Tisch und bestaunte die Schreibmaschine von allen Seiten.
Sie war schwarz mit cremeweißen Buchstabentasten. Die waren umfasst von silbernen Nickelringen. Die Zwischenraumtaste war ein langer, schwarzer Balken, der geduldig unter den vier nervösen Buchstabenreihen ruhte. Es war eine schöne Schreibmaschine. Klein und praktisch und erstaunlich gut erhalten. Und Shepp Petersen hatte die Maschine wieder soweit auf Vordermann gebracht, dass sie funktionierte.
‚CONTINENTAL' stand in großen goldenen Lettern auf dem Papierauflageblech und darunter konnte man drei chinesische Schriftzeichen sehen.
Links oben auf der Abdeckung las man in etwas kleinerer Schrift ‚CONTINENTAL PORTABLE' und gegenüber auf der anderen Seite ‚Sole Agents Scharpf Günter & Co Shanghai'.
Die hellen Tasten wirkten wie Personen auf einer Tribüne - ein Publikum, das dem Schreibenden erwartungsvoll gegenüberstand. Jede Taste wollte als nächste ausgewählt werden für den entstehenden Text.
Unten wurde die Tribüne von einem schwarzen Rahmen begrenzt, der die quirligen Letterntasten davor schützte hinunterzupurzeln. Auf ihm war zu lesen: ‚Wanderer-Werke Schonau Chemnitz'.
Oben über den Tastenreihen ragten die Typen wie kleine Zähne in einem Halbrund über das Chassis. Es sah so aus, als ob die Schreibmaschine den Betrachter immerzu anlächelte.
Links und rechts außen hinter der Abdeckung waren die Rollen des schwarz-roten Farbbandes zu sehen. Sie waren nicht abgedeckt. Alles war offen. Die Maschine hatte nichts zu verbergen. Man konnte tief in ihr Inneres schauen. Unter der Walze lag ein Labyrinth, undurchdringbar wie die Rohre, Ventile und Antriebswellen einer Schiffsmaschine.
Die Typenhebel lagen ordentlich, soldatisch auf ihren Einsatz wartend, nebeneinander. Alle Teile schienen zu schlafen, aber sollte Fritz loslegen, so stellte Rob es sich vor, würden die Hebel hochfahren, unermüdlich auf das Farbband schlagen und, Fritz gehorchend, die Worte auf das eingespannte Papier bringen, die Räder würden sich drehen und das ganze System sich in Bewegung setzen. Die Walze würde den Druck der Schläge schlucken, die Hebel würden zurückfahren, in Reih und Glied treten, solange, bis ein nächster Einsatz sie erneut hochschnellen ließ, immer und immer wieder, bis Fritz zufrieden war, das Papier herauszog und seinen neuen Text für gut befand.
Rob hörte das Geräusch der Typenhebel, wie sie auf Papier und Walze schlugen. Er sah sie auf- und niederwirbeln. Er hörte, wie der Zeilenschalthebel den Wagen zurückfuhr, die Klingel ertönte, und Wort für Wort, Zeile für Zeile des Textes entstanden. Tack tack tack, tacke tack tacke tack … Er sah wie Fritz seine Brille zurechtrückte, seine Hand an die Stirn legte, nachdachte und dann schnell und sicher den nächsten Gedanken in die Tasten hämmerte. Tack tacke tack tack tacke tack …
Nach einer Weile nahm Rob selbst ein DIN-A4-Blatt, kippte den Papierauslösehebel nach hinten, legte das Blatt ein, klemmte es fest und drehte den Walzendrehknopf, bis das Papier hinter dem Farbbandträger wiederauftauchte. Dann tippte er den ersten Gedanken, der ihm in den Kopf kam, langsam auf das Papier:
„Eine Reise um die Welt müsste man machen. Auf der gleichen Route wie Fritz: Jever – Shanghai – San Francisco – New York – Rotterdam – Jever - einmal um die Welt. Das müsste man machen.”
Rob zog das Blatt heraus, faltete es zusammen und steckte es in die Innentasche seiner Lederjacke.
Shepp Petersen kam aus den hinteren Räumen des GröschlerHauses zurück, wo er irgendetwas gemacht hatte. Na …, wie ist sie?”, fragte Shepp. „Großartig. Es ist unglaublich, wenn man bedenkt, wie viele Texte Fritz darauf geschrieben haben muss. Und wie gut sie noch funktioniert.”
Shepp setzte sich neben Rob an den großen Tisch und zog die Schreibmaschine zu sich heran. „Die chinesischen Schriftzeichen bedeuten ‚Hergestellt in Deutschland'. Es ist eine Wanderer, Modell Continental. Die Maschine wurde von den Wanderer-Werken bei Chemnitz von 1929 bis 1948 produziert. Die Wanderer-Werke waren Ende des 19. Jahrhundert gegründet worden und stellten zuerst Fahrräder, Motorräder, auch Autos und dann auch Büromaschinen her. Diese tragbare Kleinschreibmaschine war damals etwas ganz Neues. Und die Wanderer-Schreibmaschinen hatten einen ausgezeichneten Ruf.”
Rob hörte Shepp zu, der jedes Detail der Maschine gründlich recherchiert hatte.
„Wanderer warb damit, dass die Maschine außerordentlich gut zu bedienen sei. Alle Hebel waren gut erreichbar. Man konnte sie mit einer Haube abdecken, an der ein Tragegriff und sogar ein Schloss waren. Es gab 44 Tasten mit 88 Schriftzeichen. Die Schriftarten ließen sich sogar austauschen. Es gab ‚Schmal-Blockschrift', ‚Große Druckschrift', ,Zierschrift', ‚Frakturschrift' und noch einige mehr. Man konnte die Typen sogar individuell anpassen lassen, wenn man wollte. Und etwas ganz Neues war das zweifarbige Farbband. Es war eine flexible, günstige Maschine, für Leute, die viel unterwegs waren – Geschäftsreisende, Händler, Journalisten.”
Shepp schaute Rob auf eine Reaktion wartend an. Rob sagte nichts. Dann machte Shepp weiter.
„Die Tasten werden wir nicht reinigen. Es soll alles genau so bleiben, wie es war, als Grundmeyer sie uns gebracht hat. Da sind noch Spuren von Fritz dran. Ich bin mir sicher, Fingerabdrücke, Haare, Schuppen, DNA und so was.”
Shepp musste über sich selbst lachen bei diesem Gedanken. „Wir nehmen sie auf in unsere Ausstellung im GröschlerHaus. Sie bekommt einen guten Platz.”
Dann holte er die Brille von Fritz und setzte sie Rob auf die Nase. Das amüsierte ihn. Er lachte. „So, nun setz dich vor die Schreibmaschine. Wie ist es? Jetzt bist du Fritz.”
Rob nahm die Brille wieder ab, während Shepp ein Blatt Papier einzog und zu tippen begann: zuerst ein kleines q, dann ein großes Q, ein kleines w, ein großes W, kleines e, großes E, kleines r, großes R, kleines t großes T und dann das kleine y, großes Y.
„Fällt dir etwas auf?”, fragte Shepp. Rob überlegte, aber er hatte keine Idee, was Shepp meinen könnte. „Das ist eine anglo-amerikanische Tastatur. Bei der deutschen kommt hier nämlich das Z, nicht das Y. Das kommt weiter unten, da wo hier das Z ist.”
Shepp gefiel es, wenn kleinste Erkenntnisse seine Vermutungen bestätigten und neue Thesen ermöglichten. Er fuhr fort. „Dieses Modell wurde ab 1930 gebaut. Es gab wohl drei Schrifttypen zur Auswahl. Prestige ist eher eine längliche Schriftart. Die fällt also schon mal raus. Es bleiben Pica und Brogham. Man kann die beiden Schriften mit bloßem Auge nicht unterscheiden. Aber eine von beiden ist es.”
Shepp Petersen spannte ein neues Blatt Papier ein, tippte irgendeinen Buchstabensalat, zog das Blatt heraus, schaute Rob an und legte es vor ihm auf den Tisch, als wollte er ihn auffordern, nun bitte den richtigen Schrifttyp zu identifizieren. Rob nahm das Blatt, studierte die Buchstaben, aber er konnte keine bestimmte Schriftart erkennen.
Shepp Petersen fuhr unterdessen fort: „… und die Wanderer Continental hatte zwei Schriftgrößen: 10 und 12. Bei einer Reiseschreibmaschine gehe ich aber eher vom kleineren Maßstab aus. Ich habe es mal nachgemessen. Man muss zehn Zeichen tippen und die sollten dann genau einen Zoll, also 2,54 cm ergeben. Pass auf.”
Shepp Petersen tippte zehn Zeichen und holte ein aufgerolltes Maßband aus seiner Tasche. Er maß genau nach und freute sich, dass die zehn Zeichen tatsächlich exakt einem Zoll entsprachen.
„Es ist schon eine besondere Maschine, produziert für den Export nach Asien, insbesondere nach Shanghai. Sie wurde dort von Amerikanern und Briten gekauft, und dann auch von den deutschen und österreichischen Flüchtlingen, die dorthin vor den Nazis geflohen waren. In Shanghai lebten viele Ausländer, Europäer, Amerikaner, Russen - Juden und Nichtjuden. Es war ein attraktiver Markt für die Wanderer-Werke. Das Farbband gibt es noch. Ich habe es im Internet gefunden und sofort bestellt.” Shepp schaute Rob an und grinste.
„Fritz muss diese Schreibmaschine in Shanghai gekauft haben”, erklärte Shepp Petersen.
„Aber warum hat er sie gekauft? Und bei wem? Und woher hatte er das Geld? Wofür brauchte er eine Schreibmaschine in Shanghai? Und wie ist sie dann mit ihm um den halben Erdball bis nach Jever gekommen?”, fragte Rob.
Shepp Petersen zuckte mit den Schultern. „Das wissen wir nicht.”
Shepp Petersen war Robs Lehrer gewesen in den Siebzigern. Bis 2014 hatte Shepp am Mariengymnasium unterrichtet. Seine runde Brille, sein langes, weißgraues Haar und sein Kinnbart ließen ihn sowohl weise als auch „born to be wild” aussehen. Meistens trug Shepp eine alte, rotbraune Lederjacke und dunkle Klamotten - schwarze Jeans, schwarzes Hemd oder Pullover, manchmal ein dunkles Jackett. Shepp sah aus wie Jerry Garcia, nur ohne Vollbart.
Fritz' Schreibmaschine zog Shepp und Rob in ihren Bann. Die beiden saßen noch bis zum Abend an dem großen Tisch im GröschlerHaus und betrachteten sie, probierten sie immer wieder aus, drehten sie um, untersuchten jedes Detail, als ob sie ihnen noch etwas über Fritz verraten würde. „Wenn diese Maschine doch nur sprechen könnte”, meinte Rob. Und sie fragten sich, welche Geheimnisse diese Stadt wohl noch über Fritz Levy preisgeben würde. Fritz lebte. Es hörte nicht auf.
”Bei mir zu Hause liegt ja auch noch der gesamte Nachlass von Fritz Levy. Wenn du willst, kannst du ihn ja mal mitnehmen.”
Rob schaute auf und sah Shepp an, der ihm gegenübersaß. ”Ja, klar. Das mache ich. Gerne. Mich interessiert alles über Fritz. Wie viele Ordner sind denn das?”
”Oh, lass mich überlegen. Vielleicht sechs oder sieben Ordner und ein paar Kisten mit Dokumenten. Der Nachlass umfasst alles, was nach seinem Tod bei ihm in der Wohnung so herumlag – Gerichtsprotokolle, Schriftsätze, Urteile, Zettel, Notizen, Flugschriften, Zeitschriften, Presseberichte, ein paar Bücher. Kirchenleute haben damals seine Wohnung ausgeräumt und alles nach oben in den Kirchturm gebracht. Dort lagen die Sachen dann ein paar Jahre. Irgendwann musste alles dort raus. Die Sachen wurden feucht und fingen an zu schimmeln. Ich habe dann alles mit ein paar Bekannten dort rausgeholt. Ein Karton war so verrottet, dass der Boden aufriss und etliche Fritz-Schriften aus dem Turm nach unten segelten und die ganze Straße bedeckten. Passanten wunderten sich, was dort von oben aus dem Kirchturm herausflog. Fritz ist wieder da, dachten einige.”
Shepp grinste.
„Wir sammelten alles schnell wieder ein, luden es in meinen Bulli und ich nahm den ganzen Nachlass mit zu mir nach Wilhelmshaven. Einige Ordner waren so dreckig, dass ich sie erstmal im Garten sauber machen musste: Mäusekot, Schimmel, Dreck, Zigarrenasche. Ich habe dann angefangen, alles zu ordnen, aber ich bin noch lange nicht fertig geworden damit. Es ist wirklich viel Material. Du kannst den ganzen Nachlass bei mir abholen und mitnehmen für ein paar Wochen. Dir würde ich ihn mitgeben.”
Rob wusste, dass das ein großer Vertrauensbeweis war. ”Okay, dann nehme ich alles gleich heute mit.” Rob war neugierig und ungeduldig. Er wollte den Nachlass sofort sehen, nach neuen Spuren und Antworten suchen. „Nein, heute passt es bei mir nicht. Ich muss gleich noch was einkaufen und später kommt noch Besuch.”
Es dauerte noch bis Dezember. Erst zwischen den Jahren holte Rob den Nachlass ab. Shepp wohnte nicht in Jever, sondern im etwa 20 Kilometer entfernten Wilhelmshaven. Seine Wohnung lag im Stadtzentrum. Rob war schon oft dort gewesen.
Wilhelmshaven war anders als die beschauliche Kleinstadt Jever. Kaiser Wilhelms Kriegshafenstadt, schachbrettartig geplant am Reißbrett im Stil des 19. Jahrhunderts. Aufrüstung der Kriegsmarine im Deutschen Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Matrosenaufstand, Arbeiter- und Soldatenräte, Novemberrevolution, Versailler Friedensvertrag und Weimarer Republik, Machtergreifung der Nazis, Kriegsmarine. Im Zweiten Weltkrieg wurde Wilhelmshaven durch Luftangriffe der Alliierten in Schutt und Asche gebombt. 60 Prozent des Wohnraumes waren zerstört. Befreiung der Stadt durch die Polnische Panzerdivision am 6. Mai 1945. Besatzungszeit. Gründung der Bundesrepublik. Nach dem Krieg wurde die Stadt hastig wiederaufgebaut. Schmucklose Mietshäuser und Straßenschluchten entstanden.
Shepp wohnte in einem Stadthaus, das den Krieg überstanden hatte. Es lag etwas abseits der großen Durchgangstraßen. Rob klingelte und drückte die Tür auf, als es summte. Shepp und Heide Petersen wohnten im 1. Stock. Robs Schritte hallten durch das Treppenhaus. Shepp erwartete seinen Gast oben in der Tür. Sie begrüßten sich und gingen in die Küche. Es gab Kuchen und Kaffee. Shepp zeigte Rob seine neueste Anschaffung. „Ein Temperaturfühler für die optimale Kaffeetrinktemperatur. Hab ich heute bei Hornbach gekauft. 91 Grad Aufbrühen, 57 Grad für die Trinktemperatur. Funktioniert richtig gut. Nett oder?” Er zeigte Rob das Gerät und probierte es dann gleich noch einmal aus. Shepp grinste. Sein neues Spielzeug machte ihm sichtlich Freude.
Sie tauschten die neuesten Erkenntnisse über die Schreibmaschine aus. Man konnte im Internet noch Ersatzteile bekommen. Shepp hatte einen Deckel mit Boden, der die gesamte Maschine umschloss, und an dessen schmaler, abgeschrägter Seite ein Griff angebracht war, an dem man sie gut tragen konnte, gefunden und sofort gekauft. Damit war die Schreibmaschine wieder komplett.
Heide setzte sich zu ihnen. Sie redeten über die Weihnachtstage und aßen den Kuchen auf, maßen immer wieder die Temperatur ihres Kaffees und scherzten darüber.
„Was hat euch damals in den 70ern eigentlich nach Wilhelmshaven verschlagen?” Rob wollte sie das immer schon mal fragen, aber es hatte sich noch nie ergeben.
„Shepp kam 1976 vom Studium in Göttingen hierher”, begann Heide. „Pass auf, was du sagst. Rob schreibt das alles auf, was du ihm erzählst”, warnte Shepp seine Frau und grinste.
„Heide und ich haben uns in Göttingen kennengelernt. Und alle Lehramtsstudenten haben versucht in Göttingen zu bleiben, oder nach Hannover oder Oldenburg zu kommen. Keiner wollte ins Seminar nach Wilhelmshaven. Mich hat's dann aber erwischt. Ich wurde 76 nach Wilhelmshaven geschickt und habe dann hier das Referendariat gemacht. Alle anderen Plätze waren weg. Damals gab es ja noch den Geniusstrand, wo heute der Jade-Weser-Port ist. Da hab ich mein Zelt aufgestellt und dann eine Wohnung gesucht und hier in der Rheinstraße gefunden.
Wilhelmshaven war trostlos für mich im Vergleich zur Studentenstadt Göttingen. Der einzige Lichtblick in Wilhelmshaven war, dass es hier einen Jazzclub geben sollte, das Blue Note. Ein Freund hatte mir davon erzählt. ‚Toller, geiler Laden', hatte der gesagt. Ich wollte hingehen, aber dann hing da ein Schild im Fenster ‚Geschlossen'. Ich war gefrustet, aber kriegte dann raus, dass das kleine Blue Note nur umgezogen war ins große Kommunikationszentrum Pumpwerk. Und tatsächlich, das Blue Note war meine Rettung. Hier gab es richtig guten Jazz zu hören. Ich bin geblieben. Heide kam ein Jahr später nach.”
„Ich hatte in Göttingen eine Schule für drogenabhängige Jugendliche aufgebaut”, fuhr Heide fort. „Aber ich bin dann nachgekommen und hab hier mein Referendariat auch zu Ende gemacht. Für mich war es anfangs schwer, hier zu sein. Ich fühlte mich nicht wohl hier. Dann wurde ich schwanger und als unser Erster auf die Welt kam, da war Shepp schon in Jever am Gymnasium.”
„Ja, es war so, dass es mit meiner Fächerkombination Deutsch/Politik wenig Stellen gab, und da hab ich mich entschieden, mir das Gymnasium in Jever einmal anzuschauen.”
„Na, zum Glück, sonst hättest du Fritz Levy nie kennengelernt und wir wären uns auch nie begegnet. Und du hättest niemals unsere fantastische Schülerband gehört. Das wäre doch schade gewesen, oder?”, unterbrach Rob ihn mit einem ironischen Unterton.
„Ja, das stimmt. Es sollte wohl so sein, dass ich nach Jever komme. Der Schulleiter in Jever wollte mich ja erst gar nicht. Aber es waren tolle Kollegen an der Schule: Dorothea, Jutta und andere. Und auch die Schüler waren nicht so stressig wie in der Großstadt. Ich habe mich dann für Jever entschieden. Und der Schulleiter wurde mich nicht mehr los. Ich bereue die Entscheidung rückblickend nicht.”
Heide ergänzte: „Aber in Jever wohnen wollten wir nicht. Eine Kleinstadt kam für uns nicht in Frage. Ich komme aus einer Kleinstadt in Süddeutschland. Da wollte ich immer nur weg. Jever war zu klein, da war Wilhelmshaven besser.”
„Schluss jetzt. Rob schreibt die alten Geschichten alle auf. Und wir lesen das dann irgendwann irgendwo. Wir gehen jetzt nach oben in mein Arbeitszimmer. Dort wartet der Fritz-Nachlass.”
Shepp wollte an diesem Tag nichts mehr über sich und Heide verraten. Rob hatte sich schon gewundert über die Offenheit der beiden.
Eine knarzende Treppe führte nach oben in Shepps Reich: sein Arbeitszimmer oben unter dem Dach. Es war ein großer ausgebauter Raum mit vielen Metern von Regalen, gefüllt mit Büchern, Aktenordnern, historischen Dokumenten, Fotos, CDs, Disketten, Schallplatten, Dias, Filmen, Kisten, Körben, Taschen. Ein Brett, das auf zwei Böcken lag, diente als Schreibtisch. Darauf stand sein Computer. In einer Ecke war eine kleine Sitzecke mit Sesseln vor einem runden Tisch. Das Zimmer war nicht sehr hoch. Dachbalken schauten an einigen Stellen hervor. Es wirkte sehr gemütlich.
Shepp begann über seine aktuellen Projekte zu berichten, eine Biografie über Robert de Taube, die neue Sinti-Ausstellung für das GröschlerHaus und einen Aufsatz über die jugendliche Subkultur in Jever seit den 50er Jahren. Rob wurde ungeduldig. Er wollte den Nachlass sehen.
Endlich ging Shepp zu einem Regal neben der Tür und holte einen Ordner hervor. ‚FL bis 1959' stand auf dem Rücken.
„Ich habe mal angefangen, den Nachlass zu sichten und chronologisch zu ordnen, als ich die Fritz-Levy-Biografie für das GröschlerHaus geschrieben habe. Dabei sind diese Ordner entstanden. Aber ich bin noch lange nicht fertig geworden.”
Shepp deutete auf weitere Ordner im Regal: ‚FL 1960 bis 1977', ‚FL 1978 bis 1980', 'FL 1981 bis 1982', ‚FL Fotos', ‚FL Briefwechsel', ‚FL Levythania' und ‚FL Presseberichte'.
Er klappte den Deckel des ersten Ordners auf und Rob kam es vor, als ob eine andere Welt vor ihnen auftauchte. Erste Dokumente waren zu sehen. Rob schielte gespannt darauf und versuchte den Ordner an sich zu nehmen. „Hier schau mal, das Testament von Fritz' Vater Julius Levy von 1916. Und hier der Polizeibericht zum Tod von Fritz' Bruder Albert von 1931.”
„Unglaublich … fantastisch …”, flüsterte Rob leise und nahm die beiden Dokumente an sich. Shepp drückte Rob den Ordner in die Hand. Der setzte sich auf einen der Sessel und begann zu blättern. Es war, als ob Geschichte lebendig würde und er teilnehmen könnte an Geschehnissen, die schon lange vergangen waren. Shepp nahm unterdessen die anderen Ordner und stellte sie in eine Kiste, die er von irgendwo hervorgekramt hatte.