image

Vorwort zur Schriftenreihe

Die vorliegende Schriftenreihe „Forum Politische Bildung und Polizei“1 wird im Kontext des von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) geförderten und von der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) sowie der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW) durchgeführten Modellprojekts „Politische Bildung und Polizei“ publiziert. Hier werden die im Projekt durchgeführten Tagungen dokumentiert, wobei es sich vornehmlich um folgende Formate handelt:

Neben „größeren“ Gesprächsforen, die einen thematischen Schwerpunkt setzen, werden in dem Modellprojekt

„kleinere“ Fachforen angeboten. Hier stehen methodisch-didaktische Aspekte der konkreten polizeilichen Bildungsarbeit im Fokus.

Die Foren dienen der Schaffung von Dialogräumen sowie der Ermöglichung und Unterstützung der Netzwerkarbeit auf den Ebenen von Organisationen (polizeiliche und nichtpolizeiliche Bildungseinrichtungen, Polizeibehörden, Einrichtungen der Zivilgesellschaft etc.) und/oder Personen (z.B. Lehrende aus den Bereichen Polizei, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, Multiplikator*innen) der politischen Bildungsarbeit.

Entsprechend möchte die Schriftenreihe „Forum Politische Bildung und Polizei“ den inhaltlich-fachlichen sowie methodisch-didaktischen Austausch zwischen polizeilichen und nichtpolizeilichen Akteur*innen anregen und unterstützen. Mit der Zeitschrift soll ein Rahmen für die Reflexion über die politische Aus- und Fortbildung der Polizei geschaffen werden, innerhalb dessen gerade auch interdisziplinäre sowie interorganisationale Aspekte und Potentiale im Bereich der polizeilich-politischen Bildungsarbeit thematisiert werden sollen.

Herausgegeben wird die Reihe von einem interdisziplinär besetzten Arbeitskreis „Politische Bildung und Polizei“, welcher die Projektarbeiten begleitet. Sie richtet sich an Lehrende polizeilicher Bildungseinrichtungen, Angehörige staatlicher und freier Träger der politischen Bildungsarbeit, Polizeibeamt*innen aller Laufbahngruppen, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und Wissenschaft, Auszubildende und Studierende der Polizei sowie grundsätzlich an alle, die am Thema „Politische Bildung und Polizei“ interessiert sind.

_________________________

1Zitationshinweis: Arbeitskreis Politische Bildung und Polizei (Hrsg.) (2020): Forum Politische Bildung und Polizei. Nr. 1 (hrsg. von Frevel, B./Wrochem, O. von): Polizei und historisch-politische Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten.

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Bernhard Frevel

Grußwort

Detlef Garbe

Teil I: Vorträge

Gedenkstättenarbeit als historisch-politische Bildung für die Polizei

Oliver von Wrochem

Historisch-politische Bildung für die Polizei am historischen Ort

Peter Römer und Christoph Riederer

Historisches Wissen für die berufliche Praxis? Polizist*innen als Zielgruppe für DDR-Gedenkstätten

Sonja Rosenstiel

Teil II: Workshops

Strategische Partnerschaften zwischen Geschichtsorten/Gedenkstätten und polizeilichen Bildungseinrichtungen – Ein Workshop-Bericht

Heike Langguth und Holger Obbarius

Exkurs: Das Planspiel „Richtig ermittelt?!“ zum Thema „Hasskriminalität“ für eine professionelle polizeiliche Arbeit in der pluralen Demokratie

Britta Schellenberg

Didaktik der Exkursionen und Studienfahrten

Bernhard Frevel

Historische Begegnungsseminare mit polnischen und deutschen Polizeibediensteten. Erfahrungen der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Hans-Christian Jasch

Workshop „Exkursionen und Studienfahrten“ – Eine Kurzreflexion

Martin Becher

Elemente forschenden Lernens in Bildungsangeboten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit Polizeigruppen

Susann Lewerenz und Kristin Pfeffer

Kommentar zum Workshop „Forschendes Lernen“ – Ergebnisse der Diskussion

Christoph Kopke

Teil III: Tagungskommentare

Tagungskommentar #1

Wolfgang Kopitzsch

Tagungskommentar #2

Simone Rafael

Autorinnen und Autoren

Editorial

Bernhard Frevel

George Santayana prägte schon vor über 100 Jahren den Aphorismus, dass wer sich nicht an die Vergangenheit erinnere, verdammt sei, sie zu wiederholen. Und so hat die Erinnerungskultur eine besondere Bedeutung für individuelle und kollektive Bewusstseinsbildung. Sich an Gutes zu erinnern und darin Vorbild zu finden, ist dabei ebenso wichtig, wie sich den Schrecken der Vergangenheit zu stellen und die diesen zugrundeliegenden Fehler im eigenen Leben zu vermeiden. Erinnern darf aber nicht zu einem Ritual erstarren, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt und fordert: „Wir werden neue Formen des Gedenkens finden müssen für eine junge Generation, die fragt, was die Vergangenheit mit ihnen und ihrem Leben heute zu tun hat" (O.A. 2020). Diese Forderung gilt nicht nur allgemein, sondern muss insbesondere in der intentionalen historisch-politischen Bildung beachtet werden, gilt es doch gerade hier die Auseinandersetzung über Geschichte und Gegenwart, über eigene und nachvollzogene Erfahrung oder über Ursachen und Wirkungen von Politik zu führen.

Die historisch-politische Bildung hat in der Aus- und Fortbildung von Polizist*innen vielfach einen hohen Stellenwert. Hier gibt es einerseits Module im Polizeistudium (z.B. „Polizei im historischen Wandel“ an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW), andererseits enge institutionalisierte Kooperationen (wie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, die ihre Einrichtung in direkter Nachbarschaft zur Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen in Oranienburg hat) oder – mehr oder minder regelmäßig – Exkursionsprogramme zu Geschichtsorten und Gedenkstätten. Die moderne Polizei im demokratischen Rechtsstaat, verpflichtet zur Achtung der Würde des Menschen, folgt dem Leitbild der Bürgerorientierung und löst sich damit – zumindest partiell – vom „alten“(?) Modell der Staatsmacht, wie es in den antidemokratischen Systemen Nazi-Deutschlands oder der DDR prägend war.

Es reicht für die Polizei aber nicht, nur auf die Vergangenheit zu verweisen, sondern die zielgerichtete Bildungsarbeit, die sowohl emotionale Aspekte aufweist aber auch die kognitive, an Polizeihochschulen auch forschende Auseinandersetzung mit Schrecken wie auch positiven Elementen der Vergangenheit, soll ihren Beitrag leisten, um die Polizist*innen auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe in unserem Staat mit seiner freiheitlich-demokratischen Grundordnung vorzubereiten. Das ist eine vielschichtige und herausforderungsvolle Arbeit.

Welche Zielsetzungen, Gestaltungsformen, didaktischen Grundlagen und methodischen Umsetzungen hier auszumachen sind, welche Möglichkeiten bestehen und Schwierigkeiten zu meisten sind, waren Fragen und Aspekte des ersten „Gesprächsforums Politische Bildung und Polizei“, das am 28./29. November 2019 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattfand.

Diese Kooperationstagung des „Arbeitskreises Politische Bildung und Polizei“ mit und bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bildete den Auftakt einer geplanten Veranstaltungsreihe, die im Kontext des von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Modellprojekts „Politische Bildung und Polizei“ ihren Anfang nehmen soll. Auf dem ersten Gesprächsforum tauschten sich vor dem Hintergrund der zuvor genannten Fragen ca. 75 Angehörige von Bildungseinrichtungen, Behörden und Organisationen der Polizei, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dazu aus wie historisch-politische Bildung an Geschichtsorten und Gedenkstätten für die und mit der Polizei gelingt und zukünftig weiterhin gelingen kann.

In seinem Grußwort betonte Prof. Dr. Detlef Garbe, Leiter der Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, gleich zum Auftakt der Tagung die grundsätzliche Bedeutung polizeilicher Bildung an historischen Orten. Hieran angelehnt zeigte der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Oliver von Wrochem, auf, welche Angebote die Gedenkstätte für die Zielgruppe der Polizei konkret vorhält und ausbaut. Ein besonderer Schwerpunkt liege diesbezüglich auf dem Projekt „NS-Geschichte, Institutionen, Menschenrechte“, mit welchem Bildungsbausteine zu Polizei, Justiz, Verwaltung und Militär während des Nationalsozialismus sowie zu aktuellen Menschenrechtsfragen bereitgestellt würden. Zentral seien dabei der Berufsweltbezug und die Diskussion aktueller Herausforderungen der Gegenwart vor dem Hintergrund geschichtlicher Entwicklungen.

Der Vortrag bildete gleichsam die Brücke für einen begleiteten Rundgang über das Gelände und durch die Ausstellung der Gedenkstätte. Dabei informierten sich die Teilnehmer*innen des Forums in Kleingruppen vor dem Hintergrund der Geschichte des Ortes als Konzentrationslager, Justizvollzugsanstalt und Gedenkstätte über polizeirelevante pädagogische Angebote und Konzepte.

Nachfolgend erläuterten Peter Römer vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster und Dr. Christoph Riederer von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, wie historisch-politische Bildung für die Polizei in der Bildungspraxis umgesetzt werden kann. Um die Verstrickungen der Polizei im so genannten Dritten Reich mit dem Herrschaftssystem des Nationalsozialismus und dessen Verbrechen nicht lediglich auf einer abstrakten Ebene zu behandeln, sei es wichtig, den Opfern sowie den Tätern der Gewaltherrschaft ein Gesicht zu geben. Dies könne etwa mittels der Methode des forschenden Lernens gewährleistet werden. Dabei gehe es um die Initiierung individueller Lernprozesse im Sinne der Stärkung mündiger Bürger*innen, welche diese Rolle ohne und letztlich auch in Polizeiuniform wahrnehmen können.

Sonja Rosenstiel von der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam richtete den Fokus ihres Beitrags auf die DDR-Geschichte und eine thematisch diesbezüglich ausgerichtete Gedenkstättenarbeit für die Polizei. Sie stellte heraus, dass die Geschichte der Volkspolizei nicht losgelöst von der Geschichte des Staatssicherheitsdienstes der DDR betrachtet und verstanden werden könne, wenngleich Methoden, Strukturen und Befugnisse beider Organe voneinander zu unterscheiden seien. Frau Rosenstiel diskutierte vor diesem Hintergrund erste konzeptionelle Überlegungen für mögliche polizeispezifische Bildungsangebote der Gedenkstätte.

Am zweiten Tag des Gesprächsforums wurden verschiedene Aspekte des Themenkomplexes einer polizeibezogenen Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten innerhalb von drei parallel stattfindenden Workshops behandelt. Im ersten Workshop, welcher von Dr. Britta Schellenberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München moderiert wurde, ging es um Fragen strategischer Partnerschaften zwischen Geschichtsorten und Gedenkstätten sowie polizeilichen Bildungsträgern. Hier diskutierten Heike Langguth von den Bildungseinrichtungen der Thüringer Polizei und Holger Obbarius von der Gedenkstätte Buchenwald am Beispiel der Zusammenarbeit ihrer beiden Einrichtungen mit den Teilnehmenden über Herausforderungen, Voraussetzungen, Kooperationsmotive und -ziele entsprechender Partnerschaften.

Innerhalb des Workshops zu Exkursionen und Studienfahrten erläuterte Prof. Dr. Bernhard Frevel von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Form eines Impulsreferats zunächst Orientierungspunkte der Exkursionsdidaktik, bevor Dr. Hans-Christian Jasch von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz auf dieser Grundlage die Bildungsarbeit seines Hauses für die Zielgruppe Polizei anhand spezifischer Angebote darstellte. In der anschließenden, von Martin Becher vom Bayerischen Bündnis für Toleranz moderierten, Diskussion tauschten sich die Anwesenden insbesondere über mögliche Inhalte, Konzepte, Erwartungen der Zielgruppe sowie Fragen der Organisation und Integration von Exkursionen in den Ausbildungsalltag aus.

Der dritte Workshop beschäftigte sich schließlich mit dem Forschenden Lernen als Format historisch-politischer Bildung. Prof.‘in Dr. Kristin Pfeffer von der Akademie der Polizei Hamburg sowie Dr. Susann Lewerenz von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stellten einleitend anhand von Praxisbeispielen Möglichkeiten und Grenzen der Einbindung der Methode in den Kontext der polizeilichen Bildungsarbeit dar. Sie erörterten mit den Teilnehmer*innen Fragen der Kompetenzentwicklung, Themen- und Quellenfindung und sprachen über Qualifikationsanforderungen an Lehrende, die Bedarfslagen der Zielgruppe oder die Abbildung des Formats in polizeilichen Bildungsplänen. Moderiert wurde der Workshop von Prof. Dr. Christoph Kopke von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Nachdem die Workshop-Ergebnisse vor dem Plenum präsentiert worden waren, bekamen Wolfgang Kopitzsch, Polizeipräsident der Freien und Hansestadt Hamburg a.D., und Simone Rafael von Amadeu Antonio Stiftung das Wort für zwei Tagungskommentare. Darin betonten beide vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Expertise abschließend nochmals die Relevanz historisch-politischer Bildung für die Polizei. Nach den Kommentaren hatten die Anwesenden Gelegenheit, an einer geführten Exkursion in das Stadthaus an der Stadthausbrücke (heute „Stadthöfe“) teilzunehmen. Dort hatte bis Juli 1943 das Hamburger Polizeipräsidium seinen Sitz.

Insgesamt wurde während der eineinhalb Tage des Gesprächsforums deutlich, dass Polizist*innen angesichts ihrer besonderen Verantwortung für den Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in ihrer Aus- und Fortbildung in besonderem Maße für die Gefahren menschen- und demokratiefeindlicher Denkmuster und Ideologien zu sensibilisieren sind. Hierzu können Angebote der politischen Bildung an historischen Orten ihren spezifischen Beitrag leisten.

Als Leiter der Veranstaltung gilt mein Dank allen Referent*innen sowie der interessierten und diskussionsfreudigen Teilnehmerschaft. Besonderer Dank gebührt den Mitarbeiter*innen der KZ Gedenkstätte Neuengamme für die Ausrichtung der Veranstaltung. Lieber Oliver von Wrochem, Sie und Ihr Team haben für die neue Tagungsreihe beste Maßstäbe gesetzt.

Quellenverzeichnis

O.A. (2020): Steinmeier warnt in Holocaust-Gedenkstunde vor Abkehr von Erinnerungskultur. In: Stern. Online-Beitrag vom 29. Januar 2020. URL: https://www.stern.de/news/steinmeier-warnt-in-holocaust-gedenkstunde-vor-abkehr-von-erinnerungskultur-9112764.html (Zugriff: 21. Juli 2020)

Grußwort

Detlef Garbe

Die Hamburger Stiftung Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen ist sehr froh darüber, dass sich das Gesprächsforum „Politische Bildung und Polizei“ in den Räumen des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit dem Thema „Polizei und historisch-politische Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten“ auseinandersetzt.1 Wir sind aber nicht nur dankbar dafür, dass wir hier als Kooperationspartner fungieren können, um gemeinsam mit der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen diese Tagung ausrichten zu können. Eingeschlossen in diesen Dank ist auch die Bundeszentrale für politische Bildung, die im Rahmen des Modellprojekts „Politische Bildung und Polizei“, an dem die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit ihrem neuen Leiter Dr. Oliver von Wrochem beteiligt ist, diese Veranstaltung fördert.

Dankbar sind wir aber vor allem aufgrund der inhaltlichen Anknüpfungspunkte zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit. Für Außenstehende mag es auf dem ersten Blick überraschend sein, dass eine Konferenz des Gesprächsforums „Politische Bildung und Polizei“ in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattfindet. Doch diese Tagung ist hier aus mindestens vier Gründen genau richtig platziert:

Zum einen aufgrund der historischen Bezüge. Zwar war das 1938 in den Hamburger Landgebieten eingerichtete und 1940 zum eigenständigen KZ-Hauptlager errichtete Konzentrationslager Neuengamme eine Einrichtung, die der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) in Oranienburg, ab März 1942 dann dem dort neu geschaffenen SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, mithin also dem Reichsführer SS, unterstand. Einmal abgesehen davon, dass dieser ab Juni 1936 auch als Chef der deutschen Polizei fungierte, waren die Verbindungen zur Polizei auch darüber hinaus äußerst vielfältig. Um nur einiges zu nennen: Nach den Luftangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 kamen in den folgenden Wochen und Monaten Tausende von Häftlingen des KZ Neuengamme in der Stadt zum Einsatz, insbesondere – in den zu „toten Zonen“ erklärten Sperrgebieten in Hamburgs Osten, Rothenburgsort und Hamm – zur Leichenbergung und zu Aufräumungsarbeiten. Sie wurden dabei größtenteils bewacht von Hamburger Polizisten. Die Befehlsgewalt über die in der Stadt eingesetzten Häftlingskommandos übernahm der Hamburger Polizeipräsident Hans Julius Kehrl (vgl. Garbe 2013: 57). Auch in etlichen der insgesamt 86 Außenlager des KZ Neuengamme wurden unter Leitung der von der SS gestellten Kommandoführer neben Wehrmachtangehörigen und Zollbediensteten Polizeibeamte zur Bewachung herangezogen. Diesem Aspekt widmet sich auch ein eigener Bereich in der im ehemaligen SS-Garagengebäude eingerichteten Dauerausstellung „Dienststelle KZ Neuengamme“, die über die Lager-SS und andere Tätergruppen sowie Nutznießer der KZ-Zwangsarbeit informiert. (vgl. Garbe 2014: 67ff.).

Doch gab es im Bereich des KZ Neuengamme nicht nur Polizeibeamte, die zur Verstärkung der SS-Wachmannschaften herangezogen wurden, sondern auch auf der anderen Seite des Stacheldrahtes befanden sich viele Polizisten. Vor allem unter den Häftlingen, die aus den von der Wehrmacht besetzten Staaten nach Neuengamme verschleppt worden waren – sie stellten den Großteil unter den insgesamt 100.000 Häftlingen des KZ Neuengamme –, befanden sich nicht wenige Polizisten, etwa aus den Niederlanden, weil sie die Zusammenarbeit der niederländischen Polizei mit der Besatzungsmacht bei der Judenverfolgung sabotierten und sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Das bekannteste Beispiel sind jene 1.700 dänischen Polizisten, die nach Verhängung des als Reaktion auf den stark anwachsenden Widerstand erlassenen Ausnahmezustand auf Befehl des Reichsbevollmächtigten Dr. Werner Best und des HSSPF Günther Pancke im September 1944 in das KZ Neuengamme kamen, weil die Polizei während des Generalstreiks nicht eingegriffen hatte (vgl. Sode-Madsen 2012: 63). Im Unterschied zu 141 dänischen Grenzgendarmen, von denen im KZ Neuengamme und den Außenlagern jeder Vierte starb, war Neuengamme für die dänischen Polizisten allerdings nur Durchgangsstation auf dem Weg nach Buchenwald und ins Kriegsgefangenenlager Mühlberg an der Elbe.

Zum zweiten ist die Tagung hier auch deshalb am richtigen Ort, weil die Entwicklungsgeschichte der Gedenkstätte mit der Polizei beziehungsweise mit polizeilichem Handeln in besonderer Weise verbunden ist. Neben dem Schutz und der engagierten Begleitung durch das Polizeikommissariat 43 in Hamburg-Bergedorf und dem örtlichen Polizeiposten hier im Landgebiet gab es auch spektakuläre, besser prekäre Ereignisse, so bei den Besetzungen von Gebäuden der Gedenkstätte durch Roma und Sinti in den Jahren 1985, 1989 und 1993. Mit ihren Aktionen wollten sie Zugang zu den bis dahin im Staatsarchiv gesperrten Akten des – in der Nazi-Diktion – „Zigeunerreferats“ der Kriminalpolizei sowie ein Bleiberecht erzwingen. Die durch die Polizei durchgeführten Räumungen schlugen seinerzeit hohe publizistische Wellen und waren auch keinesfalls ungefährlich, drohten doch einzelne Roma mit ihrer Selbstverbrennung und hatten dafür schon Benzinkanister bereitgestellt. Glücklicherweise ging alles glimpflich ab und es erfolgte anschließend sogar eine Verständigung mit dem damaligen Hamburger Innensenator Werner Hackmann über Aufenthaltsbescheide im Wege einer Härteregelung. Ich möchte zum dritten Punkt übergehen, der unsere besondere Beziehung zum Tagungsthema darlegt. Gemeinsam mit Wolfgang Kopitzsch und Dr. Wolfgang Schulte gehörten mein inzwischen in den Ruhestand verabschiedeter Kollege Herbert Diercks und ich dem Wissenschaftlichen Beirat an, der die Entstehung der Dauerausstellung zur 200-jährigen Hamburger Polizeigeschichte 1814 bis 2014 im Polizeimuseum begleitete, das im Februar 2014 inmitten des Polizeigeländes in Alsterdorf in einem 1938 errichteten historischen Gebäude eröffnet wurde. Die wissenschaftliche Befassung mit dem Thema der Polizeigeschichte zeigt sich auch darin, dass wir den Band 15 der von uns herausgegebenen „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland“ dem Schwerpunkthema „Polizei, Verfolgung und Gesellschaft im Nationalsozialismus“ gewidmet haben (KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2013). Und schließlich lieferten wir die Inhalte für die Ausstellung „Eine Zentrale des Terrors. Das Stadthaus im Nationalsozialismus“, die seit kurzem im sogenannten Geschichtsort Stadthaus zu sehen ist (Diercks 2012). Träger sind weder die Stadt noch die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, sondern die privaten Eigentümer des zu einem hochwertigen Wohn- und Geschäftsquartier umgestalteten ehemaligen Behördenkomplexes, der bis zu seiner teilweisen Zerstörung 1943 das Polizeipräsidium, die Leitstellen von Gestapo und Kripo für den nordwestdeutschen Raum und einige weitere polizeiliche Dienststellen beherbergte. Wie ein angemessener Umgang mit dem historischen Erbe an diesem Ort aussehen kann bzw. sollte, war in den letzten Jahren in Hamburg Gegenstand einer sehr heftig geführten Debatte, die mit der Eröffnung der erwähnten, flächenmäßig recht begrenzten Ausstellung wohl noch nicht ihr Ende gefunden haben wird.

Zum vierten ist auf die umfassende Zusammenarbeit in den letzten Jahren zwischen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Hamburger Polizei im Bereich der Bildungsarbeit zu verweisen. Von 2010 bis 2014 wurden an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in dem von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ geförderten Projekt „NS-Geschichte, Institutionen, Menschenrechte“ Bildungsbausteine für Angehörige staatlicher Institutionen entwickelt – darunter auch für Gruppen der Polizei. Die im Rahmen des Projekts entwickelten Bildungsmodule verknüpfen historisch-politisches Lernen mit Themen der Menschenrechtsbildung. Die Bildungsangebote zur Rolle von Polizei, Verwaltung, Justiz und Militär im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit sowie zu Menschenrechtsfragen im berufsbezogenen Kontext geben Auszubildenden und Mitarbeiter*innen staatlicher Institutionen, aber auch interessierten Gruppen und Pädagog*innen der schulischen und außerschulischen Bildung Anregungen, wie sie Kenntnisse über institutionelles Handeln im Nationalsozialismus mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und menschenrechtlichen Fragen in Beziehung setzen können. Neun Seminarmodule zu Verwaltung, Polizei und Justiz wurden 2013 in einer Publikation mit beiliegendem Datenträger veröffentlicht, um sie Gedenkstättenmitarbeiter*innen und Multiplikator*innen aus dem Bildungsbereich zugänglich zu machen (vgl. Pastoor/Wrochem 2013).2 Und seit 2014 wurden weitere Seminarinhalte zu Justiz, Militär und Polizei in Geschichte und Gegenwart erarbeitet – zuletzt zum Thema „Täterschaften“. Zudem werden Fortbildungen angeboten, die in die Inhalte und Methoden des Projekts einführen.

Im Rahmen der Erarbeitung von Bildungsmodulen für Polizeigruppen wurde eine Kooperation zwischen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Akademie der Polizei in Hamburg (Kooperationspartner: Prof. Dr. Reimer Eggers) verabredet. Bis 2016 wurden hier in Neuengamme regelmäßig zweitägige Bildungsveranstaltungen mit Erstsemestern der Akademie der Polizei in den Sparten Kriminal-, Schutz- und Wasserschutzpolizei durchgeführt. Nach einer Veränderung des Curriculums wurde die Kooperation seitens der Polizeiakademie zwar zwischenzeitlich eingestellt; inzwischen werden aber wieder regelmäßig eintägige Studientage mit Auszubildenden für den mittleren Dienst sowie einmal jährlich eine Projektwoche mit Studierenden der Hochschule in der Akademie der Polizei mit der Gedenkstätte durchgeführt.3 Abschließend möchte ich noch auf einige aktuelle Punkte hinweisen: