Titel der amerikanischen Originalausgabe:
THE DAY I WAS CRUCIFIED AS TOLD BY JESUS THE CHRIST

Copyright © 2004 by Gene Edwards. All rights reserved.

Copyright © 2021 deutschsprachige Ausgabe Martina Heinig
Aus dem Amerikanischen übertragen von Martina Heinig
Mit freundlicher Genehmigung durch Gene Edwards

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Umschlagsgestaltung: Thomas Sommerer

Foto: Shutterstock

ISBN: 9 783753 493510

ES ERSCHIEN IHM ABER EIN ENGEL VOM HIMMEL, DER IHN STÄRKTE. LUKAS 22,43

Inhaltsverzeichnis

TEIL 1

DIE GESCHICHTE ERZÄHLT

VON JESUS CHRISTUS

1

Die Frau des Pilatus hatte in dieser Nacht einen unruhigen Traum von Engeln und von unschuldigen Menschen, die in den Tod gingen.

Judas war auf dem Weg zum Hof des Hohenpriesters und vertrieb eilig seine Gedanken, was er sich für 30 Silberstücke alles kaufen könnte.

Es war schon spät in der Nacht. Meine Mutter war tief besorgt und spürte in ihrem Herzen eine immer schwerer werdende Last.

In der Burg Antonia lagen drei Gefangene angekettet und schlaflos in ihren Gefängniszellen. Sie fragten sich im Stillen, wie es wohl sein wird, wenn sie gekreuzigt werden. Wenn Nägel durch ihre Hände geschlagen werden und sie allmählich qualvoll durch Ersticken zu Tode kommen.

„Die Mücken und die Fliegen sind das Schlimmste, wurde mir einmal gesagt,“ erklang die Stimme eines der Diebe und durchbrach das Schweigen im dunklen Verlies.

„Ich will das nicht wissen,“ rief ein anderer.

Als ich aus der Stadt ging und das Kidrontal in Richtung des Ölbergs durchquerte, bemühte sich Petrus, der nicht weit hinter mir herging, ein kleines Schwert unter seinem Gewand zu verstecken.

Ein Junge von sieben Jahren, der nicht schlafen konnte, schlüpfte aus dem Haus und lief durch die Stadt. Er war auf der Suche nach meinen Jüngern, weil er sie fragen wollte: „Warum ist diese Nacht so dunkel und unheimlich?“

Im Palast des Statthalters von Galiläa war Herodes Antipas nicht nur wach, sondern auch betrunken. Ich wusste, bevor diese Nacht vorüber wäre, würden wir beide uns noch begegnen. Ich fürchtete ihn, wie Schnee den Ruß fürchtet.

Die jüdischen Führer, die auf der Ostseite der Stadt lebten, trafen gerade eine Entscheidung über mich. Sie wussten, es musste noch vor dem Beginn des Pessach Festes gehandelt werden. Sobald die Sonne aufging, könnte es bereits zu spät sein.

Die Heiden, die zumeist auf der Westseite von Jerusalem lebten, würden noch vor dem Mittag des gleichen Tages dieselbe Entscheidung treffen.

Als ich mein Ziel erreichte, einen Olivenhain in der Nähe des Ölbergs, war ich sehr beunruhigt darüber, dass es in der unsichtbaren Welt zwischen den Fürstentümern und Mächten so viele Aktivitäten gab.

Da ich von dem Verrat in dieser Nacht nichts wusste, betraten meine Jünger und ich den Garten Gethsemane, ein Ort, wo ich mich oft zum Beten zurückgezogen hatte.

Hier in diesem Olivenhain würde ich zum letzten Mal meine Freiheit erleben, die ich auf dieser Erde noch haben würde.

Ich kniete auf den Boden nieder und wir fingen an zu beten. Doch schon bald wurden ihre Gebete mühsam und sie schliefen ein.

Während ich betete, musste ich weinen. Und als ich weinte, erschien vor mir ein Kelch.

Obwohl ich schon lange wusste, dass ich in diese Stunde kommen würde, schreckte ich vor Entsetzen vor dem zurück, was ich sah.

„Vater! Bitte! Wenn es möglich ist, schaffe einen Ausweg, damit ich ihn nicht trinken muss.“

Noch während ich sprach, kam der Kelch näher.

2

Der Kelch spuckte sein abscheuliches Gift aus, bis der Gestank seines Inhalts scheinbar die Winde der ganzen Erde erfüllte.

Ich beobachtete, wie alle Sünden sämtlicher Söhne Abrahams in den Kelch schlüpften. Ich schaute zu, wie Jahrhunderte ihrer Rebellion, des Götzendienstes, des Inzests, des Mordens, der Lügen und der Täuschungen ihren Weg in den Kelch hineingefunden haben. Die kompletten Sünden des gesamten hebräischen Geschlechts waren nun mit dem Kelch eins geworden.

Meine Hände und mein Gesicht fingen an das Blut hervorzupressen, bis der Boden um mich herum ganz blutig wurde. So schrecklich war der Druck, der auf mir lastete.

Ich weinte, bat um Befreiung und schrie: „Abba! Vater!“

Mein Körper begann unkontrolliert zu zittern. Ich schrie und weinte in Todesangst.

Niemals zuvor hatte ich oder irgendein anderer Mensch etwas von dieser tiefen Abscheu gewusst, bis ich diese Schamlosigkeit und das Böse ansah, dass in diesen Kelch hineinströmte.

Ich wäre dabei fast gestorben, wäre nicht die Tür zu einem anderen Reich aufgegangen. Ein Engel kam und diente mir. Das Bild des Kelchs verblasste, aber es war noch nicht vorbei. Beim nächsten Mal würde sein Anblick noch grausamer werden.

Ich bemühte mich, um auf die Beine zu kommen und zwang mich, zu meinen Jüngern zurückzukehren. Als ich dort stand, tränkte ich den Boden um mich herum mit meinem Blut.

„Hättet ihr diese Nacht nicht bei mir bleiben können?“ fragte ich sie, als ich wieder zum Ort meines Gebets zurückging.

VATER, DEIN WILLE GESCHEHE!

3

Diesmal sah ich nicht die Übertretungen der Söhne Abrahams, sondern die der Heiden.

Im lasterhaften Gebräu des Kelchs erkannte ich die Sünden des Heidentums mit ihrem Götzendienst, der Gotteslästerung und der Abscheulichkeit von allem, was die heidnische Phantasie nur heraufbeschwören konnte. Ich rief: „Oh, was für eine Brutalität eines Menschen gegenüber einem anderen!“ Ich sah die Schlachten, die Kriege, dass Leid, viele Schmerzen und die schwindelerregende Verdorbenheit des Heidentums. Alles fand ihren Weg hinein in den Kelch.

Jedes Fehlverhalten der gesamten Menschheit, egal ob Jude oder Heide, versammelte sich an einem Ort und verschwand in diesem Kelch.

Alle Boshaftigkeit wartete darauf, sich mit der gesamten Reinheit zu vermischen, die Verdammnis war bereit um die Gerechtigkeit einzuschließen, alles Abscheuliche wartete darauf, die Heiligkeit zu vernichten. Alles wartete darauf, dass ich den Kelch zurückweisen würde.

Mein Blut wurde mir gewaltigen Druck durch die Poren meiner Haut gepresst, vermischte sich mit meinem Schweiß und tropfte von meinem Kopf und meinem Gesicht zu Boden.

Meine eigene Lebenskraft raste davon um dem zu entkommen, was darauf wartete, sich mit mir zu vereinen. Zum Glück zog sich der Kelch wieder ein Stück von mir zurück.

Ich wollte noch einmal nach meinen Jüngern sehen, kämpfte um aufzustehen und brach zusammen. Schließlich kam ich doch noch zu ihnen. Als ich sie schlafend sah, konnte ich nicht anders, als wegen jedem einzelnen zu weinen, auch wenn ich fürchtete, dass jede Träne, die ich vergoss, ganz sicher meine letzte sein würde.

Nur durch die Gnade der Engel war ich in der Lage, an meinen Gebetsort zurückzukehren und mich dem zu stellen, was vor mir lag. So abscheulich die Taten vom auserwähltem Volk Gottes auch waren, so abscheulich die Taten der Heiden, alle verblassten plötzlich angesichts der Sünde, die ich jetzt sah: Die Sünde der gefallenen Wesen des unsichtbaren Reiches. Dieser Augenblick war nur der Anfang meines Leidens.

Und so kam der Kelch zu mir zurück.

4

Die Juden, ja. Die Heiden, ja. Aber müsste ich den Trank der Sünde des unsichtbaren Reiches trinken?

Kein Teil von mir konnte das Ausmaß des leibhaftigen Bösen erfassen, das sich vor meinen Augen abspielte. Es war nicht nur mein Los, die Untaten zu sehen, die im sichtbaren Bereich begangen wurden, sondern auch die monströsen Taten, die in unsichtbaren Bereichen begangen wurden.

Der Kelch bebte, als sämtliche Taten der gefallenen und verfluchten Bewohner des unsichtbaren Reiches in den Kelch hineingeschüttet wurden.

Mit unsagbarem Grauen sah ich den vollen, verderblichen Einfluss der abscheulichen Geister, die Verunreinigung der gefallenen Engelscharen, die Schädlichkeit der Fürsten der Verdammnis – alles floss in diese ekelerregende Brühe.

„Mein Vater,“ rief ich unter unsagbaren Schmerzen, „wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Dann schrie ich in entsetzlicher Resignation auf, „aber … wenn nicht … dann … geschehe … dein … Wille.“

VATER, DEIN WILLE GESCHEHE!

Ich brach auf dem Boden zusammen, der zu einer Lache meines eigenen Blutes geworden war. Ein Engel kämpfte hart, um meinen Tod aufzuhalten, den Tod eines gebrochenen Herzens und eines ausgemergelten Körpers.

5

Der Kelch verblasste noch einmal, und für einen Moment erinnerte ich mich an ein Ereignis, das in der vergangenen Ewigkeit, in der Zeit vor der Schöpfung, stattgefunden hatte. Ich erinnerte mich an ein Lamm – ein Lamm, das geschlachtet wurde.

Es wurde vor ewigen Zeiten von meinem Vater geschlachtet. Ich war dieses Lamm!

Ich war dort im Vater, eine Opfergabe, die lange vor der Schöpfung erbracht wurde. Und nun war diese Tötung im Begriff, sich mit der physischen Schöpfung zu verbinden, sich der Geschichte anzuschließen, und in Raum und Zeit einzutreten.

Einen Augenblick lang befanden sich meine Gedanken sowohl in der vergangenen Ewigkeit als auch im Olivenhain. Allmählich fand ich mich vor elf schlafenden Jüngern stehen. Einer von ihnen schrie in einem unruhigen Traum auf und fiel dann wieder in einen tiefen Schlaf.

6

Der lange Kampf der Unterwerfung war vorbei. Wir waren uns einig, mein Vater und ich.

Ich war aufgefordert worden, den Abschaum der universellen Sünden zu trinken. Ich hatte zugestimmt. Dennoch war das Entsetzen darüber so groß, dass es die gesamte Menschheit nicht begreifen könnte. Nicht einmal der Tod höchstpersönlich konnte sich vorstellen, was mich erwartete.

Einmal mehr überlebte ich das alles nur durch die Hilfe eines barmherzigen Engels.

7

Kaiphas, der Hohepriester, ging über die lange, schmale Brücke, die vom Tempel zu seiner Residenz führte. Diese Brücke war nur zu dem Zweck errichtet worden, um sicherzustellen, dass ein Hohepriester nichts Unreines berührte, wenn er vom Tempel zu seinem Palast ging. An diesem Abend war Kaiphas besonders vorsichtig, weil das Passahfest kurz bevorstand.

In vollem Priestergewand schritt er von der Brücke auf die gepflasterte Straße. „Wo steckt Judas? Ist er schon auf dem Weg?“ fragte Kaiphas.

„Er sollte in Kürze eintreffen“, antwortete einer der Tempelwächter.

„Wurden römische Soldaten angeworben um den Rest der Palastwache in den Hain zu begleiten?“

„Das haben sie.“

„Sorge dafür, dass die Römer sich von uns fernhalten.“

„Gibt es Schwerter? Und Fackeln? Und, falls nötig, Knüppel?“

„Alles drei“, kam die Antwort.

„Und, bist du sicher, dass alle seine Jünger bei ihm sind?“

„Sie wurden bereits zusammen gesehen.“

Kaiphas zögerte und befahl dann, „tötet sie, sobald sie Widerstand leisten.“

„Nachdem der Galiläer hierhergebracht wurde, wird es einige geben, die gegen ihn aussagen müssen. Sind alle richtig vorbereitet?“

„Ja, sogar noch während wir uns unterhalten.“

„Dann ist es Zeit, die Lampen und Fackeln anzuzünden. Mach dich auf den Weg.“

„Wenn wir dort ankommen, wie können wir sicher sein, welcher davon Jesus ist? Es wird dunkel sein und er trägt keine besondere Kleidung.“

„Judas wird ihm einen Kuss geben.“

Mit diesen Worten machte sich Kaiphas auf den Weg zurück zu seinem Palast, hielt aber inne, um zu fragen: „Wurde der Hohe Rat benachrichtigt?“

„Ja, sie sind bereits unterwegs. Es gibt zwei, die konnten wir nicht ausfindig machen.“

„Das ist kein Problem. Macht weiter.“

Gerade betrat Judas den Hof.

Jemand rief ihm zu: „Sie warten schon auf dich. Beeile dich und schließe dich ihnen an. Es ist deine Aufgabe, sie zu seiner Gebetsstätte zu führen und ihnen zu zeigen, wer Jesus ist.“

8

Ich spürte, dass der Sohn des Verderbens nun Jerusalem verlassen hatte und sich auf den Ölberg zubewegte. Aber er war nicht allein.

„Ihre Stunde ist gekommen,“ flüsterte ich. „Vater, ich lasse meine Freiheit, meinen Willen, mein Leben und bald auch meinen Geist los.“

Schließlich war ich längst in diese Stunde gekommen.

„Vater, ich werde diesen Kelch trinken.“

Der Engel der Barmherzigkeit nahm mich noch einmal in seine Arme, bis er sicher war, dass ich auf eigenen Beinen stehen konnte. Kurz vor dem Weggehen wischte er mir das Blut aus meinem Gesicht.

„Engel großer Gnade, nun muss ich alleine weitergehen, ich muss dich jetzt entlassen.“

Der Engel nickte wissend und gehorchte, aber nicht ohne Protest und Tränen: „Wann wird es enden, mein Herr?“

„Nicht bevor Jona ausgeliefert wurde,“ antwortete ich.

„Schnell, Rückzug“, sagte ich zum letzten Mal zu dem Engel.

Ich stand auf und fing an, mit meinem Vater zu reden.

9

„VATER, DIE SCHÖPFUNG ENTSTAND DURCH MEINE HAND

ICH HABE DIE STERNE GESTALTET

ICH LEITETE DIE HIMMEL AUF IHREN LANGEN WEG

SOGAR ALS SIE ÜBER DIE KRONLEUCHTER DES HIMMELS GEWÖLBT WURDEN

SPIEGELTEN SIE MEINE HERRLICHKEIT WIDER

ICH HABE DAS EISEN IN DIE ERDSCHICHTEN GESTREUT

ICH BRACHTE DIE BÄUME HERVOR

DAMIT SIE DIE ERDE IN SMARAGDGRÜN KLEIDEN KÖNNEN

JETZT KOMME ICH AN SO EINEN BAUM

UM DAS GESCHLECHT DES ALTEN ADAM ZU BEENDEN

UND BRINGE DIE SCHÖPFUNG AUF IHRE LETZTE SEITE

DER TOD WIRD VON MIR IN SEINEN KÄFIG EINGESPERRT

UM BALD SELBST IN DIE HÖLLE ZU KOMMEN

EIN LETZTER SCHLUCK AUS DEM SCHÄUMENDEN KELCH UND DANN DEN LOHN DER SÜNDE EMPFANGEN!“

„OH, VATER, SEIT MEINER ANKUNFT AUF DIESER ERDE HABE ICH IN DEN GRENZEN DER GEBRECHLICHEN MENSCHHEIT GELEBT. ERWEISE MIR DEINE UNTERSTÜTZENDE GNADE, AUCH WENN DER TOD DANACH SCHREIT, VON SEINEN KETTEN BEFREIT ZU WERDEN.

„VATER, VERMISCHE MEINE TRÄNEN MIT DEINEN.“

Ich ging zurück zu meinen schlafenden Jüngern, weckte sie auf und sagte: „Steht auf. Ich muss den Kelch trinken!“

10

Sie kämpften sich auf die Beine und schauten sich um. Sie sahen niemand, den sie kannten.

„Wo ist Jesus? Und wer, bitte schön, bist du?“

Petrus sprach wieder zu der seltsamen Kreatur, die vor ihm stand.

„Mensch, wer bist du? Bist du nicht aus Fleisch und Blut? Oder bist du schon tot und kommst, um uns zu besuchen?“

Da antwortete ich: „Petrus.“

Petrus schob seine Hände vor den Mund und rief: „Mein Herr! Oh, mein Herr, bist du es wirklich? Du bist ganz mit Blut verschmiert! Ich erkenne weder dein Gesicht noch deine Gestalt.“

Jakobus und Johannes suchten gemeinsam nach Worten, um ihre Bestürzung auszudrücken. Wie konnte sich ein Mensch in so einer kurzen Zeit so sehr verändert haben? Sie wussten nicht, dass ich in dieser Stunde den ewigen Titel,

Mann der Schmerzen

erkämpft hatte.

Mein Schweiß, mein Blut und meine Kleidung waren eins geworden mit meinem, jetzt nicht mehr erkennbaren Körper.

Und so erfüllte sich die Prophezeiung, die ich vor langer Zeit zu Jesaja gesagt hatte:

SO ENTSTELLT WAR SEIN AUSSEHEN, MEHR ALS DAS IRGENDEINES MANNES. Jesaja 52,14

Ich ignorierte ihre Verwunderung und forderte meine Jünger auf, mir zu folgen.

Johannes drängelte sich an meine Seite. „Ich hatte einen Traum, ich sah einen Engel. Habe ich das hier gesehen? War es nur ein Traum? Oder habe ich wirklich so etwas merkwürdiges gesehen?“

„Johannes, du wirst es früh genug erfahren. Es wird Einer kommen, der in dir lebt und der dich an diesen Moment erinnern wird.“

Als Petrus das schwache Licht der Fackeln bemerkte, begann er sein Schwert zu suchen. Er wusste nicht, dass die Männer mit den Fackeln einen Verbrecher suchten.

„Wer kommt denn zu dieser Stunde an diesen Ort?“ fragte Jakobus.

In diesem Augenblick bemerkte Johannes, dass sich jemand im Schatten verbarg.

„Johannes Markus, weiß deine Familie, wo du dich aufhältst? Was machst du hier?“

„Ich konnte nicht schlafen“, antwortete der Junge. „Auf meinem Weg hierher habe ich überall Wachen gesehen. Ich glaube, sie kommen, um den Herrn zu holen“, fuhr der verängstigte Junge fort.

„Sie sind schon da“, antwortete ich. „Sie sind zu meinem Gethsemane gekommen. So wird es auch jedem von euch gehen, denn jeder Mensch muss sich eines Tages seinem eigenen Gethsemane stellen.“

„Mein Verräter ist da!“

11

„Römische Soldaten? Tempelwächter? Fackeln? Laternen? Ein Mob bewaffnet mit Knüppeln?“ fragte Thomas erstaunt. „Und es sind so viele. Man braucht heute viele Fackeln, um Licht in diese seltsame Dunkelheit hinein zu bringen.“

Die Menge bewegte sich auf meine Jünger zu. Dann trat ich nach vorne.

Judas, dessen schwarze Augen überallhin huschten, versuchte seinen Rabbi irgendwo unter den Jüngern zu finden. Plötzlich blieben seine suchenden Augen stehen. Lange Zeit starrte er mich nur an. Er studierte meine Sandalen und dann meine Augen. Vorsichtig schlich er auf mich zu und hielt seine Fackel hoch. „Bist du es, Herr?“

Sicher, dass ich es war, beugte sich Judas vor, küsste mich auf die Wange und dann auf meinen Hals.

„Judas, überlieferst du mich mit einem Kuss?“

VATER, DEIN WILLE GESCHEHE!

Die Soldaten waren verwirrt. Sie wussten nur, dass sie nach demjenigen Ausschau halten sollten, den Judas geküsst hatte. Aber sicher, so dachten sie, handelt es sich hierbei um einen Irrtum. Der Mob war in Erwartung eines Propheten gekommen, eines großen, starken und furchtlosen Mannes. Das Überbleibsel dieses Mannes konnten sie nicht erkennen.

„Wen sucht ihr?“ fragte ich.

„Wir sind auf der Suche nach Jesus von Nazareth“, sagte einer der Soldaten, während er sich weiter umsah.

„Ich bin Jesus, ich bin der, den ihr sucht.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Soldaten nicht auf das Entsetzen geachtet, das auf meinem Gesicht stand. Erschrocken stolperten sie rückwärts, einer fiel über den anderen.

Der Hauptmann der Tempelwache, der endlich seine Beherrschung wieder gefunden hatte, befahl: „Bringt ein Seil.“

Dann stürzte Petrus los.

12

Er zog sein Schwert unter seinem Gewand hervor und schwang wie wild um sich. Er schlug das Ohr eines unglücklichen Sklaven ab, der in der Nähe stand. Schnell rührte ich sein Ohr an und heilte es. Es geschah so plötzlich, dass keiner der Soldaten Zeit gehabt hatte, zu reagieren.

Meine Engel hatten Gethsemane umzingelt und jeder hatte sein Schwert gezogen. Ich flüsterte der Engelschar zu: „Es steht euch nicht zu, euch einzumischen. Kehrt zu den Berggipfeln zurück und bereitet euch darauf vor, auf mein Kommando in das unsichtbare Reich zurückzukehren.“

Dann sagte ich zu Petrus: „Wenn ich Hilfe gebraucht hätte, dann hätte ich meine Engel gerufen. Dies ist nicht die Zeit für einen Kampf, sondern für den Kelch.“

Dann schaute ich in jedes einzelne Gesicht der versammelten Menge. „Habt ihr mich mit einem Dieb verwechselt? Seid ihr in solch einer kämpferischen Aufmachung hierhergekommen? Sicherlich sucht ihr nicht mich, sondern einen verzweifelten Feind der Gesellschaft. Ich bin mit euch im Tempel gewesen und habe jeden Tag öffentlich gelehrt. Warum habt ihr mich nicht dort verhaftet?“

einzige