Jürgen Kocka

Kampf um die
Moderne

Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

 

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg. Unter Verwendung der Lithographie von Gustav Kraus »Eröffnung der Eisenbahnlinie München–Augsburg 1839« © Münchner Stadtmuseum, München

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98499-6

E-Book ISBN 978-3-608-11712-7

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Vorwort

Aus heutiger Perspektive ist das 19. Jahrhundert weit entfernt, es erscheint uns fremd und bisweilen exotisch. In ihm lebte viel aus den vorangehenden Jahrhunderten weiter, was mittlerweile völlig verschwunden ist. Andererseits ist es in der deutschen Geschichte das Jahrhundert, das der klassischen Moderne(1) zum Durchbruch verhalf, bevor sie in den (1)Diktaturen, Kriegen(1) und Katastrophen des 20. Jahrhunderts in eine tiefe Krise geriet und sich danach nur noch in gebrochener Gestalt und zugleich im Modus der Selbstkritik weiterentwickelte.

Das 19. Jahrhundert legte Grundlagen, die auch noch unsere Gegenwart tragen: Mit der Industrialisierung(1) wurde der Kapitalismus(1) zur maßgeblichen Ordnung der Wirtschaft(1) und – teilweise – der (1)Gesellschaft; das ist er trotz grundsätzlicher Infragestellungen und tiefgreifender Transformationen geblieben. Der (1)Verfassungs-, der National- (1)und der Sozialstaat(1) sind Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Seitdem haben sie sich verändert, doch sie sind auch prägende Bestandteile der Gegenwart. Im 19. Jahrhundert fand ein fulminanter Aufstieg der (1)Wissenschaften(1) statt, der sich bis heute fortsetzt und die Welt verändert, sei es mit segensreichen, sei es mit zerstörerischen Folgen. Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Emanzipation(1), in dem die Sache der Freiheit(1) enorme Fortschritte machte und die (1)Demokratisierung begann. Zugleich war es ein Jahrhundert sich tief eingrabender Ungleichheiten und neuer Abhängigkeiten. Beides wirkt bis heute weiter. Zwar war das 19. Jahrhundert, innerhalb (1)Europas, friedlicher als das 18. zuvor und das 20. danach. Aber es begann in den (1)(2)Kriegen, mit denen (1)Napoleon den Kontinent(2) seit dem späten 18. Jahrhundert überzog, und es endete in der Katastrophe des (1)Ersten Weltkriegs(3). Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert Europas(3), und das hieß auch: Europäische Mächte griffen weit aus in die Welt und machten sich große Teile davon untertan, durch (1)Kolonialisierung und (1)Imperialismus. Das 1871 gegründete Deutsche Reich(1)(1) hatte seinen Anteil daran. Der Fortschritt(1) und seine Kosten, (1)(1)zivilisationsgeschichtliche Errungenschaften und Abstürze zugleich, die tiefen Widersprüche der sich durchsetzenden klassischen Moderne(2) – sie sind unübersehbar, wenn man deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert betrachtet.

In dieses 19. Jahrhundert führt das vorliegende Buch kurz und knapp ein. Es klärt die wichtigsten Grundbegriffe. Es bietet einen gerafften Überblick über die Grundlinien der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert(1), und zwar in vergleichender Perspektive, um ihre Eigenarten zumindest ansatzweise erkennen zu können. Das Buch bringt das 19. Jahrhundert als Epoche zur Darstellung, ihren inneren Zusammenhang und ihre Besonderheiten im Vergleich zur Zeit davor und danach; als Epoche, in der sich die Grundzüge der klassischen Moderne(3) in Spannung und Konflikt mit mächtig weiterwirkenden älteren Strukturen und Traditionen(1) allmählich durchsetzten. Es präsentiert wichtige Zahlenreihen im Überblick. Es ist ein analytischer Essay, keine detaillierte Erzählung einzelner Ereignisse. Die wichtigsten Daten, Entscheidungen, Ereignisse und Personen werden jedoch in einem chronologischen Anhang stichwortartig aufgelistet. Das Buch fußt auf intensiver Auswertung der einschlägigen Literatur der letzten Jahrzehnte und spiegelt den neuesten Forschungsstand. Nicht jeder Leser und jede Leserin wird diesen Forschungsstand genauer erkunden wollen. Aber wer sich für ihn im Detail interessiert, kann ihn sich in den ausführlichen Anmerkungen und im inhaltlich gegliederten Verzeichnis der Quellen und Literatur erschließen. Das vorliegende Buch ist die stark erweiterte, gründlich überarbeitete und auf den neuesten Stand gebrachte Fassung der Einführung in die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts, die erstmals 2001 als Band 13 des »Gebhardt« erschien. Die Form, die Tiefe und die Ausführlichkeit der Literaturerschließung wurden beibehalten.[1]

Das Buch nimmt den Zeitraum vom späten 18. Jahrhundert bis zum (2)Ersten Weltkrieg(4) in den Blick, also ein »langes 19. Jahrhundert«. Es zeigt, wie alte (1)feudale, (1)ständische und (1)absolutistische Mächte und Formen weiter existierten und das Leben mitprägten, wenngleich zunehmend geschwächt. Aber es betont, was das Jahrhundert an Neuem brachte. Es begreift das 19. Jahrhundert als das Jahrhundert der Industrialisierung(2) und des sich durchsetzenden (2)Kapitalismus; als ein Jahrhundert des beschleunigten Bevölkerungswachstums(1) und der großen (1)(1)Wanderungen; als Teil des Zeitalters sich durchsetzender (1)Säkularisierung; als das Jahrhundert der aufsteigenden (2)Nationalstaaten und des (1)Nationalismus. Gleichzeitig brachte es transnationale Verflechtungen und schließlich auch (1)Globalisierung in einem Ausmaß mit sich, das in der Zeit der Weltkriege(3)(1)(5) wieder verloren ging und erst seit den 1970er Jahren wieder erreicht wurde. Auch in (2)Deutschland war das neunzehnte das Jahrhundert des Bürgertums(1) und der allmählich dominant werdenden bürgerlichen Kultur(1), ein bürgerliches Jahrhundert, das jedoch von vorbürgerlichen Kraftlinien durchzogen blieb. Es war von Klassenkonflikten(1) und Geschlechterungleichheit durchfurcht, legte aber trotzdem die Fundamente einer (1)Zivilgesellschaft, die in den (2)Diktaturen des 20. Jahrhunderts fast zu Grunde ging, aber in den letzten Jahrzehnten erneuert und gefestigt wurde, wenngleich ihr Versprechen noch immer nicht voll eingelöst ist. Die Bürgerlichkeit, ihre Grenzen und die Entstehung einer zukunftsträchtigen Zivilgesellschaft sind zentrale Merkmale des 19. Jahrhunderts in Deutschland, die dieses Buch zur Darstellung bringt.

Im 19. Jahrhundert wurde auch Deutschland(3) zum Rechts- und Verfassungsstaat mit Ansätzen beginnender (2)Demokratisierung und sehr früher (2)Sozialstaatlichkeit. Aber eine parlamentarisch-demokratische Regierungsform(1) erreichte das Kaiserreich(1) erst im Moment seines Untergangs. Bis dahin widerstanden seine Institutionen, Herrschaftseliten(1) und Mentalitäten dem Druck des Wandels in bemerkenswerter Starrheit. Diese und andere Besonderheiten Deutschlands(4) sind unter der Fragestellung »Sonderweg – ja oder nein?« (1)jahrzehntelang diskutiert worden. Sie werden auch in diesem Buch thematisiert, das aber die deutsche Entwicklung als eine Variante der variantenreichen europäischen Entwicklung(4) deutet. Die vorherrschenden Vorstellungen vom 19. Jahrhundert haben sich in den letzten Jahrzehnten und Jahren gründlich verändert. Damit beginnt die Darstellung.

Kapitel 1


Bilder vom 19. Jahrhundert im Wandel

(1)Als chronologische Spanne ist das 19. Jahrhundert zunächst nur ein kalendarisches Artefakt: nach äußerlichen Kriterien aus der überwältigenden Vielfalt(1) des historischen Geschehens herausgeschnitten und ohne gemeinsamen Nenner in inhaltlicher Hinsicht, denn ein solcher wird weder durch Gleichzeitigkeit und zeitliche Abfolge an sich noch durch die Suggestion der runden Zahlen gestiftet. Doch die Rede vom 19. Jahrhundert zielt häufig auf mehr, nämlich auf einen Epochenzusammenhang, der durch Gemeinsamkeiten und Wechselwirkungen verknüpft und aufgrund besonderer Merkmale von den Epochen davor und danach zu unterscheiden sei. Jede Vorstellung vom 19. Jahrhundert als Epoche muß sich, soweit sie wissenschaftliche Ansprüche erhebt, der Überprüfung an den Erfahrungen der Zeitgenossen, den Tatsachen der Vergangenheit und den Ergebnissen der Geschichtswissenschaft(1) stellen; insofern unterscheidet sie sich von Erfindungen oder Fiktionen. Aber die Deutung der Vergangenheit als Geschichte ergibt sich eindeutig weder aus den in den Quellen überlieferten Spuren noch aus den Verfahren der Historiker. Vielmehr ist jede Vorstellung vom 19. Jahrhundert als Epoche durch die sich im Laufe der Zeit ändernden und selten einheitlichen Gesichtspunkte, Erfahrungen und Erwartungen der jeweiligen Gegenwart mitbedingt, die die Beobachtung leiten und die Darstellung prägen. Deshalb ändern sich die Vorstellungen vom 19. Jahrhundert, seinem Inhalt, seiner Bedeutung, seinem Anfang und Ende kontinuierlich. Deshalb besteht auch heute kein einheitliches Bild vom 19. Jahrhundert. Deshalb ist das 19. Jahrhundert immer auch ein Konstrukt.[1] Wie hat es sich im Laufe der Zeit verändert, und wie stellt es sich jetzt, im frühen 21. Jahrhundert, dar?

a) Vorstellungen vom 19. Jahrhundert bis 1945

(2)Wer sich im 19. Jahrhundert als Historiker auf die Geschichte der eigenen Zeit, auf Zeitgeschichte, einließ, hatte in der Regel wenig Grund, sich zum 19. Jahrhundert als Ganzem zu äußern. Tat man es dennoch, dann begriff man es – auch im deutschsprachigen Bereich, aber in der Regel mit Blick auf Europa(5) – meist von der tiefen Zäsur an seinem Anfang her, in Erinnerung an die Französische(1) Revolution(1) und ihre europaweiten(6) Folgen(2), an Befreiung(2), Umwälzung, Gewalt(1) und Krieg. Man dachte es unter Bezugnahme auf eine tiefe Umbrucherfahrung, die das 18. vom 19. Jahrhundert, »Alteuropa«(1) (Burckhardt(1)) von der Moderne(4) trennte und vielen präsent war, so unterschiedlich man sie im übrigen auch bewertete und interpretierte.

(1)Daß in der Folge der »furchtbaren« Französischen(2) Revolution(1) die Nationalitäten(1) Europas(7) in den Staat mit Bewußtsein eintraten und ihn damit auf eine neue Grundlage stellten, darin sah der Konservative(1) Leopold von Ranke(1) jedenfalls 1833 das wichtigste Ereignis, das sein Jahrhundert vom vorangehenden unterschied. Im übrigen betonte er die neue Ordnung Europas(8) im Zeichen der Restauration(1) als eigentlichen Beginn des Jahrhunderts. Allerdings habe diese die Ergebnisse der Revolution(2) in ihrem Wesen nicht angetastet, sondern konsolidiert. Auch für den Liberalen(1) Georg Gottfried Gervinus(1) änderte sich mit der Französischen(3) Revolution(2) die Struktur der Politik, denn von nun an seien es die Völker, die Massen, ihre Bewegungen und ihr Freiheitsverlangen(3), die Geschichte machten. »(3)Von hier an bildet die Geschichte des 19. Jahrhunderts einen geraden Gegensatz gegen die Zeit des 18. Jahrhunderts, wo jene fürstlichen Reformen(1) eine übereinstimmende Bewegung in dem ganzen Weltteile hervorgerufen hatten.« Das schrieb er nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49(1) auch mit der Absicht, »manches erschütterte Vertrauen auf unsere Zukunft wieder zu befestigen«.

Und als der skeptische Jacob Burckhardt(2) über die besondere Befähigung des 19. Jahrhunderts für das historische Studium nachdachte, kam er auf das »Schauspiel der Französischen(4) Revolution(3)«, die »gewaltigen Änderungen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts« und die Erfahrung(1) der Beschleunigung zu sprechen, die zur Betrachtung und Erforschung des Früheren und Seitherigen gebieterisch zwängen. »Eine bewegte Periode wie diese 83 Jahre Revolutionszeitalter(3)«, so formulierte er 1872, »wenn sie nicht alle Besinnung verlieren soll, muß sich ein solches Gegengewicht schaffen.«[2]

Als das 19. Jahrhundert zu Ende ging und als Ganzes in den Blick genommen werden konnte, verschwand zwar die Erinnerung an seinen revolutionären(4) Beginn nicht ganz, doch überwogen nun Charakterisierungen im Hinblick auf seinen Verlauf insgesamt, die großen Ereignisse in seiner zweiten Hälfte und seine Erfolge. Die bei Ranke(2), Gervinus(2) und Burckhardt(3) noch vorherrschende europäische(9) Perspektive machte zunehmend einer nationalgeschichtlichen(1) Platz – Konsequenz fortschreitender Nations- und gelungener Nationalstaatsbildung(3), die gleichzeitig zum bevorzugten Gegenstand historischer Erinnerung(1) wurden. Zwar fehlte es den Jahrhundertrückblicken der Historiker um 1900(1) nicht ganz an Ambivalenz und Kritik. Sie drückten Unsicherheit und Krisengefühl aus, beispielsweise mit Blick auf die zerklüftete Gesellschaft(2)(1), die »soziale Frage(1)«(2) und die Herausforderung des Sozialismus(1), aber auch unter dem Eindruck der intellektuellen und künstlerischen Kulturkritik(1) des Fin de siècle(1), die fundamentale Zweifel an der europäischen(10) Moderne(5) aufwarf und die ihr innewohnenden Momente der Selbstzerstörung bloßlegte. Eine Umfrage bei Berliner(1) Bürgern(1) fand 1899 heraus, daß man vom neuen Jahrhundert nichts sehnlicher erhoffte als die Sicherung des Weltfriedens(1); selbstverständlich und ungefährdet war dieser offenbar in jenen Jahren zunehmender imperialistischer(2) Spannung auch im Bewußtsein der Bevölkerung(1) nicht. In Theobald Zieglers(1) aufschlußreichem Rückblick auf das Jahrhundert las man: »Wo Arbeit(1) ist, ist auch Kampf; und so werden uns Kämpfe – draußen im Wettbewerb um unseren Anteil an der Erde und ihren Gütern und innen im Ringen der Stände(2) und der Parteien(1), der Geister und Richtungen – auch fernerhin nicht erspart bleiben.« Doch insgesamt herrschte um 1900(2)(1) ein positiv-optimistischer Grundton vor: Stolz auf Errungenes, Lust auf Neues, Zuversicht für die Zukunft, Erwartung von Fortschritt(1), eine Stimmung der Jugendlichkeit(1) und der Kraft – ganz im Gegensatz zum Eindruck allgemeiner Erschöpfung und Müdigkeit, von der Gervinus 1852 geschrieben hatte.

Im Rückblick von seinem Ende her wurde die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts vor allem als zunächst scheiternder und verzögerter, dann glücklich gelingender, wenngleich noch nicht vollendeter Nationsbildungsprozeß(1) rekonstruiert – mit Genugtuung und Stolz, oft in betonter Absetzung von Frankreich(5). In ihrer »Bilanz des Jahrhunderts« fand die »Berliner Illustrirte Zeitung«(1) 1898/99 heraus, daß ihre Leser mit großer Mehrheit die »Einigung(1) und Wiederaufrichtung des deutschen Reiches« für das größte historische Ereignis und Fürst Bismarck(1) für den bedeutendsten Mann Deutschlands im 19. Jahrhundert hielten. Als unglücklichste Periode des Jahrhunderts galt rückblickend »die Franzosenzeit(2) 1806–1812«, als glücklichste dagegen »die Zeit nach dem französischen(6) Krieg(3) bis zur Gegenwart«. Sicher kann diese Momentaufnahme aus einem (1)nationalliberalen(1), protestantischen(1), bürgerlichen(2), großstädtischen(1) Milieu(2) nicht einfach verallgemeinert werden; doch untypisch war sie nicht. In elaborierter Form und anderer Sprache(1) finden sich Elemente dieses (4)Bildes vom deutschen 19. Jahrhundert auch bei den Geschichtsschreibern der Zeit, z.B. bei dem Neurankeaner Max Lenz(1). Für ihn bestand das Besondere des Jahrhunderts in der Verbindung von Nation und Staat(1), im »Einströmen der die Nationen(1) in ihren Tiefen bewegenden Elemente in die überlieferten Formen des Staates(2)«. »Wo der populäre Andrang gegen die (2)Staatsgewalt einsetzt, der Wille der Masse, die allgemeinen Angelegenheiten den in ihr lebenden Instinkten gemäß entscheidend zu beeinflussen, da beginnt das neue Jahrhundert … Fortab war kein Aufhalten mehr: Umfang, Stärke, Wesen und Begriff der Macht wurden aus der Tiefe verwandelt: Nation(2) um Nation mußte auf den Bahnen nachfolgen, auf denen die französische(7) vorangegangen war.«[3]

Die Versuchung, das Jahrhundert mit einer Formel zu erfassen, war mächtig. Die gewählten Beinamen streuten breit. Vom »philosophischen Jahrhundert« hatte Schopenhauer(1) gesprochen, »weil es zur Philosophie reif und eben deshalb ihrer durchaus bedürftig ist«. »Das reichste der neuen Geschichte« nannte es Heinrich von Treitschke(1), denn es »erntet die Saat des Zeitalters der Reformation(1)«. »Ein Jahrhundert der Kritik« sah Kuno Fischer(1) in ihm, weil es »Mythen zerstört, freilich auch wieder welche schafft«. Man sprach vom »historischen Jahrhundert«, vom »sozialen Jahrhundert«, vom Zeitalter der Naturwissenschaften(2) und der Technik(1). Für »das Jahrhundert der Erfindungen(1)« entschieden sich die Leser der »Berliner Illustrirten(2)«, und als »wohltätigste Erfindung des Jahrhunderts« erschien ihnen die Eisenbahn(1), noch vor der Elektrizität(1). Andere beschrieben das 19. Jahrhundert als das Jahrhundert Europas(11) und seiner weltweiten Ausstrahlung, Geltung und Macht. Charles Seignobos(1) sprach 1896 von einer »Zeit des europäischen(12) Friedens(2)«, denn im (1)Vergleich zum 18. Jahrhundert habe das 19., das für ihn 1814(1) begann, zwar mehr Revolutionen(5), Bürgerkriege(1) und innere Umwälzungen, aber weniger zwischenstaatliche Kriege(6) gekannt.[4]

Unterschiedliche Autoren hoben unterschiedliche säkulare(2) Prozesse hervor: außer der Nationalstaatsbildung(4) den Übergang vom Absolutismus(2) zur konstitutionellen Monarchie(1); die Veränderung der Politik durch die zunehmende Teilnahme der breiten Bevölkerung(2); die beginnende Emanzipation(1) des Proletariats und – zuletzt auch – der Frauen(1)(1); die weltweite Verflechtung der Kommunikation(1), den »lebendigen Wechselverkehr« und die »merkwürdige Internationalität« des Jahrhunderts;[5] den Aufstieg der kapitalistischen(3) Ökonomie(2) als entscheidender Lebensmacht und den Übergang vom Agrar- zum Industriestaat(1).

Sozialökonomische Veränderungen rückten mit der Zeit ins Zentrum der Jahrhundertrückblicke. Die klassischen Analysen stammten von Marx(1) und Engels(1). Als es 1848 erschien, war das »Manifest der Kommunistischen(1) Partei«(1) intellektuell und politisch ein Minderheitsphänomen(1). Bis in die 1890er Jahre hatte sich aber die Vorstellung vom 19. Jahrhundert als einem Jahrhundert des siegreichen Kapitalismus(4), der sich durchsetzenden Industrialisierung(3) und der sich verschärfenden Klassenkämpfe(2) weit verbreitet, über den Marxismus(1) und die sich an ihm orientierende, schnell wachsende Arbeiterbewegung(1) hinaus. Der Klassenkonflikt(3) prägte die Kategorien zutiefst, mit denen die Zeitgenossen ihre Gesellschaft(3) wahrnahmen und über ihre Geschichte nachdachten. Während aber das »Manifest(2)« eine triumphale Zukunft für die Bourgeoisie(1) antizipiert hatte (bis zu ihrer späteren Ablösung durch das Proletariat(1)), war es interessanterweise um 1900(3)(2) in Deutschland (5)nicht allzu üblich, vom 19. Jahrhundert rückblickend als einem Jahrhundert(1) der Bourgeoisie(2) oder des Bürgertums(3) zu sprechen. Dessen Versagen hatten von ihren Maßstäben aus nicht nur Marx(2) und Engels(2) in ihren späteren Schriften gegeißelt. Den mangelnden Sinn des Bürgertums(4) für die Macht und sein geringes Gewicht relativ zu Adel(1), Militär(1) und Obrigkeitsstaat(1) beklagten im Wilhelminischen(4) Reich(3) auch viele andere, wie z.B. Max Weber(1). Dagegen nahm der Staat(3), nahm die Politik auch in den sozialökonomischen(3) Interpretationen des 19. Jahrhunderts in Deutschland(6) eine zentrale Stelle ein, so bei Ernst Troeltsch(1) 1913. Eindringlich setzte er die »moderne Kultur« des 19. Jahrhunderts von der Aufklärung(1) und vom Idealismus(1) des 18. Jahrhunderts ab. Im Aufstieg und in der Spezialisierung(1) der Wissenschaften(2), im Relativismus und Historismus(1) des geistigen Lebens glaubte er entscheidende Eigenarten des 19. Jahrhunderts zu erkennen, auch im weltweiten Vordringen der europäischen(13) Kultur, die sich »nicht in der Auflösung« befinde. »Über alledem aber steigt seit dem zweiten Drittel des Jahrhunderts sein eigentlicher Hauptcharakter empor, der sich nach der wirtschaftlich-sozialen Seite als Kapitalismus, nach der politischen als demokratisch(1) gefärbter Imperialismus(3) darstellt.« Den Folgen dieses Prozesses spürte Troeltsch im einzelnen nach, bis hinein in den Aufstieg der sozialen Klassen(1) und ihrer Konflikte(4), die zunehmende Verflechtung von Wirtschaft und Staat, sich verändernde Familienbeziehungen(1), die Erzeugung immer neuer Bedürfnisse und die wachsende Nervosität(1) der Zeit. (5)Das war ein sehr moderner Blick auf das 19. Jahrhundert, der auch heute noch Geltung beanspruchen kann. Der Individualismus(1) des 18. Jahrhunderts sei endgültig vorbei, »und ein gewisser Staatssozialismus(2) mit schwankender Mischung von Demokratie(2) und Imperialismus(4) scheint das Los der Zukunft zu sein.«[6]

(6)(2)Der Erste Weltkrieg(4) veränderte das Bild des 19. Jahrhunderts. Er wurde europaweit, aber besonders in den Ländern der Kriegsverlierer, als fundamentaler Einschnitt erfahren, als Bruch(2) und Zusammenbruch, als »tiefer Trennungsstrich« und »wahrer Abgrund« (Benedetto Croce(1)), als Untergang einer Zivilisation(1)(2), bald auch: als das eigentliche Ende des 19. Jahrhunderts. Erst jetzt, da viele glaubten, das Bürgertum(5) sei endgültig untergegangen, setzte sich als Beiname für das 19. Jahrhundert »das bürgerliche(3)« durch; er sollte sich halten.[7] Im kriegerischen(7) 20. beschwor man die relative Friedlichkeit(3) des 19. Jahrhunderts. In der Konfrontation mit neuen post-liberalen(1) Bewegungen und Systemen erschien das 19. Jahrhundert im Rückblick als liberal(2), das »alte Europa(2)« als geordnet und reich, »mit all seinem blühenden Verkehr, mit all seinem Überfluß und seiner Sicherheit«.[8] Aus dem Blickwinkel der Differenz gewann das Profil des Jahrhunderts seine eigenständige Schärfe(4).

(7)Andererseits wußte man nun – oder erfuhr es Schritt für Schritt –, wie das Jahrhundert geendet hatte: in Erschütterung, Krieg(8) und Katastrophe(1). Deren Vorgeschichte im 19. Jahrhundert galt es nun auch zu begreifen, denn für Franz Schnabel(1) etwa, der 1929 schrieb, war es trotz des dazwischenliegenden, trennenden Weltkriegs(5) doch auch die »Zeit, die uns unmittelbar vorausgegangen ist – die Zeit unserer Väter und Großväter«. So rückten jetzt die düsteren Seiten des 19. Jahrhunderts in den Blick, seine Hybris und seine Zerklüftung, seine Zerstörungskraft und seine Dynamik, die »bald ahnungslos und bald widerwillig die Bedingungen seiner eigenen Überwindung geschaffen« hatte. Kein großes Jahrhundert sei es gewesen, kein Jahrhundert der neuen Gedanken und großen Menschen, schrieb Schnabel. »Die Anreger und Beweger der Entwicklung stehen jenseits … Die erstaunliche Produktivität(1) der ihm vorangegangenen Zeiten hat dieses Jahrhundert nur auf wenigen Sondergebieten erreicht; aber was ihm an Einheit und Tiefe abging, hat es ersetzt durch die Breite der Wirkung, durch die bunte Vielgestaltigkeit seiner Motive und durch den Reichtum seiner Formen, seiner Massen und Wandlungen, durch die Rastlosigkeit seines schaffenden Willens. Tiefer als jemals in früheren Tagen nahm jetzt das Volk in seiner Gesamtheit teil am geschichtlichen Leben … Während der abendländische Geist erst jetzt sich siegreich über die ganze Erde dehnte und seiner Vorherrschaft sich freuen wollte, begann die abendländische Einheit im Individualismus(2) der Menschen, der Völker, der Klassen sich aufzulösen. Eine tiefe historische Notwendigkeit lag in dieser widerspruchsvollen Entwicklung, die des Jahrhunderts Größe und Tragik in sich enthält.«[9] Bemerkenswerterweise bezogen sich die meisten Deutungen der Eigenarten des 19. Jahrhunderts bereits auf Strukturen(1), Prozesse und Ereignisse grenzüberschreitend-transnationalen Charakters, nicht aber auf Phänomene, die für Deutschland(7) oder andere Länder spezifisch waren.

(8)Croce(2) und Schnabel(2) stimmten mit anderen darin überein, daß das 19. Jahrhundert, das für sie mit dem Abgang Napoleons(2) begann, erst mit dem Ersten Weltkrieg(6) endete. Diese Datierung des Jahrhundertendes hat sich weitgehend durchgesetzt.[10]

b) Das 19. Jahrhundert nach 1945

(9)Die Erfahrung der Diktaturen(3) und des Zweiten Weltkriegs(2), der Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung in den 30er und 40er Jahren hat das Denken über Geschichte, die historische Erinnerung(2) und die Geschichtswissenschaft(2) erneut verändert und damit auch das vorherrschende Bild vom 19. Jahrhundert. Vor allem in (8)Deutschland waren der Nationalstaatsgedanke und die auf den Nationalstaat(5) konzentrierte Geschichte nun zutiefst diskreditiert. Die Europäisierung(14) des Blicks war eine der möglichen Antworten darauf. Deutsche Geschichte sei nur »eine Verdichtung Europas(15), eine von vielen«, schrieb Golo Mann(1) und folgerte: »Deutsche Geschichte schreiben kann heute nur sein: europäische(16) Geschichte mit deutscher Akzentuierung schreiben.« Faktisch blieb aber die in Deutschland(9) geschriebene Geschichte des 19. Jahrhunderts auch in den folgenden Jahren dem nationalgeschichtlichen(2) Paradigma verpflichtet.[11] Aber die großen Themen, über die man mit Bezug auf »Deutschland(10) im 19. Jahrhundert« zunehmend schrieb – die Geschichte der Verfassung(1)(1), das Vordringen der Demokratie(3), die mit dem wirtschaftlichen(1) Wandel verbundenen sozialen Prozesse und Konflikte, auch die nationalstaatliche(6) Bewegung selbst und die imperialistische(5) Expansion, dann die Geschichte des Bürgertums(6), die Säkularisierung(3), die Kulturkämpfe(1) und die moderne Kultur(2) – waren durchweg nicht auf Deutschland(11) oder andere einzelne Länder begrenzt, sondern grenzüberschreitend und übernational, bei ausgeprägten internationalen Unterschieden. Für diese interessierte sich die seit den 1980er Jahren im Aufschwung befindliche Komparatistik(2), die einen ihrer Schwerpunkte in der Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert fand und oft nach besonderen Eigenarten der deutschen Entwicklung im internationalen (3)Vergleich fahndete. In den an Zahl beständig zunehmenden Darstellungen, die über Europa(17) im 19. Jahrhundert verfasst wurden, hat sich dagegen die Tendenz durchgesetzt, die deutsche Entwicklung als eine europäische(18) Variante unter anderen und als Teil der vielgestaltigen europäischen(19) Normalität zu betrachten. Zuletzt hat der Aufschwung der Globalgeschichte das deutsche 19. Jahrhundert in noch breitere Zusammenhänge gerückt, dabei die Abhängigkeit der deutschen Entwicklungen von transnationalen Prozessen betont und etwa den deutschen Erfahrungen mit Kolonialismus und imperialer Expansion sehr viel mehr Gewicht eingeräumt als traditionell(2) üblich(10).[12]

Eine zweite Antwort auf die Infragestellung des am Aufstieg und Sieg des Nationalstaats orientierten Paradigmas bestand darin, die Politik- und Staatengeschichte, die in der Historiographie zum 19. Jahrhundert vorgeherrscht hatte, auf neue Art mit der Sozial(1)-, Wirtschafts(2)- und schließlich Kulturgeschichte(1) zu verknüpfen und dadurch zu relativieren. Das 19. Jahrhundert wurde jedenfalls in der westdeutschen(1) Geschichtswissenschaft(3) zum hervorgehobenen Erprobungsfeld für neue, oft sozialwissenschaftlich(1) inspirierte Zugriffe der Geschichtswissenschaft(4), wie sie besonders seit den 60er Jahren ausprobiert und durchgesetzt wurden. In der DDR-Geschichtswissenschaft(5) führte die obligatorische Anwendung des historisch-materialistischen(1) Ansatzes im Prinzip ebenfalls zu einer gesellschaftsgeschichtlichen(1) Interpretation des 19. Jahrhunderts, wenn auch realiter die Politikgeschichte(1) weiterhin dominierte und die politisch vorgegebenen, oft teleologischen Grundannahmen des Marxismus(1)-Leninismus die Experimentier- und Innovationsfähigkeit(2) der Historiker empfindlich einschränkten. In der Folge dieser Perspektivenänderungen trat das 19. Jahrhundert als Zeitalter der Industrialisierung(4) bzw. des Industriekapitalismus(1) hervor, als Jahrhundert der sich durchsetzenden bürgerlichen(7) Gesellschaft(1) und der für sie typischen Konflikte, Kosten und Errungenschaften, das frühe 19. Jahrhundert als Ära von Revolution(6) und Reform, das späte als Epoche des Imperialismus(6), der Arbeiterbewegung(2) und der beginnenden Demokratisierung(3), das Jahrhundert insgesamt als Zeitalter der Modernisierung(1) von Wirtschaft(4), Gesellschaft(4), Staat(4) und Kultur(3), so sehr auch ältere Strukturen fortwirkten.[13] Damit wurde das 19. Jahrhundert als Vorgeschichte der Gegenwart im umfassenden Sinne gedacht, und zwar ohne nationalgeschichtliche(3) Verengung: als Epoche des Durchbruchs der Modernisierung(2) und als Grundlegung der »industriellen(1) Welt«, die auch das 20. Jahrhundert noch prägte, obwohl sie sich zunehmend postindustriell(1) veränderte. »In der materiellen Zivilisation(3) wie in der Organisation von Gesellschaft(5) und Staat, in den Strukturen des wirtschaftlichen Lebens wie in den Kategorien und Bestimmungsgründen von Kultur(4) und Wissenschaft(3), in Weltansicht und Lebensgefühl(1) stehen wir überall auf den Grundlagen des 19. Jahrhunderts.«[14]

Von triumphalistischem Fortschrittsdenken(2) war die modernisierungshistorische(3) Sicht des 19. Jahrhunderts allerdings weit entfernt. Davor schützte das Wissen vom Anfang und Ende des Jahrhunderts in Krieg(9) und Gewalt(3)(4). Dagegen feite die Kenntnis seiner vielfältigen dunklen Seiten. Dagegen stand schließlich die fundamentale Erfahrung des »Zivilisationsbruchs«(2), der die deutsche und große Teile der europäischen(20) Geschichte zwischen 1933 und 1945 getroffen hatte, der im kollektiven Gedächtnis(1)(3) der Gegenwart bis heute sehr präsent geblieben ist, ja sogar an Präsenz gewonnen hat und danach verlangte, auch historisch-langfristig gedeutet zu werden. Daraus entstanden neue, kritische Fragen an das 19. Jahrhundert, nämlich nach seinem Beitrag zur Vorbereitung der Katastrophen(2) des 20. Jahrhunderts.

In der Konsequenz lag es – zum einen – nahe, die Bedrohungs- und Zerstörungspotentiale auszuleuchten, die auch der Modernisierung(4) des 19. Jahrhunderts eigentümlich, wenn auch seinen Menschen nicht notwendig bewußt gewesen waren: Modernisierungsgeschichte(5) als Verlust- und Gefährdungsgeschichte, als Dialektik und Ambivalenz.[15] Während die zivilisationskritische(4) Sicht, die sich daraus ergab, den Blick der deutschen Geschichtswissenschaft(6) zunächst nur wenig geprägt hat, gewinnt sie mittlerweile, vor allem als zunehmende Sorge um die gefährdeten natürlichen Grundlagen der Menschheitsgeschichte, auch für die Interpretation des 19. Jahrhunderts deutlich an Boden.[16]

Als lange Zeit prägender für die Geschichtsschreibung über Deutschland(12) im 19. Jahrhundert erwies sich – zum anderen – die nationalgeschichtlich zugespitzte, jedoch implizit komparative(4) Frage nach den spezifisch deutschen Ursachen der Katastrophen(3) des 20. Jahrhunderts, nämlich die Frage nach dem »deutschen Sonderweg(2)«, der »German divergence from the West«, die mit besonderer Dringlichkeit in bezug auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert gestellt wurde. Im Kern ging es um die Frage, welche Eigenarten der modernen deutschen Geschichte dazu beigetragen haben, daß (13)Deutschland – anders als andere Länder des Westens – in der allgemeinen Krise der 1920er und 30er Jahre zur Beute des Faschismus(1) wurde, und zwar in seiner totalitärsten, aggressivsten und inhumansten Variante. Die Antworten auf diese Frage sind kontrovers geblieben, doch hat sie seit den 1960er Jahren einen erheblichen Teil der historischen Forschung zum 19. Jahrhundert mitmotiviert. Sie hat dazu geführt, daß Deutschland(14) im 19. Jahrhundert als Land der »verspäteten Nation(3)«(1) und der bürokratischen(1) »Reformen(1) von oben«, als Ort verspätet einsetzender, dann aber besonders heftiger Industrialisierung(5), als Gesellschaft(6) von eigenartiger, defizitärer Bürgerlichkeit(2), als Regierungssystem mit verhinderter Parlamentarisierung und als Kultur(5) in den Blick geriet, die sich von der Zivilisation(5) des Westens durch anti-pluralistische, illiberale, obrigkeitsstaatliche(2) und un-zivile Momente unterschied. Seit den 1980er Jahren haben allerdings die theoretische Kritik, die Ergebnisse gründlicher Forschung, die Erweiterung der von Historikern angewandten (5)Vergleichsperspektiven und die allmähliche Verschiebung der erkenntnisleitenden Gesichtspunkte dazu beigetragen, daß diese Sichtweise in wesentlichen Punkten revidiert wurde und insgesamt in den Hintergrund getreten ist, ohne jedoch völlig widerlegt worden und überholt zu sein.[17]

Immer häufiger wurde das 19. Jahrhundert als das Jahrhundert der soziopolitischen, sozioökonomischen(5) und soziokulturellen Modernisierung(6) gedeutet, mit Hilfe von Richtungsbestimmungen wie: vom Feudalismus(2) zur bürgerlichen(8) Gesellschaft(3) mit Klassenstruktur und Klassenkonflikten(5); von der ständisch gebundenen Ökonomie,(6) oft auf hauswirtschaftlicher Basis, zur kapitalistischen(5), zunehmend industrialisierten Marktwirtschaft(1) mit tendenzieller Trennung von Haus und Betrieb; vom Absolutismus(3) und Ständestaat(3) der Frühneuzeit(1) zum nationalen(2) Rechts- und Verfassungsstaat mit parlamentarischen(1) Institutionen, professionell-bürokratischer(2) Verwaltung(1) und zunehmender Demokratisierung(4); vom christlich(1) geprägten, kulturell(6) segmentierten »Alteuropa«(3) zur säkularisierten(1), pluralistischen(2) und tendenziell selbstreflexiven(1) Kultur(7) der Moderne(6) (oder wie immer die Leitbegriffe heißen, über die keine volle Einigkeit besteht). Je mehr dies geschah, desto deutlicher geriet das 19. Jahrhundert als ein europäischer(21) Prozeß mit globalen Interdependenzen in den Blick, der allerdings in den verschiedenen Regionen(1) und Ländern Europas(22) in sehr unterschiedlicher Ausprägung und zu unterschiedlichen Zeiten stattfand und meist doch im nationalgeschichtlichen(4) Rahmen dargestellt wird.[18]

Mit dieser Sicht verbreitete sich erneut die Neigung, das 19. Jahrhundert als Epoche nicht erst mit Napoleons(3) Abgang beginnen zu lassen, sondern mit den Revolutionen(7) des späten 18. Jahrhunderts, wobei je nach gewählter Perspektive unterschiedlich entschieden wurde und wird, ob nur die Französische(8) Revolution(4) mit ihren Auswirkungen seit 1789 oder auch die Amerikanische(1) Revolution(1) seit 1776 einbezogen werden soll. Bisweilen wurde von der industriellen(1) und soziopolitischen »Doppelrevolution«(1) (Hobsbawm(1), Wehler(1)) oder auch von der »Sattelzeit«(1) als Beginn der Moderne(7) (Koselleck(1)) gesprochen, d.h. von Anfangsperioden, die im kalendarischen 18. Jahrhundert begannen und ins 19. Jahrhundert hineinreichten. Die Details variieren, und voller Konsens besteht nicht. Vielmehr existieren konkurrierende Periodisierungen, etwa wenn vorgeschlagen wird, den Zeitraum von den 1880er Jahren bis in die 1970er Jahre, die tiefe Zäsur des Ersten Weltkriegs(7) allzu sehr relativierend, als eine Phase der »Hochmoderne(8)« zusammenzufassen, das 20. Jahrhundert also bereits im 19. Jahrhundert beginnen zu lassen und somit eher von einem »langen 20.« als von einem »langen 19. Jahrhundert« zu sprechen.[19] Es sind immer mehrere Periodisierungen möglich, sie variieren mit den jeweiligen Erkenntniszielen, Argumentationskontexten und Orientierungsbedürfnissen. Jede Periodisierung enthält ein Stück Deutung und damit auch Setzung, Selektion und Interpretation. Doch, wie gezeigt, ist die Neigung nicht unbegründet und weit verbreitet, vom »langen 19. Jahrhundert« zu sprechen, das sich von den 1770er oder 1780er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg(8) erstreckte.[20] Dem folgt auch dieses Buch.

c) Das 19. Jahrhundert heute

(11)Der zeitliche Abstand zum 19. Jahrhundert wächst. Für Franz Schnabel(3) gehörte das 19. Jahrhundert 1929 noch zur Zeitgeschichte, für die Autoren seit 1950 nicht mehr, denn für diese begann Zeitgeschichte meist mit dem Ersten Weltkrieg(9) – genauer: mit 1917 –, und im Laufe der Jahrzehnte ist die Neigung gewachsen, sie erst 1945 beginnen zu lassen. Was folgt daraus?

(12)Die Historisierung des 19. Jahrhunderts schreitet voran. Das Urteil wird distanzierter, ambivalenter, gelassener und bisweilen unsicherer. Des Jahrhunderts »manchmal fast naiv anmutende Selbstsicherheit und seine Selbsteinschätzung als Gipfel der historischen Entwicklung … war ein Phänomen, das die Epoche selbst nicht überdauert hat« (Theodor Schieder(1)). Umgekehrt galt später das Jahrhundert oftmals als rückständig. Es stand, so Sternberger(1), für »stickige Zimmer und unterdrückte Lüste, Gußeisen und Fischbein, falsche Fassaden und Fabriken(1), in denen Frauen(2) und Kinder(2) sich zu Tode arbeiteten«. Lange dominierte ein sehr kritisches Bild vor allem vom Kaiserreich(2)(4), das aufgrund seiner weiterlebenden vorindustriellen und vorbürgerlichen Züge als ungewöhnlich verkrustet, entwicklungsunfähig und – trotz moderner Ökonomie(7) – als partiell anachronistisch galt: eine langfristige Belastung und mitverantwortlich für die katastrophale Entwicklung (15)Deutschlands in der Zeit der Krisen und Kriege(10) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Diese Beurteilung ist nicht verschwunden, für sie spricht weiterhin manches. Doch immer häufiger ist in jüngster Zeit die Modernität(9) des 19. Jahrhunderts und besonders des Kaiserreichs(3)(5) herausgearbeitet worden. Und wer ihm weiterhin vor allem Traditionalität(3)(2)(10)(3)(7)[21]